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Das Wohnen Gottes in Stiftshütte und Tempel

30.01.2026
SerieTeil 3 / 7E21 Regionalkonferenz Schweiz 2026
Gott wohnt nicht fern, sondern mitten im Alltag. Von der Wüste bis zum Tempel zeigt sich: Nähe zu ihm braucht Reinigung, Umkehr – und macht dein Leben neu.

Einordnung des Themas und der Leitgedanke

Ich knüpfe an das an, was ich am Nachmittag gemacht habe, versuche es aber auch so zu präsentieren, dass man es verstehen kann, wenn man nicht dabei war oder sich nicht mehr an jedes Detail erinnert.
Das Wohnen Gottes in Stiftshütte und Tempel, mein erster Punkt, ist Exodus und Sinai. Die Herausführung Israels aus Ägypten durch das Schilfmeer an den Gottesberg wird im Buch Exodus als neue Schöpfung beschrieben. Die Anknüpfung an den anderen Vortrag zur Schöpfung wird besonders deutlich in der Schilfmeererzählung.
Der Engel Gottes stellt sich zwischen Israel und Ägypten in Gestalt der Wolkensäule. Die Ägypter werden durch die Wolke, heißt es, in Finsternis gehüllt, für die Israeliten erleuchtet die Feuersäule dagegen die Nacht. Wir haben also die Unterscheidung von Licht und Finsternis bei diesem Ereignis. Dann teilt der Geist Gottes die Wasser, sodass Israel trockenen Fußes hindurchgehen kann. Das sind alles Schöpfungsereignisse.
Die Ägypter gehen dagegen im Meer unter, und das Schilfmeerlied, das Mose und die Israeliten danach singen, zielt darauf ab, dass Gott Israel errettet hat, um sie zu seinem Berg zu bringen. In 2. Mose 15,17-18 heißt es: Du brachtest sie hinein und pflanztest sie ein auf dem Berg deines Erbteils, den du, Herr, dir zur Wohnung gemacht hast, zu deinem Heiligtum, Herr, das deine Hand bereitet hat. Der Herr wird König sein, immer und ewig.
Das ist die erste Stelle auch in der Bibel, wo das Königtum Gottes explizit benannt wird.
Michael Morales hat ein Buch geschrieben mit dem Titel „The Tabernacle Prefigured“, das bedeutet „die vorgebildete Stiftshütte“. Seine These in diesem Buch ist ganz simpel. Er sagt, es gibt ein Grundmuster biblischer Theologie, das sich in der Schöpfung zeigt, in der Sintflut auch zeigt, darüber kann ich an dieser Tagung nicht reden, im Exodus und in der Stiftshütte, nämlich: Durch das Wasser, das ist der erste Schritt; der zweite ist zum Berg Gottes; und der dritte ist, um anzubeten. Dabei versteht er unter Anbetung das Wohnen in der Gegenwart Gottes. Dazu gehört das Singen, die Musik mit dazu, aber beispielsweise auch die Tischgemeinschaft.
Das Wasser hat eine doppelte Funktion: Es tötet und es reinigt. Alles geht ins Wasser hinaus, und was nicht herauskommen soll, das geht unter. Was herauskommen soll, kommt gereinigt wieder heraus. Im Schilfmeer wird die Knechtschaft Israels endgültig abgestreift, abgewaschen. Im Neuen Testament wird Israels Durchzug durch das Schilfmeer als Vorbild für die Taufe verstanden. Paulus sagt sogar in 1. Korinther 10,1-2, Israel sei auf Mose getauft worden beim Durchzug durch das Schilfmeer.

Der Sinai als Ort von Bund, Grenze und Gegenwart

In 2. Mose 19 sind sie nun durch das Schilfmeer hindurch. Israel befindet sich am Fuß des Berges Sinai. Dort ruft Gott Mose auf den Berg, und er sagt zu ihm, er solle zu den Israeliten Folgendes sagen: Ihr habt gesehen, was ich mit den Ägyptern getan habe und wie ich euch getragen habe auf Adlerflügeln und euch zu mir gebracht habe. Werdet ihr nun meiner Stimme gehorchen und meinen Bund halten, so sollt ihr mein Eigentum sein vor allen Völkern, denn die ganze Erde ist mein. Ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein.
Wenn Israel also, anders als damals Adam und Eva im Garten Eden, der Stimme Gottes gehorcht, dann sollen sie ein Königreich von Priestern sein. Das war ja schon die Bestimmung von Adam und Eva: Sie sollten herrschen und den priesterlichen Gartendienst tun.
Danach sagt Gott zu Mose, er solle jetzt eine Grenze um den Berg Sinai ziehen, und niemand dürfe diese Grenze überschreiten. Nicht einmal den Fuß des Berges dürften sie berühren. Der Berg Sinai ist wie der Garten Eden, bewacht von den Cheruben und dem flammenden Schwert. Man darf ihn nicht betreten. Nur Mose darf auf den Berg steigen. Das Tor wird sozusagen für ihn geöffnet, und er darf die von Gott gesetzte Grenze überschreiten.
Unten am Berg, außerhalb der Grenze, soll er dann einen Altar bauen für den Bundesschluss. Außerdem soll er zwölf Steinmale errichten für die zwölf Stämme Israels.
In 1. Mose 1 heißt es zehnmal: „Und Gott sprach.“ Die Rabbinen sagen, Gott habe die Welt in zehn Worten erschaffen. Auf dem Berg Sinai spricht Gott zehn Worte, die zehn Gebote. In zehn Worten wurde die Welt erschaffen, und in zehn Worten wird sie erhalten.
Gott schließt mit Israel einen Bund. Mose besprengt das Volk mit Bundesblut. Und auf diese Worte, die Mose dort ausspricht, wird Jesus sich später beziehen, wenn er das Abendmahl einsetzt. Mose sagt: „Seht, das ist das Blut des Bundes, den der Herr mit euch geschlossen hat aufgrund aller dieser Worte“ (2. Mose 24).
Der Berg Sinai ist ein Abbild von Eden, aber etwas hat sich geändert. Um das zu verstehen, müssen wir an den Ort gehen, wo Mose zum ersten Mal auf dem Sinai, der auch Horeb genannt wird, Gott begegnet, als er zum ersten Mal überhaupt auf diesen Berg steigt.

