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Das Gebetsleben Jesu

04.01.2026Markus 14,32-42
"Wenn du einen Christen beschämen willst, frage ihn nach seinem Gebetsleben." Lerne Beten von Jesus und worauf es dabei ankommt. Jesus zeigt sein demütiges Herz, seine Abhängigkeit zum Vater und seine innige Liebesbeziehung zum Vater im Gebet.

Die Herausforderung des persönlichen Gebetslebens

Wir wissen, dass Gott unser Gebet hört. Trotzdem gibt es einen Satz, ein Zitat, das du bestimmt schon einmal so oder so ähnlich gehört hast. Es lautet: „Wenn du einen Christen beschämen willst, dann frage ihn nach seinem Gebetsleben.“

Also die Frage an dich heute: Wie steht es um dein Gebetsleben? Ich denke, die wenigsten – ich lehne mich nicht zu weit aus dem Fenster, wenn ich behaupte – würden jetzt sagen: „Gebet, das ist wirklich meine größte Stärke. Wenn es ein Gebiet gibt, an dem ich gar nichts mehr arbeiten muss, wo ich quasi zur Vollendung gelangt bin, dann ist es mein Gebetsleben.“

Ich denke, das wird keiner von euch behaupten. Wenn ich jetzt jemanden hier fragen würde: „Wie steht es um dein Gebetsleben?“, wie würden wir wahrscheinlich alle reagieren? Wahrscheinlich beschämt, irgendwie so beschämt zur Seite oder zum Boden schauend.

Beschämt darüber, wie wenig Zeit du vielleicht im Gebet verbringst. Beschämt darüber, wie wenig Hingabe, wie wenig Verlangen du eigentlich nach Gebet manchmal hast, wenn es einfach im Leben so läuft und irgendwie keine Notwendigkeit da ist. Beschämt darüber, wie schnell du dich ablenken lässt, wie schnell deine Gedanken davonfliegen, jetzt wo du endlich mal Zeit hast zum Gebet. Und dann sind deine Gedanken irgendwie sonstwo, aber nicht mehr beim Gebet.

Beschämt darüber, vielleicht weil es dir nicht nur einmal passiert ist, dass du dir Zeit genommen hast zum Gebet – vielleicht früh morgens – und du bist ein paarmal während des Gebets einfach wieder eingeschlafen.

Wie würdest du dein Gebetsleben beschreiben? Würdest du sagen, es ist beschämend?

Dann kommt noch dieses Gefühl hinzu, wenn man sich viel damit beschäftigt, wenn man sich vielleicht damit auseinandersetzt, weil man denkt: „Okay, ich muss jetzt wirklich an meinem Gebetsleben arbeiten.“ Dann hört man sich Predigten zum Thema Gebet an, man packt irgendwelche Bücher aus, die uns motivieren wollen zu mehr Gebet.

Und dann stellen wir fest: Je mehr Bücher man liest, je mehr Predigten man über das Gebet anhört, desto mehr wächst diese Beschämung, dieses Gefühl der Überforderung wird einfach nur noch größer.

Man gerät in einen ständigen Kreislauf von Beschämung und der eigenen Erkenntnis, wie schlecht das eigene Gebetsleben ist.

Dann kommen die neun guten Vorsätze – vielleicht jetzt auch gerade für das neue Jahr, zum Start der Gebetswoche: „Ich arbeite jetzt an meinem Gebetsleben, ich möchte regelmäßiger und länger Zeit im Gebet verbringen.“

Dann kommt ein kurzer Motivationsschub. Und am Ende landen wir wieder im selben Muster: einem abgemagerten und ausgehungerten Gebetsleben.

Kennst du das vielleicht?

Die Grenzen von Verhaltensänderungen im Gebet

Nun, warum ist das so? Warum führen uns so viele Bücher und Predigten über das Gebet nicht wirklich in die Gegenwart Gottes, sondern erzeugen vielmehr ein schlechtes Gewissen?

Ich glaube, das liegt daran, dass ein Großteil der Bücher und Predigten über das Gebet auf einer reinen Verhaltensebene bleibt. Sie zeigen uns, wie wichtig Gebet ist, wie schwerwiegend es sein kann, wenn das Gebet kraftlos oder gar nicht vorhanden ist. Nicht selten wollen sie uns dazu anspornen, mehr zu beten, länger zu beten und intensiver zu beten.

Dabei werden uns großartige Vorbilder gezeigt: Männer und Frauen des Gebets, die stundenlang gebetet haben. Sie waren früh morgens bereits mehrere Stunden im Gebet, während wir noch langsam aufstehen. Ein Beispiel ist Martin Luther, über den gesagt wurde, dass er, wenn er viel zu tun hatte, mindestens zwei bis drei Stunden am Morgen im Gebet verbrachte. Ein anderes Beispiel ist ein schottischer Prediger, der einen Tag für nicht gut genutzt hielt, wenn er nicht mindestens acht bis zehn Stunden im Gebet verbracht hatte.

Diese Männer und Frauen beteten so lange, so oft und so intensiv, dass man an den Stellen, an denen sie gebetet haben, sogar Mulden im Fußboden sehen konnte. Ja, es kann gut und hilfreich sein, solche Vorbilder zu haben und von ihnen zu lesen. Es ist auch notwendig, dass wir zu Disziplin und harter Arbeit angespornt werden.

