Prediger 7,15-8,15
Prediger 7,15-8,1524.09.2016
Serie•Teil 6 / 9Prediger
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Einleitung und Orientierung
Herr Präsident, liebe Kolleginnen und Kollegen!
Ich freue mich, dass ihr alle wieder da seid. Wir sind gestern bei Prediger 7,14 stehen geblieben, und wir werden uns heute von Kapitel 7,15 bis Kapitel 8,15 vorarbeiten. Wir werden heute Abend nur einen Vortrag haben. Ich denke, der wird einen Tick länger sein. Also nicht verzweifeln, ich komme schon irgendwann zum Schluss. Dann werden wir eine kurze Pause machen, und danach gibt es wieder die Möglichkeit, Fragen zu stellen. So wie vorgestern gibt es also wieder eine Frage-Antwort-Runde.
Okay, gut. Also Prediger 7,15: Da schreibt der Prediger Salomo: Das alles habe ich gesehen in den Tagen meiner Nichtigkeit.
Ja, den Begriff Nichtigkeit haben wir schon miteinander betrachtet. Es geht um das Leben hier auf der Erde in seiner Flüchtigkeit, in seiner Hohlheit, in seiner Unausgeglichenheit, in seiner Fragwürdigkeit. Er bringt jetzt noch einmal ein Beispiel, an dem das besonders deutlich wird: Da ist ein Gerechter, der bei seiner Gerechtigkeit umkommt, und da ist ein Ungerechter, der bei seiner Bosheit seine Tage verlängert.
Wann fühlen wir unsere Nichtigkeit am meisten? Immer dann, wenn wir das Leben am allerwenigsten verstehen. Ich mache ein Beispiel: Hans Peter Royer. Ich weiß nicht, wer ihn kennt. Hans Peter Royer, österreichischer Prediger, stirbt mit 51 bei einem Gleitschirmunfall. Ich habe das gehört, da war ich gerade auf einer Outdoor-Bibelschule. Und ich dachte mir, ich weiß noch, wo das war, und ich höre das und denke mir: Hey, warum? Ja, warum in dem Alter? Das ist ja noch kein Alter, um abzutreten. 51? Warum? Was soll das? Da ist ein Gerechter, der bei seiner Gerechtigkeit umkommt.
Und gleichzeitig höre ich die Biografie von Dietrich Bonhoeffer. Das ist noch so ein Gerechter, der am Ende des Krieges, wirklich in den letzten Tagen, völlig sinnlos schnell noch hingerichtet wird. Aber darum ging es mir nicht. Während ich das höre, bekomme ich mit, dass es diesen Attentatsversuch auf Adolf Hitler gab. Wenn man da ein bisschen recherchiert, stellt man fest: Es gab wenigstens 39 Attentatsversuche. Da ist ein Ungerechter, der seine Tage verlängert.
Die Tage auf dieser Erde, die wir leben, die Tage der Nichtigkeit, sind von Fragen geprägt, von Unstimmigkeiten, von Momenten, die diese „Das kann doch nicht wahr sein“-Momente sind. Wenn du noch nie in deinem Leben hilflos die Frage danach gestellt hast, wie das alles zusammenpasst, was du so erlebst, dann bist du nur ignorant.
Ich habe keinen blassen Schimmer, warum Hans Peter Royer, den ich sehr geschätzt habe und von dem ich denke, dass viele junge Leute durch ihn in einem Maß ermutigt worden sind, Jesus nachzufolgen, was ich mir persönlich für meinen Dienst nur wünschen würde, warum er mit 51 stirbt. Und auf der anderen Seite so jemand wie Mao Zedong – und ich bin jetzt mal ganz bewusst dorthin gegangen –, der wahrscheinlich größte Massenmörder des 20. Jahrhunderts, der für den Tod von bis zu 71 Millionen Chinesen verantwortlich ist, warum er 82 wird. Das macht doch keinen Sinn. Was soll das?
Und im Angesicht solcher Unstimmigkeiten: Wie kann man da leben? Das ist die Frage des Predigers. Und merkt ihr, warum ich Prediger mag? Weil er sich nicht so drum herum mogelt und sagt, das ist alles gar nicht so schlimm, sondern weil er die Dinge auf den Punkt bringt: Das ist das Leben. Jede andere Beschreibung von Leben stimmt einfach nicht.
Also: Wie lebe ich in so einer Realität?
Zwischen zwei Extremen
Und Salomo warnte uns vor zwei Wegen, die wir nicht gehen dürfen. Vers 16: Sei nicht allzu gerecht und gebärde dich nicht übermässig weise, wozu willst du dich zugrunde richten?
Ich gebe es gerne zu: Als ich den Vers das erste Mal gelesen habe, dachte ich: Hallo! Es geht doch überall immer um Gerechtigkeit. Stell dir vor, deine Tochter kommt und hat etwas Gummibärchen geklaut und sagt, wenn du sie ausschimpfst: Sei nicht allzu gerecht, Prediger 7,16.
Du merkst: Das muss etwas anderes bedeuten. Denn das kann nicht bedeuten: Mach so ein bisschen, auch so ein bisschen, was du willst. Worum geht es hier?
Sei nicht allzu gerecht und gebärde dich nicht übermässig weise, wozu würdest du dich zugrunde richten? Was Salomo hier beschreibt, ist der Weg des Pharisäers, der Weg in die, ich nenne das bewusst, Übergerechtigkeit und damit eigentlich direkt in die Selbstgerechtigkeit.
Es gibt ein Zuviel an Weisheit und Gerechtigkeit. Damit ist gemeint, dass ich mich hinstelle und damit anfange, Gebote aufzustellen, wo es eigentlich keine gibt. Und das macht man am Anfang aus sehr guten Motiven. Also: Die Pharisäer hatten auch mal einen Anfang. Und die sind nicht gestartet und haben sich hingestellt und gesagt: Lasst uns die Partei der Selbstgerechten werden. Das war nie ihr Ziel.
Die Pharisäer wollten am Anfang Gott ehren. Mit dieser Idee: Wir müssen noch ein bisschen mehr über die Bibel nachdenken. Wir müssen vielleicht an der einen oder anderen Stelle mal überlegen, was das genau bedeutet. Und das ist ein Problem. Wenn ich gerechter sein will als Gottes Wort, also wenn ich Gesetze definiere oder wenn ich Gesetze verfeinere mit meinen Gedanken, die Gott nicht gegeben hat, dann begebe ich mich auf einen Weg, der mich am Ende kaputt macht.
