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Sagt die Bibel, dass ich meinen Vergewaltiger heiraten muss?

09.09.2022

Willkommen beim Bibelfit-Projekt. Hier versuchen wir, die Bibel leicht verständlich und dennoch tiefgehend zu erkunden. Dabei geht es darum, Jesus im modernen Alltag nachzufolgen und auch schwierige Fragen von Nichtchristen zu beantworten – so wie heute.

Zu jedem Beitrag verschenke ich Übersichten, biblische Entscheidungshilfen, komplette Hörbücher und sogar Onlinekurse. All das gibt es kostenlos auf der Website, finanziert durch freiwillige monatliche Spenden von Menschen wie dir und mir.

Einführung in eine kontroverse Frage

Heute geht es um eine Frage, die so absurd klingt, dass man sie kaum aussprechen kann. Wenn die Antwort darauf „ja“ wäre, wäre das wirklich schockierend. Bild dir deine eigene Meinung dazu.

Die Frage lautet: Wenn jemand vergewaltigt wurde, muss das Opfer danach den Täter heiraten? Falls du jetzt völlig überrascht bist, bist du nicht allein. Hier kommt etwas Kontext.

Weißt du, was wir im Bibelfett-Projekt unter anderem regelmäßig machen? Wir beantworten harte Fragen von Nichtchristen. Dabei geht es oft um Kritik am Christentum oder um Einwände gegen die Bibel. Und ich versuche, diese Fragen zu beantworten.

Ursprung der Behauptung und Bibelstelle

Seit letztem Jahr kam immer wieder ein Einwand auf, den ich zuvor noch nie gehört hatte. Einige Menschen, die sich selbst als Atheisten bezeichnen, behaupten, dass Gott in der Bibel angeblich genau das fordert: dass jemand, der vergewaltigt wurde, seinen Täter heiraten muss.

Da diese Behauptung nicht nur einmal, sondern mehrfach geäußert wurde, scheint eine gewisse Nachfrage zu bestehen. Daher möchte ich darauf eingehen, damit auch mehr Menschen, die danach suchen, eine Antwort erhalten.

Die Stelle, die die Kritiker meinen, steht im Buch Deuteronomium, dem fünften Buch der Bibel. Es befindet sich ungefähr nach zweihundertzweiundfünfzig Seiten.

Die meisten Menschen können den Grundtext der Bibel nicht direkt lesen, da dieser auf Mittelhebräisch, dem altgriechischen Koine-Dialekt oder stellenweise auf Aramäisch verfasst ist. Deshalb greifen die meisten von uns auf Übersetzungen zurück – soweit so gut.

Unterschiedliche Übersetzungen und deren Auswirkungen

Eine Übersetzung, die viele Leute nutzen, ist die Gute-Nachricht-Bibel. Schauen wir uns doch diese Stelle, um die es geht, einmal in dieser Übersetzung an. Dort heißt es nämlich: „Wenn ein Mann dabei ertappt wird, dass er ein unberührtes Mädchen vergewaltigt, muss er dem Vater des Mädchens fünfzig Silberstücke geben und das Mädchen zur Frau nehmen.“

Boah, da weiß man gar nicht, was schlimmer ist: die Zwangsehe, die Vergewaltigung oder sogar der Kindsmissbrauch. Wenn das alles ist, was manche Nichtchristen jemals von der Bibel hören, muss ich ehrlich sagen, ich kann die Empörung nachvollziehen.

Jetzt schauen wir in eine andere Übersetzung, beispielsweise die Neues-Leben-Bibel. Dort wird an der exakt gleichen Stelle etwas komplett anderes übersetzt. Es heißt: „Wenn ein Mann ein Mädchen, das noch nicht verlobt ist, verführt und mit ihr schläft und sie dabei ertappt werden, soll er ihrem Vater fünfzig Schecke Silber bezahlen. Dann soll er das Mädchen heiraten.“

Hier gibt es also mehrere entscheidende Unterschiede. Gerade war das Mädchen Jungfrau, in der zweiten Übersetzung geht es gar nicht um die Jungfräulichkeit, sondern darum, dass sie unverheiratet und auch nicht verlobt ist. Das ist eine Aussage über den Beziehungsstatus.

In der ersten Übersetzung war die Rede davon, dass der Mann ertappt wird. Hier in der zweiten Übersetzung geht es darum, dass beide ertappt werden. Vor allem aber ist in der zweiten Übersetzung gar nicht mehr von einer Vergewaltigung die Rede, sondern im Gegenteil von einer Verführung. Man bekommt sehr stark den Eindruck, dass hier sogar einvernehmlicher Geschlechtsverkehr gemeint ist.

Das ist also etwas ganz anderes als noch in der ersten Übersetzung.

Analyse des hebräischen Grundtextes

Die Frage ist also: Was ist es denn jetzt? Es kann ja nicht beides sein, denn beides schließt sich gegenseitig aus. Also, was jetzt? Vielleicht kann ich helfen.

Weißt du, ich habe viele Jahre Altgriechisch und biblisches Hebräisch an mehreren Universitäten unterrichtet. Das war damals mein Nebenjob. Deshalb dachte ich, wir gehen das doch mal gemeinsam durch.

