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"Geistesgaben: Ermahnung, Ermuntern, Trösten"

06.03.2011
Serie•Teil 5 / 17Gaben in der Gemeinde
Du bist nicht Durchschnittsware. Entscheidend ist nicht nur, was du kannst, sondern wo Gott dich wirklich gebraucht hat – und ob andere deine Stärke überhaupt sehen.

Ein gemeinsamer Weg zur Entdeckung von Begabungen

Ich möchte mich an dieser Stelle ein wenig dafür entschuldigen, dass wir uns so lange mit diesem Thema aufhalten. Aber es fasziniert mich selbst. Ich fange an, über Gaben nachzudenken. Das habe ich vor einem guten Vierteljahr schon gemacht, und ich war damals schon erschrocken, wie kreativ Gott ist, dass er ganz locker mal über zwanzig Gaben allein im Neuen Testament beschreibt, zwanzig.
Und ihr könnt euch vorstellen: Wenn wir jetzt jedes Mal zwei Gaben machen, dauert das einfach ein Weilchen. Was ich euch sagen kann: Es wird vielleicht das einzige Mal in eurem geistlichen Leben sein, dass ihr euch so intensiv damit beschäftigt. Es wird eine Reihe Gemeinden geben, wo man das eindampft, vielleicht auch an einem Nachmittag oder so. Und ich bin sehr gespannt, wenn wir damit durchkommen. Wenn das am Ende klappt, was wir vorhaben, wird das dann bei Robert und Boris liegen, wie man das den Neuzugängen verklickert, wie man das machen will. Denn wir starten hier ja miteinander einen Prozess.
Das heißt: Was wir wollen, ist, dass ihr euch mit der Frage beschäftigt, welche Gabe ihr habt, wo ihr begabt seid. Es ist eine Wir-Sache, okay? Wir wollen diesen Weg miteinander gehen, nicht einfach nur du, sondern tatsächlich wir.
Und wer sich mit dem Thema Gaben schon einmal ein bisschen auseinandergesetzt hat, der weiß: Es ist manchmal gar nicht so leicht, sich auf die Idee einzulassen, ich bin begabt. Das klingt irgendwie so: Hä, was will der jetzt von mir? Ja, ich bin doch nichts Besonderes. Und jetzt kommt Gott und sagt: Doch, du bist etwas Besonderes. Ich habe dich ganz besonders gemacht. Du bist nicht so Durchschnittsware, sondern du bist ein Unikum, und zwar ganz bewusst.

Wenn andere sehen, was man selbst übersieht

Ich möchte euch eine Geschichte erzählen. Ich hatte Thomas vor kurzem mal erwähnt, ja, unseren großen Thomas. Also, du bist auch groß, Thomas, aber er ist noch einmal unser wuchtigerer Thomas.
Thomas kam zu mir und sagte: Ich habe keine Gabe.
Es war total spannend. Wir saßen letzten Dienstag im Hauskreis zusammen, und da sagt jemand zu Thomas: Thomas, wie geht dir das eigentlich, wenn andere Leute traurig sind? Empfindest du das so?
Ja, klar.
Und wenn jemand so niedergeschlagen ist, geht dir das nah?
Na klar.
Und glaubst du, dass das normal ist, dass das jedem so geht, dass er das sofort spüren kann, wie es einem geht, und dass er dann auch niedergeschlagen ist?
Na logisch!
Und spätestens an der Stelle merkt man, was passiert, wenn jemand die Gabe der Barmherzigkeit hat, sie aber nicht akzeptiert, weil er sagt: Es ist doch völlig normal, dass jeder genau so empfindet. Und dann wird er zum ersten Mal damit konfrontiert, dass er an dieser Stelle eine Gabe hat, begabt ist und ein Stück weit auch berufen ist.
Wir merken, wie wichtig es war, in dem Hauskreis, in der Kleingruppe, darüber zu reden. Dass ein anderer mich reflektiert und mir sagt: Du, an dieser Stelle, da spüre ich was bei dir, da kriege ich was von dir mit, da bist du besonders. Wo ich selber sage: Nee, das ist doch ganz normal.
Logisch, ich denke immer, dass ich ganz normal bin. Das denkt jeder für sich. Aber die anderen sehen, wo man besonders ist.
Und deswegen: Wir wollen in diesen Prozess eintreten, wo wir einander helfen, unsere Begabungen zu entdecken. Dazu sind Kleingruppen wichtig. Dazu ist es wichtig, dass man sich mal trifft. Da ist es wichtig, dass wir Erfahrungen anderen kommunizieren.
Ich werde die Ältesten da noch ein bisschen anpingen, dass sie das in besonderer Weise und vorbildlich machen, dass sie sich auch mal äußern zu dem Thema, was sie denn glauben, wer welche Gabe hat. Ja, ist so, tut mir leid, ihr lieben Ältesten, da müsst ihr noch mal ran.
Aber letztlich geht es darum: Wir wollen gemeinsam einander helfen, Gaben zu erkennen, uns dabei helfen, vielleicht auch Gaben anzunehmen und zu sagen: Ich möchte das auch leben.
Es ist nämlich eine Sache zu sagen: Ich bin begabt. Es ist eine andere Sache zu sagen: Okay, ich lasse mich darauf ein, als Begabter Berufung zu leben.

