
Was ist falsch mit der Welt?
Aufgewühlte Nachrichten und die Frage nach dem Warum
Guten Morgen. Ich habe das Gefühl, ich muss kurz ordnen. In den letzten Tagen bin ich beim Lesen der Nachrichten auf eine Meldung gestoßen über eine Schauspielerin — den Namen Colín Fernandes — die ihren Ehemann angezeigt hat. Offenbar soll er gefälschte Nacktfotos von ihr verkauft haben, als würde sie sie selbst verkaufen. So genau blicke ich das nicht hundertprozentig, aber offenbar wurde sie über einen Zeitraum von mehr als zehn Jahren missbraucht und es gab noch andere schlimme Dinge.
Ich verstehe das nicht ganz, und die Frage, die dabei aufkam, lautete: Was stimmt nicht mit uns? Wie krank ist das überhaupt? Wie kann man als Ehepartner so etwas tun? Es war nur eine kleine Meldung, aber sie deutete an: Da ist etwas krank, da ist etwas kaputt.
Die Nachrichten sind voller Krieg, Korruption, Vergewaltigung, Beziehungsdramen und anderer Abgründe. Die Frage, was mit dieser Welt nicht stimmt, lässt sich an vielen Stellen stellen. Warum fügen Menschen einander so viel Leid zu? Warum gehen wir so miteinander um?
Jeder fühlt sich in dieser Welt oft wie ein Exilant. Man spürt, dass die Welt eigentlich ein Ort von Frieden, Liebe und Gerechtigkeit sein sollte. Die Realität zeigt aber eher Krieg, Hass und Ungerechtigkeit. Was ist falsch mit dieser Welt? Diese Frage hat jeder, der die Nachrichten einschaltet.
Wer ehrlich ist, spürt manchmal auch, dass ein Riss durch das eigene Leben geht. So, als hätte man eine wunderschöne Melodie im Kopf, aber jedes Mal, wenn man versucht, sie zu spielen, bleibt man hängen und es entsteht Disharmonie. Viele haben erlebt, dass sie gute Vorsätze und Ideen haben, wie sie leben und mit anderen umgehen wollen, und dennoch gelingt so wenig davon.
Man will geduldiger und liebevoller sein, verliert aber die Beherrschung. Man möchte Beziehungen aufbauen und errichtet stattdessen Mauern aus Stolz. Deshalb lautet die Frage nicht nur: Was ist falsch mit der Welt? Sondern auch: Was ist falsch mit mir, mit uns persönlich? Irgendetwas passt nicht.
Man erkennt, dass die Melodie, die durch die Welt und durch das eigene Leben läuft, nicht die Harmonie widerspiegelt, die sie haben sollte. Da ist vielleicht eine Idee davon, wie es klingen könnte. Oft kommt dann ein heftiger Dissonanzakkord, man greift daneben und verliert sich in den Tasten. Es ist, als würde nicht ein Meisterpianist spielen, sondern man selbst — und ab und zu gelingt einem einfach nichts.
Warum schmerzt uns das? Warum empfinden viele Menschen Schmerz, wenn sie über diese Welt und ihr Leben nachdenken? Wenn wir doch nur das Ergebnis chemischer Reaktionen wären, warum regt uns Ungerechtigkeit dann so auf? Warum stört uns das, wenn es doch angeblich keine allgemeingültige Moral gibt?
Gibt es vielleicht eine andere Antwort? Könnte die christliche Sicht auf das Problem der Welt ehrlicher oder umfassender sein als die Antworten, die Wissenschaft, Säkularismus und andere Denkweisen bieten? Die christliche Antwort klingt manchmal verrückt, aus der Zeit gefallen oder unglaubwürdig. Gleichzeitig erklärt sie vielleicht besser als andere Modelle, warum man die Noten vor sich sieht, aber die Tasten der Klaviatur nicht trifft.
Die Bibel gibt uns gleich zu Beginn eine Erklärung dafür, warum die Welt nicht so ist, wie wir sie uns wünschen. Sie schildert, dass die Welt ursprünglich genau so geschaffen wurde, wie wir sie uns ersehnen: voll Harmonie, Frieden und Gerechtigkeit. Bereits im dritten Kapitel wird jedoch gezeigt, warum aus dieser Harmonie Disharmonie wurde und welche Folgen das für die Welt hat.
Das soll heute betrachtet werden. Ich bin nicht im Johannesevangelium unterwegs; diese Auslegung ist bewusst als Vorbereitung auf Ostern gedacht, wenn es in die Karwoche geht. Es geht darum zu verstehen, worin das große Problem besteht, und sich daran zu erinnern — auch wenn viele es bereits kennen.
