Serie•Teil 1 / 25Hebräerbrief
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Einführung in die besondere Perspektive des Hebräerbriefs
Bibelwoche 2017, Hebräerbrief, Kapitel 1 bis 6.
Der erste Vortrag heute Abend wird einfach eine Einführung sein. Wir hatten uns am Sonntag mit den ersten vier Versen des ersten Kapitels beschäftigt und dabei festgestellt, dass es im Hebräerbrief um Jesus geht. Genau genommen fängt der Autor damit an, uns Jesus in seiner ganzen Außergewöhnlichkeit vor Augen zu malen.
Und ich möchte ganz am Anfang diese sieben Aspekte, die ich am Sonntag vorgestellt habe, noch einmal wiederholen. Ich glaube, es ist gut, wenn wir sie uns merken. Eigentlich denke ich sogar noch einen Schritt weiter. Ich glaube, dass es gut ist, wenn die Fakten, die wir über Jesus wissen, Teil unserer persönlichen Anbetung werden.
Ich glaube, dass wir aufpassen müssen, dass wir die Fakten, die wir über Jesus sammeln, nicht einfach nur so zur Kenntnis nehmen, wie man im Unterricht Fakten zur Kenntnis genommen hat. Wir haben alle Fakten im Unterricht gehört. Was weiß ich, es gibt sieben Kontinente, das hat man irgendwann mal gehört. Oder vielleicht, wenn du den Umfang eines Kreises berechnen musst, dann ist es irgendwie d mal Pi. Also Durchmesser mal Pi wird irgendwann mal abgespeichert. Irgendwann ist einem im Verlauf der Geschichte vielleicht auch Dschingis Khan über den Weg gelaufen, und man weiß ungefähr: grob zwölftes Jahrhundert, da hinten in der Ecke.
Das sind so Fakten, die merkt man sich oder merkt sie sich eben auch nicht. Sie berühren mein Herz aber nicht wirklich. Und jetzt stehen wir im Glauben in der Gefahr, die Begegnung mit Jesus genau darauf zu reduzieren, nämlich darauf, dass ich Dinge über Jesus weiß.
Mir wäre wichtig, dass wir miteinander anfangen, das, was wir über Jesus wissen, umzuwandeln in Bewunderung, umzuwandeln in Anbetung, umzuwandeln in Lobpreis. Und wenn das nicht passiert, dann wird das Wissen, das wir über Jesus haben, eigentlich nutzlos bleiben. Denn Jesus will nicht einfach nur gewusst werden, sondern Gott möchte geliebt werden, möchte verherrlicht werden.
Und das war der Grund, warum er bei unserer Bekehrung etwas geändert hat. Er hat ein altes, ein steinernes, ein unempfindliches Herz, das in uns drinsteckt, genommen, hat es herausgemacht und hat uns ein neues, ein fleischernes, ein empfindsames Herz gegeben. Damit wir in der Lage sind, Jesus mit der Ganzheit unseres Wesens anzubeten.
Und Anbetung beginnt an der Stelle, wo wir begeistert sind für Jesus in der Stille, wenn ich alleine bin, wenn ich über ihn nachdenke und wenn ich das zulasse, dass das, was ich weiß, mich fasziniert, mich fesselt. Und deswegen wünsche ich mir, dass unser Wissen über Jesus Grundlage wird für ehrlichen Lobpreis und für intelligente Anbetung.
Und von daher noch einmal diese sieben Fakten, die wir am Sonntag gehört haben, aber eben nicht nur als Fakten, sondern, wenn ich einen Traum hätte, als Startpunkt für eure persönliche Anbetung heute Nacht, wenn ihr nicht schlafen könnt, morgen früh, wenn ihr wach werdet, dass ihr euch diese Dinge vornehmt und sagt: Hey, das ist das, wo ich loslaufen will und wo ich mir Gedanken machen möchte über Jesus.
Fakt Nummer eins: Alles gehört Jesus, mein Besitz, meine Familie, mein Leben eingeschlossen.
Fakt Nummer zwei: Jesus ist der Schöpfer des Universums. Das betont seine Macht und seine Kreativität, sein uneingeschränktes Handeln. Also, wer ein Universum machen kann, da fällt uns einfach nichts mehr ein. Der kann einfach alles. Das ist Allmacht praktisch.
Fakt Nummer drei: Jesus offenbart den Charakter Gottes auf vollkommene Weise. Er ist wie kein Zweiter heilig, sündlos, gerecht, gelebte Liebe und Hingabe an den Willen des Vaters. Das finden wir bei ihm wie sonst nirgendwo.
