Einleitung und Zuspruch
Ich weiß nicht, was Sie heute Morgen betrübt und beschwert, wenn Sie hierher kommen. Aber das soll groß werden, dass wir eine Hoffnung haben, nicht eine vage Hoffnung, sondern eine gewisse Hoffnung ewigen Lebens. Und das macht auch all das, was uns heute bewegt, so klein im Blick auf das Große, was uns unser Herr schenkt.
Ich möchte Sie heute mit dem Wort grüßen: „Ich weiß, dass mein Erlöser lebt. Und als der Letzte wird er sich über dem Staub erheben. Und ist meine Haut noch so zerschlagen und mein Fleisch dahingeschwunden, so werde ich doch Gott sehen. Ich selbst werde ihn sehen, meine Augen werden ihn schauen und kein Fremder.“
Wir wollen miteinander das Lied vom himmlischen Jerusalem singen: „Jerusalem, du hochgebaute Stadt“, 320, die Verse 2, 6 und 7.
Wir wollen beten, lieber himmlischer Vater. Wir wollen dich heute mitten im Gedränge der Welt schon anbeten und dich preisen, weil du doch alle Macht hast und dein Reich steht von Ewigkeit zu Ewigkeit. Wir sind oft so bedrängt, weil wir nichts davon sehen, im Gegenteil, weil wir sehen, wie Krankheit und Tod wüten, wie Böses geschieht. Dann lenke heute unseren Blick auf dein großes kommendes Friedensreich, wo du die Tränen abwischst, wo kein Leid und kein Geschrei mehr sein wird.
Und dann rede jetzt zu uns, zu jedem. Nimm du weg, was uns stört, was uns hindert. Du weißt auch, was uns vor dir blockiert, dass wir deine Stimme nicht hören können. Nimm doch du weg, was vor dir nicht recht ist, und reinige und heilige uns, dass wir deine Stimme vernehmen können. Und wir wollen dir jetzt in der Stille all das bringen, was uns bedrängt.
Danke, Herr, dass du Gebet erhörst. Amen.
Ich lese aus Offenbarung 7,9-17.
Danach sah ich, und siehe, eine große Schar, die niemand zählen konnte, aus allen Nationen, Stämmen, Völkern und Sprachen. Sie standen vor dem Thron und vor dem Lamm, mit weißen Gewändern bekleidet und mit Palmzweigen in den Händen, und riefen mit lauter Stimme: Die Rettung kommt von dem, der auf dem Thron sitzt, unserem Gott, und dem Lamm.
Und alle Engel standen im Kreis um den Thron und um die Ältesten und um die vier Gestalten und warfen sich vor dem Thron nieder und beteten Gott an. Und jetzt das Lied, das sie immer und immer wieder singen: Amen, Lob und Ehre, Weisheit und Dank, Preis und Kraft und Stärke sei unserem Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.
Und einer der Ältesten fragte mich: Wer sind diese, die mit weißen Gewändern bekleidet sind, und woher sind sie gekommen? Und ich antwortete ihm: Herr, du weißt es. Und er sagte zu mir: Das sind die, die aus der großen Bedrängnis gekommen sind und die ihre Gewänder im Blut des Lammes gewaschen und weiß gemacht haben. Darum stehen sie vor dem Thron Gottes und dienen ihm Tag und Nacht in seinem Tempel. Und der, der auf dem Thron sitzt, wird über ihnen bleiben. Sie werden nie mehr Hunger und Durst haben. Auch die Sonne oder irgendeine andere Hitze wird ihnen nicht mehr schaden. Denn das Lamm in der Mitte am Thron wird sie weiden und zu den Quellen des Lebenswassers leiten, und Gott wird alle Tränen von ihren Augen abwischen.
Paul Gerhardt hat uns ein großartiges Lied geschenkt von der Mühsal des Lebens. Wir können die schönen Verse jetzt alle nicht singen, aber all die, die schwere Lebensführungen haben, sollen das doch zuhause einmal in Ruhe lesen. Wir wollen jetzt nur aus 326 die Verse 6 singen und dann den großen Umschwung, wie er von dem Lobpreis plötzlich redet, unter großer Hoffnung: Vers 6 und dann Vers 10, 11 und 12, 326.
Über nur ein Bibelwort predigen: Psalm 17,15. „Ich aber will schauen dein Angesicht in Gerechtigkeit. Ich will satt werden, wenn ich erwache, an deinem Bilde.“
Die Not des Menschen und Gottes Weg mit ihr
Sie kennen das ja: Es ist uns oft nicht leicht, wenn wir so plötzlich mit verzweifelten Leuten zusammensitzen und dann den Aufschrei hören: Warum?
