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Echtsein - Leben unter der Gnade #1

Apostelgeschichte 20,24-2522.05.2017
SerieTeil 4 / 6Echtsein
Gnade ist kein einmaliger Startschuss. Du darfst immer wieder mit deinen Sorgen zu Gott kommen – und er will dich nicht abweisen, sondern neu beschenken.

Einführung in das Thema und die neue Blickrichtung

Wir sind in der Predigtreihe über Echtsein, das war der Titel. Damit fing das mal an, und wir kommen heute zum vierten Teil.
Für mich sind die nächsten Predigten Themen, bei denen ich sage: Wow, die machen wirklich den Unterschied, wenn man Christsein verstehen will. Letzte Woche hatten wir Leben unter Gesetz. Das kennt jeder Religiöse, das kennen viele Religionen. Aber jetzt betreten wir, ich sage mal, holy ground. Das ist der Punkt, an dem das Christentum wirklich ganz anders ist als jede andere Religion. Und deswegen wird es in den nächsten Predigten um das Thema Gnade gehen, um Leben unter der Gnade.
Ich möchte anfangen mit der einzigen Stelle in der Bibel, wo vom Evangelium der Gnade die Rede ist. Es gibt da nämlich nicht so viel, es gibt genau eine. Und die findet sich in der Apostelgeschichte. Die Stelle ist deshalb interessant, weil Paulus dort etwas sagt, da müsste man genau zuhören, etwas miteinander vergleicht, was Synonyme sind, also was gleich ist, was man aber vielleicht auf den ersten Blick nicht als gleich erkennt.
Da heißt es in Apostelgeschichte 20,24-25: Aber ich achte mein Leben nicht der Rede wert, damit ich meinen Lauf vollende und den Dienst, den ich von dem Herrn Jesus empfangen habe, das Evangelium der Gnade Gottes zu bezeugen. Und nun siehe, ich weiß, dass ihr alle, unter denen ich umhergegangen bin und das Reich Gottes gepredigt habe, mein Angesicht nicht mehr sehen werden.
Warum betone ich das? Wenn Paulus das Reich Gottes predigt, und erinnert euch vielleicht an das, was wir hier schon aufgebaut hatten, die zwei Reiche, das Reich der Finsternis, das Reich Gottes, dann predigt er das Evangelium der Gnade. Die beiden Bezeichnungen Evangelium der Gnade und Evangelium vom Reich Gottes sind in der Bibel identisch, sie meinen dasselbe.
Gottes Reich, also Gottes Herrschaft über das Leben eines Menschen, ist ganz eng mit dem Begriff Gnade verbunden.

Was der Begriff in der Reformationszeit mit sich brachte

Ich habe jetzt eine große Sorge, die wahrscheinlich nicht viele von euch haben. Das ist so die Art von Sorgen, die man vermutlich nur hat, wenn man Predigten hält.
Meine Sorge ist nämlich, dass wir den Begriff Gnade, wenn wir ihn hören, zu protestantisch füllen. Wenn wir jetzt 500 Jahre Luther und 500 Jahre Reformation feiern, dann hat die Reformation den Begriff Gnade einfach aufgeladen. Das war in der Zeit der Reformation ein echter Kampfbegriff.
Wenn man über Luther liest, dann liest man immer davon, dass Luther von seiner eigenen Sündhaftigkeit erdrückt wurde. Luther stellt sich die Frage: Wie kann ich einen gnädigen Gott finden? Das ist die Frage, die Luther umtreibt. Das ist die Frage, die der Reformation zugrunde liegt.
Und wir sagen: Die Antwort ist doch völlig klar. Wie finde ich einen gnädigen Gott? Das ist doch sonnenklar das normale Evangelium. Du musst nichts tun. Du musst dich einfach nur glaubend in Gottes Hände fallen lassen und darauf vertrauen, dass Gott alles getan hat. Oder wie Paulus das vielleicht formulieren würde: Denn aus Gnade seid ihr gerettet durch Glauben.
Eigentlich ist das Evangelium ganz leicht. Aber ihr müsst euch vorstellen: Vor 500 Jahren ringt ein Martin Luther um die Frage, wie finde ich einen gnädigen Gott? Und als ihm klar wird, dass es aus Gnade durch Glauben ist, dieses Aus Gnade, dass Gott mich mit Errettung beschenkt, da wird dieser Begriff zum Dreh- und Angelpunkt der Reformation.
Wenn wir uns heute mit dem Begriff beschäftigen, dann hören wir eigentlich nicht mehr das, was er in der Antike bedeutete, sondern das, was er zur Zeit der Reformation bedeutete. Und das ist leider nicht dasselbe.

