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Bis zum Ziel kämpfen

1. Korinther 9,24-2716.02.1992
Läufst du noch – oder stehst du nur im Alltag fest? Der Maßstab ist nicht, wie beschäftigt du bist, sondern ob dein Leben auf das Wesentliche zielt: Was bleibt, wenn alles andere wegbricht?

Ein Leben mit Blick auf das Ziel

 1. Korinther 9,24-27 in den ausgelegten Bibeln im Neuen Testament, Seite 180, 1. Korinther 9,24-27.
Wisst ihr nicht, es ist ein Olympia-Text heute? Aber nicht ausgesucht, sondern gehört auf diesen Sonntag Sexagesime.
Wisst ihr nicht, dass die, die in der Kampfbahn laufen, zwar alle laufen, aber nur einer den Siegespreis empfängt? Lauft so, dass ihr ihn erlangt! Jeder aber, der kämpft, enthält sich aller Dinge. Jene tun es nun, damit sie einen vergänglichen Kranz empfangen; wir aber einen unvergänglichen.
Ich laufe aber nicht wie aufs Ungewisse, ich kämpfe mit der Faust nicht wie einer, der in die Luft schlägt. Sondern ich bezwinge meinen Leib und zähme ihn, damit ich nicht anderen predige und selbst verwerflich werde.
Auf dem Stuttgarter Hauptbahnhof gehen täglich viele Tausend Menschen durch. Man könnte diese Leute dort unten ganz grob in zwei Gruppen einteilen. Die einen sind unterwegs. Sie wollen mit dem Zug fortfahren, nach Hannover oder Amsterdam oder Herrenberg oder irgendwohin. Sie haben ein Ziel. Meistens pressiert es ja, wenn man auf den Zug will, und dann rennen sie atemlos durch die Halle. Manche planen ihre Zeit etwas besser, da reicht es noch, eine Zeitung am Kiosk zu kaufen. Aber es ist doch zielstrebig. Sie haben da ihr Ziel: Dort muss ich hin.
Aber Sie haben es auch schon gesehen auf dem Bahnhof: Da gibt es auch viele andere Leute. Die stehen den ganzen Tag dort unten, eine Stunde, zwei Stunden, drei Stunden. Das sind Heimatlose oder Obdachlose oder Gastarbeiter, die den Sonntag da totschlagen wollen. Die haben nichts zu tun. Die stehen dort, und wenn man sie fragt, sagen sie: Macht das Spaß? Wir sagen: Das ist doch nichts. Jetzt steht er schon vier Stunden da unten, braucht eine Zigarette, dann guckt er da mal wieder den Kinoaushang an, dann vespert er wieder etwas. Ach, sagen die, ist doch ganz schön, der Tag vergeht, die Zeit vergeht.

