Generierte Mitschrift
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Einordnung und Ausgangspunkt
Ausgangspunkt war: Heute, egal in welchen theologischen Kreisen Sie unterwegs sind, ist es nicht mehr sehr in Mode, zu sagen, die Bibel gelte nicht. Sie werden heute kaum noch jemanden hören, selbst einen bibelkritischen Professor an der Universität, der auftritt und sagt, Jesus habe nie gelebt. Das gibt es heute so gut wie gar nicht. Das war in den Sechzigerjahren und Siebzigerjahren noch anders. Heute ist das eher bei ganz Alten vielleicht noch so, die das so gewohnt sind. Der normale bibelkritische Professor an der Universität spricht eher: Also, die Bibel ist wichtig. Und dann hört es aber schon auf.
Das heißt: Wenn man dann etwas nachbohrt, dann kommt danach eben nichts. Das gilt übrigens auch für viele Leute, die in der Gemeinde sind. Ich habe das häufig schon erlebt: Da komme ich in irgendeine Gemeinde oder Landeskirche, und dann sagen sie: Ja, unser Pfarrer, der ist gläubig. Und dann höre ich mir den eine Stunde an und merke: Der ist vollkommen ungläubig. Aber er kann eben die richtigen Vokabeln nennen, weil er das auch während des Studiums gelernt hat.
Deshalb müssen wir etwas tiefer bohren. Wir können uns nicht nur damit zufriedengeben, dass jemand sagt: Ja, für mich gilt die Bibel auch. Denn wir müssen fragen: Was bedeutet das denn? Gilt sie für dich auch als persönliche Erbauung beispielsweise, oder gilt sie für dich als kulturhistorisches Dokument? Das kann sie ja alles sein.
Aber als Christen gehen wir hoffentlich davon aus, also ich tue das jetzt und gehe davon aus: Es ist das geoffenbarte Wort Gottes. Das heißt, Gott hat sich wörtlich, akustisch wahrnehmbar, für Menschen mitgeteilt, so wie wir das im Alten Testament lesen. Wir haben an vielen Stellen sogar wörtliche Rede Gottes. Dann steht: Und Gott sprach zu Abraham, oder: Und Gott sprach zu Jesaja, Gott sprach zu Jeremia. Da hat Gott sich direkt, akustisch wahrnehmbar, Menschen mitgeteilt.
Und wenn er das getan hat und wenn Gott so ist, wie das in der Bibel beschrieben ist, nämlich irrtumslos, absolut das intelligenteste Wesen des Universums, er war ja schon vor dem Universum da, dann ist natürlich auch das, was er mitgeteilt hat, zuverlässig und in jeder Situation absolut wahr.
Und das wird heutzutage so eigentlich nicht mehr gesehen.
Streit um die Auslegung
Da haben wir ja verschiedene Diskussionen, die in den letzten Jahren in Deutschland geführt worden sind, und an einigen war ich auch selbst mit beteiligt. Vor einigen Jahren war es beispielsweise so, dass in Bad Liebenzell, einige kennen das ja, es gibt dort auch eine theologische Ausbildungsstätte, der damalige Leiter Hans-Peter Hempelmann eine neue Form der Hermeneutik eingeführt hatte, unter dem Titel „Hermeneutik der Demut“.
Ich hatte dann mehrfach mit ihm diskutiert und auch einige Artikel dazu veröffentlicht. Denn wenn man das gelesen hat, besonders als theologischer Laie, dann meinte man am Ende, die Theologie der Demut sei das Einzige, was hier legitim und gültig ist. Warum? Da kamen dann solche Aussagen wie: Ja, Leute – damit meinte er Leute wie mich –, die stellen sich ja über die Bibel. Sie wollen ja beurteilen, ob die Bibel wahr ist oder nicht.
Da sagte er, er stelle sich demütig unter die Bibel, indem er sagt: Ja, die Bibel hat Fehler, und ich bin bereit, diese Fehler zu akzeptieren und glaube trotzdem an sie. Ja, und da wurde dann der Eindruck geweckt: Wenn du wirklich demütig mit der Bibel umgehst, dann stellst du dich nicht über die Bibel, sondern unter die Bibel. Das hat er auch gesagt.
Was da aber gefragt werden muss: Ist das denn der Anspruch, den die Bibel überhaupt hat? Und wenn ich sage, die Bibel ist absolut wahr und irrtumslos, stelle ich mich damit über die Bibel? Ich würde sagen: Nein. Ich sage bloß genau das, was die Bibel von sich selbst sagt. Ich sage ja nicht, die Bibel ist irrtumslos, weil ich das nachgewiesen habe oder weil ich jede Bibelstelle erklären kann.
Manche Leute haben sich auch schon an mich gewandt und gesagt: Ja, hast du hier eine Antwort oder nicht? Vor ein paar Jahren hatte ich ein Interview mit Idea. Es war eine Diskussion mit einem anderen Theologen, eben einem freikirchlichen, bibelkritischen Theologen. Und unter anderem kam natürlich dann die Frage: Ja, Herr Kotsch, gibt es denn auch Bibelstellen, die Sie nicht verstehen?
Da muss ich ja sagen: Ja, das ist ja vollkommen klar, natürlich. Würde ich alle Bibelstellen von vorne bis hinten verstehen, dann wäre ich ja selbst Gott. Oder denn wer von uns könnte das in Anspruch nehmen? Wenn das jemand tut, melden Sie sich besser hier nicht, sondern nehmen Sie das so mit nach Hause. Denn meine Überzeugung ist: Das ist vollkommen unmöglich. Wie sollten wir das denn tun? Nur Gott selbst, der das eingegeben hat, wird alles verstehen, der kann alles einordnen.
Wir können das immer nur bis zu einem gewissen Grad. Und wenn wir sehr gesegnet von Gott sind, viel studiert haben und uns da reingehängt haben, dann können wir etwas mehr. Aber wir sind immer noch Leute, die beschenkt werden, immer noch mit offenen Fragen.
Grenzen des Verstehens und der Relevanz
Unter anderem hatte ich in dem Interview eine Bibelstelle genannt und gesagt: Ja, es gibt ja im Neuen Testament diese Stelle: Die Frau wird gerettet durch Kindergebären. Das erinnert sich ja. Gibt es da so? Und dann habe ich eine ganze Menge Zuschriften danach bekommen, mit ganz vielen Lösungen, wo mir dann liebe Geschwister geschrieben haben: Ja, das ist doch ganz klar diese Stelle.
Und ich habe ihnen dann auch immer wieder antworten müssen: Ja, diese Lösung kenne ich auch schon. Ich kenne schon ungefähr 15 Lösungen für diese Stelle, nur die sind alle für mich noch nicht so wirklich befriedigend. Es gibt noch nicht auf alles wirklich eine Antwort. Es gibt auch eine der Antworten, die ich favorisiere, wo ich denke: Aha, das ist die wahrscheinlichste. Falls Sie wissen wollen, welche das ist, und falls Sie noch keine haben, mit der Sie zufrieden sind, können Sie ja hinterher zu mir kommen. Ich kann Ihnen auch meine Antwort vorstellen, und vielleicht hilft die Ihnen ein Stück weiter.
Was ich damit sagen will: Ich gehe davon aus, die Bibel ist absolut wahr, vom ersten Buchstaben bis zum letzten. Aber nicht, weil ich sie überprüft habe, nicht, weil ich das wissenschaftlich beweisen kann, sondern weil ich demjenigen Vertrauen schenke, der dahinter steht, der sich dadurch geoffenbart hat. Und das tue ich nicht willkürlich, sondern ich tue das, weil die Person, an die Gott sich gewandt hat, ein glaubwürdiges Leben geführt hat, weil das, was Gott mitgeteilt hat, was ich überprüfen kann, historisch, ethisch usw., sich als zuverlässig herausgestellt hat. Weil das, was ich durch das Wort Gottes mitbekommen habe, für mein eigenes Leben mir im eigenen Leben weitergeholfen hat, als Orientierung sowohl für die Menschen um mich herum als auch für mein eigenes Leben.
Also deshalb: Meine Grundlage in der Bibel ist nicht nur, dass ich sage, die Bibel ist bedeutungsvoll, sie ist wahr, sondern ich glaube, jede einzelne Aussage ist wahr. Allerdings, und das müssen wir aber auch sagen, das ist ja die schwierige Frage der Hermeneutik, glaube ich, dass die Aussagen unterschiedlich relevant für meine momentane Lebenssituation sind.
Unterschied zwischen Geltung und Anwendung
Also, was will ich damit sagen? Steht da beispielsweise: „Ihr Kinder, seid euren Eltern gehorsam in allen Dingen“? Im Moment bin ich jetzt kein Kind mehr, also gilt diese Stelle zwar absolut. Aber sie ist natürlich relevanter für meine Kinder zum Beispiel oder für Ihre Kinder als für mich.
Für mich ist dann stärker: „Ihr Väter, reizt eure Kinder nicht zum Zorn.“ Ja, ich bin Vater, also ist das für mich stärker relevant.
Aussagen über das Manna, etwa: „Du sollst sechs Tage Manna sammeln, am siebten nicht“, die gelten absolut. Das ist Gottes Wahrheit. Aber sie sind jetzt für mich nicht in diesem Sinne relevant, weil ich nicht zum Volk Israel gehöre, weil ich nicht in der Wüstenwanderung bin und weil heute Morgen kein Manna vom Himmel gefallen ist, das ich hätte einsammeln können.
Deshalb müssen wir einen Unterschied machen. Manchmal wird das vermischt. Dann werden solche Sachen genannt und gesagt: Ja, wenn du das glaubst, dann musst du ja auch das glauben. Dann müssen wir sagen: Nein, das ist gar nicht zulässig, denn das ist ja gar nicht an mich gerichtet. Das ist an diejenigen gerichtet, die durch den Sinai gelaufen sind mit dem Volk Israel. Und da galt das hundertprozentig, und es gilt heute auch.
Nur die Relevanz jetzt für mein Leben, für das, was ich tue, ist bei dem einen stärker und bei dem anderen weniger stark.
Der Versuch, die Bibel innerlich zu staffeln
Gerade vor 14 Tagen war es, glaube ich, da hatte ich eine Stellungnahme veröffentlicht, die dann auch unter anderem von Edea aufgenommen worden ist, etwas provokativ formuliert: die Worte von Paulus wichtiger als die Worte von Jesus.
Ich weiß nicht, ob Sie das gelesen hatten; wenn nicht, schadet es auch nichts. Auf jeden Fall war der Ausgangspunkt, dass heute immer mehr Christen auftreten und sagen, die Worte Jesu seien wichtiger als die von Paulus. Das hört sich erst einmal sehr fromm an, ist aber biblisch gesehen doch vollkommen falsch. Denn wenn wir bei Timotius lesen: Alle Schrift ist von Gott eingegeben und nützlich zur Lehre usw. usw. Wenn wir von Jesus hören, am Anfang der Bergpredigt: Wer eines dieser Worte des Gesetzes wegnimmt, ist der Letzte im Himmelreich Gottes, wie können wir dann hinkommen und plötzlich Unterschiede machen, dass das eine mehr gilt als das andere oder das eine wichtiger ist als das andere?
Denn wenn Ihnen so etwas jemand sagt, dann fallen Sie nicht so schnell darauf herein. Das klingt gut: Die Worte Jesu müssen doch wichtiger sein als die von Paulus. Ja, das stimmt ja auch, aber sind die Worte von Paulus denn jetzt die Meinung von Paulus? Dann ist ja die Frage: Warum haben wir denn die Meinung von Paulus in der Bibel und die von Augustinus oder von Luther nicht? Die waren doch auch kluge Leute.
