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Das Weltgericht

13.11.1990Offenbarung 20,11-15
Alles endet vor Gottes Richterstuhl: Dort ist kein Platz, keine Ausnahme, keine Entschuldigung und kein Ausweg mehr, denn jeder ist gleich und es gibt keine Generalamnestie. Aber auf dem Richterstuhl liegt das Kreuz. Da zählt nur echte Vergebung durch den Retter. - Bibelarbeit in der Schlosskirche Stuttgart

Das Endgericht - oder so wie es in der Offenbarung in der Luther-Übersetzung überschrieben ist, im Kapitel 20 der Offenbarung - das Weltgericht:

Und ich sah einen großen weißen Thron und den, der darauf saß. Vor seinem Angesicht flohen die Erde und der Himmel und es wurde keine Stätte für sie gefunden. Und ich sah die Toten, groß und klein, stehen vor dem Thron und Bücher wurden aufgetan und ein anderes Buch wurde aufgetan, welches ist das Buch des Lebens. Und die Toten wurden gerichtet nach dem, was in den Büchern geschrieben steht, nach ihren Werken. Und das Meer gab die Toten heraus, die darin waren, und der Tod und sein Reich gaben die Toten heraus, die darin waren, und sie wurden gerichtet, ein jeder nach seinen Werken. Und der Tod und sein Reich wurden geworfen in den feurigen Pfuhl. Das ist der zweite Tod, der feurige Pfuhl. Und wenn jemand nicht gefunden wurde in dem Buch des Lebens, der wurde geworfen in den feurigen Pfuhl. Amen.

Noch einmal jenes Zitat, liebe Freunde, von Arthur Miller, das er in jenem Schauspiel, das viel über die Bühnen der Nachkriegszeit ging, geschrieben beziehungsweise sagen ließ. Und dort gleichsam als Fazit eines Lebens formuliert jener Mann: „Ich habe das Leben immer nur als eine Art Gerichtsverfahren betrachtet, als eine ewige Beweisaufnahme. Jetzt weiß ich, dass die Katastrophe in dem Augenblick für mich kam, als ich aufsah und der Richterstuhl leer war. Kein Richter, weit und breit. Was blieb? Nichts als ein endloses Selbstverhör, ein endloser Prozess, der vor einem leeren Richterstuhl geführt wird.“.

Das hätten wir gerne. Das wünschen wir uns heimlich. Darauf zielt des Menschen Hoffnung. Kein Richter, weit und breit. Keine Verhandlung, weder oben noch unten. Keine Verurteilung überhaupt. Dieser Text stellt dagegen klipp und klar fest: Der Richterstuhl ist besetzt. Der Prozess findet statt. Zum Aufruf kommt mein Fall. Man braucht das alles gar nicht so eng sehen. Johannes sah. Man muss das alles vielleicht nur symbolisch sehen. Johannes sah. Man muss das vielleicht alles ganz anders sehen. Johannes sagt: „ich sah“. Und weil ich diesem Johannes eine bessere Sicht zutraue als allen anderen, deshalb werde ich wohl meine Sicht der Dinge umstellen müssen.

Der Richterstuhl ist besetzt, liebe Freunde. Unser Stuttgarter Krematorium hat kein christliches Symbol. Bis heute nicht. Ich bedauere das. Es ist seiner Erscheinung nach ein heidnischer Totentempel. Und in diesem Geiste ist er auch erbaut worden. Und jene, die ihn erbauten und viele, die sich heute dort noch verbrennen lassen, tun dies in der Annahme: „wenn ich mich dort verbrennen lasse, dann bin ich weg. Dann bin ich jedem Zugriff entzogen. Dann habe ich meine letzte Verantwortung los.“ Johannes aber sah die Toten. Ob wir im Grab zu Staube werden oder ob wir im Feuer zur Asche werden, Gott ruft aus Staub und Asche vor seinen Stuhl. Am Schluss stehen wir nicht daneben, sondern wir nehmen alle daran teil.

