Zum Inhalt

Auf dem Boden der Tatsachen

1.Korintherbrief mit André Töws, Teil 11/11
08.03.20261. Korinther 4,6-21
SERIE - Teil 11 / 111.Korintherbrief mit André Töws
Überheblichkeit und stolz gegenüber Anderen bauen Wolkenkratzer im Herzen. Paulus fordert uns auf Jesus Nachzuahmen, demütig zu sein und auf den Boden der Tatsachen zurückzukehren.

Von Träumen zur Realität: Thema und Textvorstellung

Hattest du schon mal einen wunderbaren Traum, der sich so echt angefühlt hat, dass du regelrecht enttäuscht warst, als du wach geworden bist? Ich glaube, das kennen wir alle. Und das bezieht sich auf ganz unterschiedliche Bereiche.

Vielleicht hast du geträumt, du wärst im Himmel, und warst so froh, und dann bist du wach geworden. Vielleicht hast du als Teenager geträumt, du hättest einen Führerschein, bist im Traum Auto gefahren, und es hat sich so echt angefühlt. Dann bist du wach und stellst fest: Es dauert noch ein paar Jahre. Oder du träumst, du hättest plötzlich etwas erreicht, worauf du immer hingelebt hast.

Ich kann mich gut erinnern: Ich habe ständig davon geträumt, Profifußballer geworden zu sein. Ständig. Dadurch, dass ich das immer wieder geträumt habe, entwickelten sich die Träume so, dass ich im Traum dachte: Ja, aber dieses Mal ist es ja kein Traum, ich habe gerade wirklich mein erstes Bundesligator geschossen. Und dann bin ich wach geworden. Die Realität war nicht Bundesliga, sondern Kreisliga. Zurück auf den Boden der Tatsachen.

Bei solchen Träumen kann man schmunzeln. Ernster wird die Sache, wenn wir mitten im Leben, am helllichten Tag, den Bezug zur Realität verlieren. Wenn wir, was uns selbst angeht, eine gesunde Bodenhaftung verlieren und uns nicht mehr auf dem Boden der Tatsachen bewegen, sondern regelrecht abheben, überheblich werden.

Genau darüber spricht unser heutiger Predigttext. Mein Predigtthema lautet: Auf dem Boden der Tatsachen?!. Ich setze meine Predigtreihe zum ersten Korintherbrief fort, und der heutige Predigttext kommt aus 1. Korinther 4,6-21. Das ist eigentlich der Abschluss eines sehr, sehr großen Gedankengangs.

Vielleicht habt ihr im Laufe der letzten Predigten mitbekommen, dass sich einiges wiederholt hat. Es ging immer wieder um dieselben Themen. Ich habe mehrfach Bezug genommen auf die Lagerbildung in Korinth, auf den Hype. Das hängt damit zusammen, dass Paulus den Gedankengang über vier Kapitel ausbreitet. In Korinth gab es das Problem der Spaltung und der Lagerbildung; es hatten sich quasi Fanclubs um einzelne Prediger gebildet.

In Korinth legte man außerdem sehr viel Wert auf weltliche Weisheit und auf Rhetorik. Paulus nimmt sich deshalb gerade am Anfang des ersten Korintherbriefs viel Zeit. Er macht deutlich, dass die Denkweise, die Lebensausrichtung und die Überheblichkeit der Korinther nicht mit dem Evangelium im Einklang stehen. Er erinnert die Korinther daran, wie Gott Gemeinde baut.

In der letzten Predigt haben wir gesehen, worauf es im Dienst für Gott wirklich ankommt. Paulus spricht hier nicht nur das Symptom an — Spaltungen und Hype um geistliche Leiter — sondern er trifft die Wurzel des Problems: die Überheblichkeit im Herzen und das Streben nach weltlicher Weisheit.

Jetzt kommt Paulus zum Abschluss dieser Gesamtthematik, und er möchte die Korinther einladen, wieder zurückzukommen auf den Boden der Tatsachen. Dort befinden sich die Korinther gerade nicht. Das führt uns zum ersten von drei Punkten: Abgehoben — die Verabschiedung vom Boden der Tatsachen.

Fragen, die Überheblichkeit entlarven

Ich lese Vers 6: Dies aber, Brüder, habe ich auf mich und Apollos bezogen um euretwillen, damit ihr an uns lernt, nicht über das hinaus zu denken.

Boden der Tatsachen: Sie verabschieden sich davon. Sie denken über das hinaus, was geschrieben steht. Paulus warnt, damit ihr euch nicht für den einen gegen den anderen aufbläht.