Zwischen Fähigkeit und Berufung

Ich habe mir überlegt, was das für einen Thomas bedeuten kann. Was heißt das, wenn ich die Gabe der Barmherzigkeit habe? Wenn ich merke, ich bin jemand, der ganz locker mit anderen mitfühlen kann, ich merke quasi instinktiv, wie es ihnen geht. Ja, wie entwickelt man so eine Gabe?
Darüber werden wir uns unterhalten müssen, für jede einzelne Gabe. Und es wird unterschiedlich sein. Man wird solche Leute ein Stückchen begleiten müssen, auf einem Weg zu guten Tröstern zu werden, zu guten Begleitern zu werden, die sich auch trauen, auf Leute zuzugehen, zu sagen: Du, ich spüre, es geht dir nicht gut, komm, ich nehme dich mal in den Arm. Weil nur er diese Gabe hat. Und da müssen wir uns einfach gemeinsam helfen.
Helfen deshalb: Wir haben einen Leitvers, 1. Petrus 4,10, vielleicht habt ihr ihn schon auswendig gelernt. Wenn nicht, an dieser Stelle mein Auswendiglernimpuls: Wie jeder eine Gnadengabe empfangen hat. Merkt ihr, wie jeder eine Gnadengabe empfangen hat? So dient da Miteinander. Du bekommst etwas geschenkt, du bist wer, du kannst was, und jetzt darfst du das einsetzen. Das ist die Idee. Das ist die Idee von Gemeinde. Wenn jeder das macht.
Die Realität sieht manchmal so aus, leider tue ich weniger das, wo ich eine Gabe habe, sondern ich sehe irgendwo, da ist eine Not, da muss halt was gemacht werden. Und weil ich so ein Typ bin, der mit einem überdurchschnittlichen Pflichtgefühl gesegnet oder verflucht ist, das ist immer so ein bisschen eine Frage, ja, packe ich halt an und mache es halt, weil es halt getan werden muss, weil diese Not irgendwie beseitigt werden muss.
Das ist das, wie die meisten Gemeinden, die ich kenne, laufen. Es gibt auf der einen Seite, nenne ich es mal, die Pflichtbewussten und die Macher, die schmeißen den Laden, und dann gibt es eine ganze Reihe von Leuten, die würden auch etwas tun, aber die hat nie jemand gefragt.
Und jetzt kann man sagen: Okay, ist Pflichtgefühl denn schlecht? Nö, Pflichtgefühl ist gut. Also auch aus einer Pflicht heraus etwas zu tun, das ist okay. Es gibt viele Aufgaben in der Gemeinde, da reicht es, wenn du dich so ein bisschen anschubst. Also wenn es darum geht, mal einen Kuchen zu backen oder bei einem Umzug zu helfen oder mal jemanden zu besuchen oder eine Postkarte zu schreiben, gib dir einen Schub und mach es. Es gibt auch nicht die Gabe des Kloputzens oder so. Wenn das gemacht werden muss, gib dir mal einen Schub und mach mal mit.
Nur dieses sich immer einen Schub geben und immer alles zuerst einmal aus Pflichtgefühl herauszumachen, das funktioniert nicht immer. Und das funktioniert vor allem nicht grenzenlos.

