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Psalm 137

Fremde Erde, neue Lieder: Warum singen wir trotzdem?
Psalm 13709.12.2021
Warum singen, wenn alles verloren scheint? Psalm 137 fragt radikal: Kann Lob noch bleiben, wenn Heimat, Hoffnung und Halt zerbrechen – und was trägt dich dann wirklich?

Einleitung und Gebet

Einen wunderschönen guten Morgen, liebe Geschwister hier vor Ort und auch digital zugeschaltet.
Ich möchte am Anfang gerne noch beten, und wenn es möglich ist, bitte ich euch, dazu aufzustehen.
Lieber Jesus, vielen Dank, dass dein Opfer ausreicht. Wir haben das gehört mit dem Waschen, das immer wieder nötig war, um sich sauber zu waschen. Und dann kommst du und füllst alle unsere Mängel aus. Du bist einfach die perfekte Antwort, lieber Jesus. Du gibst dich selber dahin, und dein Opfer reicht aus.
Herr Jesus, wir danken dir für dieses gewaltige Werk vom Kreuz. Und wir bitten dich jetzt für diese Stunde: Wenn wir dein Wort betrachten, ist es kein leeres Wort, sondern es ist unser Leben, weil es Auswirkungen in unseren Alltag hinein hat. Darum bitte ich dich, dass du zu uns sprichst, Herr. Amen.
Ich bin sehr dankbar, hier zu sein. Ich liebe diese Gemeinde sehr, nicht nur, weil man mittlerweile auch so verwandtschaftliche Beziehungen hierhin pflegt, sondern weil ihr eine sendende Gemeinde seid. Wenn ich an Schoppen und die Kinderfreizeiten denke, dann bin ich dankbar für jeden Achenbacher Mitarbeiter. Ich freue mich sehr, dass ihr so eine aussendende Gemeinde seid. Das ist eine echte Bereicherung.
Der kleine Bruder von der Gaby, ja genau.
Ich wünsche euch den Segen Gottes, dass ihr ihn auch weitergebt an die nächste Generation, die heranwächst.

Die Frage des Psalms im geschichtlichen Hintergrund

Ich habe einen Psalm mitgebracht, mit einer Frage, die in diesem Psalm auftaucht und die mich seit ungefähr einem halben Jahr sehr beschäftigt. Die Frage heißt: Wie sollten wir das Herrnlied singen auf fremder Erde?
Es ist eine Frage, die in Psalm 137 steht, und diesen Psalm wollen wir jetzt gemeinsam lesen.
 Psalm 137
Ab Vers 1:
An den Strömen Babels, da saßen wir und weinten, wenn wir an Zion dachten. An die Pappeln dort hängten wir unsere Zithern, denn die uns gefangen hielten, forderten dort von uns die Worte eines Liedes, und die uns Wehklagen machten, forderten Freude. Singt uns eins der Zionslieder! Wie sollten wir das Herrnlied singen auf fremder Erde?
Wenn ich dich vergesse, Jerusalem, so werde vergessen meine Rechte. Es klebe meine Zunge an meinem Gaumen, wenn ich deiner nicht gedenke, wenn ich Jerusalem nicht zu meiner höchsten Freude erhebe.
Rechne, Herr, den Söhnen Edoms den Tag Jerusalems an, die da sprachen: Legt bloß, legt bloß bis auf ihren Grund! Tochter Babel, du Verwüsterin, glücklich, der dir vergilt dein Tun, das du uns angetan hast. Glücklich, der deine Kinder ergreift und sie am Felsen zerschmettert.
Wir wollen zunächst einmal diesen Psalm in seinen historischen Kontext einbetten. Was da vorliegt, ist die Gefangennahme des jüdischen Volkes und die Zerstörung Jerusalems. Das wird uns in der Zweiten Chronik beschrieben, 2. Chronik 36, das ist das letzte Kapitel im Zweiten Chronikbuch, 2. Chronik 36, die Verse 17 bis 21:
Und er ließ den König der Chaldäer gegen sie heraufkommen und brachte ihre jungen Männer mit dem Schwert um im Haus ihres Heiligtums. Er hatte kein Mitleid mit Jüngling oder Jungfrau, mit Altem oder Greis; alle gab er in seine Hand. Und alle Geräte des Hauses Gottes, die großen und die kleinen, und die Schätze des Hauses des Herrn und die Schätze des Königs und seiner Obersten, alles brachte er nach Babel. Und sie verbrannten das Haus Gottes und rissen die Mauern von Jerusalem nieder. Und alle seine Paläste verbrannten sie mit Feuer, und alle seine kostbaren Geräte zerstörten sie. Und was vom Schwert übrig geblieben war, führte er gefangen nach Babel, und sie mussten ihm und seinen Söhnen als Sklaven dienen, bis das Königreich der Perser zur Herrschaft kam, damit erfüllt wurde das Wort des Herrn durch den Mund Jeremias, bis das Land seine Sabbate ersetzt bekam. All die Tage seiner Verwüstung hatte es Ruhe, bis siebzig Jahre voll waren.
Was war der Grund für die Wegführung in die babylonische Gefangenschaft? Es war die Sünde des Volkes.