Gnade als Beziehung statt als einmaliges Ereignis

Ich will das noch einmal versuchen, aus einer anderen Perspektive zu betrachten.
Bei dem Begriff Gnade haben wir das Problem, dass der Begriff selbst für uns heute häufig mit dem Moment der Begnadigung verbunden ist. Was heißt es, Gnade zu finden? Na ja, heute so viel wie das, was ein Mensch erfährt, wenn er sich bekehrt. Begnadigt sein heißt so viel wie bekehrt sein in unserem, ich sage es mal, kirchlichen Kontext.
Da gibt es irgendwo in der Vergangenheit einen Moment: Da bin ich auf die Knie gegangen, ich habe Gott meine Sünden bekannt, ich habe sie bereut, ich habe Gott um Vergebung gebeten, und ich fing an, an Gott zu glauben. Dieser Moment in der Vergangenheit, wo Gott mir meine Schuld vergibt und mir Gnade schenkt, das ist das, woran ich denke, wenn ich den Begriff Gnade höre. Gnade ist etwas, was ich habe, weil Gott es mir am Anfang meines Glaubenslebens geschenkt hat.
Gnade, das Wort, bedeutet unverdiente Gunst, also etwas, was mir jemand schenkt, ohne dass er von mir eine Gegenleistung dafür bekommt. Gnade ist das, was Gott mir gibt, obwohl es dafür überhaupt keinen Grund gibt. Das ist das, was in meinem Denken lange drin war. Gnade ist das, was ich mal gekriegt habe am Anfang meines Glaubenslebens.
Und dieses Denken ist nicht ganz falsch. Gott hat uns begnadigt, aber das ist leider nicht alles, was wir zum Thema Gnade wissen müssen. Gott möchte uns, und darum geht es mir heute, Gott möchte uns nicht nur einmal begnadigen, sondern er möchte, dass wir immer und immer wieder von seiner Gnade beschenkt werden.
Und das ist eigentlich das Zentrum von Gnade. Gnade ist nicht das, was in der Vergangenheit mal passiert ist, sondern Gnade ist das, was jeden Tag passieren darf. Und deswegen heißt es auch in Johannes 1,16, das ist eine Stelle, die sich mit Jesus auseinandersetzt: Was hat Jesus in diese Welt gebracht? Und da heißt es in Johannes 1,16: Denn aus seiner Fülle haben wir alle empfangen, und zwar Gnade um Gnade.
Merkt ihr, ihr habt nicht einmal Gnade empfangen, sondern ihr habt eine Gnade nach der anderen. Das ist das, was Jesus uns bringt: Gnade um Gnade.

