Einleitung
Andere Zeiten haben auch ihre Wunder gehabt. Zum Beispiel im Altertum, da
kannte man sieben so genannte Weltwunder. Eines dieser sieben Weltwunder
war der Tempel der Göttin Diana in Ephesus. Um den soll es heute Abend
gehen. Er war 135 m lang, 15 m breit, 18 m hoch, 127 Säulen aus Marmor,
einige davon vergoldet, und vorne auf dem Hochaltar stand das Standbild der
Göttin Diana.
Die Göttin Diana, die Super-Sexbombe des Altertums.
Ich weiß nicht, was ihr euch unter solch einer Göttin vorstellt, aber ich
kann euch mit Sicherheit sagen, sie ist nicht euer Typ. Erst einmal war der
untere Teil der Dame eingebunden wie bei so einem Wickelkind. Warum das so
war, konnte ich nicht heraus kriegen, wahrscheinlich hängt das mit ihrer
Herkunft zusammen. Es wurde nämlich behauptet, sie wäre dort vom Himmel
gefallen, und an dieser Stelle aufgefunden worden. Vielleicht waren es noch
die Bandagen von der harten Landung, jedenfalls war die Lady unten herum
fest verschnürt. Umso mehr war oben herum los. Ich möchte jetzt ihren
Oberkörper und ihre Oberweite nicht näher beschreiben, ich sage nur: Diana
war eine Super-Sexbombe des Altertums.
Neben der hätten Brigitte Bardot und Marylin Monroe gewirkt wie zwei so
magere Teenager-Mädchen.
Auf dem Kopf hatte sie eine Krone, hinter dem Kopf eine Scheibe, aber nicht
so eine goldene Scheibe wie sie manchmal eine unsere Schlagersängerin, die
Nina Hagen, auf dem Kopf trägt, sondern das war die Mondscheibe. In der
Hand hatte sie Kornähren, und neben ihr war eine Hirschkuh und ein Reh und
das Ganze in schlichtem schwarz. Nach heutigen Begriffen also wirklich
keine Schönheit. Eher so etwas wie die kleine Dicke aus Udo Lindenbergs
Panik-Orchester.
Diese Diana wurde als Göttermutter verehrt im ganzen Mittelmeerraum.
Ephesus war das Zentrum dieser Verehrung, das war ein weltberühmter
Wallfahrtsort. Nun gehört zu jedem Wallfahrtsort auch ein Souvenirverkauf.
Ihr wisst ja, wie das ist, wenn der Mensch unterwegs ist und irgendwo fern
von zu Hause, da überkommt ihn der unwiderstehliche Drang, irgendetwas von
dort mitzunehmen – eben ein so genanntes Souvenir. Um dieses kulturelle
Bedürfnis zu befriedigen, da wetteifert bei uns eine ganze Industrie mit
der Herstellung von Kitsch. Vom Fernsehturm aus Blech bis hin zur
Petroleumlampe aus Plaste. Solchen Schund haben sie auch im Altertum schon
gehabt.
Zum Beispiel gab es in Ephesus an jedem Kiosk so genannte Briefe zu kaufen.
Das waren Zauber-sprüche, die angeblich Sicherheit und Erfolg in der Liebe
und überhaupt jede Menge Glück garantierten. Die Leute kamen aus der ganzen
Welt nach Ephesus, um sich diesen abergläubischen Kram zu kaufen und als
Amulett an den Hals zu hängen. Sie dachten, wenn wir das Amulett haben,
dann haben wir Frieden. So wir heute viele denken, wenn wir die Atomraketen
haben, dann haben wir Frieden. Das ist der gleiche Aberglaube, heute wie
damals.
Demetrius, der Souvenirproduzent. Eine Marktforschung.