Dann Fakt Nummer vier: Jesus erhält alle Dinge. Die Welt wird in ihrem Innersten durch Jesus zusammengehalten. Er ist der Herr der Naturgesetze, und die Tatsache, dass er treu ist, das ist die Quelle allen Seins. Was jetzt existiert in diesem Moment, existiert jetzt durch Jesus, existiert jetzt, weil Jesus es will.
Fakt Nummer fünf: Jesus hat uns von unseren Sünden gereinigt. Liebe pur, Barmherzigkeit pur, Leidenschaft pur.
Fakt Nummer sechs: Jesus sitzt auf dem Ehrenplatz des Himmels. Er ist die Freude des Vaters, er ist der Wiederhersteller aller Dinge, der Sieger über Hölle, Tod und Teufel, und er wird jetzt schon im Himmel geehrt.
Fakt Nummer sieben: Jesus ist der Sohn Gottes. Er hat den Namen über alle Namen, er ist die wichtigste Person im Universum.
Das war kurz zusammengefasst die Predigt vom Sonntag. Jesus, überragend andersartig, absolut verehrungswürdig, er verdient alle Hingabe. Und dieser Jesus steht im Zentrum des Hebräerbriefes. Und deswegen jetzt eine kurze Einführung im ersten Vortrag in den ganzen Brief.
Warum dieser Brief nicht leicht zugänglich ist
Ich weiss nicht, ob ihr euch den Hebräerbrief im Vorfeld schon einmal durchgelesen habt, vielleicht sogar zweimal. Ich finde, der Hebräerbrief hat es in sich. Für mich ist er ein durchaus schwieriger Brief, den man nicht einfach so beim Saubermachen oder auf dem Weg zur Arbeit auf der Autobahn mal eben mithört und am Ende, wenn diese dreizehn Kapitel vorbei sind, sagt: Okay, war schön, war nett, alles klar.
Also, wenn das jemand so kann, super. Ich kann das nicht. Ich finde den Hebräerbrief kompliziert. Und ich finde, manche Gedankengänge sind ganz schön knifflig. Da hört man sich etwas an und denkt: Klingt erst einmal ein bisschen verworren. Da braucht man schon ein wenig Hilfe.
So empfinde ich es jedenfalls. Ihr könnt das anders empfinden, aber ich glaube, ich habe die meisten abgeholt, und die meisten werden sagen: Ja, stimmt eigentlich. Er erschliesst sich nicht so auf Anhieb. Und das hat meines Erachtens mit zwei Dingen ganz wesentlich zu tun.
Der erste Grund ist folgender: Von den 305 Versen, die der Hebräerbrief hat, sind 49 Verse Zitate aus dem Alten Testament. Das ist schon mal eine Ansage, oder? Also 49 Verse von 305. Das heisst, etwa jeder sechste Vers im Hebräerbrief ist ein Zitat aus dem Alten Testament. Und das macht den Hebräerbrief absolut einmalig.
Dieser Brief ist stärker vom Alten Testament abhängig als jedes andere Buch im Neuen Testament. Und man merkt sofort, dass der Autor sich im Alten Testament extrem gut auskennt, extrem lange darüber nachgedacht hat und dabei auch Zusammenhänge gefunden hat, die sich für uns auf den ersten Blick, und womöglich auch auf den erhofften zweiten und dritten Blick, einfach nicht erschliessen.
Wir erleben beim Lesen des Hebräerbriefes etwas sehr Grundsätzliches, nämlich dass die Schreiber des Neuen Testaments in ihrem Umgang mit dem Alten Testament oftmals Dinge finden, die die Rabbis, die jüdischen Rabbis ihrer Zeit, so nicht gesehen haben. Und es ist erstaunlich: Wir erleben also, dass auf der einen Seite die Schriftgelehrten die eigentliche Bedeutung des Alten Testaments nicht verstehen, während die Jünger einen Durchblick haben, der so viel weitergeht, dass wir, also ich zumindest, manchmal dastehen und denken: Boah, wie sind die jetzt auf diesen Gedanken gekommen?
Die Antwort darauf finden wir in Lukas 24,45. Es ist nämlich durchaus nicht so, dass die Jünger die geistigen Überflieger sind, die alles tiefer durchdrungen haben. Nach der Auferstehung bekommen die Jünger vielmehr Nachhilfeunterricht im Verständnis der Bibel, und zwar von Jesus selbst. Da heisst es in Lukas 24,45: Dann öffnete er ihnen das Verständnis, damit sie die Schriften verstünden.