Der brennende Dornbusch und die verwandelte Wüstenlandschaft

Wir finden diese Geschichte in 2. Mose 3, als Gott Mose zum ersten Mal begegnet und ihn beruft, um Israel aus Ägypten zu führen. Mose ist in der Wüste, er hütet die Schafe seines Schwiegervaters Jitro. Und wenn wir an den Nachmittagsvortrag von mir denken, kann man schon sagen: Er ist in der Wüste, er ist im braunen Bereich, nicht im grünen Bereich.
Er hütet also die Schafe seines Schwiegervaters Citero. Da erscheint ihm der Engel des Herrn in einer feurigen Flamme aus einem Dornbusch auf dem Horeb. Und als Mose hingehen will, um die wundersame Erscheinung, dass nämlich der Dornbusch brennt, aber nicht verbrennt, vom Feuer nicht verzehrt wird, zu untersuchen, da ruft Gott zu ihm aus dem Busch und sagt: Tritt nicht herzu, ziehe deine Schuhe von deinen Füßen, denn der Ort, darauf du stehst, ist heiliger Boden.
Als Gott Adam und Eva aus dem Garten vertreibt, sagt er zu Adam: Verflucht sei der Boden um deinetwillen, Dornen und Disteln soll er tragen. Und jetzt, aus dem Dornbusch, sagt Gott: Tritt nicht herzu, denn der Ort, darauf du stehst, ist heiliger Boden.
Eden ist der Gottesberg vor dem Sündenfall. Er ist fruchtbar, schön, bewässert, ein Garten voller Lebensfülle. Der Sinai ist der Gottesberg nach dem Sündenfall, in der Wüste, trocken, braun, ein Dornbaum statt eines Fruchtbaums. Der Sinai ist alles, was Gott beschreibt, als er den Erdboden verflucht. Dornen und Disteln, kaum etwas Essbares, das dort wächst.
Aber zu Mose sagt Gott: Der Boden, auf dem du stehst, ist heiliger Boden. Gott kommt in den Sündenfluch, er sucht Mose am verfluchten Ort, und indem er dahinkommt, wird der Ort heilig. Der Dornbusch, der von der Herrlichkeit Gottes brennt und doch nicht verzehrt wird, ist ein Abbild des Baumes des Lebens unter dem Sündenfluch.
Jesus wird später mit den Dornen des Dornstrauchs zum König gekrönt. Er trägt diesen Fluch als Krone.

Die drei Ebenen des Berges und die verhüllte Herrlichkeit

Wenn man jetzt liest, wie Mose auf dem Berg Sinai auf und ab geht, dann kann man bald verwirrt werden, wenn man etwas nicht beachtet. Beim Berg Sinai gibt es nicht nur ein Oben und Unten, sondern auch einen Mittelbereich.
Darum kann es heissen, dass Mose nach oben geht, wenn man meint, er sei schon oben. Da denkt man: Er ist doch gerade nach oben gegangen, wo geht er jetzt hin? Man muss immer in drei Kategorien denken. Und da sind wir wieder bei den drei Kategorien, die wir schon in der Schöpfung haben, die wir in Eden haben und die wir auch eben im Tempel und in der Stiftshütte haben.
Der Sinai hat drei Ebenen. Zuoberst ist die Spitze. Dort ist Gottes Herrlichkeit. Von dort aus gehen Donner, Posaunenschall, Blitze und Gewölk. Die Spitze des Sinai entspricht Eden.
Die Mitte ist dann der Berg als Ort, wohin Mose normalerweise geht, wenn er mit Gott spricht, so wie Adam und Eva, die im Garten sind. Sie entspricht dem Garten Eden. In dieser Mitte ist der Dornstrauch als ein Abbild des Baums des Lebens. Weil Mose um den ganzen Berg eine Grenze ziehen muss, gehört auch diese Mitte zum heiligen Bereich. Wie der Garten Eden ist sie innerhalb der bewachten Grenzen, die nicht überschritten werden dürfen, ausser wenn es Gott erlaubt.
Die unterste Ebene ist der Fuss des Berges ausserhalb der Grenze. Dort baut Mose einen Altar, 2. Mose 24. Dorthin werden Adam und Eva vertrieben. Dort opfern Kain und Abel.
Was den Sinai aber auch noch von Eden unterscheidet: In Eden ist Gott offenbar unverhüllt gegenwärtig. Adam und Eva leben, solange sie im Garten sind, vor dem Angesicht Gottes, und sie müssen sich aktiv im Gebüsch verstecken, wenn sie seinem Angesicht entfliehen wollen.
Auf dem Berg Sinai kommt Gott, um bei seinem Volk zu wohnen, aber er verhüllt sich. Er verhüllt sich im finsteren Gewölk. Die Wolke, die Gott hier verhüllt, offenbart zwar seine Gegenwart, aber gleichzeitig verhüllt sie sein Angesicht. Gott ist da, aber sein Angesicht verhüllt er.

Der Sinai als Vorbild für das transportable Heiligtum

Nach dem Bundesschluss mit den zehn Worten ruft Gott Mose noch einmal auf den Berg. Dieses Mal geht Mose nicht allein, sondern zusammen mit Aaron, Nadab und Abihu, den späteren Priestern, sowie mit siebzig Ältesten Israels.
Wir lesen in 2. Mose 24,9-11: Da stiegen Mose, Aaron, Nadab und Abihu und siebzig von den Ältesten Israels hinauf und sahen den Gott Israels. Unter seinen Füßen war es wie eine Fläche von Saphir, so blau wie eine Platte und wie der Himmel, wenn es klar ist. Und er reckte seine Hand nicht aus gegen die Edlen Israels. Und als sie Gott geschaut hatten, aßen und tranken sie.
Ich hätte es auch anders machen können, aber der Platz ist hier etwas knapp. Die Abbildung, die ich heute Nachmittag ganz am Anfang hatte, von 1. Mose 1, als Gott Himmel und Erde schafft, zeigt oben den Himmel und unten die dreiteilige Erde. Die himmelsfeste Ebene ist wie diese Wolke oder wie die Saphirplatte, die den Himmel Gottes verbirgt. Darunter liegt die Erde als heiliger Bereich, und das Wasser ist der Bereich draußen.
Diese Verse, die ich gelesen habe, gehen also dorthin. Sie sehen den Gott Israels unter seinen Füßen auf der Saphirplatte, im Himmel. Er streckt seine Hand nicht aus gegen die Edlen Israels, obwohl sie in den heiligen Bereich gegangen sind. Und als sie Gott geschaut haben, essen und trinken sie eine Mahlzeit.
Das sind hochinteressante Verse. Saphir ist ein himmelblauer Edelstein. Gott thront über der Saphirfläche, über dem Himmel. Diese Saphirfläche ist also wie die Himmelsfeste bei der Schöpfung, und Gott ist in diesem Sinne eigentlich nicht im Himmel, sondern über ihm.
Es wird eben sowohl das Blaue, was wir sehen, in der Bibel Himmel genannt, als auch die Jenseitigkeit Gottes. So stellt sich hier die geistige Himmelswelt dar, wenn man so will. Der Himmel ist sein Thron, und die Erde ist der Schemel seiner Füße, wie es an anderen Orten heißt.
Die Spitze des Sinai ragt also in den Himmel. Der größte Teil des Berges aber ist unter der Saphirfläche. Gott streckt seine Hand nicht aus gegen die Edlen Israels. Sie sind an den verbotenen Ort gegangen und haben die heiligen Grenzen überschritten. Aber Gott tötet sie nicht, weil er sie gerufen hat.
Und als sie Gott geschaut haben, essen und trinken sie zu seinen Füßen. Sie sind jetzt im mittleren Bereich, der in Eden dem Garten entspricht, dort, wo die Bäume sind. Sie sind am Tisch Gottes, und Gott hat sie zur Tischgemeinschaft eingeladen.