Klage, Umkehr und die Rückkehr der Sänger

Der Gesang erfüllte eigentlich den Vorhof des Tempels. Der Gesang schallte in den Gassen Jerusalems wider. Und ich weiß nicht, ob ihr auch ab und zu jüdische Musik hört. Es ist eine Musik, die sehr zu Herzen geht. Und je nachdem, wie nah man am Wasser gebaut ist, fließen da auch recht schnell die Tränen, denn diese Musik schafft es, extrem viel Emotionalität zum Ausdruck zu bringen.
Aber dieser Gesang stimmte nicht mehr mit dem überein, was dem Gottesdienst des Volkes entsprach. Und jemand, der das sehr scharf kritisiert hat, war der Prophet Amos. Ich lese euch das kurz vor, für die, die mitschreiben wollen: Amos 5,23 und Amos 6,5-7. Da sagt Amos: Halte den Lärm deiner Lieder von mir fern, und das Spiel deiner Harfen will ich nicht hören. Und Amos 6,5-7: Sie faseln zum Klang der Harfe, denken sich wie David Musikinstrumente aus, sie trinken Wein aus Schalen und salben sich mit dem besten Öl, aber über den Zusammenbruch Josephs sind sie nicht bekümmert. Darum ziehen sie jetzt gefangen an der Spitze der Weggeführten fort, und vorbei ist es mit dem Gejohle der sich Räkelnden.
Also, ein Gejohle hat nichts mehr mit einem wunderschönen Gesang zu tun, oder? Uns fällt es schwer, durch die Maske zu singen. Aber das, was hier beschrieben wird, hat nichts mehr mit Gottesdienst zu tun. Gejohle passt nicht zu einem heiligen Gott.
Das, was das Wort der Propheten nicht vermochte, bewirkt jetzt Gottes hartes Reden im Gericht. Es kommt zur Umkehr des Volkes. Israel lernt, den Götzendienst zu hassen, auf den es sonst so vertraut und verloren hat, und es kommt zur Umkehr. Wer das eindrücklich beschreibt, ist der Prophet Jeremia in seinen Klageliedern. Aus Klagelieder 5,14-18:
Die Ältesten bleiben vom Tor fern, die jungen Männer von ihrem Seitenspiel. Die Freude unseres Herzens hat aufgehört, in Trauer ist unser Reigen verwandelt. Gefallen ist die Krone unseres Hauptes. Wehe uns, dass wir gesündigt haben! Deswegen ist unser Herz krank geworden, wegen dieser Dinge sind unsere Augen verdunkelt, wegen des Berges Zion, der verödet ist, Füchse streifen auf ihm umher.
Und wer über seine Sünde geweint hat, wird auch nicht richtig über Gott und seine Rettung jubeln. Wer nicht über seine Torheit und seine Sünde geweint hat, wird auch nicht richtig über Gott und seine Rettung jubeln.
Das macht uns schon den Aufbau des Psalmbuches deutlich. Wir beschäftigen uns heute mit Psalm 137, einem Psalm, der sich mit der Reue des Volkes auseinandersetzt. Davor stehen die Psalmen 135 und 136, die von Lob an Gott überfließen und übersprudeln.
Gott der Herr erweckt in der Folgezeit den Geist des Kyrus, des Königs von Persien, und er gestattet es dem Volk, aus Juda wieder zurückzuziehen. Und dann ist die interessante Frage: Wer ist bei der Rückkehr alles dabei? Und vielleicht habt ihr 2. Chronik noch aufgeschlagen, direkt danach kommt das Buch Esra. Dieses Buch mit 280 Versen, davon 111 Verse Auflistungen, wo man sich ja manchmal schon fragt: Boah, warum steht das da so hintereinander weg, einfach diese Namen und die Zahlen? Unter anderem deswegen.
 Esra 2,1, da steht drin: Das sind die Einwohner der Provinz Juda, die aus der Gefangenschaft hinaufzogen, die Weggeführten, die Nebukadnezar, der König von Babel, nach Babel weggeführt hatte und die nach Jerusalem und Juda zurückgekehrt sind, jeder in seine Stadt. Und jetzt kommt Vers 41: die Sänger der Söhne Asaf, 128.
Und das finde ich beeindruckend: Dieser Gott, den das Verhalten der Juden so sehr missfallen hat, er ist jetzt derjenige, der das Volk Juda wieder zurückbringt in seine Heimat. Ja, noch mehr: der dem Volk seine Stimme wiedergibt, der dem Volk seine Lieder wieder zurückschenkt.
Und mit dem Eindruck wollen wir jetzt noch einmal gemeinsam in Psalm 137 lesen und ihn dann Vers für Vers durchgehen.

Das Bild der Trauer am Fluss

 Psalm 137 noch einmal
An den Strömen Babels, da saßen wir und weinten, wenn wir an Zion dachten. An die Pappeln dort hängten wir unsere Harfen. Denn die uns gefangen hielten, forderten dort von uns die Worte eines Liedes, und die uns Wehklagen machten, forderten Freude: Singt uns eins der Zionslieder! Wie sollten wir das Herrenlied singen auf fremder Erde?
Wenn ich dich vergesse, Jerusalem, so werde vergessen meine Rechte. Es klebe meine Zunge an meinem Gaumen, wenn ich deiner nicht gedenke, wenn ich Jerusalem nicht zu meiner höchsten Freude erhebe.
Rechne her den Söhnen Edom den Tag Jerusalems an, die da sprachen: Legt bloß, legt bloß bis auf ihren Grund! Tochter Babel, du Verwüsterin, glücklich, der dir vergilt dein Tun, das du uns angetan hast! Glücklich, der deine Kinder ergreift und sie am Felsen zerschmettert.
Babel. Das Zweistromland, so wird es auch genannt. Tigris und Euphrat fließen da lang, und darüber hinaus gibt es neben vielen natürlichen Wasserläufen, oder gab es da auch künstlich angelegte Kanäle.
Und wir können uns gut in diese Rolle hineinversetzen, oder? Ich bin Düsseldorfer, bei mir fließt der Rhein durch. Und wie oft haben sich meine Schritte so zum Rhein gelenkt, gerade dann, wenn es in meinem Herzen nicht so war, wenn das Herz sich nicht gerade vor Freude triumphierte. Warum? Weil es einfach gut tut, am Ufer zu sitzen, in den Rhein hineinzugucken und seinen Gedanken so ein bisschen freien Lauf zu lassen.
Auch in unserer deutschen Sprache haben wir das. Wir sprechen auch von Tränen, die fließen, oder Tränen, die strömen. Also, das Ganze hängt da irgendwie doch miteinander zusammen. Das hilft ungemein, da einfach in so einen Fluss hineinzugucken und zur Ruhe zu kommen.
Und jemand, der das sehr gut auf den Punkt gebracht hat, ist Professor Delitzsch. Der hat einmal Folgendes gesagt:
Das Ufer der Flüsse wie des Meeres ist ein Lieblingsaufenthalt solcher, welche tiefer Gram fort vom Gewühle der Menschen in die Einsamkeit treibt. Die Grenzlinie des Flusses gibt der Einsamkeit eine sichere Rückwand, das einförmige Wellengeplätscher unterhält den dumpfen, schwermütigen Gedanken- und Empfindungswechsel, und zugleich übt der Anblick des kühlenden, frischen Wassers eine besänftigende Einwirkung auf die verzehrende Glut im Herzen.
Versetzen wir uns in die Rolle von diesen Juden hinein. Wir haben das im 2. Chronik 36 gelesen. Das, was die Menschen miterlebt hatten, war brutal und grausam. Das war ein Abschlachten von eigenen Volksgenossen. Und jetzt sind die Juden in der Gefangenschaft. Und wir lesen gleich, was ihnen da noch alles widerfährt. Aber wie viel Traurigkeit wird das Herz dieser Menschen gequält haben! Und so lenken sie ihre gemeinsamen Schritte hin zum Ufer, um da gemeinsam zu trauern. Dann sitzen sie am Fluss und denken an ihre Heimat.
Und im Vergleich zu Juda ist das hier gar nichts, dieses Zweistromland. Denn wir finden in 5. Mose 8,7 eine Beschreibung, bei der jeder Reiseführer sofort fünf Sterne vergeben würde. Da wird uns das Hügelland Juda folgendermaßen vorgestellt:
Denn der Herr, dein Gott, bringt dich in ein gutes Land, ein Land von Wasserbächen, Quellen und Gewässern, die in der Ebene und im Gebirge entspringen.
Was für ein gewaltig schönes Land, was jetzt in weiter Ferne liegt! In Babel gibt es keinen König mehr, der sie regierte. Wir haben gerade in der ersten Stunde viel über Priester nachgedacht. Die gab es in Babel auch nicht mehr, keine Opferdienste. Und in Babel gab es keinen Tempel mehr. Der Tempel war zerstört, er lag in Schutt und Asche. Vielleicht auch so ein Symbol für Gottes Anwesenheit. Und wo Gott nicht ist, da ist Fremde, auch bei uns.