Nun lebte in Ephesus ein Mann, der hieß Demetrius. Der hatte Grips in
seiner Nuss und machte Geld aus jedem Stuss. Der war voll in die
Souvenirbranche eingestiegen. Von Beruf ein Silberschmied, produzierte er
Amulette und Reiseandenken en Gros, seine Spezialität: eine Mini-
Nachbildung des Dianatempels in Silber. Damit war er in Serie gegangen. Er
hatte eine Fabrik, er hatte Angestellte, er hatte Verkaufspersonal, er
hatte Buden überall in der Stadt. Eines Tages fällt ihm auf, dass das
Geschäft immer mieser geht. Die Leute kaufen den Spittel einfach nicht
mehr. Erst denkt er, der Geschmack der Leute hat sich geändert, aber das
war natürlich ein Irrtum. Der Geschmack der Leute ändert sich nie, siehe
unsere Souvenirindustrie. Oder unsere Möbelindustrie, oder unsere Lampen-
industrie… – Nein, das musste an etwas anderem liegen.
Er geht der Sache nach und stellt fest: der Geschäftsrückgang stellte sich
ein vor ungefähr zwei Jahren, und zwar zu dem Zeitpunkt, wo ein gewisser
Paulus die Stadt betreten hat. Der Paulus war Jude, kein Geschäftsmann,
sondern ein Gottesmann, der dem Demetrius mit dem Wort Gottes in sein
Geschäft hineingepfuscht hatte. Er war ein Wanderprediger, der in seinen
Predigten behauptet hatte, Götter, die aus Material mit Händen gemacht
sind, sind gar keine wirklichen Götter. Der wirkliche Gott Jesus Christus
lebt nicht in Tempeln, die mit Händen gemacht sind[1]. Über diese
geschäftsschädigende Propaganda ist der Demetrius aufs äußerste beunruhigt.
Er beruft eine Versammlung der PGH[2] der Silberschmiede ein, auch die
Gewerkschaft, sowie Vertreter der Zulieferbetriebe, also der gesamte
Kitschkonzern ist eingeladen.
Er hält eine Rede, die steht in Apostelgeschichte 19,25 ff: Männer, ihr
wisst, unser ganzer Wohlstand hängt davon ab, dass wir diese Nachbildungen
herstellen – Also er sagt im ersten Satz gleich worum es ihm geht: ihm geht
es um Wohlstand! – Ihr werdet erfahren haben, dass dieser Paulus den Leuten
einredet, Götter, die man mit Händen macht, sind gar keine Götter. Er hat
mit seinen Reden nicht nur hier in Ephesus Erfolg, sondern fast überall in
der Provinz Asien. Deshalb besteht die Gefahr, dass er nicht nur unseren
Handel in Verruf bringt. Stellt euch vor, es würde soweit kommen, dass der
Tempel der großen Göttin Diana seine Bedeutung verliert! Stellt euch vor,
dass die Göttin selbst in Vergessenheit gerät, die heute überall in unserer
Provinz und in der ganzen Welt verehrt wird.
Der fromme Schluss der Rede kann natürlich niemanden hinwegtäuschen, dass
der Demetrius an der religiösen Frage überhaupt nicht interessiert ist.
Über die Frage, ob Paulus Recht hat oder nicht, denkt der keine Sekunde
nach. Ob die Religion der Christen oder die Diana-Religion die Richtige
ist, das interessiert ihn überhaupt nicht. Ihn interessiert nicht die
Wahrheit, ihn interessiert nur der Wohlstand. Er ist der Typ
Wohlstandsbürger. Er fragt nicht, ob der Staat, in dem er lebt, menschlich
oder unmenschlich ist. Er fragt nicht, ob das System, für das er lebt,
Recht oder Unrecht ist. Er fragt nicht, ob die Ideologie, von der er lebt,
Wahrheit oder Lüge ist. Das ist dem alles vollkommen egal. Hauptsache er
lebt im Wohlstand. Dieser Wohlstand ist nun gefährdet durch die Predigten
des Paulus, weil der gesagt hat, Götter, die mit Händen gemacht sind, das
sind gar keine richtigen Götter. Und wenn sich das herum spricht, dann
lässt der Glaube an die Diana nach, dann lässt der Pilgerstrom nach, dann
lässt der Geldstrom nach, dann lässt der Wohlstand nach, und dann gute
Nacht Demetrius, dann ist mit deinem Wohlstand Schluss.
