Serie•Teil 1 / 4Gebet
Generierte Mitschrift
Die nachfolgende Mitschrift wurde automatisch mit KI-Technologie erstellt und kann Fehler enthalten. Im Zweifel gilt das gesprochene Wort.
Zwei Vorbemerkungen zur Themenreihe
Bevor ich anfange, zwei Vorbemerkungen:
Die nächsten vier Predigten, mit Ausnahme der Osterpredigt, bilden eine Reihe und drehen sich um das Thema Gebet. Der Grund ist irgendwie offensichtlich: Gebet ist das, was wir und was unsere Gesellschaft im Moment vielleicht am meisten braucht.
Und eine zweite Vorbemerkung: Ich habe so ziemlich alle Gedanken von einem anderen Prediger übernommen, den ich unglaublich schätze und von dem ich mir wünschen würde, dass ihr möglichst viele Predigten selbst einmal hört. Dieser andere Prediger, dem ich euch ganz wärmstens ans Herz legen möchte, ist David Gooding. Wenn ihr könnt, hört euch seine Predigten an. Englisch ist nicht ganz einfach, aber ich habe seine Gedanken so sehr genossen, dass ich dachte, ich mache sie euch in komprimierter Form einfach mal zugänglich.
Warum Gebet überhaupt ein Thema ist
Fangen wir vorne an. Warum sollen wir uns mit dem Thema Gebet überhaupt beschäftigen?
Da gibt es meines Erachtens zwei mögliche Antworten. Entweder sind wir so begeistert vom Gebet, dass wir uns für alle Menschen wünschen, denselben Segen zu erleben. Oder wir sind so frustriert, dass wir gebetet haben, aber Gott nicht gehört hat, und jetzt sind wir entmutigt.
Es war vielleicht so ein Vers wie: „Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, so werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch geschehen.“ Johannes 15,7. Und wir haben das gelesen, wir haben das ausprobiert, aber es hat nicht funktioniert.
Oder Lukas 17,6: „Wenn ihr Glauben habt wie ein Senfkorn, so würdet ihr zu diesem Maulbeerfeigenbaum sagen: Entwurzle dich und pflanze dich ins Meer!, und er würde euch gehorchen.“ Wir haben unseren ganzen Glauben, den wir vielleicht hatten, zusammengenommen, gebetet, und es ist trotzdem nichts passiert.
Warum? Hat mein Glaube einfach nicht ausgereicht? Stimmt es vielleicht einfach nicht, was in der Bibel steht? Meint Gott es nur manchmal gut mit mir, und manchmal lässt er mich vielleicht hängen, im Regen stehen?
Bitte lasst uns ganz ehrlich zugeben, dass diese Fragen sich förmlich aufdrängen, wenn wir beten und wenn Gott unser Gebet nicht erhört.
Deshalb möchte ich mit euch vier Predigten lang über dieses Thema nachdenken.
Titel der Reihe: Gebet ist kompliziert – oder: Was muss ich verstehen und beachten, damit mich Beten ermutigt und nicht frustriert?
Der Zusammenhang biblischer Aussagen über Gebet
Bevor ich euch sage, worum es heute in der Predigt selbst geht, noch eine dritte und letzte Vorbemerkung.
Wir haben vor allem deshalb Schwierigkeiten im Umgang mit scheinbar ermutigenden Bibelstellen zum Thema Gebet, die sich dann nicht als ganz so simpel herausstellen, weil wir den Kontext, also den Zusammenhang der Stellen, nicht ernst genug nehmen. Oder mit anderen Worten: Gebet ist Reden mit Gott. Aber wir reden nicht immer auf dieselbe Weise mit Gott.
Als Christen sind wir gleichzeitig Kinder in der Familie Gottes, wir sind aber auch Klassenkameraden in der Schule Gottes, und wir sind Kämpfer in der Armee Gottes. Und wenn wir beten, also wenn wir mit Gott reden, dann ist der Rahmen, in dem wir das tun, wichtiger, als uns das vielleicht manchmal bewusst ist.