Die verweigerte Freude und die Frage nach dem Lied

Und so kommt es zu Vers 2, wo dann drinsteht: An die Pappeln, dort hängten wir unsere Zittern. Strong übersetzt Pappeln auch mit Weiden. Diese Bäume kennen wir; das sind diese herabfallenden Äste, die so nach unten fließen, und das passt auch sehr gut zu einer Trauerbeschreibung. Und an diese Pappeln werden die Zittern oder die Harfen aufgehängt.
Und ich weiß nicht, ob du ein Instrument spielst, ein transportables Instrument. Beim Klavier wird es schwierig, aber ich persönlich spiele Trompete, und ich bin manchmal recht schusselig unterwegs, aber meine Trompete ist mir noch nie runtergefallen. Warum? Weil man darauf Acht gibt. Man passt darauf richtig doll auf.
Und wenn du Geige oder Cello spielst, dann wirst du deine Geige oder dein Cello nicht im Auto aufbewahren oder irgendwie neben die Heizung legen, sondern du wirst einen Ort aussuchen, wo sich das Instrument nicht verzieht. Hier lesen wir jetzt von Juden, die ihre Harfen nehmen und sie in die Weidenäste von Bäumen hängen. Ist das ein guter Aufbewahrungsort? Es ist zumindest besser, als eine Harfe zu nehmen und sie auf dem Boden zu zerschmettern vor lauter Frust. Es ist besser, die Harfe aufzuhängen, als sie in den Fluss hineinzuwerfen. Und es ist erst recht besser, seine Harfe in den Weiden aufzuhängen, als dass man damit gotteslästerliche Lieder singt.
Aber wie viel Traurigkeit bringt auch dieser Vers zum Ausdruck, wie viel Not klingt dadurch, wenn man sein Musikinstrument einfach abgibt, nicht an den Nagel hängt, sondern an die Weidenbäume hängt. Die niederhängenden Zweige dieser Bäume scheinen mitzutrauern.
Was ist der Grund für diese ganze Traurigkeit? Das lesen wir in Vers 3, denn die, die uns gefangen hielten, forderten dort von uns die Worte eines Liedes, und die, die uns wehklagen machten, forderten Freude. Singt uns einst der Zionslieder! Die Gefangenen sollten nicht nur singen, sondern es wurde ihnen auch Freude abverlangt. Freude auf Kosten des eigenen Glaubens, für einen Christen ein Ding der Unmöglichkeit.
„Wie sollten wir das Herrenlied singen auf fremder Erde?“ ist deswegen auch die konsequente rhetorische Frage im nächsten Vers. Wie verachtend ist die Vorgehensweise der Babylonier, und die Juden waren daran gewöhnt. Denken wir an den blinden Simson, der von den Philistern zum Gespött wurde und zum Spielen herbeigerufen wurde, damit man sich über ihn lustig machen konnte. Denken wir an die Zeit der Knechtschaft in Ägypten, wo Israel unter harter Sklavenarbeit leiden musste. Aber das Verhalten der Babylonier setzt dem Ganzen jetzt noch eine Krone auf.
Das Volk sollte sich freuen, obwohl es dafür keinen Grund gab. Das Volk sollte lachen, als ob alles nur ein Scherz wäre. Das Volk sollte Lieder singen, die niemals der Belustigung von Menschen, sondern der Anbetung eines heiligen Gottes gewidmet wurden. Es ist genauso entehrend wie das Verhalten des babylonischen Prinzen Belsasas, der ein Gelage veranstaltet und dem der Wein erst dann richtig gut zu schmecken scheint, wenn er aus den Gefäßen des Tempels zu sich genommen wird.
Thomas Manton sagte einmal: „Kein Spaß macht einem unheiligen Gemüte mehr Vergnügen, als wenn ein Bibelwort missbraucht und dann dem losen Scherzgeiste dienstbar gemacht wird.“