Ja, der Unterschied besteht darin: Paulus hat hier nicht seine Meinung geschrieben, sondern er hat unter der Inspiration, unter der Leitung des Heiligen Geistes das aufgeschrieben. Und das, was da aufgeschrieben ist, ist nicht die Meinung des Paulus, sondern die Offenbarung Gottes. Das ist der Anspruch, mit dem er auftritt. Und gerade deshalb ist es im Neuen Testament so wichtig, diese Dinge nicht gegeneinander auszuspielen.
Diese Idee kommt nämlich eigentlich aus ultra-bibelkritischer Perspektive und wird häufig heute bei Frommen benutzt. Es gibt in den USA sogar eine ganze Gruppe, die nennt sich die Red Letter Christians. Also das heißt: In manchen amerikanischen Bibelausgaben sind alle wörtlichen Zitate Jesu rot gedruckt. Und da will man sagen: Das ist jetzt das Allerwichtigste. Und das andere heißt dann: eher zweitrangig, drittrangig, nicht mehr so wichtig.
Dann müssen wir sagen: Das ist Bibelkritik. Genau das sollen wir ja nicht tun.
Warum bestimmte Texte ausgeblendet werden
Wie habe ich gerade gesagt: Jesus selbst sagt doch, wer ein Wort aus dem Gesetz, und das ist ja alles, was vor Jesus war, durchstreicht, ist der Letzte im Himmelreich Gottes. Also wenn Sie der Letzte im Himmelreich Gottes sein wollen, dann können Sie solche Unterschiede machen. Warum macht man das denn? Sie müssen die Psychologie verstehen, die dahintersteht.
Fast alle Aussagen der Bibel, die heute für Christen in der modernen Gesellschaft ärgerlich sind, sind Aussagen, die wir in den Briefen des Paulus finden. Denn jetzt könnte ich Sie fragen: Was hat Jesus denn gesagt über Homosexualität? Da können Sie lange suchen und stellen fest: Boah, hat Jesus ja gar nichts darüber gesagt. Also bedeutet das, dann kann einer mit voller Überzeugung sagen: Ich richte mich nur nach den Worten Jesu. Und weil Jesus nicht gegen Homosexualität war, bin ich es auch nicht. Und jetzt können Sie weitermachen.
Was sagt Jesus gegen die Predigten für Frauen zum Beispiel? Ich weiß jetzt nicht, wie Sie dazu stehen, aber die Diskussion wird ja fast nur geführt bei den Aussagen, die Paulus macht: Ich erlaube nicht, dass die Frau lehre und über den Mann Herr sei, usw. Und dann hat man natürlich damit einiges für sich erreicht, indem man Unterschiede macht und sagt: Ja, wir halten uns jetzt nur an Jesus fest. Und an Paulus halten wir uns nicht fest. Und damit sind alle ärgerlichen Aussagen über die Ethik in der Welt, in der wir leben, über unser eigenes Leben dann nicht mehr so relevant, spielen keine so große Rolle.
Das ist die Psychologie, die dahintersteht. Man sucht danach, wie man dieses Ärgern beiseiteschieben kann. Und das macht man, indem man eben innerhalb der Bibel, also Fachleute reden dann vom Kanon im Kanon. Das heißt: Kanon nennen wir ja die gesammelten Schriften des Alten und Neuen Testaments, und Kanon im Kanon heißt, da ist zwar die Bibel, aber bestimmte Stellen in der Bibel, wie hier die Worte Jesu, die sind ganz besonders wichtig, und das andere, na ja, da muss sich nicht jeder dran halten.
Und das ist eine Form von moderner, auch evangelikaler, frommer Bibelkritik, weil das hört sich ja gut an. Das klingt ja richtig gut so: Ich halte mich nur an Jesus fest, Paulus ist ja nicht so wichtig. Ich habe ja gesagt, diese These kommt aus der Bibelkritik im neunzehnten Jahrhundert. Da haben nämlich deutsche bibelkritische Professoren die These aufgebracht, dass Jesus gar nicht der Gründer des Christentums ist, sondern Paulus sei der Gründer des Christentums. Jesus sei eben einfach nur ein messianischer Prophet gewesen, der so innig von der Erwartung der Endzeit und der Ankunft des Messias erfüllt gewesen sei, dass er plötzlich gemeint habe, er sei das doch auch. Aber er sei ein vollkommener Jude gewesen, man spricht vom palästinischen Judentum, also das heißt der Zeit des Neuen Testaments, und da sei Jesus aufgetreten, aber wie viele andere Prediger auch. So sei das gewesen.
Und erst der Paulus, der wäre hinterher aufgetreten, und der hätte aus Jesus den Messias gemacht, so wird das gesagt. Die ganze Geschichte mit dem Tod und der Auferstehung Jesu sei die Erfindung von Paulus. Da merken wir natürlich: Das ist alles durch und durch bibelkritisch, das ist nämlich gerade ja nicht so. Von Paulus wissen wir ja, dass er gegen die Christen gekämpft hat und dann eines Besseren überzeugt worden ist. Und hinterher wollte er nicht seine Uminterpretation des Lebens Jesu vertreten, sondern er hat sich von Jesus korrigieren lassen und dann die Botschaft Jesu weitertragen wollen.
Klassische Bibelkritik und ihre Logik
In der klassischen Bibelkritik, die viele von Ihnen kennen werden, und die sich in den Sechziger- und Siebzigerjahren von Deutschland aus weltweit verbreitet hat, begegnet mir bis heute dasselbe. Manche Leute meinen, das sei heute in anderen Teilen der Welt besser. Da muss ich sagen: Nein, leider nicht.
Ich war vor zwei Jahren zum Beispiel in Indien an verschiedenen theologischen Seminaren, und dort ist mir genau dasselbe begegnet. Junge Dozenten gehen dann nach Deutschland, bekommen von der EKD kostenlos eine Schulung angeboten, kommen zurück und sind ganz begeistert von diesen bibelkritischen Autoren und davon, wie wissenschaftlich die Arbeiten seien. Da habe ich gedacht: Da bekomme ich die Krise.
In Indien, wo die Leute eigentlich eher für den Glauben eingestanden sind und wo sich nur wenige Prozent der Bevölkerung bilden, zerfrisst dann langsam auch in den theologischen Ausbildungsstätten die Bibelkritik die Überzeugung der Inder.
Wobei wir sagen müssen: In Indien leben wesentlich mehr gläubige Christen als in Deutschland, viel mehr. Das liegt aber einfach daran, dass die Bevölkerung viel größer ist. Nach offiziellen Schätzungen sind das etwa zwei Prozent der Bevölkerung. In Deutschland kommen wir, wenn wir ganz, ganz hoch rechnen, auf etwa fünf Prozent evangelikale Christen. Aber bei 1,2 Milliarden Menschen in Indien sind das immerhin 24 Millionen. In Deutschland rechnet man so alles summa summarum, halbgläubig und ganzgläubig und so, vielleicht bei einer Million. Also 24-mal so viel in Indien.
Ich meine das vielleicht nur als kleine Ergänzung: Wenn Sie an Indien denken, denken Sie auch daran, wer weiß, die künftigen Missionare werden vielleicht aus Indien kommen. Da gibt es wesentlich mehr als die, die in Deutschland sind, aber wie gesagt nicht prozentual, sondern absolut gesehen.
Die klassische Bibelkritik war insbesondere Bibelkritik an der Logik. Da hat man gesagt: Das waren dann Kriterien, die auf Ernst Troeltsch zurückzuführen sind. Der hatte gesagt, es gibt drei Grundkriterien für die Bibelauslegung: Analogie, Korrelation und Kritik.
Ich erkläre Ihnen das jetzt im Detail nicht, dafür müssten wir dann mal ein längeres Seminar machen. Aber jedenfalls will er damit sagen: Wenn ich in der Bibel etwas lese, was mir nicht logisch zu sein scheint, dann kann das auch nicht wahr sein. Und Logik macht er fest. Das kann ich heute noch genau so erleben.
Wunder, Sprache und wissenschaftlicher Anspruch
Also, wenn heute zu Ihnen eine junge Frau kommt und sagt: Ich bin schwanger, aber ich habe noch nie mit einem Mann zusammengeschlafen, was wäre Ihr erster Gedanke? Oh, Jungfrauengeburt!
Also meiner nicht. Ich würde eher sagen: Mach mir nichts vor, lüg mich nicht an, sag doch endlich, Gott kann ja auch vergeben und so.
Ja, warum? Warum? Weil es in der Weltgeschichte sonst keine Jungfrauengeburt gibt. Und von daher ist der Gedanke dieser Bibelkritiker ja nicht ganz falsch. Die sagen: Normalerweise gibt es keine Jungfrauengeburt. Eine Frau allein kann kein Kind bekommen. Heute ist das mit Gentechnik dann auch möglich, aber ursprünglich nicht. Und das ist ja genau das, was die Bibel auch behauptet.
Würde alle naselang ein Kind als Jungfrauengeburt geboren werden, was wäre das Besondere am Leben Jesu? Das heißt, die Bibel leugnet ja gar nicht, dass es unmöglich ist, dass ein Kind per Jungfrauengeburt geboren wird. Und gerade weil es unmöglich ist, tut Gott hier das Unmögliche, um von Anfang an deutlich zu machen, dass es kein normales Kind ist, sondern ein Kind von Gott, direkt von Gott. Das ist das Besondere daran.
Und ein Bibelkritiker kann das nicht verstehen, weil er sagt: Wo beobachten wir heute die Jungfrauen, die Kinder bekommen? Das gibt es ja nicht, also kann das auch vor zweitausend Jahren nicht passiert sein. Und hier würde ich zustimmen: Ja, das gibt es heute nicht. Aber wenn Gott ein Wunder tun will, dann kann er das eben tun. Und in der Bibel steht das ganz deutlich.
Ein bibelkritischer Theologe wird sich dann herumwinden. Der wird dann sagen: Na ja, da, wo im Alten Testament steht: Und eine Jungfrau wird ein Kind gebären, da steht das hebräische Wort Alma, und das kann auch übersetzt werden als eine junge Frau. Jetzt würde ich Ihnen aber sagen: Bitte sehr, wofür muss man ein Prophet Gottes sein, wenn man sagt, eine junge Frau wird ein Kind gebären? Das passiert ja jeden Tag tausendfach. Wo wäre das Besondere? Wie könnte man denn dann den Messias erkennen?
Und wenn Sie das im Neuen Testament lesen, da steht dann ja nicht Hebräisch, sondern da steht dann Griechisch Parthenos. Und Parthenos lässt sich nur als Jungfrau übersetzen. Also da ist nichts mehr mit junger Frau. Da merken wir: Dahinter steckt einfach der tiefe Unglaube. Ich kann mir das nicht vorstellen, weil ich das noch nicht erlebt habe, und deshalb kann das nicht wahr sein. Das ist die klassische Bibelkritik.
Ja, aber das setzt eben immer voraus, dass wir überzeugt sind von einem Gott, der übernatürlich eingreift und auch Dinge tun kann, die ich nicht tun kann. Und einem bibelkritischen Theologen gilt das als Ausweis der Wissenschaftlichkeit. Wenn Sie heute an der Universität irgendwo in Deutschland an irgendeiner Fakultät sind und sagen, das sei wirklich so gewesen, dann gelten Sie als unwissenschaftlich, weil man ja sagt: Die Wissenschaft hat doch bewiesen, dass das nicht geht, also muss das jetzt der nächste Bibelkritik-Mythologie sein.
