Einführung in den Bibelfit-Dienst und Vorstellung des Gastes
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Dieses Video ist für dich. Ich freue mich, heute meinen geschätzten Mitstreiter Jürgen Fischer zu Gast zu haben. Viele hier kennen Jürgen zum Beispiel von Outdoor-Bibelschulen, vom Emmaus-Bibelkurs, von buchstäblich tausenden Vorträgen, Workshops und Bibelarbeiten. Außerdem ist er bekannt durch seinen umfangreichen Frogwords-Podcast und vieles mehr, was er in den letzten drei Jahrzehnten vor Ort und online aufgebaut hat.
Mit seinem Engagement hat er unzähligen Menschen in mehreren Ländern geholfen, im Glauben fester zu werden.
Thema des Gesprächs: Fasten in der westlichen Christenheit
Wir sprechen jetzt über eine Frage, die hier in den Kommentaren schon viel diskutiert wurde. Es geht um die Situation bei uns im Westen, in Westeuropa, in der westlichen Welt. Warum fasten bei uns so wenige Christen? Und warum könnte Fasten wahrscheinlich sogar eine gute Idee sein?
Lieber Jürgen, kannst du uns bitte etwas näher in das Thema Fasten einführen? Warum sollte man fasten, wie funktioniert das und wie viele Menschen fasten überhaupt?
Grundlegendes zum Fasten in der Bibel
Das kann ich gerne machen. Zunächst ist es vielleicht wichtig zu sagen, dass Fasten zu den Themen gehört, die in der Bibel nicht klar geregelt sind. Das ist total spannend. Wir sehen, dass Menschen fasten, und das wird tatsächlich durch die ganze Bibel hindurch praktiziert.
Aber warum sie das tun, also im Sinne von: Gibt es dafür ein Gebot? Da muss man sagen: Nein, das gibt es eigentlich nicht. Es steht nirgendwo in der Bibel: „Ihr sollt fasten.“ Das, was dem am nächsten kommt, ist sozusagen das einzige Gebot, das man vielleicht greifen könnte. Im Alten Testament gibt es den großen Versöhnungstag, an dem sich das Volk erniedrigen soll. Das wäre üblicherweise ein Tag zum Fasten.
Aber das ist schon das Einzige, was wir haben. Dagegen steht dann die Praxis, sowohl im Alten Testament als auch im Neuen Testament, dass die Gläubigen gefastet haben. Das ist erst einmal das wirklich Spannende.
Manchmal ist das so, dass man aus der Beschreibung der Praxis die Theologie ableiten muss. Beim Thema Handauflegung ist es zum Beispiel ähnlich: Da werden Hände aufgelegt, aber so richtig beschrieben, warum und wozu, wird das eigentlich nicht.
Beim Fasten, worum geht es dabei? Der Begriff ist, glaube ich, allen geläufig: Fasten bedeutet, im Allgemeinen auf Essen oder Trinken zu verzichten, oft auf beides. Das ist aber nicht das Einzige.
Es gibt Leute wie Daniel zum Beispiel. Wenn er fastet, kann er nicht einfach auf Essen und Trinken verzichten, weil er einen Job hat, bei dem das nicht möglich ist. Wenn Daniel in Daniel 10 fastet, verzichtet er auf Fleisch, auf Wein und auf besondere Speisen, die etwas edler waren. Das geht also auch.
Fasten wird in der Bibel oft mit dem Verzicht auf Essen und Trinken verbunden. In der modernen Zeit kann man Fasten auch so leben, dass man auf andere Dinge verzichtet. Man könnte sich zum Beispiel vorstellen, auf das Handy, Social Media oder andere gewohnte Ablenkungen zu verzichten. Das ist auch möglich.
Aber in der Bibel geht es in erster Linie, und ich glaube auch am meisten schmerzlich, um den Verzicht auf Essen beziehungsweise Trinken.
Die Bedeutung des Fastens und seine Verbindung zum Gebet
Okay, das heißt, wir wissen nicht genau, warum die Leute gefastet haben. Wir versuchen, uns das herzuleiten, aber wir wissen, was sie gemacht haben. Können wir jetzt daraus ein paar Schlussfolgerungen ziehen, was sozusagen die Idee dahinter ist und was das für uns als Christenheit heute bedeuten soll?