Jesus nimmt sich Zeit, setzt sich mit seinen Jüngern hin und erklärt ihnen noch einmal die Bibel. Und das ist der Clou dabei. Das ist der Grund, warum die Autoren des Neuen Testaments das Alte Testament auf eine für uns manchmal überraschende Weise auslegen. Sie waren in die Schule des Meisters gegangen. Und das ist noch ein zweiter Pluspunkt: Sie schreiben unter der Leitung des Heiligen Geistes. Okay, das ist auch nicht zu verachten.
Ich will mit diesem Hinweis nur deutlich machen: Wenn ihr den Hebräerbrief lest und an Stellen kommt, an denen ihr sagt: Wie kommen die da drauf?, dann liegt das nicht daran, dass ihr womöglich zu dumm seid. Es liegt daran, dass da Meister vor euch sind, die etwas von Jesus gelernt haben und das Alte Testament in einer Tiefe verstehen, in der wir alle miteinander womöglich noch einen Moment brauchen, bis wir dort ankommen.
Also, Punkt eins: Warum ist der Hebräerbrief manchmal etwas verzwickt? Nun, es ist diese argumentative Nähe zum Alten Testament in der Auslegung, wie Jesus selbst das Alte Testament ausgelegt hat.
Wer angesprochen wird und warum das wichtig ist
So, ein zweiter Punkt. Der zweite Punkt hat mit der Zielgruppe zu tun. Es ist nämlich für uns nicht so einfach, dass wir uns mit dieser Zielgruppe identifizieren.
Wenn wir aus dem Inhalt des Briefes auf die Empfänger zurückschließen, sehen wir: Leider steht nicht da, an wen der Brief geschrieben ist. Manchmal hat man Briefe, da steht dann etwa „An die Philipper“. Hier steht zwar „Hebräer“, aber das ist erst später hinzugefügt worden. Im Brieftext selbst steht nicht, wer die Briefempfänger sind. Also müssen wir den Text nehmen und dann aus dem Text auf die Empfänger zurückschließen.
Dann handelt es sich hier um Christen mit jüdischem Hintergrund. Allein um die Argumentation des Briefes verstehen und auch würdigen zu können, müssen die Empfänger sich sehr gut im Alten Testament ausgekannt haben. Und wir lesen, dass sie schon eine ganze Weile gläubig sind. In Hebräer 5,12 tadelt sie nämlich der Autor. Er sagt:
Hebräer 5,12 Denn während ihr der Zeit nach Lehrer sein solltet, habt ihr wieder nötig, dass man euch lehre, was die Anfangsgründe der Aussprüche Gottes sind.
Also: Es sind Leute mit jüdischem Hintergrund, die schon eine Weile gläubig sind, aber gerade in ihrer Entwicklung nicht, wir würden heute sagen, suboptimal unterwegs sind. Und das, obwohl sie am Anfang ihres Glaubenslebens sehr gerne Verfolgung für Jesus auf sich genommen haben.
Da heißt es in Hebräer 10,32-34, und das sind für mich im Moment sehr nachdenklich machende Verse. Ich lerne die gerade auswendig, weil ich mir denke: Hoppladihopp, was früher für Christen so alles normal war. Da heißt es:
Gedenkt aber der früheren Tage, in denen ihr, nachdem ihr erleuchtet worden wart, viel Leidenskampf erduldet habt, als ihr teils durch Schmähungen und Bedrängnisse zur Schau gestellt und teils Gefährten derer wurdet, denen es so erging; denn ihr habt sowohl mit den Gefangenen gelitten als auch den Raub eurer Güter mit Freuden aufgenommen.
Das war ihr Stand. Sie wurden verfolgt, und sie haben das gerne mitgemacht, in den früheren Tagen. Aber diese Zeit liegt nun schon ein Weilchen zurück, und in der Gemeinde macht sich ein Gedanke breit, zumindest bei einigen: ein ganz gefährlicher Gedanke.
Die Spannung zwischen altem und neuem Bund
Der Hebräerbrief ist offensichtlich vor 70 nach Christus geschrieben. Was passiert im Jahr 70 nach Christus? Genau: Die Römer belagern Jerusalem, nehmen Jerusalem ein, zerstören die Stadt und den Tempel. Das heißt, der Hebräerbrief ist zu einer Zeit geschrieben, als der Tempel noch stand.
Stellt euch vor, die ersten vierzig Jahre nach der Kreuzigung stellen heilsgeschichtlich eine ganz merkwürdige Periode dar. Der neue Bund Gottes, durch den Glauben an den Messias, hatte den alten Bund vom Sinai abgelöst. Also: An Pfingsten fängt der neue Bund an. Und eigentlich kann man sagen, dass an Pfingsten, was den alten Bund angeht, der Schalter heruntergelegt wird: Er ist vorbei. Aber äußerlich bestand der alte Bund weiter. Äußerlich gab es immer noch einen Tempel und Priester.