Das war ja unter Rudolf Bultmann und seinen Schülern das Fachwort. Da sagte man: Die Bibel ist nicht falsch. Da hatte man auch, die Gemeinde war häufig irritiert, dann hat der Pastor gesagt: Ja, die Bibel ist wahr. Was meinte er damit? Na ja, die ist so wahr wie das Märchen von Hänsel und Gretel, da ist ja die Wahrheit drin. Und diese Wahrheiten, die können wir übertragen und die können wir übernehmen. Das war ja ganz irritierend. Da sagte er, das ist wahr, aber meinte eigentlich, das sei falsch.
Also deshalb müssen Sie bei Theologen erst vorher einen Kurs machen, um genau zu wissen, was ein Theologe mit welchem Begriff meint. Wenn ich das höre, weiß ich sofort Bescheid. Da hatte ich neulich an einer Universität einen Vortrag gehalten, dann kam nachher ein Theologieprofessor und er hat dann gefragt: Ja, Sie meinen doch, Jesus sei geschichtlich auferstanden, aber nicht historisch.
Und wahrscheinlich würden die meisten von Ihnen sagen: Ja bitte, wo ist denn der Unterschied? Ja, für einen Theologieprofessor ist ein riesiger Unterschied, weil geschichtlich auferstanden meint, da hat der Paulus eine Geschichte erzählt, und in dieser Geschichte stellt er sich vor, dass Jesus noch lebt, und deshalb ist das geschichtlich. Aber historisch, da ist Jesus im Grab geblieben.
Deshalb müssen Sie genau zuhören. Und das ist die klassische Bibelkritik noch alles.
Überlieferung, Textkritik und alte Mythen
Die klassische Bibelkritik ist die, die ihren Höhepunkt schon lange überschritten hat, die aber da und dort noch im Hintergrund steht und vertreten wird. Dazu gehört auch die Kritik der Überlieferungsgeschichte. Dabei wird dann gesagt: Das ist ja alles im Laufe der Zeit verändert worden.
Vor hundert Jahren gab es auch einen deutschen Theologieprofessor, namens Kautsch. Also so wie die Couch, auf der Sie liegen. Nein, nein, nicht Kotsch, nein, zum Glück nicht, zum Glück nicht. Nein, das wäre mir dann ja peinlich. Also: der Couch. Der war ein ganz berühmter Professor für das Alte Testament, vor etwa hundert Jahren. Und der hat die Couchbibel herausgebracht. Darin hat er dann die Version des Alten Testaments veröffentlicht, von der er meinte, das sei die ursprüngliche. Und da hat er dann alles korrigiert, von dem er meinte, im Alten Testament sei es nicht so.
Diese Couchbibel ist spätestens seit 1947 in Vergessenheit geraten. Denn da hatte man die Funde von Qumran entdeckt, und plötzlich tausend Jahre ältere Schriften des Alten Testaments, die Jesaja-Rolle, die Sie bis heute in Jerusalem im Museum anschauen können, eine Replik nur, aber so, wie sie im Original aussieht. Und plötzlich stellte man fest: Da hat sich gar nichts verändert in tausend Jahren. Und plötzlich war diese These, dass man da ganz viel an der Bibel korrigieren müsse, vorbei. Also da merkt man: Diese Diskussion von vor hundert Jahren gilt so heute nicht mehr.
Das, was Sie vielleicht auch gehört haben oder Ihre Kinder im Religionsunterricht gelernt haben, ist, dass die alttestamentlichen Berichte von der Schöpfung, der Sintflut und so weiter natürlich nicht glaubwürdig sind. Und zwar, weil sie ja abgeschrieben seien von altorientalischen Schöpfungsmythen, dem Enuma Elisch, dem Gilgamesch-Epos oder anderen mehr. Wenn Sie sie allerdings genau anschauen, stellen Sie fest, da gibt es relativ wenig Ähnlichkeiten.
Dann lesen Sie beispielsweise bei der Sintflut in den altorientalischen Schöpfungsmythen: Die Götter, also nehmen wir es einmal so, die waren genervt, weil die Menschen auf der Erde solchen Lärm machten und sie dann nicht mehr in Ruhe schlafen konnten. Und deshalb haben sie dann die Menschen vernichtet. Da würde ich sagen: Für mich hört sich das ganz anders an, als wenn ich den biblischen Bericht von der Einleitung der Sintflut lese. Dann ist natürlich auch der ganze Ablauf der Sintflut anders. Das Einzige, was ähnlich ist: Es gab eine Sintflut.
Und da würde ich sagen: Wenn ich voraussetze, dass sie wirklich historisch stattgefunden hat, sollte mich das ja gar nicht wundern, dass es verschiedene Überlieferungsstränge gibt, auch in anderen Völkern, die das eben in Erinnerung behalten. Übrigens wissen wir heutzutage, dass es über zweihundert Geschichten über die Sintflut weltweit gibt, sowohl in Indien als auch in Südamerika. Und das kann man da nicht mehr erklären: Die haben voneinander abgeschrieben. Denn in historischer Zeit haben die ja gar nichts miteinander zu tun gehabt. Woher sollen die aus Südamerika kommen, wenn ja eben Südamerika zu Europa erst in Kontakt kam mit der Entdeckung von Christoph Kolumbus, das heißt jetzt vor nicht mal sechshundert Jahren, also knapp über fünfhundert Jahre? Also ist hier das nicht erklärbar.
Also, das ist die klassische Bibelkritik. An die haben sich viele Christen gewöhnt, sie haben sich damit auseinandergesetzt, manche haben es übernommen, viele haben sich dagegen abgegrenzt.
Jetzt haben wir aber in den letzten vielleicht zehn Jahren eine ganz neue Welle von Bibelkritik, eine Infragestellung von biblischer Wahrheit in evangelikalen frommen Kreisen, über das hinaus. Und eine von denen habe ich ja gerade schon erzählt: ein Kanon im Kanon. Also das heißt, die Worte Jesu sind wichtiger als die von Paulus. Das ist eine Vorgehensweise.
Eine andere, die wird Ihnen bestimmt auch schon vorgekommen sein: Da wird dann darauf hingewiesen, Sie sind in der Gemeinde und dann lesen Sie irgendetwas in der Bibel. Nehmen wir mal diesen aktuellen Fall der Homosexualität. Und dann wird gesagt: Na ja, das bezieht sich nur auf die damalige Kultur. Kennen Sie das? Oder dann wird gesagt: Oh ja, hier, das Verbot der Frauenlehre, das bezieht sich ja nur auf die Gemeinde in Korinth oder in Ephesus. Und dann wird erklärt: Ja, denn in Ephesus und in Korinth, da waren die Frauen alle unzüchtig, und die waren Prostituierte und so weiter und so weiter. Lange Geschichte.
Und vielleicht wird Ihnen mal aufgefallen sein, dass das immer nur dann genannt wird, wenn man irgendeinen Bibeltext entkräften will. Denn rein sachlich müssen wir sagen: Jede einzelne Stelle der Bibel hat einen kulturellen Hintergrund, denn jede einzelne Stelle wurde ja in einem historischen Zusammenhang geschrieben.
Kultur, Kontext und die Gefahr der Neutralisierung
Natürlich hat Paulus den Korintherbrief in erster Linie an die Gemeinde in Korinth geschrieben. Und zwar nicht nur seine Stelle über die Position der Frau in der Gemeinde, sondern überhaupt alles hat er zunächst an die Korinther geschrieben. Das heißt: Wenn ich im ersten Korintherbrief die Einleitungsworte zum Abendmahl lese, 1. Korinther 11, dann sind wir auch nur bei den Korinthern. Also können sie dann demnächst zu ihrem Pastor gehen und sagen: Jetzt habe ich festgestellt, das ist auch nur kulturell.
Also an der Uni wollte ich schon bitte, und die Bergpredigt ganz genauso. Erst einmal: Da waren ja gar keine Christen, da war ja noch gar niemand gläubig. Also die Bergpredigt, zack, können wir vergessen. Das war ja nur für das Judentum zur Zeit des Neuen Testaments. Und jetzt stellt sich am Ende die Frage: Ja, was bleibt denn von der Bibel übrig? Nichts, denn das ist ja alles nur für die Gemeinde in Korinth, für die Gemeinde in Ephesos und für die Gemeinde in Philippi. Und das macht dann meistens der Pastor nicht. Ja genau, dann können wir sagen: Alles andere können wir vergessen, wenn man pharisäischer Jude ist. Und dann merken wir, wie verrückt diese Argumentation ist.
Alle Stellen der Bibel sind in einen historischen Zusammenhang hineingeschrieben, alle haben einen kulturellen Rahmen. Aber das heißt ja nicht, dass sie heute nicht mehr gültig sind. Das ist der entscheidende Faktor. Natürlich haben die Leute damals gelebt und ihre Probleme gehabt, aber Gott hat übernatürlich in diese Situation hineingeschrieben und Leitlinien gegeben, die über diese historische Situation hinaus Gültigkeit haben. Deshalb: Wenn ich den kulturellen Hintergrund erkläre, dann soll mir das helfen, besser zu verstehen, was Paulus gesagt hat oder was Jesus gesagt hat, nicht um das dann zu entkräften, um es dann über Bord werfen zu können.
Manche dieser evangelikalen Theologen, auch Prediger in freien Gemeinden, habe ich dann schon gefragt, warum sie denn noch das Abendmahl feiern. Denn beim Abendmahl könnte man ja noch viel mehr sagen als bei der Stellung der Frau, dass das doch kulturell eingebunden ist. Denn Sie alle wissen als eifrige Bibelleser: Das Abendmahl ist ein umgedeutetes Passamahl. Sie wissen doch: Vor Ostern setzt Jesus das Abendmahl ein, und dann steht da, dass er den letzten Kelch und das Brot vom Passamahl nahm; das steht da ganz deutlich. Und dann brach er das. Die Juden hatten ja das Passafeiert in Erinnerung an den Auszug aus Ägypten. Und das Blut sollte an das Blut des Lammes erinnern, das damals geopfert worden war und an die Türpfosten gestrichen worden ist, damit die Erstgeburt der Jungen in Israel nicht getötet werden.
Und da ist die Frage: Ja, wer von ihnen ist denn noch Jude? Wer erinnert sich dann an den Auszug aus Ägypten? Da müssen wir sagen: Das versteht ja heute keiner mehr. Das war ja nur für die Juden gedacht damals. Also feiern wir heute kein Abendmahl mehr.
In der Universität Basel, wo ich studiert habe, da gab es dann einen ganzen Kreis von Studenten und Dozenten, die haben dann auch gesagt: Gut, wir werfen das nicht ganz über Bord, aber wir inkulturieren das. Das heißt: Heute essen wir ja nicht mehr alltäglich beim Mittagessen Brot und Wein. Das macht man vielleicht noch in südlichen Ländern so, da trinkt man dann Wein zum Essen. Aber wir bei uns essen anders. Also demnächst feiern wir in der Gemeinde das Abendmahl mit Pizza und Cola. Das haben die dann auch gemacht. Das wäre dann Inkulturation. Wollen Sie das auch?
Also ich würde sagen, uns steht das gar nicht zur Debatte. Denn wir können nicht festlegen, welche Symbolik Gott wählt, sondern Gott hat sie festgelegt. Und dann spielt es auch gar keine Rolle, ob wir heute noch immer beim Essen Wein trinken. Denn es geht ja nicht ums alltägliche Essen. Da schreibt Paulus im ersten Korintherbrief 11, wir sollen unterscheiden zwischen dem normalen Essen und zwischen dem Abendmahl.
Und genauso wenig, wenn wir jetzt verstehen, dass das Abendmahl entstanden ist als umgedeutetes Passamahl: Das Passalam, das gestorben ist für die Erstgeborenen, ist im Symbol jetzt Jesus. Jesus ist für alle gestorben, nicht nur für die Erstgeborenen damals in Ägypten. Das ist ja die Bedeutung, die dahinter steht. Und dann muss ich halt dem heutigen Menschen diese Bedeutung erklären, damit er sie besser versteht. Aber ich kann sie nicht einfach rauswerfen, weil ich sage: In meiner Gemeinde sind keine Juden, und in meiner Gemeinde feiert keiner das Passa, also lassen wir das Abendmahl auch fallen.