Manchmal brauchen wir einen geistlichen Tritt, der uns sagt: Reiß dich zusammen und mach einfach. Paulus schreibt zum Beispiel an Timotheus die einfachen Worte: „Erfülle deinen Auftrag“ – also mach deinen Dienst. Das ist so ein Motivationsschub für ihn.

Gleichzeitig müssen wir aber feststellen: Wir können einen Dornenstrauch nicht zu einem Apfelbaum machen, indem wir einfach Äpfel daran hängen. Wir müssen zur Wurzel vordringen, zu dem, was uns wirklich antreibt oder uns daran hindert zu beten. Wir müssen erkennen, was in unserem Herzen vorgeht.

Versteht mich nicht falsch: Gebet ist immer ein Kampf. Es wird immer harte Arbeit, Disziplin, Fleiß und persönliche Anstrengung erfordern, um das Gebetsleben am Laufen zu halten oder zu verbessern. Sonst wird es schwach bleiben.

Ich denke, wir machen uns etwas vor, wenn wir nur auf Menschen schauen, die lange und viel beten, und dann einfach sagen: „Die haben die Gabe des Gebets.“ Damit machen wir es uns zu einfach. Es wirkt dann so, als wäre es für sie völlig normal, stundenlang zu beten.

Dabei ist es für sie genauso hart, sich immer wieder ins Gebet zu begeben. Wenn wir aber das Herz außen vorlassen und nicht zur eigentlichen Wurzel vordringen, dann erziehen wir viele Pharisäer. Sie beten vielleicht viel und lange, doch ihre Gebete kommen niemals zum Himmel. Ihre Worte sind für Gott nur Lärm.

Das Gebetsleben Jesu als Vorbild

Genauso könnten wir uns heute mit dem Gebetsleben Jesu beschäftigen und vor allem mit dem Höhepunkt seines Gebetslebens im Garten Gethsemane. Dabei könnten wir auf dieselbe Weise vorgehen wie zuvor. Wir könnten uns anschauen, wann er gebetet hat, was er gebetet hat, wie er gebetet hat und wie lange er im Gebet verweilte.

Wir würden sehen, dass Jesus regelmäßig und ausdauernd gebetet hat. Er zog sich immer wieder von der Menge zurück, um allein mit seinem Vater zu sein. Oft waren die drei Jünger, die zu seinem engeren Kreis gehörten, dabei oder in der Nähe, um dieses Vorbild zu sehen.

Besonders in entscheidenden Momenten, wenn viel auf dem Spiel stand, sehen wir im Leben Jesu, dass er ganze Nächte im Gebet verbrachte. Er verbrachte auch 40 Tage lang im Gebetsfasten in der Wüste.

Doch am Ende müssten wir bekennen: Wenn wir uns einfach nur das Leben Jesu anschauen, wirkt unser Gebetsleben im Vergleich zu seinem beschämend. Dann würden wir alle mit einem schlechten Gewissen nach Hause gehen. Und leider sieht unser Gebetsleben nächste Woche wieder genauso aus wie zuvor.

Das Hauptaugenmerk soll heute jedoch nicht auf der äußeren Form liegen – nicht auf der Länge oder dem Inhalt seines Gebets, nicht darauf, wie oder wie lange er gebetet hat. Unser Blick soll tiefer gehen, auf das Herz, aus dem dieses Gebet entspringt.

Nicht die Form, nicht die Länge, nicht der Inhalt sind entscheidend, sondern die Quelle – das Herz, aus dem dieses Gebet Jesu geboren wird und aus dem sein Gebetsleben kommt.

Dieses Herz Jesu im Gebet sehen wir in seinem größten Gebetskampf. In der Nacht, in der er die größte Versuchung durchlebte. John MacArthur sagt zu diesem Abschnitt, dass es abgesehen vom Kreuz der Höhepunkt seines Leidens ist.

Hier im Garten Gethsemane geht es um den innersten Kampf Jesu.

Das Gebet im Garten Gethsemane: Ein Blick in Jesu Herz

Ich möchte euch bitten, Markus 14 aufzuschlagen. Wir möchten die Verse 32 bis 42 lesen und uns einerseits mit dem gesamten Gebetsleben Jesu beschäftigen – kurz – und andererseits hier ins Detail gehen, um zu sehen, was Jesus dazu antreibt, ins Gebet zu gehen, und was in seinem Herzen vorgeht.

Lasst uns gemeinsam die Verse lesen:

„Und sie kommen zu einem Grundstück namens Gethsemane. Er spricht zu seinen Jüngern: Setzt euch hierhin, bis ich gebetet habe! Und er nahm Petrus, Jakobus und Johannes mit sich. Dann fing er an zu erschrecken und zu grauen. Er sprach zu ihnen: Meine Seele ist tief betrübt bis zum Tod. Bleibt hier und wacht!“

Er ging ein wenig weiter, warf sich auf die Erde und betete, „dass, wenn es möglich wäre, die Stunde an ihm vorübergehen möge.“ Und er sprach: „Aber, Vater, alles ist dir möglich. Nimm diesen Kelch von mir, doch nicht, was ich will, sondern was du willst.“

Als er zurückkam, fand er sie schlafend. Er sprach zu Petrus: „Simon, schläfst du? Konntest du nicht eine Stunde wachen? Wacht und betet, damit ihr nicht in Versuchung geratet. Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach.“

Er ging erneut hin, betete und sprach dieselben Worte. Als er zurückkam, fand er sie wieder schlafend, denn ihre Augen waren müde und schwer geworden, und sie wussten nicht, was sie ihm antworten sollten.