Die Stiftshütte als beweglicher Sinai

Zweitens die Stiftshütte. Der Sinai hat ein Problem, nämlich er steht mitten in der Wüste, aber Gott hat Israel verheißen, dass er sie ins Land Kanaan bringt. Wenn er jetzt aber auf dem Sinai thront, auf dem Berg, dann müsste der ganze Berg nach Kanaan transportiert werden. Oder er müsste Füße bekommen und sich irgendwie verschieben, der Berg.
Das geschieht auch tatsächlich: Der Berg Sinai wird transportabel gemacht, und das ist die Stiftshütte. Die Stiftshütte heißt auf Hebräisch Zelt der Begegnung, manchmal auch einfach Wohnung. Stiftshütte ist eigentlich keine präzise biblische Übersetzung, sondern eine Wortschöpfung von Martin Luther, die man nur noch versteht, wenn man weiß, was ein Stift ist. Ich meine jetzt nicht einen Schreiber.
Wikipedia definiert es so: „Ein Stift ist jede mit Vermächtnissen und Rechten ausgestattete, zu kirchlichen Zwecken bestimmte und einer geistlichen Körperschaft übergebene, eben gestiftete Anstalt mit allen dazugehörigen Personen, Gebäuden und Liegenschaften.“ Darum die Stiftshütte. Okay, aber auf Hebräisch Zelt der Begegnung, das versteht man etwas besser.
Für dieses Zeltheiligtum wird jetzt alles transportabel gemacht, was beim Sinai bedeutsam ist. Ich habe nicht ganz alles abgebildet, aber so ein paar markante Dinge: Die Herrlichkeit Gottes, die auf der Spitze des Sinai war, thront jetzt über der Bundeslade im Allerheiligsten. Der Saphirfläche entspricht der blau-rote Vorhang. So wie die Wolken und die Saphirfläche Gott eigentlich vom unteren Bereich abtrennen, ist das der rot-blaue Vorhang, der für den Himmel eigentlich steht. Wenn der Himmel sich öffnet, wird Gott sichtbar. Wenn der Vorhang sich öffnet, wird das Allerheiligste sichtbar.
Die Vorhänge symbolisieren also den Himmel und können Gott offenbaren oder auch verbergen. Aber ich habe es vorher betont: Die Herrlichkeit Gottes wird auf dem Sinai vom dichten Gewölk verborgen. Vor den Vorhängen beim Eingang steht der Räucheraltar. Wenn Aaron einmal im Jahr ins Allerheiligste tritt, so wie Mose einst auf die Spitze des Berges Sinai, dann muss er vorher Rauch erzeugen, damit die Herrlichkeit Gottes durch Rauch verhüllt wird. Also er darf nur reingehen, wenn er seine Wolke hat. Das ist der Räucheraltar.
Der brennende Dornbusch wird in der Menora, dem siebenarmigen Leuchter, der einen Baum darstellt, transportabel gemacht. Die von Cheruben bewachte Grenze um den Garten Eden und um den Berg Sinai wird durch Teppiche abgebildet, in die die Cheruben eingewoben sind. Also die Wände der Stiftshütte sind mit Cheruben verziert, die das bewachen. Das ganze Heiligtum ist von Cheruben bewacht. In die Teppiche sind gleichzeitig auch Bäume eingewoben, die deutlich machen: Das Heilige ist ein Garten. Und der Schaubrottisch erinnert daran, dass Israel an den Tisch Gottes eingeladen ist.
Auch der Altar am Fuß des Sinai wird transportabel gemacht, in einem tragbaren Altar aus Bronze. Die zwölf Steinmale für die Stämme Israels kommen als Edelsteine auf die Brustplatte des Hohepriesters. Sogar das Schilfmeer wird transportabel gemacht, mit einem Wasserbecken mit oberen und unteren Wassern. Wer an den Sinai kommt, muss sich reinigen, muss durch das Wasser hindurchgehen. Genauso muss sich eben auch reinigen, wer zum Zelt der Begegnung kommen möchte.
Auf diese Weise zieht also der Berg Gottes mit Israel durch die Wüste. Die Stiftshütte ist der Berg Gottes, der Israel begleitet.