Fremdheit in der Welt und geistliche Verantwortung

Vielleicht wenden wir das Ganze einmal auf unser Leben an. Wie viel Augenbrauen werden hochgezogen, wenn wir christliche Werte vertreten? Wie viel Unverständnis begegnet uns, wenn man über den Beginn und das Ende des Lebens nachdenkt? Und vielleicht geht es dir auch so, dass du damit selten gut klarkommst.
Ich finde, es gibt Menschen, die lieben es, sich zu reiben. Ich bin eher so ein Harmonie-Junkie, der versucht, mit den Leuten gut auszukommen. Und das fällt sehr schwer, wenn man dann auf der Arbeit ist und plötzlich feststellt: Ups, hier kann ich nicht mehr weitergehen. Hier ist ein deutliches Nein von mir erforderlich. Hier kann man nicht mehr mitmachen. Das fällt schwer, oder?
Was wir dabei oft aus dem Auge verlieren, ist, dass das Ganze noch eine Ebene tiefer geht. Wir sind ja oft so begrenzt, dass wir uns nur um uns selbst drehen. Aber wir dürfen uns auch vor Augen führen, dass oftmals versucht wird, Gottes Gebote in den Dreck zu ziehen, den Gott, den wir gerade angebetet haben in der ersten Stunde. Wir sind oft so begrenzt, dass wir nur an uns denken. Wir stehen oft so wenig in Gemeinschaft mit unserem lebendigen Herrn, dass uns das nicht mehr traurig macht, oder?
Jetzt wird die Frage gestellt: Wie sollten wir das Herrenlied singen auf fremder Erde in Vers 4? Beachten wir, dass diese Frage selbst in einem Lied, in einem Psalm, gestellt wird. Inmitten der Unterdrückung, inmitten des Leidens wird die Unfähigkeit zum Ausdruck gebracht, ein Lied zu singen. Und doch wird diese Frage zu einem Lied, zu einem Psalm und damit sogar zu Gottes Wort.
Wie ist das bei uns? Es gibt Momente, in denen es schlicht unmöglich ist, ein Lied zu singen, oder? Hier hätte das Lied ja nur der Belustigung der Unterdrücker gedient, und es wäre absolut falsch gewesen. Aber ich möchte uns auch einfach einmal hinterfragen: Ist es uns nicht auch oft unmöglich, ein Lied zu singen? Aber wie selten haben wir den Grund, tatsächlich zu schweigen?
Ich glaube, dass man diese Frage auch noch einmal ganz anders stellen darf: Wie sollten wir das Herrenlied singen auf fremder Erde? Und dass man es beantworten darf mit: Gerade jetzt darf ich das Herrenlied singen auf fremder Erde. Auf fremder Erde ist uns bewusst, dass wir als Himmelsbürger auch auf fremder Erde stehen und dass es für Himmelsbürger keine zweite Staatsbürgerschaft gibt. Was hat das für Konsequenzen?
Da möchte ich einmal ein Beispiel vom Sommer heranführen: die Europameisterschaft und das EM-Finale in Wembley. Da stehen ja elf gegen elf eigentlich auf dem Platz, aber England hat den großen Vorteil: Sie haben nämlich noch einen zwölften Mann, und das sind die Fans. Die Heimmannschaft wird bejubelt von 67.000 Zuschauern, weniger als zehn Prozent davon waren Italiener. Und man hat das deutlich gespürt, als es dann zum Elfmeterschießen kam.
Also selbst ich mit meinen schlechten Ohren habe das Pfeifen ordentlich vernommen, das die Engländer angestimmt haben, wenn ein Italiener zum Elfmeterpunkt ging. Und ich habe auch den Jubel vernommen, wenn ein Engländer dann doch mal die Bude geknipst hat. Gewonnen haben dann doch die Italiener. Warum? Mit Sicherheit nicht deswegen, weil sie gedacht haben, das wird ein Heimspiel für uns. Die Buhrufe, das Pfeifkonzert, ist einfach so an ihnen abgeperlt, weil sie ein ganz anderes Ziel vor Augen hatten. Sie wollten nicht das Heimpublikum belustigen, sondern sie wollten den Titel gewinnen. Darum geht es. Sie wollten ihr Bestes geben, um den Sieg herbeizuführen.
Und wir? Petrus schreibt in seinem ersten Brief: Geliebte, ich ermahne euch als Fremdlinge. Du und ich, wir sind auch in einem Auswärtsteam. Und das ist nicht immer leicht, oder?
Es gibt ein ausgezeichnetes Buch von Sproul: Gott wohlgefällig leben. Und da schreibt er einmal Folgendes: Dieser Mann Gottes schreibt: Ich lernte zwar sehr bald, nicht auf die Jubelrufe der Menge zu vertrauen, aber nie lernte ich, sie zu verachten. Sie bleiben eine verführerische Kraft in meinem Leben. Ich kämpfe immer noch mit dem Wunsch, Menschen zu gefallen. Ich kämpfe immer noch mit dem Geheimnis der Beliebtheit. Ich hasse es immer noch, ausgebuht zu werden. Das kann ich nur unterschreiben, leider.
Wir stellen fest, dass wir in einer Welt leben, in der Gottesansprüche nichts mehr gelten. Wenn ich mir mein Leben anschaue, ist es nicht mehr: Och, wie süß, ein sechsfache glücklich verheirateter Familienvater zu sein, sondern es ist total out. Und die Kinder kommen ja alle sogar noch von derselben Frau. Wir merken, dass die Luft dünner wird an ganz vielen Ecken und Enden. Und gleichzeitig stellen wir fest, dass die Not von vielen Menschen auch immer größer wird.
Und Antoine de Saint-Exupéry brachte es einmal treffend auf den Punkt, indem er sagte: Wenn Menschen gottlos werden, dann sind die Regierungen ratlos, Lügen grenzenlos, Schulden zahllos, Besprechungen ergebnislos, dann ist die Aufklärung hirnlos, sind Politiker charakterlos, Christen gebetslos, Kirchen kraftlos, Völker friedlos, Sitten zügellos, Mode schamlos, Verbrechen maßlos, Konferenzen endlos, Aussichten trostlos.
Es schmerzt nicht, dazuzugehören. Es tut weh, nicht mehr zu passen, gerade dann, wenn man als Harmoniejunkie den Herzenswunsch hat, mit allen Leuten gut auszukommen. Aber wir stellen Diskrepanzen fest, wo wir keine Brücken mehr schlagen können. In der Welt, aber nicht von der Welt ist keine leere Floskel mehr, sondern eine Zustandsbeschreibung, ohne die wir irre werden könnten, wenn wir den Verfall der Werte um uns herum beobachten.