In Hebräer 8,13 lesen wir von dieser merkwürdigen Spannung: Indem er von einem neuen Bund spricht, hat er den ersten für veraltet erklärt. Was aber veraltet und sich überlebt hat, ist dem Verschwinden nahe. Dem Verschwinden nahe, aber eben noch nicht verschwunden.
Und so werden diese jüdischen Konvertiten damit konfrontiert, dass sie an Jesus glauben und dafür auch verfolgt werden, während Tag für Tag die Morgen- und die Abendopfer im Tempel geschlachtet werden. Während ihre ungläubigen jüdischen Verwandten die jüdischen Feste feiern, bringt weiterhin am großen Versöhnungstag der Hohe Priester für die Sünden des ganzen Volkes Opfer dar. Das passiert die ganze Zeit weiter. Das ändert sich erst 70 nach Christus. Dann, mit der Zerstörung des Tempels, wird alles anders. Dann gibt es keine Opfer mehr, keine Priester mehr, keinen Tempel mehr.
Aber damals, zu der Zeit, als dieser Brief geschrieben wurde, war die jüdische Religion des alten Bundes, also die Religion, wie Jesus sie erlebt hat, noch völlig intakt. Und so vergehen die Jahre. Wir können uns das vorstellen: Etwa 30 nach Christus wird Jesus gekreuzigt, dann kommen die Leute zum Glauben. Am Anfang ist das eine schwierige Zeit, und man lässt sich darauf ein. Doch jetzt vergehen die Jahre, und es fängt an, dass es in der Gemeinde Stimmen gibt, die sich fragen, ob man nicht vielleicht lieber doch wieder zu diesem alten jüdischen Glauben zurückkehren sollte.
Es ist nämlich eine Sache, dass man sich als junger Mensch mit Begeisterung einer neuen Sache anschließt. Hier ist das so diese, ich nenne das mal, Jesus-ist-der-Messias-Bewegung. Als junger Mensch schließt man sich da an und sagt: Ja, das ist es. Und egal, was mich das kostet, nehmt mir ruhig mein Haus und meinen Job. Ja, und redet ruhig schlecht über mich, kein Problem. Das ist eine Sache. Es ist herausfordernder, über Jahre hinweg mit diesen Nachteilen zu leben, mit der Ausgrenzung zu leben. Vielleicht hast du gedacht: Nimm mir das ruhig weg, nächstes Jahr kommt sowieso Jesus wieder. Aber dann kam er nicht wieder. Er kam auch nicht im nächsten Jahrzehnt.
Und plötzlich hast du all diese Nachteile. Du heiratest vielleicht, und jetzt merkst du, dass dein Glaube und die Nachteile, die du hattest, scheinbar auch die Zukunft deiner Kinder verbauen. Jetzt müssen wir uns vorstellen, dass die Versuchung, einfach wieder zurückzugehen in das Alte, für Judenchristen natürlich besonders groß ist. Der alte jüdische Glaube war doch auch von Gott eingesetzt. Kann es wirklich so ein großes Ding sein, Gott einfach wieder so anzubeten, wie es früher auch normal war? Ist das wirklich so eine große Sünde? Vorher war es richtig, und jetzt soll es völlig falsch sein? Es ist doch derselbe Gott!
Das ist das Problem. Es geht ja um die Gemeinde, es geht ja darum, an wen der Brief geht. Das ist das Problem: eine Gemeinde, in der Geschwister müde werden, weil ihnen der Weg der Nachfolge zu hart wird. Und dass sie sich ernsthaft überlegen: Sollte ich nicht vielleicht das mit Jesus sein lassen?
Der Weg zum Leben, sagte der Herr Jesus, ist eng. Matthäus 7,13-14. Da beschreibt der Herr Jesus das. Er sagt: Geht hinein durch die enge Pforte, denn weit ist die Pforte und breit der Weg, der zum Verderben führt, und viele sind, die auf ihm hineingehen. Denn eng ist die Pforte und schmal, und das Schmale könnte man auch übersetzen mit bedrückt, anstrengend, schwierig. Da gibt es Widerstand. Und schmal der Weg, der zum Leben führt, und wenige sind, die ihn finden.
Hier ist eine Gemeinde, und in der Gemeinde gibt es Menschen, die für sich kurz vor der Entscheidung stehen, alles hinzuschmeißen.