Oder ich könnte jetzt argumentieren: Wie ist das mit der Taufe? Das Symbol der Taufe war ja auch nicht neu. Wir wissen, das hat schon Johannes der Täufer getan. Der hat ja auch schon getauft, allerdings eine Taufe zur Buße. Es war ja nicht dieselbe Taufe wie die Taufe auf die Erlösung durch Jesus Christus. Und es gab dann Taufen, die Proselyitentaufe im Judentum. Wenn ein Heide Jude werden wollte, musste er sich ganz untertauchen, um ein neues Leben aus dem Wasser herauszukommen, jetzt als Jude. Das heißt: Das Symbol der Taufe gab es auch schon im Alten Testament, es wird von Jesus nur neu gefüllt. Und trotzdem, obwohl heute diese Taufriten der christlichen Gemeinde in Deutschland nicht mehr gelten, sind sie nach wie vor da.
Also, was ich Ihnen deutlich machen wollte, ist dieses Argument: Wenn Ihnen jemand sagt, ja, das hat ja den kulturellen Rahmen, dann passen Sie ganz besonders auf. Meistens wird das nur benutzt, um unangenehme Stellen wegzuerklären. Und das ist, glaube ich, keine gültige Art und Weise, mit der Bibel umzugehen.
Die Bibel als Korrektiv gegen den Zeitgeist
So, dann müssen wir einfach sagen: Ja, an dieser Stelle ärgert mich die Bibel. Die Bibel passt gar nicht zu meiner modernen Lebensauffassung. Aber trotzdem halte ich sie für wahr, wenn die Bibel letztendlich nur noch bestätigt, was sowieso alle Menschen um uns herum in unserer Kultur machen.
Das ist ja die Frage: Wofür brauchen wir sie denn dann überhaupt noch? Also wenn wir wissen, wir sollen Fairtrade-Produkte kaufen. Es gibt ja eine ganze Richtung innerhalb der Theologie, die sehr starken Wert darauf legt. Gerade neulich habe ich mit jemandem gesprochen. Der hat mir dann gesagt, in seiner Gemeinde, FEG in Süddeutschland, da hätte der Pastor über eine ganze Woche lang in Bibelarbeiten nur darüber gesprochen, dass wir Fairtrade-Produkte kaufen müssen, in allen Variationen und was und wie und den Kaffee und die Milch und so weiter.
Und jetzt will ich gar nicht sagen, das ist schlecht, man kann das ja tun. Nur würde ich sagen, das ist eigentlich nicht der Hauptauftrag der Gemeinde. Davon lesen wir in der Bibel nichts. Natürlich, wir sollen sehen, dass andere ehrlich entlohnt werden, da finden wir in der Bibel etwas. Aber unser Hauptauftrag ist es, das Evangelium zu predigen. Unser Hauptauftrag ist es, darauf hinzuweisen, dass Menschen Vergebung in ihrem Leben brauchen, Neuanfang brauchen, Orientierung brauchen in ethischen und alltäglichen Fragen.
Also hier diese Sache, kulturell Dinge zu erklären, ist hilfreich. Aber es ist nicht geeignet dafür, um dann die eigentliche Aussage, die dahinter steht, in Frage zu stellen oder zu neutralisieren. Das ist eine Art und Weise, wie man damit umgeht.
Ideologische Brillen und vorgeprägte Lesarten
Eine andere Art und Weise, wie man damit umgeht, sind ideologische Engführungen. Manche Leute gehen mit einer theologischen Brille an die Bibel heran, und sie finden dann immer nur das wieder, was sie schon vorher gewusst haben. Das gibt es auch. Das kann man in vielen Diskussionen beobachten.
Dann brauchen Sie nur, wie meine Schüler, und unter anderem sage ich das auch: Wie kannst du einen Kommentar beurteilen? Lest einmal in einem Kommentar bei einigen heiklen Stellen, und dann weißt du sofort, welche Position der Autor vertritt. Denn bestimmte Autoren sind ja geprägt. Ich nehme jetzt einmal einen lutherischen Pfarrer. Ich will jetzt nicht sagen, dass das eine richtig und das andere falsch ist, darüber müssen wir getrennt diskutieren. Aber Sie haben einen lutherischen Pfarrer, und der kommt dann zu den Stellen über die Taufe. Dann wird er finden: Die Bibel lehrt nur, die Glaubenden sollen getauft werden. Nein, das geht ja gar nicht anders. Wenn ich Pfarrer in der evangelischen Kirche bin, dann ist ja klar, dass ich auslege: Hier sind auch Kinder getauft worden.
Wie gesagt, ich will jetzt nicht lange Diskussionen führen, die können wir dann anders führen, ob das stimmt oder nicht. Wenn das ein Baptist auslegt, wird er dann schreiben, die kleinen Kinder sind getauft worden? Wahrscheinlich nicht. Und genau das ist das, was ich meine. Wir müssen auch immer bei uns selbst schauen, was für ein Modell wir im Kopf haben. Viele Menschen gehen an die Bibel heran und haben ein gewisses Modell im Kopf. Und sie lesen dann auch nur das, was sie schon vorher im Kopf haben.
Ich erinnere mich an eine Diskussion mit einer feministischen Theologieprofessorin. Da ging es in einer Podiumsdiskussion um das Abendmahl. Und da war sie ganz fest überzeugt: Das Abendmahl ist ein Mahl der Solidarität, und zwar der Solidarität zwischen den Armen und den Reichen. Und da habe ich gedacht: Wie passt denn das? Denn da sagt Paulus doch sowohl am Anfang als auch am Ende des Textes: Wenn ihr hungrig seid, dann sollt ihr zu Hause essen, weil es gerade nicht vermischt werden soll.
Und ja, wenn Sie jetzt eine feministische, befreiungstheologische Theologin sind, dann kann das ja nicht so sein. Und es kann ja auch nicht an den Tod Jesu erinnern, weil der ja irrelevant ist. Und dann ist Ihre Antwort: Ja, das gilt nur für die Geizigen. Also die Geizigen, die sollen zu Hause essen und dann kommen. Aber die, die eben voller Liebe sind und so, die nehmen dann das Essen mit und essen das gemeinsam. Da muss man natürlich sagen: Also wie soll man dann damit umgehen, was soll man denn damit machen?
Wenn Vorannahmen die Schrift überlagern
Genauso wie eine Brille der Theologie finden Sie das zum Beispiel bei den Zeugen Jehovas. Wenn Sie mit Zeugen Jehovas diskutieren, kann man manchmal zu ganz überraschenden neuen Einsichten kommen. Diskutieren Sie mit Zeugen Jehovas häufiger darüber, ob Jesus Gott ist, dann kommen Sie zum Beispiel zu dieser schönen Stelle, wo der ungläubige Thomas Jesus begegnet. Er steht da, kniet vor Jesus anbetend nieder und spricht dann: „Mein Herr und mein Gott.“
Und jetzt denken Sie: Was will denn ein Zeuge Jehovas dazu sagen? Er könnte sagen: „Oh mein Gott, was sagt ein Zeuge Jehovas dazu?“ Ich kann es Ihnen sagen: Ein Zeuge Jehovas sagt, der kniet zwar vor Jesus, aber er betet zu Gott im Himmel.
Das hätte man den ersten Christen sagen sollen, die 300 Jahre verfolgt worden sind. Dann hätten sie vor dem Bild des Kaisers knien können, und dann hätte der Römer gesagt: Ja, du betest jetzt den Kaiser an. Nein, wie kommst du darauf? Da steht zwar die Figur vor mir, aber ich bete doch nur zu Gott im Himmel. Das ist doch absurd.
Also: Wenn ich vor jemandem niederknie und dann sage: „Mein Herr und mein Gott“, dann ist doch klar, dass ich mich an die Person wende. Aber hier ist das ein weiteres Beispiel dafür, wie stark die Theologie im Kopf sein kann. Also: Diese Theologie, das kann nicht sein, und das muss man so verstehen. Dann ist man manchmal blind für die Aussage der Bibel.
Deshalb würde ich auch jedem raten: In allererster Linie sollten wir nicht irgendeinem theologischen Ansatz verpflichtet sein. Die sind alle hilfreich, oder viele sind hilfreich. Zuerst sollten wir der Bibel verpflichtet sein, weil alles andere Hilfskonstrukte sind, die uns manchmal weiterhelfen und manchmal auch eine Grenze setzen.
Luther, Jakobus und die Gefahr des Ausblendens
Denken wir an Martin Luther, der davon gesagt hatte: Na ja, den Jakobusbrief sollte man doch vielleicht aus der Bibel ... Na ja, hat er nicht gemacht, aber er hat gesagt: eine stroherne Epistel, das bringt ja nicht so viel. Warum? Weil er so stark betont hat, dass Noah aus Gnade gerettet wurde. Und dann steht plötzlich im Jakobusbrief: Der Glaube ohne Werke ist tot. Ja, das passt aber gar nicht so ins Konzept lutherischer Theologie. Also: stroherne Epistel, darüber reden wir nicht so viel.
Und hier ist natürlich die Herausforderung für jeden einzelnen von uns: Mit welchem theologischen Modell gehen wir an die Bibel heran? Was darf gar nicht angesprochen werden, weil mich das so trifft oder in Frage stellt? Da sollten wir darauf achten. Auch das ist eine Form von frommer Bibelkritik.
Ich möchte Ihnen hier gerade mal einen Text vorlesen aus dem zweiten Korintherbrief in diesem Zusammenhang, aus dem zweiten Korintherbrief. Und zwar ist das ja ein Brief, den Paulus an die Gemeinde in Korinth schreibt. Sehr wahrscheinlich ist es ein dritter Brief. Er erwähnt ganz am Anfang einen Brief, den er unter Tränen geschrieben hat. Also erst einmal den ersten Korintherbrief, dann eine zweite Ermahnung. Da wartet er dann auf den Titus, der zurückkommen soll, und dann schreibt er diesen hier.
Und da schreibt er in Kapitel vier, ab Vers eins:
Darum lassen wir uns nicht entmutigen.
Also, er hat gerade mit Entmutigung zu kämpfen, denn in Korinth geht alles schief. Er weiß nicht: Hören sie auf seine Ermahnungen? Und darum lassen wir uns nicht entmutigen, weil wir diesen Dienst haben gemäß der Barmherzigkeit, die wir empfangen haben. Sondern wir lehnen die schändlichen Heimlichkeiten ab, wir gehen nicht mit Hinterlist um, und wir fälschen auch nicht das Wort Gottes. Sondern indem wir die Wahrheit offenbar machen, empfehlen wir uns jedem menschlichen Gewissen vor dem Angesicht Gottes.
Übrigens: Mit der Bibelfälschung kommt das noch einmal vor in diesem Zusammenhang. Was ich besonders herausfordernd empfinde: Er nennt hier drei Dinge, die er nicht tut, und er schreibt das Ganze an die Gemeinde in Korinth, an die Geschwister dort. Das heißt, scheinbar gab es in Korinth Leute, die die Bibel gefälscht haben. Das waren also nicht nur die Heiden von außen, sondern zu allen Zeiten, auch damals, gab es Leute, die die biblischen Aussagen gefälscht haben.
Das ist ja eben genau diese Herausforderung, vor der wir heute stehen, wo ich jetzt ein paar Beispiele genannt habe. Bibelfälschung kann so aussehen: Der kulturelle Rahmen, der ist das. Oder der Kanon im Kanon, nur die Worte Jesu, alles andere gilt nicht so sehr. Das ist auch so eine Art Bibelfälschung, die man darin hat. Oder das, was ich nicht verstehen kann, was nicht logisch erscheint, was heute nicht so läuft, das tun wir irgendwo beiseite.