Ich frage mit dem Hintergedanken, dass Fasten unter vielen, besonders freikirchlichen Christen, nicht unbedingt verbreitet ist. Das finden wir zum Beispiel in manchen evangelischen Landeskirchen, in manchen römisch-katholischen Kirchen und je nach Region auch in orthodoxen Kirchen. In anderen Teilen der Welt ist das Fasten deutlich stärker ausgeprägt als bei uns im Westen. Wenn du uns da ein bisschen mit reinnehmen kannst, bin ich ganz Ohr.
Genau, also die Frage ist: Warum soll man fasten? Oder wer fastet überhaupt? Wenn man sich anschaut, zu welchen Gelegenheiten gefastet wird, dann ist das zum Beispiel in Zeiten der Trauer. David fastet, als er sein Kind verliert. Er fastet und betet. Oder in Zeiten von Angst, bevor Esther zum König geht. Oder bevor Esra aufbricht zurück nach Israel, da wird ebenfalls gefastet.
Der König, ich glaube Joschafat war das, zieht in den Krieg und fastet erst einmal. Dann gibt es natürlich Zeiten der Buße, wie wir das bei den Niniviten sehr gut sehen. Dort wird gefastet. Oder wenn schwierige Entscheidungen anstehen. Ein Beispiel ist Apostelgeschichte 13, wo die Ältesten fasten, bevor sie Paulus und Barnabas aussenden.
Das heißt, Fasten findet nicht um seiner selbst willen statt. Fasten begleitet immer Gebet, und zwar ernstes Gebet. Ich glaube, das ist das, was wir verstehen müssen. Das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum in der evangelikalen Welt so wenig gefastet wird. Fasten macht Gebet ernster, macht Gebet greifbarer und radikaler.
Es gibt nur wenige Dinge, die wir tun können, um unser Gebet vor Gott zu verstärken. Wir können flehen, das heißt, wir setzen Emotionen noch dazu ein. Wir können ihm ein Gelübde leisten, ihm etwas versprechen für das, was er uns geben soll. Wir können Dinge immer wieder vor Gott bringen. Wir können auf Schlaf verzichten, das wäre Wachen. Und dann stoßen wir langsam an unsere Grenzen. Das, was am meisten praktiziert wird, ist eben Fasten.
Fasten dient dazu, wenn ich bete, zum Ausdruck zu bringen: Dieses Gebet ist mir jetzt wirklich, wirklich wichtig. Wenn ich mir das so vor Augen halte, wozu Fasten da ist, dann merke ich, dass Fasten nur der macht, der einen bestimmten Bezug und eine bestimmte Einstellung zum Gebet hat. Das ist wahrscheinlich der Punkt, an dem alles hängt: Warum bete ich?
Wenn ich einfach nur bete, weil man als artiger Christ halt jeden Tag ein bisschen betet, und wenn ich ein bisschen artiger bin, mache ich es hoffentlich nach dem Vaterunser. Aber wenn ich es nur so mache, weil ich artig sein will oder weil es irgendwie dazugehört, dann habe ich einerseits nicht verstanden, wozu Gebet da ist. Auf der anderen Seite werde ich nie auf den Gedanken kommen, mal morgens drei Stunden früher aufzustehen und ein Wachgebet zu machen. Ich werde nie über ein Gelübde nachdenken und auch nicht über Fasten.
Das Äußerste, was ich wahrscheinlich mache, ist, wenn ich sehr betroffen bin von einem Anliegen, zu flehen und zu weinen – vielleicht, wenn ich der Typ dafür bin. Das kommt auch noch dazu.
Stimmt, das heißt: Wenn Fasten ernstes Gebet zum Ausdruck bringt, dann muss ich mir die Frage stellen: Bin ich jemand, der das verstanden hat? Welchen Stellenwert hat Gebet im Leben eines Gläubigen? Ich denke, da scheitern viele Christen daran, dass sie nicht verstanden haben, dass Gebet eine Waffe ist. Gebet ist ein Beitrag, denn wir befinden uns in einem kosmischen Konflikt um Seelen.