Was jemand kann, und was wirklich seine Gabe ist

Ich möchte eine Unterscheidung einbringen, die der Papa von dem Kleinen in einer Kleingruppenleiterbesprechung mich gezwungen hat zu machen, nämlich die Unterscheidung zwischen: „Ich kann etwas“ und „ich bin begabt“.
Ich mache es mal ganz einfach: Ich kann, wenn du ein Problem mit deiner Ehe hast, dich beraten. Ja, ich habe das Bibelwissen, ich habe Schulungen gemacht, ich habe mich auch schon vor meiner Frau gestritten und wieder versöhnt. Ich weiß, wie das geht. Das bin ich.
Wenn du mich fragst: Jürgen, bist du an der Stelle begabt?, muss ich sagen: Ja, Gott hat schon oft Segen geschenkt. Aber es gibt Leute, die eine echte Gabe haben, und es gibt mich, der das mache, weil ich es kann. Ich bin nicht unbedingt der, der unendlich viel Spaß an solchen Gesprächen hat. Ich merke, dass mich ein Stückchen Pflichtgefühl antreibt, oder ich sehe da einfach eine Not.
Ich möchte sogar sagen: Es gab Zeiten, da hat mich vielleicht so dieser Anspruch angetrieben: Du bist doch jetzt in der Leitung, du musst doch jetzt solche Gespräche führen. Vielleicht auch so ein bisschen, dass man sich gebauchpinselt fühlt, weil man jemandem helfen kann. Ja, es gibt so ganz komische Motivationen.
Am Ende merke ich: Ich muss sehr viel Aufwand treiben, um denselben Ertrag herauszukriegen wie jemand, der echt begabt ist. Also: Ich kann etwas, aber ich bin nicht wirklich begabt. Versteht ihr den Unterschied?
Nochmal: Ich kann Auto fahren und ich mache relativ wenig Unfälle, aber ich bin kein Rallyepilot. Ich habe das nicht. Ich setze mich nicht ins Auto und denke dann: Ja, mal sehen, mit welcher Geschwindigkeit komme ich gerade noch hier durch die Kurve durch, und wann bricht da hinten aus? Das möchte ich nicht wissen. Ich fahre zügig, aber ich habe dieses, ich habe da nichts im Blut. Entschuldigung, ja, ich bin das nicht. Ich kann Auto fahren, aber ich bin kein Rallyepilot.
Und das Problem, was ich in Gemeinden sehe, ist, dass, wenn wir nicht von den Gaben herkommen, sondern daher kommen, was jemand kann, dann führt das dazu, dass die, die ein Pflichtgefühl haben und Machertypen sind, sehr viel machen. Und dass dieser Raum für die eigentlich Begabten immer kleiner wird. Denn wenn du eine Gabe hast, dann traust du dich ja nicht, sie gleich einzusetzen. Du musst ja auch mal ins kalte Wasser geschubst werden, du musst ja auch mal ein Stückchen begleitet werden.
Aber wenn da schon einer ist, dann sagst du dir, gerade wenn du so ein Vorsichtigerer bist: Oh, haben wir ja schon, soll der das mal machen, der macht das eh besser. Aber das stimmt nicht. Es stimmt vor allem auf Dauer nicht.