Was steht denn da im Grundtext? Dort heißt es wörtlich „Ki jim za isch“. Das ist eine grammatikalische Formulierung, die man kasuistisch nennt. Das bedeutet ganz einfach, dass es sich um eine Art Frage-und-Antwort-Format handelt. Die Frage ist immer: Was soll in welchem Fall passieren?

Bevor du dir also die einzelnen Fälle anschaust, musst du logischerweise erst einmal klären, was das Thema ist. In dieser Perikope, also in diesem Abschnitt der Bibel, geht es um Sex ohne verheiratet zu sein, was vor Gott ohnehin eine Sünde ist.

Jetzt ist die Frage: Was soll in welchem Fall passieren? Dort steht „ke jim za ish“. Das heißt: Für den Fall also, dass jemand, und damit ist jemand Unverheiratetes gemeint, ein Single, der auf eine Frau trifft oder mit ihr verabredet ist.

Genauer gesagt, mit einer Frau im heiratsfähigen Alter, also definitiv volljährig. Und noch genauer: mit einer jungfräulichen Frau, die nicht verlobt ist. Es ist also keine Hochzeit in Vorbereitung. Wir sprechen wirklich von einer reinen, erwachsenen Single-Frau.

Dann heißt es weiter: „Uthefassach Schachar imach“. Das bedeutet, derjenige, der Single ist, trifft sich mit der Single-Frau und fasst sie an. Dort steht das Wort „tafas“.

Moment, fasst sie an? Ich dachte, er vergewaltigt sie. Ähm...

Unterschied zwischen Verführung und Vergewaltigung im Hebräischen

Sexueller Kontakt zwischen zwei oder mehr Menschen, bei dem nicht alle einverstanden sind oder sein können, ist eine Vergewaltigung. Im Hebräischen gibt es dafür komplett andere Begriffe. Zum Beispiel Nevala, was wörtlich übersetzt „der Bösartige“ oder „der ehrlose Akt“ bedeutet, oder Kalon, das „die Schande für den Vergewaltiger“ beschreibt. Weitere Begriffe sind Aschak, was „jemanden zu brechen“ bedeutet, Schagall, „jemanden zu verwüsten“, und Nawel, was „sexuelle Gewalt gegen jemanden auszuüben“ meint.

Das sind also die Begriffe für Vergewaltigungen. Das Wort, um das es hier geht, ist jedoch völlig anders und kann nicht damit verwechselt werden. Es lautet Tafas, und es klingt schon ganz anders.

Was bedeutet Tafas genau? Zumindest nichts, das heute als kriminell gilt. Es gibt einige nicht jugendfreie Übersetzungen, die ich hier nicht wiedergeben möchte, da wir auch minderjährige Zuschauer haben. Grundsätzlich heißt es so viel wie „körperlich halten“, „umfassen“, „umschlingen“, „nehmen“, „umspielen“ oder „kunstvoll handhaben“. Es gibt sicher noch weitere Bedeutungen, aber die erotische Komponente ist hier eindeutig.

Dazu passt auch, was danach folgt: Wenn diese Dinge passieren und der einzelne Mann und die einzelne Frau dabei entdeckt und ertappt werden, während sie eng umschlungen sind – also auf frischer Tat, in flagranti ertappt werden, caught in the act.

Dann ist es schlecht, und Abstreiten hilft nicht. So viel zum Thema, dass es angeblich vor dreitausendfünfhundert Jahren keine Probleme mit unverheiratetem Sex gab. Besonders klar wird das, wenn in der Pluralverbform deutlich gemacht wird, dass beide, ohne es zu wollen, von anderen ertappt werden.

Konsequenzen für einvernehmlichen Sex vor der Ehe

Na ja, dann sollte klar sein, dass hier von einvernehmlichem, heimlichem Sex die Rede ist. Was soll dann passieren?

Der Single-Mann, der mit ihr, der Single-Frau, gerade den Beischlaf, also den Geschlechtsverkehr, vollzogen hat – nebenbei bemerkt, in der Bibel wird häufig der größere Teil der Verantwortung für Sex beim Mann gesehen, als ob Männer da jemals die Initiative ergreifen würden – was soll mit ihm geschehen? Spaß beiseite: Ich denke, das ist für uns Männer ein wichtiges Signal, welche Verantwortung wir in einer Mann-Frau-Dynamik tragen. Denn wenn etwas schiefläuft, muss in der Bibel ganz häufig der Mann den Kopf hinhalten. Das sollten wir nicht leichtfertig nehmen.

Aber wie auch immer: Was soll mit dem Single-Mann dann sein? Er soll dem Vater der Single-Frau, mit der er geschlafen hat und die das wollte – beide wollten das heimlich halten –, fünfzig Scheckel Silber übergeben. Junge, was für ein Gespräch! Den armen, armen Knilch beneide ich nicht um dieses Gespräch mit dem Papa seiner Freundin.