Zum Text: 1. Mose 3,1-7.
Ein altes Kapitel wird vorgelesen
Die Schlange war listiger als all die Tiere, die Gott gemacht hatte. Sie fragte die Frau: „Hat Gott wirklich gesagt, dass ihr von keinem Baum im Garten essen dürft?“ Die Frau entgegnete: „Natürlich essen wir von den Früchten. Nur von den Früchten des Baums in der Mitte des Gartens hat Gott gesagt, davon dürft ihr nicht essen, sie nicht einmal berühren, sonst müsst ihr sterben.“
„Sterben?“ widersprach die Schlange. „Sterben werdet ihr nicht. Aber Gott weiß genau, dass euch die Augen aufgehen, wenn ihr davon esst. Ihr werdet wissen, was gut und böse ist, und werdet sein wie Gott.“
Als die Frau nun sah, wie verlockend die Frucht vom Baum schien, wie sehr sie die Augen öffnete und wie viel Einsicht sie versprach, nahm sie eine Frucht und aß. Sie gab auch ihrem Mann, der neben ihr stand; auch er aß. Da gingen beiden die Augen auf. Sie merkten plötzlich, dass sie nackt waren, und machten sich Lendenschürzen aus zusammengehefteten Feigenblättern.
Ich will heute nicht weiter in die Tiefe des Kapitels eingehen; das habe ich schon in zwei Predigten getan. Stattdessen möchte ich eine große Linie ziehen, die beantwortet, woher diese Disharmonie kommt.
Viele, die jahrelang die Kinderstunde besucht haben, haben sich vielleicht schon die Frage gestellt: Warum so ein Aufheben wegen eines Apfels oder einer Frucht — was immer es gewesen sein mag? Wo liegt da das Problem? Die Geschichte lässt sich schnell nacherzählen, und man kann sich bildlich gut vorstellen, wie es abgelaufen ist. Doch worin besteht das große Problem? Um das zu verstehen, muss man ein bisschen genauer hinschauen.
Die Versuchung: Zweifel an Gottes Güte
Was tut nämlich die Schlange hier? Ich setze voraus, dass ihr mir zustimmt, dass das der Teufel ist. Darauf gehe ich jetzt nicht näher ein. Was tut sie? Sie weckt Zweifel an der Güte Gottes. Sie stellt Adam und Eva die Frage: Ist Gott wirklich gut zu euch?
Wir haben hier eine Situation, in der Adam und Eva von Gott perfekt versorgt sind. Sie leben in der Welt, nach der du und ich uns sehnen. Sie sind mit überschwänglicher Liebe überschüttet, und die Schöpfung läuft wie ein Uhrwerk unter der Regie Gottes in perfekter Harmonie.
Es gibt nur eine Sache, die Gott Adam und Eva vorbehalten hat: zu definieren, was gut und böse ist, also zu entscheiden, wie das Uhrwerk dieser Schöpfung läuft und wie sie funktioniert. Und diese Schlange weckt bei Adam und Eva die Frage: Meint Gott es wirklich gut mit euch, oder ist er vielleicht nur der Spielverderber?
Diese Frucht — ich sage jetzt Apfel —, Gott enthält dir etwas vor, Gott meint es nicht gut mit dir. Wenn du diese Frucht hättest, dann würde es dir besser gehen. Wenn du selbst entscheiden könntest, was gut und böse ist, dann würde dein Leben besser laufen. Die entscheidende Frage, die in diesem Moment an Adam und Eva gestellt ist, lautet: Bleiben sie in der Abhängigkeit vom Schöpfer, oder sehen sie sich selbst als die besseren Schöpfer und Entscheider darüber, wie Leben gelingen kann, wie die Welt funktionieren kann und wie Schöpfung gelingen kann?
Die Frage über der Frage ist: Meint es Gott wirklich gut mit uns, oder will er uns nur den Spaß verderben? Diese Frucht gibt mir mehr, als Gott mir gibt. Das steckt dahinter. Im tiefsten Kern ist hier das Grundmuster aller Sünde gesetzt.
Irgendeine andere Sache — du kannst dir aussuchen, was es in deinem Leben ist: deine Beziehungen, deine Kinder, dein Auto, Geld, Reichtum, Macht, Sex oder was auch immer — soll mir mehr geben als das, was Gott mir gibt. Und das ist die Frage, mit der jede Sünde lockt: Gott enthält mir etwas vor. Wenn ich seine Grenzen überschreite, dann geht es mir besser. Dann weiß ich besser, wie mein Leben gelingen kann. Ich brauche das jetzt, damit es mir gut geht, und Gott enthält es mir vor.