Ein sichtbares Zeichen und die Vision einer anderen Kultur

Die Aufforderung aus 1. Petrus 4,10 habe ich jetzt in Form eines solchen Magneten hier. Das hat jeder von euch in seinem Fach. Das könnt ihr euch überall dran machen, okay? Das passt da hinten auch. Man kann das auch umdrehen. Dann klebt man das dran, dann kann man das so herum ran machen. Das geht auch.
Hängt es euch irgendwo bitte hin. Hier steht drauf: Du bist von Gott begabt. Bei uns hängt das Ding im Badezimmer, so dass, wenn du morgens so völlig zerzaust, gerade noch von schlecht geschlafen, da rein tappst – also Männer, die älter werden wie ich, müssen immer zuerst aufs Klo, von daher bin ich oft dann da – gehst du da so rein und schaust in den Spiegel und du erkennst dich noch nicht richtig, weil, na ja, es ist halt morgens. Und in diesem Moment kannst du bei uns jetzt lesen: Am Spiegel klebt dieses Ding: Du bist von Gott begabt.
Also in dem Moment, wo du es am allerwenigsten glaubst, weil du am wenigsten danach aussiehst, in diesem Moment kannst du das lesen. Und ihr könnt das jetzt mit euch rumtragen. Also ihr könnt das so wie ich hier wieder reinmachen. Ihr könnt es aber auch irgendwo dran machen. Aber macht es dahin, klebt es zum Beispiel an euer Auto oder klebt es an euer Badezimmer, in die Küche, so am Kühlschrank, wo auch immer. Aber macht es dahin, wo du regelmäßig mal drauf schaust.
Da fängt es an, dass wir begreifen: Du bist wirklich begabt. Nein, das bin ich nicht. Doch! Deswegen diese Aufforderung aus 1. Petrus 4,10: Wie jeder empfangen hat, so dient damit.
Und damit das passieren kann, deswegen müssen wir diesen Raum für die Begabten und für Begabungen schaffen. Und wir müssen in diesem, oder wir müssen nicht, aber wir machen das halt einfach mal und schauen, was hintenbei rauskommt. Vielleicht sagen wir auch in einem Dreivierteljahr: Was für eine Fake-Veranstaltung. Mann, Mann, Mann, worauf haben wir uns da eingelassen?
Ich gebe euch keine Garantie, dass das alles so funktioniert, wie wir uns das vornehmen. Aber die Hoffnung ist schon da, und ich bete viel. Und betet ihr auch viel dafür, dass jeder sich so ein Stückchen findet in diesem Prozess und dann sagt: Boah, das kann ich. Und dann die Frage stellt: Wie kann ich das einsetzen? In meinem Alltag für Gott oder in der Gemeinde oder in meiner Familie. Es gibt dann wieder unterschiedliche Einsatzfelder.
Ich möchte euch einen Traum mitgeben. Ich glaube, dass Träume nicht für jeden, aber für mich eine große Rolle spielen. Jetzt nicht Träume, die man nachts träumt, sondern dass man so eine Vision hat. So dieses: Wo könnte es hingehen?
Stellt euch vor: eine Kultur, in der echtes Miteinander passiert. Wo die Macher mal so ein Stück zurücktreten, also die, die immer nach vorne sprinten und schreiben: ich, ich, ich, ich, ich. Ja, die gibt es, logisch. Dass die mal so ein Stück zurücktreten und sagen: Ich mal nicht. Ich mache mal Pause jetzt. Ich gönne mir jetzt mal eine Auszeit, weil das, was ich kann, ist getan, und ich muss nicht überall meine Finger drin haben.
Wo echtes Miteinander passiert, eine Kultur der gegenseitigen Achtung. Wo man, weil man einander kennengelernt hat, merkt: Boah, der kann wirklich. Der kann das einfach besser. Und ich möchte es lernen, ihm auf seinem Weg ein Stück Begleitung zu sein, dass er das noch besser kann.
Und wo wir dann eine Kultur schaffen, wo man nicht nur im Miteinander lebt und in der gegenseitigen Achtung, sondern auch in der gegenseitigen Freude aneinander. Jetzt bin ich schon fast wieder bei meinem Lieblingsthema Liebe, weil Freude und Liebe so dicht beieinander sind. Da könnte ich gleich weitermachen. Ich kann mich über jemanden, den ich nicht liebe, eigentlich nicht freuen. Aber wenn ich begreife, da hat Gott jemanden an meine Seite gestellt, der ist begabt, der ist für mich.

Eine Gemeinde, in der Begabung sichtbar und dienend wird

Und ich träume davon, dass Thomas seine Begabung annimmt. Und dass ich eines Tages hier in den Gottesdienst komme und vielleicht traurig bin, weil irgendetwas schiefgelaufen ist in meinem Leben. Läuft öfter mal was schief, das ist gar nicht so selten. Und dann überspielt man das so ein bisschen und denkt sich: Komm, ich bin jetzt hier der Prediger, ich muss jetzt auch mal.
Und dass Thomas auf mich blickt und sagt: Ich schaue doch, ich sehe doch, dass es dir nicht gut geht. Und denkt: Blöde Gabe, ja, aber ... Und dass man ehrlich wird und sagt: Ja, du hast recht. Und dass er einfach kommt. Dann komme ich, knuddel dich noch mal, ich gebe dir noch mal einen Schuss Mitgefühl, ich lege noch mal meinen Arm um dich, ich gebe dir das, was ich dir geben kann.
Und vielleicht ist das dann jemand, der immer ein Wort parat hat, weil er das einfach gelernt hat, Leute mit der Bibel in der Hand zu ermutigen: Hier, hier ist noch ein Bibelfers. Natürlich muss er die erst noch lernen und nachschlagen, aber dass er Kompetenz in puncto Barmherzigkeit entwickelt. Stellt euch das mal vor!
Nicht der große Prediger, der sowieso immer unanfechtbar, stark und souverän ist. Nein, nein, nein. Der eine macht seine Predigt, und der andere knuddelt ihn vorher mal, damit er wieder einfach so ein bisschen Kraft schöpft. Stellt euch so eine Gemeinde vor. Wo man diese unterschiedlichen Gaben entfaltet. Wo nicht drei, vier, fünf, acht, zehn Leute das meiste machen, sondern wo man sich als Team zusammenstellt. Wo ich weiß: Wenn es mir so geht, kann ich gleich auf ihn zurennen, er sieht es ja eh.
So, das als Vorbemerkung für die Gäste. Wir haben immer so vorneweg einen Punkt zum Thema Gaben. Heute ging es mir um den Unterschied zwischen ich kann etwas und ich bin begabt. Ich möchte zwei Gaben, nämlich Nummer sieben und Nummer acht, mit euch anschauen.