Zum dritten Mal kam er und sprach zu ihnen: „Schlaft ihr noch immer und ruht? Es ist genug; die Stunde ist gekommen. Siehe, der Sohn des Menschen wird in die Hände der Sünder ausgeliefert. Steht auf, lasst uns gehen; siehe, der mich verrät, ist nahe.“

Ich möchte noch kurz beten. Ihr dürft dazu sitzen bleiben.

Jesus, danke, dass du uns so tief in dein Herz blicken lässt hier im Garten Gethsemane. Danke, dass wir sehen dürfen, was in dir vorgeht, welche Kämpfe in dir geherrscht haben und wie du die Nähe deines Vaters gesucht hast. Wir bitten dich darum, dass du uns überführst von dem, was in unserem Herzen Falsches vorgeht, und dass du uns zu demselben Gebetsleben bringst, in dem du dein ganzes Leben verbracht hast und immer die Nähe des Vaters gesucht hast. Amen!

Beständigkeit und Intensität im Gebetsleben Jesu

Nun, das Gebetsleben Jesu hier auf dieser Erde gipfelt in dem Moment, den wir gerade gelesen haben. Es ist die größte Versuchung, die er hier auf der Erde durchlebt hat. Gerade in diesem Kampf deckt Gottes Wort auf, was in ihm vorgeht, und wir können tief in sein Herz blicken.

Das Gebet im Garten Gethsemane ist der Höhepunkt eines beständigen und intensiven Gebetslebens. Wenn wir zum Beispiel die Parallele im Lukasevangelium betrachten, sehen wir in Lukas Kapitel 22, Vers 39, dass es heißt: „Er begab sich nach seiner Gewohnheit an den Ölberg.“ Das zeigt, dass es etwas war, das er völlig natürlich und immer wieder getan hat. Es war nicht das erste Mal, dass er sich hier mit seinen Jüngern zum Gebet zurückgezogen hat. Er war so oft und so regelmäßig dort, dass Judas ganz genau wusste, wo er ihn finden würde. Immer wieder hat er sich an diesen Ort zurückgezogen.

Auch sein ganzes Leben hindurch sehen wir, dass sein Gebetsleben von Beständigkeit geprägt war. In Lukas 5,16 heißt es: „Er aber hielt sich zurückgezogen an einsamen Orten auf und betete.“ Dabei ist zu beachten, dass es im Plural steht: an einsamen Orten. Er zog sich immer wieder an verschiedene Orte zurück, um die Einsamkeit mit seinem Vater zu suchen.

Matthew Henry sagt über diese Stille und Einsamkeit, zu der Jesus sich immer wieder zurückzog, Folgendes: Er spricht eine sehr harte Warnung aus. Er sagt, Jesus wählte manchmal das Alleinsein, um uns ein Beispiel zu geben. Menschen, die nicht alleine sein möchten, die sich nicht an sich selbst in der Einsamkeit erfreuen können, wenn sie niemanden haben, mit dem sie reden können, keine Gemeinschaft außer der mit Gott und ihrem eigenen Herzen, sind keine Nachfolger Christi. Das ist hart, aber ich glaube, dass er Recht hat. Denn es ist nicht nur kein gutes Zeichen, sondern es ist beängstigend für deinen geistlichen Zustand, wenn du nicht fähig bist, mit deinem Gott und Retter alleine zu sein.

Wenn du die ganze Zeit um dich herum Trubel haben musst, ständig Leute um dich herum, und wenn du alleine bist, sofort jemanden einlädst, weil du die Stille und Einsamkeit nicht ertragen kannst, dann ist das ein Warnsignal. In solchen Momenten tritt die Dunkelheit und Finsternis deines Herzens zutage. Wenn du stets Leute um dich brauchst und die Stille nicht aushalten kannst, sondern sofort Musik aufdrehst oder ein Hörspiel anmachst, nur damit es nicht ruhig ist, dann steht es sehr schlecht um dich.

Jesus hingegen suchte stets die Einsamkeit und die Gemeinschaft mit dem Vater, beständig und immer wieder, durch sein ganzes Leben hindurch. Nicht selten verbrachte er ganze Nächte in intensivem Gebet zum Vater. Oft waren diese intensiven Gebetszeiten genau dann, wenn große Versuchungen bevorstanden. Zum Beispiel zog er sich vor der Versuchung durch Satan in der Wüste 40 Tage zum Fasten und Gebet zurück.

Die Versuchungen Satans und Jesu Antwort im Gebet

Wir erkennen an der Art und Weise, wie Satan Jesus versucht, was Satan erreichen wollte. Was wollte er erreichen? Er wollte Jesus unbedingt vom Kreuz abhalten. Satan verspricht ihm nämlich genau das, was Gott dem Sohn bereits verheißen hat.

In Psalm 110 spricht Gott der Vater zum Sohn und sagt: „Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde hinlege als Schemel für deine Füße.“ Das ist nicht die einzige Stelle im Alten Testament, in der der Vater dem Sohn verspricht, dass er ihm alle Völker unterwerfen wird. Genau darauf zielt die dritte Versuchung Satans ab.

