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Priestertum aller Gläubigen

Wer hat in der Gemeinde das Sagen?
19.04.2024

Hallo zusammen und vielen Dank an alle, die in den letzten Wochen so viele wertvolle Kommentare geschrieben haben.

Ich hoffe, du verstehst, dass ich nicht alle persönlich beantworten kann, weil ich gerade an zwei neuen Grundlagenbüchern für dich arbeite. Diese werden wir dir und Tausenden hier schon bald verschenken.

Wir lesen jedoch jeden einzelnen Kommentar und sammeln die daraus entstehenden Fragen. Eine Frage, die in verschiedenen Formen gestellt wurde, betrifft die Rolle von Leitung in der Gemeinde und das sogenannte Priestertum aller Gläubigen.

Das sind zwar zwei verschiedene Fragen, aber heute konzentrieren wir uns auf das Priestertum aller Gläubigen.

Einführung in das Thema und Fragestellung

Was ist das Priestertum aller Gläubigen?

Konkret ging es in einem Fall um eine Gemeinde, in der sich einzelne Mitglieder, die der Gemeinde beigetreten waren, gegen die Gemeindeleitung auflehnten – eine Leitung, die sie selbst gewählt hatten. Einige Entscheidungen der Gemeindeleitung gefielen diesen Einzelnen nicht, und plötzlich wurde alles in Frage gestellt.

Die kleinere Gruppe meinte dann plötzlich: Es gibt das Priestertum aller Gläubigen, wir ordnen uns niemandem unter, wir akzeptieren keine geistliche Leitung über uns, und alles muss basisdemokratisch entschieden werden. Natürlich gebe ich das jetzt verkürzt wieder.

Mich würde aber deine Meinung interessieren: Könnte das vielleicht ein Generationenphänomen sein? Empfinden unterschiedliche Altersgruppen das vielleicht unterschiedlich? Das wäre spannend zu erfahren.

Jedenfalls ist das unsere Bibelfrage für heute: Funktioniert Gemeinde im Christentum wirklich so? Ist das das, was du im Neuen Testament findest? Oder ist mit dem Priestertum aller Gläubigen vielleicht etwas ganz anderes gemeint, als viele von uns denken?

Das schauen wir uns jetzt in aller Kürze an – und zwar in fünf Schritten:

Erstens: Woher kommt das Priestertum aller Gläubigen?
Zweitens: Welche Rolle hat diese Idee in der Reformation gespielt?
Drittens: Was haben die ersten Christen damit gemeint?
Viertens: Was meint das Neue Testament damit nicht?
Und fünftens: Was meint das Neue Testament stattdessen?
Zum Schluss gibt es noch einen kleinen Mutmacher.

Ich bin Markus, der Gründer vom überkonfessionellen Bibelfit-Dienst. Wir erstellen kostenfreie Infomaterialien für Gemeinden, Hauskreise und Bibelschulen. Wie immer kannst du alles in diesem Video hier abschreiben, abfotografieren und kostenfrei nutzen.

Vor allem werden dir die Infomaterialien auf unserer Webseite helfen. Tausende Menschen nehmen sie jeden Monat gratis mit und nutzen sie. Dort steht alles schon für dich bereit.

Dafür kannst du den freiwilligen monatlichen Unterstützern aus dem ganzen Land danken – Menschen wie du und ich. Wer auch möchte, dass Videos wie dieses hier in unserem Land weiter ausgespielt und nicht verborgen werden, sollte jetzt auf die Glocke drücken. Die findest du rechts unter diesem Video.

Vielen Dank an alle Unterstützer, ob mit Glocke, Geld oder Gebet. Es macht einen echten Unterschied. Dieses Video ist für dich.

Ursprung und biblische Grundlagen des Priestertums aller Gläubigen

Also, Priestertum aller Gläubigen – lass uns ganz von vorne anfangen. Falls du diesen Begriff noch nie gehört hast, stellt sich die Frage: Woher kommt er überhaupt? Auf welche Bibelstellen beziehen sich die Leute damit, und was genau steht in diesen Bibelstellen?