Manchmal stehen wir nämlich betend vor Gott als Söhne und Töchter, die sich danach sehnen, dass ein Vater im Himmel ihre Nöte stillt, sie in seiner Liebe erkennen lässt und sie in seiner Liebe leben lässt. Das ist dann unser Ziel.
Manchmal stehen wir betend vor Gott als Schüler in der Schule der Heiligung, die sich danach sehnen, jedenfalls wenn wir klug sind, dass Gott uns geistliches Wachstum lehrt und uns auf die Ewigkeit vorbereitet. Da gibt es nämlich noch eine ganze Menge zu tun, wie wir sehen werden.
Und manchmal stehen wir betend vor Gott als seine Krieger, die in einem kosmischen Konflikt auf Gottes Seite stehen und gegen dämonischen Widerstand das Reich Gottes bauen.
Diese Trennung mag uns ein wenig künstlich erscheinen, also die Trennung, die wir in Kindern, Schülern und Kämpfern oder Kriegern haben. Sie mag auf den ersten Moment ein bisschen künstlich erscheinen, aber sie ist trotzdem hilfreich. Hilfreich, wenn ich mich frage, warum soll ich eigentlich beten?
Die Antwort lautet nämlich: weil ich gleichzeitig die liebevolle Gemeinschaft eines Kindes, das charakterliche Reifen eines Jüngers und den geistlichen Erfolg eines Missionars erleben will.
Und um es einfach noch einmal mit anderen Worten zu sagen: Es ist ein Unterschied, ob ich mit meinem Vater, mit meinem Lehrer oder mit meinem Feldherrn rede. Aber diese drei Rollen nimmt Gott in meinem Leben ein, und mein Gebetsleben darf und muss diese unterschiedlichen Bezüge zu Gott widerspiegeln.
Gebet als Kind Gottes
Genug der Vorrede, fangen wir mit der ersten Predigt an.
Titel der ersten Predigt: Kompliziertes Gebet, Gebet als Kind Gottes.
Der Text, um den sich hier zunächst alles dreht, findet sich in Matthäus 6. Dort, wo sich auch das Vaterunser befindet. Und der Herr Jesus bringt uns bei, wie wir beten sollen. Dann heißt es in Matthäus 6,6: Wenn du aber betest, so geh in deine Kammer, und wenn du deine Tür geschlossen hast, bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der im Verborgenen sieht, wird dir vergelten, im Sinne von: dich belohnen.
Und es stellt sich sofort die Frage, wenn ich den Text lese: Was meint Jesus damit, dass Gott uns für unser Gebet belohnen wird? Gute Frage!
Wir lesen erst einmal weiter. Wenn ich nämlich weiterlese, begründet Jesus zwei Verse später, warum wir nicht wie die Heiden beten sollen. Matthäus 6,8b: Denn euer Vater weiß, was ihr benötigt, ehe ihr ihn bittet.
Also hier ist eine zweite Frage, die sich sofort aufdrängt: Warum muss ich überhaupt beten? Warum soll ich beten, wenn Gott weiß, was ich benötige? Wenn er mich liebt, warum gibt er mir nicht einfach, was ich brauche, auch ohne Gebet?
Und ich möchte das Thema Gebet als Kinder Gottes um diese beiden Fragen herum aufbauen. Also einmal: Warum sollen wir beten? Und zweitens: Worin besteht die Belohnung für Gebet?
Zwei falsche Wege im Gebet
Wenn Jesus über diese Dinge redet, dann warnt er uns vor zwei Haltungen zum Thema Gebet. Zum einen ist da der Heuchler, der aus dem Gebet eine Show macht, um andere zu beeindrucken. In Matthäus 6,5 heißt es: Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht sein wie die Heuchler. Warum nicht? Denn sie lieben es, in den Synagogen und an den Ecken der Straßen stehend zu beten, damit sie von den Menschen gesehen werden. Wahrlich, ich sage euch, sie haben ihren Lohn dahin.