Ich misstraue Gott. Ich mache etwas anderes zum Zentrum meiner Wünsche und meiner Erfüllung. Ich nehme etwas anderes als die Quelle meines Lebens.
Wir können schnell versucht sein zu denken: na ja, so schlimm ist das ja nicht, Pech für Gott. Die Folgen sieht man aber ziemlich schnell, wenn man nur in die Verse 10-13 schaut. Das ist noch ein bisschen versteckt, aber es ist die erste Folge dessen, was nun passiert.
Der Mensch, also Adam, sagte zu Gott: Ich hörte dich durch den Garten gehen und bekam Angst, weil ich nackt bin. Deshalb habe ich mich versteckt. Gott fragte: Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist? Hast du etwa von dem verbotenen Baum gegessen? Der Mensch erwiderte: Die Frau, die du mir zur Seite gestellt hast, gab mir etwas davon; da habe ich gegessen. Gott fragte die Frau: Was hast du getan? Sie entgegnete: Die Schlange hat mich verführt.
Das Erste, was sichtbar wird, wenn der Mensch sich entscheidet, besser zu wissen als Gott, was gut und böse ist, ist Folgendes: Er ist nur noch auf sich selbst bedacht und versucht, seine eigene Haut zu retten. Sofort entsteht ein tiefer Beziehungskonflikt.
Das klingt zunächst harmlos, und manchmal machen wir uns einen Spaß daraus, eigene Ausreden zu erfinden und dann spaßeshalber hinzuzufügen: Ja, die Frau, die du mir gegeben hast; der Bruder, den du mir an die Seite gestellt hast; etc. Aber das ist der Anfang einer gigantischen Abwärtsspirale.
Der Mensch ist überzeugt, dass Gottes Gebote nur Spielverderber sind, weshalb er meint, sie in die Tonne treten zu können und selbst viel besser zu wissen, wie Leben gelingen kann. Die Folgen werden direkt in den nächsten Kapiteln sichtbar: Kain und Abel, Mord, Brudermord.
Wer ab hier weiter in der Bibel liest, sieht ein dominierendes Thema: Krieg, Ungerechtigkeit und Disharmonie, die sich durch die ganze Welt ziehen. Der Mensch ist der größte Feind des Menschen, oft bis hin zum Krieg. Das zeigt sich hier bereits bei Adam und Eva, gegenüber den Menschen, die sie am meisten lieben sollten und zu denen sie die engste Beziehung haben sollten.
Adam als Repräsentant und die Verbreitung der Sünde
Die Geschichte mag für dich vielleicht verrückt klingen. Du traust dich nicht, das zu sagen, weil du ja ein guter Christ bist. Wer das nicht so sieht, wer hier nicht die Kernursache des Problems der Welt erkennt, muss eine andere zufriedenstellende Antwort finden, warum wir Menschen es nicht schaffen, Frieden und Harmonie in diese Welt zu bringen, obwohl wir so motiviert sind.
Ganz ehrlich: Es scheitert nicht an der Motivation, dass wir uns eine friedliche, harmonievolle Welt wünschen. Daran liegt es nicht. Es scheitert an der Umsetzung. Es gelingt nicht. Warum? Weil wir es mit unseren eigenen Ideen wollen und weil wir uns von der Quelle, vom Meister, von dem, der als Einziger in der Lage ist, Harmonie in der Schöpfung zu setzen, abgekoppelt haben.
Es ist wie ein großes Orchester, in dem Geige, Trompete und alle anderen Instrumente meinen, besser zu wissen, wie das Stück zu spielen ist, und sich nicht mehr am Dirigenten orientieren. Es funktioniert nicht. Es gelingt nicht. Es ist einfach nur noch Disharmonie, die den Raum bestimmt und erfüllt.
Jetzt magst du sagen: Ja, danke, dass du das mal sagst. Diese Eva neben mir sorgt echt für ein Problem, in meinem Leben ist ziemlich viel Disharmonie. Diese Welt würde wirklich besser laufen mit ein bisschen christlicher Moral. Aber die Umstände ziehen mich runter, diese Umstände machen mein Leben kaputt — und zack bist du im selben Modus wie Adam und Eva unterwegs. Die anderen waren es. Adam versagte in einer perfekten Welt, im bestmöglichen Zustand, den diese Welt haben konnte, und rebellierte dort. Wie viel mehr würden wir vielleicht versagen.