Schöpfung, Heiligtum und die Vollendung des ersten Bundes

Der Bau der Stiftshütte ist über mehrere Kapitel hinweg detailliert beschrieben. Mose hat eine klare Vorstellung davon, wie die Stiftshütte aussehen soll.
Gott ruft ihn auf die Spitze des Sinai, und wir lesen in 2. Mose 24,15-18. Wir sind also immer noch in diesem Kapitel. Ich habe nicht alle Texte auf der Folie. Dort heißt es: Als nun Mose auf den Berg kam, bedeckte die Wolke den Berg, und die Herrlichkeit des Herrn ließ sich nieder auf den Berg Sinai. Und die Wolke bedeckte ihn sechs Tage, und am siebten Tag erging der Ruf des Herrn an Mose aus der Wolke.
Zuerst einmal ist also Gott allein auf dem Berg, sechs Tage lang. Und am siebten Tag ruft er Mose dann in die Wolke, ins Allerheiligste, und dort zeigt er Mose das himmlische Heiligtum. Und dann sagt er zu Mose, dass die Israeliten ihm ein Heiligtum machen sollen, damit er unter ihnen wohne. Genau nach dem Vorbild, das ich dir von der Wohnung und ihrem ganzen Gerät zeige, sollt ihr es machen.
Gott zeigt Mose das himmlische Heiligtum als Vorbild für das irdische. Wie er im Himmel wohnt, so will er auch auf Erden wohnen. Das wäre wieder das Prinzip wie im Himmel, so auf Erden, das ich schon im letzten Vortrag betont habe. Wie der Mensch nach dem Bild Gottes geschaffen ist und in sich Himmel und Erde vereinigt, so soll auch die Wohnung Gottes ein Abbild des Himmlischen sein.
Der jüdische Ausleger Benno Jakob hat die Ansicht vertreten, dass Gott in den sechs Tagen, bevor er Mose in die Wolke hineinruft, das himmlische Heiligtum erschaffen habe, in Analogie zur Schöpfung. Es sei also ein Schöpfungshandeln Gottes, ein himmlisches.
Und tatsächlich könnte man sagen: Es ist eine Frage, die mir manchmal gestellt wird. Wenn Mose das alles aufgeschrieben hat, mit der Schöpfung und so, woher wusste er das? Hat das Adam Gott gesagt, und dann haben es alle weitererzählt? Oder hat Gott es Mose direkt gesagt?
Wenn wir jetzt in der Logik der Mosebücher wissen wollen, woher Mose etwas über die Sechstageschöpfung wusste, dann lautet die Antwort wahrscheinlich nicht, dass von Adam bis Mose das weitererzählt wurde, wie Gott die Welt erschaffen hat. Sondern dass Mose, als er in die Wolke auf dem Sinai ging, Schöpfung und Heiligtum zusammensehen hat. Denn das Heiligtum ist ein Abbild der Schöpfung, oder die Schöpfung ein Abbild des himmlischen Heiligtums, wie man es auch dreht und wendet.
Das wird beispielsweise daran deutlich, dass der Auftrag zum Bau der Stiftshütte in sieben Reden erfolgt, und in der siebten Rede gebietet Gott den Sabbat. Das ist 2. Mose 31,12-17. Auch die Fertigstellung der Stiftshütte ist in enger Anlehnung an die Vollendung der Schöpfung formuliert.
Im Ersten Mose heißt es: „Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut.“ Am Schluss des Zweiten Mosebuches heißt es: „Mose sah an alles Werk, und siehe, sie hatten es gemacht, wie Jahwe geboten hatte; so hatten sie es gemacht.“ Und bei der Schöpfung heißt es: „So wurden vollendet Himmel und Erde und all ihr Heer.“ Bei der Stiftshütte heißt es: „So wurde vollendet alle Arbeit der Wohnung, des Zeltes der Begegnung.“ Bei der Schöpfung vollendete Gott sein Werk, das er getan hatte. Bei der Stiftshütte vollendete Mose sein Werk. Und Gott segnete. Und Mose segnete sie. Gott heiligte. Und sie sollen sie heiligen.
Also man hat sehr viele Parallelen zwischen Schöpfung und Stiftshütte.
Und noch etwas: Die Stiftshütte ist westwärts ausgerichtet, wie auch später der salomonische Tempel. Das bedeutet, dass das Allerheiligste im Westen ist, das Heilige im Osten davon und der Vorhof noch weiter im Osten. Das Ostthema hatten wir ja auch schon im Nachmittagsvortrag.
Die Stiftshütte bildet also geographisch die Urgeschichte ab, mit Eden, dann dem Garten im Osten und dem Altar vor dem Osteingang des Gartens im Vorhof. Und so kann man sagen: Die Stiftshütte bildet sowohl Eden als auch den Sinai ab. Das ist möglich, weil der Sinai selbst ja ein Abbild von Eden ist.
Und man hat halt immer, das war ein bisschen eine Herausforderung beim Folienmachen, zwei Ebenen. Das eine ist die West-Ost-Ebene, die haben wir im Grundriss. Aber es gibt auch die Ebene von oben nach unten. Also das Allerheiligste ist eigentlich zuoberst, und dann geht das Heilige abwärts. Im Tempel wird es später mit Stufen gemacht, man geht immer Stufen hoch, um zur nächsten Ebene zu gelangen. Bei der Stiftshütte wäre das wahrscheinlich etwas kompliziert gewesen.

