Predigttext und Einleitung
Jesus Christus gestern und heute und der selbe auch in Ewigkeit. Lasst euch
nicht durch mancherlei und fremde Lehren umtreiben, denn es ist ein
köstlich Ding, dass das Herz fest werde, welches geschieht durch Gnade.
Herr, mach unser Herz fest. Amen.
Das Treibholz
Es gibt eine Sache, die mir Spaß macht, und die meine Kinder gerne machen:
auf einer Brücke stehen und Hölzer in den Fluss zu werfen und dann steh ich
auch gerne oben und schau diesen Hölzern nach, wohin es sie treibt. Das ist
nämlich ganz interessant. Jedes Holz beschreibt einen andern Weg. Das eine
wird schnell nach rechts getrieben, ein anderes kommt in einen Strudel und
dreht sich lang im Kreise. Wieder ein anderes, das stößt gegen irgendeinen
so herausragenden Stein mitten im Fluss. Und man steht dort oben auf der
Brücke und sieht die Macht des Wassers, das da alles mit sich zieht und mit
sich treibt. Man kann noch lang diese Hölzer sehn wie sie dort auf dem
Wasser entlangtanzen, und wie sie dann irgendwo in der Ferne unserm Blick
entschwinden. Ich denke, nicht anders, wenn ich auf dieses Jahr
zurückblicke. An Begegnungen, die man hatte, mit Menschen, an Gespräche,
die man führte, an Ereignisse, und letztendlich sogar an mein eigenes
Lebensschicksal. Man spürt das mit jedem Jahr, wo man älter wird,
deutlicher, wie man eigentlich nur mitgezogen und mitgerissen wird in
diesem Strom, in diesen Wassermassen. Und wenn wir jetzt ein altes Jahr
abschließen wollen, das kann ja keiner anhalten von uns. Wir werden
weitergezogen und weitergerissen und man kann jetzt planen und sich Dinge
vornehmen für das Neue Jahr, aber wir wissen es ja ganz genau, wie das ist.
Wer weiß denn, wohin es uns treibt? Das kann ja ganz rasch kommen, dass wir
da in so einem Strudel festgehalten werden. Und dann Monat um Monat um eine
Krankheit nur kreisen. Wir hatten alles ganz anders uns vorgestellt, aber
wir kommen da nicht mehr raus aus diesem Kreislauf. Und wie viele aus
unserer Mitte könnten jetzt ein kurzes Wort sagen, wie sie sich 1975 auch
anders vorgestellt hatten. Und dann kam der Todesfall, und seitdem kreisen
sie. Sie kommen nicht mehr heraus.
Dinge, die nicht halten
Es ist eine mächtige Sache um diesen
reißenden Strom und dieses Wasser, und wenn man dann oben auf der Brücke
steht, dann kann man darüber nachdenken, dass da ein Brückenpfeiler ist,
auf dem man steht, und dann wundert man sich plötzlich, wie dieser Pfeiler
in den Fluten dieses Wassers feststeht. Der wird nicht mitgezogen und der
ist kein Treibholz. Der steht gestern, heute, morgen, und das Wasser stürmt
auf diesen Pfeiler zu, aber der wird nicht weggedrückt. Der steht fest, und
das Wasser wird weggedrückt, das Wasser wird geschoben. Ich wollte gern so
ein Pfeiler sein, ich wollte gerne so fest stehen. Sie nicht auch? Das ist
mein Wunsch fürs Neue Jahr! Dass geschehen kann, was will, dass eintreten
kann, was will, dass ich feststehe, ich stehe nicht so fest! Aber ich
wünsch mir das. Das wäre schön. Ich will kein Treibholz sein, hierhin und
dorthin gespült. Sehen Sie, deshalb brauchen wir ja etwas Festes im Leben.
Und jeder von uns sucht sich etwas Festes. Vielleicht ging's ihnen so, wenn
sie mal in einem reißenden Wasser drin waren, dass Sie irgendwo gesucht
haben, sich wo festzuhalten am Ufer. Vielleicht war es nur eine Wurzel, die
da ins Wasser hineinhing, und da hielten Sie sich fest daran, und sagten:
Ich muss mich doch wo halten können. So machen wir es alle, wir suchen im
Leben einen festen Halt, und den brauchen wir.
Wir sind ja so glücklich,
wenn wir einen Menschen gefunden haben, an den wir uns halten können.
Genügen ein paar kurze Andeutungen für Sie jetzt, um Ihnen das alles noch
einmal anzureißen? Dieser eine Mensch, den wir hatten, und der uns dieses
Jahr weggerissen wurde, das war doch mein ganzer Halt! Ich brauch doch im
Leben irgendetwas, und seitdem hab ich nichts mehr, seitdem werde ich
wieder mitgezogen und mitgerissen. An was soll man sich denn sonst halten,
als an irdische Dinge? Deshalb ist wichtig, ob ich eine gute Versorgung
habe. Deshalb ist wichtig, ob es mir gut geht. Deshalb ist so wichtig, ob
ich gesund bin. An was soll ich mich denn sonst halten können, mir
entgleitet doch alles. Ich brauch doch einen Halt. Das ist doch nicht
gleichgültig. Mir bedeutet es doch selbst im Leben so viel. Machen wir uns
doch nichts vor. Aber es ist uns auch das teilweise entglitten und es wird
uns alles entgleiten. Daran erinnern wir uns, dass uns kein Halt, kein noch
so großer irdischer Halt uns irgendwo auf ewig fest und gewiss machen kann.