Sinnlosigkeit ohne Richtung

Meine erste Überschrift, die ich geben will, heißt: Ohne Ziel leben, das ist sinnlos.
Ohne Ziel leben, das ist sinnlos. Haben Sie ein Ziel für Ihr Leben? Wir machen es manchmal so wie diese Leute, die am Bahnhof stehen. Wir sagen: Hauptsache, mein Leben dreht sich munter weiter. Wir sind ganz glücklich, dass wir beschäftigt sind. Der Beruf fordert uns. Viele von Ihnen stehen ja tüchtig im Beruf.
Darf ich Ihnen das einmal ganz anschaulich an mir illustrieren? Sie wissen doch, ich habe so nette Kinder, Familien und eine ganz besonders liebe Frau. Da könnte man ja sagen: Das ist mein Lebensziel. Ich lebe für meine Familie oder ich lebe für meinen Beruf. Wenn das alles wäre, wäre mein Leben sehr sinnlos, wissen Sie das? Es wäre sehr sinnlos, wenn sich alles nur immer um meine beruflichen und familiären Pflichten drehen würde.
Sie merken das spätestens in dem Augenblick, wenn in Ihrem Leben eine schwere Krise eintritt, ein Verlust, wenn ein lieber Mensch, der Ihnen bisher das Wichtigste war, stirbt. Dann fragen Sie: Was ist mein Leben noch wert? Es ist sinnlos geworden. Natürlich ist es sinnlos, denn Sie lebten ja bisher nur für diese Menschen. Verlieren Sie Ihren Beruf, dann sagen Sie: Ja, was soll ich noch? Jetzt ist mein Leben sinnlos geworden.
Sie können sich immer wieder Lebensziele setzen, und wir sind ja immer wieder so rastlos beschäftigt, uns unsere Lebensziele immer wieder vorzuhalten. Dafür lebe ich. Das ist mein Einsatz. Dafür kämpfe ich. Das ist mir wichtig. Aber doch bitte nicht, um irgendein vergängliches Ziel in dieser Welt zu leben. Das wäre zu wenig, so leuchtend Sie es auch jetzt herausstellen mögen.
Was ist dann unser Lebensziel? Jeder Mensch, der auf dieser Welt geboren wird, spürt das fast instinktiv: Mein Leben hat bei Gott eine ewige Bedeutung. Ob Sie das spüren oder nicht, ich muss es Ihnen sagen, weil das Wort Gottes uns das immer wieder so eindeutig zuruft.
Wie hat Jesus das in das Leben von Menschen hineingerufen? Da sind andere gekommen, die auch sehr geschäftstüchtig waren. Ein junger Mann kam und hat gesagt: Meister, was muss ich tun? Ich will doch das ewige Leben erben. Da habe ich gedacht: Was sind wir doch für arme Leute geworden im zwanzigsten Jahrhundert, wir haben gar kein Ziel mehr. Ein ewiges Ziel, das weit hinausreicht über diese vergängliche Welt.
Wer ohne solch ein ewiges Ziel lebt, lebt sinnlos. Die meisten Menschen merken es bloß nicht, und wenn sie es merken, ist es zu spät.
Ich möchte Sie heute Morgen fragen: Haben Sie ein Ziel, das Gott Ihnen setzt, so dass Sie sagen: Auch wenn ich alle meine Güter verliere, auch wenn meine gesundheitliche Kraft zerbricht, auch wenn meine liebsten Menschen mir weggerissen werden, ich habe ein Ziel, auf das ich lebe, und das macht mein Leben wertvoll.

Die Kraft der Konzentration