Der Einzug Gottes und der Dienst der Priester

Nach dem Abschluss des Baus der Stiftshütte ist es am Ende des zweiten Mosebuches so weit: Die Herrlichkeit Gottes, umhüllt von der Wolke, zieht um. Es gibt einen Umzug von der Spitze des Sinais in das Zelt der Begegnung.
Aber es gibt ein Problem mit dem Zelt der Begegnung. Es kann nämlich zwischen Gott und Mensch keine Begegnung stattfinden darin, obwohl es Begegnungszelt heißt. Mose heißt es, er konnte nicht in die Stiftshütte hineingehen, weil die Wolke darauf ruhte und die Herrlichkeit des Herrn die Wohnung erfüllte. So endet das zweite Mosebuch: Er kann nicht hineingehen ins Zelt der Begegnung.
Das dritte Mosebuch, Levitikus, beginnt damit, dass Gott Mose von der Stiftshütte her ruft, über Distanz. Statt einer Begegnung im Begegnungszelt gibt es also Kommunikation auf Distanz. Sieben Kapitel lang werden die Opfer beschrieben. Im achten Kapitel werden Aaron und seine Söhne zu Priestern geweiht. Und dann, im neunten Kapitel, ist es so weit. Das beginnt mit den Worten: Und am achten Tag rief Mose Aaron und seine Söhne und die Ältesten in Israel.
Wir haben also wieder einen achten Tag. Nach sieben Tagen auf der Sinai-Spitze durfte Mose am achten Tag in die Wolke der Herrlichkeit Gottes eintreten. Nach sieben Schöpfungstagen hat Gott Adam am achten Tag in den Garten Eden gesetzt. Und jetzt, nach sieben Tagen, an denen Gott das neu errichtete Begegnungszelt als seine Wohnung bezieht, dürfen am achten Tag Mose und Aaron hineingehen.
Die frisch geweihten Priester bringen das erste Opfer dar, das von nun an täglich dargebracht wird. Und am Ende von Kapitel neun lesen wir: Und Mose und Aaron gingen in das Begegnungszelt, und als sie wieder herauskamen, segneten sie das Volk, da erschien die Herrlichkeit des Herrn dem ganzen Volk.
Hier sehen wir etwas ganz Grundlegendes, was den Priesterdienst betrifft. Ich habe es schon im ersten Vortrag gesagt: Die Hauptaufgabe der Priester ist es nicht, Opfer darzubringen, sondern hineinzugehen und vor dem Angesicht Gottes zu dienen. Danach kommen sie heraus und bringen etwas für das ganze Volk mit: Segen.
Der abgegrenzte Garten ist kein Rückzugsort für die Priester, um einmal ein bisschen Ruhe vor dem Volk zu haben, sondern es ist ein Ort der Lebenskraft Gottes, der Garten. Und von diesem Ort der Lebenskraft Gottes aus wird der Mensch ausgesandt, um die ganze Erde mit dem Segen und der Herrlichkeit Gottes zu erfüllen.
Der Priesterdienst wird im Alten Testament an mehreren Stellen, ich habe es schon erwähnt, auch mit den gleichen zwei Verben beschrieben wie Adams Dienst im Garten Eden. Das eine ist dienen oder bebauen, und das andere ist bewahren oder bewachen. Das sind die beiden Worte. Und der Grund dafür ist, dass es in der Schöpfung, wir haben das ganz am Anfang gesehen, Licht und Finsternis gibt, Land und Wasser, Garten und Wüste, Leben und Tod. Gott hat die Erde nicht von Anfang an als Himmel geschaffen, sondern er hat etwas vom Himmlischen ins Irdische hineingelegt, wie einen Samen in den Erdboden. Und dann hat er den Menschen damit beauftragt, dieses Himmlische, das er ins Irdische gegeben hat, so zu verwalten, dass es die ganze Erde umgestaltet und erfüllt.
Im Garten Eden steht der Baum, dessen Frucht Leben bringt, und der Baum, dessen Frucht Tod bringt. Beide stehen ja dort: der Baum der Erkenntnis und der Baum des Lebens. Weil Adam und Eva auf die Schlange hören, begeben sie sich auf die falsche Seite. Die Priester aber gehen jetzt wieder hinein in das Heilige, in den Bereich des Lebens, und wenn sie hinauskommen, sollen sie Leben mit nach draußen bringen.
Was tun die Priester im Zelt der Begegnung? Sie begegnen Gott in Anbetung. Sie füllen die Menorah mit Öl, damit beständig ihre Lichter brennen. Sie wechseln jeden Sabbat die Schaubrote aus und essen die Schaubrote der vergangenen Woche, das Brot der Arbeit. Menorah und Schaubrote im Heiligtum symbolisieren den Baum des Lebens und das Getreide, die Speise, die in Gottes Garten wächst.
Sie tun also, die Priester tun einen kultischen Gärtnerdienst. Die Symbole, die drin sind, mit den Broten, Getreide und mit der Menorah, Baum, das sind eigentlich Pflanzen, und die Priester sind Gärtner.
In Levitikus 10, also im dritten Mose 10, Vers 10 bis 11, wird der priesterliche Auftrag in Worten beschrieben, von denen viele Alttestamentler sagen, das ist eigentlich der priesterliche Kernauftrag. Es heißt dort, ihr sollt unterscheiden, was heilig und unheilig, was unrein und rein ist. Das wäre der Wächterauftrag, bewahren, wachen, das Heilige vom Unheiligen trennen, das Reine vom Unreinen. Und Israel lehren alle Ordnungen, die der Herr ihnen durch Mose verkündet hat. Das wäre das Bebauen, Dienen und Bewahren. Unterscheiden und Lehren also: bebauen und bewahren.