Der spitzfindige Mensch wird leicht zum sektiererischen Menschen, vor dem Titus in 3,10 warnt, wo er sagt, solche Menschen muss man abweisen. Die sind verkehrt, die sündigen. Und dann sagt Paulus etwas ganz Interessantes: Die sind durch sich selbst verurteilt. Das heisst, wenn ich auf solche Menschen treffe, dann merke ich: In ihrem Leben stimmt etwas nicht. Ich treffe eigentlich bei solchen Menschen immer auf einen ganz offensichtlichen Mangel, einen Mangel an Liebe, einen Mangel an Christusebenbildlichkeit.
Das, was der Übergerechte macht, ist: Er korrigiert eigenwillig Gottes Wort. Und das ist das Drama dabei. Obwohl er sich eigentlich wünscht, durch seinen Fleiss und dann auch durch seine Entbehrungen – das ist ja immer auch Anstrengung verbunden – Gott näher zu kommen, wird er zu einem Richter über Gottes Wort. Das ist das, was Jakobus 4,11 steht. Und er verliert den Kontakt zum Herrn Jesus, und er bleibt in seinem geistlichen Wachstum stehen. Das ist das, was Paulus in Kolosser 2,19 nochmals ausführt.
Das ist der Weg des Pharisäers. Und wenn wir auf die Ungerechtigkeit dieser Welt, auf die Unverständlichkeit dieser Welt treffen, dann dürfen wir diesen Weg nicht gehen.
Die Mitte zwischen Askese und Freigeist
Und wir dürfen die Alternative nicht gehen. Vers 17: Sei nicht allzu ungerecht und sei kein Tor. Wozu willst du sterben, ehe deine Zeit da ist?
Das ist die andere Seite dieses: Tu, was du willst. Wer sich ein bisschen mit der Geschichte auskennt, weiß, das ist der Leitspruch von Alistair Crowley, dem bekanntesten Satanisten. Also: Wer einfach drauflos sündigt, den bringt sein Lebensstil schneller ins Grab, als ihm lieb ist.
Was beschreibt hier der Prediger? Er sagt: Sei kein Fanatiker, weder der Asket noch der Freigeist.
Und dann hört sich der Gegenentwurf so an: Es ist gut, Vers 18, dass du an diesem festhältst und auch von jenem deine Hand nicht lässt, denn der Gottesfürchtige entgeht dem allen.
Frage: Was sind diese beiden Dinge hier, diesem, jenem, die Dinge, die ich festhalten muss, wenn ich als Gottesfürchtiger leben will?
Die zwei Dinge sind einerseits die Hingabe an Gott. Die eine Seite ist die Liebe zu Gott, die Liebe zu seinem Wort, die Liebe zur Weisheit. Das halten wir fest.
Auf der anderen Seite, und das ist gleichzeitig auch immer festzuhalten: Nicht das eine ohne das andere. Gleichzeitig lass deine Hand nicht von der Freude an den guten Dingen des Lebens.
Der Asket, das ist der, der die Freude brandmarkt und sagt: Bloß nicht, Sünde! Oder, wenn er ein bisschen netter mit dir ist, dann sagt er: große Dummheit oder so. Das ist das, was der Asket kann. Er kann die Freude schlecht machen.
Bei dem Freigeist ist es eher so, der sagt: Wehe, du beschränkst mich in meiner Freiheit, zu leben, wie ich will.
Der Prediger sagt jetzt: Stopp. Wahre Gottesfurcht.
Das ist für mich so einer der Gedanken, als ich den mal vor ein paar Jahren verstanden hatte, das war so: Ist das schön! Es gibt so Predigergedanken, die sind mir so richtig zu Herzen gegangen.
Wahre Gottesfurcht kombiniert Dinge miteinander, nämlich auf der einen Seite die Liebe zur Wahrheit mit der Liebe zum Genuss. Oder andersherum: Gottesfurcht ehrt Gott sowohl als den Gesetzgeber wie auch als den Gutesgeber. Das ist wahre Gottesfurcht.
Das ist das, was uns der Prediger hier verkündigt und wo er sagt: Pass auf, wenn du in einer Welt lebst, die dich überfordert, dann flüchte nicht in die zwei Lösungen, die man dir anbietet, sondern bleib in der Mitte. Halte das zusammen. Bleib in deiner Liebe an Gott, an seinem Wort, und bleib aber auch realistisch mit zwei Beinen auf dem Boden und nimm das an, was Gott dir an Gutem schenkt.
Weisheit unter der Last der Sünde
Vers
Die Weisheit hilft den Weisen mehr als zehn Machthaber, die in der Stadt sind. Weisheit ist hilfreicher als Einfluss und Macht.
Warum? Wir kommen jetzt zu einem großen neuen Thema, das uns noch eine ganze Weile im Prediger beschäftigen wird: die Universalität der Sünde. Sünde ist da, und wenn es um Sünde geht, bin ich Teil des Problems. Und deswegen hilft Weisheit mir selbst. Sie ermöglicht mir, kluge Entscheidungen zu treffen, obwohl in mir Sünde wohnt. Auch im Gläubigen wohnt Sünde. Paulus sagt: In mir, das ist in meinem Fleisch, wohnt nichts Gutes. Ich lebe in einer Welt, und ich lebe in einem Körper der Versuchungen. Weisheit hilft mir, mit dieser moralischen Realität, dass es Sünde gibt, richtig umzugehen.
Ich mache mal ein Beispiel: Die Weisheit sagt zu mir im Umgang mit meiner Frau: Werde nicht bitter. Okay, werde nicht bitter. Wenn du das lebst, dann wird deine Ehe gut. Das ist ein guter Ratschlag. Das ist etwas, womit ich etwas anfangen kann. Die Tatsache, dass Frau Merkel und ich in derselben Stadt wohnen, bringt mir da relativ wenig. Und das ist es, was der Vers sagt: Die Weisheit hilft den Weisen mehr als zehn Machthaber, die in der Stadt sind. Dass da noch jemand ist, der auch Macht hat, das bringt mir persönlich relativ wenig, wenn es darum geht, dass ich mein eigenes Leben meistern muss.
Vers 20: Denn kein Mensch ist so gerecht, dass er nur Gutes täte und niemals sündigte.
Ach herrlich, das ist schön, oder? Das hören wir natürlich nicht so gerne, aber es ist herrlich wahr. Kein Mensch auf Erden ist so gerecht, dass er nur Gutes täte und niemals sündigte. Ist das nicht schön? Du hast heute gesündigt. Ja, und wenn du morgen früh betest, ich weiß nicht, wie du betest, aber das Vaterunser ist von der Struktur her so hilfreich. Da gibt es diesen netten Passus: Und vergib uns unsere Schuld. Ja, das musst du morgen beten. Also auch wenn du schon älter bist: Du hast heute gesündigt. Sünde ist universal. Ich tue sie, und die anderen tun sie auch.
Umgang mit Gerede und eigener Schuld
Kein Mensch auf Erden ist so gerecht, dass er nur Gutes täte und niemals sündigte.