Die Gabe, die den richtigen Ton trifft

Die erste Gabe klingt erst einmal ganz merkwürdig. Da heißt es in Römer 12,8: Ich werde euch das vorlesen. Also, ich glaube, ich habe drei Bibelstellen oder so. Es lohnt kaum, die Bibel herauszunehmen. Es würde mehr lohnen, die paar Stellen auswendig zu lernen, als sie mitzulesen.
Also noch mal: Römer 12,8. Da heißt es: „Er sei der Ermahnende in der Ermahnung.“ Also erst einmal ist das ein Ausdrucksfehler. So schreibt man einfach nicht. Wenn das ein Deutschlehrer korrigieren müsste: ermahnt in der Ermahnung. Da ist eine Doppelung drin. Und diese Doppelung bedeutet, das findet ihr im gleichen Text auch im Blick auf die Gabe des Dienens und im Blick auf die Gabe der Lehre, steht direkt davor: Die Doppelung bedeutet, dass, wenn jemand diese Gabe einsetzt, er sie bitte voll einsetzen soll. Er soll nicht nachlassen damit.
Es sind Gaben, wo man besonders in der Gefahr steht, irgendwann mal so einen Gang zurückzuschalten. Ich kann das mehr für die Lehre erklären, weil da ist es irgendwann so: Wenn ich meinen neunten Ordner vollgemacht habe mit Predigten, das wird dieses Jahr in ungefähr zwei, drei Monaten passieren, dann ist das die Zahl fünfhundert. Das heißt, ich könnte jetzt zehn Jahre lang, wenn ich wieder vorne anfange, einfach jeden Sonntag eine Predigt halten. Da ist die Gefahr, dass man einfach mal ein Stück runterfährt, ja, lass mal entspannt jetzt angehen, ist einfach da.
Und deswegen: Wer lehrt, in der Lehre keine Entspannung, bitte bleibt dran. Wer ermahnt, in der Ermahnung, setz dich voll ein.
Das Wort Ermahnung klingt negativ. Und jetzt stoßen wir hier auf ein Problem bei Sprache, dass man einen griechischen Begriff hat in der Bibel, den man eigentlich nicht übersetzen kann. Ich gebe euch mal unterschiedliche Übersetzungsvarianten für dieses Wort, was hier steht. Das Wort kann man übersetzen mit ermahnen, und jetzt passt auf: ermuntern, trösten, bitten, stärken. Und du denkst dir: Wie passt das zusammen? Wie kann ein und dasselbe Wort heißen: Ich ermahne dich, ich ermuntere dich, ich tröste dich, ich bitte dich, ich stärke dich?
Und das hat man manchmal, dass eine Sprache ein Wort hat, dafür gibt es kein Pendant in der anderen Sprache. Das geht einfach nicht. Und ich muss dann verschiedene Worte nehmen, um überhaupt so eine Idee zu kriegen: Wie sieht das Wortfeld aus? Worum geht es bei dem Wort ermahnen?
Ich versuche das mal über einen anderen Weg klarzumachen. Im Johannesevangelium spricht der Herr Jesus davon, dass, wenn er die Erde verlässt, also Himmelfahrt, dass er uns einen anderen Beistand oder einen anderen Tröster schicken will, nämlich den Heiligen Geist. Und da, bei dem Wort Tröster oder Beistand, steht das Wort Parakletos. Und dieses Wort Parakletos, das klingt schon so ähnlich wie das Wort, was wir eigentlich an der anderen Stelle mit ermahnen haben: Parakaleo. Die beiden Worte gehören zusammen. Das eine ist das Tätigkeitswort, das andere ist das Substantiv. Der, der ermahnt, ist der Parakletos, der Tröster, der Beistand.
Das heißt, das, was der Heilige Geist tut, ist eigentlich das, was der tut, der ermahnt. Jetzt die Frage: Was macht der Heilige Geist im Leben eines Menschen? Jesus sagt: Ich werde euch einen anderen Beistand schicken. Das heißt, erst war Jesus da und hat mit den Jüngern gelebt, und jetzt schickt er einen anderen Beistand. Ja, was hat Jesus gemacht? Fangen wir ganz simpel an: Was war die Aufgabe von Jesus im Umgang mit den Jüngern? Er hat zu ihnen gesprochen.