Das Chaos im Sportpalast: "Groß ist die Diana der Epheser!"
Als der Demetrius seinen Kollegen diese Konsequenzen schildert, da beginnt
in ihrer Silberseele der Zorn über diese religiös verbrämte Sabotage der
Souvenirindustrie zu kochen.
Sie erheben ihren Silberblick gen Himmel und vereinigen ihre Silberstimmen
zu einem machtvollen Sprechchor: Als sie das hörten, wurden sie wütend und
riefen: groß ist die Diana von Ephesus! Die These des Paulus, die wird
nicht beantwortet mit einem logischen Argument, sondern mit einer gebläkten
Losung: "Groß ist die Diana von Ephesus!"
Die ganze Stadt wird von dem Gebläke erfasst, und nach dem Motto: Ich geh
kaputt, gehste mit" rennen die Leute durch die Straßen wie bei Feueralarm
und alles stürzt in Richtung Theater. Das Theater von Ephesus müsst ihr
euch vorstellen wie ein riesengroßes Sportstadion. Da waren 25.000
Sitzplätze drinnen. Und was sich jetzt in dieser Sportpalastversammlung
abspielt, das ist einfach chaotisch. Chaotischer, als die
Sportpalastversammlung, die genau heute vor 40 Jahren in Berlin
stattgefunden hat, wo 20.000 deutsche Christen auf einem Haufen gesessen
haben und wie die Kaputten gerufen haben: "Heil Hitler!"
Die Sache in Ephesus ist deshalb chaotisch, weil vom Veranstalter, dem
Demetrius, überhaupt nichts mehr zu sehen ist. Er tritt einfach nicht mehr
auf. Es handelt sich um eine Veranstaltung, die zusammen gelaufen ist, ohne
eine Leiter zu haben. Ein Riesentheater voller Leute, das keiner dirigiert.
Die meisten wissen überhaupt nicht, warum sie dahin gerannt sind. Sie sind
eben nur mitgelaufen. Mitläufer, Massenmeetings-Mitläufer, die überhaupt
nicht wissen, was in Wirklichkeit läuft, aber bläken: Groß ist die Diana
der Epheser!"
Nun ist ja bekannt, dass in manchen Massenversammlungen die Menschen
minutenlang toben, pfeifen, grölen und trampeln können. Aber dass eine
Volksmenge, ohne überhaupt zu wissen, warum sie zusammengekommen ist, eine
viertel, eine halbe, eineinhalb, zwei Stunden lang die Losung brüllt: Groß
ist die Diana der Epheser!" – das ist schon einmalig. Es ist zwar bekannt,
dass dort, wo es keine Argumente gibt, alles mit Schlagworten
niedergebrüllt wird. Aber zwei Stunden lang dasselbe Schlagwort, das ist
nicht mehr normal! Das ist teuflisch, das ist dämonisch.
Der dämonische Einfluss auf die Masse.
Wir lesen in der Bibel oft, dass die Dämonen anfangen zu schreien, wenn sie
in die Nähe von Jesus geraten. Und etwas von diesem dämonischen Getöse, das
ist in diesem Sportstadion zu hören. In der Bibel, da steht die ganze
Geschichte unter der Überschrift: Der Aufstand der Silberschmiede." Aber
das ist nur der Vorwand, der Vordergrund. Der Hintergrund, der eigentliche
Grund ist der Aufstand der Dämonen, weil sie die Nähe von Jesus spüren!