Heuchler beten zu Gott, aber eigentlich geht es ihnen um die Menschen, die sie beobachten. Also nicht sie beobachten die Menschen, sondern sie werden beobachtet. Sie wollen gesehen werden, und Jesus sagt: Sie haben ihren Lohn dahin. Heuchler beten, um gesehen zu werden. Sie suchen die Anerkennung der Zuschauer, und genau das ist es, was sie bekommen, aber eben auch nicht mehr. Ich weiß nicht, wofür sie gebetet haben, aber ich bezweifle, dass Gott überhaupt ihr Gebet erhört.
Also ist die erste falsche Haltung im Gebet die des Heuchlers. Und obwohl wir vielleicht nicht oft in der Gefahr stehen, in diese Sünde zu tappen, ist es trotzdem gut, ab und zu darüber nachzudenken, wen wir im Blick haben, wenn wir im Hauskreis oder im Gottesdienst beten.
Damit wir uns nicht falsch verstehen: Nicht beten ist auch keine Alternative. Gott will unser Gebet, und Gott verdient unser Gebet, gerade auch im Gottesdienst. Aber wenn wir beten, dann bitten wir nur zu ihm. Das heißt nicht, dass wir beim Beten nicht auch die Zuhörer im Blick haben dürfen. Aber natürlich nur, was die Themen oder die Wortwahl, vielleicht auch die Länge der Gebete angeht. Wir beten nicht, um ihnen zu zeigen, wie toll wir beten können. Aber wir beten natürlich so, dass sie auch mit ihrem Amen in unser Gebet einstimmen können. Und das hat irgendwie damit zu tun, dass sie verstehen, was wir sagen, dass sie sich damit identifizieren können.
Vertrauen statt Wortfülle
Also zum einen: Sei kein Heuchler. Eine zweite falsche Haltung ist das heidnische Gebet. Matthäus 6, die Verse 7 und 8a.
Wenn ihr aber betet, sollt ihr nicht plappern wie die Heiden, also in meinem Text steht: wie die Nationen. Aber das sind Heiden. Denn sie meinen, dass sie um ihres vielen Redens willen erhört werden. Seid ihnen nun nicht gleich.
Das Problem der Heiden liegt nicht in dem Wunsch nach Selbstdarstellung. Das war das Problem des Heuchlers. Ihr Problem liegt vielmehr in einem falschen Konzept von Gott. Sie glauben nämlich, dass sie um ihres vielen Redens willen erhört werden. Sie glauben, dass die schiere Menge an Worten und Wiederholungen Gott irgendwann dazu bringt, sie zu erhören. Und genau das ist falsch.
Jetzt könnte jemand sagen: Aber Jürgen, werden wir nicht auch an verschiedenen Stellen in der Bibel dazu aufgefordert, anhaltend zu beten, immer wieder mit unseren Anliegen zu kommen, bis sie erfüllt werden? Ja, das stimmt. Es gibt Stellen, die betonen, wie gut es ist, hartnäckig, beständig und ausdauernd zu beten. Und so Gott will, kommen wir in den nächsten Wochen genau zu diesem Punkt.
Aber wenn wir feststellen, dass es Verheißungen gibt, die Beharrlichkeit im Gebet voraussetzen, was heißt das dann nicht? Das ist ja auch mal wichtig zu fragen. Es heißt nämlich nicht, dass unser Vater im Himmel nicht auch bereit wäre, auf unser Gebet zu hören, wenn wir nur genau einmal beten. Und es bedeutet auch nicht, dass, wenn wir nur genug Druck aufbauen und immer und immer und immer wieder mit unseren Anliegen Gott nerven, Gott schlussendlich, weil wir so lange und so beharrlich gebetet haben, uns gibt, was wir uns wünschen. Das heißt es nicht. Das wäre beides ein falsches Denken über Gott.
Frage: Warum ist das falsch? Ganz einfach: Wir kommen als Kinder zum Vater. Und wir müssen da eben einfach keinen Druck aufbauen, damit er uns gibt, was wir wirklich brauchen. Was für ein schräger Gedanke. Wir müssen das nicht tun. Wir haben einen Vater im Himmel.