Das Zeugnis in einer fremden Welt

Ich möchte diese Frage, wie sollten wir das Herrenlied singen auf fremder Erde, durchaus als eine positive Herausforderung für uns in den Raum stellen.
Ich denke da an einen Nachbarn von uns, einen sehr liebenswerten alten Mann, einen Witwer, der vor ein paar Jahren seine Frau verloren hat und der mit dieser Zeit nicht mehr klarkommt. Er verzweifelt, dieser Mann ist einsam und ist letzte Woche mit einem Armbruch ins Krankenhaus eingeliefert worden. Meine Frau konnte ihm vorher noch ein christliches Buch geben.
Und dieser Mann ist ein Mann gewählter Worte, also seine Sprache ist wirklich auf einem hohen Niveau. Als ich mich das letzte Mal mit ihm unterhielt, war mein kleiner Sohn dabei, und ich hatte echt überlegt, ihm die Ohren zuzuhalten, weil das ein Vokabular war, bei dem ich mir gedacht habe: Das ist nicht gut, wenn mein Sohn diese Worte lernt, das passt einfach nicht mehr. Aber da kam so viel Verbitterung zum Ausdruck.
Dann schließt der Mann unser Gespräch mit den Worten ab: Ach, Herr Klein, ich will einfach nur noch sterben. Und in mir hat es geschmerzt. Warum? Weil dieser Mann den Herrn Jesus noch nicht kennt. Das Schlimmste wartet noch auf ihn, wenn er nicht Buße tut von seinen Sünden, wenn Jesus ihm nicht als der lebendige Gott, als der Retter erscheint.
Wenn du Christ bist, bist du so ein gesegneter Mensch. Wenn du Christ bist, weißt du, dass der Himmel regiert. Wenn du Christ bist, bist du gesegnet mit jeder geistlichen Segnung, haben wir gerade noch gelesen. Wir sind so unendlich beschenkt als Gottes Kinder.
Ich denke an einen Arbeitskollegen, einen absoluten Karrieremann, dem es jetzt auch gelungen ist, Leiter einer größeren Abteilung bei uns im Unternehmen zu werden. Uns verbindet eine gute freundschaftliche Beziehung, und die Gespräche mit ihm sind in der letzten Zeit nur noch voller Bitterkeit, weil der Mann mit dieser Zeit nicht mehr klarkommt, weil er nicht mehr versteht, was um ihn herum passiert.
Diese Menschen brauchen unser Lied. Lassen Sie uns die Lieder unserer Heimat singen. Unsere Heimat ist nicht hier. Aber weil der Himmel regiert, haben wir allen Grund zu singen. Wir dürfen weitergeben von der guten Botschaft, die du und ich gehört haben und die wir verstehen durften, dank Gottes Gnade. Das ist ja das, was unser Leben auszeichnet: nicht wir, sondern seine Gnade. Er ist derjenige, der so lebendig ist, dass er in deinen Alltag hineingestaltet. Er krempelt dein Leben weiter um.
Wie schön ist es, als Christ zu leben, oder? Was für ein gewaltiges Privileg! Wir haben nicht die Antworten auf alle Fragen, aber wir kennen den, der die Antworten haben wird. Das ist so gewaltig.
Wir sind ja auf fremder Erde, ja, auf jeden Fall. Aber die Welt braucht unser Lied. Fällt es dir und mir schwer zu singen? Ich glaube ja. Und deswegen ist es so schön, dass wir auf den Herrn Jesus blicken dürfen.
Gucken wir auf das Leben von unserem Herrn Jesus hier auf dieser Erde und betrachten wir einfach seine letzten Stunden. Der Jesus singt ein Loblied, und was dann folgt, ist Gethsemane und Golgatha. Und als er da am Kreuz hängt, auf Golgatha, zitiert er aus dem jüdischen Gesangbuch, dem Psalm: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?
In diese Finsternis der Welt stellt unser Herr Jesus Gotteslieder ganz lebendig hinein. Was für ein Zeugnis!