Wir sind hineingestellt, um durch Gebet wirklich Dinge zu bewegen. Unser Gebet ist nichts, was so lapidar einfach nur dahingesprochen wird und hoffentlich irgendetwas bewegt. Der Herr Jesus verspricht uns, dass er uns erhört, wenn wir beten. Wir müssen im Glauben beten. Da gibt es noch ein paar andere Voraussetzungen, die aber nicht so kompliziert sind, als dass wir nicht so beten könnten.
Wenn ich verstanden habe, dass mein Gebet, vor allem mein ernstes Gebet, wirklich etwas bewegt – zum Beispiel da, wo Freunde Probleme in ihrer Ehe haben, wo meine Kinder damit straucheln, zum Glauben zu finden, wo meine Gemeinde Schwierigkeiten hat, weil sie theologisch gerade falsch abbiegt, und so weiter –, dann merke ich, dass ich wirklich etwas bewegen kann. Aber ich muss auch ein bisschen mehr investieren.
An dieser Stelle denke ich dann über Fasten nach.
Kurzer Exkurs: Was ist Gebet?
Wenn ich da kurz einhaken darf: Bevor wir gleich über das Fasten und verschiedene Praktiken sprechen, vielleicht ein kurzer Exkurs. Das gilt vor allem für Leute, die noch nicht lange Jesus nachfolgen oder gerade das erste Mal das Neue Testament lesen und sich darauf einlassen.
Wie würdest du unterm Strich erklären, was Gebet ist? Gebet ist Reden mit Gott, mehr nicht. Der Herr Jesus wurde von seinen Jüngern gefragt: „Wie sollen wir beten?“ Daraufhin präsentierte er das Vaterunser.
Das Vaterunser besteht im Wesentlichen aus fünf Elementen. Es beginnt mit Anbetung, dann folgt Fürbitte, danach kommt die Bitte. Anschließend geht es um meine Sünden und um die Menschen, die sich an mir versündigt haben. Zum Schluss steht die Bitte an Gott, mich klug durch dieses Leben zu führen.
Das sind die fünf Elemente, über die ich jeden Tag mit Gott reden soll. Das ist Gebet. Ich denke, wir müssen beim Gebet ganz vorsichtig sein, dass wir es nicht mystifizieren oder irgendwie überladen. Gebet ist einfach Reden mit Gott, so wie uns der Schnabel gewachsen ist.
Über die Jahre hinweg dürfen wir anfangen, intelligent zu beten. Wir können uns Gedanken machen, was Anbetung bedeutet, wer Gott eigentlich ist und was ich ihm dabei sage. Was bedeutet Fürbitte? Für wen soll ich beten? Was kann ich beten, wenn ich für meine eigenen Anliegen bete? Wie bete ich richtig für zum Beispiel dieses Treffen, das wir heute haben? Ein Gebet muss manchmal vorbereitet werden.
Wenn ich meine eigenen Sünden bekenne, soll ich das jeden Tag tun. Natürlich wird Gott mir am Anfang nicht alle meine Sünden zeigen – das wäre zu viel, da würde man zerbrechen. Aber Stück für Stück wird er das tun, und dann darf ich es bekennen, jeden Tag.
Ich darf darüber nachdenken, wo ich gerade stehe, wo ich seine Weisheit brauche und wo ich seine Bewahrung brauche. Das darf ich Gott anvertrauen. Das ist zwar nicht unser Hauptthema, weil wir über das Fasten sprechen wollen, aber ein intelligentes Gebet nach dem Vaterunser gibt deinem inneren Menschen alles, was er braucht, um mit Gott wirklich leben zu können.
Hier hörst du es von Jürgen persönlich: Beten lernen, aber mit Sinn und Verstand. Wir haben dir eine Art Gebetsfahrt für dein Zuhause zusammengestellt, mit der du Beten von neuem lernen kannst. So habe ich das damals auch gelernt.
Du kannst sie gern für deinen Hauskreis, deine Familie oder auch für Gebetsgemeinschaften in eurer Gemeinde benutzen. Sie ist komplett gratis. Klicke dafür einfach auf den ersten Link unter dem Video.
Die Elemente des Gebets und ihre Bedeutung
Und weiter mit Jürgen: Anbetung bewahrt uns vor Götzendienst. Fürbitte bewahrt uns davor, den Fokus auf diese Welt zu legen und nicht mehr auf das Reich Gottes.