In Römer 5 greift Paulus das Ganze auf. In Römer 5,12 zieht er einen Vergleich zwischen Christus und Adam. Ich will jetzt aber erst einmal nur darauf eingehen, was er für Adam sagt, was dort passiert ist. Er schreibt in Römer 5,12: Durch einen einzigen Menschen, Adam, hielt die Sünde in der Welt Einzug; durch die Sünde kam der Tod, und so ist der Tod zu allen Menschen gekommen, denn alle haben gesündigt.
Grob gesagt, sagt Paulus: Adam ist ein Stellvertreter für alle Menschen. Was bedeutet das: „alle Menschen haben gesündigt“? Was heißt es, dass Adam Stellvertreter ist? Heißt das, einer war ausgewählt, hat es verbockt und jetzt leiden alle darunter?
Das ist die Antwort, die ich mittlerweile oft von Kindern bekomme. Das sind nicht meine eigenen Kinder, natürlich nicht; aber wenn man die Frage stellt, warum wir sündigen, heißt es schnell: Adam und Eva sind schuld. Es braucht ein Stück, um diese logische Schlussfolgerung zu ziehen, doch sie kommt sehr schnell. Genau hier sind wir unterwegs. Jetzt lachen wir über Kinder — aber wie sehr siehst du die Disharmonie in deinem Leben nur verursacht durch die anderen Menschen um dich herum? Die Wahrheit ist eine ganz andere.
Wir können dagegen protestieren, dass Adam hier Stellvertreter ist und wir deswegen alle unter der Sünde stehen. Aber jeder, der dagegen protestiert, hat in seinem Leben genug Tatsünden begangen, die klar machen, dass er wirklich auch einer dieser Sünder ist. Dass er ebenso wie Adam schuldig ist und sich von Gott, von der Quelle, abgelöst hat, die als Einzige die Harmonie in dem Orchester dieser Welt herstellen kann.
Und so passt es andersherum viel besser. Adam zeigt als Stellvertreter, wie wir alle gehandelt hätten. Kleinen Kindern muss ich das Streiten nicht beibringen. Adam zeigt als Stellvertreter, wie du gehandelt hättest, wenn du an seiner Stelle gewesen wärst. Das ist der Punkt.
Das wahre Problem liegt im Herzen
Vielleicht sitzt du trotzdem noch hier und bist überzeugt, dass du ganz anständig lebst. Und wahrscheinlich hast du damit so gar nicht mehr so unrecht, wenn du dich mit dem Rest der Welt vergleichst.
Jesus war häufig in der Diskussion mit Menschen, die genau das dachten: die peinlichst darauf bedacht waren, alles perfekt zu leben und sich ja nicht irgendwo mit Dingen in Berührung zu bringen, die in ihrem Leben vielleicht Sünde auslösen könnten. Sie suchten also möglichst die Abgrenzung von allen um sie herum, von Umständen, die ihr Leben so beeinflussen könnten, dass sie sündigen. Ja, sie sagten: „Ich sündige schon auch manchmal, aber das kommt, weil andere so ungerecht mit mir sind.“
Jesus hat eine Antwort für diese Menschen in Markus 7,15. Ihre Sorge war in diesem Punkt, dass sie sich durch irgendeine falsche Speise unrein machen könnten. Dieses Bild meint: Du nimmst von außen etwas in dein Leben auf und dadurch wirst du unrein, wirst du zum Sünder. Die Umstände machen dich zum Sünder.
Jesus antwortet anders. Er sagt den Pharisäern in Markus 7,15: Es gibt nichts, was von außen in den Menschen hineingeht, das ihn unrein machen könnte. Die Umstände machen dich nicht unrein; sie belasten vielleicht dein Leben, aber sie machen dich nicht zum Sünder. Das Problem ist ein anderes: Was dir aus dir herauskommt, das macht dich zum Sünder. Oder anders: Sondern das, was aus dem Menschen herauskommt, das ist es, was den Menschen unrein macht.
Jesus spricht hier das Herz der Menschen an. Mit „Herz“ meint er damals das ganze Wesen, das Zentrum des Lebens, den Sitz des Willens, das, was uns steuert. Er sagt: Unser Herz, unser Wille, unsere gottgeschenkte Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen, sucht von sich aus bei jedem persönlich nicht das, was Gott gefällt.
Ja, vielleicht bringen dich Umstände in herausfordernde Situationen. Aber wie du darauf reagierst, kommt von innen. Wenn du dann sündigst, liegt das Problem hier, im Inneren.