Man hat ja oft genug in der Verkündigung der Kirchen behauptet, dass ein Schielen auf das ewige Ziel uns weltflüchtig machen würde. Das ist völlig falsch. Und wir müssen wieder damit aufräumen und dagegen angehen, dass Ihr Lieben, Isolde und Hugo Honegger, da hinausgeht. Es hat doch bloss einen Sinn fürs ewige Ziel.
Wenn Gott Eurem Ruhestand noch eine Bedeutung gibt, dann muss ich doch fragen: Herr, was legst Du in mein Leben hinein? Und das ist doch für sie genau das Gleiche. Ich habe oft den Eindruck, dass Christen, die auf die Ewigkeit zuleben, unserer Welt viel mehr praktische Hilfe geben als die, die dann behaupten, sie leben für ihre Nächstenmenschen. Das ist oft gar nicht wahr. Die Christen, die so ewigkeitssehnsüchtig gelebt haben, haben viel mehr praktische Taten geliefert als die anderen. Und das fehlt in unserer Zeit richtig.
Heute braucht man wieder Christen, die sagen: Ich habe in meinem Leben eine Zucht. Ich konzentriere alles auf den Punkt, dass ich sage: Ich möchte die kurze Zeit meines irdischen Lebens einsetzen, damit etwas herauskommt für die Ewigkeit. Ich will zielstrebig leben, wie die Reisenden, die auf ihren Zug eilen. Ich möchte alles bloss noch werten vom Ziel her.
Wir haben heute den Apostel Paulus wieder, der uns das Beispiel bringt von den Sportlern, die alle auf der Aschenbahn angetreten sind und die alle als Sieger durchs Ziel stürmen wollen. Das kommt ja beim Paulus immer wieder vor, dass er davon spricht, dass sein Leben so eine grosse zielgerichtete Ausrichtung hat. Das war ja schon in seinem jüdischen Leben so. Er hat konzentriert und einseitig für Gott gelebt. Und als er dann noch dem auferstandenen Christus begegnet war auf seinem Weg nach Damaskus, da war von dem Tag ab so, dass er sagte: Alles, was ich tue, tagtäglich, soll bloss noch im Licht der Ewigkeit gelebt sein.
Schlagen Sie jetzt mal im Philipperbrief auf, das müssen Sie richtig im O-Ton hören, im Philipperbrief 2,16, Seite 208 in den gebundenen Bibeln, die ausgelegt sind. Da sagt er am Ende dieses sechzehnten Verses im zweiten Kapitel, dass ich nicht vergeblich gelaufen und nicht vergeblich gearbeitet hätte. Das gibt es ja: Man kann für Gott viel anpacken, und es ist doch umsonst und für die Katz, weil es vergeblich war. Es hat nicht hineingepasst. Wie laufe ich richtig, dass ich das Ziel erreiche?
Oder Kapitel 3,14 im Philipperbrief. Vers 13 heisst: Ich schätze mich noch nicht so ein, dass ich es ergriffen habe. Eins aber sage ich: Ich vergesse, was da hinten ist, und strecke mich aus nach dem, was vorne ist, und jage nach dem vorgesteckten Ziel, dem Siegespreis der himmlischen Berufung.
Jetzt müssen Sie sich einmal prüfen, ob das auch von Ihrem Leben so gesagt werden kann. Ich habe eine heilige Leidenschaft. Das kann man an jedem Tag beobachten, in all meinen Lebensplänen, in all dem, was ich tue. Ich habe die Leidenschaft, auf das grosse Ziel zuzulaufen. Ich will einmal die himmlische Berufung erreichen, ich möchte dabei sein in der Ewigkeit.