Die antike Gesellschaft als Schlüssel zum Verständnis

Und deswegen möchte ich heute etwas wagen. Ich möchte mich mit euch damit beschäftigen, was die Leute, die Menschen zur Zeit Jesu, eigentlich unter dem Begriff Gnade verstanden. Also schauen wir uns heute ein griechisches Wort an. Es heißt Charis. Damals: Karis. Um dieses Wort soll es heute gehen.
Gnade ist für uns ein zutiefst religiöser Begriff, während er zur Zeit der ersten Christen das nicht war. Charis steht vielmehr als Begriff für gegenseitige Verpflichtung, die in der Gesellschaft ganz normal war.
Wir sind es gewohnt, in einer Gesellschaft zu leben, in der jeder Bürger Zugang zu allem hat, was man zum Leben braucht. Richtig? Ja, man kann alles kaufen. Wir können, vorausgesetzt, dass wir genug Geld haben, alles kaufen. Wir sind daran gewöhnt, dass es staatliche Stellen gibt, die uns unterstützen. In Deutschland ist das ja ganz witzig: Die Hilfe von staatlicher Seite ist so selbstverständlich, dass es Leute gibt, die von Papa Staat sprechen. Ja, da gibt es jemanden, der sich um uns kümmert. Wir sind wenig bis gar nicht darauf angewiesen, die richtigen Leute zu kennen. Klar, wenn man Vitamin B, also sprich gute Beziehungen, hat, schadet das nicht. Logisch. Aber man kommt auch ohne das durch.
Und jetzt müssen wir es wagen, uns eine Gesellschaft vorzustellen, die ganz, ganz, ganz anders ist. Eine Gesellschaft, in der eben nicht alle auf einer Ebene stehen. Stellt euch eine Gesellschaft vor, in der man auf dem Markt die Dinge des alltäglichen Bedarfs kaufen konnte. Und darüber hinaus musste man, egal was man sonst noch brauchte, Leute kennen. Und zwar die richtigen Leute, die Einfluss hatten.
Die Gesellschaft war so strukturiert, dass alle überhaupt nicht auf einer Stufe standen, sondern dass es klare Hierarchien gab. Es gab ein Unten. Und wenn man wollte, kann man den Sklaven mit hineinbeziehen; dann gibt es sogar ein ganz unten. Und es gibt auch ein klares Oben. Unten standen die, die Hilfe brauchten, und oben standen die, die Einfluss hatten und diese Hilfe geben konnten.
Man nennt die, die oben stehen, den Patron. Und wenn ich das Wort Patron höre, denke ich immer an Mafia. Es ist so, als ich über dieses System mal mit einem Freund gesprochen habe, der gerade in Altphilologie promoviert. Er meinte: Du musst dir das einfach vorstellen wie bei der Mafia. Ich weiß nicht, wer den Anfang von Der Pate I kennt. Da sitzt einer hinter dem Schreibtisch, das ist der Patron. Und dann kommt ein anderer, der Hilfe braucht. Der kann sich selber nicht helfen und bittet um eine Gefälligkeit. Und er weiß: In dem Moment, wo er diese Gefälligkeit bekommt, steckt er in dem System Mafia mit drin.
Das ist ziemlich dicht an der Art und Weise, wie eine antike Gesellschaft strukturiert wurde. Wie gesagt, für uns hört sich das vielleicht merkwürdig an, auch nicht sonderlich erstrebenswert. Aber es ist diese Gesellschaft, und es ist dieses Verständnis von Miteinander, das hinter dem Begriff Gnade steht.

Wie Charis in der antiken Welt funktionierte

So, der Begriff Charis, den wir oft mit Gnade übersetzen, hat in dieser Gesellschaft drei Bedeutungen.
Erstens bedeutet Charis, wenn es den Patronen gibt, der oben steht, die Bereitschaft des Patrons, dem Hilfesuchenden zu helfen. In diesem Sinn passt die Übersetzung Gnade ziemlich gut. Wenn du Charis in deiner Bibel mit Gnade übersetzt, ist das also völlig korrekt. Es steht für diese Bereitschaft, dass einer unverdiente Gunst gewährt.
Was dieser Begriff außerdem bedeutet: Charis steht für die Hilfe, die der Patron anbietet. Wir würden dann vielleicht mit Geschenk oder Unterstützung übersetzen. Also auch hier passt Gnade als Übersetzung, ebenso wie Geschenk oder Unterstützung.
Und dann gibt es eine dritte Definition für das Wort Charis. Das bekommt ihr in der deutschen Übersetzung oft gar nicht mit, denn es kann auch mit Dank oder mit Loyalität übersetzt werden. Es ist also nicht nur die Bereitschaft des Patrons, mich zu unterstützen, wenn ich Hilfe brauche. Es ist nicht nur das Geschenk. Es ist auch die Antwort, die Reaktion des Hilfsbedürftigen an den Patron.
All diese verschiedenen Begriffe, diese verschiedenen Dinge, stehen unter demselben Wort. Es ist jedes Mal Charis.
Das heißt: In der Antike gibt es nicht so etwas wie einen isolierten Akt der Gnade. Es gibt nicht den Gedanken, dass ein Hilfsbedürftiger beschenkt wird, und das war es dann. Das ist tatsächlich unser heutiges Denken. Wir sind, zumindest glaube ich, in Deutschland so daran gewöhnt, uns beschenken zu lassen, dass wir so gut wie keinerlei Verpflichtung spüren, dankbar zu sein. Wir haben auf keinen Fall ein Gespür dafür, wie sehr wir in der Schuld dessen stehen, der uns mit seiner Hilfe beschenkt hat. Das ist etwas, das uns fremd ist, oder zumindest recht fremd.
Und jetzt müssen wir den Sprung zurück wagen: In der Antike war das ganz, ganz, ganz anders. In der Antike entstand in dem Moment eine ganz enge Bindung zwischen dem Patron oben und dem Hilfsbedürftigen unten, in dem der Patron sich entschied, ohne eigene Hintergedanken dem Hilfsbedürftigen zu helfen.
Das heißt: So ein Patron musste nicht helfen. Er musste sich aber gut überlegen, wem er hilft und wem er seine Unterstützung gewährt. Denn wenn er erst einmal angefangen hatte zu helfen, dann war der Hilfsbedürftige Teil seiner erweiterten Familie. Dann wurde er sein Klient.
Ja, man darf jetzt nicht an den Rechtsanwalt denken oder so, das Wort meint etwas ganz anderes. Also in dem Moment, wo Gnade gewährt wurde, fing eine gegenseitige Beziehung an. Eine Beziehung, in der der Patron oben für den Schützling unten verantwortlich wurde.
Er musste sich von da an um diesen Mann kümmern. Er musste ihn finanziell unterstützen. Er musste ihn vor Gericht unterstützen. Und es war deshalb für den Patron von größter Bedeutung, dafür zu sorgen, dass er den richtigen Leuten Gnade gewährte.
Wenn du so einen Dödel hattest, der ständig Mist macht, und du hängst als Patron drin, dann war das einfach nicht cool.