Stellen wir uns kurz vor, wie das wäre, wenn Gott einerseits wüsste, was wir brauchen, er uns andererseits aber nur dann das gibt, wenn wir ihm so lange mit der Litanei unserer Gebete unter Druck gesetzt haben, dass er nicht mehr anders kann. Stellen wir uns das kurz vor: wenn das so wäre, als wenn Gott liebevoll und allwissend ist, wenn er uns Gutes tun will und weiß, was wir brauchen, sich aber genau so verhalten würde, wäre er weniger großzügig und weniger nett als ganz normale menschliche Eltern.
Kommt ein Kind von der Schule nach Hause und fragt: Mama, kann ich mir ein Brot schmieren? Ja, ich habe Hunger. Welche Mutter würde dann sagen: Natürlich nicht. Es sei denn, dass du mich tausendmal fragst, vielleicht überlege ich es mir dann. Das ist eine total absurde Vorstellung.
Wenn Gott so wäre, dann wären wir allein für unser Glück verantwortlich. Denn wir wüssten dann, was wir brauchen, und wir wüssten, was wir tun müssen, damit Gott uns gibt, was wir brauchen, obwohl er selber eigentlich gar keine so rechte Lust dazu hat. Was für eine gruselige Vorstellung!
Ihr Lieben, bitte lasst uns darauf achten, dass unser Gebetsleben widerspiegelt, was wir über Gott glauben und wer Gott ist. Und lasst uns dort, wo wir falsche Vorstellungen haben – und dazu kann so ein Gedanke zählen, dass Gott ein Gott ist, den ich durch Druck manipulieren muss – solche falschen Vorstellungen entlarven und dann wirklich darüber Buße tun.
Gottes Güte im Blick auf unser ganzes Leben
Wenn wir an Gottes Güte zweifeln, und das kann schon mal passieren, dann lasst uns doch kurz überlegen, was Gott uns alles geschenkt hat, ohne dass wir auch nur ein einziges Gebet gesprochen haben. Das ist ein witziger Ansatz, oder?
Wir schauen gern auf die Gebete, die Gott nicht erhört. Aber was ist eigentlich mit den Dingen, für die wir nie gebetet haben, die Gott uns aber trotzdem geschenkt hat?
Als Gott seinen Sohn sandte, um für meine und deine Sünden zu sterben, also das All-Inclusive-Programm mit Dornenkrone, mit rostigen Nägeln, mit Spott und Hohn: Hast du dafür gebetet, dass er das tut? Ich nicht.
Oder hast du dafür gebetet, dass Gott, als er Jesus aus den Toten auferweckte, diese Auferweckung benutzt hat und jetzt jeder Gläubige, also jeder, der sich bekehrt, mit ihm auferweckt wird und neues, ewiges Leben empfängt? O-Ton Paulus: Er hat uns mit auferweckt und mitsitzen lassen in der Himmelswelt in Christus Jesus. Epheser 2,6. Hast du dafür gebetet, Himmelsbürger zu sein? Ich nicht. Neues Leben zu bekommen? Ich nicht. Oder hast du für eine Ewigkeit voller Segen gebetet? Ich nicht.
Wisst ihr, diese richtig gewaltigen Geschenke, die haben wir einfach so von Gott geschenkt bekommen. Oder, wie Jakobus es ausdrückt: Nach seinem Willen hat er uns durch das Wort der Wahrheit geboren, damit wir eine Art Erstlingsfrucht seiner Geschöpfe seien. Es war sein Wille, es war die schiere Güte seines Herzens, uns mit unserer Bekehrung in einem Maß zu beschenken, dass es uns schwerfällt, das ganze Ausmaß seiner Segnungen überhaupt auch nur zu begreifen.