Diejenigen, die vom Priestertum aller Gläubigen sprechen, stützen sich im Wesentlichen auf vier Bibelstellen. Es gibt noch einige weitere, aber diese hier sind die Kernstellen. Schauen wir sie uns kurz an.

Die erste Bibelstelle steht im ersten Petrusbrief, Kapitel 2. Petrus schreibt dort an die Christen in der Zerstreuung. Das bedeutet, dass die Christen nicht an einem Ort lebten, wie zum Beispiel Antiochien, Ephesos oder Jerusalem, sondern über verschiedene Orte und Landstriche verstreut waren – ähnlich wie es heute der Fall ist. Außerdem schreibt Petrus vor allem an Christen, die Verfolgung erleben, was in der heutigen Zeit fast überall der Fall ist, außer in der westlichen Welt.

Petrus schreibt dort: „Lasst euch selbst als lebendige Steine aufbauen zu einem geistlichen Haus, zu einer heiligen Priesterschaft, die geistliche Opfer wirkt, die Gott wohlgefällig sind, weil Jesus Christus sie bewirkt.“ Das klingt vielleicht etwas sperrig. Je nachdem, welche Bibelübersetzung du benutzt, ist es vielleicht etwas eingängiger.

Die zweite Bibelstelle steht nur ein paar Verse weiter. Petrus schreibt: „Ihr seid eine auserwählte Generation, eine königliche Priesterschaft, ein heiliges Volk, das Gott sich selbst erworben hat. Er hat euch aus der Finsternis in sein wunderbares Licht gerufen, damit ihr verkündet, wie unübertrefflich er ist.“

Die dritte Bibelstelle steht im letzten Buch der Bibel, in der Offenbarung des Johannes. Dort heißt es – zum Kontext: Johannes ist der Lieblingsjünger von Jesus und zugleich der Jüngste unter ihnen. Er schreibt an sieben christliche Gemeinden in der heutigen Türkei. Dazu habe ich dir schon mal ein eigenes Video gemacht, in dem ich das etwas genauer erkläre. Das findest du hier unter diesem Video verlinkt.

In der Offenbarung heißt es: „Jesus hat uns zu seinem Königsvolk gemacht, zu Priestern für seinen Gott und Vater. Ihm sei Ehre und Macht für immer und ewig.“

Die vierte Bibelstelle findet sich ebenfalls in der Offenbarung. Sie ist allerdings etwas komplizierter. Dort ist die Rede von Himmelswesen, die Jesus anbeten. Sie sagen zu Jesus: „Du hast die Menschen, die dir nachfolgen, für Gott zu einem Königreich und zu seinen Priestern gemacht. Und sie werden auf der Erde regieren.“

Du siehst vielleicht schon, dass es in diesen Versen nicht unbedingt das Hauptthema ist, irdische Gemeinden und die Rolle von verschiedenen Personen, Gemeindemitgliedern oder Leitern innerhalb der Gemeinde zu beschreiben. Das klingt nicht direkt heraus, sondern es scheint in diesen Bibelstellen um etwas anderes zu gehen. Darauf kommen wir gleich noch zurück.

Die Bedeutung des Priestertums aller Gläubigen in der Reformationszeit

Teil zwei von fünf des heutigen Videos: Das Priestertum aller Gläubigen in der Reformationszeit.

Erinnere dich zurück an deinen Geschichtsunterricht. Die Reformationszeit ist ein Abschnitt in der europäischen Geschichte, der am Ende des Spätmittelalters liegt und ungefähr zur gleichen Zeit wie die Renaissance stattfand. In dieser Zeit gab es Menschen wie John Wycliffe, Jan Hus, später Philipp Melanchthon, Martin Buta, Martin Luther, Johannes Calvin und viele mehr. Diese Personen fassen wir heute manchmal unter dem Begriff Reformatoren zusammen.