Es gibt ja viele Antworten, gute Antworten. Aber in diesem Augenblick, wenn man dann sieht, wie hier ein Mensch leidet, dann kann man nichts sagen, weil vielleicht auch gar kein Hören mehr da ist. Man sieht nur dieses verzweifelte Gesicht.
Da liegt einer, der seit Jahren als junger Mensch gelähmt ist und im Bett liegt und weiß, es wird nicht mehr besser werden. Er sagt: Warum bin ich unnütz? Ich kann nichts mehr tun, mein Leben ist verpfuscht, warum ich? Oder jemand anderes, von einer unheilbaren Krankheit befallen. Oder das Kind, das den Eltern weggerissen wird, und wo sie gegenüber sitzen und nur den Schrei hören: Warum, warum?
Und was soll ich denn dazu sagen? Wir sind doch nicht die Geheimräte Gottes, die auf alles eine Antwort geben könnten. Und vielleicht ist das ein Missverständnis, wenn die Leute glauben, als ob all das, was an Schwerem und Bösem und Heimtückischem, Gemeinem passiert, von Gott verursacht wäre.
Ich will Ihnen heute eine Antwort geben aus diesem Bibelabschnitt. Wissen Sie, warum das Gott geschehen lässt? Gott macht ja das Leid gar nicht, er lässt es geschehen. Das ist ein großer Unterschied. Aber warum er das geschehen lässt: Wenn Sie die Oliven in die Presse tun und dann zudrehen, erst dann haben Sie das Öl. Das können Sie wahrscheinlich den Menschen, die dann im Leiden sind, gar nicht mehr erklären. Das müssen Sie früher verstehen.
Gott nimmt seine Leute manchmal ganz schön hart ran, damit Öl herauskommt. Was denken Sie, was das Leben Davids gewesen wäre, wenn er nicht fortwährend in furchtbare Not gekommen wäre? Er war ja ein Gescheuchter und ein Gejagter. Er hatte so viele Probleme in seinem Leben, dass ich glaube, das hätte keiner von uns durchgestanden. Aber bei David bewirkt immer wieder das schwere Erleben, das Gott zugelassen hat, nur das, dass er immer gewisser, immer fröhlicher, immer lauter von seinem Glauben redet, von seiner Hoffnung, von seiner Zuversicht, die er hat.
Das wünsche ich bei Ihnen auch, dass Ihr Glaube immer heller leuchtet, je dunkler es um Sie her wird. Und darum müssen Sie wissen, dass je länger, je mehr es bei uns auch um dieses Einüben geht.
Und jetzt ist es gut, wenn Sie wieder Ihre Bibel auf den Knien liegen und aufgeschlagen haben.
Der innere Kampf des Glaubenden
Da steht ja manches in diesem Psalm drin. David hat die schlimmsten Erfahrungen nicht in der Krankheit gemacht, nicht durch irgendwelche schweren Schläge, die wir sonst so meinen. Sondern wissen Sie, wovor David am allermeisten Angst hat? Vor Menschen. Und am allermeisten auch vor Menschen in seinem Umkreis. Und nicht zuletzt am meisten vor sich selbst, vor dem Abgrund in ihm.
Da redet er von Menschen, die ihn umgeben, Vers 11: Die Augen richten sie darauf, dass sie uns zu Boden stürzen, gleich wie ein Löwe, der nach Raub lechzt, wie ein junger Löwe, der im Versteck sitzt.
Wenn Sie Schwierigkeiten mit Menschen haben, dann wissen Sie, was das ist. Da sagt man: Ich kann gar nicht mehr weiterleben, wegen der dauernden Angriffe, denen ich ausgesetzt bin, wie heimtückisch, wie gemein das bei mir zugeht. Vielleicht ist es an Ihrem Arbeitsplatz so, dass Sie zittern und Angst haben. Es gibt junge Leute, die schon vor der Schule zittern, weil sie das einfach nicht mehr schaffen. Und sie sagen: Da ist jemand, der kann mich nicht leiden. Das ist so furchtbar.
Und das legt David alles einfach vor Gott. Er sagt: Herr, das ist jetzt dein Problem, und das machst du jetzt fertig. Und er weiß, warum das sein muss, damit er nur umso zuversichtlicher in die Zukunft blicken kann.
Haben Sie es gehört? Dass Sie noch zuversichtlicher in die Zukunft blicken können? Das ist heute das Thema meiner Predigt: zuversichtlich in die Zukunft blicken. Drei Fragen allerdings dazu. Was ist das alles im Licht der Ewigkeit?