Die wechselseitige Verpflichtung und der Kreislauf der Gnade

Jetzt schauen wir uns die andere Seite an. Der Patron musste sich also gut überlegen: Wen nehme ich?
Das Gleiche galt für den Klienten. Denn wer Charis empfing, musste mit Charis antworten. Die Gunst des Patrons war ein freiwilliges Geschenk, die Dankbarkeit des Hilfsbedürftigen eine Pflicht. Sie zu verweigern, stellte ein ganz schlimmes Unrecht gegen die Götter dar. Man muss sich das vorstellen: Charis, Gnaden, das waren auch Göttinnen, die so hießen. Und wenn man quasi nicht bereit war, als jemand, der etwas empfangen hatte, wieder etwas zurückzugeben, dann beleidigte man diese Göttinnen.
Wozu war so ein Klient verpflichtet? Nun, er musste den Patron ehren. Das heißt: Wenn ich an so einem hohen Herrn war, bin ich morgens zu seinem Haus gegangen und habe ihn erst einmal gegrüßt. Das war der Morgengruß. Und dann musste ich natürlich vor anderen gut über meinen Patron reden. Wenn ich unterwegs war, habe ich jedem erzählt, wie toll mein Patron ist.
Und dann musste ich, wenn der Patron jemanden brauchte zum Kämpfen, auch für ihn kämpfen. Und wenn er in die Verbannung ging, bin ich mit in die Verbannung gegangen. Also habe ich den sozialen Auf- und Abstieg meines Patrons immer geteilt. Und natürlich war so ein Klient auch dazu verpflichtet, kleinere Dienste und Geschenke zu leisten.
Was jetzt wichtig ist, was ich mir wünsche, ist, dass ihr diesen Kreislauf, der hier entsteht, euch verinnerlicht. Denn der ist zutiefst wichtig, um den Begriff Gnade zu begreifen oder den Begriff Charis zu begreifen. Denn in diesem Kreislauf ist es so, dass tatsächlich jeder gibt und empfängt. Und wenn ich einmal in diesen Kreislauf eingetreten bin, also wenn ich einmal als Hilfesuchender mich an einen Patron gewendet habe und von ihm Gnade geschenkt bekommen habe, er mich unterstützt hat und ich angefangen habe, ihm mit Dank und Loyalität zu begegnen, dann ist ein Kreislauf entstanden, wo keine Partei mehr eigentlich aufhören durfte. Das war eine lebenslange Bindung.
Wer an der Stelle ausgestiegen ist, der war gesellschaftlich geächtet. Das heißt: Du entscheidest dich, und dann bist du in einem Kreislauf.
Jetzt sagt ihr: Warum will Jürgen das uns so ausführlich erklären? Na, weil ich Angst habe, dass man Gnade so reformatorisch-protestantisch versteht, so nach dem Motto: Das ist das Ding, was einmal über mich ausgegossen wird, und jetzt ist alles gut mit Gott. So stimmt das nicht. Der Begriff selber beschreibt eine komplexe Dynamik zwischen einem, der gibt, einem anderen, der empfängt, der wieder zurückgibt und dann wieder neu empfängt. Es ist wirklich ein großer Kreislauf. Und wenn wir diesen Kreislauf nicht vor Augen haben, verstehen wir das Wort Charis einfach falsch, und das wäre schade.
Dieser Begriff, dieses Geben und Nehmen, dieser Kreislauf, steht in der Mitte der antiken Gesellschaft.