Vorbilder des Singens in der Dunkelheit

Schauen wir auf weitere Vorbilder. Psalm, was für bewegende Worte sind das. Sie entsprechen nicht mehr ganz unserem Vokabular. Wir würden es vielleicht anders ausdrücken, aber die Kernaussagen oder der Inhalt sind ja genau der gleiche geblieben. Wie gut tut es, im Psalm von David einfach nachzubeten. David schreibt Psalmen auf der Flucht, als er von Menschen bedroht und verfolgt wird.
Denken wir im Neuen Testament an Paulus und Silas, die um Mitternacht, also zur dunkelsten Stunde, im Innersten des Kerkers saßen. Nicht irgendwo vorne dran, sondern ganz hinten drin. Die Füße in den Block gelegt, entehrt, geschlagen und gedemütigt. Und dann fangen die beiden an, um Mitternacht Gottlieder zu singen. Und das hat Auswirkungen. Das lesen wir in Apostelgeschichte 16,25: Um Mitternacht aber beteten Paulus und Silas und lobsangen Gott. Und jetzt kommt ein wunderschöner Nebensatz: Und die Gefangenen hörten ihnen zu.
Schlagen wir vielleicht noch einmal kurz auf, weil das so eine wunderschöne Begebenheit ist. Paulus und Silas singen ja in einem Moment, in dem es ihnen wirklich nicht gut geht. Die ganze Begebenheit ist bei mir in der Bibel überschrieben mit: Bekehrung des Kerkermeisters. Aber da ist noch viel mehr passiert.
 Apostelgeschichte 16,25: Um Mitternacht aber beteten Paulus und Silas und lobsangen Gott, und jetzt kommt dieser Nebensatz: und die Gefangenen hörten ihnen zu.
Dann kommt dieses Erdbeben, die Fesseln lösen sich, und was passiert dann? Der Kerkermeister wacht aus seinem Schlaf auf. Er erschrickt. Er weiß, dass er verantwortlich ist, dass die Gefangenen auch gefangen bleiben, egal ob es ein Erdbeben gab oder nicht. Und er will sein Schwert ergreifen und sich damit töten. Da ruft Paulus mit lauter Stimme: Tu dir kein Leid an, denn wir sind alle hier!
Was für Auswirkungen hat dieses Lied von Paulus und von Silas? Was für ein gewaltiges Geschenk! Zwei Männer singen in einer Situation, in der einem nichts zum Singen zumute ist, und die Gefangenen bleiben drin. Die Gefangenen sind an einer kurzfristigen Befreiung gar nicht mehr interessiert. Auch die Gefangenen begreifen, dass da etwas Höheres ist, und sie hören zu, steht hier in der Bibel: Die Gefangenen hörten ihnen zu.
Diese Welt braucht unsere Lieder. Und was passiert mit dem Kerkermeister? Das ist so beeindruckend. Nur der letzte Vers dort, in Vers 34: Er jubelte, an Gott gläubig geworden, mit seinem ganzen Haus. Was für ein gewaltiges Geschenk! Dieser Kerkermeister, der dafür verantwortlich ist, im Gefängnis für Ruhe zu sorgen, fängt an zu jubeln. Und er wäscht ihnen die Striemen aus, steht da auch.
Das erinnert mich an den Herrn, an Herrn Jesus, der deinet- und meinetwegen diese Striemen erlitten hat. Und deswegen dürfen wir singen. Deswegen darf unser Lied hinaus in die Welt. Diese Welt braucht unsere Lieder, auf jeden Fall.

Hoffnung, Bodenhaftung und die Heimkehr

Dietrich Bonhoeffer ermahnt uns da sehr eindrücklich. Er sagte einmal: Ich darf meinem Los, ein Gast und Fremdling auf dieser Erde sein zu müssen, nicht dadurch ausweichen, dass ich mein irdisches Leben in Gedanken an den Himmel verträume.
Dieses Zitat ist entnommen aus dem Buch Illegale Theologenausbildung. Das war auch eine Zeit, die kein Zuckerschlecken war. Das war nicht so Bibelschule 2.0, sondern die illegale Theologenausbildung führt uns vor Augen, was das für eine Zeit unter den Nazis war. Bonhoeffer schreibt diesen Satz, und das macht uns deutlich, dass wir Himmelsstürmer mit Bodenhaftung sein dürfen. Wir stehen noch mit beiden Beinen auf der Erde, und die Welt braucht unser Lied. Unsere Heimat ist nicht hier, aber der Himmel regiert. Und weil der Himmel regiert, haben wir einen Grund zu singen. Bald, vielleicht schon heute, sind wir zu Hause und nicht mehr auf fremder Erde. Und das ist für uns auch eine wunderschöne Perspektive, oder? Was wird es sein, wenn wir in dieses neue Lied mit einstimmen, um unserem Gott die Ehre zu geben?
Wir gehen zurück zum Psalm 137, ab Vers 5 jetzt, Psalm 137, Vers 5: Wenn ich dich vergesse, Jerusalem, so werde vergessen meine Rechte. Es klebe meine Zunge an meinem Gaumen, wenn ich deiner nicht gedenke, wenn ich Jerusalem nicht zu meiner höchsten Freude erhebe.
Hier findet plötzlich ein Wechsel von wir zu ich statt. Der Wechsel von wir zu ich macht deutlich, dass jeder vor Gott verantwortlich ist. Und vielleicht sagst du: Ach Tommy, schön, was du ihr so erzählst. Dein Glaube gibt dir Halt, das ist ja ganz gut und nett. Wenn du so denkst, dann ist das ziemlich relativ. Dann kannst du deinen Glauben ja auch ersetzen mit deinem Hobby oder deinen Freunden, deiner Familie, deinem Gemüsegarten, deinem Verein, was auch immer gerade so Halt gibt.
Aber unserem Relativismus steht Gottes Absolutheitsanspruch gegenüber. Er ist dein Schöpfer, er hat dich gemacht. Und deswegen stehst du in einer Verantwortung vor ihm. Jeder selbst ist verantwortlich. Nicht mehr wir, wir trauerten, wir weinten, sondern jetzt, wo es darum geht, was die Konsequenz des Ganzen ist, welche Verantwortung ich trage, da geht es nicht mehr ums Wir, sondern ums Ich. Und das ist auch wichtig zu überlegen: Du bist im Ergebnis vor Gott verantwortlich.
Wir fühlen uns oft verantwortlich gegenüber unseren Eltern, und das hört nie auf, gegenüber unseren Kindern, gegenüber unserem Ehepartner, gegenüber unseren Nachbarn, gegenüber meinem Chef, meiner Führungskraft, meinem Vorstand. Aber in allererster Linie bin ich vor Gott verantwortlich. Er ist mein Schöpfer, er hat mich gemacht, er hat mich errettet, er hat mich freigekauft. Was für ein gewaltiges Geschenk und was für eine heilige Verantwortung.
Und hier werden ja Konsequenzen angesprochen. Und ich möchte das einfach noch einmal so schön zeigen, wie verschachtelt dieser Psalm hier ist. Guck mal: In Vers 4 lesen wir, wie sollten wir das Herrenlied singen auf fremder Erde? Und dann: Wenn ich dich vergesse, Jerusalem, so werde vergessen meine Rechte. Wir haben in Vers 2 gelesen: An die Pappeln dort hängten wir unsere Zithern. Wenn ich meine Rechte nicht mehr habe, dann kann ich auch keine Zithern mehr spielen, oder an der Harfe, je nachdem, was da drinsteht.
Und dann geht das weiter: Es klebe meine Zunge an meinem Gaumen, wenn ich deiner nicht gedenke, Vers 3, denn die, die uns gefangen hielten, forderten dort von uns die Worte eines Liedes. Wenn meine Zunge am Gaumen klebt, kann ich gar keine Lieder mehr singen. Und dann kommt Vers 6 am Ende: wenn ich Jerusalem nicht zu meiner höchsten Freude erhebe. Und Vers 3 am Ende: Und die uns wehklagen machten, forderten Freude: Singt uns eins der Zionslieder.
Wie genial ist das hier zusammengebaut, dieser Psalm? Das passt so schön ineinander und greift ineinander über.