Und jetzt, weil das so ist, einer von diesen ganz, also es gibt ja immer so Nuggets, wo man sagt: Yeah, das ist schon beim ersten Mal Durchlesen so klar, wo man sagt: Ha! Also, das ist das Schöne beim Bibellesen. Man liest das erste Mal durch und kriegt schon etwas, beim zweiten Mal wieder ein bisschen mehr, beim dritten Mal mehr. Und selbst für mich bei einer Bibelwoche bleibt noch genug übrig. Also, das macht ja Spaß.
Und das ist so ein Erstleser-Nugget: Auch richte dein Herz nicht auf all die Worte, die man redet, damit du nicht hörst, wie dein Knecht dich verflucht.
Was bedeutet das? Herrlicher Ratschlag. Das Herzrichten auf bedeutet, sich beschäftigen mit. Also, worum geht es? Beschäftige dich nicht mit dem Tratsch. Wenn man das macht, wird man nämlich unweigerlich fündig. Irgendeiner redet immer schlecht über dich. Und deswegen ist es ungesund und unweise, sich mit dem zu beschäftigen, was andere Menschen über dich sagen.
Schön, oder? Es ist so herrlich, wenn dieser Drang hochkommt, zu wissen, was andere Leute über mich denken. Dann holst du den Vers raus: Auch richte dein Herz nicht auf all die Worte, die man redet, damit du nicht hörst, wie dein Knecht dich verflucht.
Es braucht dich nicht zu interessieren, was andere Menschen über dich sagen, einfach weil da immer ganz viel Mist dabei ist. Und das müsste dir eigentlich klar sein, Vers 22, denn auch viele Male, dein Herz weiß es, hast auch du andere verflucht.
Schön, du bist kein Engel. Bitte, bitte, bitte, das meine ich wirklich ernst: Bitte merkt euch diese Lektion. Merke sie dir, wenn du dich das nächste Mal darüber aufregst, dass dir jemand nicht zum Geburtstag gratuliert hat. Merke sie dir, wenn irgendjemand vor dem Gottesdienst dir nicht die Hand geschüttelt hat, wenn dir jemand eine SMS schreibt, die ein bisschen wirr klingt, wenn dich jemand versetzt, obwohl er doch den Termin aufgeschrieben hatte.
Wenn das passiert, merk dir die Lektion. Wenn du nach Hause kommst und deine Übernachtungsgäste, ich weiß nicht, sagen wir mal deinen Lieblings-Serviettenhalter kaputt gemacht haben. Ja, und das waren jetzt nur ein paar harmlose Beispiele.
Der Text ist viel brutaler. Hier steht: Denn auch viele Male, dein Herz weiß es, hast auch du andere verflucht. Das ist eigentlich eine andere Ebene, die er hier anspricht, und die ist genauso real. Wir morden in Gedanken, wir verfluchen, wir lästern, wir lügen, betrügen, verheimlichen, manipulieren. Und du weißt das, du kennst dich. Also bleib bitte ein klein wenig entspannt, wenn andere sich nicht ganz so verhalten, wie sie sollten und du es dir wünschst. Das ist Weisheit.
Schön, oder? Ich mag dieses Buch.
Die Grenzen menschlicher Erkenntnis
Vers 23 Das alles habe ich in Weisheit geprüft. Ich sprach: Ich will weise werden, aber sie blieb fern von mir. Und wenn man den Satz das erste Mal liest, kratzt man sich so ein bisschen am Hinterkopf und fragt: Hallo, Salomo, du bist doch weise, du bist sogar der Weiseste. Und 1. Könige 5 steht, dass er dreitausend kluge Sprüche geschrieben hat. Stimmt, aber wir sind vom Thema her wo? Wir sind da, dass Salomo uns konfrontiert mit der Komplexität, mit der Undurchschaubarkeit der Welt. Und sein Beispiel ist super: Ich schaue mir an, wie es den Gerechten und wie es den Ungerechten geht, und es macht einfach überhaupt keinen Sinn.
Also, im Blick auf die Komplexität der Welt, im Blick auf die Unerklärlichkeit des Lebens, gerade da, wo es um die Frage geht, wie Gott mit Leuten umgeht, wie er richtet, wie er Recht schafft in dieser Welt, da bleiben wir Menschen. Wir müssen feststellen: Egal, wie viel Weisheit wir haben, selbst wenn wir so weise wären wie Salomo, wir kratzen mit all unserer Weisheit nur an der Oberfläche der Erkenntnis. Wir kommen da nicht wirklich tief genug. Es gibt eine Ebene, bei aller Weisheit, wo wir nicht mehr hinkommen, und das muss uns klar sein, das müssen wir akzeptieren.
Vers 24 Fern ist, was da ist, und tief, tief, wer kann es ergründen? Antwort: niemand. Die Realität des Lebens in ihrer ganzen Komplexität, in ihrer Gesamtheit, ist zu weit weg und zu tief, als dass wir sie ergründen könnten. Passt uns nicht, ist aber so. Und wir werden hier nur leben können, wenn wir das akzeptieren, wenn wir wirklich akzeptieren: Wir sind Geschöpfe und Gott ist der Schöpfer. Und wir werden bis zu einem gewissen Grad Dinge verstehen, wir werden bis zu einem gewissen Grad Weisheit erlernen können. Aber dann kommt ein Punkt, wo wir einfach sagen müssen: Da ist Schluss. Da kommen wir wirklich nicht mehr weiter. Das ist zu weit weg, die Antwort ist da nicht greifbar, das Problem ist einfach zu tief.
Sünde, die wir einander antun, Sünde, die wir einander antun bis in die engsten Beziehungen hinein, wo man es nicht erwarten würde.
Die Zerbrechlichkeit von Beziehungen
Vers 25: Ich wandte mich, und mein Herz ging darauf aus, Weisheit und ein richtiges Urteil zu erkennen und zu erkunden, zu suchen und Ungerechtigkeit als Torheit und die Narrheit als Tollheit zu erkennen. Und ich fand, was fand er? Und ich fand bitterer als den Tod die Frau, die netzengleich ist und deren Herzfangstricke, deren Hände Fesseln sind.
Was ist bitterer als der Tod? Antwort: eine unglückliche Ehe.
Salomo beschreibt hier aus einer männlichen Perspektive, und das ist wichtig, dass wir das erst einmal festhalten. Ich werde das nachher noch einmal aus einer weiblichen Perspektive beschreiben. Salomo beschreibt aus einer männlichen Perspektive eine Beziehung, in der sich der Mann wie ein Gefangener fühlt. Und das ist nicht positiv. Das ist letztlich Folge des Sündenfalls.