Kompromisse, die den Lauf bremsen

Ich versuche es mal an einem Beispiel Ihnen klarzumachen. In diesen Tagen sind ja die Zeitungen voll davon. Heute wird wieder in einer Sonntagszeitung Neues über Manfred Stolpe enthüllt, die Stasi-Vergangenheit.
Ich habe ein wenig Mitleid mit diesen Menschen, denn ich verstehe das viel zu gut. Ich kann mich hineinversetzen. Man hat doch in diesen schrecklichen totalitären Umständen der DDR irgendwie das Fähnchen nach dem Wind hängen müssen. Man hat ja mitheulen müssen mit den Wölfen, und dass man hier und da sicher auch nicht ganz nobel da seine Hand gereicht hat. Nun, das war eben das System, das war der Druck!
Ich würde viel weiter gehen und sagen: Wir im Westen, wir müssen uns ja viel mehr schämen als die im Osten. Was machen wir für dumme Kompromisse im Glauben? Wie passen wir uns an die Mächte und Gewalten hier an? Wie viele faule Kompromisse machen wir im Gehorsam gegenüber Gott, obwohl doch bei uns gar keine Gefahr droht? Keiner kommt ins Gefängnis, keiner verliert irgendetwas. Unser Christenleben, das ist auch so angepasst an die Mächte und Gewalten dieser Welt.
Was wäre das, wenn wir wieder nach den Werten der Ewigkeit unsere Entscheidungen ausrichten und nur fragen: Herr, was muss ich tun, damit ich das ewige Leben erbe? Wir hätten in unserem Leben wieder eine Konzentration auf das Wichtigste. Was macht das aus, wenn ein paar Kollegen die Nase rümpfen? Das ist komisch, das ist doch nicht wichtig. Wir haben ja keinen Stasi, vor dem wir uns beugen müssten.
Wir haben sonst so Angst vor der Nachrede. Wir wollen so gern den Menschen gefallen. Und viele haben ihren christlichen Stand nur so eingerichtet, um ihr Gewissen zu beruhigen. Dann laufen sie ein bisschen mit in Frömmigkeit und singen ein paar Lieder mit und sagen ab und zu hier und da: Ich mache auch mit. Nein, das genügt nicht. Sie müssen den Siegespreis erlangen, die Krone des Lebens. Sie müssen einmal dabei sein in der Ewigkeit, und das ist kein Pappenstiel. Das erfordert eine heilige Konzentration.
Mein erster Punkt war jetzt: Ohne Ziel zu leben, das ist sinnlos. Ohne Ziel zu leben, das ist mein zweiter Punkt. Ohne ganzen Einsatz kommt man nicht ans Ziel. Ohne ganzen Einsatz kommt man nicht ins Ziel.
Jetzt liest man so viel von Olympia, und auch da habe ich ein wenig Mitleid. Mich erbarmt das immer, wenn man dann liest, da hat einer vielleicht wegen dreihundertstel Sekunden, ich kann den Zeitraum in meiner Uhr gar nicht abstoppen, nur den undankbaren vierten Platz erreicht. Aber auch wenn einer dann nur Silber statt Gold kriegt, nur weil der andere so einen ganz kleinen Hauch besser war, ich bin so froh, dass es um dieses Unrecht nicht geht, wenn es um die himmlische Berufung geht.
Der Vergleichspunkt liegt da nicht. Bei Olympia kriegt nur einer Gold, einer ist der Erste, einer steht oben auf dem Treppchen. Und ich hoffe doch, dass es in der Ewigkeit nicht zu wenige sind. Ich hoffe, dass Sie alle mit dabei sind in der Ewigkeit.
Wie Jesus einmal gefragt wurde: Meinst du, dass viele selig werden? Da sagt er: Ringt, ringt, das heißt, kämpft mit aller Leidenschaft. Ihr verpasst das Ziel, ihr verpasst das Ziel. Ringt! Wie machen das die Sportler? Die gehen früh ins Bett, egal was im Fernsehen läuft. Die trinken bloß Milch. Die trainieren. Das ist doch gar nicht böse. Ich kann doch auch sonst noch was essen. Nein, die sagen: Alles nur für dieses eine große Ziel.