Keiner kann für den anderen sterben. Jeder wird für sich alleine sterben. Keiner kann für seine Kinder sterben. Jeder wird alleine vor dem Throne stehen. Keiner kann sein Leben behalten, wenn Gott ruft. Und die ganze Welt kann sich nicht länger halten, wenn Gott sie abruft. Das Ende steht bevor. Nicht nur die Jahreszeit, nein, jeder Tag steht unter dem Anruf „Memento Mori“, Gedenke, dass du sterben musst. Wir alle, wir hier in der Stiftskirche und die draußen auf der Straße herumgehen und nie in eine Stunde der Bibel hereinzukriegen wären, die Christen und die Heiden, die Lebenden und die Toten, Wir müssen sehen, dass der Richterstuhl besetzt ist.

Im kleineren Amtsgericht ist es so, aber auch hier an manchen Türen habe ich es schon beobachtet, an der Urbanstraße und der Olgastraße, wo Verhandlungen des Amtsgerichts oder Landgerichts stattfinden: Dort heftet der Gerichtstiener morgens die Tagesordnung an ein schwarzes Brett. Und dann kommen jene Rentner, Zuhörer, auch Kriminalstudententen genannt. Sie kommen so wie die Fliegen, wenn der Honig aufgestellt wird. Und dann schauen sie, was denn heute geboten wird, was denn heute auf der Tagesordnung steht, was es denn auf dem Speisezettel heute gibt: „Aha, da ist der Herr Mayer dran mit dem Betrug und da ist der Herr Müller dran mit seinem Verkehrsunfall und da ist der Herr Metzger dran mit seiner Beleidigung.“.Und bei besonderen Fällen und sogar Namen, die sie kennen, reiben sie sich die Hände. Wie interessant und schön das alles wird, wenn man das nun mitbekommt und sieht, wie der dann vom Richter eins drauf bekommt.

Dieser Text sagt, dass einmal eine Tagesordnung an die Wand dieser Welt gemacht wird, die endlos lang sein wird. Und auf dem finden sich nicht irgendwelche Namen, sondern auf diesem Verhandlungsblatt stehen alle Namen. Dort steht auch mein Name. Ich bin geladen und dann bin ich dran. Das meint wohl der Text: „Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi.“.

Nicht wahr? Es gibt heute eine theologische Strömung, die nicht mehr vom Gericht reden will, obwohl im Neuen Testament an vielen anderen Stellen auch davon die Rede ist. Es wird so getan, als ob das Kreuz Jesu Christi eine Generalamnestie für alle Menschen sei. Ohne Rücksicht darauf, ob sie Jesus als ihren Herrn angenommen haben oder nicht. Wenn dem so wäre, wenn das Kreuz Jesu Christi eine Generalamnestie für alle Menschen wäre, dann wäre jenes Missionswort völlig sinnlos: „lasst euch erretten aus diesem verkehrten Geschlecht“. Dann wäre es überflüssig, überhaupt von diesem Herrn gerufen zu werden.

Aber das ist eben nicht die Botschaft der Bibel. Gott schenkt wohl zum Regen und Sonnenschein, schenkt er auch den Nebel und den Herbst und die Kälte, egal welche Menschen hier leben oder sterben. Aber zum Regen und Sonnenschein, zur Nahrung und zur Luft, die wir brauchen, gibt er nicht auch noch sein Vergeben und seine Errettung einfach dazu, sondern Vergebung und Errettung gehört nur denen, die von dem Satz wissen: „wer den Namen des Herrn anrufen wird, der soll errettet werden.“. Der Spruch in Johannes 3, 16 heißt eben nicht „auf dass alle nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“ So steht es eben nicht. Sondern es heißt: „auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“ Nichts ist so sicher wie dieser letzte Lokaltermin, wie dieser letzte Gerichtstermin. Und deshalb ist es gut für uns alle, wieder daran erinnert zu werden, mit aller Deutlichkeit uns auszurichten auf diesen letzten Thron. In vier Strichen wird er noch einmal deutlicher herausgeholt.