Um das deutlicher zu machen: Vielleicht gibst du dich derselben Illusionen hin wie ich manchmal. Wenn wir vor 80 Jahren in Nazideutschland gelebt hätten, wäre ich doch ganz sicher auf der Seite von Dietrich Bonhoeffer und Corrie ten Boom im Widerstand gewesen, hätte mein Leben riskiert, wäre verfolgt und versklavt worden. So denken wir. Natürlich wäre ich immer auf der richtigen Seite der Geschichte zu finden.
Die Psychologie sagt etwas anderes. Die meisten Menschen sind Mitläufer. Wer garantiert dir und mir, dass du in den 30er Jahren, in Zeiten der Propaganda und des sozialen Drucks, nicht längst deinen rechten Arm in die Luft gereckt hättest, „Heil Hitler“ gerufen hättest und damit auf der falschen Seite der Geschichte gestanden würdest? Das ist doch unser Denken: Wir sind immer die Guten. Aber die Wahrheit ist oft, dass wir auch nicht auf der richtigen Seite der Geschichte stehen.
Vielleicht ist dein bisher äußerlich gutes Verhalten weniger eine bewusste Entscheidung in deinem Leben als ein Mangel an Gelegenheit, so richtig zu sündigen.
Alexander Solschenizyn hat in seinem Roman Der Archipel Gulag, für den er den Nobelpreis erhielt, etwas Spannendes geschrieben. Man muss wissen: Der Mann war im Gulag und hat das Leid der Sowjetunion erfahren. Später konnte er wie wenige andere ausreisen und wurde freigelassen. In seinem Roman schreibt er etwas, das uns beschreibt wie kaum etwas anderes: „Die Linie, die Gut und Böse trennt, verläuft nicht zwischen Staaten, nicht zwischen Klassen und Parteien, sondern quer durch jedes Menschenherz.“
Solschenizyn trifft damit das Urteil der Bibel über dein und mein Herz. Wir haben das vor kurzem erst durch Friedrich Christian gehört: Römer 3,23 — Denn alle haben gesündigt, und in ihrem Leben kommt Gottes Herrlichkeit nicht mehr zum Ausdruck.
Die Realität ist: Das, was du in deinem Leben hervorbringst, ist so häufig Disharmonie. Da sind manchmal ein paar gute Töne dabei, aber die Melodie passt nicht mehr. So hart es ist, das will sich keiner anhören. Das klingt nicht gut. Das ist die ehrliche Analyse, wenn wir auf den Grund unseres Herzens gehen.
Dein Problem im Leben sind nicht einfach ein paar kleine Lügen oder eine vergessene Rückgabe von etwas. Sie sind Ausdruck eines viel größeren Problems. Dein Problem ist, dass dein Herz dir weismacht, wie die Schlange es Adam und Eva weismachte, dass du es besser weißt als Gott. Deine Natur ist, dass du denkst, wenn du Regie führst, wenn du der Dirigent bist, dass eine bessere Melodie dabei herauskommt. Du misstraust Gott und gehst deine eigenen Wege, in der Annahme, damit ein gutes, ein besseres Leben zu führen. Am Ende entsteht aber Disharmonie.
Warum? Weil du nicht die Quelle deines Lebens bist. Du bist nicht der Dirigent, der die Harmonie stimmen kann. Wir haben Sehnsucht nach der perfekten Melodie, aber das herzgesteuerte Handeln unseres Lebens trifft die Töne nicht, hält den Takt nicht und läuft daneben. Das ist die Wahrheit.
Die Folgen: Strafe, Arbeit und der verlorene Garten
Und jetzt tritt bei Adam und Eva Gott auf den Plan. Das ist auch das Problem: wenn er auf den Plan tritt, spricht er Gericht aus. Er beginnt umgekehrt bei der Schlange, geht über Eva zu Adam. 1. Mose 3,15: „Ich stelle Feindschaft zwischen dich und die Frau, zwischen deinen Nachwuchs und ihrem. Er wird dir den Kopf zertreten, und du wirst ihm die Ferse zerbeißen.“
Zur Frau sagt er: Viele Unannehmlichkeiten werden über dich kommen, die Schmerzen deiner Schwangerschaft. Mit Schmerzen wirst du Kinder gebären. Dein Verlangen wird sein, deinen Mann zu besitzen, doch er wird herrschen über dich. Das lässt sich etwa bei Frauen beobachten, die kürzlich eine Schwangerschaft durchlebt haben.