Wenn wir unsere Bitten vor Gott ausbreiten, schützt uns das vor der Vorstellung, wir könnten alles aus eigener Kraft schaffen. Wenn wir unsere Sünden bekennen, bewahrt uns das vor der Idee, wir seien die Größten und lebten nicht aus Gnade.
Die Bitte um Weisheit und Bewahrung am Ende zeigt einfach nur, von wem wir abhängig sind. Ich kann jedem nur empfehlen, dieses Thema eingehend zu studieren.
Dabei sind wir noch nicht beim Fasten, sondern sprechen hier nur vom Gebet. Das war wirklich das Einmaleins des Gebets.
Um das Einmaleins des Gebets abzuschließen: Was ist Gebet nicht? Gebet ist nicht Singen und auch nicht Schweigen vor Gott. Das sind zwei völlig unterschiedliche Dinge, die ebenfalls geboten sind, aber eben nicht Gebet.
Heutzutage wird das meiner Meinung nach manchmal ein wenig verwechselt.
Rückkehr zum Thema Fasten
Jürgen, ich glaube, wir müssen dich wieder einladen. Zurück zum Thema Fasten: Da steckt so viel drin, immer in dem, was du sagst. Man könnte in jedem Satz irgendwie so richtig eintauchen. Aber gut, wir kommen jetzt noch mal zurück zum Thema Fasten. Kannst du uns da ein bisschen weiterführen, wo wir eben gerade waren?
Natürlich. Also, ich hatte gesagt: Fasten wird nicht geboten, aber Fasten wird gemacht. Es wird auch im Neuen Testament praktiziert. Das ist nicht etwas wie andere Dinge, die wir im Alten Testament kennen und die im Neuen Bund plötzlich nicht mehr da sind. Fasten findet auch im Neuen Bund statt.
Ich hatte Apostelgeschichte 13 genannt. Auch Paulus spricht in 2. Korinther 6 einfach davon, dass er fastet. Was ich besonders spannend finde: Jesus selbst gibt kein Gebot, aber erklärt uns in der Bergpredigt, wie man fasten soll. Er sagt: „Na ja, wenn ihr fasten wollt, dann bitte so und so.“
Er betont, dass man beim Fasten darauf achten soll, es nicht heuchlerisch zu tun. Wenn man anfängt, längere Zeit nichts zu essen, riecht man manchmal etwas streng. Das soll man bitte mit einem guten Deodorant überdecken, damit niemand auf den Gedanken kommt: „Fastest du denn?“ Wir machen das nicht für die anderen, wir machen das nicht als Show, sondern Fasten ist für Gott.
Gott sieht, was wir tun, Gott hört auf das, was wir beten, und Gott wird uns dafür belohnen. Das ist das, was in der Bergpredigt steht.
Später, in Matthäus 9, werden die Jünger von Leuten gefragt, warum sie eigentlich nicht fasten. Hier merken wir schon: Man kann fasten und fasten. Man kann fasten als religiöse Übung, die man einfach nur macht, um Gott zu beeindrucken. Oder man fastet, weil man ein Herzensanliegen hat und weil man weiß, dass das Fasten die Ernsthaftigkeit des Gebets unterstreicht.
Jesus wird dann gefragt: „Warum fasten deine Jünger nicht?“ Seine Antwort lautet: „Wir feiern.“ Er bringt das Bild einer Hochzeit. Jetzt ist der Bräutigam da, jetzt brauchen sie nicht fasten.
Dann wird es spannend. In Matthäus 9,15 sagt er: „Es kommt eine Zeit, in der der Bräutigam von ihnen weggenommen wird.“ Das ist die Zeit nach der Himmelfahrt, die Zeit, in der wir uns befinden. Dann werden sie fasten.
Für Jesus ist völlig klar: Ein geistliches Leben ohne Fasten in der Zeit, in der er nicht mehr auf der Erde ist, obwohl wir den Heiligen Geist haben, ist völlig unmöglich. Das geht nicht. Fasten gehört so selbstverständlich dazu, es ist Standardausstattung. Es ist nichts für die Extraheiligen, sondern für die, die einfach nur durch diese verrückte Welt irgendwie durchkommen wollen.