Heiligkeit, Opfer und die Ordnung des Zugangs zu Gott

Das dritte Mosebuch bildet die Mitte der fünf Mosebücher. Es zeigt, wie der heilige Gott inmitten seines sündhaften Volkes leben kann. Darauf will ich jetzt noch etwas ausführlicher eingehen.
Opfer, Heiligkeit, Unreinheit, der Tag der Versöhnung – das sind Dinge aus dem dritten Mosebuch. Es geht also um Unterscheiden und Lehren, es geht um Bebauen und Bewahren.
Das dritte Mosebuch bildet die Mitte der Mosebücher und zeigt, wie Gott inmitten seines Volkes lebt. Zuerst sage ich etwas zu den Opfern. Ich kann natürlich nicht in die Details gehen, aber einige Unterscheidungen deutlich machen.
Die Grundunterscheidung ist die zwischen Blutopfern und nichtblutigen Opfern. Das ist eigentlich die erste Unterscheidung, die man treffen kann. Über sie sage ich nicht so viel. Nichtblutige Opfer wären Flüssigkeiten, Getreide und Früchte. Die nichtblutigen Opfer werden in der Regel den Blutopfern als Gabe beigefügt.
Die Blutopfer kann man nun wieder unterscheiden in solche, die vollständig verbrannt werden, hier als Ganzopfer beschrieben, und solche, die nur teilweise verbrannt werden. Ein Teilopfer heißt immer: Ein Teil des Fleisches wird gegessen. Es sind also Mahlzeitaspekte mit dabei.
Die Opfer, die vollständig verbrannt werden, heißen in deutschen Übersetzungen in der Regel Brandopfer, weil sie verbrannt werden. Im Hebräischen heißen sie aber nicht Brandopfer, sondern Aufstiegsopfer. Das Tier wird nämlich nicht einfach nur verbrannt. Der Gedanke dahinter ist: Wenn das Tier verbrannt wird, wird sein Leib verbrannt, das Irdische wird verbrannt, und in der Verbrennung verwandelt es sich in Himmlisches. Es steigt als Rauch in den Himmel zu Gott auf. Das ist das Aufstiegsopfer.
Und jetzt die Opfer, die teilweise gegessen werden: Man kann sie nochmals unterscheiden, und zwar in solche, bei denen das Volk den Anteil des Opfers, also das Fleisch, erhält, und solche, bei denen nur die Priester vom Fleisch essen dürfen.
Die Opfer, die dem Volk als Mahlzeit dienen, werden in der Bibel als Schlachtopfer und oft auch als Friedensopfer bezeichnet. Die gemeinsame Mahlzeit ist ein Zeichen des Friedens. Darum heißen sie Friedensopfer: ein Opfer der Tischgemeinschaft der Menschen mit Gott.
Die Opfer, die nur von Priestern gegessen werden, sind die hochheiligen Opfer. Meistens sind es Sündopfer, manchmal auch Schuldopfer. Das wird noch unterschieden, dazu sage ich nicht viel mehr.
Man kann also sagen: Es gibt von den Blutopfern eigentlich drei Opferarten: Aufstiegsopfer, Friedensopfer und hochheilige Opfer oder Sündopfer. Jedes dieser Opfer hat einen eigenen Schwerpunkt, und sie werden auch immer in der gleichen Reihenfolge dargebracht.
Das Hauptopfer ist das Brand- oder Aufstiegsopfer. Es wird in Israel immer jeden Tag am Morgen und am Abend dargebracht. Sein Schwerpunkt ist die Hingabe und das Aufsteigen vom Irdischen zum Himmlischen. So wie Mose auf den Sinai in die Gegenwart Gottes ging, so steigt das Aufstiegsopfer am Morgen und am Abend auf, weil ganz Israel zu Gott hinaufsteigen soll, eigentlich zurück nach Eden.
Ich habe es hier in der Mitte in der Tabelle hingeschrieben, weil es das zweite Opfer ist. Ich muss vielleicht schnell erklären, dass man herauskommt: Ich habe die Reihenfolge parallel zum Heiligtum gesetzt. Man kommt also von unten nach oben, es ist ein Aufstieg, und die Opfer werden von unten nach oben in dieser Reihenfolge dargebracht: das Sündopfer, dann das Aufstiegsopfer und das Friedensopfer.
Das Sündopfer hat mit Reinigung zu tun, das Aufstiegsopfer mit Hineingehen und das Friedensopfer mit Tischmahlzeit am Tisch Gottes. Das sind eigentlich drei Schritte des Hinzugehens zu Gott.
Also: Das Hauptopfer ist dieses Aufstiegsopfer. Das zweite Opfer, das immer nach dem Brandopfer dargebracht wird, ist das Friedensopfer. Das ist etwas kompliziert, weil die Abfolge, wie sie dargebracht werden, nicht die gleiche Reihenfolge ist wie in den Mosebüchern. Dort kommt zuerst das Hauptopfer, das Brandopfer, dann kommt das Friedensopfer. Und das macht wieder deutlich: Eigentlich geht es um alles, was da drin ist, weil das Friedensopfer mit Tischgemeinschaft zu tun hat und das Aufstiegsopfer mit Hineingehen.
Und das Sündopfer, das dann vorherkommt, ist eigentlich eine Notordnung. Das braucht es nur wegen der Sünde.
Jetzt also: In der Reihenfolge des dritten Mosebuchs ist das Friedensopfer so, wie Mose und die Edlen Israels, nachdem sie auf den Sinai gestiegen sind, zu Füßen Gottes aßen und tranken. So darf ganz Israel zu Gott aufsteigen und dann zu seinen Füßen essen und trinken. Im Friedensopfer hat Israel Gemeinschaft mit Gott und untereinander.
Und jetzt das dritte Opfer, das zuerst kommt, ist das Sündopfer. Es kommt immer vor dem Aufstiegsopfer. David fragt in Psalm 24: Wer darf auf des Herrn Berg gehen und wer darf stehen an seiner heiligen Stätte? Die Antwort lautet: Wer unschuldige Hände hat und reinen Herzens ist usw. Das Aufstiegsopfer ist nur dann möglich, wenn man unschuldige Hände hat und reinen Herzens ist und was alles noch genannt wird.
Das Sündopfer kommt vor dem Aufstiegsopfer, weil es diese Reinheit herstellen soll. Es ist zur Sühne gegeben. So haben diese drei Opfer immer die gleiche Abfolge: zuerst das Sündopfer für die Sünde, für das Sündenproblem, dann das Aufstiegsopfer, um hinaufzugehen, und dann das Friedensopfer, um mit Gott Tischgemeinschaft zu haben.
Wenn man das Prinzip verstanden hat, dann werden plötzlich manche Texte im dritten Mosebuch viel spannender, als sie es zunächst sind. Wenn man es nicht verstanden hat, dann fängt man an zu schauen, wo welches Opfer vorkommt und warum. Und dann versteht man plötzlich: Aha, darum zuerst das und so weiter. Das hat alles eine Logik, man muss sie nur verstehen.