Zu Adam sagt er: Weil du auf deine Frau gehört und von dem Baum gegessen hast, obwohl ich dir das ausdrücklich verboten habe, vernimmt das Folgende: Deinem wegen sei der Acker verflucht. Um dich von ihm zu ernähren, musst du dich lebenslang mühen. Dornen und Disteln werden dort wachsen, doch bietet er dir auch Frucht. Mit Schweiß wirst du dein Brot verdienen, bis du zurückkehrst zur Erde, von der du genommen bist. „Denn Staub bist du und zum Staub wirst du zurückkehren.“ Wer in der vergangenen Woche nicht gerade Urlaub hatte, hat das vielleicht erlebt.
Adam gab seiner Frau den Namen Eva, Leben, denn sie sollte die Mutter aller lebenden Menschen werden. Dann bekleidete Gott Adam und seine Frau mit Gewändern aus Fell und sagte: Nun ist der Mensch wie einer von uns geworden; er erkennt Gut und Böse. Auf keinen Fall darf er jetzt auch noch vom Baum des Lebens essen, um ewig zu leben. Deshalb schickte Gott ihn aus dem Garten Eden hinaus. Er sollte den Ackerboden bearbeiten, von dem er genommen war. So vertrieb er den Menschen östlich von Garten Eden, stellte Cherubim auf und eine flammende, umherwirrende Klinge, um den Weg zum Baum des Lebens zu bewachen.
Die Strafen, die Gott jetzt ausspricht, kommen nicht einfach nur von einem beleidigten Gott. Sie sind die logische und juristische Konsequenz für Menschen, die entschieden haben, Gott nicht zu brauchen. Wer darüber nachdenkt, merkt, dass die Strafen schnell Realität werden.
Es geht dabei nicht nur um das Kinderbekommen. Kinder sind sehr greifbar sowohl als größte Freude des Lebens als auch als Quelle tiefster Zugehörigkeit und oft größter Trauer. Viele Eltern, die einige schlaflose Nächte erlebt haben, können davon berichten. Etwas mit den Händen oder dem Kopf geschafft zu haben, gibt wie nichts anderes Erfüllung und Befriedigung. Der Tag fühlt sich sinnvoll an. Nach einem harten Arbeitstag kann ein gutes Feierabendbier etwas Wertvolles sein — nicht wegen des kurzen Genusses allein, sondern weil man etwas geleistet hat und spürt, dass die Erschöpfung gut war.
Gleichzeitig ist Arbeit die größte und dauerhafte Last in unserem Leben. Oft bringt sie Menschen zugrunde. Das zeigt sich zum Beispiel bei Fliesenlegern an den Knien. Das ist das große Paradox dieser Welt, und hier hat es seinen Ursprung. Dinge werden zum Fluch oder stehen unter dem Fluch.
Es fühlt sich manchmal widersprüchlich an: Die Harmonie ist noch spürbar, da sind ein paar schöne Töne, ab und zu ein paar Takte, wie sie sein sollten. Doch durchzieht eine Disharmonie alles; jeder merkt, dass etwas nicht passt. Das ist die Konsequenz einer Welt, die sich vom Schöpfer, der Quelle des Lebens, getrennt hat.
Die letzte Strafe ist deshalb konsequent: Gott lässt die Menschen in einer Welt leben, getrennt von ihm. Er schneidet den Zugang ab — auch den Zugang zum ewigen Leben. Man kann darüber weiter nachdenken: Würden Menschen ewig leben, würden sie nicht notwendigerweise mehr Harmonie, sondern möglicherweise noch mehr Disharmonie produzieren. Aber weil die Menschen losgelöst von der Quelle leben, ist die letzte Konsequenz, dass Gott ihnen gibt, was sie wollten: eine Welt, in der sie meinen, die Regie zu führen. Das führt zu großer Disharmonie und zu Katastrophe.
Gott handelt: Gericht, Ziel und Verheißung des Retters
Warum drückt Gott nicht einfach ein Auge zu? Warum sagt Gott nicht: Ja, war jetzt nicht so gut, kriegen wir das nächste Mal besser hin? Warum spricht Gott Strafe aus? Ist es, weil er beleidigt ist? Ich denke nicht.
Meine Kinder haben eine sehr eindeutige Meinung dazu, was Papa tun sollte, wenn eines ihrer Geschwister ein Spielzeug kaputt macht. Papa soll einschreiten, für Gerechtigkeit sorgen oder dafür sorgen, dass der Schaden bezahlt und wieder behoben wird. Wenn ich das nicht tue, empfinden sie das als sehr ungerecht. Würde ich als Vater das ignorieren, wäre ich wahrscheinlich kein guter Vater, der sich um seine Kinder kümmert.