Fasten als Ausdruck von Gebet in verschiedenen Lebenssituationen
So, jetzt wissen wir, was Fasten ist. Wir wissen auch, dass es zwar kein Gebot ist, aber dass jeder, der in der Bibel Angst hatte, schwierige Entscheidungen treffen musste oder Buße getan hat, irgendwann in einer Situation war, die ihn einfach überfordert hat. In solchen Momenten greifen Menschen automatisch zum Fasten zurück und sagen: Das Einzige, was ich jetzt tun kann, ist ernstlich beten. Ich brauche jetzt Gott, und damit Gott sieht, wie ernst es mir ist, faste ich.
An dieser Stelle wäre die Zwischenfrage wahrscheinlich erlaubt: Wenn wir kurz in die freikirchliche Welt schauen – und liebe Zuschauerinnen, lieber Zuschauer, selbstverständlich sind nicht alle Christen auf der Welt Freikirchler, genauso wenig wie alle Freikirchler Christen sind, aber das lassen wir jetzt mal außen vor – sehen wir tatsächlich, dass viele Mitglieder in Freikirchen sich bemühen, ihren Glauben ernster zu nehmen als in manchen anderen Gemeinschaften. Lassen wir es mal so stehen.
Warum ist es denn so, dass ausgerechnet in vielen Freikirchen, nicht in allen, besonders unter den Evangelikalen, das Thema Fasten so unterbelichtet ist? Das kann ich dir nicht genau sagen. Ich kann dir aber erzählen, dass meine erste Predigt über das Fasten in einer Freikirche dazu führte, dass sich derjenige, der mich eingeladen hatte, nachher für meine Predigt entschuldigte. Das heißt, es scheint in zumindest einigen Strömungen so zu sein, dass man dem Fasten wenig bis gar keine Bedeutung mehr beimisst und es eher dem jüdischen und alttestamentlichen Glauben zuschreibt. Das ist eine Erfahrung, die ich gemacht habe. Ob das heute noch so ist, weiß ich nicht. Die Erfahrung ist fünfundzwanzig Jahre alt. Vielleicht wird das heute ganz anders gesehen. Aber damals fand ich das sehr drollig, muss ich ehrlich sagen. Du hältst eine Predigt, die sauber biblisch begründet ist und zeigst, dass alle fasten, und dann kommt als erstes: Ja, ja, das gilt eigentlich nicht für uns heute.
Das ist auf jeden Fall eine Erscheinung in Gemeinden, die – jetzt kommt ein Fachbegriff – dem Dispensationalismus zugeneigt sind. Dort kann es sein, dass das Fasten aus der Gemeindepraxis herausgehalten wird. Das ist mir zumindest begegnet.
Das Nächste, was ich beobachte, ist, dass zwischen der Behauptung „Wir meinen es ernster“ und dem tatsächlichen Leben vieler Christen ein Spalt besteht. Es stimmt einfach nicht ganz. Zu sagen „Ich meine es ernster“ ist nur dann wahr, wenn man diese Ernsthaftigkeit auch in den Dingen zeigt, die Gott will. Wenn Jesus sagt, wir sollen beten, und wenn er sagt: „Ihr werdet fasten“, dann muss ich kein Physikstudium haben, um das zu verstehen.
Ich habe den Eindruck – und das ist jetzt sehr pauschal und vielleicht unfair –, dass wir dazu neigen, eher Hörer als Täter des Wortes zu sein. Das hat vielleicht auch mit unserer Gemeindekultur zu tun. Wir sind eine Gemeinde, eine evangelikale Bewegung in Deutschland, die stark davon lebt, dass man Dinge am Sonntag hört. Aber sie lebt weniger davon, das Gehörte umzusetzen oder den Prozess der Umsetzung zu begleiten.
Meist ist es danach vorbei. Vielleicht gibt es in einem Hauskreis noch eine kleine Nachbesprechung der Predigt. Aber das echte „Hey, was hast du von den 50 Predigten des letzten Jahres eigentlich mitgenommen? Bist du mit der Idee gegangen, wenigstens von fünf etwas mitzunehmen?“ – das passiert selten.
Ich denke gerade viel über das Thema Gottesdienstmodelle nach, weil ich den Eindruck habe, dass unsere Modelle nicht dazu führen, dass Menschen reif werden. Darüber könnten wir auch mal ein Video machen. Das wäre spannend: Warum hören Leute Hunderte von Predigten, haben aber oft nach Jahrzehnten kaum Ahnung von ihrer Bibel und davon, was es bedeutet, geistlich zu leben.