Diese drei Opfer entsprechen auch den drei Schritten, die ich schon gesagt habe: durch das Wasser zum Berg des Herrn, um anzubeten. Also durch das Wasser zuerst am Altar und am Wasserbecken vorbei zum Berg des Herrn, also mit dem Sündopfer zum Berg des Herrn, Aufstiegsopfer, um anzubeten, Tischgemeinschaft, Friedensopfer. Es entspricht im Neuen Testament der Taufe durch das Wasser, Sündopfer, der betenden Zuwendung zu Gott und dem Abendmahl, der Gemeinschaft des Leibes.
Israels Opferdienst zielt also immer darauf ab, dass ein sündiges Volk dem heiligen Gott begegnen soll und darf, dies aber eigentlich gar nicht kann. Darum tritt das makellose Opfertier an die Stelle des Opfernden. Das Opfertier sühnt mit seinem Blut das Heiligtum, es steigt im Rauch zu Gott auf, und es verbindet sich mit allen in der Opfermahlzeit.
Am Opfertier wird rituell das vollzogen, wozu eigentlich jeder Israelit und von der Urgeschichte her, von der Schöpfung her sogar jeder Mensch bestimmt ist.
Übrigens finden wir diese Abfolge auch im berühmten Psalm 23: Der Herr ist mein Hirte, das heißt, ich bin ein Schaf, ich bin ein Opferlamm. Ich gehe durch das Tal des Todes, das Sündopfer, hinauf zum Tisch des Herrn, der von ihm bereitet ist, und um im Haus des Herrn immer da zu wohnen. Darum wird aus dem Schaf plötzlich jemand, der am Tisch des Herrn sitzt. Es ist eigentlich das, was sich im Opferlamm vollzieht. Es vollzieht sich auch am Psalmenbeter: Wie ein Opferlamm auf der Weide beginnt und durch den Tod hindurch im Haus Gottes landet und plötzlich nicht mehr eine Speise isst, sondern selber an der Speise teilhat, so auch der Psalmenbeter.
Und jetzt geht auch der Priester diesen Weg, wenn er ins Heiligtum geht. Darum will ich jetzt hier in Kürze die Stationen des Heiligtums erklären, weil das Heiligtum mit diesen verschiedenen Räumen nicht nur ein Ort, sondern auch ein Weg ist.
Nochmals vom Nachmittagsvortrag an Eden und Babel denken: Im Allerheiligsten ist die Herrlichkeit Gottes gegenwärtig, heilig, heilig, heilig. Darum hat es eine Würfelform, das Allerheiligste heilig im Kubik.
Heiligkeit ist Lebenskraft. Gott allein ist die Quelle allen Lebens. Sein heiliger Geist ist der Geist der Lebensschaft, das ist die Hauptaufgabe des Geistes Gottes: Leben schaffen. Alles fließt von ihm aus. Und auf der anderen Seite ist die äußerste Gottesferne die Abwesenheit von Leben und Licht, also Tod und Finsternis.
Unreinheit geht letztlich immer auf eine Berührung mit dem Tod zurück. Ich kann das jetzt nicht im Detail erläutern, aber alles, was man essen darf und was man nicht essen darf, hat immer mit dem Tod zu tun. Am offensichtlichsten ist es beim Berühren einer Leiche. Wer in der Gottesferne ist, der verunreinigt sich.
Unreinheit, das sind also die beiden Kräfte, die ausgehen: die Unreinheit und die Heiligkeit. Und Unreinheit kann man sich im Prinzip denken wie Schmutz. Wer unrein ist, muss sich reinigen durch Abwaschung der Unreinheit. Reinheit ist die Abwesenheit von Unreinheit. Also: Reinheit ist nicht eigentlich etwas Eigenes, sondern nur das Wegmachen von etwas. Wenn man die Unreinheit entfernt, dann ist man rein.
Wer in den Vorhof kommen will, also ganz außen hier in der Wüste, dem Ort des Todes, ist unrein und unheilig. Wer in den Vorhof kommen will, muss sich reinigen, durch das Wasserbad, durch das Wasser hindurch. Der Vorhof ist aber rein, zwar rein, aber nicht heilig. Reinheit und Heiligkeit sind nicht dasselbe. Reinheit ist die Abwesenheit von Unreinheit, aber Heiligkeit ist mehr als das.
Der Priester muss sich reinigen, um in den Vorhof zu kommen. Aber wenn er ins Begegnungszelt hineingehen will, dann muss er sich nach der Reinigung auch noch heiligen. Das sind zwei Schritte. Und er tut das, indem er die heiligen Gewänder anzieht und indem er sein Haupt mit Öl salbt.
Und was macht das Öl? Das Öl bringt das Angesicht zum Glänzen, heißt es in Psalm 104, so wie Moses Angesicht glänzt, wenn er in der Gegenwart Gottes ist. Erinnern wir uns: Adam und Eva erkennen, dass sie nackt sind. Dann macht Gott ihnen Kleider. Die Kleidung der Priester wird in 2. Mose 28 beschrieben, und es wird dort für das Priestergewand das gleiche Wort gebraucht wie für das Kleid, das Gott Adam und Eva angefertigt hat.
Das Kapitel schließt damit ab, 2. Mose 28. Das heißt: Die Priester müssen Beinkleider haben, wenn sie zum Altar hochsteigen, um ihre Blöße zu bedecken, und auch wenn sie ins Begegnungszelt gehen. Sie dürfen nicht nackt sein. Es ist wieder ein Anklang an Adam und Eva nach dem Sündenfall, damit sie keine Schuld auf sich laden und sterben müssen.
„Alle haben gesündigt und die Herrlichkeit verloren, die Gott ihnen zugedacht hatte“, schreibt Paulus in Römer 3. Aber er gibt eine Überkleidung, eine Heiligkeitsüberkleidung, dass man trotzdem wieder hinzutreten kann.
Abwesenheit von Unreinheit ist also nicht genug. Es braucht Heiligkeit, es braucht Glanz, es braucht Schönheit, um vor Gott zu treten. Ins Reich Gottes kommt man nicht durch Wasser allein, sondern durch Wasser und Geist. Denn der Geist heißt Heiliger Geist, weil er diejenigen heiligt, über die er ausgegossen wird, wie das Öl über das Haupt der Priester.
Reinigung und Heiligung sind die zwei Schritte, und das ist genau das Konzept, wenn Jesus sagt, in Johannes 3: Durch Wasser und Geist komme man ins Reich Gottes hinein. Das sind die beiden Schritte, die ein Priester vollziehen musste: Wasserreinigung und Heiligung durch die heiligen Gewänder und durch das Salböl.