Wir haben eine sehr klare Erwartung, wenn uns Unrecht widerfährt. Wir wünschen uns Gerechtigkeit und dass das Unrecht wieder in Ordnung gebracht wird. Hier liegt der große Punkt: Ein Gott, der das Böse nicht straft, ist nicht vertrauenswürdig. Ein Vater, der das Unrecht, das Kinder einander antun, nicht ahndet, ist kein vertrauenswürdiger Vater. Ein Richter, der Ungerechtigkeit nicht bestraft, ist kein vertrauenswürdiger Richter. Ein Gott, der das Böse nicht straft, ist nicht vertrauenswürdig.
Wir sehnen uns alle nach Gerechtigkeit. Jeder will Gerechtigkeit für die Schuld, die an ihm begangen wurde, aber gleichzeitig Gnade für die Schuld, die er anderen zufügt. Der große Punkt ist: Gott ist vertrauenswürdig, weil er ein gerechter Richter ist. Er ist kein Gott, den Leid und Böses unberührt lassen, sondern ein Gott, der eingreift und für Ordnung sorgt. Er liebt Gerechtigkeit, und Gerechtigkeit erfordert Gericht, Strafe und Sühne. In Psalm 33,5 heißt es: „Er liebt Gerechtigkeit und Recht; er sehnt sich danach.“ Gott ist der Vater, der eingreift und für Gerechtigkeit sorgt. Vielleicht nicht immer sofort, aber die Bibel sagt, dass der eine Tag kommen wird, an dem alle Ungerechtigkeit dieser Welt auf den Tisch kommt und Gott Gerechtigkeit schafft.
Das ist der erste Grund, warum Gott Sünde nicht einfach stehen lässt: Er liebt Gerechtigkeit.
Der zweite Grund ist, dass Gott Sünde strafen muss, weil er selbst heilig ist. In 1. Johannes 1,5 heißt es: Die Botschaft, die wir von Jesus Christus empfangen haben und weitergeben, lautet: Gott ist Licht; bei ihm gibt es nicht die geringste Spur von Finsternis. Wenn Gott Sünde und Sünder ungestraft in seiner Gegenwart dulden würde, hörte er auf, heilig zu sein. Warum? Weil er dann das Böse legitimieren und akzeptieren würde. Ein heiliger Gott, der selbst keine Sünde kennt, kann nicht neben Sünde bestehen, ohne sie zu vernichten, so wie Feuer Wasser verdampft.
Deshalb liegt das Gericht Gottes auch über jedem von uns. Prediger 12,14 sagt etwas, das an vielen Stellen der Bibel vorkommt: Gott wird jedes Tun vor Gericht bringen, alles Verborgene, ob gut oder böse. Adam und Eva konnten sich nicht verstecken. Gott wird eines Tages wirklich Gerechtigkeit schaffen. Es wird kein Verstecken mehr geben — für niemanden.
Es gibt aber noch eine andere Komponente, die sich im Fortlauf der Bibel andeutet. Neben dem Endgericht nutzt Gott mit dem Gericht, das Menschen immer wieder trifft, noch etwas anderes. Gott setzt Gericht und die Härte dieser Welt ein, um uns etwas zu zeigen: immer wieder, Tag für Tag, dass man ihn braucht, dass man ohne ihn nicht existieren kann.
Mir ist bei meiner Stillezeit das Buch Hesekiel aufgefallen. Ich habe nachgesehen: Über sechzig Mal kündigt das Buch Gottes Gericht an. Ein Muster tritt deutlich hervor: Warum bringt Gott Gericht über sein Volk? Damit sie erkennen, dass ich der Herr bin. Gottes Gericht hat also auch das Ziel, etwas deutlich zu machen: Er ist der Dirigent, den man im Leben braucht. Gott nutzt die guten Dinge im Leben, die manchmal zum Fluch werden, um zu zeigen, dass man selbst nicht in der Lage ist, die richtige Melodie zu spielen. Er macht damit klar, dass er die einzige wahre Quelle des Lebens ist.
Es ist vergleichbar mit einem Suchtkranken, der erst völlig zerbrochen Hilfe annimmt. So nutzt Gott das Gericht immer wieder, um Menschen zu zeigen, dass sie ihn brauchen.
Was kann Menschen retten? Das Gesetz zeigt, wie es sein sollte; es ist das Notenblatt, das vor einem liegt. Man weiß, wie die Melodie klingen müsste. Das Gericht ist der Klavierlehrer mit dem Stock von früher, der einem auf die Finger klopfte, wenn die Noten nicht getroffen wurden. Das Gesetz und das Gericht zeigen, dass die Melodie nicht richtig gespielt wird. Beides zusammen hilft aber noch nicht, die Melodie wirklich zu spielen. Es braucht eine andere Lösung, einen anderen Weg, um zurück in den perfekten Garten zu gelangen.