Meine Frage war, warum uns der Hebräerbrief auf gewisse Weise fremd erscheint. Meine Antwort: Weil er an Christen mit Problemen geschrieben wurde, mit denen wir uns nur schwer eins zu eins identifizieren können. Das macht die Sache nicht unbedingt leichter. Natürlich können wir von ihnen lernen, und ich denke, wir werden eine ganze Menge Impulse aus diesem Brief mitnehmen. Aber diese zwei Dinge, auf der einen Seite ihr zutiefst im Alten Testament verwurzeltes Denken und auf der anderen Seite ihre sehr komplexe und auch vielleicht ein Stück weit einzigartige Lebenssituation, machen es uns nicht gerade leicht, diesen Brief zu verstehen.
Autor, Überlieferung und die Absicht des Schreibens
Frage: Wer hat den Brief eigentlich geschrieben? Das steht nicht da. Ja, wir wissen es nicht. Er ist anonym. Er fängt eben nicht an wie viele Briefe im Neuen Testament: „Ja, ich, der und der, schreibe euch.“ Das steht da einfach nicht.
Es ist schon interessant, wenn man in die Kirchengeschichte schaut und all die Vermutungen liest. Da steht nichts, aber natürlich stellen die Leute Vermutungen an, wer es gewesen sein könnte. Ganz vorne, also ich würde sagen, absolute Nummer eins der Vermutungen: Paulus. So etwas Komplexes kann nur Paulus geschrieben haben. Dann kommt aber sofort der Einwand: „Hm, das Griechische ist eigentlich zu geschliffen für Paulus.“ Also ergänzt man das und sagt: Vielleicht war es Paulus, und Lukas hat ihm beim Schreiben geholfen, so als Sekretär.
Und das gab es in der Antike wirklich, dass man Briefe diktiert hat. Ihr kennt das vom Römerbrief. Da heißt es am Ende: „Ich, Tertius, schreibe.“ Ja, also da kriegt man das mit: Der Römerbrief ist auch diktiert, und Tertius hat das aufgeschrieben. Und als Paulus am Ende bei den Grüßen mal so Luft holt, ja, da schreibt er schnell seinen Gruß hin. Vielleicht war das hier auch so. Maybe. Wir wissen es nicht.
Diese Sekretäre jedenfalls hatten in der Antike durchaus, wenn da so ein Brief diktiert wurde, die Möglichkeit, mehr als nur Wort für Wort das aufzuschreiben, was ihnen diktiert wurde, sondern auch Einfluss darauf zu nehmen. Tja, vielleicht war es Paulus mit Lukas, ja? Tertullian denkt an Barnabas, Martin Luther an Apollos, evangelikale Feministinnen sind dann doch eher für Priscilla. Am Ende ist das so, wie Origenes das zu Recht zusammenfassend schreibt: Zitat: Nur Gott weiß, wer den Hebräerbrief geschrieben hat.
Das ist eine gute Einstellung. Also ich finde, das ist eine gute Einstellung zu vielen Fragen in der Bibel, wo uns die Argumente fehlen, weil wir keine Fakten haben, auf die wir sie bauen könnten. Also wisst ihr, das Einzige, was wir über den Autor des Hebräerbriefes wissen, lesen wir in Hebräer 13,23. Es ist die Tatsache, dass er Timotheus kennt. Das ist schon alles. Alles, was wir über den Autor des Hebräerbriefes wissen, steckt in Hebräer 13,23: „Wisst, dass unser Bruder Timotheus freigelassen ist, mit dem ich euch sehen werde, wenn er bald kommt.“ Aha, so, das ist es. Also, der Autor kennt Timotheus. Und er reist mit ihm zusammen. Und er schreibt ein ziemlich gutes Griechisch und kennt sich toll im Alten Testament aus. Das wissen wir über den Autor. Mehr nicht.
Und deswegen kann ich euch leider auch nicht sagen, wer den Brief geschrieben hat. Was ich ziemlich gut verstehe, ist die Schreibabsicht. Und ich habe ja vorhin schon die Empfänger skizziert, und wir schauen uns noch einmal die Schreibabsichten ein klein bisschen genauer an.
Da heißt es nämlich in Hebräer 13,22, einem meiner Schmunzelverse in der Bibel, immer wieder, wenn ich da vorbeikomme: „Ich bitte euch aber, Brüder, ertragt das Wort der Ermahnung, denn ich habe euch ja kurz geschrieben.“ Ich schmunzle deshalb, weil es bei meiner Hörbibel eine knappe Stunde dauert, den Hebräerbrief durchzuhören. Das ist nicht kurz, das ist fast eine Stunde. Für die Jungs damals hatten die irgendwie Zeit, das merkt man. Es ist nicht so ein Sprung zu unserer heutigen Zeit, ja, das ist nicht dieses instantmäßige Aufreißen, Einrühren, fertig. An der Stelle ist das kurz geschrieben, das ist mal so ganz oberflächlich ein Thema abgehandelt, das ist noch nicht tief schön. Da fragt man sich: Hm, ja.