Heute ist ja der Glaube an Dämonen ziemlich aus der Mode gekommen. Der
Doktor Martin Luther hat ja noch mit dem Tintenfass nach dem Teufel
geschossen, aber da lachen ja heute schon die Pfarrer darüber. Aber der
alte Luther, der Professor der Theologie, der wusste noch, dass Aufruhr und
Krieg von Dämonen herrühren, von denen angestiftet werden.
Das dämonische an unserer Situation, das ist doch nun wirklich mit Händen
zu greifen. Niemand will Krieg. Reagan will keinen Krieg, Andropow will
keinen Krieg, Kohl will keinen Krieg, Honecker will keinen Krieg. Aber
Reagan rüstet, Andropow rüstet, Kohl rüstet und Honecker rüstet. Gegen
ihren eigenen Willen, gegen den Willen ihrer Völker, gegen die Vernunft!
Denn jeder vernünftige Mensch weiß doch ganz genau, dass Erich Honecker
Recht gehabt hat, als er im vierten Plenum gesagt hat: Mehr Rüstung
bedeutet nicht mehr Sicherheit!" – doch wird immer mehr gerüstet. Und alle
sagen: Ich will es nicht mehr tun, aber ich muss es tun, weil der andere
auch rüstet."
Und so entsteht das, was wir einen Teufelskreis nennen. Keiner will es,
aber sie haben alle Angst und sie stehen alle unter einem dämonischen
Zwang. Und es weiß keiner einen Ausweg aus dem Teufelskreis. Und deswegen
sage ich: das teuflische an unserer Situation ist doch mit Händen zu
greifen! Das Gefühl unserer Ohnmacht hängt doch damit zusammen, dass
offenbar mit keinem vernünftigen Argument gegen den Rüstungswahnsinn
anzukommen ist. Wir müssen uns einge-stehen: die Vernunft hat versagt. Das
Gefühl unserer Machtlosigkeit hängt auch damit zusammen, dass wir zu
begreifen beginnen: wir haben es hier mit einer ganz anderen Macht zu tun,
nämlich mit dem Teufel, von dem Luther gesungen hat: Groß Macht und viel
List sein grausam Rüstung ist – auf Erd ist nicht seinesgleichen!" Aber, so
geht es dann weiter: Ein Wörtlein kann ihn fällen" und dieses eine
Wörtlein, das den Teufel fällen kann, das heißt Jesus.
Das allein wirksame Mittel gegen Dämonen: Jesus.
Vor keinem anderen Namen weichen die Dämonen. Deshalb nennt die Bibel als
die einzige Möglichkeit und die einzige Waffe gegen dämonische Mächte:
Jesus. Jesus selber hat gesagt: Mit den Dämonen werdet ihr nur fertig durch
das Gebet uns das Fasten[3], also durch das Verzichten. Ich denke, darin
besteht der wesentliche Beitrag der Christen für den Frieden. Und ich bitte
euch, was auch kommt und für welche Entscheidung ihr auch gestellt werdet:
entscheidet nichts ohne Gebet. Unterschreibe nichts, ohne vorher mit Jesus
darüber gesprochen zu haben. Tut nichts, ohne vorher mit Jesus darüber
gesprochen zu haben. Und ohne ihn, da läuft in Sachen Frieden nichts.
Wir schalten zurück ins Stadion von Ephesus. Dort grölen sie immer noch:
Groß ist die Diana der Epheser!" – nach zwei Stunden ist die Menge heiser
und wird allmählich leiser. Von einem gewissen Zeitpunkt an, da kann man
eben gewisse Parolen einfach nicht mehr hören bzw. nicht mehr schreien.
Irgendwann kapiert auch der primitivste Schreihals, dass Sprechchöre nur
die Lautstärke verstärken, aber nicht die Argumente. Und endlich, nach zwei
Stunden Gebrüll, da gelingt es einem Staatssekretär zu Wort zu kommen.