Ich möchte doch noch einmal stehenbleiben bei den großen Nöten, die man im zwischenmenschlichen Bereich hat. Es ist so schade, dass man heute das gar nicht mehr gelten lassen will. Wenn über den Weltfrieden gesprochen wird, dann hört man kaum mehr eine Stimme, die daran erinnert, dass das mit dem Frieden ein ganz großes Problem mit uns ist, nicht mit den Waffen allein.
Wenn da in Genf extra Soldaten vereidigt werden müssen, bloß um Friedensgespräche zu sichern, was ist das für eine verrückte Welt! Wenigstens bei den Friedensgesprächen dürfen Sie doch keine Angst haben.
Eine Welt, in der wir so viele Auseinandersetzungen haben, dass wohl keiner von Ihnen sagen kann: Ich kann den morgigen Tag erwarten, ohne zu wissen, dass sie über mich herfallen, ohne dass andere nur den Sinn haben, mir Fallen zu stellen. Das ist doch schwer, wenn man so leben muss. Und manche leben oft schon in einer solchen Disharmonie, in ihrem engsten Hauskreis, im Familienkreis, in ihrer Nachbarschaft, dass sie gar nicht mehr weiterwissen.
Wie kann eigentlich David das alles wegstecken, dass er das einfach so liegen lässt und dann weitermacht? Das soll ja geschehen, dass wir in unserem Gebet und im Glauben auch das alles bewältigen, was uns bedrängt, Not macht und niederdrückt.
Freiheit von Neid und Selbstmitleid
Ich muss Sie auf etwas aufmerksam machen, das auch in diesem Psalm anklingt.
Am schwersten ist in unserem Leben oft das, was uns immer wieder bremst und hemmt: der Neid. Wahrscheinlich könnten wir manches anders gut aushalten und manche Schwere geduldig ertragen, die uns widerfährt, wenn da nicht das Selbstmitleid wäre. Wir können manchmal ganz erschütternd in die Kissen weinen, wie schwer wir es haben und wie arm wir doch dran sind. Und dieses Selbstmitleid ist ja nichts Natürliches. Es ist etwas Natürliches, aber es ist nichts Göttliches. Da gefallen wir uns selbst in dieser Selbstliebe, die Gott nicht gemeint hat.
Und dann im Neid: Ach, wie gut haben es die anderen, und ach, die ... Das kann auch in der Krankheit so sein, dass der Neid über einen kommt. Warum können die anderen so sicher leben? Die haben keine Probleme, und die haben doch viel gottloser gelebt als ich. Der Neid macht bitter, er lehnt sich auf und neidet dem anderen das, was ihm so gut geht.
Achten Sie einmal darauf, wie David frei ist von Neid in Vers 14. Er redet von den Leuten, denen Gott den Bauch füllt mit seinen Gütern, aber sagt: Herr, bewahre mich vor denen, ich möchte das nicht haben, ich will gar nicht tauschen. Ich bin nicht neidisch. Ich nehme mein schweres Leben an, auch nicht mit Tränen in den Augen, auch nicht mit Selbstmitleid. Ich nehme mein Leben an als das von dir geführte Leben. Ich bin nicht neidisch.
Und er macht einen tiefen Schnitt und fängt in Vers 15 an: Ich aber, ich aber ... Er ist ganz stolz. Er sagt: Ich, ich bin doch nicht mehr so, dass mich das ... Er braucht selber Zeit im Gebet, dass mich das anfechten könnte. Es hat ihn ja irgendwo angefochten, es hat ihm ja furchtbar zu schaffen gemacht. Aber er bricht im Glauben, im Gebetsgespräch mit Gott, einfach durch und sagt: Ich aber, ich will jetzt nicht mehr daran denken, wie es andere haben. Ich freue mich, ich freue mich so ungeheuer. Jetzt müssen Sie achten, was jetzt kommt: dass ich Gottes Angesicht schauen darf.
Das Ziel des Glaubens: Gottes Angesicht
Und das kann er mittendrin im Elend, mitten im finsteren Tal, mitten in der Grube, wo er sagt: Ich habe plötzlich weiten Raum, ich stehe auf dem Fels, ich bin aus dem Schlamm gezogen, weil ich ihn, meinen Herrn, schauen darf und ihn kenne von Angesicht zu Angesicht.
Manchmal erinnert mich das ein wenig an den Neid, an die schweren Gedanken, an den Trübsinn, den wir haben: an einen Adler, der oben auf der Felsklippe sitzt und denkt: Ach, wie hat es die Maus so gut, die hat da unten so Löcher, in die sie immer wieder schlüpfen kann.