Paulus und die Übertragung auf das Verhältnis zu Gott

So, und jetzt müssen wir das auf uns übertragen. Paulus hat ja den Begriff Gnade, Charis, genommen und auf eine Beziehung mit Gott angewendet. Er hat gesagt: Aha, anscheinend ist das das Beste, wenn ich anderen Leuten erklären will, wie das mit Gott ist, dass ich diesen Begriff nehme, wie sich der Hilfesuchende, der Klient, an den Patron wendet. So wenden sich Menschen an Gott, um ihre Sünden vergeben zu bekommen.
Es ist dieser Moment, in dem der Hilfesuchende merkt: Ich habe keine eigenen Ressourcen, um mit dem Problem der Sünde fertigzuwerden, und ich wende mich an Gott. Das hört sich in Apostelgeschichte 2,21 so an: Und es soll geschehen: Wer den Namen des Herrn anrufen wird, der soll gerettet werden. Den Namen des Herrn anrufen, Gott anrufen, das ist genau das Gleiche. Ich stehe hier unten und rufe Gott an. Ich merke: Gott ist mein Patron, an den ich mich wenden kann.
Das Besondere an Gott ist jetzt, im Gegensatz zu einem weltlichen Patron, dass er tatsächlich alle Menschen einlädt, Teil seiner erweiterten Familie zu werden und Gnade zu genießen. Das ist der Unterschied. Der weltliche Patron hat sich gut überlegt: Will ich den oder will ich den nicht? Und wir wissen: Wenn Gott so rangegangen wäre, wäre keiner von uns genommen worden. Denn jeder von uns macht Gott mehr Ärger, als uns lieb ist.
Aber Gott sagt: Ich nehme alle. Mir ist egal, wo du herkommst, mir ist deine Reputation egal. Ich lade sogar, sagt Gott, meine Feinde ein, Menschen, die nie etwas von mir wissen wollen. Und das Wilde bei Gott: Er wartet nicht einmal darauf, dass wir zu ihm kommen, sondern er kommt zu uns. Er wird Mensch. Er bietet uns durch seinen Geist an, er wirkt an uns, er bietet uns wirklich seine Gnade an, er zieht uns zu sich selber. Das ist total verrückt.
Wenn wir das glauben und das ein bisschen verstehen, merken wir jetzt, was Bekehrung ist. Bekehrung ist nichts anderes als die Bitte an Gott, uns in der Sache zu helfen, in der wir uns am wenigsten helfen können. Und das ist die Sache mit der Vergebung unserer Schuld. Und in dem Moment, wo Gott uns vergibt, treten wir in diesen Kreislauf der Charis ein. Also: Gott vergibt uns, und wir beschenken ihn mit Dank und Loyalität.
Und ihr merkt, das ist nicht so einmal herum und dann ist es ausgelaufen, sondern die Idee ist, dass es immer weiterläuft. Gott gewährt uns Gnade, Hilfe, Schutz, Vergebung, Erlösung, Trost, Zukunft, ewiges Leben, und wir antworten ihm mit Loyalität, mit Dank, mit Lobpreis, mit einem Leben, das sich an ihn hängt und ihm gefallen will. Und die Idee dabei ist: Gott will uns immer und immer wieder beschenken.
Ich weiß nicht, wie ich das noch deutlicher sagen soll. Ich werde die nächste Predigt wahrscheinlich nur dazu nehmen, um zu zeigen, was das bedeutet, dass wir immer und immer wieder beschenkt werden, dass Gott eben nicht nur einmal sagt: So, jetzt ist das Ticket für den Himmel ausgestellt. Sondern im Hebräerbrief heißt es in Kapitel 4, Vers 16: Lasst uns nun mit Freimütigkeit, also Freimütigkeit ist, wenn man keine Angst hat, Lasst uns nun mit Freimütigkeit hinzutreten zum Thron der Gnade. Also da steht ein Thron, da sitzt Jesus drauf, und die Beschreibung ist Thron der Gnade, weil es der Ort ist, wo man Gnade findet. Gnade mit all seinen Facetten: Hilfe, jeder Form, die wir brauchen, Trost, Vergebung.
Lasst uns nun mit Freimütigkeit hinzutreten zum Thron der Gnade, damit wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden zur rechtzeitigen Hilfe. Das ist ein Gebot. Und ich glaube, es geht im geistlichen Leben darum, diesen Kreislauf möglichst heftig am Laufen zu halten. Ich weiß, das hört sich komisch an, weil wir ja immer denken: Je eigen, ich sag mal, je selbständig wir sind, umso besser stehen wir vor Gott da. Es könnte nicht falscher sein, das Denken.
Wenn im Zentrum des christlichen Glaubens Gnade und dieser Kreislauf steht, dann geht es eigentlich darum, dieses Rad immer schneller drehen zu lassen. Das machen wir nächstes Mal. Heute erst mal nur: Es geht darum, diesen Schwung zu halten, immer wieder zu sagen: Ich habe ein Problem. Was mache ich denn jetzt mit meinem Problem? Oh, ich weiß nicht mehr weiter. Ab zum Thron der Gnade. Gleich darum bitten, dass Gott dir hilft. Warum? Er ist mein Patron, er muss sich eh darum kümmern. Sein Ding, nicht meins.