1. Es gibt keinen Platz mehr

Erstens, es gibt keinen Platz mehr, außer vor Gottes Thron. Denn: „Ich sah einen großen weißen Thron und den, der darauf saß, vor seinem Angesicht flohen die Erde und der Himmel und es wurde keine Stätte für sie gefunden.“ Also ein großer Szenenwechsel findet statt, so wie im Fernsehen, obwohl ich kein großer Fernsehgucker bin, weil ich solch ein Gerät schon gar nicht besitze. Und weil nur meine Schwiegermutter eins hat und ich dann manchmal dort einen Besuch mache, dann freut sie sich und ich kann Fernsehen anschauen.

Aber von dort weiß ich, bei manchen Sendungen, vor allem Sportsendungen, die ich immer noch mit Begeisterung betrachte, wenn plötzlich dieses Bild wie aufgerollt wird und dann auf einmal wegfliegt und dann ein völlig anderes Bild erscheint. Daran musste ich bei diesem Vers denken: ein Szenenwechsel. Diese ganze Erde wird aufgerollt und ein völlig anderes Bild erscheint. Die alte Erde und der alte Himmel machen einer neuen Schöpfung Platz. Der Platz für den Menschen ist weggerollt.

Dieser Mensch hat sich ja breit gemacht, dieser sogenannte Platzhalter Gottes. Er hat sich dargestellt, als ob ihm das alles gehöre und dass alles unter seiner Verantwortung stehe und er dafür sorgen müsse, dass diese Erde überhaupt überleben könnte. Ohne den Platzhalter Mensch ist eine Bewahrung der Schöpfung nicht mehr vorstellbar. Ein Konfirmand fragte mich in der letzten Woche, ob man denn bei uns die Konfirmationssprüche, die man an der Konfirmation ausgehändigt bekommt, selber auswählen dürfe. Ich sagte, die Idee ist gar nicht so ganz übel. Bei uns ist es nicht der Brauch, aber darüber lässt sich ja einmal reden, wie er denn draufkomme. Ja, er habe schon einen. So, was hast du denn für einen? Und dann stand er hin und zitierte 1. Mose 2,15. Er wusste sogar die Stelle, die ich gar nicht so kannte: „Gott, der Herr, nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaute und bewahrte.“ „Da bin ich gemeint“, hat er gesagt. Ich sagte: „Nicht schlecht, du kleiner Grüner, nicht schlecht.“ Ich freue mich über deine Bibelkenntnis. Aber etwas in diesem Satz hat mich schon erschreckt. Aber der 13- oder 14-jährige Bub, er ist der Bebauer und der Bewahrer der Schöpfung.

Wenn er es nicht ist, wer denn sonst? Wenn wir es nicht packen, wer will es denn sonst packen? Liebe Freunde, hier meldet sich der große Platzhalter zu Wort, der selbst diesem Gott dann schließlich den Platz streitig gemacht hat.

Und für diesen Platzhalter Mensch, der mit Ellenbogen arbeitet und der sich auf diese Erde gestellt hat und sich auf diese Erde stellt, für den gibt es keinen Platz mehr auf Erden. Auch nicht über der Erde und nicht unter der Erde. Da gibt es keinen Luftraum mehr und auch keinen Zeitraum. Da gibt es kein Meer mehr. Nichts, nichts, wo der Mensch sein könnte. Keine Vergangenheit und keine Gegenwart und keine Zukunft mehr. Nur noch einen Standplatz und das ist der Standplatz vor Gottes Thron.

Am Schluss werden wir keinen Meter mehr zum Atmen haben, aber ein Quadratmeter zum Stehen vor dem letzten Richter. Und dort steht der große weiße Thron. Liebe Freunde, es ist hier nicht von der überschäumenden Anschaulichkeit eines Rubens mit seinem Bild vom Jüngsten Gericht die Rede. Hier, so scheint es mir, ist mehr die weiße und lichte, fast transzendente Welt beschrieben, die wir etwa kennen bei Jesus, bei der Verklärung auf dem Berg.