Wo könnten wir hinkommen, wenn wir das auch so sehen könnten? Ja, stimmt, das war kurz. Wenn wir so viel Zeit hätten, uns in Ruhe darüber Gedanken zu machen, einfach schön.
Also, was will der Autor? Er will die Geschwister ermahnen. Ihr wisst schon, das Wort ermahnen kann man auch übersetzen mit ermuntern oder trösten. Es geht darum, dass jemand einem anderen einen Schubs gibt, und zwar in die richtige Richtung. Und der Schubs, das werden wir noch sehen, ist hier im Brief teilweise recht ordentlich.
Während es nämlich unter den Briefempfängern solche gibt, die ganz ernsthaft mit dem Gedanken spielen, Jesus aufzugeben, Jesus zugunsten einer Rückkehr zu ihren alten jüdischen Wurzeln aufzugeben, und sich gar nicht viel dabei denken: „Ja, das ist doch eine gute Idee.“ Der Autor weiß, wie fatal, wie verrückt ein solcher Schritt wäre. Und deswegen warnt er an mehreren Stellen im Hebräerbrief so eindrücklich vor diesem Schritt, dass vielen, vor allem jungen Christen, beim Lesen dieser Stellen ganz mulmig wird, weil sie sich instinktiv die Frage stellen, ob sie damit gemeint sein könnten.
Ich zeige euch mal eine solche Stelle, und ich weiß nicht, wie oft junge Christen mich nach dieser einen Stelle schon gefragt haben: Hebräer, Kapitel 10. Das ist eine dieser Warnungen, Verse 26 und 27. Da heißt es in Hebräer 10,26-27: „Denn wenn wir mutwillig sündigen, nachdem wir die Erkenntnis der Wahrheit empfangen haben, bleibt kein Schlachtopfer für Sünden mehr übrig, sondern ein furchtbares Erwarten des Gerichts und der Eifer eines Feuers, das die Widersacher verzehren wird.“
Haha, das ist mal eine Stelle, oder? Stell dir das als Taufspruch vor. Ja, oder zur Hochzeit. „Ihr braucht doch noch einen Vers für den Anfang Oktober“ – das wäre doch was. Man liest so etwas und denkt: mutwillig sündigen. Und jetzt muss man eben verstehen: Das ist im Hebräerbrief viel mehr als nur bewusst sündigen. Diesen Vers und ein paar andere Verse im Hebräerbrief bitte nie aus dem Zusammenhang reißen, bitte nie! Du kannst, wenn du schlecht drauf bist, dich mit diesen Versen so richtig schlecht drauf machen. Das ist so die Art von Vers, wo man sich irgendwie selbst wehtun kann, so richtig böse geistlich verletzen kann.
Der Autor warnt Christen, und er schreibt hier an eine Gemeinde, wo es eine Gruppe gibt, die dabei ist, Jesus und den Glauben an Jesus, das, was sie an Glauben haben, aufzugeben. Er warnt eine Gemeinde mit Christen, wobei er vielleicht gar nicht so genau weiß: Sind das jetzt Christen oder sind das keine Christen? Also das bleibt so ein bisschen offen bei dieser einen Gruppe, die sich da vom Glauben abwenden will. Zumindest scheinen sie keinen rettenden Glauben zu besitzen. Und er warnt diese Gemeindeglieder davor: Tut diesen Schritt zurück auf keinen Fall!
Denn wenn ihr verstanden habt, wer Jesus ist – das ist das hier, was mit „Erkenntnis der Wahrheit“ gemeint ist –, wenn ihr das verstanden habt und dann zugunsten eines ruhigeren, sicheren Lebens Jesus aufgebt und einfach wieder Jude werdet, dann ist das nicht eine Entscheidung, die man jederzeit wieder rückgängig machen kann. Sondern wenn du diesen Schritt gehst, dann bist du rettungslos verloren. Dann bleibt dir tatsächlich nur das furchtbare Erwarten des Gerichts.