Da gibt es Situationen, wo Petrus ziemlichen Mist macht, wo dann Jesus so neckische Dinge sagt wie: Tritt hinter mich, Satan. Oh, das ist zurechtweisen, das ist Ermahnen. Aber dann gibt es Stellen, wo der gleiche Petrus zu hören bekommt: Ich habe dafür gebeten, dass dein Glaube nicht aufhört. Und hey, das wird jetzt einen Moment schwierig, aber wenn du aus dem Loch wieder raus bist, dann kümmer dich darum, werde zu einem Hirten hier, du hast eine Perspektive. Das ist Ermunterung.
Und so erleben wir Jesus als einen, der im Umgang mit seinen Jüngern immer genau das sagt, was die Jünger brauchen. Und ich will vorsichtig formulieren: Das ist die beste Übersetzung für ermahnen. Das Wort, was da steht, bedeutet: Ich bin in der Lage, einem anderen das zu sagen, was er jetzt in diesem Moment braucht. Und das kann mal sein ein Tritt in den Hintern, wenn einer vor mir steht, der, was weiß ich, einfach nur rumschnorrt. Wenn ich da jemanden habe, der niedergeschlagen ist, dann braucht er eine Ermunterung. Wenn ich jemanden habe, der gerade sein Kind verloren hat, dann braucht er Trost.
Und diese Fähigkeit, im richtigen Moment das Richtige zu sagen, wo wir heute sagen würden: Das ist doch Seelsorge, sich um eine Seele kümmern, zu wissen, wie es einem innen drin geht, wie man ihm richtig helfen kann, das ist die Gabe der Ermahnung. Was der Arzt für den Körper, was der Lehrer für den Intellekt, das ist der Seelsorger für die Seele.
Und in gewissem Sinn sind wir alle dazu berufen, Seelsorger aneinander zu sein. In Hebräer 10 wird das so ausgedrückt, und da geht es jetzt aus unserer Perspektive um Gottesdienst. Da heißt es in Hebräer 10,24: „Und lasst uns aufeinander Acht haben, um uns zur Liebe und zu guten Werken anzureizen, indem wir unser Zusammenkommen nicht versäumen, wie es bei einigen Sitte ist, sondern einander ermuntern.“
Ha, da steht jetzt ermuntern. Das klingt ja auch netter, als zu sagen: Wenn ihr im Gottesdienst zusammenkommt, dann ermahnt einander. Aber es ist das gleiche Wort. Was der Schreiber vom Hebräerbrief ausdrücken will, ist: Wenn wir zusammen sind, dann bitte nicht achtlos aneinander vorbeizotteln, sondern überlegen, wie kann ich mit Worten dem anderen etwas geben, was ihm hilft.
Ja, aber ich bin kein Seelsorger. Stimmt, ich behaupte auch nicht, dass das jeder ist. Aber in einem gewissen Sinn ist es doch jeder, weil einem anderen ein nettes Wort sagen, ihm ein bisschen Gnade schenken, das müsste doch etwas sein, was wir alle können. Oder wenn ich merke, und jetzt ist der Unterschied: Ja, wenn du die Gabe der Barmherzigkeit hast, siehst du das leichter, oh, dem geht es nicht so gut. Aber wenn da jemand flennend in der Ecke sitzt, dann brauchst du diese Gabe nicht, da gehst du einfach hin und sagst: Kann ich dir helfen?
Und von daher macht Hebräer 10 klar: In einem gewissen Sinn sind wir alle dran, einander seelsorgerlich zu begleiten. Vor allem natürlich die, die in Leitungsverantwortung stehen, da ist das explizit noch mal auch formuliert in der Bibel, im Titusbrief zum Beispiel. Aber jetzt kommt wieder mein Aber: Wir alle sind irgendwie aufgefordert, aber jetzt gibt es unter allen einige, die haben eine Gabe des Ermahnens und Ermunterns und der Seelsorge. Das sind dann Leute, die in besonderer Weise die Fähigkeit besitzen, Geschwister auf Fehler hinzuweisen, nicht angenehm, du sagst ja meistens etwas, wenn irgendwas nicht so läuft, oder ihnen mit Worten ganz allgemein beizustehen, so dass ihnen das gut tut und sie ermutigt werden, den Willen Gottes zu tun und tatsächlich Heilung erfahren.