So groß uns unsere Ehegatten sind, so viel uns unsere Kinder bedeuten, so
viel, wie wir an unsern Eltern haben, was es ist in unserm Leben, es
zerrinnt uns, und es wird uns weggerissen. Das macht dein Zorn, Herr, dass
wir so vergehen müssen. Das macht dein Grimm, dass wir so dahinfahren. Wie
ein Strom, heißt es im Psalm 90. Wie kann man dann fest werden?
Es gibt
noch einen Ausweg und den behandelt der Schreiber des Hebräerbriefs und
lehnt ihn auch ab. Es ist nämlich das, dass man sich an irgendwelche Lehren
hinhängt. An Lehren, an Überzeugungen, Meinungen, Ideologien, an Träume, an
Ideen, an Lebensgewohnheiten, und ich bewundere Menschen, die sagen: Du
musst nur Disziplin haben, Ich habe oft gedacht, solch eine Disziplin habe
ich nicht. Wie manche Menschen mit einer Gelassenheit das alles ertragen
können, wie sie im Strom stehen mit einer eisernen Entschlossenheit fest zu
bleiben. Es gibt Menschen, die sich nichts anmerken lassen, von dem toben
in ihnen, drin, mittendrin, in der Unruhe ihres Herzens. Von der Ungeduld,
nach außen in der großen Gelassenheit und scheinbaren Gleichgültigkeit.
Die Begnadigung
Nein, ich sehe auch darin keinen Weg, denn Halt und Gewissheit ist mir das
nicht. Es gibt einen Halt, dass das Herz fest werde, welches geschieht
durch Gnade. Und nicht durch Disziplin. Und das ist ein Bild, das hier der
Schreiber des Hebräerbriefs gebraucht, und ich kann dieses Bild nur so
Ihnen noch einmal erzählen, damit wir es verstehen. Da sitzt einer in
Untersuchungshaft und wartet auf seinen Prozess. Er ist eingesperrt. Er
wollte gerne hinausschauen ins Freie. Er hört draußen die Vögel zwitschern.
Sommer. Er sitzt lange. Und dann ist Winter und er sinnt nach, wie jetzt
seine Familie zu Hause Weihnachten feiert. Er nimmt an allem teil, aber ist
getrennt. Da sind diese Gitterstäbe und er weiß, ich muss raus, ich muss
raus, das ist sein Traum, das brauch ich, das brauch ich. Es kommt nicht.
Es kommt der Prozess und es kommt die Verurteilung. Er steht vor dem
Richter und er sagt ihm sein Urteil: Lebenslange Haft. Und dann trottet er
zurück in seine Zelle und kann das alles nicht fassen. Aber dann kommt der
Augenblick, wo der Gefängnisdirektor in seine Zelle hereinkommt, und sagt:
Morgen können Sie Ihre Sachen packen, sie sind frei. Das Justizministerium
hat einen Gnadenerlass gemacht und hat sie begnadigt. Verstehen Sie, was
das für den Mann bedeutet? Der liegt nachts wach und immer wieder sieht er
diesen Zettel, er kriegt ja noch ein Papier mit, das muss er lesen und
lesen: Begnadigt!
Wenn wir ins Neue Jahr hineingehen, ich verspreche Ihnen
nichts an äußerem Glück. Ich verspreche Ihnen nicht und Gott verspricht
Ihnen nicht, dass Sie dem Tod entnommen sind. Gott verspricht Ihnen nicht,
dass Sie der Krankheit entnommen sind. Gott verspricht Ihnen nicht, dass
Ihnen das Leid erspart bleibt. Aber er hat Ihnen seine Begnadigung
zugesagt. Und über diesem Neuen Jahr steht: Er, Jesus Christus, und sagt:
Ich bin bei dir, weil ich deine Ketten sprenge. Weil ich in deinem Leben
dir zuerst einmal das zeige überm Neuen Jahr 1976 soll die Güte Gottes
stehen, die er Ihnen persönlich zusprechen will. Die Sie erfahren sollen,
dass seine Liebe und seine ganz persönliche Führung in Ihrem Leben spürbar
wird. Dass Sie sagen können: Ich steh in meines Herren Hand und will drin
stehen bleiben. Es gibt nichts, wo er nicht mit mir hingeht in dieses Neue
Jahr, weil ich begnadigt bin! Weil er das alte zugedeckt und ausgestrichen
hat. Dieser Häftling, der liest seine Begnadigungsurkunde. Ich kann mir
keinen Tag im Neuen Jahr vorstellen, wo ich mir das nicht immer neu ins
Gedächtnis rufe. Nicht der Tod hat ein Recht auf dich. Nicht die Mächte
haben ein Recht auf dich, nicht die Menschen, du stehst in der Hand deines
Herrn, in der Hand Jesu. Freue dich doch! Deshalb die Urkunde lesen!