Also nimmt er hier noch einmal Bezug auf Kapitel 1. Die Aufgeblasenheit, die Überheblichkeit, zeigt sich darin, dass sie sich für einen gewissen Leiter aussprechen, aber gegen einen anderen. Paulus hat vieles in Bezug auf sich und Apollos klargestellt. Er möchte die unbiblische Denkweise der Korinther aufdecken. Sie denken, sie wären etwas Besonderes, weil sie sich zu einer gewissen Gruppe zugehörig fühlen.

Paulus sieht diese Überheblichkeit als großes Problem an. Gerade in unserem Text bemüht er sich um die Korinther. Er möchte, dass ihr Denken wieder klar wird, indem es erneuert wird. Als guter Seelsorger stellt er ihnen jetzt einige Fragen zur Selbstreflexion.

Ein guter Seelsorger stellt immer viele Fragen, und das sehen wir hier in Vers 7. Denn: Wer gibt dir einen Vorrang? Was aber hast du, dass du nicht empfangen hast? Wenn du es aber auch empfangen hast, was rühmst du dich, als hättest du es nicht empfangen? Diese drei Fragen sollen die Überheblichkeit der Korinther aufdecken.

Die erste Frage lautet: Wer gibt dir einen Vorrang? Ihr haltet euch für etwas Besseres. Aber wer hat dir gesagt, dass du etwas Besseres bist? Wer hat dir diesen Vorrang gegeben? Dieser Vorrang existiert nur in eurer eigenen Denkweise; er ist keine objektive Wahrheit.

Zweitens: Was hast du, das du nicht empfangen hast? Ihr rühmt euch gewisser Kontakte, ihr rühmt euch gewisser Gaben, die ihr habt. Gibt es etwas, das ihr euch selbst erarbeitet habt? Die Antwort lautet: Nein. Christlicher Glaube basiert radikal auf Gnade. Das heißt, alles ist uns geschenkt worden.

Und da schließt sich die dritte Frage an: Wenn du es aber auch empfangen hast, also wenn du es geschenkt bekommen hast, was rühmst du dich, als hättest du es nicht empfangen, als hättest du es dir selbst erarbeitet? Es ist doch absurd, auf Geschenke stolz zu werden, denn du hast nichts dafür getan. Du hast alles geschenkt bekommen.

Das sagt viel über einen großzügigen Gott aus, der gerne beschenkt und gerne gibt. Aber wenn du anfängst, dich darauf etwas einzubilden, dann verlässt du den Boden der Tatsachen, weil du es dir nicht erarbeitet hast.

In meiner letzten Predigt habe ich ein bisschen von unserem Missionseinsatz in Thailand erzählt, und ich setze die Erzählung jetzt ein wenig fort. Auf dem Rückflug sind wir über Dubai geflogen und hatten dort einen Zwischenstopp. Damals konnte man dort noch gut landen. Vor ein paar Wochen waren wir wieder in Dubai; wir hatten ein paar Tage und haben uns ein Projekt vor Ort angeschaut, aber auch die Stadt.

Dubai zu sehen war für uns eine völlige Reizüberflutung, vor allem, wenn man gerade aus dem ärmlichen Thailand kommt. Wir waren in der sogenannten Dubai Mall. Sie ist etwa 25 Mal so groß wie die Kölner Arkaden. Überall diese riesigen Wolkenkratzer mitten in der Wüste, auch der höchste Turm der Welt. Wir standen davor, und in dem Moment kam mir ein Gedanke: Eigentlich ist Dubai nur die sichtbare Verwirklichung dessen, was im menschlichen Herzen ständig vor sich geht — Größenwahn, Größenwahn.

Wir bauen Dubai viel zu schnell in unserem Herzen auf. Es ist in der Regel ein schleichender Prozess. Überheblich werden wir meist nicht von jetzt auf gleich. Manchmal ja, wenn der Erfolg plötzlich kommt, aber in der Regel werden wir auch als Christen in einem schleichenden Prozess überheblich. Wir reden uns ein, einen Vorrang zu haben gegenüber anderen Menschen. Wir reden uns ein, etwas Besseres zu sein, vielleicht weil wir schlauer sind und bessere Noten haben, weil wir schöner sind und die bessere Kleidung tragen, weil wir begabter sind und mehr erreicht haben als andere. Vielleicht auch, weil wir mehr Lebenserfahrung haben und weiser sind.

Also: Überheblichkeit kann auch Senioren betreffen. „Ich habe schon so viel Lebenserfahrung, ich lasse mir von dem jungen Prediger da vorne doch nichts mehr sagen.“ Überheblichkeit — was sind die Wolkenkratzer, die du dir in deinem Herzen baust? Vielleicht ist es dein beruflicher Werdegang. Du sagst dir: Ich habe beruflich so viel erreicht, in meinem Unternehmen bin ich jemand. Und du bildest dir etwas darauf ein, obwohl Gott dir alles geschenkt hat, auch den beruflichen Erfolg.