Wir wissen heute, dass diese Reformatoren ernsthafte Fehler gemacht haben. Viel Kritik an ihnen ist berechtigt. Dennoch haben sie der Christenheit einen großen Dienst erwiesen, indem sie immer wieder Oberflächliches beiseite geräumt und den Fokus auf das Wesentliche gelegt haben. So brachten sie wichtige Dinge zurück ins Bewusstsein, die vorher an den Rand gedrängt waren. Ein Beispiel dafür ist die Erkenntnis, dass du dir den Freispruch beim Jüngsten Gericht nicht erarbeiten kannst. Mehr dazu und was die Reformatoren damit auch zur Sicherheit beigetragen haben, findest du ebenfalls hier unter diesem Video verlinkt.

Jedenfalls haben die Reformatoren wie Martin Luther und andere mit Begriffen wie „Priestertum aller Gläubigen“ gearbeitet. Die Frage ist nun, was sie damit wirklich gemeint haben.

Um das herauszufinden, bin ich zu einem bundesweiten Forschungszentrum zur Reformationsgeschichte gefahren und habe mich ein bis zwei Tage in der Universitätsbibliothek eingeschlossen. Falls du das auch mal machen möchtest, hier nur ein paar Dinge, die du dabei finden wirst.

Die Theologische Realenzyklopädie, das größte deutschsprachige Buchprojekt zu Religionswissenschaften im 21. Jahrhundert, fasst Folgendes zusammen: Martin Luther meint mit dem Priestertum aller Gläubigen schlicht, Christ sein. Er meint also Christ sein.

Spannend, lass uns mal weitermachen. Damit meint er nicht unbedingt, dass alle Leiter von Gemeinden oder alle Autoritäts- und Respektpersonen abgeschafft werden sollen und dass nun nur noch Basisdemokratie herrscht.

Schauen wir mal in ein weltliches Nachschlagewerk, den Brockhaus. Dort heißt es dazu, dass Luther nicht egalitäres, also gleichmachendes, basisdemokratisches Priestertum meinte. Das zeigt sich daran, dass die lutherischen Kirchen auch heute noch eine Ämterstruktur haben. Man denkt sich: Stimmt das? Wenn Martin Luther Basisdemokratie gewollt hätte, warum haben dann die Kirchen, die auf ihn zurückgehen, keine Basisdemokratie? Da kann man schon mal ins Nachdenken kommen.

Ein anderes Lexikon, Religion, Geschichte und Gegenwart (Rgg), das eher liberal als fundamentalistisch eingestellt ist, sagt: Das Priestertum aller Gläubigen meint bei Martin Luther keinen Unterschied des Standes, aber sehr wohl unterschiedliche Ämter und Berufungen. Dort, wo andere Christen das gleiche Recht haben, bedarf es der Berufung der Ordination, um auf Befehl des anderen die öffentliche Verkündigung und Sakramentsverwaltung vorzunehmen.

Das könnte man jetzt noch ausführlicher entpacken, aber wir dürfen zusammenfassen: Laut Luther kann in normalen Gemeinden von einer Basisdemokratie bei jeder Entscheidung, Amtshandlung und Verkündigung keine Rede sein.

Die Frage ist also: Ist bei Martin Luther denn jeder Christ gleichberechtigt wie ein Gemeindeleiter? Die Antwort lautet: Nein.

Ein Zitat aus der Fachliteratur dazu: Um die zur Verkündigung notwendige Ordnung zu gewährleisten, muss die Gemeinde eine ihr geeignet erscheinende Person berufen und dieser Person die stellvertretende Wahrnehmung der fahramtlichen Aufgaben delegieren. Quellen dafür findest du hier.

Das heißt, die Gemeinde beruft jemanden auf Zeit, und diese Person hat für den Zeitraum ihrer Berufung auch die Autorität. So hat sich Martin Luther das vorgestellt.