Was sagt Satan im Grunde genommen zu Jesus? Er sagt: „Hey, ich kann dir alle Reiche der Welt zu Füßen legen. Ich kann sie dir geben, so wie es dir zusteht, weil es vom Vater verheißen ist – aber unter einer Bedingung: Du musst dich mir unterwerfen. Du musst nicht den Weg über das Kreuz gehen. Ich mache das für dich, ohne dass du ans Kreuz gehen musst.“

Deshalb reagiert Jesus auch so scharf und harsch gegenüber Petrus, als er den Jüngern prophezeit, was passieren wird – dass er sterben wird. Petrus antwortet: „Niemals, Herr, das darf auf keinen Fall mit dir geschehen.“ Und Jesus entgegnet: „Geh hinter mich, Satan!“ Warum? Weil das der Versuch von Satan war. Satan wollte Jesus stets vom Kreuz abhalten.

Satan wollte ihn davon abhalten, den Weg zu gehen, wie er in Philipper 2 beschrieben ist: dass Jesus sich demütigt und gehorsam wird bis zum Tod am Kreuz. Schließlich sollte er zur Rechten des Vaters sitzen und darauf warten, dass ihm alle Völker unterworfen werden.

Dementsprechend ist es nicht verwunderlich, dass Satan gerade hier im Garten Gethsemane, in der letzten Nacht vor Jesu Tod am Kreuz, alles daran setzen wird und die größten Geschütze auffährt, um Jesus genau davon abzuhalten. Satan wollte dafür sorgen, dass der Himmel leer bleibt und die Hölle voll wird.

Jesus selbst sagt in Lukas 22,53 kurz nach dem Gebet, als sie ihn festnehmen: „Dies ist eure Stunde und die Macht der Finsternis.“ Gerade dort, in seinem größten Kampf im Gebet, können wir tief in das Herz Jesu blicken.

Wir dürfen ein Herz anschauen, das in die Gegenwart des Vaters getrieben wird. Ein Herz, das im größten Kampf die Nähe des Vaters sucht. Ein demütiges Herz, ein vom Vater abhängiges Herz und ein Herz, das verwurzelt ist in einer tiefen Liebesbeziehung zum Vater.

Die drei Wesenszüge des Herzens Jesu im Gebet

Das sind genau die drei Punkte, die wir uns anschauen möchten: die Demut, die Abhängigkeit und die Beziehung. Das demütige Herz Jesu, das vom Vater abhängige Herz Jesu und das in dieser Liebesbeziehung zum Vater verwurzelte Herz Jesu.

Es ist ein Herz, das wir zu Beginn von schrecklicher Angst und Grauen gepackt sehen. Ein Herz, das von tiefstem Kummer und Schmerz erfüllt war – so groß, dass Jesus es zuvor noch nie in dieser Intensität erlebt hatte. Eine so große Intensität des Schmerzes, dass er selbst davon erschüttert war.

Und das nicht, weil Judas, ein enger Vertrauter, ihn verraten würde. Auch nicht, weil er wusste, dass die Jünger fliehen und ihn verleugnen würden. Nicht, weil er wusste, dass das Volk ihn ablehnen würde. Nicht, weil er als der Gerechte die größten Ungerechtigkeiten in dieser Nacht durchleben müsste. Nicht, weil er Schmach und Folter durch die Tempelwache oder Soldaten erfahren würde. Und nicht, weil er schreckliche körperliche Qualen am Kreuz durchleben müsste.

Nein, der Grund seiner Qualen war, dass er selbst zur Sünde werden würde. Weil er, der Heilige, die Sünde ertragen müsste. Weil er den göttlichen, gerechten Zorn des Vaters ertragen müsste. Er würde als Sühnopfer hingerichtet werden. Er, der ewig eins ist mit dem Vater, würde vom Vater getrennt sein.

Der Gedanke daran ruft diese schrecklichen Qualen hervor – Qualen, die ihn, wie es heißt, fast umgebracht hätten. Jede Welle der Versuchung beantwortet Jesus mit einer Stunde intensivem Gebet. Dieses Gebet von Jesus war kein Zeichen von Schwäche. Es ist die zu erwartende Reaktion eines Menschen, der einen völlig reinen und sündlosen Charakter hat – der vollkommen Sündlose, der vollkommen Heilige –, der vor dem Gedanken zurückschreckt, dass er die Sünde und Schuld der Menschen auf sich nehmen und tragen muss.

Er schreckt zurück davor, Gottes zorniges Gericht zu erhalten, zu durchleben und zu erleiden. Jesus hat hier nicht zwei Willen, einen menschlichen und einen göttlichen, von denen der menschliche nicht ans Kreuz will, der göttliche aber schon. Es ist kein Kampf zwischen zwei verschiedenen Willen.

Nein, er betet: wenn es möglich wäre – das heißt, wenn es irgendeine andere Möglichkeit gäbe, den verheißenen Erlösungsplan zu erfüllen, wenn es irgendeine andere Möglichkeit gäbe, uns Sünder zu retten. Und dann kommen diese bekannten Worte, die uns tief in sein Herz blicken lassen: „Doch nicht, was ich will, sondern was du willst.“

Wir sehen sein demütiges Herz, das sich unter dem Willen des Vaters demütigt. Und es ist eben dieses demütige Herz Jesu, das die Nähe des Vaters sucht.