Glauben Sie, ein Adler beneide im Ernst eine Maus? Im Gegenteil. Er weiß doch, wie kurz ihr Leben ist und wie kümmerlich sie da unten umherkreucht. Er stürzt sich in die Wolken, und dann trägt er mit seinen großen Schwingen seinen schweren Körper. Dann macht er seine weiten, großen Flüge. Das ist ein Bild des Glaubens: auffahren mit Flügeln wie Adler. Lass doch die anderen ihr Leben fristen, ob sie im Reichtum sind oder ob sie hundertvierzig Jahre alt werden und nie ein Wehwehchen haben. Was geht mich das an?
Ich darf vor Gott stehen und darf ihm gehören. Ich darf ihn mit meinen Augen schauen. Ich will dein Antlitz schauen, das ist eine Absichtserklärung. Ich will das jetzt. Ich will meinen Blick auf dich richten.
Ja, was meint denn David mit diesem Psalm? Da haben die Ausleger sehr herumgerätselt. Manche meinen ja, es hätte im Alten Testament noch wenig Ewigkeitshoffnung gegeben, weil so wenig davon gesprochen worden sei. Ach, ein Glaubensmann wie David, der weiß sich auch im Tode in Gott geborgen. Was soll das sonst sein als Ewigkeitshoffnung?
Wenn er hinausblickt über die schrecklichen Nöte des Alltags, was hat ihn da bewegt als Regierungschef, wo er oft selbst nicht helfen konnte und seine Kraft zu schwach war? Ich will schauen, dein Antlitz in Gerechtigkeit. Was ist das alles im Licht der Ewigkeit?
Sehen Sie doch einmal mit den großen Adlerrunden, die der Tret ihr kleines Leben, das sie vorher gelebt haben. Was ist mit ihrem großen Zug zur Ewigkeit?
Keine Flucht, sondern Wirklichkeit Gottes
Zweitens, zweite Frage: Ist das nicht Flucht vor der Realität?
Ja, in unserer Zeit gibt es so viele Versuche, mit den Tücken des Lebens fertig zu werden. Ganz verbreitet ist ja die Kraft des positiven Denkens. Da muss man immer nur das Gute denken, und dann wird sich das Gute schon von allein einstellen. Es ist immer wieder beeindruckend, wie Leute die Kraft des positiven Denkens in einer wirklich heroischen Weise üben und auch viel Schönes damit erleben.
Andere sagen: Vergiss es, lass dich nicht niederdrücken. Sie kennen die Ratgeber und die Tröster, die ihnen aufmunternd auf die Schultern klopfen. Und ich habe immer Sorge, dass Ewigkeitshoffnung eben wieder als ein solcher Strohhalm begriffen wird.
Wie leide ich darunter, wenn die Leute im Krematorium auf dem Pragfriedhof sitzen und denken: Na, lassen wir mal da vorne in seiner schwarzen Kutte sein, Sachsagen muss er ja, dafür wird er ja bezahlt.
Dabei geht es doch um etwas anderes. Das ist natürlich eine Ewigkeitshoffnung, aber es ist eine Realität, weil mich heute die Welt Gottes, die unsichtbare Welt Gottes, umgibt. Das ist so herrlich, wenn wir beten, auch mit Kranken, wie da plötzlich eine Intensivstation im Krankenhaus erfüllt ist mit der Gegenwart Gottes und wir plötzlich in dem Eindruck stehen: Er ist da.
Ich habe es mir zur Faustregel gemacht, auch bei all den Besuchen, wenn es irgend geht, mit ihnen zu beten. Denn das ist das Größte: wenn wir aus der Atmosphäre des Wohnzimmers plötzlich in die Gegenwart Gottes treten.
Und darum war das doch bei David nicht nur eine Sehnsucht, die war es, wenn er durchs Todestal hindurchgeht, sondern es war eine Sehnsucht für heute. Wir haben ihn die Bilder geplagt, er hat ja schon im Kinderzimmer solche Probleme gehabt. Glauben Sie nicht, dass christliche Eltern problemlos ihre Kinder erziehen? Und als dann sein Sohn Absalom noch Terroristenführer wird und den Vater barfuß den Ölberg hinaufjagt, sah er, dass doch die Welt diese grausame Welt ist.
Ist das der Dank deines Sohnes, dem er völlig unverdient einmal Gnade geschenkt hat, als er schon sein Leben verwirkt hatte? So zahlt es einem die Welt heim. Da wird man doch bitter.
Dass er sagt: Herr, ich will nur noch dein Angesicht sehen. Ich will mich nicht mehr blenden lassen von den Bildern dieser Welt.