Dieser Gott setzt sich in diesem transzendenten Licht auf den Thron. Für mich tröstlich: Dieser Gott setzt sich schlussendlich nicht ab von den Leuten und seiner Welt. So wie wir uns manchmal selbst von den Nächsten absetzen, weil wir sagen: „Mit dem will ich nichts mehr zu tun haben.“ Am Schluss sagt Gott so nicht, er setzt sich nicht ab von seinen Leuten. Er setzt sich nicht ab von all dem, was geschehen ist, von all dem, was auch in meinem Leben missriet, von dem, was ich nicht verstand und nie verwand. Gott setzt sich nicht ab und er lässt sich nicht absetzen. Nicht von denen, die seine Sache bekämpfen, nicht von denen, die seine Sache verletzten, nicht von denen, die meinten, sie könnten die Schöpfung bewahren, noch von denen, die so viel Leid und Zerstörung angerichtet haben. Gott setzt sich nicht ab und er lässt sich nicht absetzen von seinen Menschen. Er setzt sich auf den Thron, um sie alle vor sich zu versammeln. Am Schluss gibt es keinen anderen Platz mehr. Das ist das eine, was hier steht.

Und das Zweite, was ich unterstreichen möchte, ist:

2. Es gibt keine Ausnahme mehr

Vers 12: „Und das Meer gab die Toten heraus, die darin waren, und der Tod und sein Reich gaben die Toten heraus, die darin waren. Und sie wurden gerichtet.“

Sehen Sie, Johannes sah die Großen und tröstlich auch die kleinen Toten. Die Großen, wie Paulus und Petrus und Augustin und Martin Luther und Johannes Brenz und die Köpfe, die wir hier in der Stiftskirche jetzt bei diesem Licht überhaupt nicht sehen können.

Die Großkopfeten im Reiche Gottes und gleichzeitig die, die gar keinen Namen haben, die sofort vergessen wurden, als sie beerdigt worden sind. Die Großen der Menschheit und die Millionen von Namenlosen, auch die, die ein erfülltes Leben haben und die, die immer ein ganzes Leben auf ein erfülltes Leben gewartet haben: All die, all die werden gerufen. Ich sah sie alle. In diesem Alle ist mein Name eben auch untergebracht.

Die Gewalttätigen, die Stalins und die Hitlers und die Husseins und die, denen Gewalt angetan wurde, die Verleumder und die Verleumdeten, Christen und Nichtchristen, die über ihre Sünde erschrocken sind und schwer daran tragen und die, die sich mit ihrer Sünde arrangieren und ganz gut damit leben können. Die Gesunden, die bis 90 leben dürfen oder müssen und die, die schon mit 40 dahinsiechen und ihr Ende kaum erwarten können.

Und die Kinder, die schon wegen einer Indikation mit zwei Monaten weichen müssen. Alle, groß und klein, ohne Ausnahme, stehen vor dem Thron. Nicht im Nichts enden unsere Wege, nicht auf vergessenen Friedhöfen, nicht auf der Müllhalde namens Weltgeschichte, nicht in den Schrecken des Krieges und nicht in den Lagern der Folter. Am Ende stehen wir vor Gottes Thron. Ich bin in einer Familie aufgewachsen, in der die Leute überhaupt kein Verhältnis zu Friedhöfen und Gräbern hatten. Mein Onkel, ein ganz frommer Christ, sagte immer: „ihr könnt mich in der hinteren Lache“ – das war eine ganz üble Lache auf einem schwäbischen Albdörflein –, „ihr könnt mich in der hinteren Lache versenken“. Und da haben sie immer gesagt, „gebt keinen Pfennig aus.“ Leute, die kein Verhältnis zu ihren Gräbern hatten, weil sie davon überzeugt waren, dass egal, wo wir auch bestattet werden, auf dem Waldfriedhof oder an irgendeiner Ecke eines kleinen vergessenen Winkels in einem Dorf, egal, wo wir auch bestattet werden, das ist nur Durchgangsstation.