Der Kontrast zwischen Jesu Herz und dem der Jünger

Und das sehen wir besonders im Vergleich zu den Jüngern. Wenn wir das Verhalten der Jünger im Zusammenhang betrachten, erkennen wir den Kontrast zwischen einem demütigen Herzen und dem stolzen, hochmütigen Herzen der Jünger.

In Markus 10, einige Kapitel vorher, prophezeit Jesus den Jüngern, dass er sterben wird, dass er ans Kreuz gehen und hingerichtet werden wird. Und was machen Jakobus und Johannes unmittelbar danach? Sie fordern von ihm, dass sie zur rechten und zur linken Seite von ihm sitzen dürfen, also die größten zwei im Reich Gottes sein wollen.

Im Kapitel davor, Markus 9, passiert etwas Ähnliches: Jesus verheißt ihnen erneut, dass er sterben wird. Und was machen sie? Sie diskutieren darüber, wer von ihnen der Größte ist.

Kurz vor unserem Abschnitt macht Jesus den Jüngern klar, dass sie ihn alle verlassen werden und dass Petrus ihn verleugnen wird. Und wie reagieren die Jünger? Petrus sagt: „Eher sterbe ich mit dir, als dass ich dich verleugne.“ Dasselbe sagen auch alle anderen.

Das heißt, Jesus warnt sie eindringlich, bevor sie nach Gethsemane kommen, und auch dort fordert er sie immer wieder auf: „Wacht und betet!“ Aber als es darauf ankommt, fallen sie in den Schlaf. Natürlich waren die Jünger nicht fähig, eine Stunde wach zu bleiben, um zu beten, weil sie die ganze Zeit nur damit beschäftigt waren, wer der Größte von ihnen ist.

Sie waren so voller Stolz und von sich eingenommen, dass sie es für völlig abwegig hielten, Jesus zu verleugnen oder zu fliehen. So stolz, dass sie Wachsamkeit und Gebet nicht für notwendig hielten. Stolz ist es, was im Kern der Gebetslosigkeit steckt. Ein stolzes, hochmütiges Herz ist das Kernproblem, um das man sich kümmern muss.

Natürlich kann man sich jetzt mit Disziplin und harter Arbeit dazu zwingen, mehr zu beten. Vielleicht wird das Gebetsleben dadurch auch scheinbar besser. Aber es wird unweigerlich zu einem heuchlerischen Gebet eines Pharisäers führen, wenn dieses Kernproblem nicht angegangen wird und man nicht Buße tut über den Stolz und den Hochmut.

Seht ihr Petrus? Er musste das auf die harte Tour lernen – die Folgen seines stolzen Herzens. Gleichzeitig durfte er Heilung und Veränderung erfahren. Einige Jahre später schreibt er in 1. Petrus 5,6: „So demütigt euch nun unter die gewaltige Hand Gottes, damit er euch erhöhe zu seiner Zeit. Alle eure Sorgen werft auf ihn, denn er sorgt für euch. Seid nüchtern und wacht! Denn euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlingen kann.“

Beachtet die Reihenfolge, in der er schreibt: Erst „Demütigt euch unter die Hand Gottes“ und dann „Seid nüchtern und wacht!“ Das zeigt, dass er genau das auf die harte Tour erfahren musste – dass sein Stolz zur Gebetslosigkeit führte. Diese Gebetslosigkeit brachte ihm schließlich eine herbe Niederlage ein, nämlich dass er Jesus verleugnete.

Er musste schmerzlich erfahren, dass er keine Kraft in sich selbst hat. Sein Selbstvertrauen, mit dem er zuvor so stolz verkündet hatte: „Wenn auch alle dich verlassen, wenn ich auch mit dir sterben muss, ich werde dich nicht verleugnen“, war völlig leer. Es bot keinen Halt, wenn es darauf ankam.

Seht ihr, die besten Beter sind nicht diejenigen mit der größten Disziplin. Es sind nicht diejenigen, die am härtesten mit sich selbst arbeiten oder besonders geistlich oder stark sind. Nein, genau das Gegenteil ist der Fall.

Es sind diejenigen, die demütig anerkennen, dass sie keine Kraft in sich selbst haben. Es sind diejenigen, die einen Eindruck davon bekommen haben, wie schwach sie sind. Petrus hat das erfahren. Es sind diejenigen, die in sich gegangen sind und festgestellt haben: „In mir ist keine Kraft. Wenn er mir kein Leben gibt, wenn er mich nicht stärkt, wenn er mir nicht die Kraft gibt, bin ich verloren.“

Deshalb halten sie sich an Christus fest und klammern sich mit aller Kraft an ihn und sein Wort. Denn er ist alles, was sie haben, sie brauchen ihn und sind von ihm abhängig. Genau diese Abhängigkeit – das vom Vater abhängige Herz Jesu – sehen wir auch in diesen Versen.

Jesu Abhängigkeit vom Vater im Gebet

Wir sehen es nicht nur an dieser Stelle, sondern durch das ganze Leben Jesu hindurch: das vom Vater abhängige Herz Jesu. Er betont an vielen Stellen, vor allem im Johannes-Evangelium, dass er ohne den Vater nichts tun kann.

In Johannes 5,19 sagt Jesus: „Da antwortete Jesus und sprach zu ihnen: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, der Sohn kann nichts von sich selbst aus tun.“ Einige Verse später wiederholt er: „Ich kann nichts von mir selbst aus tun.“ Damit zeigt Jesus, dass er ewig eins mit dem Vater ist, untrennbar mit ihm verbunden, sodass er nicht unabhängig von seinem Vater handeln kann.