Ganz klar wird das in der Fachliteratur zusammengefasst: Luther hat im allgemeinen Priestertum aller Gläubigen nie einen Gegensatz zum geistlichen Amt gesehen. Daher können sich moderne Forderungen nach Demokratisierung der kirchlichen Verwaltung nicht mit Recht auf Martin Luthers Gedanken berufen.

Das ist ein klarer Fall. Die Leute, die sagen: „Basisdemokratie, wir wollen keine geistliche Leitung über uns, wir ordnen uns niemandem unter“, sind bei Martin Luther und der Reformation an der falschen Adresse.

Historische Perspektive der ersten Christen auf geistliche Autorität

Nur weil Martin Luther etwas gesagt hat, ist das nicht automatisch richtig. Achtung: Martin Luther hat in vielen Dingen richtig hart daneben gelegen. Zum Beispiel in seinem Antisemitismus, seinen Aufrufen zu Gewalt, seiner Bezeichnung von Papst Leo X. als Antichristen – was nicht zutraf – und der Erlaubnis, mehrere Ehefrauen gleichzeitig zu haben, sowie in vielem, vielem mehr. Und das sind keine Nebenthemen.

Nur weil Martin Luther etwas sagt, muss das also noch nichts bedeuten. Martin Luther ist keineswegs Jesus, und er ist auch nicht einer der zwölf Apostel. Deshalb wollen wir noch weiter zurückgehen, nämlich in die Antike, und uns anschauen, wie die ersten christlichen Gemeinden dieses Thema gelebt haben.

Professor Dr. Norbert Brox, einer der weltweit führenden Experten für Patrologie – also dem Studium der Schriften der ersten Christen –, zieht nach jahrzehntelanger Beschäftigung mit dieser Frage folgendes Fazit: „Für Jahrhunderte hat unter den ersten Christen niemand – nicht einmal Tertullian – den ersten Petrusbrief so gelesen, dass es in den Gemeinden keine geistlichen Autoritäten geben soll.“ Niemand hat diese biblischen Stellen, die wir gerade besprochen haben, für Jahrhunderte so ausgelegt, dass man daraus Basisdemokratie ableiten könnte.

Ein anderes Standardwerk sagt dazu: „Niemand in der alten Kirche“ – das ist eine große Aussage – „hat den ersten Petrusbrief auf eine Weise aufgefasst, die eine Gemeindestruktur ohne geistliche Leiterschaft und ohne geistliche Autoritäten implizieren würde.“ Das ist völlig anachronistisch. Ich sage es mit einem großen Wort: Das ist Geschichtsfälschung.

Wo steht das? Das steht nicht in einem katholischen Nachschlagewerk, das seine eigene Kirchenorganisation rechtfertigen will, sondern im evangelischen Lexikon für Theologie und Gemeinde.

Nur als Zusammenfassung: Ein Lichtblick aus der Zeit. Selbst Clemens von Rom, der Nachfolger von Petrus, spricht nur wenige Jahre nach Petrus’ Leben in dessen eigener Gemeinde ganz klar von geistlicher Leitung, geistlicher Autorität und geistlicher Unterordnung.

Das heißt: Wenn das Neue Testament, wenn die Schreiber des Neuen Testaments, wenn die Apostel, wenn Petrus selbst mit diesen Texten gemeint hätten, dass es Basisdemokratie auf jeder Ebene geben muss, dann wäre es doch ziemlich schräg, wenn seine eigenen Mitarbeiter, Freunde, Wegbegleiter, Bekannten und Gemeinden das nicht zumindest ansatzweise gelebt hätten, oder?

Das gibt uns doch schon mal ein Stück weit zu denken.

Wir lösen das gleich auf, aber du siehst: Manchmal werfen wir mit Begriffen um uns, ohne wirklich zu wissen, was sie bedeuten.