Paulus betet im Epheserbrief, Epheser 1,19, dass Gott die Augen unseres Herzens erleuchten möge, damit wir fähig werden, das ganze Übermaß an Herrlichkeit zu erfassen, mit dem Gott uns seine Kinder beschenkt hat. Also: Wir sind von Natur aus überhaupt nicht fähig zu begreifen, wie übermäßig beschenkt wir sind. Gott muss uns auch noch quasi die Augen unseres Herzens, unseren Verstand, unser ganzes Erfassungsvermögen erleuchten, damit wir dahin kommen, das zu verstehen, womit er uns beschenkt hat.
Und wenn Gott uns schon so viel geschenkt hat, dann dürfen wir wissen, dass seine Güte im Blick auf die ganz alltäglichen Bedürfnisse, die wir haben, also Gesundheit, Job, Versorgung, eine Wohnung, nicht geringer geworden ist. Das sind ja alles Kleinigkeiten im Vergleich zu dem, was er uns schon geschenkt hat. Seine Haltung hat sich da nicht für uns geändert. Wir müssen Gott nicht mit langen Gebeten informieren, er weiß, was wir brauchen.
Warum wir Gott unsere Sorgen sagen sollen
Könnte wieder jemand sagen: „Hey Jürgen, du hast doch letzte Woche davon gesprochen, wie wichtig es ist, ihm unsere Sorgen und Nöte zu sagen.“
Ganz richtig, das war mein Punkt. Aber warum sollen wir das tun? Weil Gott sie nicht kennt? Denken wir vielleicht, er war kurz abgelenkt? Und hat nicht mitbekommen, wie es uns geht? Denken wir, dass wir einen allwissenden Gott auf den neuesten Stand bringen müssen? Das ist absurd, oder?
Also, ich habe einen kleinen Enkel. Jetzt stell dir vor, er spielt im Garten. Meine Tochter, seine Mutter, sieht ihm dabei zu. Und während sie ihm zuschaut, sieht sie, dass er über die Rasenkante stolpert, der Länge nach hinfällt und sich das Knie aufschlägt. Während er zu weinen anfängt, läuft er zur Haustür, um seiner Mutter zu sagen, was ihm gerade passiert ist.
Jetzt hat sie alles gesehen. Trotzdem wird sie die Tür öffnen und sich anhören, was der kleine Steppke zu sagen hat. Wisst ihr, sie braucht die Information nicht. Aber sein Herz wird leichter, wenn er seinen Schmerz und seinen Ärger bei ihr abladen kann.
Und genau so ist Gott, wie eine Mutter, die uns tröstet. Lernt Jesaja 66,13 auswendig: Gott ist wie eine Mutter, die uns tröstet. Gott braucht nicht unser Gebet, sondern wir brauchen es.
Gebet als Ausdruck von Beziehung und Vertrauen
Okay, aber wenn Gott schon vorher weiß, was ich brauche, warum gibt er es mir dann nicht einfach so, ohne Gebet?
Ich bleibe mal bei meinem Enkel als Beispiel. Der mag nämlich Schokolade. Und seine Mutter hat auch kein größeres Problem damit. Sie hat Schokolade für ihn zu Hause, einfach weil sie weiß, dass er irgendwann kommt und gerne welche hätte. Und wenn er da ist, kommt noch Schokolade dazu, sie hat vorgesorgt. Und wenn er kommt, wird sie entscheiden, ob es jetzt gut für ihn ist, welche zu bekommen oder eben nicht. Es kann ja sein, dass es gleich Mittagessen gibt, und dann ist Schokolade davor nicht so angesagt. Aber wenn er fragt und es passt, freut sie sich, ihm ein Stück Schokolade zu geben.
Die Frage ist: Warum gibt sie ihm nicht ständig von sich aus immer wieder Schokolade? Das war ja unsere Frage. Und die Antwort lautet: Wenn er kommt und fragt, bekommt er viel mehr als nur Schokolade. Er bekommt nämlich auch einen Eindruck davon, was für eine großartige Mutter er hat und was es heißt, geliebt zu werden. Und es ist dieser Eindruck, der ihm ein Leben lang bleibt.