Das ist nur Durchgangsstation für den Platz, an dem wir stehen werden, ohne Ausnahme. Ohne Ausnahme. Und jetzt mag noch zwischen mir und anderen ein himmelweiter Unterschied bestehen. Zwischen einem Bischof und einem Pfarrer. Oder einem Generaldirektor und einem Lehrling. Zwischen meinem Nachbarn, der nicht weiß, wo er seine Millionen unterbringen kann und ich nicht weiß, ob denn meine Rente reicht für meine letzten Tage, wenn ich dann noch im Heim draufzahlen muss.

Es bestehen so große Unterschiede unter uns und wir schauen immer wieder hinauf oder wir schauen hinunter und es schmerzt. Sehen Sie, einmal stehen wir alle auf Tuchfühlung mit Schulterschluss, ohne einen Millimeter Unterschied vor dem Throne Gottes. Ich habe droben noch einmal beim Missionarischen Kongress jene Szene erwähnt, die ich einfach nicht vergessen kann, die ich draußen erlebte vor einigen Jahren im Fangelsbachfriedhof.

Eine Szene, die mir immer wieder nachgeht. Ich hatte ja jenen berühmten Motorradfabrikanten Alfred Kreidler zu beerdigen. Eine Riesenbeerdigung mit Leuten aus Industrie und Politik hat in der Markuskirche stattgefunden. Und anschließend wurde der Sarg hinausgetragen auf den Fangelsbachfriedhof und das wunderschöne große Grab liegt dort direkt an der Mauer zur Straße. Und während wir dort den Sarg hinfuhren, fuhr anscheinend genau auf der anderen Seite der Straße ein Lumpensammler auf. Und als der dort angehalten hatte, und während schon dieser Sarg hinuntergelassen wurde, rief es draußen überdeutlich in diese schweigende Menge hinein: „Lumpen, Alteisen!“ Und als ich dann sagte: „Erde zu Erde, Asche zu Asche“, rief es: „Lumpen, Alteisen!“ Und unvergesslich der Vertreter der Mercedeswerke, ein Dr. Dr. So-und-so, als er anfing, von diesem bedeutenden Mann zu reden, der nie vergessen werde: „Lumpen, Alteisen!“. Er war nicht zu stoppen, bis schließlich der Friedhofswärter hinausging und ihm den Mund verbot. Aber im Grunde hatte er recht. Egal, wer dort der Erde übergeben wird, sie oder ich: Lumpen, Alteisen, Staub und Asche, dasselbe. Aber so, so stehen wir vor dem Throne Gottes, ohne Ausnahme. Und das Meer gab die Toten heraus, die drin waren, also die, die mit der Titanic ertrunken sind, die in den stählernen Särgen der U-Boot-Wracks auf Meeresgrund liegen.

Gott holt sie alle heraus. Die Bauarbeiter, die damals beim Bau der Golden Gate Bridge in San Francisco abgestürzt sind, hinein in den Pfeiler mit noch weichem Beton, die damals nicht herausgeholt wurden, sondern seither in ihrem betonen Grab hängen, die holt alle dieser Herr heraus. Sie kommen heraus und die, die im Lehm irgendwo Verschachteten oder die in der Eiswüste Liegenden: Gottes Mund ruft sie, Namen für Namen.

Kein Unterschied mehr zwischen denen auf dem Friedhof Begrabenen und den im Feuer verbrannten. Kein Meer wird mehr Menschen gefangen halten, kein Wellenmeer, kein Meer des Grauens oder Wahnsinns, nicht das Meer der Tränen und Trauer. Gott wird rufen, Namen für Namen, Seele für Seele. Kein Tod und kein Töter hat das letzte Wort über einen Menschen. Kein Mensch hat das letzte Wort über seinen Wert, seinen Sinn, seine Ehre und dessen Ehre, dessen Ehre in den Dreck getrampelt wurde.

Der Wert des Menschen liegt allein einmal bei Gott und seinem Urteil. Das letzte Urteil in meinem Leben kommt Gott sei Dank nicht aus eines Menschen Mund, sondern aus Gottes Mund an dem Tag, an dem das Meer die Toten herausgeben wird und die darin sind.

3. Es gibt keine Entschuldigung mehr

Es gibt keine Entschuldigung mehr.

"Und Bücher wurden aufgetan. Ein anderes Buch wurde aufgetan, welches ist das Buch des Lebens."