Wegen der Sünde gibt es Ehen, in denen Krieg herrscht und nicht Freude aneinander. In 1. Mose 3,16 spricht Gott zu der Frau und sagt: Nach deinem Mann wird dein Verlangen sein, er aber wird über dich herrschen. Und bitte denkt nicht, dass dieses Verlangen so ein romantisch-intimes Verlangen ist, so nach dem Motto: Ach, Frauen sind halt auf Männer gepolt. Darum geht es überhaupt nicht. Der Begriff Verlangen taucht dann in 1. Mose 4,7 noch einmal auf, und da ist es die Sünde, die ein Verlangen nach uns hat. Es geht darum, dass eine Frau den Mann beherrschen will. Nach deinem Mann wird dein Verlangen sein, er aber wird über dich herrschen. Also: Die Frau will den Mann beherrschen, und der Mann antwortet mit Dominanz.
Was dieser Vers beschreibt, ist die Schwierigkeit, die nach dem Sündenfall zwischen Mann und Frau besteht. Es ist eine herausfordernde Sache, eine glückliche Ehe zu führen. Und das ist das, worauf Salomo hier anspielt. Er sagt, ich habe darüber nachgedacht, über die Sünde in diesem Leben, und mir ist aufgefallen: Es gibt da einen Bereich, das ist vielleicht der bitterste Bereich. Dass es selbst in der Ehe zwischen Mann und Frau nicht natürlich einfach so funktioniert, sondern dass ich öfter, als mir lieb ist, Ehen kenne, wo ich sage: Uh, ja, das ist gruselig.
Und wie gesagt, ich könnte das auch einmal nicht aus der Seite des Mannes beschreiben. Ich könnte es aus der Sicht der Frau schreiben, und dann würde der Satz sich vielleicht so anfühlen: Und ich fand bitterer als den Tod einen Mann, der getrieben von Herrschsucht und ohne echte Anteilnahme und Fürsorge mir das Leben zur Hölle macht. Das könnte man auch hier hinschreiben. Das ist eine Realität.
Macht, Geduld und der richtige Moment
Und dann sagt Salomo: Wer vor Gott angenehm ist, wird ihr entrinnen. Und zwar nicht dadurch, dass er nie heiratet, sondern indem Gott ihm eine Frau gibt, die liebevoll ist, gottesfürchtig ist und sich nicht wie so ein Haustracher aufführt. Man kann dem entrinnen. Der Sünder aber wird durch sie gefangen.
Wir sind wieder bei dem Thema: Sünde ist universal. Wer nicht mit göttlicher Weisheit an dieses Thema Ehe herangeht, der wird schnell merken, dass das Eheleben nicht einfach so gelingt. Sünde wächst bis in die Ehe hinein und macht alles kaputt.
Siehe, dies fand ich, spricht der Prediger, indem ich eins zum anderen fügte, um ein richtiges Urteil zu finden. Und jetzt kommt wieder so ein komischer Satz: Was meine Seele fortwährend suchte, das fand ich nicht. Einen Mann fand ich aus Tausenden, aber eine Frau unter diesen allen fand ich nicht.
Was möchte Salomo sagen? In dieser Welt gibt es etwas, was ich nicht finden kann, und das ist eine Frau, die ohne die Probleme von 1. Mose 3,16 zu einem Mann passt. Da ist etwas passiert, da ist etwas kaputtgegangen, was im Herzen jeder Ehe immer wieder in Liebe überwunden werden will.
Es ist möglich, einen Freund zu finden, der mich völlig versteht. Es ist nicht leicht, sagt er, unter Tausenden, ja, aber es ist möglich. Aber zwischen einem Mann und einer Frau bleibt immer eine Kluft. In ihrer Beziehung wird es immer ein bestimmtes Maß an Missverständnis, vielleicht sogar Gegeneinander oder Frustration geben.
Und das, was aus männlicher Sicht beschrieben ist, beschreibe ich gern noch einmal aus weiblicher Sicht: Eine Frau kann eine beste Freundin finden, die ihre Seele versteht, wie ihr eigener Mann das niemals kann. Und das ist nach Salomo ein ganz großes Drama. Das ist Folge von Sünde.
Das hat damit zu tun, dass Gott sich am Anfang etwas Gutes ausgedacht hat. Vers 29: Siehe, dies habe ich gefunden: Gott hat den Menschen aufrichtig gemacht, Gott hat dabei keinen Fehler gemacht. Am Anfang war das gut und ganz anders gedacht. Sie aber suchten viele Künste.
Der Mensch will mehr. Er fällt von Gott ab, und er schafft damit, er erschafft eine Welt, in der das Unrecht fest verankert ist, in der man leben muss und in der man sich öfter, als einem das lieb ist, hilflos fühlt, selbst im Blick auf den Menschen, mit dem man das Leben teilt. Das ist einfach furchtbar.
Hilflosigkeit vor Herrschaft und Unrecht
Aber es bleibt nicht nur auf der Ebene der Ehe. Dieses Gefühl der Hilflosigkeit begleitet uns als Ausdruck der Nichtigkeit unseres Lebens auch in anderen Bereichen, zum Beispiel dort, wo wir auf Menschen treffen, die Macht haben. Und jetzt wird am Beispiel des Königs etwas durchgespielt. Man könnte da auch einen Chef einsetzen oder ich weiß nicht wen. Aber es gibt Menschen, die können mir etwas sagen. Und wenn jetzt nicht gerade ein super gerechter Staat herrscht, und wir haben einen super gerechten Staat, also wenn das mal ein ganz normaler Staat ist, so der weltweite Durchschnittsstaat, dann stelle ich fest: Ich muss damit leben, selbst wenn mir Dinge gesagt werden, die mir nicht schmecken. Das ist eine Realität. Und ich spüre Hilflosigkeit.
Wer ist wieder weise, und wer versteht die Deutung der Dinge? Prediger 8,1
Die Weisheit des Menschen lässt sein Gesicht leuchten, und die Härte seines Gesichts verändert sich.
Hier in dem Vers ist von der Auslegung her eine Frage entscheidend. Wenn das heißt: Die Weisheit des Menschen lässt sein Gesicht leuchten, und die Härte seines Gesichtes verändert sich, wer ist dann gemeint? Es gibt zwei Möglichkeiten. Das eine ist: Es ist der Weise selbst. Das heißt, weil ich weise bin, leuchtet mein Gesicht, beziehungsweise verliert mein Gesicht die Härte. Es könnte auch sein, dass das eine Überschrift ist. Und das denke ich persönlich. Aber es ist mir egal, was ihr denkt, ihr könnt auch das andere denken.