Männer von Ephesus" – rief er – in der ganzen Welt weiß man doch, dass zu
unserer Stadt der berühmte Tempel der Göttin Diana gehört, und dass hier
ihr vom Himmel gefallenes Bild verehrt wird. Das kann doch niemand
abstreiten!" Das heißt im Klartext auf Deutsch: Ihr Hornochsen, dass eure
Diana groß ist, das ist doch keine Neuigkeit, dass ihr zu Zigtausenden
stundenlang bläken müsstet." Aber die Menge kapiert gar nicht, was der Mann
denen eigentlich sagen will.
Jedenfalls hört mir zu" – er setzt seine Rede fort und sagt: Bürger,
macht keinen Ärger, sondern geht schnell nach Hause, sonst kriegen wir noch
von der römischen Besatzungsmacht den Vorwurf der Konterrevolution
untergejubelt. Außerdem haben die Leute, die ihr hier anklagt, weder den
Tempel beraubt noch unsere Göttin beleidigt." Und mit diesen letzten Sätzen
hatte er tatsächlich Recht gehabt.
Die Christen haben im Kampf gegen den Aberglauben keine Gewaltanwendung
nötig. Der schlichte Glaube an die Existenz und den Sieg des auferstandenen
Jesus Christus, dieser einfache Glaube genügt, um die Säulen der
Göttertempel zum Einsturz zu bringen. Es hat schon einmal jemand versucht,
diesen Dianatempel zum Einsturz zu bringen. Das war vierhundert Jahre vor
Christus. Das war ein Terrorist, der hat den Tempel angezündet. Aber man
hat den Tempel wieder aufgebaut.
Die Diana von heute.
Paulus hat den Tempel der Diana nicht angezündet. Er hat ihn nicht berührt,
er hat im Kampf gegen Diana keine Gewalt angewendet. Er hatte nicht einmal
ein kleines Streichholz. Er hatte nur eine einzige Waffe, und das war das
Wort Gottes. Das hat gezündet. Paulus hat mit dem Wort Gottes die Diana von
Ephesus entmachtet. Und wir müssen mit dem Wort Gottes die Diana von heute
entmachten. Es gibt ja nicht nur eine Diana der Epheser, es gibt ja auch
eine Diana der Deutschen. Eine Diana der Russen, eine Diana der Amerikaner
und so weiter. Die moderne Diana ist auf alle Fälle wie die der Epheser:
Groß – und ihren in ihren Händen hält sie keine Ährenbündel, sondern Aktien-
pakete. Stadt ihrer zwölf Brüste hat sie zwölf Erdöltanklager. Statt einer
Krone trägt sie einen Kranz von Stacheldraht. Statt einer Mondscheibe
umkreist sie ein Satellit und sie wird nicht umhüpft von Hirschkuh und Reh,
sondern umrast von Flugzeug und Raketen. Und es sind nicht nur große,
sondern auch mittlere und kleine Demetriusse, die sehr daran interessiert
sind, dass die Diana groß bleibt und dass der Diana ja nichts getan wird,
vor allem nicht von kirchlicher Seite aus.
Damals hat das Wort Gottes die Silberschmiede sehr beunruhigt. Heute
beunruhigt das Wort Gottes die Schwerterschmiede, wenn sie das Wort aus der
Bibel hören: Schwerter zu Pflugscharen. Denn so wie die Devise der
Silberschmiede von Ephesus damals geheißen hat: Groß ist die Diana der
Epheser!", so heißt die Devise der Schwertschmiede von heute: Groß ist die
Diana der Nationen des Ostens! Groß ist die Diana des Westens!"
Aber alle Dianas dieser Welt haben mit der Diana von Ephesus eins
gemeinsam, ihre Füße sind umwickelt - das heißt: im Reich der Diana geht
es mit den Menschen nie vorwärts.