Klar gibt es auch Momente, in denen er fragt und seine Mutter sagt: Nein, jetzt nicht, jetzt gibt es keine Schokolade. Und dann kann es schon mal sein, dass er auch wütend wird. Aber mit den Jahren wird er lernen, dass seine Mutter ihn so sehr liebt, dass sie bereit ist, diese Momente zu ertragen. Diese Momente, in denen er ihr Verhalten falsch interpretiert. Dass sie bereit ist, ihm das zu geben, was er braucht, und auch das nicht zu geben, was nicht gut für ihn ist, obwohl er sich das doch so sehr wünscht.
Und genauso ist Gott. Gott ist bereit, die Momente zu ertragen, in denen wir verärgert und wütend sind, weil wir nicht bekommen, was er uns in seiner Liebe nicht geben will. Er ist bereit, unsere Kritik und unsere Enttäuschung auszuhalten. Und seien wir ganz sicher: In zehntausend Jahren werden wir ihn für den Umgang mit uns heute, auch für die Momente, die wir nicht verstehen, dafür feiern, weil wir etwas von der wirklichen Tiefe seiner Liebe erfasst haben. Weil er in jedem Moment, völlig unabhängig davon, ob wir das jetzt verstehen oder nicht, immer unser Bestes im Blick hatte.
Und das ist auch der Grund dafür, warum Paulus sagt, dass wir in Epheser 5,20 allezeit für alles Gott und dem Vater Dank sagen sollen. So ist die Frage: Warum beten? Die Antwort: Weil unsere Seele es braucht. Weil wir so Gottes Güte und Fürsorge erleben, auch dann, wenn er Nein sagt.
Die eigentliche Belohnung des Gebets
Ich möchte kurz auf die zweite Frage vom Anfang eingehen: Was meint Jesus damit, dass Gott uns für unser Gebet belohnen wird? Was ist die Belohnung, die wir bekommen, wenn wir beten?
Und es ist ganz wichtig, dass wir eines verstehen: Damit sind nicht primär die Dinge gemeint, mit denen Gott uns beschenkt. Der Lohn des Gebets ist Gott selbst. Wir dürfen und sollen zu ihm gehen und ihn bitten, weil er sich uns als Person, als echtes Gegenüber, offenbaren möchte.
So wie es in den besseren Übersetzungen zu 1. Mose 15,1 heißt: Fürchte dich nicht, Abraham, ich bin dir ein Schild und ein sehr großer Lohn.
Warten als Schule des Glaubens
Lasst uns abschliessend noch einen Punkt betrachten, der etwas mit Gottes erzieherischem Handeln zu tun hat und gut in dieses Thema Beten als Kind Gottes hineinpasst. Ich möchte ihn an Jesaja 40,31 festmachen.
Jesaja 40,31: Aber die auf den Herrn hoffen, gewinnen neue Kraft; sie heben die Schwingen empor wie die Adler, sie laufen und ermatten nicht, sie gehen und ermüden nicht.
Ich weiss, das ist ein ganz bekannter Vers, auf unzähligen Postkarten verewigt. Nun ein Hinweis: Wörtlich steht hier nicht „sie gewinnen neue Kraft“. Das ist eine gängige Übersetzung, und sie ist auch nicht falsch, sie ist auch schön. Aber im Grundtext steht wörtlich: Sie ändern, sie ersetzen ihre Kraft. Das klingt komisch, macht aber sehr viel Sinn, wenn wir uns kurz den Zusammenhang anschauen.
Israel ist nämlich total frustriert, so dass der Prophet fragt:
Jesaja 40,27: Warum sagst du, Jakob, und sprichst du, Israel: Mein Weg ist verborgen vor dem Herrn, und meinem Gott entgeht mein Recht?
Also sind die Israeliten so frustriert, dass sie Gott Vorwürfe machen: Du siehst uns nicht, unser Weg ist verborgen, du kümmerst dich nicht um uns.
Und was antwortet Gott?