Es könnte auch sein, dass hier der Prediger schon vorgreift, wie so eine Überschrift zu dem, was danach kommt. Und da geht es um den König. Dass nämlich die Weisheit, die ich habe, Einfluss auf den König hat, sein Gesicht leuchten lässt und ihm so ein bisschen die Härte nimmt, ihn weich macht. Warum glaube ich, dass es darum geht? Weil der Text danach sich um dieses Thema dreht.
Kluges Verhalten gegenüber Autorität
Vers 2: Ich sage, dem Befehl des Königs gehorche, und zwar wegen des Eides Gottes. Warum muss ich dem König gehorchen? Na ja, weil in dem Fall jemand einen Eid vor Gott geleistet hat. Eid wegen des Eides Gottes, vielleicht genauer: wegen des Eides vor Gott. Also: Ich schwöre bei Gott, hat er irgendwo gesagt, dir treu zu folgen und das zu tun, was du sagst, und das ist ein Anfang.
Ich kann nicht einfach sagen: Nö, jetzt mache ich nicht, was der König sagt. Denn es gibt ein Loyalitätsverhältnis zwischen ihm und mir, und ich bin an dieses Loyalitätsverhältnis gebunden.
Der Prediger ist sehr gegen Anarchie. Und er sagt: Wenn du vor dem König bist, und von mir aus sagst du, wenn ich vor meinem CEO bin oder sonst irgendetwas, also wenn ich vor jemandem bin, der wirklich etwas zu sagen hat, dann pass auf: Übereile dich nicht, von ihm wegzugehen. Also pass auf, dass du nicht zu schnell die Flinte ins Korn wirfst. Renn nicht aus der Situation raus, weil sie dir im Moment zu schwierig ist.
Es ist nicht weise, in einer Situation mit jemandem, der deutlich mehr Macht hat, einfach zu sagen: und tschüss. Wenn du schon etwas bewegen willst, dann wirst du damit leben müssen, dass es Momente gibt, in denen der, der das Sagen hat, nicht gleich auf deine Idee aufspringt. Oder dass du vielleicht auch mal einen günstigen Moment abwarten musst. Dass man auch mal eine Durststrecke im Job überleben muss.
Also: Übereile dich nicht, von ihm wegzugehen. Ausharren in schwierigen Situationen mit Vorgesetzten ist wirklich manchmal die allerweiseste Vorgehensweise.
Auf keinen Fall. Das Vers geht weiter: Lass dich nicht auf eine böse Sache ein. Also egal, was da passiert: Was nicht geht, ist, dass wir mit anderen irgendetwas Übles machen.
Ich lese euch mal Sprüche 31,3 vor, der unterstreicht das noch einmal. Da heißt es: Gib nicht den Frauen deine Kraft. Darum ging es mir jetzt nicht, sondern noch deine Wege, denen die Könige auslöschen. Also wenn du Leute hast, die sagen: Wir sind die Rebellen, wir sind die Anarchisten, wir sind die Königsmörder, wir wollen hier alles umstürzen, wir fühlen uns nicht mehr gebunden an das, was wir mal gesagt haben, dann sag du: Nee, da mache ich nicht mit. Mach keine gemeinsame Sache mit Königsmördern.
Und vergiss nicht, dass der König tatsächlich tun kann, was er will. Seine Macht ist real. Manchmal vergisst man das. Er tut ja doch alles, was er will, heißt es am Ende von Vers 3. Denn das Königswort ist mächtig, und wer will zu ihm sagen: Was tust du da?
Auch wenn uns das nicht passt. Wie gesagt, wir sind in dem großen Block Sünde und jetzt in dem, wenn man so will, so einer Art Unterblock Hilflosigkeit. Es gibt Situationen, da denkst du dir: Ich kann machen, was ich will, der andere sitzt einfach am längeren Hebel. Nimm das einfach mal hin. Das ist so. Das gehört irgendwie dazu.
Weisheit im Druck der Verhältnisse
Was ist wichtig in solchen Situationen? Gerecht handeln und abwarten können.
Also, wenn eine Situation auftritt, in der ich merke, der andere hat wirklich die Macht auf seiner Seite. Wer das Gebot hält, weiß um keine böse Sache, und das Herz eines Weisen kennt die richtige Zeit und das rechte Verhalten.
Weisheit bedeutet nicht, einfach nur die Flinte ins Korn zu werfen und zu sagen: „Ich kann eh nichts machen.“ Weisheit bedeutet auch nicht zu sagen: „Du hast mir gar nichts zu sagen.“ Sondern zu sagen: „Doch, du hast mir etwas zu sagen. Es ist vielleicht nicht schön, aber es ist die Realität.“
Weise zu sein bedeutet, dass ich gerecht handle, dass ich das Gebot halte, dass ich mit einem guten Gewissen leben möchte und keine böse Sache wissen möchte. Und trotzdem kennt das Herz eines Weisen die richtige Zeit und das rechte Verhalten. Ich kann abwarten. Ich kann taktvoll auftreten, weil ich weise bin. Ich weiß: Meine Zeit kommt, wenn ich nicht davonlaufe.
Und jetzt würden wir vielleicht als fromme Christen sagen: Wenn ich noch ein bisschen bete, ja, das ist sicherlich nicht verkehrt. Aber dann kommt der Moment, wo es passt, und dann bin ich bereit. Warum? Denn für jede Sache gibt es die richtige Zeit und das rechte Verhalten, obwohl das Unglück des Menschen schwer auf ihm lastet.
Den zweiten Teil des Satzes würde ich gerne ein bisschen sinnhafter übersetzen und aus dem „denn“ ein „obwohl“ machen: Denn für jede Sache gibt es die richtige Zeit und das rechte Verhalten, obwohl das Unglück des Menschen schwer auf ihm lastet.
Es geht ja hier um den Weisen, der auf der einen Seite das Unglück, die Last der Verantwortung, spürt. Das lastet auf mir, und am liebsten würde ich sofort losbrechen, sofort etwas machen. Jetzt kommt aber der Prediger und sagt: Vorsicht! Für jede Sache gibt es die richtige Zeit und das rechte Verhalten, obwohl du dich unter Druck fühlst, obwohl du die Last der Situation spürst.
Achtung: Handle einfühlsam und nicht übereilt. Die Tatsache, dass da Druck ist, die Tatsache, dass Unglück da ist, dass etwas richtig dabei ist, den Bach runterzugehen, und dass ich das spüren kann und dass es auf mir lastet, ist kein Grund, unbeherrscht und unweise übereilt etwas anzugehen, was noch nicht dran ist. Insbesondere dann, wenn ich vielleicht nicht viele Möglichkeiten habe, das anzusprechen.