Lesen statt Ausweichen
Die einfachste Art der Bibelfälschung ist natürlich, einfach gar nicht in der Bibel zu lesen. Der internationale Direktor der internationalen Bibelgesellschaft hatte das auch einmal gesagt.
Das Problem heute ist gar nicht, die Bibel zur Verfügung zu haben. Die meisten von uns haben wahrscheinlich zu Hause nicht nur eine Bibel, sondern zahlreiche Bibeln. Viele haben vielleicht auf ihrem Smartphone gleich noch fünf Übersetzungen dazu. Sie könnten jederzeit vergleichen: Oh, das ist die Schlachter, das ist die Luther, das ist die Zürcher, und das ist die Elberfelder.
Aber das große Problem ist: Die meisten Christen tun es eben nicht. Und die Christen, die es tun, lesen dann häufig nur die Stellen, die ihnen besonders gut gefallen.
Es gibt ja einige. Also, ich schreibe ja selbst mehr wieder theologische Bücher, und manchmal bin ich dann überrascht. Ich lese einen neuen Katalog, blättere das durch, und jedes Jahr gibt es irgendwelche Neuerscheinungen. Da ist dann meinetwegen: Du bist ein Prinz, du bist eine Prinzessin, du bist geliebt, dir geht es gut. Und das ganze Buch besteht aus Bibelversen, wie gut du bist, wie wichtig du bist und wie toll du bist, und wie Gott dich segnen will. Und ich lese das auch gerne, wie viele andere lesen das auch.
Aber ich habe mich häufig schon gefragt: Wann erscheint denn mal ein Buch mit den göttlichen Strafen, wo dann drinsteht: Du bist ein Sünder, du wirst ins Gericht kommen, du bist der Letzte? Also, ich habe ja schon mal gedacht, vielleicht sollte ich es schreiben. Aber ich vermute fast, es wird ein Ladenhüter werden. Denn da ist die Frage: Wer will das denn lesen? Das will eben keiner lesen.
Aber es steht doch alles in der Bibel drin, oder? Denn die Bibel hat ja nicht nur Streicheleinheiten für uns, wie nett und wie wichtig wir sind, sondern die Bibel hat an ganz vielen Stellen schwere Ermahnungen. Und vielleicht müssen wir in manchen Situationen die viel mehr hören. Die sind möglicherweise nicht so auferbauend, aber manchmal brauchen wir gar keine Auferbauung, sondern eins hinter die Ohren. Und das will uns die Bibel eben auch geben.
Und so besteht die Fälschung schon darin, wenn man sich immer bloß die schönen Verse raussucht, die uns Segen versprechen. Und manchmal achtet man dann gar nicht darauf, dass die ja gar nicht zu uns genannt sind. Also bei der Stellung der Frau, da wird aufgepasst: Ja, das ist ja höchstens bei den Prostituierten in Korinth. Aber wenn dem Abraham gesagt wird: Du sollst gesegnet werden und deine Nachkommen das Land, das gilt für mich.
Ja, und dann muss man sagen: Hey, also das eine ist doch ganz spezifisch nur für Abraham, und das andere ist für eine ganze Gemeinde. Also wenn schon, ist das doch eher das, was für mich Gültigkeit hat.
Auch das ist eine Form frommer Bibelkritik, indem man entweder gar nicht in der Bibel liest oder nur die Stellen heraussucht, die eben dem entsprechen, was ich da gerne haben will, was mich erbauen oder weiterführen soll. Auch das ist eine Form frommer Bibelkritik.
Neue Strömungen und gesellschaftliche Verantwortung
In den letzten Jahren hat vor allem auch eine Bewegung von sich reden gemacht, die sogenannte emergente Theologie. Es gibt dafür noch verschiedene andere Bezeichnungen. Darin sind einige sehr bedenkenswerte Ansätze enthalten, etwa die Frage nach der sozialen Verantwortung des Christen in der Gesellschaft. Darüber sollte man ernsthaft nachdenken, denn auch die Bibel spricht davon.
Wenn man sich jedoch die Literatur anschaut, dann heißt es dort oft, wir müssten ganz neu mit der Bibel umgehen. Vor allem müssten wir die Grundlagen der Postmoderne auf die Bibel anwenden. Einer der führenden Vertreter der emergenten Bewegung in Deutschland hat einmal gesagt, Dorothee Sölle sei eine von Gott gesandte Prophetin der Moderne. Da würde ich sagen: Prophetin vielleicht schon, aber bestimmt nicht von Gott.
Ich habe die Frau selbst in meinem Studium gehört. Und da würde ich sagen: Sie hat gar nicht geglaubt. Sie war eher Atheistin und ist so mit der Bibel umgegangen. Und wer so eine Person als Vorbild nennt, nur weil sie diese Person hat, wie einige meiner anderen Professoren gesagt haben, das Christsein zeige sich eben darin, wie du zum Beispiel mit den Armen umgehst, da würde ich sagen: Ja, ein Stück weit stimmt das schon. Nur es gilt nicht immer im Umkehrschluss.
Wir lesen ja im Alten Testament: Ist der Bauer fromm, dann merkt es das Vieh im Stall. Das ist so, klar. Das ist hoffentlich so. Und wenn du Chef in der Firma bist, dann merken deine Angestellten hoffentlich, dass du Christ bist. Aber es geht eben nicht umgekehrt. Es gibt manche Leute, die gehen gut mit ihrem Vieh um, aber deshalb sind sie noch lange nicht fromm.
Genau da liegt das Problem. Die emergente Bewegung will die Gesellschaft verkristlichen, wie das schon zigmal vorher versucht worden ist und nie geklappt hat. Denn wir müssen ganz klar sehen: Ein verändertes Verhalten durch Gott gibt es nur, wenn der Mensch verändert ist. Das können wir nicht von außen machen. Wir können den Menschen kein soziales Verhalten antrainieren in der Hoffnung, dass er dann auch fromm wird oder sich danach hält.
Jede Sozialgesetzgebung, und das sehen wir auch in Deutschland, muss immer wieder kontrolliert werden. Denn jeder, und manchmal auch viele Christen, sind dabei, Sozialgesetzgebung auszunutzen.
Erweckung statt bloßer Reform
Ich erinnere mich noch an einen meiner Nachbarn. Der kam dann einmal zu mir und hat gesagt, ob wir nicht in gegenseitiger Abmachung mal unsere Haftpflichtversicherung belasten wollen. Also ich sage, der hat mir etwas kaputt gemacht, und der sagt, ich habe etwas kaputt gemacht. Denn da hat er vorgerechnet und gesagt: Jetzt habe ich schon zehn Jahre eingezahlt und habe noch nichts davon bekommen.
Also der dachte wahrscheinlich, die Haftpflichtversicherung sei so etwas Ähnliches wie ein Bausparvertrag. Ja, und da müssen wir sagen: Das passiert, wenn Menschen menschlich an solche Sachen herangehen. Nur wenn innerlich der Mensch erneuert ist, dann wird er dauerhaft richtig handeln. Sonst wird er nur so weit richtig handeln, wie es ein Vorteil ist oder wie die Gesetzgebung ihn einengt oder mit Strafen bedroht.
Und deshalb ist das gesellschaftlich Relevante, was wir tun können, Menschen zu Jesus Christus zu führen. Denn das zeigen die Erweckungen der Vergangenheit. Die Gesellschaften haben sich am tiefgehendsten verändert, nicht durch Revolution von außen. Da wurde bloß neu verteilt, wer jetzt herrscht. Russische Revolution: Wir machen alles neu, allen gehört alles. Dann war sie ein paar Jahre vorbei, und dann hat sich bloß die Herrscherschicht ausgetauscht. Statt dem Zaren gab es dann den Vorsitzenden der KPDSU. Dann gab es eben die oberste Klientel, und die einfachen Leute waren genauso schlimm dran wie vorher, manche sogar noch schlimmer.
Wenn Sie mal nachschauen im Schwarzbuch des Kommunismus, können Sie dann nachlesen, dass auf die Rechnung Stalins etwa sechzig Millionen Tote gehen. Also das waren nun nicht gerade seine Freunde. Das war nämlich die einfache Bevölkerung, die darunter zu leiden hatte.
Wirkliche Veränderung sehen Sie zum Beispiel bei Leuten wie John Wesley, dem gesegneten Prediger. Man kann jetzt theologisch zu ihm stehen, wie man will, aber ein gesegneter Prediger von Gott im achtzehnten Jahrhundert war er. Das hat in England vermutlich die französische Revolution verhindert oder, sagen wir, eine neue englische. Denn da war auch die Kirche am Ende. Und durch diese Erweckungspredigt sind zahlreiche Gemeinden entstanden, statt Methodisten-Gemeinden ganz, ganz viele in England. Und das hat das Leben der Menschen verändert.
Die Leute hörten auf zu trinken, sie arbeiteten fleißiger, sie kümmerten sich um ihre Familie, sie richteten sich nach den Maßstäben Gottes aus. Und gerade John Wesley hat ja viel Wert auf die Heiligung gelegt. Der Mensch soll auch so leben, wie Gott das will. Und das hat ganz, ganz viel verändert.
Und da sehen wir dann im zwanzigsten Jahrhundert auch Erweckungsbewegungen in Deutschland, Hamburg, Johann Hinrich Wichern zum Beispiel. Wenn Sie sich heute die Anstalten anschauen, die gibt es ja immer noch, haben die heute mit dem Glauben nicht mehr ganz so viel zu tun. Ich war schon mehrfach da für Exkursionen, wollte Leuten dann kirchengeschichtlich zeigen, was da denn so gewesen war, und dann komme ich da hin und frage die Leute unter anderem: Ja, was spielt denn heute noch der Glaube für Sie eine Rolle? Das ist nur noch Geschichte.
Das ist auch so, leider. Aber die Geschichte ist groß. Im neunzehnten Jahrhundert war das eine ganz, ganz wichtige Sache: aus dem Glauben heraus gesellschaftliche Veränderung.
Und deshalb: Wenn Sie gesellschaftlich relevant sein wollen, führen Sie Menschen zu Jesus Christus. Dann werden Sie durch den Heiligen Geist, der in Sie kommt, und dadurch, wie die Menschen in der Bibel lesen, Veränderungen im Leben der Menschen sehen, viel mehr als durch alles andere Soziale, was wir tun können.
Und nebenher natürlich sollen wir dem Notleidenden helfen. Aber hier bin ich dann ein begeisterter Verfechter des Spruchs der Heilsarmee: Seife, Suppe, Seelenheil. Das finde ich doch gut. Seife, Suppe, Seelenheil, das brauchen die Menschen ja. Nur allein ihnen Seife und Suppe zu geben, das hilft für den Moment, aber nicht dauerhaft.
Und wenn Sie irgendwo engagiert sind als Gemeinde, tun Sie das. Aber vergessen Sie nie das Seelenheil, denn das versuchen viele unter den Tisch fallen zu lassen.
Postmoderne, Mission und die Frage nach Bekehrung
Vielleicht haben Sie es schon gemerkt: Immer mehr deutsche Missionsgesellschaften nennen sich nicht mehr Missionsgesellschaft. Und dann lesen Sie den Brief, und da steht da drin, und dann haben Sie im Bodenburg-Projekt, im Schulprojekt, im Schulprojekt, von Bekehrungen kein Wort mehr.