Der ganze Mensch im Dienst des Ziels

Bei uns heute in unserem Christenlauf ist das ja eine Diskussion: Darf man als Christ nicht auch ...? Und dann kommen jetzt Ihre vielen Fragen, die Sie haben. Ich weiß, dass viele von Ihnen auch in ganz unheilvollen Kompromissen, sogar mit der Sünde leben. Davon will ich noch gar nicht reden.
Sondern es gibt so viele Dinge, die uns beschäftigen, obwohl sie gar nicht böse sind und auch gar nicht von Gott verboten sind. Sie sind auch nicht sündig, und doch halten sie uns in unserem Lauf auf. Sie beschäftigen uns, und wir können nicht mit ganzer Kraft auf das Ziel zulaufen. Wir sind festgehalten.
Wir machen das manchmal auch so mit einem Opfersinn. Ja, soll ich mich jetzt aus dieser unguten Partnerschaft zurückziehen, ist das wirklich ...? Und dann meinen wir, wir bringen ein Opfer. Du bringst doch kein Opfer, sondern es geht darum, ob du nicht dein ewiges Heil verscherzt. Es ist doch so wichtig, ob ich in meinem Leben mein Ziel vor Augen habe.
Und es ist einfach nicht wahr, dass uns das Wort Gottes irgendwo im Unklaren lassen würde. Überall steht das drin, dass so viele, die einst einmal auch „Herr, Herr“ gesagt haben und das vielleicht noch an jenem Tage sagen werden: „Herr, Herr, wir haben doch für dich so viel Dienste getan“, und der Herr sagt: „Ich kenne euch nicht, weicht von mir, ihr Übeltäter.“
Unser ganzes Leben muss beschlagnahmt sein und muss im Dienst stehen für diesen Herrn. Der Verzicht ist gar kein Opfer, das ist gar nicht Askese, die wir bringen, sondern es heißt doch bloß: damit ich gewinne, damit ich gewinne. Ein Sportler kommt sich doch nicht asketisch vor. Der sagt: Ich habe ein großes Ziel, und ich bin stolz darauf, mich diesem Ziel zu verschreiben. Auf dieses Ziel laufe ich zu.
Die laufen für ein Blechle, sagen mir Schwaben. Was ist das für das Gold, für die Goldmedaille, was ist das schon? Wie lange leben Sie überhaupt noch, wissen Sie das? So lange ist das gar nicht mehr. Ist Ihnen wirklich das so wichtig, was doch im Licht der Ewigkeit bedeutungslos und leer ist?
Ich wollte eigentlich heute mit Ihnen allen unter vier Augen weiterreden. Über eine ganz konkrete Lebensgestaltung. Haben Sie diesen Blick? Ich will auf die Ewigkeit zuleben.
Paulus sagt: Ich bezwinge meinen Leib. Schon Paulus hatte solche Schwierigkeiten mit seinem Leib. Der Leib ist für uns ja eine Gabe Gottes, eine schön gestaltete Schöpfung Gottes, und doch macht er uns so viel Kummer. Er will sich immer wieder nicht in die Ordnung des Geistes Gottes fügen, er will sich nicht leiden lassen. Der Leib ist störrisch im Gehorsam.
Wir haben alle unsere Probleme, das mit der Tat fortzusetzen, was wir durch die Ohren hören. Aber es ist noch etwas Besonderes bei unserem Leib: Der Leib ist so wehleidig. Der Leib, der ist so gern verzärtelt. Sie kennen das Wort: Der will immer bloß gestreichelt sein.
Und doch ist es merkwürdig, dass die meisten Christen zu Fall kommen durch ihren Leib, nicht bloß durch geschlechtliche Sünden, sondern auch durch die Bequemlichkeit, durch die Faulheit und Trägheit unseres Lebens. Wir reden immer wieder vom Anspruch, was wir alles jetzt bräuchten, eine Erholung, und wir sind auch so empfindsam und wehleidig, wenn uns einer wehtut. Und dann sind wir oft versunken in das Schwere, das uns Gott auferlegt hat.
Jetzt gucken Sie noch mal den Apostel an, der selber schwer leidend war und voller Schmerzen. Ich bezwinge meinen Leib. Ich will laufen in dem Kampf, den mir Gott verordnet hat. Ich will ans Ziel kommen und will einmal dabei sein in der Ewigkeit. Und das war die Dynamik seines Lebens.
Jetzt denken Sie doch bitte nicht, dass er ihn opferte. Mir ist das Leben des Paulus so wunderbar und groß. Was hat Gott in dieses Leben hineingelegt, wie bedeutsam wurde das, wie wichtig, wie strahlt das aus, wie bringt das Licht in eine dunkle Welt.