Es gibt im Reich der Diana keinen Fortschritt außer dem Fortschritt in den
Untergang. Ihr wisst es ja alle: die Ausgaben für die Rüstung binden uns
Hände und Füße, um das Problem des Hungers anzugehen. Es werden jährlich
1000 Milliarden DM für die Rüstung ausgegeben. 1000 Milliarden DM für die
Rüstung! Und täglich sterben mindestens 10.000 Menschen an Hunger. Jeder
dieser Hunger- toten hätte 270.000 Westmark zur Verfügung haben können,
wenn dieses Geld nicht für die Rüstung ausgegeben worden wäre. Mit anderen
Worten, die Richtung tötet schon heute! Der Friede, den wir heute haben,
ist überhaupt kein Friede. Wir haben ihn auf Kosten von Millionen von
Menschen, die sterben. Wir alle wissen, so kann es nicht weitergehen und so
darf es nicht weitergehen.
Und wir alle sehen mit Entsetzen: es geht immer so weiter. Und jetzt ist es
ja nun wieder soweit, dass die DDR, wie in der Zeitung gestanden hat, mit
den Vorbereitungsarbeiten zur Stationierung von Raketenkomplexen begonnen
hat. Mit anderen Worten: Jetzt kommen wir vom Regen in die Traufe. Und ich
weiß, dass wir uns jetzt alle die Frage stellen, was soll denn jetzt
werden, was sollen wir denn jetzt tun? Freunde, ich kann euch hier keine
konkreten politischen Schritte vorschlagen, das überschreitet mein Amt als
Pfarrer. Und ich kann auch keine Lösung für die weltpolitische Situation
hier vorschlagen, das überschreitet meinen Verstand. Ich verstehe im Moment
überhaupt nichts mehr. Ich verstehe nicht, dass auch in unserem Land
Raketen aufgestellt werden sollen. Und ich verstehe nicht, dass wir jetzt
genau dasselbe tun, was wir bisher bei den anderen verurteilt haben. Ich
bin über das alles genauso betroffen und beunruhigt und vor allem ratlos
wie ihr.
Drei Aussagen zur Raketenstationierung.
Ich kann jetzt nur dreierlei sagen: Erstens, damit zitiere ich das, was der
Udo Lindenberg am 25. Oktober im Palast der Republik gesagt hat: Weg mit
allem Raketenschrott, in der Bundesrepublik und in der DDR. Nirgendwo
wollen wir auch nur eine einzige Rakete sehen, keine Pershing und keine SS
20.
Zweitens: es hat im März 1983 ein Gespräch am runden Tisch in Moskau
stattgefunden, da waren Christen und Nichtchristen dabei. Und dort wurde
folgendes gesagt: Wir sind überzeugt, dass Herstellung, Erprobung, Besitz,
Stationierung und Verwendung von nuklearen Waffen moralisch böse und ein
Verbrechen gegen die Menschheit sind." Und im gleichen Sinn hat auch die
vierte Synode des Bundes der evangelischen Kirche in Deutschland, die jetzt
in Potsdam getagt hat, folgendes formuliert: Wir kommen dem Aufruf der
sechsten Vollversammlung des ökumenischen Rates der Kirchen nach und
erklären: Dass sowohl die Erstellung, die Stationierung als auch der
Einsatz von Atomwaffen ein Verbrechen gegen die Menschheit darstellt und
dass ein solches Vorgehen aus ethischer und theologischer Sicht verurteilt
werden muss. Die Synode hat folgendes beschlossen: Sie hat beschlossen,
unsere Regierung zu bitten, dass sie sich an der Ausarbeitung eines
völkerrechtlichen Instruments beteiligt, mit dem sowohl der Besitz als auch
der Einsatz von Atomwaffen als Verbrechen gegen die Menschheit geächtet
werden kann. Sie hat beschlossen, unsere Regierung zu bitten, dass sie
innerhalb des Warschauer Vertrages darauf hinwirkt, dass keine atomaren
Kurzstreckenraketen auf dem Gebiet der DDR stationiert werden. Und es wurde
festgestellt, das "Nein" zur Praxis der Abschreckung schließt für uns die
in Vancouver formulierte Überzeugung ein, dass Christen Zeugnis davon
ablegen sollten, dass sie es ablehnen, sich an einem Konflikt zu
beteiligen, bei dem Massenvernichtungswaffen oder andere Waffen, die
wahllos alles zerstören, eingesetzt werden.