Gericht, Fels und innere Warnung

Und dann kommt der Vers sieben, wo dann dieser Wunsch geäußert wird: Rechne her den Söhnen Edoms den Tag Jerusalems an, die da sprachen: Legt bloß, legt bloß bis auf ihren Grund.
Hier wird ein weiteres Volk angeführt. Es geht jetzt nicht mehr um die Babylonier, sondern um die Edomiter. Edomiter, Nachkommen von Esau, eigentlich ein Brudervolk von Juda, aber von brüderlicher Liebe ist bei der Zerstörung in Jerusalem nichts mehr dageblieben. Die Edomiter waren aktiv an der Zerstörung beteiligt, und wir finden hier in dem Psalm die Aussage, dass sie die Babylonier sogar noch in Stimmung gebracht haben, noch mehr zu zerstören. Legt bloß, legt bloß bis auf ihren Grund. Wie böse und verabscheuungswürdig ist dieses Verhalten.
Um die Babylonier geht es dann in Vers 8: Tochter Babel, du Verwüsterin, glücklich der dir vergilt dein Tun, das du uns angetan hast. Die babylonischen Soldaten, das haben wir in 2. Chronik gelesen, gingen mit äußerster Brutalität und Grausamkeit vor. Sie töteten Kinder und Säuglinge, sie schändeten die Frauen, sie brachten alte Leute um, und sie töteten wahllos Unschuldige. Und das sollten wir im Hinterkopf behalten, wenn wir uns jetzt dem letzten Vers zuwenden: Glücklich, der deine Kinder ergreift und sie am Felsen zerschmettert.
Der Vers hat es in sich. Als dieser Vers für mich so wichtig geworden ist, wie sollten wir des Herrn Lieder singen auf fremder Erde? Da bin ich ehrlich: Ich habe mich so ein bisschen geärgert, dass es diesen Vers 9 auch noch gibt in diesem Psalm. Warum? Der passt so gar nicht in unser neutestamentliches Denken. Wir sind in der Lehre der Gewaltlosigkeit des Neuen Testaments erzogen worden. Wenn wir uns Römer 12 anschauen, dann wird deutlich, dass wir mit denen, die uns hassen, ganz anders umgehen sollen. Da wird schon deutlich herausgearbeitet, dass wir das Böse verabscheuen sollen, das ist auch wichtig. Aber die Strafe, oder Römer 12,19 spricht sogar von der Rache, die sollen wir Gott überlassen. Und Römer 12,21 bringt es dann auf den Punkt: Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit dem Guten.
Ich fand das interessant, dass wir gerade in Titus 3 das gelesen haben, was uns aber auszeichnete, dass wir gehasst untereinander hassen, also dieses Böse kommt daher deutlich zum Ausdruck. Und ich glaube auch, das muss man hier dem Psalmschreiber einfach mal zugutehalten, dass es durchaus gut ist, Gott auch seine Gedanken zu bringen. Das finde ich schon mal wichtig. Also: Glücklich, der deine Kinder ergreift und sie am Felsen zerschmettert. Würde das heute einer bei uns in der Gebetstunde als Anliegen formulieren, würde da mit Sicherheit keiner von uns Amen dazu sagen. Das ist einfach verkehrt, weil wir auf der Grundlage der Gnade stehen dürfen. Aber ich finde es gut, dass man seine innersten Gedanken Gott durchaus zur Aussprache bringt, weil er sie eh kennt.
Wenn wir uns vor Augen führen, was für ein brutales Leid dieses Volk erfahren hat, ist es wichtig, dass dieser Vers auch nicht ausgeklammert wird. Das, was das Volk erlebt hat, ist schrecklich. Trotzdem will ich diesen Vers nicht schönreden, sondern ein bisschen anwenden, vielleicht auf unser Leben. Was hat es damit auf sich? Wer mir da sehr geholfen hat, ist C. S. Lewis, und der hat in seinem Buch Gespräch mit Gott beten mit dem Psalm einmal Folgendes geäußert. Er sagte, wenn die Juden bitterer fluchen, als sie heiden, ist das, glaube ich, darauf zurückzuführen, dass sie wenigstens zum Teil den Unterschied zwischen Recht und Unrecht ernster nahmen. Denn wenn wir uns ihr Schimpfen näher ansehen, erkennen wir, dass sie für gewöhnlich nicht einfach deshalb wütend sind, weil ihnen diese Dinge widerfahren sind, sondern weil sie grundsätzlich falsch sind und weil sie ebenso von Hass gegen Gott zeugen wie gegen das Opfer.
Das bringt noch einmal zum Ausdruck, was wir, glaube ich, oft vergessen. Wenn mich jemand dumm anfährt von der Seite wegen meines christlichen Glaubens, fange ich schnell an zu winseln und verfalle in Selbstmitleid, weil ich darauf schwer klarkomme. Ich möchte gern mit allen Menschen gut zurechtkommen, und dann denke ich mir: Mensch, nur weil der Christ bis jetzt ... Und ich vergesse dabei, dass es eigentlich im Ergebnis um meinen Gott geht, dem da voller Karren versucht wird, gefahren zu werden. Ich habe mich viel zu schnell selbst im Blick, und das bringt dieses Zitat von Lewis zum Ausdruck, dass es eigentlich von Hass gegen Gott zeugt, diese Angriffe.
Glücklich, der deine Kinder ergreift und sie am Felsen zerschmettert. Eine interessante Beobachtung: Wenn wir uns Benedikt Peters’ Kommentierung zu dem Psalm einmal vor Augen führen, er schreibt nämlich Folgendes: Man muss diesen Ausdruck im übertragenen Sinn verstehen, denn in Babylon gab es keine Felsen, das ganze Land zwischen Tigris und Euphrat ist flaches Schwemmland.
Ja, was ist denn dann dieser Fels? Da müssen wir die Frage anders stellen: Wer ist dann dieser Fels? Das führt uns zu 5. Mose 32,4: Der Fels, vollkommen ist sein Tun, denn alle seine Wege sind recht. Ein Gott der Treue und ohne Trug, gerecht und gerade ist er.
Für die geistliche Anwendung noch einmal ein Zitat von C. S. Lewis, der hier sehr deutlich wird, aber Lewis ist ja zitierfähig. Er bringt das wirklich sehr deutlich auf den Punkt. Er sagt Folgendes, Zitat: „Ich weiß von Dingen in meinem Inneren, die wie Babys sind, die kindlichen Anfänge kleiner Begierden, kleiner Verstimmungen, die eines Tages zu Trunksucht oder tiefsitzendem Hass werden, die uns aber mit besonderen Reizen schmeicheln und den Hof machen und so winzig, so hilflos erscheinen, dass wir uns wie Tierquäler vorkommen, wenn wir ihnen widerstehen. Sie fangen an, uns etwas vorzuwinseln: Ich will ja gar nicht viel, aber ... oder ich hätte wenigstens gehofft ... oder: Etwas Aufmerksamkeit könntest du dir schon widmen.“
Gegen all die lieben Kleinen, diese Süßen, die ein so einnehmendes Wesen haben, ist der Rat aus dem Psalm das Beste: Schlag den kleinen Rackern das Hirn aus dem Schädel, und gesegnet ist er, der es kann. Denn es ist leichter gesagt als getan. Das ist eine Ansage von C. S. Lewis, man zuckt da so ein bisschen zusammen, weil er doch recht deutlich wird, aber ich finde die Warnung aus diesem Zitat wirklich sehr wichtig.
An wie viele kleine Gedanken haben wir uns schon gewöhnt? Bisher sind unsere kleinen Gedanken gleich so Schneebällen, die man noch locker händeln kann. Mit denen kann man spielen, man kann sie hochwerfen, sich einander zuwerfen. Aber wenn so ein kleiner Schneeball irgendwann mal herunterrollt, dann wird daraus eine tödliche Lawine, die alles mitreißt, was sich hier in den Weg stellt.
Mit wie vielen Gedanken gehen du und ich schwanger in unserem Alltag? Wie viele Gedanken lassen wir zu in unserem Leben? Wie oft verlieren wir uns in Tagträumereien und ziehen nicht einen harten Schlussstrich unter manche unserer Phantasien? Warum stellen wir keine Stoppschilder auf, wenn es um unreine Gedanken geht? Und deswegen ist diese Warnung wirklich wichtig, dass diese kleinen Gedanken am Felsen zerschmettert werden, der Christus heißt.