Das letzte Urteil und die bleibende Entscheidung

Es gab früher einen Sportler, den Emil Zátopek nannte man die tschechische Lokomotive. So nannte man ihn jedenfalls. Er war ein Langstreckenläufer, und wenn er seine Runden drehte, konnte man sich kaum sattsehen.
Wissen Sie, es ist wunderschön, wenn man so läuft und läuft. Aber er hat einmal in einem Interview gesagt: Wenn Sie alle wüssten, wie oft ich an den toten Punkt komme, und da geht es einfach nicht mehr, die bleiernen Füße kann ich nicht mehr heben. Und was macht dann Emil Zátopek? Dann sagt er: Dann kann ich nur daran denken, wie das ist, wenn ich durchs Ziel laufe.
Das ist auch bei Christen die Freude: Wie wird das einmal sein, wenn ich den Herrn sehe? Ewigkeit, Sehnsucht – das macht uns manches von den Beschwerden in dieser Welt leicht. Aber mit ganzer Kraft muss man laufen, mit ganzer Hingabe, mit ganzer Leidenschaft muss man laufen. Ohne ganzen Einsatz erreicht man das Ziel nicht.
Jetzt als letzten Punkt habe ich nur eine Frage an Sie. Ich wollte Sie jetzt einzeln angucken: Ob Sie das Ziel erreichen. Es freut mich, dass Sie heute in den Gottesdienst gekommen sind. Immer schön, wenn wir hier so eine große Schar sind. Aber ich habe einfach Zweifel, ob Sie das Ziel erreichen. Ich habe Zweifel, ob ich das Ziel erreiche.
Jetzt sagen Sie: Du hast doch neulich so schön in der Bibelstunde über Heilsgewissheit geredet, richtig? Wenn ich überhaupt drüben ankomme, dann ist das ein Verdienst Jesu, der mich zieht. Der hat mich schon so oft herumgeholt von falschen Wegen. Ich kann immer nur staunen über die unendliche Barmherzigkeit meines Herrn. An meinem Laufen oder Wollen hängt es am Ende gar nicht.
Aber ich darf Ihnen sagen: Ich habe manchmal Angst vor meiner eigenen blöden Torheit. Und ich bete: Herr, bewahre mich davor, dass ich nicht im Alter irgendwo einen törichten Schritt mache und von Dir abfalle, in der Treue zu Dir nachlasse.
Wenn ein Paulus sagt, er hätte Sorge, ob er das Ziel erreicht, wenn ihn das umgetrieben hat, ob er treu bleibt in der Folter durch die römischen Legionäre, in der langen Haftzeit im Gefängnis, ob er das Evangelium nicht verfälscht, dann muss das doch die erste vorrangige Sorge von uns Christen sein: ob wir alle einmal selig werden.
Das stimmt ja nicht, wie man heute immer wieder sagt, dass das nur die Frage der Reformation gewesen sei. Ja, wir haben die Frage verdeckt und verschüttet. Aber das ist die wichtigste Frage eines Lebens.
Es ist eigentlich peinlich, wenn wir bei dem Begräbnis immer nur wünschen, dass der Pfarrer noch einmal die großen Taten des vergangenen Lebens erzählt: Er war ein guter Vater und hat sich treu im Beruf eingesetzt, er war arbeitsam und pflichttreu. Das genügt doch nicht. Und dann am Grab ...

Wachsam leben bis zum Ende

Ob mein Leben mehr hat im Laufen nach dem himmlischen Ziel, möchte ich Sie auch bitten, ein wenig mehr Wachsamkeit in unserer Zeit zu haben.
Wissen Sie, in unseren Christengemeinden unserer Tage sind ja die Tagesthemen der Welt die vorrangigen. Da wird also über Umweltverträglichkeit und über politische Fragen gesprochen; die sind ja wichtig, wir sind ja Bürger dieser Welt, und das interessiert uns alle brennend. Wie erziehen wir unsere Kinder richtig, und wie werden wir mit den Schwierigkeiten fertig?
Es hat mich tief getroffen, wie in einem Heft, das von unserer Kirche herausgegeben wird für den heutigen Sonntag, da sind so Hilfen beschrieben für die Verkündigung über diesen Predigtabschnitt. Da sagt doch wirklich ein Theologe: Über diesen Text muss man über die Autoabgase predigen. Wie kriegt der die Kurve von diesem Text, laufen aufs ewige Ziel zu, zu den Autoabgasen? Weil da steht: Laufet. Die Schwaben verstehen das bloß, die Hochdeutschen, die wissen nicht: laufet. Also wir sollten mehr zu Fuß gehen, das Auto stehen lassen, damit es keine Autoabgase gibt.
Stellen Sie sich mal vor, so weit entblödet sich unsere Bibelauslegung heute, dass das als Rat der Verkündigung gegeben wird. Und wir sind ganz glücklich, wenn wir unseren Zeitgenossen einen Rat geben können, den man ja schon besser aus der Zeitung weiß. Und wer es jetzt noch nicht gelernt hat, der wird es auch nimmer lernen.
Wir nehmen das ja alles gern auf, was man hier und da in sinnvoller Lebensgestaltung uns predigt. Nein, es geht um mehr als um die Bewältigung meines Alltags. Es geht um viel, viel mehr als um die kleinen Fragen meines Lebens.
In Albert Will geht es um die Hymne, die er klingt, da läuft manchen Leuten die Gänsehaut über den Rücken usw. Und wenn sie das dann miterleben, da kriegt einer die Medaille. Das ist doch toll, was die Sportler alles da schon wagen und einsetzen für das eine große Ziel.
Bei uns geht es um viel, viel mehr. Ich lebe mein Leben einmal. Ich bin einmal jung. Ihr jungen Leute, was macht ihr mit eurer Jugendkraft? Ihr könnt leben wie alle anderen, ihr könnt eure Gaben verschleudern, ihr könnt sagen: Ich amüsiere mich. Wie die Leute, die am Bahnhof stehen, sagen: Mir macht es Spaß. Natürlich macht es mir Spaß, aber es ist verloren, unwiederholbar.
Es wäre schön, wenn das Leben im Karma wiederkäme und ich könnte es noch mal leben. So habe ich mein Predigtmanuskript ein paarmal zerrissen und neu geschrieben. Es ist wunderbar, wenn man das machen kann. Ich wollte es leben, auch nur mal neu leben. Ich kann es nicht mehr. Jetzt bin ich 53. Ich muss die letzten Jahre meines Lebens, ich weiß nicht, wie viel Gott mir noch schenkt, leben.
Nur das eine kann ich hineinlegen auf dieses große, ewige Ziel. Und von dem her kriegen alle irdischen Verpflichtungen ihre Bedeutung, ihre Aufgabe.