Woran liegt das? Wir sind in einer postmodernen Gesellschaft. In der postmodernen Gesellschaft ist das nicht mehr legitim, und man streicht das einfach aus der Bibel heraus. Zack, eine Bekehrung – das klingt ja in Deutschland so wie Unterdrückung und wie Manipulation, und das geht doch gar nicht. Da müssen Sie doch Freiheit lassen.
Und hier muss man sagen: Das ist biblisch falsch. Wir sollen Menschen helfen, aber wir sind verpflichtet, ihnen das Evangelium weiterzugeben. Denn Menschen sollen es hören, es soll gepredigt werden, und Menschen werden dadurch Veränderung erleben. Das hat Gott ja selbst gesagt. Auch das ist eine Form frommer Bibelkritik, die postmoderne, die da Einzug nimmt.
Oder manchmal neue wissenschaftliche Erkenntnisse. Vor ziemlich genau einem Jahr hatte ich eine öffentliche Diskussion in der Frage der Homosexualität. Ein theologischer Lehrer, dessen Namen ich hier nicht nenne, den aber wahrscheinlich viele von Ihnen kennen, hatte dann einen öffentlichen Vortrag, weshalb ich mich dann auch darauf bezogen habe. Er hat dann erst einmal ausgeführt: Ja, die Bibel sagt, Homosexualität ist falsch. Und dann habe ich immer gedacht: Ja genau, alles klar, da gibt es auch wenig strittige Aussagen.
Und dann kam seine Aussage: Aber die modernen Erkenntnisse der Medizin und Anthropologie zeigen, dass die Menschen dafür ja gar nichts können, und sie zeigen, dass die heutige Homosexualität mit der Homosexualität des Neuen Testaments und des Alten Testaments nichts zu tun hat.
Es wurde dann unter anderem spitzfindig argumentiert, im Alten Testament seien ja auch keine Ehen unter Homosexuellen verboten. Und das ist tatsächlich so: Sie finden keinen Vers, wo steht, Ehe ist verboten. Nur ist das natürlich ziemlich absurd, nicht? Also, wenn es gar keinen homosexuellen Verkehr geben darf, dann gibt es ja auch keine Ehe. Deshalb ist das ja willkürlich.
Dann könnte ich auch sagen: Ja, da steht auch nicht, dass Homosexuelle keine Kinder bekommen sollen. Oder da steht auch nicht, dass sie Staatsbürgerrecht haben sollen. Natürlich steht das da nicht. Wenn Homosexualität verboten ist, dann ist sie halt generell verboten.
Ich meine, dann könnte ich auch sagen: Im deutschen Recht steht, Pädophilie ist verboten, aber da steht nicht, Ehen zwischen Erwachsenen und Kindern sind verboten. Das wäre ja die neue Lösung für Pädophile, nicht? Da haben wir eine Gesetzeslücke, dann heiratet ja das zehnjährige Mädchen oder so. Das ist ja absurd.
Wenn Pädophilie generell verboten ist, ist natürlich auch die Ehe mit Kindern verboten. Und wenn Homosexualität generell verboten ist, ist auch die Ehe mit Homosexuellen verboten. Aber genauso wurde argumentiert von einem bibeltreuen, ich bin bibeltreu, eher konservativen Theologen, der in der Öffentlichkeit viel angesehen ist usw. Und ich hätte eine starke, auch öffentliche Diskussion damit zu haben: Nein, das können wir nicht so machen. Auch die modernen Erkenntnisse der Medizin und der Anthropologie, die können wir nicht ausspielen gegen die Bibel, sondern da müssen wir sagen: Selbst wenn uns Mediziner heute sagen, das ist so, gilt trotzdem noch das Wort Gottes.
Wobei ja gerade diese Diskussion um die Homosexualität heute in Deutschland eigentlich tot ist. Denn das heißt in der Öffentlichkeit: Da äußert sich keiner mehr von Rang und Namen. Und wenn Sie noch irgendwo vorhaben, einen öffentlichen Posten einmal einzunehmen, dann werden Sie tunlichst schweigend darüber gar nichts mehr sagen.
Wissenschaft, Gemeinde und die Verantwortung der Laien
Ich erinnere mich an eine Diskussion mit einem Mann, der in der Medizin und in der Forschung tätig gewesen ist, ein Christ, und zwar gerade im Bereich der Erforschung der Sexualität. Dann fragte ich ihn: Warum schreibst du nicht mal etwas über Homosexualität? Da sagte er: Das werde ich nie tun, denn wenn dann nicht das gewünschte Ergebnis herauskommt, ist meine Karriere am Ende.
Das ist klar. Sie werden sehen: Es gibt kaum noch Forschung in dem Bereich, weil das Ergebnis schon vorher festgelegt wird. Und das würde sich kein Forscher mit sich machen lassen. Da sollten wir als Christen jetzt nicht darauf eingehen, nur weil der momentane Stand der Forschung das sagt, in Deutschland. Deshalb müssten wir die Bibel korrigieren. Nein, dann müssten wir hier sagen: Gottes Weisheit ist größer als das, was wir momentan sehen, und wer weiß, was die Medizin in zwanzig Jahren sagen wird, oder in dreißig oder in fünfzig. Wer weiß das denn schon?
Denn selbst wenn wir sagen, das sei der momentane Stand des Wissens: Der momentane Stand des Wissens ist eben auch nur der momentane Stand des Wissens und deshalb noch keine Wahrheit. Wahrheit ist das, was absolut überzeitlich gültig ist. Und da hat es schon viele Moden gegeben innerhalb der Theologie, und die Bibel hat sie alle überlebt.
Ja, jetzt habe ich ein paar Punkte genannt: also diese kulturelle Einbindung, die es gibt, die klassische Bibelkritik, die es gibt, dann die Sache mit nur den Worten Jesu oder bestimmten Worten, die gelten, und andere gelten nicht, oder dass man bestimmte Teile der Bibel gar nicht liest, weil sie einem nicht legitim erscheinen, das Ausspielen von wissenschaftlichen Ergebnissen und biblischen Aussagen oder die postmoderne, mit der emergenten Bewegung, oder eben diese Sache. Das ist mir alles nicht logisch.
Sieben verschiedene Punkte. Ich hoffe, dass Sie sich einige merken, und zwar nicht nur, weil ich die hinterher abfrage oder so, sonst kommen Sie nachher nicht raus zum Kaffeetrinken, nein, das natürlich nicht, sondern deshalb, weil Sie das brauchen, wenn Sie irgendwo in Vorträgen sind, um kritisch zuzuhören, um nicht selbst verführt zu werden, Bibelkritik zu betreiben und die Wahrheit der Bibel in Frage zu stellen.
Denn ganz schnell passiert das eben nicht nur irgendwo bei Atheisten, sondern ganz schnell passiert das auch in christlichen Kreisen, und dann erodiert das nach und nach. Da gibt es einige Beispiele dafür, selbst von theologischen Reformbewegungen. Luther am Anfang mit dem sola scriptura: Nur die Bibel ist entscheidend. Aber nach 500 Jahren sieht das eben auch anders aus. Und genauso bei vielen anderen Bewegungen, die mal sehr gut gestartet haben und dann Stück für Stück. Meistens war es dann eben dieser Zweifel: Sollte Gott gesagt haben? Wie schon bei Eva. Sollte das wirklich gelten? Ach nein, hier müssen wir wegstreichen, das ist ärgerlich, so geht das ja gar nicht. Und dann noch ein bisschen, und noch ein bisschen, und noch ein bisschen, und hinterher ist die Bibel nur noch Dekoration. Und dahin sollten wir alle nicht kommen.
Und zwar warum? Ja, weil wir doch von der Bibel gerade erwarten, dass Gott zu uns spricht und dass er uns verändern will, dass er uns prägen will. Wir begegnen ja Gott in allererster Linie in seinem Wort, weil er sich nicht in Offenbarungen an jeden Einzelnen von uns privat wendet, sondern er hat sich ein für allemal an die Menschheit gewandt, durch sein Wort und durch die Propheten und, wie wir es lesen, durch Jesus am Ende der Zeit.
Und deshalb: Das sollen wir ernst nehmen. Da begegnet uns Gott, und da finden wir Maßstäbe für unser Leben, für das Leben unserer Familie, unserer Gemeinde, auch des Landes, in dem wir leben. Maßstäbe, die sich seit 2000 Jahren und länger bewährt haben. Und wenn wir sie wegstreichen, weil sie nicht passend zu dieser Welt passen, dann vergessen wir: Sie sollen ja gerade an vielen Stellen nicht passen. Sie sollen ja wehtun. Denn wie bitte sehr soll es eine Korrektur geben in unserem Leben oder in der Gesellschaft, wenn uns nicht gesagt wird: Das ist aber falsch, so geht das nicht?
Und da möchte ich Sie ermutigen: Bleiben Sie dabei, lassen Sie sich nicht auf solche Sachen ein. Und jetzt machen wir am besten noch so eine kleine Runde mit Austausch, und dann ist die Zeit schon vorbei.
Ja, also für die Länge des Seminars kann ich da nichts, aber meine Uhr sagt mir: In einer Viertelstunde gibt es Kaffeetrinken. Und ehe ich mich dann anlege mit jemandem, der hier beim Kaffeetrinken sein will, deshalb haben wir noch maximal eine Viertelstunde, maximal. Oder wir machen früher Schluss. Ergänzungen oder Rückfragen oder Bestätigung, wo Sie sagen: Ja, Halleluja, so sehe ich das auch. Das geht ja auch.
Rückfragen zur Kopfbedeckung und zur Praxis des Textes
Genau, was kann ich denn jetzt machen, ohne mir mit allen Frauen zu verscherzen? Dann müsste ich am besten sagen: Diese Stelle ist kulturell nur für die Prostituierten in Korinth. Jetzt ahnen Sie schon: Ja, irgendwie so ganz nicht. Manche sagen: Ja, okay.
Die Frage war also, wie ist das beispielsweise mit der Stelle in 1. Korinther 11, wo Paulus den Frauen aufträgt, eine Kopfbedeckung zu tragen? Da habe ich gerade gesagt: Ja, was ich jetzt sage, das könnte ich mir einmal mit allen verärgern. Oder ich müsste jetzt genau das tun, was ich gerade gesagt habe, was wir nicht tun sollen, nämlich sagen: Das war ja nur für die Korinther. Das Abendmahl im direkten Zusammenhang gilt für uns, aber die Kopfbedeckung ist nur eine Frage der Korinther.
Und hier merken Sie schon, wo da die Relevanz ist, weil ich weiß, dass da immer sehr viele Emotionen eine Rolle spielen. Wenn Frauen fragen, häufiger fragen Frauen, dann sage ich den meisten: Lies da und bete, und dann tu es. Und wenn dir Gott deutlich macht, dass er von dir möchte, dass du eine Kopfbedeckung trägst, dann mach es doch. Wo ist das Problem? Ich meine, da geht es ja nicht um Leben und Tod.
Übrigens ist kirchengeschichtlich interessant, dass alle Kirchen, egal ob orthodox, katholisch, anglikanisch, reformiert oder baptistisch, bis vor etwa 50 Jahren die feste Auffassung hatten, eine verheiratete Frau soll im Gottesdienst eine Kopfbedeckung tragen. Gehen Sie in ein Kunstmuseum, schauen Sie sich mal irgendwelche Trachten an oder Gottesdienste: Immer haben da alle Frauen eine Kopfbedeckung getragen. Wissen Sie, seit wann Theologen auf die Idee gekommen sind, dass das nicht mehr gültig ist? Seit dem Aufkommen des Feminismus in den sechziger Jahren. Und dann kommen plötzlich theologische Diskussionen.