Jesaja 40,28-30: Hast du es nicht erkannt oder hast du es nicht gehört? Ein ewiger Gott ist der Herr, der Schöpfer der Enden der Erde. Er ermüdet nicht und ermattet nicht, unergründlich ist seine Einsicht. Er gibt dem Müden Kraft, und dem Ohnmächtigen mehrt er die Stärke. Jünglinge ermüden und ermatten, junge Männer straucheln und stürzen; aber ...
Und dann kommt unser Vers.
Gott ist ein ewiger Gott, Schöpfer, er ermüdet nie, er ermattet nicht, und unergründlich, heisst es, ist seine Einsicht. Gottes Göttlichkeit, Gottes Macht und Gottes Weisheit übersteigen alles, was wir uns vorstellen können. Und Gott ist es, der uns aufrichten will, stärken will, kräftigen will. Aber jetzt kommt es: Seine Hilfe wird denen zuteil, die auf den Herrn hoffen oder, wie man auch übersetzen kann, die auf den Herrn warten.
Wenn ich bete, aber meine Gebete nicht erhört werden und meine Situation sich nicht bessert, womöglich sogar aussichtsloser wird, weil ich ja Sachen ausprobiere, die nicht klappen, dann bin ich gezwungen, neu über Gott nachzudenken. Wie ist Gott? Hat er mich wirklich nicht vergessen? Ist er wirklich stark genug, mir zu helfen? Weiss er wirklich, was er tut? Weiss er, wo ich stehe, was ich gerade durchmache, was ich mir gewünscht habe und wie enttäuscht ich jetzt bin? Weiss er das genau jetzt?
Und wenn er das weiss, warum will er, dass ich auf ihn hoffe? Ja, warum lässt er mich warten? Warum muss ich auf Gott warten? Ich bete doch!
Und die Antwort findet sich in Jesaja 40,31:
Aber die auf den Herrn hoffen oder warten, gewinnen neue Kraft.
Ich hatte das schon gesagt, noch einmal kurz zur Wiederholung: Sie gewinnen neue Kraft, wörtlich: Sie ändern, sie ersetzen ihre Kraft. Das ist in etwa so, wie wenn man nach dem Renovieren die dreckigen Klamotten mit den Farbklecksen auszieht und sich frische Sachen anzieht. Das ist ändern, das ist ersetzen. Darum geht es.
Und diese neue, diese geänderte Kraft kommt, obwohl sich die Umstände nicht geändert haben. Ja, Gott hat ihre Gebete noch nicht erhört. Aber der Clou ist: Wenn wir in schwierigsten Umständen auf Gott hoffen oder auf ihn warten, also ihn bestimmen lassen, wann er eingreifen will, dann wird sich in diesem Prozess des Wartens unsere Kraft verändern, auch wenn sich unsere Lebensumstände nicht verändern. Gott wird die alte Kraft, die mit den Farbklecksen, die nicht mehr zu gebrauchen ist, ersetzen durch eine neue.
Das ist die Verheissung in Jesaja 40,31: Aber die auf den Herrn hoffen und erwarten, gewinnen neue Kraft. Sie entdecken, dass da eine neue Kraft in ihnen zum Vorschein kommt. Also nicht die Umstände werden leichter, sondern wir werden belastbar.
Und auch das hat etwas mit Erziehung zu tun, damit, dass wir Kinder sind und dass Gott als guter Vater weiss, was uns gut tut, wie er uns auf die beste Weise fördern kann. Er weiss, wie viel Stärke wir irgendwann später in der Zukunft brauchen werden, und er wird unsere Lebensumstände so führen, dass wir diese Stärke rechtzeitig bekommen.
Ein persönliches Beispiel für Wachstum im Warten
Ein Beispiel: Mitte des achten Schuljahres habe ich die Schule gewechselt. Ich kam von einem kleinen Gymnasium in Nordbayern auf eine katholische Privatschule im Taunus. Latein war dort die erste Fremdsprache.
Ich war kaum angekommen, da hatte ich schon meinen Spitznamen weg: der Bayer. Es war eine unglaublich schwierige Zeit. Aber ich hätte machen können, was ich wollte, mein Vater ließ mir keine Wahl. Ich musste dort hin.