Der Versöhnungstag als Reinigung des Heiligtums und des Volkes

In der Mitte des dritten Mosebuchs und in der Mitte der Tora – es ist schon spät, da steht der Jom Kippur, aber so viel habe ich auch nicht mehr – steht der Jom Kippur, also der große Versöhnungstag, an dem der Hohepriester einmal im Jahr ins Allerheiligste hineingeht.
Die Bedeutung dieses Tages kann man vielleicht am besten verstehen, wenn wir es, ich sage das jetzt mit allem Respekt, aber ich glaube, es hilft trotzdem beim Verstehen, mit einem Frühjahrsputz vergleichen. Die menschliche Sünde verunreinigt nicht nur das Herz des Menschen, der sie tut, sondern der Mensch verunreinigt alles, was ihn umgibt. Wenn Gott mitten in seinem Volk wohnt, dann wird sogar sein Heiligtum, und zwar bis ins Allerheiligste hinein, durch die Sünde des Volkes verunreinigt.
Einmal im Jahr muss es gereinigt werden. Das geschieht übrigens auch im Frühjahr. Es geschieht einerseits durch ein Sündopfer, eigentlich zwei Sündopfer: zuerst eines für die Priester und dann eines für das Volk. Das Sündopfer und das Blut dieser beiden Sündopfer bringt der Hohepriester nacheinander ins Allerheiligste.
Ich habe das hier so dargestellt: ein Schaf auf dem Kopf und eines normal. Das Interessante daran ist, dass eines getötet wird, also nicht von diesen beiden Sündopfern, die sind beide da oben, aber es kommt nachher noch der Sündenbock. Das Sündopfer wird getötet und das Blut an den Ort des Lebens gebracht. Der Sündenbock wird lebendig gelassen und an den Ort des Todes geschickt. Es gibt einen Austausch von Leben und Tod, darum habe ich es so dargestellt.
Das ist das Sündopfer, das ins Allerheiligste geht, und mit diesem reinigt der Hohepriester das Allerheiligste von den Sünden der Priester und des Volkes. Andererseits legt er die Schuld des Volkes auf einen Sündenbock. Er wird nicht geopfert, sondern in die Gegenrichtung, nach Osten, in die Wüste hinausgejagt. Innen wird also gereinigt, und nach außen wird der Abfall gebracht.
Der Jom Kippur ist im dritten Mosebuch ein Wendepunkt. Bis in die Mitte dieses sechzehnten Kapitels geht es ums Hineingehen, um Opfer, Reinheitsgesetze, Priestertum, den Weg zurück nach Eden in den Garten. Aber der Hohepriester geht nicht nur hinein, so wie Mose nicht nur hinaufging. Mose kommt ja wieder herab, und er bringt etwas herab. Er bringt die zehn Worte herab, er bringt das Gesetz herab, die Worte des Lebens, damit du lange lebst in dem Land, das der Herr, dein Gott, dir gibt.
Der Hohepriester kommt wieder heraus und er segnet das Volk mit dem Priestersegen: Der Herr segne dich und behüte dich. Der Herr lasse sein Angesicht über dir leuchten und sei dir gnädig. Der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir seinen Frieden.
So wie Adam den Garten nicht nur bewahren, sondern auch bebauen soll, damit er wächst und gedeiht und sich immer mehr ausbreitet, bis er die ganze Erde erfüllt, so soll auch der Priester nicht nur drinnen vor dem Angesicht Gottes stehen. Sondern er soll den Glanz, die Herrlichkeit, die Lebenskraft Gottes nach draußen bringen.
Während es also in der ersten Hälfte des dritten Mosebuchs ums Hineingehen geht, um die Frage, wie kann man überhaupt Gott begegnen, geht es in der zweiten Hälfte um die Heiligkeit. Wie verändert sich das Volk, wenn Gott in seiner Mitte lebt? Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig, der Herr, euer Gott. 3. Mose 19,2.
Im Kapitel, das mit diesen Worten beginnt: Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig, heißt es unter anderem auch: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst, ich bin der Herr. Das heißt es, heilig zu sein. Und es heißt schließlich auch im gleichen Kapitel: Wenn ein Fremdling bei euch wohnt in eurem Lande, den sollt ihr nicht bedrücken. Er soll bei euch wohnen wie ein Einheimischer unter euch, und du sollst ihn lieben wie dich selbst. Denn ihr seid auch Fremdlinge gewesen in Ägyptenland, ich bin der Herr, euer Gott.
Das bedeutet es, heilig zu sein, wie Gott heilig ist. Es stehen noch andere Sachen da, aber es heißt: von seiner Liebe erfüllt sein, empfangen und weitergeben. Es heißt auch: Vor einem grauen Haupt sollst du aufstehen und die Alten ehren und sollst dich fürchten vor deinem Gott, ich bin der Herr. Oder: Ihr sollt nicht unrecht handeln im Gericht, mit der Elle, mit Gewicht, mit Maß. Rechte Waage, rechtes Gewicht, rechter Scheffel, rechtes Maß sollen bei euch sein, ich bin der Herr, euer Gott, der euch aus Ägyptenland geführt hat.
Aus der Begegnung mit Gott, aus dem Wohnen Gottes inmitten seines Volkes, muss ein verändertes, ein geheiligtes Volk entstehen. Ein Volk, das Leben verbreitet, das Früchte des Geistes bringt und das nicht den Garten in eine Sahara verwandelt.

Das wandernde Heiligtum und der Weg in das verheissene Land

Nach dem dritten Mosebuch kommt wenig überraschend das vierte. Es beginnt damit, dass das Zelt der Begegnung, das vorher noch außerhalb des Lagerstands stand, jetzt mitten in Israel stehen soll.
Das vierte Mosebuch ist das einzige, in dem beschrieben wird, dass das Zelt in der Mitte des Volkes steht. Die Stämme sollen rundherum lagern, mit Gott in der Mitte und allen auf ihn ausgerichtet. So geht es auf den beschwerlichen Weg der Wüstenwanderung zum verheißenden Land.
Mit dem dritten Mosebuch ist Israel alles gesagt, damit Gott in seiner Mitte leben kann.

Der Tempel als Erfüllung derselben Logik

Jetzt noch ein kurzes Schlusskapitel und der Tempel. Ich. Nur noch eine Seite. Bisher ging es ja um die Stiftshütte und um das Begegnungszelt, aber der Titel des Referats heißt eben Stiftshütte und Tempel. Wie sieht es mit dem Tempel aus? Aber keine Angst, es kommt jetzt nicht nochmals ein gleich langer Vortrag, sondern ich kann es kurz fassen.
Der Tempel hat die gleiche Struktur und die gleiche Logik, die gleichen Räume auch wie die Stiftshütte. Auch der Tempel wird nach sieben Tagen eingeweiht, und die Macht übernehmen die Priester. Das große Tempeleinweihungsgebet von Salomo finden wir in 1. Könige 8, und das Kapitel endet mit folgendem Vers. Es ist jetzt noch nicht er, der hier steht, es heißt:
Und Salomo entließ das Volk am achten Tage, und sie segneten den König und gingen heim, fröhlich und guten Mutes über all das Gute, das der Herr an David, seinem Knecht, und an seinem Volk Israel getan hat.
Aber zum Abschluss des Vortrags möchte ich den Fokus nicht wieder auf den achten Tag richten, sondern auf den bekanntesten Vers aus Salomos Tempeleinweihungsgebet, in Vers 27. Dort betet Salomo:
Aber sollte Gott wirklich auf Erden wohnen? Siehe, der Himmel und aller Himmel Himmel können dich nicht fassen; wie sollte es dann dies Haus tun, das ich gebaut habe?
Es scheinen rhetorische Fragen zu sein: Sollte Gott wirklich auf Erden wohnen? Nein, natürlich nicht. Nicht einmal der Himmel, aller Himmel, können ihn fassen. Wie sollte es denn dieses Häuslein tun, das da in Jerusalem steht? Aber überraschenderweise lautet die biblische Antwort: Ja, Gott will auf Erden wohnen. Ja, der Gott, den die Himmel aller Himmel und Himmel und Himmel nicht fassen können, der kann sich so klein machen, so weit erniedrigen, dass er mitten unter uns wohnt.
Ich schließe mit Jesaja 57,14-15. Ich werde die Worte morgen dann auch nochmals aufnehmen. Das ebnet uns schön den Weg auch für den morgigen Vortrag zum Wohnen Gottes im Neuen Testament:
Macht Bahn, macht Bahn, bereitet den Weg, räumt die Anstöße aus dem Weg meines Volkes! Denn so spricht der Hohe und Erhabene, der ewig wohnt, dessen Name heilig ist: Ich wohne in der Höhe und im Heiligtum und bei denen, die zerschlagenen und demütigen Geistes sind, auf dass ich erquicke den Geist der Gedemütigten und das Herz der Zerschlagenen.