Das große andere Thema zieht sich von 1. Mose 3 an durch die Bibel: In allem Gericht setzt Gott bereits den Lösungsweg ein. Der erste Ansatz zeigt sich, bevor Gott Strafen ausspricht, in 1. Mose 3,9: „Und Gott, der HERR, rief Adam und sprach zu ihm: ›Wo bist du?‹“ Gott wusste genau, wo Adam war und was geschehen war; er musste sich das nicht erst erklären lassen. Trotzdem entscheidet Gott sich, Adam nachzugehen, in die Welt hineinzutreten und zu rufen: „Wo bist du?“ Gott lässt Menschen nicht einfach davonlaufen. Er geht immer wieder in ihr Leben und ruft nach ihnen, um sie zurückzubringen. Er wendet sich nicht einfach ab und macht Schluss mit den Menschen. Das ist die erste gute Nachricht: Er hätte jedes Recht dazu gehabt, aber er tat es nicht.
Die zweite große Nachricht, die keine Überraschung ist, findet sich in 1. Mose 3,15. Dort heißt es, dass Feindschaft gesetzt wird zwischen der Schlange und der Frau, zwischen ihrem Samen und seinem Samen; dieser wird der Schlange den Kopf zertreten, und sie ihm in die Ferse stechen. Gott verheißt einen Retter, einen besseren Adam, einen Nachkommen der Menschen, der diesen Kreislauf der Disharmonie durchbricht. Jener wird sich an die Klaviatur setzen und die Noten wieder richtig spielen. Gott verheißt einen Erlöser.
Denn 1. Mose 3 zeigt: Unser Problem ist größer und tiefergehend, als wir dachten. Es sind nicht nur einige Einzelsünden, und es ist nicht nur die Umgebung — das Problem liegt im Herzen. Wir bekommen es nicht aus eigener Kraft gelöst. Alle Ansprüche und Motivation reichen nicht aus, um diese Welt zu einem besseren Ort zu machen. Es braucht jemanden anderen. Schon hier blickt die Schrift voraus auf Karfreitag und Ostersonntag, auf den, der die Klaviatur perfekt beherrscht und spielt und sich hineingibt, wenn Strafe fällig ist.
Das ist hier nur angerissen; in den nächsten Wochen wird das sicherlich ausführlicher und klarer thematisiert werden. Heute wurde ein tiefer Blick auf den Riss geworfen, der durch diese Welt und durch jedes Herz geht. Wer hier sitzt und die Last dieser Welt auf den Schultern trägt, kämpft vielleicht gegen Disteln und Dornen: herausfordernde Beziehungen, das nagende Gefühl, niemals genug zu sein. Man sieht die Noten des Lebens, trifft sie aber nicht auf der Klaviatur des Alltags. Das ist die Realität des Fluchs, des Gerichts, der Sünde — die Realität einer Welt, die sich von ihrer Quelle und ihrem Schöpfer getrennt hat.
Und hier ist die wirklich gute Nachricht. Jesus ging in die Härte dieser Welt hinein. Er verließ den Garten freiwillig, nicht aus Zwang. Er war der Einzige, der die Noten auf der Klaviatur des Lebens traf. Dennoch erfuhr er wie niemand sonst den Fluch dieser Welt. Er trug die Dornen des Fluchs als Krone am Kreuz — stellvertretend und persönlich. Er tat es, um die Menschen wieder nach Hause zu bringen: zurück in den Garten, zurück ins Licht, zurück zur wahren Quelle des Lebens.
Für uns gibt es nur einen Weg: sich an diesen einen Bruder zu halten, der den Garten verlässt, um die Menschen nach Hause zu bringen. Er geht in die Welt der Disharmonie, um zur Welt der Harmonie zurückzuführen — in eine Welt, wie sie sein sollte, wie sie in der Tiefe des Herzens ersehnt wird: eine Welt voller Gerechtigkeit, Frieden und Harmonie. Warum? Weil sie erfüllt ist von der Quelle des Lebens, von Gott, der Mensch geworden ist, um uns nach Hause zu bringen.
Diese Sehnsucht ist die Rettung und die Chance, die vorhanden ist. Deshalb steht über dem Fluch dieser Welt das Wort: Es ist vollbracht — komm mit mir nach Hause. Amen.