Also habe ich mich jeden Morgen auf den Weg gemacht und mir meine Portion an Spott, an Versagen im Lateinunterricht und auch an sehr persönlicher Ablehnung durch einen Geschichtslehrer abgeholt. Das achte Schuljahr war wirklich heftig.
Das neunte Schuljahr war besser. Warum? Weil meine Kraft zunahm. Die Umstände blieben schwierig, der Geschichtslehrer verschwand, aber an seine Stelle trat eine Französischlehrerin, die mich definitiv auf dem Kieker hatte. Doch meine Kraft nahm zu.
Am Ende des zehnten Schuljahres habe ich diese Schule nicht nur einfach verlassen, sondern ich habe sie gestärkt verlassen. Ich kann heute rückblickend sagen, dass mein Vater mit der Schule und auch damit, dass er mich immer wieder dorthin geschickt hat, eine gute Wahl getroffen hat. Das war gut für mich.
Und genau so ist Gott. Er weiß, was uns langfristig guttun wird. Und deswegen richtet er unser Leben so ein. Deswegen lässt er uns wachsen und eben auch warten und im Warten wachsen.
Ein Blick auf Gottes Größe als Trost für Entmutigte
Und deswegen lass mich dir zum Schluss einen Tipp geben, einen Tipp für die, die gerade ganz besonders entmutigt, sorgenvoll oder hoffnungslos sind. Ich sage mal: für Beter, die eigentlich schon nicht mehr beten wollen.
Jesaja 40,26: Hebt zur Höhe eure Augen empor und seht: Wer hat diese geschaffen? Er ist es, der ihr Heer hervortreten lässt nach der Zahl, der sie alle mit Namen ruft. Vor ihm, der reich an Macht und stark an Kraft ist, fehlt kein Einziger.
Mein Tipp: Wenn du völlig entmutigt bist, nimm dir heute Nacht Zeit, um den Himmel zu betrachten. Schau dir die Lichtpunkte an, Milliarden und Abermilliarden von Sternen. Und Gott hat jeden Einzelnen geschaffen. Gott kennt sie alle mit Namen.
Trau dich für einen Moment, nicht auf deine Sorgen zu starren, sondern trau dich, den Himmel zu bestaunen. Und frag dich: Wer hat die Sterne geschaffen? Und weißt du was? Der, der alle Sterne mit Namen kennt, der kennt auch dich. Der hat alle Haare auf deinem Kopf gezählt. Er hat dich gerettet. Er hat dir ewiges Leben, Hoffnung und Zukunft geschenkt, sodass du in alle Ewigkeit mit seinem Sohn über eine neue Schöpfung herrschen wirst.
Wir sind dazu berufen, über Galaxien zu herrschen, Engel zu richten und eine Ewigkeit zu gestalten. Ist es da noch verwunderlich, dass Gott uns heute auf diese Aufgaben vorbereitet, die wirklich Weisheit und wirklich Stärke benötigen? Dass er uns auf diese Aufgaben vorbereitet, indem er uns manchmal warten lässt, um unsere Kraft zu verändern, um uns mit neuer, mit veränderter, letztlich mit seiner Kraft zu beschenken? Kraft, die uns umgestaltet. Kraft, die uns reifen lässt. Kraft, die uns für die Ewigkeit vorbereitet.
Lasst uns ab und zu das Weltall betrachten, über Gott staunen, uns daran erinnern, wer wir sind und was noch vor uns liegt. Wisst ihr, wenn wir das tun, dann gehen unsere Probleme vielleicht nicht sofort weg. Unsere Gebete werden nicht gleich erhört. Aber wir werden neue Kraft finden, neue Hoffnung und neuen Mut, um uns den Problemen zu stellen, bis es unserem Vater im Himmel, der uns mehr liebt, als wir uns das überhaupt vorstellen können, der es besser mit uns meint, als wir es ahnen, bis es ihm in seiner Weisheit gefällt, unsere Gebete zu erhören. Und bis dahin bleibt er selbst unser Lohn. Amen.
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