Das innere Bild und die tägliche Ausrichtung
David hat an den Bildern dieser Welt gelitten, und darum will er Gottes Angesicht schauen. Ich bin immer wieder erschrocken, wie viele gläubige Menschen aus unserer Mitte durch die Flut der schrecklichen Bilder, die heute frei Haus geliefert werden, längst ihr reines Herz verloren haben. Sie sagen: Das ist furchtbar, ich kann nicht sitzen. Wenn ich beten will, dann kommen die grausigen Bilder über mich. Ich sehe nur noch die hässlichsten, schmutzigsten Bilder vor mir. Ich glaube, dass der Teufel sie uns vorhält, was einmal eingeprägt ist durch dieses Einfallstor der Augen.
Als er oben auf dem Söller seines Palastes ging und Batseba den Vorhang nicht zuzog in ihrem Bad, waren die Augen die einen so bestimmen. Wissen Sie, warum David betet: Ich will schauen, dein Angesicht, Herr? Ich will doch wieder dein Ebenbild werden. Präge mir es bis in die Tiefe meiner Seele wieder ein. Du kannst nur siegen über den Schmutz meines Lebens, über die Bilder, die grausamen, die grässlichen Bilder, auch über all das, was mich hart und bitter macht, die Erfahrungen des Lebens, die ich nicht vergessen kann.
Ich will schauen, dein Angesicht. Ich will morgens, wenn ich erwache, an dich denken. Das soll das Erste sein. Wie hat Luther so schön gesagt: Wenn ich aus dem Bett fahre, nicht die vielen Termine, die schon wieder dastehen, nicht die Hetze des Tages. Und hoffentlich schlafen Sie nicht ein mit den Bildern des Fernsehens, sondern sammeln ihre Gedanken um das Angesicht Gottes. Das braucht ihre Seele. Sonst brauchen sie sich nicht zu wundern, wenn ihre Psyche kaputtgeht.
Ich will schauen, dein Angesicht. Meine Mutter hat zu Hause gern bei uns den Vers gebetet:
Lass du dich diesen Tag mir stets vor Augen stehen,
dass dein Allgegenwart mich wie die Luft umgeben,
auf das mein ganzes Tun mit Herz, mit Sinn und Mund
dich lobe inniglich, mein Gott, zu aller Stund!
In der Gegenwart Gottes leben, die mich umgibt wie Luft! Ich will dein Angesicht schauen, Herr. Ich will nicht hängenbleiben an diesen schrecklichen Bildern der Welt, die unser Gefühl so stumpf machen, die man manchmal kaum ertragen kann, bis hin zu jenen grässlichen Bildern beim Vulkanausbruch in Kolumbien. Ich will mich freuen an deinem Gnadenanblick, dass du mich ansiehst, mich lieb hast, obwohl das alles so ist, wie es bei mir ist. Und dass du, Herr, mich so fest an dich ziehst, das ist ganz groß.
Und aus diesem Schauen Gottes, aus diesem täglichen Schauen Gottes, aus diesem aktuellen Schauen Gottes hat David die Zivilcourage gehabt. Eigentlich war es ja verrückt, als der Goliath höhnisch hinterherkam und die Männer in den Zelten saßen und da die Knie schlotterten. Das war ein Bild. Und David sagt: Da gebt ihr auf, Gott ist da. „Herr Gott, ja, wer weiß, versteht er?“ Der Glaube war so ganz anders. Das war vis-à-vis mit Gott gelebt. Schon als Junge war ihm das so unumstößlich: Gott ist bei mir.
Da heißt es ja dann in dem anderen Psalm: Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen. Da sollen sie mal kommen. Ich kann die kühnsten Sprünge machen mit meinem Gott, weil er nicht bloß das gewusst hat, sondern in das Angesicht Gottes geschaut hat. Und das machte ihn mutig, auch nicht nachzugeben vor dem Druck der öffentlichen Meinung.
Sehnsucht, Bereitschaft und Gemeindeleben
Was ist das heute für eine Not, auch in unserer modernen Gesellschaft, wo die Mehrheiten bestimmen, die grosse Masse, wo man sich anpassen muss? Es sind Leute nötig, die Zivilcourage haben, weil sie Gott in die Augen schauen und wissen: Ich will nur noch vor Gott bestehen.
Da kommt es ja davon her: Ich will in Gerechtigkeit deine Augen, dein Angesicht schauen. Ich will nicht an einem Stück abirren von deinen Geboten, Herr. Ich will immer treuer darauf achten, dass mein ganzes Leben und Tun nur vor dir bestehen kann. Lass die Menschen reden, was sie wollen, und was die Meinung und Mode der Zeit ist. Ich will nur dein Antlitz schauen.