Ihr Freunde, was heißt das? Es heißt ganz bestimmt einmal das, dass unsere Namen so gut aufgehoben sind, wie die einzelnen Seiten in einem gebundenen Buch. Es gibt ja solche schönen Geschenke zum 40. oder 50. oder 60. Lebensjahr, dass man Freunde und Bekannte und Menschen anschreibt, die die Persönlichkeit kennen. Und jeder darf auf dem DIN A4-Blatt ein schönes Gedicht machen oder ein Bild hineinkleben, eine Erinnerung, einen Bibelspruch. Und diese Blätter werden gesammelt und dann zum Buchbinder gebracht und dann fest zusammengebunden. Und dann hat dann der glückliche Besitzer eben jenes Buch mit den Seiten der einzelnen Menschen.

So stelle ich es mir vor: Einen Prachtsband besitzt Gott. Und jeder von uns, jeder von uns hat in diesem Buch seine Seite. Und da geht aus diesem Band kein Blatt verloren. Es ist fest eingebunden, eingeheftet, fest aneinandergenäht, wie in Büchern, die noch richtig gebunden sind. Jeder hat eine Seite im Buch des Lebens. Keiner geht unter wie ein Zettel. Gott verlegt nichts, so wie wir die Zettel verlegen. Und Gott verflattert nichts, so wie uns Zettel verflattern.

Unvergesslich damals bei einem Kirchentag, vor vielen, vielen Jahren, als noch der berühmte Reinold von Thadden-Trieglaff, der Präsident, lebte und der in Berlin bei der Abschlusskundgebung im Berliner Olympiastadion die Schlussansprache halten musste. Und er hatte seine Zettel so schön auf das Pult gelegt, das sah man im Fernsehen. Und dann kam so ein Wind. Und ich sehe noch, wie die Blätter – er schnappte noch –, aber die meisten Blätter waren weg. Und dann kam dieser große Mann ins Stottern. Er wusste nicht mehr weiter. Die Rede war aus. Die Zettel waren zerflattert. - Liebe Freunde, bei Gott kommt kein Sturm. Nichts bläst dem die Zettel aus der Hand. Ihr Lebensblatt ist in seinem Buch eingebunden.

Aber daneben gibt es, und so steht es hier, noch ein anderes Buch. Jenes Buch des Jüngsten Gerichtes. „Und die Toten wurden gerichtet nach dem, was in den Büchern steht, nach ihren Werken.“ Hat Gott eine doppelte Buchführung?

Ich erkläre es mir so: Das eine Buch, das Gott besitzt, das enthält mein Blatt mit meinem Namen, das Geschenk meines Lebens. Und das andere Buch enthält den Kommentar zu meinem Namen. Und diesen Kommentar schreibe ich selber mit meinen Werken, die ich tue. Dort stehen meine Gedanken, meine Worte, meine Taten. Jeder Tiefenpsychologe weiß, dass das, was wir erlebt haben, nicht einfach weg ist, sondern dass es absackt, untertaucht ins Unterbewusstsein, in ein „Es“, sagt Sigmund Freud. Es ist gleichsam ein Filmband, an dem wir nichts herumschneiden, das wir nicht bearbeiten können. Eine einzige Anklageschrift beim Gericht ist dann – nicht irgendetwas verhandelt, sondern dort wird mein Fall verhandelt, mein Leben von A bis Z. Das ist die Handschrift, die wider uns war, von der Paulus im Kolosserbrief einmal schreibt.

Mir schickte einer vor wenigen Monaten ein Tonband zu, ein altes Tonband mit einer meiner ersten Predigten, die ich gehalten habe. Ich kann Ihnen sagen, mit gequältem Sinn und Ohr habe ich jenes Band gehört. Nicht, weil ich heute viel, viel besser predigte, Aber weil es schrecklich war, etwas, was man vor 25 Jahren gesprochen hat, noch einmal hören zu müssen. Und ich denke mir, wenn das bei einer Predigt schon so sein kann, wie wird das erst, wenn all jene Gespräche, wenn all jene Gedanken, wenn all jene Taten noch einmal vor mir ablaufen, unbearbeitet, die ein Leben lang in meinem Leben abgelaufen sind? Das ist das Gericht, das ist das Buch des Lebens, das ist die Handschrift, die wider uns war. Eine einzige Anklageschrift. Am Schluss gibt es dann nur noch ein Stöhnen: „Ich elender Mensch!“.