Oh ja, kein Wort in Gottes Wort. Da muss ein systemischer Fehler dahinterstecken. Das ist mal eine Ansage.
Damit mehr Menschen in unserem Land solche wertvollen Botschaften hören, kannst du gerne die Glocke hier unten rechts unter diesem Video drücken. Während du das tust, hören wir, was Jürgen weiter zu sagen hat.
Diese ganz praktischen Themen bleiben leider häufig auf der Strecke. Frag mich warum – ich weiß es nicht genau. Vielleicht hat es einen theologischen Ursprung, das wäre für meine Freunde der Dispensationalismus. Vielleicht hat es einfach damit zu tun, dass viele nur Hörer sind und keine Täter werden. Das wäre dann Zeitgeist: Es reicht, die Dinge zu wissen.
Wesentliche Elemente für geistliches Wachstum
Zehn Jahre Praxis in Gemeinden, selbst als Christ, mit vielen Menschen, die du begleitet hast: Was sind denn Dinge, bei denen du sagst, okay, das hat sich auf eine gewisse Art und Weise bewährt? Was sind Sachen, bei denen du sagst, hey, wir haben diesen riesigen Strom der christlichen Traditionen, manches davon ist ungesund, das ist klar, manches davon ist sehr gesund. Was würdest du sagen, liegt eher auf der gesunden Seite, hilft mir für geistliches Wachstum und bringt mich näher an das Herz Christi heran?
Wenn es um geistliches Wachstum geht, dann gibt es eigentlich nur zwei Dinge, die man beherzigen muss. Das eine ist: Du brauchst eine Methodik zum intelligenten Nachsinnen über das Wort Gottes. Das hat etwas mit Bibellese zu tun, mit dem Auswendiglernen von Versen und mit dem Nacharbeiten von Predigten. Dabei braucht man auch gar nicht so viel. Du brauchst eben so viel, dass dein Kopf es gut fassen und verarbeiten kann. Denn es geht ja darum, das, was du verstanden hast, auch zu tun. Deswegen Nachsinnen – um es zu tun, nicht einfach nur, um es verstanden zu haben.
Das Zweite ist Gebet. Wenn wir uns anschauen, was wir von Jesus lernen können, dann ist das erstaunlich wenig, was Frömmigkeit angeht. Aber die eine Sache, die heraussticht wie keine andere, ist sein Umgang mit dem Vater, sein persönlicher Umgang. Die Tatsache, dass er sich immer wieder alleine zum Gebet zurückzieht. Und das macht er, bevor er Apostel einsetzt, das macht er, wenn gerade seine Popularität steigt, das macht er in Gethsemane, das macht er die ganze Zeit.
Von daher diese zwei Sachen: Ich glaube nicht, dass man mehr braucht. Auch das, was ich sonst so lese an Strömungen, die noch zusätzliche geistliche Übungen und Ideen einfügen, sehe ich sehr skeptisch. Ich würde jedem raten: Wenn du noch eine halbe Stunde hast, bete eine halbe Stunde länger. Ja, diesen Rat würde ich geben. Setz dich in Ruhe hin, überlege dir, für wen du beten willst, was du für ihn beten kannst – und dann bete mehr.
Das würde ich unterschreiben. Das sind die zwei Sachen, die ich in der Bibel finde. Am Rande kann man sicherlich noch Gemeinschaft und Dienst erwähnen und dass man sich einer Gemeindeleitung unterstellt, damit diese Leute ins Leben hineinsprechen dürfen. Das sind auch wichtige Dinge.
Definitiv. Aber mein persönliches Leben mit Gott – dieses „Ich habe sein Wort, ich höre, was er sagt, und ich rede mit ihm als Antwort“ – das ist das A und O.
Verstanden.
Praktische Umsetzung des Fastens im Alltag
Und da kommt jetzt eben das Fasten mit hinein. Wir waren ja beim Fasten, sind ein bisschen abgeschweift und vom Thema abgekommen.
Fasten bedeutet jetzt, dass ich mir überlege: Welche Themen sind mir eigentlich so wichtig, dass es mir nicht reicht, einfach nur dafür zu beten? Da muss ich mich irgendwo mal hinsetzen und mir überlegen, was mir so wichtig ist, dass ich sage: Da braucht es mehr.