Dritte Frage: Sehnen wir uns? Sehnen wir uns danach? Nach was wir uns sehnen, das ist oft das Leben. Das gemütliche, behagliche Leben, das ruhige Leben. Wir haben ja alle so ganz komische Trugbilder, vielleicht sogar noch so ein verrücktes Bild vom Sitzen auf dem alten Teil im ruhigen Feierabend. Ach, wissen Sie, das Leben ist ja ganz anders. Besuchen Sie mal mehr unsere leidgeprüften Alten, die das oft gar nicht bewältigen können, jene letzte Wegstrecke ihres Lebens, wo man das Sterben täglich einüben muss.
Und dann ist das die Frage: Nach was wir uns sehnen. Nach dem gefüllten Bauch, wie es im Vers 14 heisst, mit Gütern? Hauptsache, man ist gesund? Oder ich sehne mich, dass heute etwas von der Herrlichkeit Gottes in meinem Leben aufleuchtet. Und das ist ja so wichtig, dass wir einander helfen. Vielleicht einen kurzen Telefonanruf, ein Kerzchen, das wir schreiben, mit einem Bibelwort drauf, ein Besüchlein, wo wir das einem sagen. Sagen Sie es: Gott suche dich jetzt auch in den Tiefen der Krankheit. Wenn Sie es bloss in einem schlichten Wort sagen, wie ich es sage mit dem 23. Psalm: Und ob ich schon wanderte durchs finstere Tal, fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir.
Sehnen Sie sich nach diesem Angesicht Gottes schauen? Da geschieht auf einmal das Wunderbare. Ich erinnere mich noch, wie ich als junger Vikar in Tuttlingen in einer kleinen Augenklinik Besuche machte. Ich habe erst sehr spät gemerkt, dass die irgendwie schlecht versorgt waren. Da gab es keine Seelsorge. Und dann ging ich hin, und man steht ja auch als junger Mensch und als Älterer noch mehr vielleicht hilflos davor. Eine Frau wusste, dass ihr Augenlicht auf beiden Augen wahrscheinlich nicht mehr wiederkommt, und sie lag nur nach einer Operation da, wo man noch einmal probiert hat, aber wenig Hoffnung war.
Was soll ich denn sagen? Mir fiel nur das Bibelwort ein: Welche auf ihn sehen, die werden erquickt, und ihr Angesicht wird nicht zu Schanden. Und dann sagt die Frau so ruhig mit ihren verbundenen Augen: Das erlebe ich doch. Ich bin doch so reich. Dann soll noch einer sagen, das sei das Schlimmste, wenn man einem das Augenlicht wegnimmt. Ist alles das Schlimmste das Gehör und den Verstand und die Füsse? Aber das Leben ruht bloss in dem einen, dass ich das Angesicht Gottes schauen darf, weil ich sein Ebenbild bin. Das ist der Kern meiner Person, dass ich nach dem Bilde Gottes geschaffen bin. Das wird einmal Herrlichkeit sein, wenn ich frei von Weh sein Angesicht sehe.
Wie es in dem Lied heisst, das wird das Grösste sein. Nicht die Verwandten und die Lieben, die ich wieder treffe. Die werden wir wieder treffen. Aber dass ich ins Angesicht Gottes schauen darf, nach all den schweren Bildern, die ich sehen durfte, und nach dem Schrecklichen, was ich auch an mir selbst gesehen habe. Ich will dein Bild immer besser sehen. Ich will satt werden, wenn ich erwache an deinem Bilde.
Hans Brandenburg hat dieses Lebensbild von Christa von Fiban, dieser so schlichten Frau aus grossem Hause, unter dem einen Titel beschrieben: Ich hatte Durst nach Gott. Was war denn das Geheimnis dieser Frau? Doch nicht ihre Gaben. Da sie Durst hatte nach Gott. Sie hat in allem, was sie war und lebte, nur den einen Wunsch gehabt, dass sie Gottes Angesicht schauen darf und dass sie ein Spiegel ist, der etwas vom Lichtstrahl der Herrlichkeit Gottes hineinleuchtet in diese Welt.
Sehnen sie sich danach? Ich wollte ihnen einen Hunger machen, so wie sie sich nach einem langen Tag ohne Essen mit Heisshunger über ihr Abendfesper stürzen und sagen: Jetzt wird aber zugeschlagen. Wenn wir sehen, was wir alles können, dass sie einen geistlichen Hunger haben und sagen: Herr, wecke in mir diese Begier, dein Wort zu studieren, Zeit zu nehmen zum Beten, mitten im Alltag, im Gedränge des Geschäftes innezuhalten und dich zu sehen. Gib das mir, in dem Weltgetümmel die Ewigkeit sei vorgestellt.