Und dann, so wie bei jeder Gerichtsverhandlung, d"er Angeklagte hat das letzte Wort". Aber ich bin davon überzeugt, wir haben nichts mehr dazu zu sagen: „No comment.“ Kein Kommentar, keine Entschuldigung mehr. Eine eisige Stille.

Deshalb das Letzte:

4. Es gibt keinen Ausweg mehr

Keinen Ausweg mehr. Wir sind unentschuldbar geworden und haben uns unentschuldbar gemacht. Schluss mit allen Entschuldigungen und Erklärungen. Schluss mit allen Schuldzuweisungen, in die wir andere mit hineingezogen haben. Das Ende aller Auswege und Ausflüchte ist gekommen. Wohin sollten wir auch fliehen? Sollten wir flüchten? Es gibt ja keinen Himmel und keine Erde. Es gibt kein Meer. Es gibt nichts mehr, wohin wir fliehen könnten. Es gibt nur noch einen Platz und das ist der vor Gottes Thron.

Ich habe gelesen, in Rom, in einer alten Kapelle, deren Namen ich nicht kenne, ist ein altes Mosaik. Und auf diesem Mosaik ist eben dieser Thron Gottes golden, herrlich dargestellt. Davor stehen Petrus und Paulus anbetend, kniend. Und auf diesem Thron sitzt nicht Gott mit seinem Richterbuch, so wie in vielen Bildern. Auf diesem Thron sitzt auch nicht Christus mit dem Schwert, so wie in vielen Bildern, sondern auf diesem Stuhl sitzt überhaupt keiner. Aber wenn man sich dann an dieses helle Licht des Bildes gewöhnt hat, dann sieht man auf einmal: Auf diesem Bild sitzt in der Tat keiner, aber auf diesem Stuhl liegt ein Kreuz.

Das ist das Ziel dieses Textes. Das ist unsere Hoffnung. Auf dem letzten Richterstuhl sitzt der Gekreuzigte. Da liegt das Kreuz, da liegt die ganze Vergebung meiner Schuld. Der auf dem Thron sitzt, ist Christus, der Gekreuzigte. Kein Unbekannter, dem wir begegnen, sondern der Christus, den wir alle kennen sollten. Und im Familienbuch der Kinder Gottes sind die eingeschrieben, die ihn anriefen, die sich zu ihm bekehrten und ihm folgten ein Leben lang: „Freut euch, dass eure Namen in diesem Buch geschrieben sind.“.

Ein letztes Bild: Ein Sohn machte vor wenigen Wochen eine Prüfung an der Uni in Mannheim. 600 Studenten machten die gleiche Prüfung. So viele sind das. 200 davon werden das erste Mal ausgesiebt und das nächste Mal wieder 200. So ist das heute an den Universitäten, ein Kampf auf Leben und Tod. Und nach dieser Prüfung der 600 wird nach einiger Zeit an der Uni, an der schwarzen Tafel, Computerauszüge ausgehängt mit den Namen derer, die bestanden haben. Und dann, so wurde mir berichtet, sei einer zu ihm gekommen und habe gerufen, freudig gerufen: „Du, ich habe deinen Namen gesehen. Dein Name ist drauf!“ Und diese Nachricht habe eine große Freude ausgelöst.

Ich möchte eigentlich heute Abend es jedem so sagen können, es eigentlich jedem sagen wollen: Ihr Name ist drauf. Hoffentlich ist Ihr Name drauf, dass Sie das Letzte Gericht bestehen und dass Sie nicht geworfen werden in den feurigen Pfuhl. Wir müssen nicht verloren gehen. Gott will uns helfen. Uns soll geholfen sein.

Amen.