Und um das Denken des Autors richtig zu verstehen, müssen wir in unserem eigenen Denken vielleicht einen Punkt korrigieren. Modernes evangelikales Denken definiert Bekehrung oft als einen Punkt. Das ist auch nicht ganz falsch. „Jürgen, wann hast du dich bekehrt?“ – „Na ja, im Mai 1987 abends, im Anschluss an einen Vortrag auf der Mai-Bibelwoche.“ Hm, das ist schon richtig. Ich hoffe, dass viele oder wir alle irgendwie so etwas sagen können. Da gibt es einen Moment in meinem Leben, da habe ich das mit Gott richtig festgemacht. Spätestens die Taufe sollte eigentlich so ein Moment sein.
Aber wenn die Bibel von Bekehrung spricht, dann spricht sie nicht so sehr von diesem Punkt, sondern sie stellt immer die Frage nach Glauben. Was muss ich tun, um gerettet zu werden? Glaube! Und jetzt wird es spannend, denn Glaube ist in der Bibel nicht gleich Glaube. Es gibt viele Bekehrungen, die sich im Nachhinein, und das wissen wir alle leider, irgendwann als nicht echt herausstellen. Und es hilft dann auch nicht, wenn wir darauf beharren und sagen, dass diejenige, die jetzt ohne Gemeindeanbindung mit ihrem ungläubigen Freund zusammenwohnt und leidenschaftlich für diesen Star aus der Fernsehserie Lucifer schwärmt, es reicht dann auch nicht zu sagen: „Ja, aber die hat sich doch mal vor Jahren bei so einem Pfingstjugendtreffen bekehrt.“ Hat sie nicht. Beziehungsweise das, was sie jetzt lebt, ist kein Glaube, kein rettender Glaube.
Und deswegen müssen wir ganz, ganz vorsichtig sein, dass wir nicht zu sehr auf diesen Moment der Bekehrung abstellen, so schön es ist, wenn wir den haben. Biblisch ist es viel wichtiger, dass wir nicht ein Lippenbekenntnis für Gott oder eine momentane Begeisterung für Jesus mit rettendem Glauben verwechseln. Es gibt Glauben, der nicht rettet. Und das müssen wir im Kopf haben, weil die Leute, die der Schreiber des Hebräerbriefes vor Augen hat, einen genau solchen noch nicht reifen, nicht rettenden Glauben haben, und die stehen in der Gefahr, aufzugeben.
Wir lesen Lukas 8,13. Da heißt es: „Die aber auf dem Felsen“ – und ich habe euch jetzt nicht die Einleitung gebracht, es geht um das Sämannsgleichnis. Da gibt es verschiedene Felder, auf die wird Samen geworfen. Ein Feld, das ist der Felsen, und die Geschichte geht so: Der Same fällt auf dieses felsige Erdreich und dann geht er relativ schnell auf, und dann kommt die Sonne, und dann verdorrt er. Dann fragen die Jünger, was das soll, und Jesus erklärt ihnen jetzt das Sämannsgleichnis. Unter anderem heißt es: „Die aber auf dem Felsen sind die, welche, wenn sie hören, das Wort mit Freuden aufnehmen.“ Das ist so diese erste Begeisterung. Und jetzt kommt dieser hässliche Zwischensatz: „und diese haben keine Wurzel.“ Für eine Zeit glauben sie, das heißt, für eine Zeit sind sie nicht zu unterscheiden von allen anderen in der Gemeinde, aber in der Zeit der Versuchung fallen sie ab.
Es gibt diesen Glauben für eine Zeit, einen Glauben, der keine Wurzel hat, keinen Tiefgang hat und der dann in Zeiten der Versuchung und der Ablehnung und der Verfolgung, wenn Glaube nachteilig und kostspielig wird, sich als nicht echt herausstellt. Versteht ihr, es geht nicht einfach nur darum zu sagen: Wann hast du dich bekehrt? Die, die hier mit Begeisterung das Wort aufnehmen, könnten dir in einem Termin sagen, da ist das passiert. Es geht um die Frage: Wie echt ist mein Glaube, wenn er geprüft wird? Was bleibt dann noch übrig?
Und Versuchung ist dazu da, Glauben zu prüfen. Versuchung ist etwas total Positives, denn es gibt wahrscheinlich nichts Schlimmeres, als wenn jemand meint, gerettet zu sein, und es am Ende nicht ist. Und deswegen, das hatten wir auch schon, fängt das Gericht auch an am Haus Gottes. Gott trennt.
Mir ging es darum, dass wir, wenn wir über eine Gemeinde nachdenken, begreifen: Die Warnungen im Hebräerbrief sind deshalb so scharf, weil das Glauben so unterschiedlich sein kann und weil eben Glauben kein Spiel ist. Glauben ist nichts, was man mal tut und dann wieder, wenn es zu anstrengend wird, einfach sein lässt. Glauben hat einen Startpunkt. Ich verstehe, was Jesus für mich getan hat. Ich verstehe aber auch, welchen Anspruch er an mein Leben hat.