Dann würde ich auch sagen: Jetzt sagen ja viele, das sei alles kulturell. Dann würde ich sagen: Ja, dann nimm doch mal den Bibeltext ernst. Paulus gibt in dem Text drei Begründungen, warum er das tun soll, und keine einzige ist kulturell. Und da würde ich sagen: Hm, also ich verstehe nicht alles, was er da sagt. Ich würde auch sagen: Paulus, verzichte doch darauf, das macht uns so viel Ärger, brauchen wir nicht mehr. Nur, wenn das Wort Gottes ist, dann können wir mit dem Wort Gottes nicht so umgehen.
Hier würde ich dann genau dasselbe sagen, was ich gerade mache: statt dass Sie sich viele Kommentare durchnehmen, die immer nur versuchen zu sagen, dass es nicht mehr gilt. Nehmen Sie doch einfach erst mal das Wort Gottes, beten Sie, schauen Sie den Text an. Wenn Sie ihn verstehen, tun Sie, was Sie verstehen. So einfach ist das manchmal. Manche müssen Theologie studieren, um dann zu erklären, dass das nicht mehr gilt, was offensichtlich in der Bibel steht. Und da würde ich sagen: Das ist keine Hilfe.
Also deshalb: Ich werde jetzt keinen hier auffordern. Vielleicht war das schon Stellungnahme genug, oder? Ganz genau, das ist klar. Und heute erlebe ich in Gemeinden eher, dass Frauen, die das so sehen, diskriminiert werden. Das ist heute nicht umgekehrt Diskriminierung; das gibt es vielleicht in einigen strengen Spätaussiedlergemeinden. Aber sonst werden in den meisten Gemeinden Frauen diskriminiert, die das tun. Auf die kommen danach im Gottesdienst die Frauen zu: Meinst du, du bist etwas Besseres, oder so. So kommt das.
Ich kenne das genau, weil ich das schon ganz häufig mit Frauen besprochen habe. Und dann haben die Frauen genau das gemacht: Sie haben gelesen, haben gebetet, und dann hat Gott ihnen klar gemacht, dass sie das machen. Und dann haben sie Ärger in der Gemeinde bekommen. Da würde ich sagen: Das finde ich ja nun ganz, ganz schlimm. Da macht jemand aus Glaubensgründen etwas, weil er es in der Bibel liest, und bekommt von seinen Glaubensgeschwistern einen rübergehauen. Also, was ist denn das? Das finde ich ja nun ganz schlimm.
Hier ist es ja nicht um eine abartige Interpretation. Ich sage ja: Diese Interpretation war die Normalinterpretation bis vor etwa 50 Jahren, das heißt von allen getragen, egal ob Baptisten oder Freie Evangelische oder Mennoniten oder sonst etwas. Das haben alle so gesehen, bis vor etwa 50 Jahren. Da würde ich sagen: Das sollte zumindest die Toleranz dann sein, die es Leuten ermöglicht wird, das zu tun.
Aber wie gesagt, weil das hier kein Seminar ist über die Rolle der Frau in der Gemeinde oder eben dann über die Kopfbedeckung hin oder her, sage ich jetzt darüber mal nicht mehr. Aber ich hoffe, dass deutlich geworden ist, dass ich mich nicht dahinterstelle, einfach zu neutralisieren, weil uns das nicht passt, oder einfach zu neutralisieren, weil wir meinen, es passt nicht zur Gesellschaft.
Schlussfolgerung zur Auslegungspraxis
Ich habe ziemlich viele Kommentare gelesen. Und bei ziemlich vielen denke ich mir: Warum eiert er da so herum? Die einen sagen: Ja, das war wegen der Prostituierten, damit man unterscheiden konnte, dass die Frau keine Prostituierte war. Da würde ich sagen: Wenn das die Prostituierten sind, warum sagt Paulus denn, dass sie es nur beim Beten und Weissagen aufsetzen sollen? Das heißt: Wenn die Frau nicht betet und gerade spazieren geht, dann denken alle, sie ist eine Prostituierte, oder was? Das passt ja gar nicht. Nein, das passt in dem Zusammenhang nicht.
Und warum sagt er denn dann nicht deutlich, dass das wegen der Prostituierten ist? An anderen Stellen sagt er doch: Okay, hier Timotheus habe ich beschnitten wegen der Juden, da sagt er sehr deutlich, das ist kulturell. Oder beim Götzenopferfleisch, das ist nicht, weil ... Aber hier steht: wegen der Schöpfung, wegen dem Zeugnis vor den unsichtbaren Mächten und weil euch die Natur lehrt. Jetzt kann ich natürlich sagen: Ja, mich lehrt die Natur das nicht, also ich sehe das nicht unbedingt ein. Aber ich muss es ja gar nicht einsehen. Paulus argumentiert damit. Er sagt drei überzeitliche Begründungen und keine kulturelle. Und das würde ich sagen, das sollte zumindest zum Denken geben.
Jetzt können wir natürlich sagen: Ja, aber das passt mir nicht, das ist ja altmodisch. Es ist total egal, ob es altmodisch ist oder nicht. Jetzt kann ich sagen: Ja, heute erkennt das ja keiner mehr. Also wird auch argumentiert: Ja, heute sieht doch keiner mehr, was das Zeichen ist. Ja, das ist hier gar nicht für die ungläubige Welt gedacht. Da steht, das ist für die unsichtbare Welt, und die unsichtbare Welt wird es wohl noch verstehen, weil die hier nicht kulturell eingebunden ist.
Also, ich meine, ich hoffe, dass dadurch deutlich wird: Ich will keinem irgendeine Last auflegen. Aber ich habe solch eine Bibel, dass ich dann sage: Wenn es da drinsteht, auch wenn es mir nicht passt, auch wenn es unmodern ist, auch wenn ich das nicht alles verstehe, will ich es lieber ernst nehmen, als es vorschnell beiseite zu schieben und dann irgendwann mal vor dem Thron Gottes zu stehen und zu sagen: Ja, hey, was hast du denn da gesagt? Wie kommst du eigentlich auf diese komische Idee? Also, das wäre mir peinlich. Das wird sowieso wahrscheinlich häufig genug noch passieren, aber da muss ich das ja nicht noch steigern, also nicht noch mehr da hineinnehmen.
Also, wir sollten nicht nur zur Bibel stehen, wo dann unsere Position verteidigt wird, sondern wir sollten auch zur Bibel stehen, wo unsere Position, die wir vielleicht jetzt vertreten, in Frage gestellt wird. Es ist ja nicht nur als Kampfmittel für andere irgendwie, die jetzt von einer anderen Gemeinde oder Kirche sind, sondern es ist ja, damit wir besser da rankommen und das besser verstehen. Und das, glaube ich, wird immer wieder dazu führen, dass wir vielleicht auch manchmal dann etwas verändern müssen, was wir vielleicht dachten, was jetzt ja altmodisch, nicht mehr so in Form ist, wenn es wirklich in der Bibel steht.
Wie gesagt, ich habe bisher keine Erklärung gelesen. Also eine, die fand ich auch ganz interessant, sehr originell, habe ich bisher sonst noch nie gelesen: Die sagen, Paulus meinte genau das Gegenteil damit. Er skizziert da die Position seiner Gegner. Also das heißt, seine Gegner sagen, die Frau soll eine Kopfbedeckung haben, und deshalb sagt er am Ende eben: Jeder so, was er will, oder so. Aber wenn ich damit anfange, da steht ja nirgends von seinen Gegnern. Also wenn das so ist, woher weißt du, ob er nachher beim Abendmahl nicht auch die Position seiner Gegner skizziert? Ich meine, wenn da deutlich steht: Das sagen meine Feinde, das tut Paulus ja an manchen Stellen, dann ist die Sache klar. Aber genau das sagt er an der Stelle nicht, sondern er sagt: Ja, das ist doch eigentlich jedem klar, das weiß doch jedes Kind, denn die Schöpfungsordnung und so weiter, das sagt das doch alles.
Da muss man ja sagen: Das sieht für mich gar nicht danach aus. Das ist auch so ein Versuch, diese Stelle wegzuerklären, so würde ich das eher sehen. Da würde ich sagen: Da würde ich vorsichtig sein, ja. Ja, habe ich auch gelesen. Nur ist die Frage wieder: Das ist für mich genauso komisch, das Wegerklären. Ja, warum nicht das Kopftuch, wenn es da steht? Mit der Taufe machen wir doch auch so. Da sagen wir: Die Taufe versteht heute auch kein Mensch mehr. Draus. Genau, machen wir eine Party draus, das heißt auch Gemeinschaft und so.
Wenn Gott ein Symbol nennt, dann bleibe ich bei dem Symbol. Ich bleibe bei dem Symbol der Taufe, ich bleibe bei dem Symbol des Abendmahls, ich bleibe auch bei dem Symbol der Kopfbedeckung. Denn wenn das doch ein Zeichen ist, das Gott gesetzt hat, warum soll ich denn dann ein anderes wählen? Und die meisten Gemeinden müssen mir sagen: Wo ist denn das andere Symbol, das alle verstehen? Ich kenne ja gar keines. Wo zeigt denn die Frau in der Öffentlichkeit durch das, wie sie auftritt, dass sie sich ihrem Mann unterordnet? Das Symbol gibt es ja gar nicht.
Also dann ist die Frage: Hier ist auch wieder, ich habe den Eindruck, da will einer einfach, der will nicht, dass es so ist, und also sagt er: Okay, jetzt nur das Prinzip. Da steht aber nichts von Prinzip. Es gibt manche Dinge, das sind nur Prinzipien. Hier wird eine deutliche Anweisung gegeben. Und wie gesagt, in demselben Kapitel mit dem Abendmahl, und beim Abendmahl sagen wir: Das machen wir wörtlich. Und hier sagen wir: Das ist bloß ein Prinzip. Wo ist da die Logik?
Aber wie gesagt, Hauptthema: Ich hoffe, das behalten Sie. Ihr Hauptthema dieses Seminars war nicht die Kopfbedeckung der Frau, sondern Hauptthema war: Wie gehen wir mit der Bibel um? Gut, bitteschön.
August hat das eigentlich im Vers im Elbsechzehn erklärt, die Gemeinde Gottes seine Augen anlegt. Genau. Und zwar, das ist ja ganz klar, es bezieht sich nämlich darauf, die Sitte zu streiten. Also das heißt, die Sache ist ganz klar: Streitet nicht lange herum, tut es. Das ist das, was er da sagt.
Ja, aber wie gesagt, ja natürlich, das ist doch vollkommen klar. Also meint sie wirklich, Paulus erklärt erst mal, was weiß ich, zehn Verse lang, was man tun soll, und am Ende sagt er: Ja, das war ja alles bloß, das wollte er nicht tun. Und dann müssen Sie sagen: Dann haben alle Theologen bis vor 50 Jahren geirrt, die das nicht genau so verstanden haben. Aber lesen Sie sich das durch. Ich habe ja auch gesagt: Mein Tipp ist, beten Sie als Frau, denn es geht hier nicht um Frauen. Lesen Sie das, und wenn Sie den Eindruck haben, das gilt, dann tun Sie es einfach. So ist das bei den meisten Bibelstellen.
Also hier, diese Stelle, das ist genauso auch ein Punkt, wo ich denke: Hier versucht man wieder etwas auszuhebeln. Wenn einer ausführlich erklärt, macht das, macht das, macht das, das macht Paulus an keiner anderen Stelle. An keiner anderen Stelle gibt er eine ausführliche Regel und sagt am Ende: Aber jetzt habe ich euch das nur erklärt, weil es ja gar nicht gilt. Das hat er an keiner anderen Stelle gemacht.
Und wie gesagt, schauen Sie bei Ihren Glaubensvorvätern nach, im Pietismus, in der Erweckungsbewegung, bei der Gründung der Baptisten: Alle, kann ich Ihnen garantieren, waren der Überzeugung, dass das für heute gilt. Das heißt, die Frage: Wieso sind die denn nicht alle auf die Idee gekommen, dass es nicht gilt?