Deshalb der Appell: Informiere dich! Dafür haben wir dir hier das Lexikon zum Verstehen der wichtigsten biblischen Begriffe zusammengestellt. Dort findest du die wichtigsten biblischen Begriffe leicht verständlich erklärt. So muss sich deine Gemeinde über genau solche Dinge nicht mehr streiten.

Das kannst du dir gratis über den ersten Link unter diesem Video herunterladen. Alles ist schon bezahlt und für dich bereitgelegt. Es wäre schade, wenn du es nicht nutzt. Der erste Link ist hier unter diesem Video.

Die biblische Bedeutung des Priestertums aller Gläubigen im Neuen Testament

Okay, damit stehen wir jetzt bei der Hauptfrage: Was meint das Neue Testament mit dem „Priestertum aller Gläubigen“?

Zunächst einmal: Der Begriff „Priestertum aller Gläubigen“ oder „Priestertum aller Getauften“ beziehungsweise „allgemeines Priestertum“ ist tatsächlich nicht biblisch. Diese Wortgruppe kommt im gesamten Neuen Testament nicht vor. Das heißt nicht automatisch, dass der Begriff falsch sein muss, aber es gibt einem vielleicht schon etwas zu denken.

Nun wollen wir uns die Bibelstellen genauer anschauen. Die Stelle in Offenbarung 5, die wir bereits betrachtet haben, ist eine endzeitliche Verheißung. Das bedeutet, es handelt sich um eine Verheißung für die Endzeit, die noch nicht erfüllt ist. Die Erfüllung steht noch aus. Das heißt, diese Stelle kann sich nicht automatisch darauf beziehen, wie wir heute Gemeinde bauen sollen.

Zu den anderen drei Bibelstellen in Offenbarung 1 und 1. Petrus 2 kannst du dir selbst anschauen, was seriöse Studienbibeln und fachwissenschaftliche Bibelkommentare von internationalen Experten dazu sagen.

In einem dieser Kommentare heißt es zum Beispiel:
„Die Deutung dieser Stelle in Richtung einer Gleichheit in Gemeindefragen, dass in Gemeindefragen wirklich jedes Mitglied gleich stimmberechtigt ist und alles basisdemokratisch durchdiskutiert werden muss, usw., geht über das hinaus, was 1. Petrus 2,1-10 sagt.“

Weiter heißt es:
„Eine solche Deutung geht am Text vorbei.“

Klare Aussage, oder?

Im „Critical and Historical Commentary on the Bible“ steht:
„Die Aussage dieser Verse ist nicht, dass jeder einzelne Christ priesterliche Funktion hat, noch dass jeder als Priester für seine Mitchristen fungieren soll.“

Dazu schreibt Professor Dr. Charles Bigg von der University of Oxford im Internationalen Kritischen Kommentar zum ersten Petrusbrief:
„Der erste Petrusbrief lässt keine Auslegung gegen die Existenz von geistlichen Autoritäten zu. Im Gegenteil, die Autorität von Ältesten wird dort klar bestätigt.“

Das heißt, du siehst also schon: Wenn ich diese Bibelstellen nehmen will, um damit Basisdemokratie zu argumentieren und gegen geistliche Leiterschaft, gegen geistliche Autoritäten, gegen Älteste oder Gemeindeleiter, Pastoren – wie auch immer wir sie nennen wollen – dann wird das nicht funktionieren.

Ein anderer Professor schreibt dazu:
Dieses Wort, also der Abschnitt in 1. Petrus 2, will nicht gegenüber anderen Auffassungen vom Priestertum jedem Getauften priesterliche Rechte und Auffassungen oder das allgemeine Priestertum zusprechen.

Professor Dr. Ferdinand Hahn von der Universität München schreibt dazu:
In der Ständetafel im ersten Petrusbrief geht es um Unterordnung. Ganz offensichtlich befürwortet Petrus keine Gleichheit der Gemeinde.