Auch in Gethsemane wird diese Abhängigkeit deutlich. Woran erkennen wir das? Jesus sagt zu den Jüngern: „Wacht und betet, damit ihr nicht in Versuchung kommt! Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach“ (Matthäus 26,38). Er fordert sie nicht nur auf, wachsam zu sein und zu beten, sondern lebt es ihnen auch vor. Hier sehen wir sein abhängiges Herz ganz deutlich.

Jesus fällt auf die Knie, während die Jünger einschlafen. Ich denke, dass Jesus diese drei Jünger mit in den Garten genommen hat, um ihnen beispielhaft zu zeigen, wie man Versuchungen in Gottes Kraft und nicht in eigener Kraft begegnet. Er wusste, dass sie ihn verlassen würden, dass sie ihn verleugnen würden. Und natürlich wusste er auch, dass sie jedes Mal einschlafen würden, sobald es Zeit zum Gebet war.

Er fordert sie zur Wachsamkeit auf, lebt ihnen diese aber auch vor – wie ein Soldat, der Wache halten muss. Zur damaligen Zeit bedeutete es für einen römischen Soldaten den Tod, wenn er während seiner Wache einschlief. Einschlafen während der Wache wurde mit der Todesstrafe bestraft. Das macht die Ernsthaftigkeit dieser Warnung Jesu deutlich.

Ein eingeschlafener Soldat nimmt den Feind nicht mehr ernst. Er denkt nicht mehr an einen bevorstehenden Kampf oder daran, dass es gefährlich sein könnte. Wenn er irgendwann aufwacht, ist der Kampf möglicherweise schon verloren, und die Feinde haben die Stellung längst überrannt.

Genauso war es bei den Jüngern. Sie hatten den Kampf verloren, bevor er überhaupt begann. Es war nicht der Moment der Flucht oder der Zeitpunkt, als Petrus Jesus verleugnete, der die eigentliche Niederlage markierte. Die eigentliche Niederlage war bereits hier im Garten Gethsemane, als sie trotz Jesu Warnung einschliefen.

In einem Moment, den sie selbst gar nicht als Kampf wahrnahmen, weil sie einfach müde waren, wurde ihre Niederlage besiegelt. Sie nahmen Jesu Warnung nicht ernst, sie nahmen den Feind nicht ernst. Und sie suchten nicht die Nähe des Vaters, von dem sie eigentlich völlig abhängig waren, um sich für diesen Kampf vorzubereiten.

Die Gefahr der geistlichen Erschöpfung und der geistliche Kampf

Nun ist es bei uns nicht ganz anders. Vielleicht schaust du abends noch die eine oder andere Serie oder liest ein Buch und gehst einfach etwas später ins Bett. Dann wunderst du dich, dass du am nächsten Morgen nicht die Kraft hast, früh aufzustehen, um zu beten oder Gottes Wort zu lesen.

Oft nehmen wir den Kampf am Abend gar nicht als einen solchen wahr und haben ihn bereits verloren, bevor er überhaupt begonnen hat.

In Epheser 6 warnt uns Paulus vor dem eigentlichen Kampf, in dem wir stehen, und ermahnt uns, die Waffenrüstung Gottes anzuziehen. Achte darauf, dass es Gottes Waffenrüstung ist und nicht unsere eigene. Wir sind abhängig von ihm, und er gibt uns alles, was wir für den geistlichen Kampf hier auf Erden brauchen.

Aber achte auch darauf, wie und auf welche Art und Weise wir die Waffenrüstung anziehen sollen. Am Ende schreibt Paulus: „Indem ihr zu jeder Zeit betet mit allem Gebet und Flehen im Geist und wacht zu diesem Zweck in aller Ausdauer und Fürbitte für alle Heiligen.“ Das ist im Grunde dieselbe Aufforderung: „Wacht und betet.“

Satan wartet nur darauf, dass wir in unserem nichtigen, falschen Stolz unser Vertrauen auf uns selbst setzen.

Ganz nebenbei bemerkt, sehen wir hier nicht nur das abhängige Herz Jesu, nicht nur seine Demut, sondern auch seine Fürsorge. Jesus befindet sich mitten in seiner größten Versuchung, seinem größten Kampf. Dennoch sorgt er sich um die Jünger. Er unterbricht sein Gebet, geht zurück zu den Jüngern, weckt sie auf und warnt sie – und das wiederholt er dreimal.

Vielleicht zweifelst du manchmal daran, dass Jesus wirklich für dich eintritt. Du fragst dich: „Warum sollte er gerade für mich eintreten, wenn ich ihn doch so oft enttäuscht habe?“

Aber wenn Jesus sich selbst in seinem größten Kampf um seine Jünger sorgt, wenn er sich um sie sorgt, obwohl sie jegliche Warnung ignorieren, wenn er sich um sie sorgt, während sie sich nur damit beschäftigen, wer von ihnen der Größte und Wichtigste ist – denkst du dann wirklich, dass Jesus dich vergisst?

Jetzt, wo er zur Rechten des Vaters sitzt, nachdem er alles für dich vollkommen bezahlt hat, nachdem er ausgerufen hat: „Es ist vollbracht“, denkst du wirklich, dass er dann nicht am Thron des Vaters für dich eintreten wird?