Schlussgedanken und Gebet

Ich möchte schließen mit einem Gedicht, welches dem Düsseldorfer Dichter Heinrich Heine zugeschrieben wird, und da war, glaube ich, die Vorlage Psalm 137. Da steht Folgendes:
Zerschlagen ist die alte Leier am Felsen, welcher Christus heisst, die Leier, die zur bösen Feier bewegt ward von dem bösen Geist, die Leier, die zum Aufruhr klang, die Zweifel, Spott und Abfall sang. O Herr, o Herr, ich knie nieder, vergib, vergib mir meine Lieder.
Der Kirche ist und ihren Glauben mein Spottlied frevelhaft erscheint, es sollte Zucht und Ordnung rauben durch weicher Töne Truggewalt. Die freie Rotte triumphiert, ich habe ihr manchen zugeführt. O Herr, ich schlag die Augen nieder, vergib, vergib mir meine Lieder.
Und als es März und Stürme kam bis zum November, trüb und wild, da habe ich wilden Aufruhrsam in süße Lieder eingehüllt. So manches Herz habe ich betöret, des ewigen Lebens Glück zerstöret. Gebeugten Hauptes rufe ich wieder: O Herr, vergib mir meine Lieder!
Zerschmettert ist die alte Leier am Felsen, welcher Christus heisst, die Leier, die zur bösen Feier bewegt war von dem bösen Geist. Ach, schenkt mir eine, neu und mild, von heiligem Friedensklang erfüllt. O neige segnend dich hernieder und gib mir neue, neue Lieder.
Wir wollen aufstehen und zusammen beten.
Ja, lieber Herr Jesus, wir wollen diesem Wunsch auch Ausdruck geben, dass du uns neue Lieder gibst, Herr. Wir haben allen Grund zu singen, weil du regierst, weil du alles in deiner guten Hand hältst, weil wir in deiner Hand geborgen sind und weil du einen Plan mit unserem Leben hast. Weil du uns erlöst und freigekauft hast, weil deine Gnade jeden Morgen neu da ist und weil die Erde voll der Gnade des Herrn ist.
Lieber Herr Jesus, danke, dass du unser Leben so reich machst. Und ich bitte dich für uns, wenn wir so im Alltag drinstehen und wenn wir manche Fragen nicht beantwortet bekommen, dass du unseren Blick neu auf dich schärfst. Ich bitte dich darum, dass wir ehrlich sind vor dir, dass wir nicht meinen, irgendetwas schönreden zu müssen, sondern dass wir zu dir kommen, weil bei dir Vergebung zu finden ist.
Lieber Herr Jesus, ich möchte hier für die Geschwister in Achenbach bitten. Wir haben von Geburtstagen gehört, von einer silbernen Hochzeit. Was für ein Geschenk, was für ein Privileg, was für ein schönes Lied, 25 Jahre verheiratet zu sein. Und auch da bitte ich um deinen Segen für diese Geschwister.
Ich bitte dich auch für alte und kranke Geschwister, dass du sie aufbaust und stärkst und ihnen neu den Blick auf dich gibst. Danke dafür. Amen.