Wenn Sie heute in vielen, vielen anderen Ländern sind, ich war ja in Indien, in Indien setzen fast alle Frauen da eine Kopfbedeckung auf. Und ich meine, wie gesagt, vielleicht mache ich hier einfach mal Schlusspunkt, ich will jetzt nicht mehr reden über Kopfbedeckung. Ich habe ja mir anfangs angesagt, das ist jetzt nicht das Thema, weil das kann verwischen, worum es eigentlich geht.
Eigentlich geht es mir darum: Nehmen Sie die Bibel ernst und lassen Sie sich nicht durch irgendwelche Systeme oder sonst etwas die Bibel in den Hintergrund rücken. Wenn wir zu stark an einem Punkt festbleiben, dann sind wir ja so, das ärgert mich, das sehe ich jetzt anders. Darum geht es ja gar nicht. Es geht nur darum: Nehmen Sie die Bibel ernst und kommen Sie, egal wo, nicht zu schnell dazu, dass Sie mit irgendwelchen Methoden und Erklärungen die Dinge, die Sie ärgern, und um die geht es ja meistens, aushebeln. Die Dinge, wo wir einverstanden sind, da haben wir meistens kein Problem damit. Sondern gerade die Dinge, die uns treffen, wo wir etwas verändern müssen, die ärgern uns. Und da ist die Herausforderung, dass wir etwas verändern.
Also hier noch ein oder zwei Meldungen, und dann ist die Stunde vorbei. Bitte.
Erstmal: Der normale Theologe in Deutschland ist ein bibelkritischer Theologe. Weil ich sage Ihnen ja: An allen Universitäten ist bibelkritische Theologie, auch an vielen evangelikalen Ausbildungsstätten, bibelkritische Theologie. Und das heißt, das ist von vornherein eine, die stark rationalistisch an die Bibel herangeht. Das heißt, wo man auch von der gegenwärtigen Kultur ausgeht, sehr stark, und mit den Augen der gegenwärtigen Kultur die Vergangenheit interpretieren will. Und wenn Sie das nicht tun, gelten Sie häufig nicht mehr als wissenschaftlich.
Weil, wenn Sie einfach davon ausgehen: Das ist so, weil Gott es sagt, das ist ja nicht wissenschaftlich. Und da ist ein großes Problem. So häufig werden junge Studenten, wenn sie an die Uni kommen, genauso wurde es mir auch vermittelt: Hier arbeiten wir wissenschaftlich, hier ist nicht mehr nur die Gemeindetheologie, das musst du trennen voneinander, hier muss bewiesen werden. Wenn du dann das Ganze näher kennenlernst und dann mal ein bisschen hinterher kratzt, dann merkst du: Wissenschaft sind häufig auch leere Worte. Das heißt einfach ein bisschen mehr Statistik, ein bisschen mehr Griechisch, ein bisschen mehr Hebräisch, aber damit kannst du letztendlich alles begründen, wenn du es willst, nur nicht unbedingt das, was da steht.
Und hier muss ein Theologe neu lernen: Er ist nicht derjenige, der zeigt, was da steht, sondern er ist derjenige, der die Gemeinde unterstützt und der die Bibel verstärkt. Er soll nicht seine Meinung sagen, sondern er soll das verstärken, was da drinsteht. Und wenn die Bibel ihn kritisiert, dann muss er sich genauso kritisieren lassen.
Und deshalb würde ich ganz stark mit Luther, mit dem Pietismus, mit der Erweckungsbewegung sagen: Gemeinde sind in erster Linie die Laien. Und die Laien sollen sich die Bibel nicht wegnehmen lassen, also das heißt das normale Gemeindeglied. Denn jedes Gemeindeglied hat den Heiligen Geist, hat die Führung Gottes im Verstehen der Bibel. Und deshalb sollte man sich nicht kommen lassen, wenn ein Pastor kommt und sagt: Ja, aber im Griechischen steht und im Breschen, dann ist da was ganz anderes als im Text. Dann sollte man sehr vorsichtig sein.
Denn in den meisten Stellen, wenn du nur genug Theologe bist, dann findest du auch fünf Theologen, die etwas anderes sagen, weil das Wort vielleicht im Wörterbuch fünf Bedeutungen hat. Also deshalb will ich nicht sagen: Das ist unsinnig. Theologie studieren ist wichtig und gut. Nur Theologie studieren wird häufig heute dafür benutzt, um die Bibel in ein bestimmtes Muster hineinzubringen. Und da sollte jeder Christ in der Gemeinde viel in der Bibel lesen, viel darin studieren und dann deutlich auch sagen können, wenn da sowas gesagt wird: Hier steht es aber anders. Und dann auch dabei stehen bleiben.
Und wie gesagt, das heißt nicht, dass man jedem Pastor jetzt kritisch gegenüberstehen muss, so nicht. Aber man sollte genau zuhören. Nur weil einer Pastor ist, hat er noch nicht unbedingt Recht. Manchmal hat er Recht. Und manchmal nicht. Aber wenn ich einen Bibeltext lese, genau wie Sie jetzt sagen, und wenn ich das lese, meine ich, dass da etwas ganz anderes steht, als der Pastor meint, dann sollte ich sehr wohl dann noch mal intensiver darüber nachdenken, vielleicht noch mal ein paar andere Leute fragen und dann dazu kommen.
Denn gerade die Bibelkritik ist in die evangelische Kirche gekommen, nicht durch die Laien, sondern durch die Pastoren, durch die Studierten. Und manche andere, auch freikirchliche Verbände, haben ebenfalls die Bibelkritik bekommen durch das Pastorenamt, nicht durch die Gemeinde. Die Gemeinden waren meistens viel, viel länger fromm.
Jetzt habe ich gerade ein Buch gelesen über die Erweckungsbewegung in Ravensberg, aus unserer Gegend. Meinen Sie, die ist natürlich durch Pfarrer gekommen? Es waren zwei, drei gläubige Pfarrer, die anderen Pfarrer waren alle rationalistisch. Die haben sogar durchgesetzt, dass die Gebets- und Bibelleseveranstaltungen auf der Diele, so nennt man das bei uns, also in der Scheune, verboten worden sind. Das waren die Pfarrer, die Studierten.
Also deshalb schon auch eine gewisse Skepsis, wenn da Leute dem Wort Gottes dienen und das besser erklären können: super. Wenn man aber plötzlich den Eindruck hat, die wollen uns nur zeigen, dass da was ganz anderes steht, als da eigentlich steht, dann Vorsicht! Also nicht eine generelle Skepsis. Theologische Wissenschaft, wenn sie dem Willen Gottes untergeordnet ist, ist sehr gut. Aber theologische Wissenschaft, die sich von ihm löst, das kann dann schnell zu Pharisäismus führen, wie wir das in der Bibel sehen, oder eben zu Bibelkritik oder sonst etwas.
Ja, und da ist die Zeit jetzt vorbei, also mache ich hier einen Schlusspunkt. Ich biete Ihnen noch zwei Sachen an, nämlich erstens: Wenn Sie jetzt noch Fragen haben und ich Sie nicht zu sehr verschreckt habe, dann kommen Sie hinterher zu mir. Ich gestehe Ihnen gerne Rede und Antwort, und alle Dinge, die ich Ihnen sage, begründe ich Ihnen auch logisch. Also Sie müssen nicht zu mir kommen und sagen: Sie müssen mir das glauben, weil ich Michael Kotsch bin, sondern ich begründe Ihnen die Sachen, sofern sie für mich begründbar sind, und sonst lasse ich sie offen. Also falls Sie noch Fragen haben, dann kommen Sie zu mir, und ich werde gerne versuchen, mit Ihnen darüber zu reden.
Wenn Sie sich über etwas ärgern, ist das auch in Ordnung. Manchmal bringt das am weitesten, weil man dann intensiver darüber nachdenken muss. Wenn Sie sich an einigen Stellen bestätigt fühlen, ist das auch super. Dann können Sie es mitnehmen in Ihr Alltagsleben, Ihren Umgang mit der Bibel.
Das, was ich hier noch mache: Sie haben ja oben schon eine ganze Menge Bücher. Ich weise Sie hier noch mal auf zwei meiner Bücher hin. Also dieses hier ist mein neuestes Buch, vor drei Monaten erschienen: Helden des Glaubens, Band eins. Band zwei schreibe ich gerade. Hier finden Sie 33 Kurzbiografien von wichtigen Personen aus der Kirchengeschichte, vom Tertullian aus der frühen Kirchengeschichte bis ins zwanzigste Jahrhundert. Und ich stelle sie dar, und zwar in erster Linie, um zu zeigen, wie Gott sie gebraucht hat, was wir diesen Leuten verdanken, dass das alles nur Menschen mit ihren Schwächen sind.
Also, wenn Sie nach Heiligen suchen, die sind hier drin nicht. Die gibt es in der katholischen Kirche, aber die gibt es in der Kirchengeschichte nicht. Aber Sie finden hier viele vorbildliche Gläubige, meinetwegen Leben von Spurgeon. Was hat der gemacht, wie hat Gott ihn gesegnet, und das kann auferbauend sein. Falls Sie das interessiert und Sie gerne darin lesen wollen, können Sie ein Exemplar für zehn Euro mitnehmen.
Und falls Sie sich hier gerade mit diesem beschäftigen: Das ist das erste Buch, das im evangelikalen Bereich über Gender Mainstreaming herausgekommen ist, hier jetzt in der zweiten überarbeiteten Auflage. Falls Sie sich darüber mal so einen ersten Eindruck verschaffen wollen, was Gender Mainstreaming ist, was dahinter steckt, können Sie hier ein Exemplar für fünf Euro mitnehmen.
Ich habe hier auch noch ein paar Exemplare von Bibel und Gemeinde. Ich arbeite unter anderem ja im Bibelbund mit. Oben gibt es einen ganzen Stand von Bibel und Gemeinde, da sind dann noch mehr als drei. Hier liegen nur drei, aber diese drei können Sie gern umsonst mitnehmen. Und falls Sie ganz kurzfristig noch mit mir eine Studienreise nach Israel machen wollen: So ein bis zweimal im Jahr fahre ich auch nach Israel, das nächste Mal wird Ende April sein. Das liegt hier auch noch.
Also bei den Büchern: Wenn Sie es mitnehmen wollen, legen Sie das Geld einfach dahin und nehmen Sie das Buch mit. Und bei den anderen Sachen, die hier sind, ist es umsonst.
Und dann wünsche ich Ihnen noch einen guten Aufenthalt hier. Einen Moment, ich bete gerade noch, weil ich denke, beim Umgang mit dem Wort Gottes ist Beten da ja auch eine wichtige Sache.
Vater im Himmel, wir danken dir dafür, dass wir nicht einfach hier nur als unwissende Menschen auf der Erde sind und unseren Überlegungen nachgehen müssen, sondern dass du dich an Menschen der Vergangenheit gewandt hast, Propheten, Apostel, durch Jesus Christus selbst zu uns geredet hast. Danke, dass das zuverlässig ist, glaubwürdig ist, dass wir darauf aufbauen können, auch wenn Menschen in unserer Umgebung, Gläubige oder Nichtgläubige, dagegen argumentieren. Gib du uns Weisheit, führe du uns durch deinen Heiligen Geist, dass wir dein Wort immer besser verstehen und vor allem, dass es in unser Leben hineinspricht und dort Veränderung bewirkt, dass wir immer mehr so werden, wie du uns haben willst, und dass andere Menschen in uns, in unserem Reden und Handeln, dich erkennen können. Amen!
Also dann noch eine schöne Zeit hier. Bücher da vorne, falls Sie sehen wollen.