Ich weiß es eigentlich nicht, das ist nicht unser Thema. Aber wir sehen hier das fürsorgliche Hirtenherz Jesu in seinem größten Kampf. Er sorgt sich und kümmert sich um seine Schafe. Wenn das schon hier in seiner größten Versuchung der Fall ist, wie viel mehr jetzt, wo er zur Rechten des Vaters sitzt – als unser Hoher Priester, wie wir heute Morgen gelesen haben.

Die innige Beziehung Jesu zum Vater als Quelle seines Gebets

In seinem größten Gebetskampf sehen wir sein demütiges Herz und seine Abhängigkeit vom Vater. Dieses abhängige Herz zieht sich durch sein ganzes Leben, wie bei einem Soldaten, der im Feld ist und stets seine Verbindung zum Hauptstützpunkt aufrechterhält.

Zuletzt sehen wir seine Beziehung zum Vater, ein Herz, das in dieser tiefen Liebesbeziehung zum Vater verwurzelt ist. Das zeigt sich an einem einzigen Wort. Schaut in Vers 36: Wie beginnt Jesus sein Gebet? Mit den Worten „Abba, Vater“. Dieses Wort „Abba“ ist ein aramäisches Wort, das man vielleicht am besten mit „Papa“ übersetzen kann. Es ist ein Begriff, der die liebevolle Vertrautheit zwischen Vater und Sohn deutlich macht.

Vater und Sohn sind eins. Jesus betont immer wieder die Vertrautheit zwischen Vater und Sohn und diese tiefe Liebesbeziehung zwischen Gott, dem Vater, und Gott, dem Sohn. In Johannes 3,35 heißt es: Der Vater liebt den Sohn und hat alles in seine Hand gegeben. Zwei Kapitel später lesen wir: Der Vater liebt den Sohn und zeigt ihm alles, was er selbst tut. Auch umgekehrt gilt dasselbe: Johannes 14,31 sagt, dass die Welt erkennen soll, dass Jesus den Vater liebt und das tut, was er ihm aufgetragen hat.

In seinem hohespriesterlichen Gebet in Johannes 17 betet Jesus für alle Gläubigen, damit sie alle eins seien, gleich wie du, Vater, in mir und ich in dir.

Vielleicht hast du dich schon mal gefragt: Warum betet Jesus überhaupt? Warum muss Gott beten? Warum muss der Schöpfer des Universums, durch den alles geworden ist – wie wir in Kolosser lesen –, beten?

Der Grund ist, dass er und der Vater eins sind, weil sie in einer ewigen, innigen Liebesbeziehung existieren. Jesus redet nicht nur über den Vater, er redet nicht nur vom Vater, sondern vor allem mit dem Vater, weil er im Vater ist und der Vater in ihm ist.

Wenn wir uns fragen, warum Jesus betet, ist das im Prinzip so, als würde ich einen Ehemann fragen: „Warum redest du eigentlich noch mit deiner Frau? Ihr seid doch schon verheiratet.“ In 1. Mose 2 lesen wir: „Sie werden ein Fleisch sein“, also sind sie eins, eine Einheit. Gerade deswegen ist der Ehepartner Gesprächspartner Nummer eins im Leben – und das nicht aus Pflichtbewusstsein, weil man muss, sondern weil ihr eins seid.

Das ist nur ein schwaches Bild für die innige Liebe und Einheit zwischen Vater, Sohn und Heiligem Geist.

Also: Warum betet Jesus? Weil er und der Vater eins sind, weil sie ewig in dieser innigen, untrennbaren Einheit existieren.

Aber nicht nur der Sohn und der Vater sind eins. Jesus betet weiter in Johannes 17. Ab Vers 21 betet er die folgenden Worte und betet für alle Gläubigen, nicht nur für die Jünger: „Auf dass sie alle eins seien, gleich wie du, Vater, in mir und ich in dir.“ Zwei Verse später, in Vers 23, sagt er: „Ich in ihnen und du in mir, damit sie zur vollendeten Einheit gelangen.“

Wenn Jesus in uns ist und wir in ihm – und wenn der Vater eins ist mit dem Sohn – was heißt das dann über unsere Beziehung zum Vater? Das bedeutet, dass wir eins sind mit dem Vater, so wie auch Jesus eins ist mit dem Vater.

Die Einheit der Gläubigen ist nicht einfach nur eine Einheit, weil wir alle irgendwie gleich ticken oder dieselbe Einstellung haben. Nein, es ist eine übernatürliche, göttliche Einheit, weil wir in diese ewige, innige Liebesbeziehung des dreieinigen Gottes mit hineingenommen sind.

Paulus spricht davon, dass wir einen Geist der Sohnschaft empfangen haben, durch den wir, wie Jesus, zum Vater diese vertrauensvollen Worte sagen können: „Abba, Vater.“

Wir sind jetzt schon eins mit Jesus und in diese Einheit hineingenommen. Aber Jesus betet noch weiter in Johannes 17. In Vers 24 betet er, und es ist das einzige Mal, dass Jesus die Worte „Ich will“ verwendet. Hier in Garten Gethsemane betet er nicht „wie ich will“, aber hier ist es die einzige Stelle, an der er sagt: „Vater, ich will.“

Was will Jesus? Er will, dass, wo er ist, auch die bei ihm sind, die der Vater ihm gegeben hat. Das ist der größte Wunsch Jesu.