Deshalb muss das Neue Testament so einen Platz haben. In unserm Jahr 1976,
um das zu wissen, ich bin begnadigt, ich bin angenommen, Jesus Christus
gestern und heute, und derselbe auch in alle Ewigkeit, das heißt doch:
Dieser Jesus gestern, das ist doch geschrieben aus der Zeit des
Hebräerbriefs. Das heißt doch, dieser Jesus war schon da, als die Welt
geschaffen wurde, dieser Jesus als der Herr war schon da, als ein Abraham
unstet übers Land irrte, dieser Jesus war schon da, als das Volk Israel
unter Fronherrschaft litt, dieser Jesus war schon da, als sie kein Wasser
in der Wüste hatten, dieser Jesus war schon da, als Jerusalem zerstört
wurde, dieser Jesus war da, damals als er diesen Menschen begegnete mit
ihrer Last, als er am Grab des Lazarus sprach: Komm heraus, als er den Tod
zerbrach, Jesus Christus damals, bei den Vätern, Jesus Christus gestern.
Und dann das Heute, die Zeit des Hebräerbriefs. In der Offenbarung in
Jesus, und seitdem in alle Ewigkeit. Er ändert sich nicht. Sie sollen das
im Jahr 1976 erfahren. Wissen sie, er drängt sich Ihnen nicht auf. Wollen
Sie oder wollen Sie nicht? Jetzt müssen Sie sich entscheiden. Wollen Sie
oder wollen Sie nicht? Sie haben heute Abend Zeit, einen Entschluss zu
fällen, und zu sagen: Ja, in deinem Namen will ich's beginnen, Jesus, ich
will alles in deine Führung stellen, meine Einsamkeit, und meine
Traurigkeit, meine Belastung und meine Unklarheit, wo ich nicht weitersehe,
unter deinen Friedensbund, du bist es Herr, und was die Väter erfahren
haben, möchte ich erfahren, in meinem Leben, dieses Jahr 1976 soll dein
Jahr sein, Herr, in deinem Namen. Amen.
Gebet
Wir wollen beten.
Herr Jesus Christus, du lässt uns wach sein, an diesem Ausgang des Alten
Jahres. Und wir können die verrinnende Zeit mit offenen Augen sehen. Und
dem standhalten. Herr, wir beugen uns unter deine harte Gerichtshand. Unter
die Macht der Vergänglichkeit. Unter dies unheimliche Sterben um uns her.
Das wir am eigenen Leib schon spüren. Unter dieses Zerbrechen und
Altwerden. Herr, das macht dein Zorn, und wir haben es verdient. Wir können
nicht anders. Herr, wir danken dir, dass wir zu dir uns hin flüchten
dürfen. Und dass deine Begnadigung uns gilt. Dass dieses Neue Jahr 1976
nicht unter deinem Gericht, sondern unter deiner Begnadigung stehen soll.
Herr, du willst daraus etwas Großes, etwas Wichtiges, etwas machen sogar im
Licht von deiner Ewigkeit. Ob wir alt oder jung sind, ob wir schwach oder
voll Kraft sind, ob wir arm oder reich sind, Herr, du kannst dieses Jahr
füllen, von deiner großen Begnadigung her, und wir wollen mit deiner Kraft
rechnen. Mit deinen Wundern. Und wir wissen, dass du in Freud und in Leid
deine Gegenwart so machtvoll darstellen kannst, dass wir nur schweigen
können. Herr, wir wollen unser Leben jetzt in deine Hand stellen, und lass
uns keine Ruhe, bis jeder von uns sein Leben ganz unter deine Führung
stellt. Herr, wir bitten dich auch für unsere Familien, für unsere Freunde,
für die Menschen um uns her, für unsre Nachbarn, ja, für unsre ganze Stadt.
Dir befehlen wir die jungen und die alten Menschen an. Du weißt, wie viel
heute Nacht keine Hoffnung, keinen Halt, keine Heimat, keine Gewissheit
haben. Herr, wir wollen ihnen dieses weitersagen, von dir, verzeih uns, wo
wir dieses Wort ihnen schuldig geblieben sind, wo wir ihnen nicht ein Licht
waren, zu dir. Herr, lass unsre Gemeinde, ja unsre ganze Christenheit auch
dazu gesetzt sein im Neuen Jahr, dass Menschen in dir das Leben finden.
Lasst uns gemeinsam beten: Vater unser...
Schlussworte
Gehen sie in dieses Neue Jahr nicht nur als solche, die mit dem Strom
mitgerissen werden der Vergänglichkeit, sondern als solche, die der
auferstandene Herr sendet. Gehen Sie in dieses Jahr als die Zeugen dieses
Herrn in seinem Dienst, in seinem Namen, und in seinem Auftrag. Herr, segne
uns und behüte uns. Herr, lass dein Angesicht...