Man stelle sich das einfach mal vor: „Ja, du Nathanael, ich wollte nur sagen, wegen neulich auf dem Balkon mit deiner Tochter Abigail – also das war nicht, wonach es aussieht. Also ja, schon, aber lange Rede, kurzer Sinn.“ Er muss also dem Vater der Frau, der sie damals rechtlich vertrat, eine Summe von fünfzig Scheckel Silber übermitteln. Autsch! Da hat er den Salat.

Wie viel sind das heute umgerechnet? Das kommt ein bisschen darauf an, aber ein Scheckel wiegt grob plus/minus zwölf Gramm. Fünfzig Scheckel sind also etwa ein halbes Kilogramm Silber. Wie viel ist das in Euro wert? Das hängt ein wenig vom Eurokurs, vom Dollarkurs, von der Inflation und der Nachfrage nach Silber ab. Stand heute Nachmittag wären das grob – wie gesagt, das schwankt ziemlich heftig – zwischen 350 und 500 Euro.

Der Silberkurs ist wegen der Rohstoffkrise in den letzten zwei Jahren um 50 Prozent gefallen. Wenn der Typ also das Feuer besorgt hat, dann ist das doppelt Autsch! Jedenfalls sind das mehrere hundert Euro. Eine Summe, die die meisten berufstätigen Menschen irgendwie auf der hohen Kante haben oder im Notfall organisieren können.

Zweck der Zahlung und Heiratspflicht

Also, was soll jetzt mit diesen mehreren hundert Euro geschehen? Die Antwort folgt prompt: Willow Thiye Laisha. Sie, die Singlefrau, soll ihm, dem Singlemann, zu seiner Ehefrau werden. Das bedeutet Konsequenzen für beide – sie sollen heiraten.

Im Englischen nennt man das auch ein Shotgun Wedding oder Knobstick Wedding. Nach dem Motto: Leute, ihr habt miteinander geschlafen – heute würde man vielleicht auch sagen, ihr wohnt zusammen – dann habt wenigstens den Anstand, zu heiraten. Das ist auch nachvollziehbar. Wer dafür nicht bereit ist, sollte die Hosen anlassen und auch nicht zusammenziehen.

Weißt du, wer A sagt, muss auch B sagen. Und wer nicht B sagen kann, sollte auch nicht A sagen. Damit ist auch recht klar, wozu das Geld gedacht ist: nämlich um die Hochzeit mitzubezahlen, die sonst überwiegend von den Eltern des Brautpaars getragen wurde. Das macht Sinn nach dem Motto: Ach so, ihr wollt also Ehespielen? Na dann fangt damit an, die Hochzeit zu bezahlen.

Das passt direkt zu dem, was du in der Parallelstelle im Buch Exodus findest. Dort heißt es – ich übersetze das mal etwas freier: Wenn jemand eine Singlefrau verführt und mit ihr schläft, muss er einen Brautpreis bezahlen und sie heiraten.

Klarstellungen zur Ehe und sexuellem Verhalten

Damit sind zwei Dinge klar: Erstens, zwei unverheiratete Menschen, die miteinander schlafen, sind dadurch nicht verheiratet. Obwohl sie miteinander geschlafen haben, bleiben sie unverheiratet.

Diese Frage kam in den letzten Monaten von euch ein paar Mal auf. Jetzt hast du die Antwort. Wären sie durch das Zusammensein bereits verheiratet, müssten sie ja nicht mehr heiraten. Außerdem hätte der Vater in der Parallelstelle auch gar nicht das Recht, den Heiratsantrag abzulehnen. Denn dann wären sie ja schon verheiratet.

Das macht logisch total Sinn und stimmt auch genau mit dem überein, was du im Neuen Testament findest. Wenn du möchtest, dass ich darauf noch genauer eingehe, drücke die Glocke und schreibe einen Kommentar hier drunter. Dann mache ich das gerne.

Um das noch einmal klarzustellen: Nein, Sex ohne verheiratet zu sein, ist für Gott nicht okay. Das ist das, was Gott als Sünde bezeichnet. Das gilt insbesondere für Christen unter dem neuen Bund.

Vergewaltigung im biblischen Kontext

Und zweitens möchte ich zum Schluss noch etwas zum Thema Vergewaltigung sagen.

Wenige Verse vor dem, was du und ich gerade zusammen gelesen haben, wird ganz klar ausgeführt, dass Vergewaltigung für Gott ein absolut abscheuliches Verbrechen ist. Es ist ein Vergehen, das den Tod verdient. In biblischen Zeiten wurde für Vergewaltigung mehrfach die Todesstrafe vollstreckt. Dabei gibt es keinen Interpretationsspielraum.

Worauf ich hinaus will: Du hast gerade gesehen, dass Erwähnungen von Vergewaltigung dazu benutzt werden können, um Menschen gegen die Bibel und das Christentum aufzubringen. Es gibt jedoch ein anderes Thema, bei dem Ähnliches passiert.

Dazu solltest du auf den Link unter diesem Video klicken. Dieses Thema wird heutzutage sehr häufig und meistens zu Unrecht mit Vergewaltigung in Verbindung gebracht. Mit deiner Hilfe können wir gemeinsam etwas Licht ins Dunkel bringen.

Schau es dir selbst an – der Link ist da. Vielen Dank!