Das waren die Informationen aus unseren Synoden, und das Dritte, was ich
sagen möchte: Jeder einzelne, der dem Wort Gottes glaubt, schwächt damit
die Position der Diana. Paulus hat mit dem Wort Gottes die
Souvenirindustrie von damals gestoppt. Und wir müssen heute mit dem Wort
Gottes die Rüstungsindustrie stoppen. Paulus hat damals mit dem Wort Gottes
die Super-Sexbombe des Altertums entschärft, wir müssen heute mit dem Wort
Gottes die Superbomben von heute entschärfen. Paulus hat damals mit dem
Wort Gottes den Aberglauben an die Rettung durch Diana bekämpft. Wir müssen
heute mit dem Wort Gottes den Aberglauben an die Rettung durch Atom-raketen
bekämpfen.
Paulus hat Gottes Wort geglaubt und deshalb hat er genau das erreicht,
wovor Demetrius sich so gefürchtet hat: Demetrius hat in seiner Rede am
Schluss ja gesagt: Stellt euch mal vor, dass die Göttin selbst in
Vergessenheit gerät, die heute bei uns und in der ganzen Welt verehrt wird.
Sie ist in Vergessenheit geraten. Kein Mensch auf der ganzen Welt glaubt
heute noch an die Göttin Diana. Aber eine Milliarde Menschen glauben an
Jesus Christus. Und diese Milliarde setzt sich zusammen aus vielen vielen
einzelnen, zum Beispiel aus euch. Und jeder Einzelne denkt meistens, er sei
zu schwach und zu wenig, um irgendetwas in dieser Welt verändern zu können – aber das ist nicht wahr.
Mit der Kraft Jesu die Dianas dieser Welt abschaffen.
Ich bitte euch, denkt doch nicht so klein von euch selber. Bedenkt doch
mal, der Paulus war auch nur ein einzelner. Aber dieser Mann hatte sein
ganzes Vertrauen auf diesen einen Gott Jesus Christus gestellt. Und Jesus
hat es zu Paulus einmal gesagt: Meine Kraft ist in den Schwachen
mächtig.[4] Paulus war ein ganz schwächliches, kränkliches Männchen. Aber
aus dieser Kraft heraus, die Jesus ihm zugesprochen hat, hat er gelebt, und
mit dieser Kraft hatte es geschafft, die Diana abzuschaffen.
Das ist die gleiche Kraft, aus der wir alle auch leben, leben können, aus
der auch du leben kannst, wenn du willst. Mit dieser Kraft können wir auch
rechnen, und deswegen heißt die Losung unserer Friedensdekade in diesem
Jahr: Frieden schaffen aus der Kraft der Schwachen.
Ich zitiere aus dem Neuen Deutschland"[5] vom 26.10.1983. Da hat Udo
Lindenberg auf der Presse-konferenz gesagt: Wir müssen jetzt handeln! So
kurz vor zwölf müssen wir aufstehen. Wir müssen mit unseren Liedern immer
mehr Leute motivieren, einzusteigen in die Bewegung." Was Udo gesagt hat,
wollen wir jetzt tun, wir wollen jetzt aufstehen von unseren Plätzen und
unser letztes Lied singen: Steh wieder auf!"
___
[1] Vgl. die Rede Paulus' auf dem Areopag in Athen, Apostelgeschichte 17,
24. – Anm. des Schreibers.
[2] Produktionsgenossenschaft des Handwerks in der ehem. DDR. – Anm. des
Schreibers.
[3] Matthäus 17, 21
[4] 2. Korinther 12, 9
[5] Zentralorgan der SED in der DDR.