Ich mache mal ein paar Beispiele. Also, ich habe so eine Liste – meine Fastenliste. Diese bete ich immer am Freitag. Freitag ist mein Fastentag. Wobei Fastentag in dem Sinne erst einmal ganz simpel ist.
Es gibt das sogenannte jüdische Fasten. Die Juden haben gefastet, indem sie auf das Mittagessen verzichtet haben. Sie haben quasi von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang gar nichts gegessen, wahrscheinlich auch nichts getrunken, und haben dafür das Mittagessen durch ein Fastengebet ersetzt. Üblicherweise haben sie drei rituelle Gebete gesprochen, und am Fastentag kam noch ein zusätzliches Fastengebet dazu.
Ich fand das einfach eine schöne Idee, weil ich das in mein Leben integrieren kann. Wenn irgendwo völlig die Hütte brennt und alles drunter und drüber geht, dann kriegt man immer alles hin. Ja, dann kann jeder fasten. Aber dieses ganz Normale – da dachte ich mir: Ach, das mache ich. Ich nehme mir einen Tag, an dem ich aufs Mittagessen verzichte, und nehme mir Zeit für die Anliegen, die mir so wichtig sind wie sonst keiner.
Auf meiner Fastenliste stehen zum Beispiel meine Ehe – logisch. Dass ich meine Frau liebe, ehre und mit ihr auf eine Weise umgehe, die ihre Bedürfnisse erkennt, das steht da drauf. Dann steht die Bundesregierung darauf, weil wir ja zuallererst für die Regierung beten sollen, wie es im 1. Timotheus 2,1-2 steht. Da dachte ich mir: Gut, dann mache ich mir mal eine Liste von Sachen, für die ich beten kann. Dann habe ich da so eine kleine Liste in der Liste.
Sehr pauschal ist meine Gemeinde dabei. Ich wünsche mir, dass meine Geschwister in einer innigen, gehorsamen Beziehung zu Gott leben und dass das ganze dämonisch Böse sie nicht verführt. Solche Dinge stehen da. Natürlich ist auch meine Familie dabei, das sind meine Enkel.
Wenn man so ein bisschen darüber nachdenkt, dann wird man relativ schnell feststellen: Es gibt ganz schön viele Themen, die mir eigentlich ziemlich wichtig sind. Das ist logisch. Wenn du dafür betest, wird dein Kanal mit dabei sein. Es ist ja logisch, dass Leute das, was du da produzierst, hören und davon getroffen werden.
Ich habe das auch: Mein Podcast wird jeden Freitag gebetet, dass Gott Gnade gibt und die richtigen Leute ihn hören. So mache ich es, und so hat es sich tatsächlich bewährt.
Das heißt, hier zahlt Fasten als eine religiöse Übung ein auf das größere Thema Gebet. Und dann kommt: Wenn jetzt richtig Probleme entstehen – das ist der problemfreie Normalzustand. Wenn jetzt richtig Probleme entstehen, kann ich diese Art von Fasten natürlich beliebig hochfahren.
Ich habe Zeiten in unserer Gemeinde erlebt, die so schwierig und beängstigend waren, dass ich fünf Tage die Woche so gefastet habe. Einfach nur, weil es dringend wichtig war, weil bestimmte Dinge einfach nicht passieren durften.
Es gibt manchmal Situationen in Gemeinden, die so gemeindegefährdend sind, dass, wenn bestimmte Sachen nicht gut ausgehen, man die ganze Gemeinde dichtmachen kann. Und dann betest und fastest du gerne fünf Tage die Woche – das ist ganz fix.
Aber wie gesagt: An der Stelle ist das immer einfach, wenn die Hütte brennt. Die Frage ist, was mache ich, wenn der Normalzustand läuft? Und da hat sich bei mir dieses Fastengebet am Freitag wirklich bewährt.
Falsche Wege des Fastens und die Bedeutung des Herzens
Auf welche Weise hast du in den letzten Jahren und Jahrzehnten beobachtet, dass man als Christ im Neuen Bund nicht fasten sollte?
Ich glaube, ich habe deine Frage noch nicht ganz verstanden. Kannst du sie bitte anders formulieren?
Gibt es einen falschen Weg zu fasten? Nun ja, es gibt natürlich immer den falschen, pharisäischen Weg.