Im Gegenteil heißt es weiter: In 1. Petrus 5 wird beschrieben, dass die Ältesten es sind, die die Herde Gottes weiden sollen.

Das ergibt keinen Sinn, wenn Älteste angeblich keine maßgebliche Verantwortung und Autorität in der Gemeinde tragen würden. Und da hat er nun mal recht.

Ein weiterer europaweit renommierter Experte schreibt:
„Die Rede vom allgemeinen Priestertum der Gläubigen wird in der ökumenischen Diskussion, also in der Diskussion zwischen verschiedenen christlichen Glaubensrichtungen, missbraucht und gibt keinesfalls her, was sie in den Augen ihrer neuzeitlichen Anwender liefern soll.“

Das heißt also, wenn wir heute über das Priestertum aller Gläubigen sprechen und uns dabei auf diese Bibelstellen beziehen, dann sagt er, dass das völlig an dem vorbeigeht, was in diesen Bibelstellen steht.

Weiter schreibt er:
Diese Bibelstellen sagen nichts über Binnendifferenzierung aus. Damit meint er, die Aussageabsicht des Bibelabschnitts ist nicht, wie die Verhältnisse in der Gemeinde aussehen sollen, ob sie zum Beispiel basisdemokratisch sein sollen oder Ähnliches.

Und schon gar nicht, schreibt er weiter, wird dadurch ein besonderes Amt wie das eines ältesten Gemeindeleiters, Pastors oder wie auch immer ausgeschlossen.

Im Gegenteil schreibt er: Im ersten Petrusbrief gibt es von der Gemeinde unterschiedene, der Gemeinde gegenüberstehende Älteste.

In weiteren Kommentaren ist das ebenfalls klar. Dort heißt es:
„Die Behauptung in 1. Petrus 2,5 und 9, dass die Christen in Christus zu einer königlichen Priesterschaft geworden sind, ist keine Aussage über die Amterordnung des kirchlichen Lebens. Ebenso wenig wie die Aussage, dass die Gläubigen königlich sind, eine Vorschrift für die Ordnung des politischen Lebens ist.“

Das ist schon mal eine gute Aussage, die wiederholen wir noch einmal: Ebenso wenig, so das Zitat, wie die Aussage, dass die Gläubigen königlich sind – also dass die Gläubigen, die Jesus nachfolgen, auch Könige sind – ist das eine Vorschrift, wie der politische Bereich geregelt sein soll.

Es geht hier also nicht darum, wie die Gläubigen in ihrer Beziehung zueinander funktionieren.

Noch einmal: Es geht nicht darum, wie eine Gemeinde sich innerhalb der Gemeinde organisiert.

Mit dem „Priestertum aller Gläubigen“ geht es um etwas ganz anderes.

Dazu bringt es Professor Dr. John Kelly von der University of Oxford direkt auf den Punkt. Er sagt:
Wie man es auch betrachtet, wie du es drehst und wendest – diese Interpretation von Basisdemokratie ist ein Missverständnis der biblischen Texte.

Weiter zitiert er:
„Diese oft missverstandene Idee eines allgemeinen Priestertums aller Gläubigen steht für die Verantwortung der Christen gegenüber Nichtchristen, nämlich bei der Weitergabe des Evangeliums.“

Das ist damit gemeint.

Die eigentliche Bedeutung des Priestertums aller Gläubigen und praktische Konsequenzen

Okay, jetzt haben wir viel darüber gesprochen, was das Neue Testament nicht meint mit dem Priestertum aller Gläubigen und welche Bedeutung diese Stellen nicht haben. Deshalb wollen wir nun darüber sprechen, was das Neue Testament stattdessen meint.

In der geisteswissenschaftlichen Fachliteratur heißt es dazu, dass das Priestertum aller Gläubigen nach den angeführten Bibelstellen „nicht rechtlich gedacht“ ist. Es ist also nicht juristisch zu verstehen, wie man etwas organisieren soll, sondern ausschließlich religiös-sittlich. Es geht also um etwas ganz anderes.