Und schaut euch dazu, wenn das euer Thema ist, Nehemia an. Nehemia, der Besuch von zu Hause bekommt, Mundschenk des Königs ist und dann erfährt, wie es Jerusalem geht. Und der erst einmal betet, betet und eine ganze Weile abwartet. Und dann kommt diese Situation, wo der König ihn fragt: „Sag mal, was hast du denn?“ Und das ist der Moment, den er dann nutzt.
Das ist nicht so, dass er von dem Leid in Jerusalem hört und als Erstes gleich zum König rennt, weil er sagt: „Das geht jetzt gar nicht.“ Er weiß ganz genau: Wenn ich jetzt einfach drauflosrenne und es einfach nicht passt, dann habe ich einmal die Möglichkeit, etwas zu sagen, werde abgewiesen und fertig. Also fange ich an zu beten, und dann passiert das.
Und es geschah im Monat Nisan im zwanzigsten Jahr des Königs Artaxerxes, als Wein vor ihm stand, da nahm ich den Wein und gab ihn dem König. Ich war aber nie traurig vor ihm gewesen, und der König sagte zu mir: „Warum sieht dein Gesicht so traurig aus? Du bist doch nicht etwa krank?“ „Nein, das ist es nicht, sondern ein trauriges Herz.“ Da bekam ich einen furchtbaren Schrecken, und ich sagte zum König: „Der König lebe ewig! Warum sollte mein Gesicht nicht traurig aussehen, wo doch die Stadt, die Begräbnisstätte meiner Väter, verödet daliegt und ihre Tore vom Feuer verzehrt sind?“
Da sind wir! Versteht ihr? Er wartet, und dann kommt der Moment, wo der König ganz ehrlich, vielleicht beim Frühstück, weil gerade nichts anderes anliegt, die Frage stellt: „Sag mal, warum bist du so traurig? Geht es dir nicht gut?“ Und er merkt: Jetzt, wenn ich es sage, jetzt passt es einfach.
Und er sagt ganz ehrlich: Meine Heimatstadt, Jerusalem, die Stadt meiner Väter, ich bin einfach traurig, wie es ihr geht. Und der König merkt sofort: Hey, da kann man etwas tun. Ja, und dann geht es ja auch weiter damit, dass der König dann fragt: „Um was bittest du?“
So, das ist das, was der Prediger für total weise hält: zu überlegen, wann eine Sache passt, und dann die Sache zur rechten Zeit auf die rechte Weise anzugehen, auch wenn es mich drückt, wenn ich am liebsten sofort losrennen würde.
Grenzen von Kontrolle und menschlicher Macht
Und das ist wichtig, denn er weiß nicht, was werden wird. Denn wer sollte ihm mitteilen, wie es werden wird?
Das ist das große Problem im Umgang mit Königen oder mit Chefs. Wir können nicht mehr, als zu versuchen, so weise wie möglich mit ihnen umzugehen. Der Rest liegt nicht in unserer Hand. Wir wissen nicht, und wir kennen auch niemanden, der uns sagen könnte, was kommen wird. Die Zukunft ist für uns immer ein Rätsel.
Es gehört zur Nichtigkeit des Lebens dazu, dass wir hilflos sind. Und das nicht nur bei Königen und Chefs, sondern:
Vers 8: Kein Mensch hat Gewalt über den Wind, den Wind zurückzuhalten, und niemand hat Gewalt über den Tag des Todes. Auch gibt es keine Entlassung im Krieg, und das Unrecht rettet nicht seinen Herrn.
So merkt ihr, worüber wir alles keine Gewalt haben, wie hilflos wir sind? Kein Mensch hat Gewalt über den Wind. Wir sind den Naturgewalten schutzlos ausgeliefert. Wenn du nach Hause fährst und der Baum umfällt und dein Auto gerade darunter liegt, dann ist das Pech, das ist wirklich Pech. Und wenn das Ding fällt und auf dein Auto fällt, dann kannst du nichts machen. Und das ist nur ein Baum. Okay, das ist noch gar nicht viel. Hier wird vom Wind gesprochen, stell dir einen Orkan vor. Wir haben die Natur nicht im Griff.
Kein Mensch hat Gewalt über den Wind, den Wind zurückzuhalten, und niemand hat Gewalt über den Tag des Todes. Du weißt nicht, wann du sterben wirst. Und wenn du sagst: Ich würde gerne zwei Wochen später sterben, ja, das kannst du dir wünschen, aber du hast das nicht im Griff.
Auch gibt es keine Entlassung im Krieg. Das heißt, hier ist der König wieder im Blick. Du kannst dem König nicht sagen: Also, ich weiß schon, wir gehen jetzt hier gerade in den Krieg, aber ich habe jetzt gerade irgendwie keine Zeit für Krieg. Lass mich doch mal nach Hause gehen. Der König sagt: Jetzt ist Krieg, jetzt ziehst du da hin, du hast den Job jetzt zu erledigen.
Und dann endet das damit: Und das Unrecht rettet nicht seinen Herrn. Also selbst wenn wir aus schierer Verzweiflung heraus bereit wären, Unrecht zu tun, wäre das keine Garantie dafür, dass wir aus einer Notlage herauskommen. Gerade in Zeiten der Ungerechtigkeit und der Verfolgung ist es besonders schlimm, wenn man seine eigene Hilflosigkeit spürt.
Die Welt als Ort von Ungerechtigkeit
Das alles sah ich und richtete mein Herz auf alles Tun, das unter der Sonne getan wird, zur Zeit, da der Mensch über den Menschen Gewalt hat zu seinem Unglück.
Ist das nicht eine schöne Beschreibung unserer Welt? Noch einmal dieser letzte Satz: zur Zeit, da der Mensch über den Menschen Gewalt hat zu seinem Unglück. Wow!
Im Großen und Ganzen sucht niemand bis heute das Wohl des Nächsten. Und ich muss nicht einmal, wenn ich das jetzt belegen will, etwas ganz Übles konstruieren, ja, den Schlepper, der sein Boot mit Flüchtlingen vollstopft, bis es untergeht, und sich die Taschen füllt mit ihrer Hilflosigkeit.
Ich glaube, ich muss nur, so wie gestern Abend nach dem Vortrag, noch einmal zu Rewe fahren, mir zwei Brötchen kaufen und mir kurz überlegen, wer da um kurz nach zehn Uhr abends an der Kasse sitzt und was die Frau verdient. Das reicht. Das reicht.
Und ich weiß: Sie sitzt da, und sie arbeitet. Und es ist zu wenig, was sie kriegt. Und da ist niemand daran interessiert, dass es ihr richtig gut geht, sondern irgendjemand lebt dafür, dass es dem Konzern gut geht. Und der Einzelne, der wird eingespannt. Und das ist unsere Welt, in der wir leben. Und der Prediger hat völlig recht.