Jesus betet nicht nur für die elf Jünger, sondern für alle Gläubigen. Er sehnt sich nach der Vollendung, der Errettung der Gläubigen. Er sehnt sich danach, dass seine Braut nach Hause kommt. Er sehnt sich danach, dass diejenigen, die er mit seinem Blut erkauft hat und aus dieser Welt herausgerissen und gereinigt hat, zu ihm kommen und seine Herrlichkeit sehen.

Er sehnt sich danach, dass du nach Hause kommst.

Ist das nicht Grund genug, schon jetzt seine Nähe und die Gemeinschaft mit ihm zu suchen?

Er sehnt sich nach der Gemeinschaft mit seiner Braut, nach der Gemeinde, nach ewiger Gemeinschaft mit seinen Auserwählten. Und das nicht, weil wir so liebenswert wären oder weil wir ihn gesucht hätten, sondern allein, weil er bereit war, den Willen des Vaters zu erfüllen. Weil er, der Heilige, bereit war, Sünde und damit den gerechten Zorn Gottes über Sünde auf sich zu nehmen.

Der Sieg Jesu im Gebet und seine Ermutigung für uns

Und schon hier im Garten Gethsemane erringt Jesus einen grandiosen Sieg. Wir lesen am Anfang, dass er mit schrecklicher Angst und Grauen gepackt nach Gethsemane hineinkommt. Er ist von solchen Qualen belastet, dass sie ihn fast umgebracht hätten.

Doch sein demütiges, vom Vater abhängiges und in dieser innigen, ewigen Liebesbeziehung zum Vater verwurzeltes Herz treibt ihn ins Gebet, in die Gemeinschaft mit dem Vater. Er verweilt so lange in diesem Gebet, bis er siegreich aufsteht und seiner Gefangennahme, seiner Verurteilung und seiner Hinrichtung entgegengeht.

Am Ende dieses Abschnitts lesen wir nichts mehr von großer Angst oder schrecklichen Qualen, die ihn belastet haben. Nichts von dem, was wir noch am Anfang der Szene gelesen haben. Die Szene endet ganz im Gegenteil mit einer triumphalen Aussage: Er sagt, es ist so weit, die Stunde ist gekommen. Und das legt er fest. Nicht irgendwelche Menschen, die ihn jetzt gefangen nehmen, sondern er selbst bestimmt: Jetzt ist die Stunde gekommen. Jetzt wird der Menschensohn den Sündern in die Hände gegeben. Er steht auf und sagt: Lasst uns gehen, der Verräter ist schon da.

Spurgeon erfasst diesen Gebetskampf im Garten Gethsemane mit folgenden Worten, und mit diesen Worten möchte ich auch schließen. Er sagt über dieses Gebet im Garten Gethsemane:

„Kein Fanfarenstoß, kein Kanonenschuss, kein Flackern von Fahnen, kein Jubel der Massen hat jemals einen solchen Sieg verkündet, wie ihn unser Herr in Gethsemane errungen hat. Dort errang er den Sieg über alle Leiden, die ihn bedrückten, über alle Leiden, die bald wie riesige Atlantikwellen über ihn hereinbrechen sollten. Dort errang er den Sieg über den Tod und sogar über den Zorn Gottes, den er um seines Volkes willen bis zum Äußersten erdulden musste.

In diesem Ausruf ‚Nicht wie ich will, sondern wie du willst‘ liegt wahrer Mut, höchster Heroismus, die Erklärung des unbesiegbaren Eroberers. Mit der vollkommenen Ergebenheit Christi ging auch seine starke Entschlossenheit einher. Er hatte das Werk der Erlösung seines Volkes auf sich genommen, und er würde es zu Ende bringen, bis er triumphierend vom Kreuz herab sagen konnte: Es ist vollbracht.“

Nun lasst uns aufstehen und noch einmal beten. Herr Jesus, wir danken dir für dieses Beispiel, das du uns gegeben hast, wie du demütig und in Übereinstimmung mit dem Willen des Vaters gehorcht wurdest bis zum Tod am Kreuz und dich unter seinem Willen gedemütigt hast.

Danke, dass wir dieses demütige Herz sehen konnten und sehen dürfen. Wir bitten dich darum, dass du uns vergibst, wo wir voller Stolz, Hochmut und Selbstvertrauen waren und deswegen nicht gebetet haben, nicht die Nähe des Vaters gesucht haben, weil wir davon überzeugt waren, dass wir es alleine schaffen, dass wir dich nicht brauchen.

Aber wir sind vollkommen abhängig von dir. Herr Jesus, wir bitten dich, dass du uns immer wieder diese Abhängigkeit deutlich machst und dass du uns jetzt schon diese Einheit mit dem Vater erkennen lässt, sodass wir sie einfach genießen dürfen – jetzt schon, weil wir in dir mit dem Vater eins gemacht wurden.

Danke, Herr Jesus, dass du dich nach uns sehnst, dass es dein Wille ist, dass wir bei dir in der Herrlichkeit sind, um deine Herrlichkeit zu sehen. Das ist dein Wille, und wir dürfen dir danken, dass es dein Wille ist, weil es nichts an uns gibt, was irgendwie liebenswürdig wäre, sodass du dich deswegen danach sehnst.

Nein, es ist dein willentlicher Entschluss, uns zu erlösen, uns zu retten und uns zu dir nach Hause zu holen. Wir danken dir dafür in alle Ewigkeit. Amen.