Der Lauf, der vor Gott Bestand hat

Paulus schreibt am Schluss: Nicht, dass ich anderen predige und selbst verwerflich werde.
Das ist bei Christen gerne so wie bei den Sportlern. Da gibt es viele beim Sport, die sitzen auf den Zuschauerrängen. Kennen Sie die Breimäuler, die sagen: alles der Schiedsrichter, Schiebung und alles Falsches, es war ein klares Foul und Elfmeter und alles. Die wissen alles. Aber sie laufen nicht mit, sie stehen bloß dauernd außen, sie reden davon.
Und das gibt es ja bei den Christen ebenso. Das kennen wir alle. Wir predigen anderen, und leben wir denn das wirklich? Leben wir das so?
Ich habe den Eindruck, in unserer Zeit wirkt es revolutionär, wenn Sie von heute an sagen: Ich will so sichtbar auch für meine Nachbarn und Zeitgenossen, die mir begegnen, möchte ich auf die Ewigkeit zuleben. Jeden Tag, jede Stunde auskosten als ein Geschenk Gottes und sagen: Ich will sie füllen mit etwas, was meinem Leben noch Bedeutung gibt. Ich möchte mich nicht um mich selber drehen, um meine Probleme und meine Dinge, sondern ich will auf dieses Ziel zu leben.
Beim Sport passiert es immer wieder, dass ein Paar einmal irgendwo durch jemanden angesprochen wird, durch ihren Hausarzt, der sagt, sie müssen etwas tun. Und dann kauft man sich einen schönen Sportdress und ganz rasche Schuhe, mit denen man wie wild laufen kann. Aber nach dreimal geht die Puste aus, und dann hängt das im Schrank. Dann sagt man: Ich bin ja auch sportlich, ich habe schon mal Waldlauf probiert und so. Aber man ist dann wieder stehen geblieben.
Das ist die typische Not vieler Christen. Sie ist mal unter die Haut gefahren, und dann sind sie losgelaufen und sagen: Ich möchte auch mitgehen. Und dann ist so viel in ihr Leben getreten, und sie sagen: Ich habe jetzt gar keine Zeit mehr. Sie haben sehr viel Zeit. Ordnen Sie alles, um den einen großen Siegespreis zu gelangen.
Und ich wollte, dass nicht einer aus unserer Mitte fehlt und drüben von unseren Kindern, dass wir sie alle mitziehen und sagen: Nur das eine ist wichtig, dass wir einmal in der Herrlichkeit vor dem Thron Gottes dabei sind, dass an jenem Tag des Gerichts der Herr uns herausholt und freispricht und sagt: Ich will mich zu dir bekennen, weil du mein bist.
Es ist nicht unser Verdienst, es ist lauter Erbarmen, aber es braucht leidenschaftliche Entschiedenheit, um zuzupacken und um das Ziel zu gewinnen. Amen!