Ah, aber vielleicht ist das zu klein, mein Problem. Ja, ich weiß nicht so recht. Ich möchte ein bisschen Mut machen. Dieses Gebot, zum Thron der Gnade zu gehen, ernst zu nehmen. Jakobus sagt mal: Ihr habt nicht, weil ihr nicht bittet. Wenn ihr das mit dem Kreislauf verstanden habt, dann möchte ich, dass ihr versteht: Es ist uns nicht nur erlaubt, es wird von uns erwartet, dass wir mit unseren Bitten und mit unseren Bedürfnissen immer wieder zu Gott gehen.
Gott hat uns begnadigt, damit er uns mehr Gnade schenken kann. Wir sind in diesen Kreislauf eingetreten, nicht weil Gott sagt: Jetzt habe ich dich einmal beschenkt, also jetzt bitte komm nicht noch ein zweites Mal. Vielleicht hast du Erfahrungen mit Menschen gemacht, die einmal geholfen haben und dann dir so signalisiert haben: Also danke, das war jetzt genug. Und wenn man das im Kopf hat, wenn man das so an Unterstützung kennt, und jetzt kommt Gott und sagt: Ich will es eigentlich genau andersherum. Ich möchte, dass du nicht einmal kommst, dich beschenken lässt und dann versuchst, aus eigener Kraft irgendwas selber am Laufen zu halten. Eigentlich möchte ich, dass du es lernst, in diesem Kreislauf immer und immer und immer und immer und immer wieder zu kommen.
Das steckt hinter dem Begriff, dass die Gnade zunimmt in unserem Leben. Aber heute will ich euch eigentlich nur diesen Kreislauf zeigen und euch Mut machen, euch total viel Mut machen, dass ihr euch mit euren Bitten und Bedürfnissen an Gott wendet. Gott möchte uns beschenken. Und wenn er uns beschenkt, dann geben wir ihm unseren Dank.
Übrigens, das ist der Grund, warum wir hier sind. Gottesdienst ist der Moment in der Woche, wo wir Gott Danke sagen für all die Dinge, die Gott uns in der Woche geschenkt hat, auf eine Weise, wie Gott sich das wünscht. Und weil wir Beschenkte sind, investieren wir in die Projekte, die ihm wichtig sind, vor allem in Menschen und Gemeinde.
Hört euch mal an, wie Paulus eine Sammlung für arme Christen in Jerusalem beschreibt, und jetzt habt bitte diesen Kreislauf mal im Hinterkopf. 2. Korinther 9,6-8, da heißt es, und es geht um eine Sammlung für arme Christen in Jerusalem. Er möchte die Empfänger dazu motivieren, fleißig zu geben, und er sagt deshalb in 2. Korinther 9,6: Dies aber sage ich: Wer sparsam sät, wird auch sparsam ernten, und wer segensreich sät, wird auch segensreich ernten. Jeder gebe, wie er sich in seinem Herzen vorgenommen hat, nicht mit Verdruss oder aus Zwang; denn einen fröhlichen Geber liebt Gott.
Das ist die Schiene hier hoch. Paulus sagt: Wie sieht eure vernünftige Reaktion auf Gottes Liebe zu euch aus? Na ja, bitte greift euer Portemonnaie und gebt genug Geld für die Leute, die es brauchen, wenn ihr es habt. Spendet viel: Dank, Loyalität, Investition in Gottes Reich.
Bleibt das dann jetzt hier stehen? Nee. Der nächste Vers: Gott aber vermag auf euch, was? Jede Gabe überreichlich zu geben. Gott vermag euch jede Gabe überreichlich zu geben, damit ihr in allem alle Zeit alle Genüge habt und überreich seid zu jedem guten Werk. Ist das Hammer? Das ist der Kreislauf. Wir geben Geld, investieren das in Gottes Projekte, Gemeinde, und Gott sagt: Okay, dann gibt es eben noch ein Geschenk, dann gibt es noch mal Gnade, dann packe ich dir wieder was oben drauf.
Du denkst vielleicht: Ich lasse los, oder was wird dann mit meiner Zukunft, wenn ich jetzt mein Geld spende? Und Gott sagt: Falsch, genau andersherum. Gib, investiere, bring dich ein und erwarte einfach, dass Gott dich überreich beschenkt.
Und es ist genau das, was wirklich der Fall ist. Je schneller und wilder sich dieser Kreislauf dreht, je mehr wir bereit sind, auf der einen Seite Gas zu geben, umso mehr überschüttet uns Gott auf der anderen Seite. Warum? Weil er das will, weil das das Herzstück von geistlichem Leben ist. Der Kreislauf: Die Korinther geben Geld, und Gott gibt ihnen jede Gnade. Gott möchte uns immer weiter beschenken, ein Leben lang.