Ich zitiere weiter: Das Priestertum „begreift in sich die durch Christus ermöglichte Gemeinschaft der Gläubigen mit Gott, dem diese ohne menschliche Vermittlung nahen dürfen.“ Das bedeutet, es geht nicht um etwas innerhalb der Gemeinde, sondern um etwas, das wir als gesamte Christenheit in unserer Gottesbeziehung haben. Das ist eine ganz andere Geschichte.

In meinen Worten: Es geht um die Rettung, um etwas hinter den Kulissen, um etwas in der unsichtbaren Welt. Es geht nicht um Gemeindeorganisation. Aus diesen wenigen Bibelstellen daraus ein Gemeindeorganigramm bauen zu wollen, macht wenig Sinn.

Professor Dr. Peter Davids, einer der internationalen Experten für den ersten Petrusbrief, schreibt dazu, dass das Priestertum aller Gläubigen im ersten Petrusbrief meint, wir sollen opfern – nämlich unser Leben in Treue und Verkündigung des Evangeliums als einen Wohlgeruch vor Gott darbringen. Darum geht es.

Dazu ergänzt Professor Dr. Charles Bigg von der University of Oxford, dass Priestertum im ersten Petrusbrief bedeutet, dass wir selbst heilig sein sollen. Es ist also kein Verbot für andere, eine Gemeinde zu leiten oder Ähnliches, sondern ein Anspruch an uns selbst, an jeden einzelnen Christen.

Zusammengefasst: Was das Priestertum aller Gläubigen meint und was es nicht meint. Es meint ein geistliches Priestertum statt ein rituelles oder zeremonielles. Es meint nicht die angebliche Unabhängigkeit von der Ortsgemeinde. Es beinhaltet keine Unabhängigkeit von der verbindlichen Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft oder von geistlichen Leitern. Das ist eine falsche Interpretation des Textes, fachlich schlicht falsch.

Das Priestertum aller Gläubigen bedeutet, dass jeder, der durch Reue, Buße und Umkehr wiedergeboren ist durch Jesus Christus, aufgrund seines stellvertretenden Todes keine weiteren Opfer mehr braucht. Er hat durch seine Rechtfertigung unmittelbaren Zugang zu Gott.

Was es nicht meint, ist eine angebliche Gleichheit in allen Aspekten. Es bedeutet nicht, dass alle Christen in ihren Funktionen, Rollen und Autoritäten innerhalb der Gemeinde gleich sind.

Was es meint, ist, dass alle Christen – ja, auch du und ich – in der Pflicht stehen, heilig zu leben und Gott für die Verlorenen zu repräsentieren. Wir sollen auf Gott und auf Jesus hinweisen.

Was es nicht meint, ist eine nur symbolische Bedeutung von Ämtern. Es schließt auf keinen Fall die Existenz oder Wichtigkeit von Ämtern, geistlicher Leiterschaft und Autoritäten in der Ortsgemeinde aus.

Der biblische Befund ist klar: Unterordnung unter die geistliche Leitung der Gemeinde. Wer das nicht möchte, hat weniger ein exegetisches Problem, was im Neuen Testament steht, sondern eher eine emotionale Schwierigkeit. Und bei emotionalen Fragen hilft auch Theologie und Wissenschaft nicht mehr.

Das ist die Grundfrage: Will ich mich unterordnen, auch wenn mir gerade etwas nicht gefällt?

Zwei Gedankenanstöße dazu: Erstens hat sich Jesus selbst im Garten Gethsemane seinem Vater untergeordnet und gebetet: „Nicht wie ich will, sondern wie du willst.“ Zweitens lernen wir schon im Vaterunser, direkt am Anfang, dass wir zum Vater beten sollen: „Dein Wille geschehe.“

Ich könnte noch viel mehr dazu sagen, aber ich denke, du siehst schon: freiwillige Unterordnung in der Gemeinde, der du freiwillig beigetreten bist, freiwillige Unterordnung in der Ehe, in die du freiwillig eingetreten bist, und freiwillige Unterordnung grundsätzlich – das ist ein neutestamentliches Prinzip, da führt kein Weg daran vorbei.