Und wenn ich mich jetzt Jesus annähere, und das beginnt meistens dadurch, dass man in der Bibel liest, auf irgendwelchen Internetseiten unterwegs ist, wo Christen ihre Erfahrungen austauschen, im Hauskreis aufschlägt, im Gottesdienst – wenn ich mich Jesus annähere und erfahre, wer er ist und was er für mich getan hat, und dann womöglich meine ersten Gebetserhörungen erlebe, das erste Mal Trost erlebe, vielleicht ein Wunder erlebe, wo Gott in mein Leben eingreift, ich eigentlich weiß, dass es ihn gibt – das steckt hinter dem Begriff der Erleuchtung. Mir muss keiner mehr etwas erklären, ich habe es verstanden. Und dann gebe ich ihm den Laufpass. Ich bin für einen Moment begeistert, und irgendwie finde ich die Gemeinschaft toll, und irgendwo ist dieses Christsein ja so total abgefahren – was für ein Ding, ja – und dann gebe ich Jesus den Laufpass, weil mir Nachfolge zu beschwerlich oder zu teuer wird, dann gibt es für die, die diese Entscheidung treffen, kein Zurück mehr.
Dann bleibt, um noch einmal Hebräer 10,27 zu zitieren, nur ein furchtbares Erwarten des Gerichts und der Eifer eines Feuers, das die Widersacher verzehren wird.
Und jetzt verstehen wir, warum der Schreiber des Hebräerbriefes so dramatisch auftritt: weil er eine Gemeinde vor sich sieht, wo vielleicht der größte Teil gut läuft, aber mittendrin merkt er, das sind einzelne, die stehen kurz davor, das alles wieder wegzuschmeißen. Einzelne, bei denen der Glaube noch keine tiefe Wurzel geschlagen hat, wo noch nicht in letzter Konsequenz der Unglaube aufgegeben wurde zugunsten eines echten, tiefen Gottglaubens. Und wo der Autor weiß: Wenn die diesen Schritt tun, dann gibt es für die kein Zurück mehr. Das war es dann.
Das ist das, wenn im Alten Testament mit erhobener Hand gesündigt wird, oder wenn Jesus den Pharisäern sagt, dass sie die Sünde wider den Heiligen Geist begangen haben. Das ist diese Qualität von Sünde. Und deswegen tritt der Schreiber des Hebräerbriefes so massiv auf und sagt: Seid bloß vorsichtig! Oder er spricht zu denen, die gläubig sind: Passt auf, dass der, der neben euch sitzt, nicht genau das Problem hat, und kümmert euch darum, ihr seid füreinander verantwortlich.
Das Ganze ist deshalb so dramatisch. Jesus ist, und das ist vielleicht jetzt der wichtigste Beitrag, den der Hebräerbrief zur Theologie des Neuen Testaments liefert. Es ist auch gleichzeitig, nur da kommen wir dieses Jahr nicht dazu, der thematische Höhepunkt des Hebräerbriefes: Jesus ist unser Hohepriester. Er hat am Kreuz das Opfer gebracht für uns, für meine Schuld. Er ist mit seinem Blut in ein himmlisches Heiligtum hineingegangen, um unsere Sünden zu sühnen. Und wer diesen Hohepriester nicht haben will, wer sein Opfer und seine Vergebung ablehnt, der kann noch so viele Jom-Kippur-Feste feiern, noch so viele Gebete sprechen oder was auch immer er tun möchte, um sich selber zu erlösen: Er wird bei Gott kein Gehör finden. Wenn du Jesus nicht willst, da gibt es nicht eine Alternative.
Rettender Glaube glaubt an Jesus, aber mehr noch: Er hat eine Wurzel, die tief hineinreicht, die in Zeiten der Dürre aus einer persönlichen, innigen Beziehung mit Jesus lebt. Rettender Glaube verbindet Wissen über Jesus auf der einen Seite mit Ausharren. Das heißt, rettender Glaube lässt sich von Schwierigkeiten nicht unterkriegen, und das nicht, weil wir so stark wären, sondern weil wir wissen, wer Jesus ist, was wir an ihm haben und dass wir ohne ihn ins Nichts fallen. Das nicht zu vergessen, darum geht es dem Hebräerbrief.
Und jetzt machen wir eine kurze Pause: zehn Minuten.
Vielen Dank an Jürgen Fischer, dass wir seine Ressourcen hier zur Verfügung stellen dürfen!
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