Demut als Voraussetzung für das Weiterwirken der Gnade

Und es braucht auf unserer Seite, glaube ich, nur eine einzige Sache. Es gibt so eine Sache, die man nicht machen darf. Es gibt eine Sache, die diesen Kreislauf kaputt macht, und es gibt eine Sache, die diesen Kreislauf befeuert. Und die eine Sache, die es auf unserer Seite braucht, das ist Demut.
 1. Petrus 5,5. Und auch an anderer Stelle heißt es: Gott widersteht den Hochmütigen, dem Demütigen aber gibt er Gnade. Also Gott möchte uns immer weiter beschenken. Das Einzige, wo Gott sagt: Jetzt muss ich aufhören, jetzt kann ich nichts mehr machen, ist, wenn wir nicht demütig sind. Denn der Hochmütige, das ist der, der aufhört zu danken, das ist der, der aufhört, sich in Gottes Reich zu investieren, der sich hinstellt und sagt: Ich brauche dich nicht, Gott.
Das Problem ist: Diese Haltung findet dann nur auf Gottes Seite Widerstand, weil Gott sagt: Wenn du mich nicht brauchst, kann ich dich nicht beschenken. Aber wenn wir demütig bleiben, also wenn ich nicht anfange, Gott zu misstrauen, wenn ich nicht anfange, mein Leben ohne ihn meistern zu wollen, wenn ich mich nicht bewusst aus diesem Kreislauf der Gnade verabschiede, sondern wenn ich es gewöhnt bin – und das wäre eigentlich so das schönste Ergebnis dieser Predigt –, wenn ihr sagt: Ich möchte von heute an gewöhnt sein, meine Sorgen auf Jesus zu werfen.
Noch mal 1. Petrus 5,5: Gott widersteht den Hochmütigen, den Demütigen aber gibt er Gnade. Demütigt euch nun unter die mächtige Hand Gottes, damit er euch erhöhe zur rechten Zeit, indem ihr all eure Sorge auf ihn werft.
Also, was heißt es, demütig zu sein? Ich finde diese Definition so grandios. Was heißt es, demütig zu sein? Woher weiß ich, ob ich demütig bin? Die Frage ist: Wo schmeißt du deine Sorgen hin? Behältst du sie für dich, bist du hochmütig. Gibst du sie bei Gott ab, bist du demütig. Ist das der Hammer?
Gott sagt die ganze Zeit: Ich stehe da und möchte eure Sorgen haben. Hör auf, jemand sein zu wollen, der seine Sorgen behält. Gib mir so viel davon, wie du willst. Pack hier oben auf diese Schale, pack da so viel rein, wie du magst. Überhäufe mich mit deinen Sorgen und Problemen. Ich möchte, dass du alle deine Sorgen auf mich wirfst, denn ich bin besorgt für dich.
Das einzige Problem, das ich habe: Wenn du hochmütig wirst und deine Sorgen für dich behältst, kann ich dich nicht mehr beschenken. Denn der Kreislauf läuft dann nicht mehr. Zu diesem Kreislauf gehört nämlich, dass ich meine Sorgen abgebe. Und dann kommt Gott und sagt: Hey, super, kriegst du, was du brauchst. Ich packe da was drauf. Ich bin besorgt für dich. Ich gebe dir Gnade und Geschenk und Unterstützung, was du brauchst.
Wenn ich daran gewöhnt bin, meine Sorgen auf Jesus zu werfen, dann werde ich sehen, wie er mich rettet. Ich werde sehen, wie er in mein Leben eingreift oder mir auch die Weisheit schenkt, schwierige Situationen aus seiner Hand zu nehmen. Und wir müssen das lernen. Wir müssen es lernen, im Zentrum unseres christlichen Glaubens alles, was wir an Kraft und Weisheit brauchen, von ihm zu erbitten. Es ist so unendlich wichtig.
Warum? Weil er uns mit Gnade überschütten möchte, weil er sagt: Ich werde euch nicht im Stich lassen. Bitte traut euch, eure Nöte und Sorgen, so viel ihr nur irgend kennt, auf mir abzuladen. Er ist wie so eine Sorgenmüllkippe, wo es einfach nicht zu viel wird. Ihm wird es nicht zu viel. Du wirst ihm nie zu viel.
So wie es in Psalm 147,11 heißt: Der Herr hat Gefallen an denen, die ihn fürchten, an denen, die auf seine Gnade harren. Ist das schön? Gott hat Gefallen an denen, die alles aus eigener Kraft schaffen, ihn eigentlich nicht brauchen und ihn in Ruhe lassen, damit er in Ruhe in seinem Zimmerchen sitzen kann? Nein, auf der Erde hat Gott Gefallen an denen, die auf seine Gnade harren, die in ihr eigenes Lebenskonzept mittendrin diesen Kreislauf integriert haben und sagen: Okay, Problem Gott, Problem Gott, Problem Gott. Und nicht: Problem ich, vielleicht meine beste Freundin, ja, weiterdenken, ein bisschen frustriert sein, und wenn gar nichts mehr geht, dann kommt irgendwann Gott. Nein, andersherum: Problem Gott, Problem Gott, Problem Gott. Das ist das, was sich Gott wünscht.
Nochmal: Der Herr hat Gefallen. Also wenn du denkst, du gehst ihm auf die Nerven und er hätte von dir so eine schlechte Meinung, so wie manchmal: Wie, hast du immer noch nicht verstanden? Kriegst du immer noch nicht auf die Reihe? Wie lange soll ich mich noch mit dir abgeben? Bei Gott ist es genau andersherum.
Gott hat Gefallen an denen, die ihn fürchten, an denen, die auf seine Gnade harren. Es ist ganz wichtig, dass wir gut verstehen: Im Reich Gottes, wo Gott herrscht, beruht der Erfolg unseres Lebens nicht auf unserer Kraft oder auf unserem Gutsein, sondern allein auf der Gnade, die Gott darreicht. Und weil der Vers in meinem Skript fett ist, sage ich ihn noch mal: Im Reich Gottes, wo Gott herrscht, beruht der Erfolg unseres Lebens nicht auf unserer Kraft und nicht auf unserem Gutsein, sondern allein auf der Gnade, die Gott darreicht.
Ich bekomme seine Zuwendung in dem Maß, wie ich sie brauche und mich nach ihr ausstrecke. Gott will mich kräftigen, trösten, begaben und noch viel, viel mehr.