Dafür wollen wir dir mehrere eigene Videos herausbringen, in denen wir dir das Schritt für Schritt erklären und aus Erfahrung Mut machen, mit Gottes Hilfe den einen oder anderen Vertrauensschritt zu gehen.

Drücke gerne die Glocke hier unten rechts unter diesem Video, damit du die neuen Videos auch sehen kannst.

Fazit und praktische Anwendung für Gemeindemitglieder

Was heißt all das jetzt? Wir fassen zusammen:

Es bedeutet, dass diejenigen, die sagen: „Wir wollen keine geistliche Leitung über uns, wir ordnen uns niemandem unter, wir fordern Basisdemokratie in allen Angelegenheiten der Gemeinde“, fachlich falsch liegen. Zumindest dürfen wir objektiv festhalten, dass sie das nicht auf das reformatorische Konzept vom Priestertum aller Gläubigen oder vom allgemeinen Priestertum zurückführen können.

Diese Haltung lässt sich weder mit dem Priestertum aller Gläubigen noch mit dem Neuen Testament begründen. Im Gegenteil: Zum Schluss wollen wir kurz betrachten, was das Neue Testament über Gemeindeleiter sagt. Überlege dabei, was das für alle anderen normalen Gemeindemitglieder wie dich und mich bedeutet.

Im Ersten Thessalonicherbrief heißt es zum Beispiel: Erkennt die an, die euch vorstehen. Im Ersten Korintherbrief wird gesagt: Ordnet euch denen unter, die in der Gemeinde mitarbeiten. Im Ersten Petrusbrief, Kapitel 5, steht ausdrücklich zu den jungen Leuten: Junge Leute, ordnet euch euren Ältesten unter.

Noch einmal: Das steht im Ersten Petrusbrief. Diesen Brief dafür heranzuziehen, um Basisdemokratie zu fordern, wenn dort von Ältesten die Rede ist, denen man sich unterordnen soll, funktioniert nicht.

Im Ersten Timotheusbrief, Kapitel 5, heißt es: Die Ältesten, die die Gemeinde gut leiten, sollen doppelt geehrt werden. Im Hebräerbrief, Kapitel 13, steht: Achtet die Leiter, die euch Gottes Wort sagen, hört auf sie und fügt euch. Sie wachen über eure Seelen und geben dafür Rechenschaft.

Du siehst also, es gibt einen Grund, warum ich selbst kein evangelischer Pfarrer geworden bin, warum ich später ein Jobangebot als Pastor abgelehnt habe und warum ich auch heute nur ein ganz normales Gemeindemitglied bin – und dankbar darüber.

Leitungsaufgabe in der Gemeinde ist für mich einfach zu krass. Es ist absolut keine Einbahnstraße, sondern eine immense geistliche Verantwortung. Nach meinem persönlichen Eindruck haben wir überhaupt keine richtige Vorstellung davon, was das für eine Verantwortung vor der geistlichen Welt bedeutet. Sonst würden wir jeden Morgen und jeden Abend für unsere geistlichen Leiter beten. Leiter werden härter gerichtet.

All das, was wir jetzt besprochen haben, setzt natürlich voraus: Erstens, dass du deiner Gemeinde freiwillig beigetreten bist. Und zweitens, dass die Leiter für den Zeitraum, in dem sie Verantwortung tragen, dieser Verantwortung auch gerecht werden. Beides ist der Knackpunkt.

Um ein eigenes Video dazu zu sehen, was genau einen guten Leiter ausmacht und wie du sie erkennst, drücke gerne die Glocke unter diesem Video. Ich freue mich auf dich.