Selbstprüfung und die Grenzen der Gabe

Es gibt Menschen, die eine besondere Begabung haben. Ich habe euch einfach mal ein paar Fragen zur Selbstreflexion mitgegeben. Dafür braucht ihr jetzt den Stift.
Erste Frage: Erkenne ich Missstände im Leben von Geschwistern, die ihre geistliche Reife verhindern? Bist du jemand, der einfach mit Leuten Umgang hat und sagt: An dieser Stelle, Freund, da hängt es bei dir? Ein Seelsorger braucht das ja erst einmal. Man muss erst einmal sehen, wo es bei dem anderen hängt. Ja, Tendenz vorhanden, oder: Nee, tue ich nicht.
Und wenn du das jetzt nicht tust, dann bist du kein Christ zweiter Klasse. Du bist jetzt nicht einer, bei dem du sagen musst: Oh, wenn ich nun mal endlich geistlich erwachsen wäre, dann würde ich auch etwas erkennen. Sondern es gibt einfach Menschen, die an der Stelle begabter sind. Und es gibt Menschen, die müssen ein bisschen länger hinschauen. Denen muss man es irgendwie mit der Zaunvariante beibringen.
Zweite Frage: Wird mein Rat von Betroffenen oft als hilfreich angesehen? Wenn ich mich mal traue, etwas zu sagen, kommt das an? Bin ich an der Stelle jemand, bei dem andere sagen: Hey, war super, vielen Dank?
Und da will ich auch ehrlich sagen: Manchmal kommt das erst im Nachhinein. Ja, du kommst zu jemandem hin, sagst: Ich gebe dir mal einen guten Rat. Bloah, bloß nicht, ja? Und hm, okay, du gehst wieder. Und oft kommt es dann so, dass ein Jahr später die Leute sagen: Na ja, also ganz ehrlich, ich habe es jetzt auf meinem Weg probiert, das war doch irgendwie ... Hätte ich doch nur mal gesagt ... Ja, dieses Hätte-ich-nur-mal-getan, was du gesagt hast, gilt auch hier unter hilfreich.
Dritte Frage: Kommt mir leicht ein rechtes Wort zur rechten Zeit über die Lippen? Mit rechtem Wort zur rechten Zeit gelingt es mir, dass zum Beispiel etwas, wo ich davorstehe, wenn jemand das kann. Ich finde das absolut faszinierend: Jemand trifft einfach die Nuance an Wort, die man braucht. Ich bin eher so der Schwarz-Weiß-Typ, so hau drauf oder streichel. Und dazwischen die fünf Nuancen, die kriege ich manchmal nicht so rüber.
Deswegen muss man, wenn man mich kennenlernt, eigentlich ein bisschen Zeit mit mir verbringen, damit man versteht, dass er doch feinfühliger ist, als er manchmal in der Sprache da so rüberkommt. Ja, das ist also so. Und jetzt gibt es Leute, die sind in der Lage, genau die Nuance zu treffen. Und ich stehe da vor und denke: Boah, wie machst du das?
Also, das erlebe ich dann auch im Gebet. Ja, die können dann beten, und du denkst dir: Ja, so hätte ich das auch sagen wollen, wäre mir nur nie in den Sinn gekommen. Das ist so ein bisschen dieses Ein rechtes Wort zur rechten Zeit. Da kann jemand einen abholen, da, wo er steht, und ihn wirklich ein Stück mitnehmen. Wo ich nur draufhauen kann oder streicheln und denke mir: Naja, eigentlich bräuchte es so noch ein bisschen weniger streicheln oder so.
Empfinde ich Gespräche über seelische Nöte als wertvoll, anregend und wenig belastend? Vorsicht: Jedes Gespräch in diese Richtung ist belastend. Aber es gibt so ... und da finde ich mich auch manchmal wieder ... so, man hat Gespräche und man kommt so ein bisschen raus: Wie kriege ich jetzt diese Last wieder los?
Ich weiß von Geschwistern, die dann manchmal sagen: Ich bin schon richtig genervt, schon wieder so ein Gespräch. Wenn du genervt davon bist, wenn du sagst, das belastet mich eigentlich mehr, ich ziehe das womöglich auch rein in mein ganzes Denken, ich kann es nicht abgeben, es hat da ... bleibt der Spaßfaktor für mich auf der Strecke, ich fühle mich auch nicht befreit und nicht gebraucht, sondern ich mache es halt nur. Dann ist das nicht deine Gabe.
Und dann kann ich gut zuhören. Ein Seelsorger kann zuhören. Wenn du nicht zuhören kannst, wird das kaum deine Gabe sein.
Letzte Frage: Kann ich mit Sünde konfrontieren, ohne den Betroffenen abzuschreiben? Ein Seelsorger muss einem anderen etwas sagen können, was falsch läuft in seinem Leben, ohne in seinem Kopf zu sagen: Du bist jetzt in der Schublade der Unbelehrbaren oder der Sünder. Sondern habe ich so viel Verständnis und so viel Mitgefühl mit Menschen, dass ich an der Stelle in der Lage bin, ihm etwas zu sagen und ihn trotzdem noch wertzuschätzen?
So wie Jesus einem Petrus sagen kann: Tritt hinter mich, Satan, und an einer anderen Stelle sagt: Ich werde auf dich meine Gemeinde bauen. Ich werde dich ganz vorne dran stellen, und ich werde dich mit deinen Begabungen nutzen. Aber jetzt, mein Freund, das war voll daneben.
So diese Spannung: Kriege ich das hin? Jemanden klar zu konfrontieren und auf der anderen Seite als Menschen mit seinen Begabungen und Berufungen vollstehen zu lassen? Wenn das in deinem Fall so ist, dann könnten das Indizien dafür sein, dass du diese Gabe hast.