Die eigentliche Frage ist: Warum faste ich? Es ist immer das Herz, das entscheidet.
Wenn ich faste, weil mir etwas wirklich wichtig ist, weil das Fasten Ausdruck meines Glaubens ist, weil ich mich in diesem kosmischen Konflikt wiederfinde – in dem ich weiß, dass der Teufel unsere Gemeinde, mein Leben oder das Leben meiner Freunde und Familie zerstören will – dann ist Fasten aus Glauben immer richtig. Da kann man nichts falsch machen.
Anders wird es, wenn ich anfange zu fasten, nur weil man eben fastet, oder um anderen zu zeigen, was für ein vorbildlicher Christ ich bin. Oder wenn ich faste, um mir selbst innerlich auf die Schulter zu klopfen und zu denken: „Mann, Gott hat es doch gut mit mir. Was für ein feiner Kerl ich bin.“
Das geht nicht. Dann kann man es lieber sein lassen. Oder besser gesagt: Es ist etwas falsch daran. Nicht einfach sein lassen, sondern Buße tun und es richtig machen.
Das ist ein guter Punkt. Vielen Dank für das Gespräch und vor allem für das Herz.
Gemeinsames Fasten und Gebetsaktionen in der Gemeinde
Hast du uns noch etwas zum Thema Fasten mitzugeben, eingebettet in das größere Thema Gebet? Etwas, das man gut im Blick behalten, integrieren und im Hinterkopf haben sollte, um über die Jahre und Jahrzehnte seines christlichen Lebens klüger damit umzugehen?
Ich habe dazu nur einen Punkt. Ich habe bisher stark das Fasten als Ausdruck von persönlichem Gebet beschrieben. Aber ich denke, man kann auch gemeinsam fasten.
Man muss das Beten lernen. Die Jünger bitten ja in Lukas 11: „Lehre uns beten.“ Deshalb scheint es mir so zu sein, dass man beim Beten oft eine Anleitung braucht.
Deswegen wäre es mit Sicherheit gut, wenn man – ich weiß nicht, ob ihr so etwas in eurer Gemeinde macht – zum Beispiel ein 24-Stunden-Gebet oder eine ähnliche größere Gebetsaktion veranstaltet, an der viele beteiligt sind. In so einem Rahmen wäre es sicherlich sinnvoll, vorher eine Predigt zum Thema Fasten zu halten und zu sagen: „Lasst uns alle mal auf das und das verzichten und dabei beim Beten diese eine Sache besonders mit hineinnnehmen.“
Ich könnte mir gut vorstellen, dass man, wenn Geschwister aus der Gemeinde sich entfernen und alle sich Sorgen machen, was aus ihnen wird, sagt: „Hey, die nehmen wir jetzt in unser gemeinschaftliches Gebet ganz intensiv mit hinein.“
Das wäre etwas, das die Leute dazu bringen würde, praktische Erfahrungen zu machen. Und solche Erfahrungen braucht es wahrscheinlich, um dann im eigenen Leben ein Fastengebet aufzubauen.
Das ist ein guter Punkt. Vielen Dank dir!
Abschließende Gedanken zum Gebet und zur geistlichen Praxis
Hast du noch etwas auf dem Herzen, das du gerne mit der Community teilen möchtest? Wie viele Stunden hast du noch Zeit zu diesem Thema?
Mir war es vorhin wichtig, über das Thema Gebet zu sprechen. Wir müssen beten, wir brauchen viel Gebet, und in den nächsten Jahren werden wir noch mehr Gebet brauchen – einfach deshalb, weil die Zeiten komisch und verworren sind.
Ich habe ja schon gesagt: Unser innerer Mensch bekommt im Gebet, was er braucht. Die moderne Tendenz, den inneren Menschen mit Lobpreismusik zu füllen, ist nicht gesund. Das ist nicht gesund.
Das mag kurzfristig ein bisschen Beruhigung bringen, aber langfristig führt es nicht zu einer tiefen Begegnung mit Gott. Es ist nur emotional, hat aber geistlich wenig Wert.
Deshalb bin ich dafür, dass Leute ihre Lobpreismusik hören – gar keine Frage, hört so viel ihr wollt. Aber nicht als Ersatz für das Gebet. Das bereitet mir große Sorgen.