Das habe ich Ihnen ja schon mal erzählt. Das war das Verslein, das sich unser Vater schreiben liess von uns und in sein Dienstzimmer im neuen Schloss gehängt hat: Gib, dass mir in dem Weltgetümmel die Ewigkeit sei vorgestellt. Das macht nicht realitätsfern, im Gegenteil, das macht treu. Aber das schenkt es Gott, dass wir mitten in der Welt schon etwas weitergeben dürfen von der Grösse Gottes und seiner Macht.
Und dann wacht die Sehnsucht auf, dass wir uns immer wieder sehnen: Ach, wäre ich da! Oh, stünde ich schon! Oh, grosser Gott, vor deinem Thron und trüge meine Palmen! Wir sind täglich und stündlich bereit, wann uns Gott ruft. Das weiss keiner von uns, wann die Stunde sein wird.
Ich habe gedacht: Ist das nicht eigentlich schade, wenn es heute einen Todensonntag-Predigt gibt? Rolf Hiller hat ja über unseren heutigen Predigttext vom Weltgericht schon am Anfang des Monats gepredigt. Da dachte ich: Nein, und wenn wir noch mal einen Todensonntag haben, dann ist es ein Ewigkeitssonntag. Das kann man nicht oft genug hören.
Wir brauchen wieder mehr Ewigkeitsbezug, nicht nur im Gottesdienst, im Alltag ihres Lebens, da im Getriebe, da wo sie so mutlos sind, sondern weiterblicken, alles im Licht seiner Ewigkeit noch einmal sehen. Satt werden, wenn ich erwache an deinem Bilde.
Einer aus unserer Mitte, der sich zur Operation verabschiedet hat, habe ich gesagt: Ja, wie ist das jetzt? Wissen Sie, was er gesagt hat? Das sollen meine letzten Gedanken sein. Wenn Sie die Spritze mir reinjagen, ich will staunend ein Antlitz in Gerechtigkeit, ich will satt werden, wenn ich erwache, in deinem Bilde, in dieser oder in jener Welt. Das ist ganz gleich.
Dass wir so bereit sind, an jedem Abend, wo wir uns zu Bette legen, das sollen Ihre Gedanken sein, wenn Sie nachts nicht schlafen können, wenn Sie grübeln: die Vorfreude auf die Schar, zu der Sie berufen sind, die da um den Thron Gottes herumsteht und jetzt ihm schon die Loblieder singt. Und da wollen wir doch mitsingen und durchschauen durch die sichtbaren Dinge dieser Welt. Noch eine kurze Zeit, dann ist gewonnen, dann ist der ganze Streit in nichts zerronnen. Dann will ich laben mich an Lebensbächen und ewig, ewig nur mit Jesus sprechen. Amen.
Schlussgebet, Fürbitte und Gemeindemitteilungen
Und nun singen wir dieses Lied 563: Es mag sein, dass alles fällt. Dass wir vorhin schon vor Beginn des Gottesdienstes etwas angesungen haben, liegt daran, dass wir es nach der anderen Melodie singen, die in der Jugendzeit gebräuchlich war. 563, alle fünf Verse.
Herr, dass wir dich schauen dürfen, das ist so gross. Und dass du dies zusagst, dass wir mit unseren Augen dich einmal in deiner Vollkommenheit und Schönheit sehen dürfen, und dass du uns berufen hast, dabei zu sein in deinem ewigen Reich, ja, dann hilf uns heute zum Hinüberblicken über Grabeshügel, über Bosheiten von Menschen, über Schwierigkeiten, über Enttäuschungen im Beruf und Geschäft. Und lass das geschehen, dass wir aus der Gegenwart, die du uns freundlich schenkst, leben, dass wir es im Glauben ergreifen und dass du dann mitten im Gedränge des Tages durch uns wirken kannst.
Ach Herr, hilf uns doch, dass wir fallen lassen können, was fallen muss, und zerbrechen lassen, was zerbrechen muss. Und dass das eine immer heller erstrahlt: der Glaubensblick auf dich.
Ich wollte dich heute auch bitten für unsere Welt, auch für die Gespräche, die in Genf beginnen. Denn die Völker vor dir sind wie ein Tropfen am Eimer. Und weil du die Herzen der Mächtigen lenken kannst, möchten wir dich bitten, dass du deine grossen Heilspläne durchführst, auch in unseren Tagen.
Und wir wollen dir danken für die Zeit des Friedens, die du uns bis heute ganz unverdient geschenkt hast. Das war deine Gnade und Güte.