Wachsam bleiben und nicht ausweichen

Und dann musst du einfach nur aufpassen, dass du nicht in drei Gefahren hineinplumpst, die da immer mit dabei sind.
Die erste Gefahr hatten wir vorhin schon kurz. Wer in der Ermahnung ermahnt, der kann irgendwann denken: Na ja, jetzt habe ich es zehn Jahre lang gemacht, jetzt lasse ich das mal ein bisschen ruhiger angehen. Dass man sich so ein Stückchen rauszieht, weil es natürlich auch etwas ist, sich immer wieder neu auf Probleme einzulassen.
Ich merke es in der Jugendarbeit. Wieder ein Pärchen, bei dem man sich mit denselben Dingen beschäftigen muss. Es ist ja nicht so, dass es 5000 verschiedene Probleme im geistlichen Leben gibt, sondern man kann sie wahrscheinlich auf zwanzig oder dreißig eindampfen. Und die nudeln sich immer so durch. Irgendwann denkst du dann: Jetzt habe ich genug durchgenudelt. Irgendwann denkst du: Jetzt schreibe ich ein Buch und mache das nie wieder. Dann drücke ich immer mein Buch in die Hand.
Lacht nicht, das ist wirklich so. Es gibt Predigten, die habe ich gehalten, weil ich keinen Bock mehr auf die Gespräche habe. Und wenn dann jemand kommt: Ja, kannst du mal was zu dem ... dann sage ich: Geh auf meine Homepage, hör dir die Predigt an, und wenn du dann noch Fragen hast, ist es gut. Ihr merkt schon, was nicht meine Gabe ist.
 2. Timotheus 4,2 fordert Paulus seinen Mitarbeiter auf: Predige das Wort, stehe bereit zu gelegener und ungelegener Zeit, und dann kommt es: überführe, strafe, ermahne. Timotheus soll ermahnen, und dann sind zwei Dinge wichtig: Mit aller Langmut soll er die Geduld nicht verlieren, und Lehre.
Das heißt, er soll nicht seine eigenen Gedanken weitergeben, nicht das, was er denkt, sondern das, was die Bibel sagt. Das heißt: Da, wo ich in den Prozess der Seelsorge eintrete, brauche ich diese Fähigkeit, am Ball zu bleiben, weil Menschen ihre eigene Geschwindigkeit haben. Und ich bin nicht der, der dahintersteht und mit der Peitsche treibt, sondern ich bin der, der sie auf diesem Prozess begleitet.
Und auf der anderen Seite: Der, den ich da begleite, hat ein Recht zu hören, was Gott ihm zu sagen hat, und nicht, was der Zeitgeist oder meine Gedanken oder irgendeine Erfahrungstheologie gerade bringt.
Okay, ich überlege, ob wir jetzt an der Stelle einfach abbrechen, weil es ist zwanzig nach. Ihr könnt ja schon mal schauen, wie es weitergeht. Das machen wir das nächste Mal. Weil das jetzt auch nicht die supersimple Sache ist, wenn es um Heilungen geht, da würde ich dann schon gerne ohne Zeitdruck so ein bisschen was dazu sagen.
Machen wir an der Stelle einfach Break!

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