Und so sah ich ungerechte Versehen, die begraben wurden und zur Ruhe eingingen. Die, die aber das Rechte getan hatten, mussten von den heiligen Städten wegziehen und wurden in der Stadt vergessen. Auch das ist Nichtigkeit.
Die Ungerechten bekommen ihr Mausoleum, die bekommen ihr großes Begräbnis, und die Gerechten müssen wegziehen, werden vergessen. Das ist die Realität in der Welt. Die Falschen werden gefeiert.
Frage: Warum lässt Gott das zu?
Es ist nicht so, dass Gott mit seinem Gericht immer so lange wartet, dann passiert doch Folgendes. Vers 11: Weil der Urteilsspruch über die böse Tat nicht schnell vollzogen wird, darum ist das Herz der Menschenkinder davon erfüllt, Böses zu tun. Denn ein Sünder tut hundertmal Böses und verlängert doch seine Tage.
Es ist doch so: Wenn die Bösen merken, es passiert hier gar nichts, ich komme mit meiner Bosheit davon, dann ist das doch ein Anreiz für andere Böse, auch Böses zu tun.
Und wenn jetzt jemand kommt und sagt: Ja, und deswegen müsste Gott mal so richtig dreinschlagen. Hast du das schon mal gedacht? Jetzt müsste Gott doch mal so vom Himmel, ja, Blitz, und dann bleibt da noch von dem nur so ein Häufchen Asche, irgendwas, ja, irgendwie mal Schluss machen.
Der Gedanke ist naheliegend. Der Prediger hat den Gedanken. Er sagt: Wie kann das sein?
Aber Achtung, ich möchte an der Stelle jetzt mal kurz vom Neuen Testament her auf diesen Einwand schauen. Gott wird ja zu seiner Zeit richten, aber wisst ihr, was passiert oder was nicht mehr passiert, wenn Gott richtet? Wenn Gott richtet, ist die Zeit der Gnade vorbei. Wenn Gott anfängt, das Böse zu richten, dann gibt es keine Errettung mehr. Solange Gott noch nicht richtet, so lange ist es Zeit, Buße zu tun.
Also Vorsicht, wenn du anfängst, dir Gericht zu wünschen. Weil wir denken ja bei Gericht immer so: Es gibt ja die Skala von eins bis zehn, zehn ist irgendwie die Todsünde, die es in der Bibel nicht gibt, aber einfach mal, um es zu beschreiben. Zehn ist die Todsünde, eins, das ist so naja, sechzig in der Stadt fahren.
Und was wir uns wünschen, ist natürlich, weil wir im Kopf diesen Maßstab haben und weil wir denken, wir rangieren mit unseren Durchschnittssünden so zwischen drei und fünf, Adolf Hitler zwischen 8,5 und zehn, ja, die ganzen Tyrannen und Massenmörder sind da hinten, ja. Und was wir uns jetzt vorstellen, ist: Wenn Gott richtet, dann richtet er nur so bis sechseinhalb. Und alles, was drunter ist, ist noch gut, und was drüber ist, das musste mal gerichtet werden.
Was wir nicht verstehen, ist, dass es diesen Maßstab vor Gott nicht gibt. Wir hätten den gern, aber vor Gott ist eine Sünde, die ein Mensch tut, bereits eine Sünde zu viel. Es ist die eine Sünde, die den Menschen nicht mehr so sein lässt, wie er vor Gott sein soll. Das ist das Problem.
Wir ignorieren das Konzept der Heiligkeit, der völligen Sündlosigkeit. Und ob wir jetzt im Verlauf unseres Lebens zwanzigtausend Eins-bis-Vierer-Sünden gemacht haben oder genauso viele von den großen, spielt vor Gott erst einmal keine Rolle. Wenn Gott richtet, dann ist die Zeit der Gnade und der Bekehrung und der Errettung von Menschen vorbei.
Und deswegen wartet Gott. Gott weiß, warum er abwartet. Grundsätzlich stimmt der Vers aber: Weil Gott geduldig ist und nicht gleich die Sünde richtet, deshalb nehmen böse Menschen was? Seine Zurückhaltung als Anlass dafür, um noch böser zu handeln.
Vielleicht ein kleiner Exkurs: Das ist auch ein Vers für die Kindererziehung. Also wenn du Kinder erziehst, dann sollte zwischen: Sie haben etwas ausgefressen, und du sagst ihnen, dass das nicht in Ordnung war, keine lange Zeit verstreichen. Es ist schon gut, ganz grundsätzlich. Sie haben etwas falsch gemacht, und ich rede mit ihnen, dass das eng beieinander liegt. Da muss ich nicht geduldig sein, da ist es wirklich ein Fehler, wenn ich da warte.
Der Glaube als Grundlage des Denkens
Frage: Wie antworte ich jetzt als Gläubiger auf die Tatsache, dass in dieser Welt der Ungerechte mit seinem Unrecht scheinbar davonkommt? Vielleicht nicht immer, aber er kommt öfter davon, als mir lieb ist. Was tue ich da?
Und jetzt steht hier ein Satz, oder hier fängt ein Satz an, den ich einfach toll finde: Aber ich habe auch erkannt. Seht ihr dieses kleine Wörtchen auch? Ich habe auch erkannt. Der Prediger ist total realistisch. Der Prediger weiß um die Universalität der Sünde. Er weiß darum, dass tatsächlich gescheiterte Beziehungen eine Realität sind. Er sieht die Hilflosigkeit des Menschen im Angesicht von Naturkatastrophen, im Angesicht von Behördenwillkür, von Ungerechtigkeit.
Aber er bleibt an dieser Stelle nicht stehen. Aber ich habe auch erkannt. Dieses kleine Wörtchen auch, ich finde das so spannend.
Frage: Was ist die Grundlage des Denkens? Also wenn ein Mensch denkt, dann hat er ja irgendwo ein Fundament, auf dem er seine Gedanken aufbaut. Versteht ihr, was ich meine? Also was auch immer du denkst, dein Gedankengebäude zur Welt steht auf etwas. Und die Frage ist: Worauf steht es?
Und der Clou ist: Wenn man sich die Frage stellt, ist der Glaube Grundlage für mein Denken oder ist mein Denken die Grundlage für den Glauben, dann ist es so, dass in jedem Fall, bei jedem Menschen, die Grundlage für das Denken immer der Glaube ist. Oder anders ausgedrückt: Jeder Mensch hat Überzeugungen, die er nicht beweisen kann. Auch wenn jemand sich hinstellt und sagt: Es gibt Gott nicht, ist das eine Glaubensaussage. Und diese Überzeugungen, die man letztgültig als Mensch nicht mehr beweisen kann, das sind die Aussagen, die das Fundament bilden für alles Denken, was ich darauf aufbaue.
So, und jetzt sagt hier der Prediger: Aber ich habe auch erkannt.