Das Bild des wechselseitigen Tanzes und der abschließende Gedanke

Worum ging es mir heute? Ich wollte, dass ihr diesen Karres-Kreislauf kennenlernt, oder wie man das Konzept nennt. Und ich brauche dafür mal meine Frau, weil ich das nur mit meiner Frau machen würde.
Das Konzept heißt, weil die Antike einfach ein bisschen schöner ist, als wir das heutzutage machen, der sogenannte Tanz der Gnaden. Also dieses Umeinanderkreisen, das ist die Idee dahinter.
So, und jetzt werdet ihr die Predigt auch nie wieder vergessen. Ihr werdet begreifen, dass die Dinge umeinander gehen, dass es zusammengehört, sich beschenken zu lassen. Dass ich als der, der weiß, dass ich schwach bin, mich mit all meinen Sorgen zu Gott hinwende.
Und dass dieser Kreislauf, je schneller, intensiver, ehrlicher und packender er einfach läuft, weil ich mich in diese Beziehung mit Gott investiere und Gott die Chance gebe, sich in meine Beziehung zu mir zu investieren, je intensiver das wird, umso mehr wird geistliches Leben das, was Gott sich immer gewünscht hat.
Ich werde von Gott Kraft, Trost, Vergebung, Talente und noch viel mehr bekommen. Und Gott von mir Loyalität, Anbetung, Dienst in der Gemeinde, Bau seines Reiches.
Aber egal, was ich tue, ich tue es aus der Gnade, die er mir gibt. Weil Gott nicht will, dass wir ihm mit den Werken dienen, die wir produzieren, sondern mit den Werken, die er produziert. Amen.

Vielen Dank an Jürgen Fischer, dass wir seine Ressourcen hier zur Verfügung stellen dürfen!

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