Wir wollen dich auch bitten für die Menschen in Not dort in Kolumbien. Gib du den evangelischen Gemeinden in diesem Lande Weisheit, Kraft und Liebe, Zeichen der Hoffnung und des Helfens zu setzen, in deinem Namen.
Lasst uns gemeinsam beten:
Vater unser im Himmel,
geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme,
dein Wille geschehe,
wie im Himmel so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.
Ich möchte einladen zum Alten Mittag. Was heisst Alter Mittag? Wir brauchen uns nicht zu schämen der Jahre, die uns Gott geschenkt hat. Ich möchte bloß ganz deutlich sagen, dass wir uns riesig freuen, wenn die unter uns Anwesenden über Sechzigjährigen teilnehmen. Es gibt immer wieder ein paar, die sagen: Ich wohne doch nicht hier. Wir machen doch keine Grenzlinien. Sie sind eingeladen heute Mittag, und wir freuen uns, wenn sie mit uns Gemeinschaft haben. Es ist ein schöner Rückblick auch auf das, was uns Gott geschenkt hat.
Wir haben am Bustag zwei Gottesdienste. Es ist immer wieder leid, wenn jemand im ersten keinen Platz findet, aber das müssen Sie lösen, das liegt nicht in meiner Hand. Wir haben zwei Gottesdienste, zwei Kindergottesdienste, aber wir haben am Dienstagabend kein Bibeltraining wegen Bustag.
Hinten liegt ein Brief, auch jetzt heute ein grüner Brief von Willi Ehret, von seiner Missionsarbeit in Nigeria. Das ist ein Landwirt, der in Hohenheim studiert hat und von unserer Gemeinde mit ausgeschickt wurde.
Ich habe am Freitag mit unseren befreundeten Gemeinden in Kolumbien telefoniert, die sind sehr im Einsatz. Ich konnte mit einem Arzt sprechen von einem evangelischen Hospital. Die sind völlig überfüllt. Das ist noch nicht einmal im Gebiet, aber die haben schon die, die sie herbringen konnten, betreut. Wir sollten auch im Gebet an sie denken.
Kolumbien hat ja eine sehr stark gewachsene evangelische Christenheit. Luis Palo hat gesagt, es sei das einzige Land Südamerikas, bei dem er denken könnte, dass im Jahr 2000 sogar eine evangelische Mehrheit in der Bevölkerung wäre. Heute sind es natürlich nur kleine Gruppen von vielleicht zwei bis drei Prozent Evangelische, aber ganz stark wachsende Bibelgruppen, deshalb weil die Verfolgung so gross war von der katholischen Kirche und weil die katholische Kirche heute so stark von der Befreiungstheologie durchsetzt ist. Es ist doch Hunger nach Evangelium in diesem Land so gross, und wir wollen darum beten, dass auch diese Schwere dazu dient, dass der Ruf Gottes und das Angebot der Gnade neu ergriffen wird.
Ich will Sie noch darauf hinweisen: Unsere Israel-Reise haben wir ja vor einem halben Jahr mal angekündigt. Jetzt ist es so, dass über vier Fünftel der Plätze voll ist. Wir gehen ja wieder mit zwei Bussen mit 84 Teilnehmern. Ein paar haben immer noch gesagt: Ich möchte das wissen und so weiter. Wir haben jetzt etwa 70, es sind noch die letzten 14 Plätze, aber das geht dann oft sehr schnell. Ich freue mich, wenn noch jemand mitgeht. Wir können jetzt auch sagen, dass bei dem jetzigen Währungsvergleich der Preis gültig und fest ist. Da hinten liegen diese grünen Prospekte zur Israel-Reise, falls auch in Ihrem Bekanntenkreis jemand daran Interesse hat. Es ist ja eine achtzehntägige Reise und eine bequeme Reise, die es auch Älteren leicht möglich macht, dabei zu sein.
Noch das Opfer heute ist für unsere Frau Dekker, die auf Ambon ist. Die Ambonesen kennen wir ja, da gibt es so viele, die in Holland leben. Das ist eine Insel von Indonesien. Und da macht sie ihre Sprachstudien als Bibelübersetzerin. Das ist etwas Grosses, wenn das Evangelium in alle Sprachen der Welt übertragen wird, wenn wir dabei sein können. Für Frau Dekker heute wollen wir auch an sie denken.
Bestattet wurde Elisabeth Baun, geborene Willmann, 93 Jahre, Stitzenburgstrasse 7.
Wir hörten das Wort: Wohin sollen wir gehen? Du hast Worte ewigen Lebens.
Herr, segne uns und behüte uns.
Herr, lass dein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig.
Herr, hebe dein Angesicht auf uns und gib uns deinen Frieden!