Wenn das Denken jedes Menschen mit dem Glauben anfängt, dann kann der Gläubige auf der einen Seite die Welt sich anschauen, wie sie wirklich ist, ohne rosarote Brille. Aber er bleibt an diesem Punkt, wenn er das beschreibt, sauber. Der Prediger beschreibt die Welt sauber. Er bleibt an dieser Stelle nicht stehen.
Was der Gläubige hat und was dem Ungläubigen fehlt, ist eine Beziehung zu Gott. Der Gläubige weiß, dass es Gott gibt, und er weiß, wie Gott ist. Woher weiß er das? Er weiß es, weil Gott sich offenbart hat. Er hat sich in meinem Gewissen offenbart, er hat sich in der Geschichte offenbart, er hat sich in seinem Wort offenbart, er hat sich in dem Herrn Jesus offenbart.
Und das, was der Gläubige aus der Beziehung mit Gott heraus weiß, ist, weil er Gott erfahren hat, dass Gott ein guter Gott ist, ein vergebender Gott ist und dass er gleichzeitig ein Richter aller Menschen ist.
Und als Gläubiger, weil ich jetzt Gottes Charakter kenne und weil ich seine Ziele kenne, erkenne ich neben der offensichtlichen Realität des Lebens unter der Sonne eine zweite Realität. Ich blicke quasi hinter die Sonne, ich blicke dahin, wo Gott ist. Und dann kann der Prediger sagen: Aber ich habe auch erkannt, dass es den Gottesfürchtigen gut gehen wird, die sich vor seinem Angesicht fürchten. Doch nicht gutgehen wird es dem Ungerechten, und er wird dem Schatten gleich seine Tage nicht verlängern.
Jetzt erinnert ihr euch in Vers zwölf, kurz davor, da heißt es: Denn ein Sünder tut hundertmal Böses und verlängert doch seine Tage. Auf der Erde haben wir dieses Paradox, dass jemand seine Tage verlängert, obwohl er ungerecht ist. Nicht jeder, aber wir sehen genug davon. Und jetzt kommt der Gläubige und sagt: Stopp, ich habe etwas anderes erkannt. Doch nicht gut gehen wird es dem Ungerechten, und er wird dem Schatten gleich seine Tage nicht verlängern, weil er sich vor dem Angesicht Gottes nicht fürchtet.
Dass es ein paar gibt, die ihre Tage verlängern, das ist nicht das endgültige Urteil, das über das Leben eines Ungerechten gesprochen wird. Ungerechtigkeit wird sich, und das weiß der Gläubige, weil er Gott kennt, und weil die Beziehung zu Gott Grundlage für sein Denken über die Sonne hinaus ist, letzten Endes nicht auszahlen, weil Gott immer noch Gott ist.
Oder ich mag es, wenn Jesaja das sagt: Glaubt ihr nicht, so bleibt ihr nicht. Ja, so einfach ist es. Glaubt ihr nicht, so bleibt ihr nicht. Es ist der Gottesfürchtige, der in Ewigkeit bleibt.
Das Ende der scheinbaren Ungerechtigkeit
Vers 14: Es gibt etwas Nichtiges, das auf Erden geschieht. Das sind Gerechte, denen es nach dem Tun der Ungerechten ergeht, und das sind Ungerechte, denen es nach dem Tun der Gerechten ergeht. Ich sagte: Auch das ist Nichtigkeit.
Tugendhaftigkeit und Gerechtsein zahlen sich nicht immer aus. Gerechtigkeit wird nicht immer belohnt. Und was können wir tun? Wie geht man jetzt damit um, mit einer solchen Welt? Resignation? Nein.
Warum? Und wir kommen zum letzten Vers. Und den letzten Vers, den kennt ihr schon, das haben wir schon oft genug gesagt: Warum resigniere ich nicht in einer Welt, in der ich meine Hilflosigkeit spüren kann? Wo ich merke: Ich weiß nicht, was kommt, und irgendwie machen auch die Sachen keinen Sinn. Und ich habe vielleicht genug Probleme in meiner Ehe, und ich habe genug Probleme mit meinem Chef. Und eigentlich habe ich mich an einer bestimmten Stelle richtig reingehängt, und keiner nimmt das an, und keiner sieht, was ich hier tue. Und wozu bin ich eigentlich so gerecht, wenn dies am Ende nicht aus ...?
Warum resigniere ich nicht? Antwort: Weil Gott uns mitten in der Nichtigkeit dieses Lebens Freude schenken will. Und Vers 15 ist einfach einer dieser ganz grandiosen Verse. Und ich preise die Freude, weil es für den Menschen nichts Besseres unter der Sonne gibt, als zu essen und zu trinken und sich zu freuen.
Wir bleiben gerecht, wir bleiben an Gott, und wir lassen uns das nicht nehmen, dass wir aus der Beziehung zu Gott heraus erkennen, wohin diese Welt geht. Wir erkennen, dass am Ende nur der Gerechte gewinnt. Aber bis dahin, bis wir unseren Gewinn abholen, sind wir Leute, die ein Los gekauft haben. Wir machen es auf, und da steht Hauptgewinn. Aber dummerweise hat die Losbude schon zu. Und wir können das noch nicht einlösen. Wir haben das. Und wir wissen: Irgendwann macht die Losbude auf, dann gehen wir hin und holen uns unseren Hauptgewinn ab. Aber im Moment ist das noch nicht so weit.
Wir müssen noch einen Moment warten. Aber auf dem Weg dahin schauen wir uns um und stellen fest, es gibt noch ein paar andere nette Sachen hier auf dem Jahrmarkt. Und das ist das, was Gott uns jetzt in diesem Moment schenkt. Es gibt unter der Sonne hier nichts Besseres, als zu essen und zu trinken und sich zu freuen. Und was auch immer du noch gerne machst. Das muss jetzt nicht nur das sein. Du darfst auch gerne Musik hören, einen schönen Film schauen, Sport machen. Also, es geht schon noch ein bisschen mehr. Ihr versteht das Prinzip.
Und diese kleinen Goodies, diese Geschenke, dieses Schnabulieren an Gottes Candybar, dies wird ihn begleiten bei seinen Mühen die Tage seines Lebens hindurch, die Gott ihm unter der Sonne gegeben hat. Gott, gib mir Mühen in diesem Leben unter der Sonne, trau mir das zu, schenk mir Freude, und ich darf immer wieder ein bisschen naschen. Und ich darf wissen: Ganz am Ende, wenn alles vorbei ist, wenn die Ungerechten wirklich nicht mehr durchkommen mit ihrer Ungerechtigkeit, dann werde ich, der ich Gott mein Leben lang gefürchtet habe, ihn sehen und ihn genießen.
Und darauf freuen wir uns. Amen.
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