Vielleicht glaubst du insgeheim, etwas Besseres zu sein, weil du schon länger im Glauben bist. Das ist das Tückische am Stolz: Wir können wegen allem Möglichen stolz werden. Und du bildest dir etwas ein, weil du schon länger im Glauben bist, und dann schaust du dir so einen Kennenlernabend an und denkst: Gott sei Dank, ich bin nicht so eine Baustelle wie die Person da vorne, die muss noch so viel lernen. Das offenbart deine Überheblichkeit.

Wir müssen auch als Gemeinde wirklich aufpassen, nicht überheblich zu werden. Ganze Gemeinden können überheblich werden, das sieht man am Beispiel von Korinth. Und sobald das geschieht, macht Jesus den Leuchter aus. Von den seelsorgerlichen Fragen kommt Paulus jetzt zu einer konfrontativen Aussage mit einem sehr stark ironischen Beiklang.

Die theologische Gefahr des Vorziehens des Himmels

In Vers 8 heißt es: „Schon seid ihr satt geworden, schon seid ihr reich geworden, ihr seid ohne uns zur Herrschaft gekommen; oh, dass ihr doch wirklich zur Herrschaft gekommen wäret, damit auch wir mit euch herrschen könnten.“ Paulus spricht hier erstmals das korinthische Selbstverständnis an; er spricht die korinthische Theologie an. Was haben die Korinther über sich selbst gedacht?

Eine theologische Schieflage kann zu Überheblichkeit führen. Theologische Einseitigkeiten können Überheblichkeit begünstigen. Die Korinther – und das Schlüsselwort in Vers 8 ist das Wort „schon“ – beziehen etwas auf ihre Gegenwart, was eigentlich erst für die Zukunft verheißen wurde. Sie sind schon satt, glauben sie.

In Matthäus 5,6 heißt es in der Seligpreisung: „Selig sind, die da hungert und dürstet nach Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden.“ Jesus spricht hier von einer zukünftigen Erfüllung. Die Korinther ziehen das neue Jerusalem in die Gegenwart hinein. Das ist der Fehler in ihrer Theologie.

„Schon seid ihr satt, schon seid ihr reich geworden“ – hier geht es nicht um materiellen Reichtum. Sie glauben jedoch, dass sie schon jetzt alles haben, auch das, was erst im Himmel kommt. Paulus zitiert sie gemäß ihrem Selbstverständnis: „Ihr seid ohne uns zur Herrschaft gekommen.“ Interessanterweise sagt Paulus in 1. Korinther 6,2, dass die Gläubigen in Zukunft herrschen werden. In 1. Korinther 6,2 heißt es: „Oder wisst ihr nicht, dass die Heiligen die Welt richten werden?“ Das ist eine Zukunftsverheißung: Später wird Jesus mit seiner Gemeinde regieren.

Die Korinther ziehen dieses „Dann“ in die Gegenwart. In der Theologie spricht man von einer überrealisierten Eschatologie: „schon hier und jetzt“. Sie ziehen damit etwas vorweg, das Gott erst für die Zukunft verheißen hat. Paulus greift diese theologische Schieflage mit beißender Ironie an und sagt: „Oh, dass ihr doch wirklich zur Herrschaft gekommen wäret, damit auch wir mit euch herrschen könnten.“

Manchmal führt eine theologische Einseitigkeit zur Überheblichkeit. Die Bibel zeigt immer wieder ein Spannungsverhältnis zwischen dem „schon jetzt“ und dem „noch nicht“. Beide Seiten sind wichtig; beide lehrt die Schrift. Das Reich Gottes ist zwar schon jetzt da, aber es ist noch nicht ganz entfaltet. Wir haben schon jetzt das ewige Leben, aber wir sind noch nicht in der himmlischen Herrlichkeit. Wir sind schon jetzt Heilige, aber nicht vollkommen.

Wir sind schon jetzt befreit von der Strafe der Sünde und von ihrer Macht, doch wir sind noch nicht frei von der Gegenwart der Sünde. Das christliche Leben ist ein Leben zwischen „schon jetzt“ und „noch nicht“. Das Problem ist, dass man auf die eine oder andere Seite kippen kann.

Es gibt Gemeinden, die das „noch nicht“ so betonen, dass das „schon jetzt“ zu kurz kommt. Dort fehlt oft die Freude im Glauben. Man erkennt die Kraft des Evangeliums kaum und die eigene Identität in Christus ist nicht klar vor Augen, weil nur das „noch nicht“ hervorgehoben wird.

Genauso besteht die Gefahr, das „schon jetzt“ überzubetonen und das „noch nicht“ zu vernachlässigen. Das führt zur Schwärmerei, weil man das Zukünftige vorzieht. Es entsteht ein vorgezogener Himmel, ein neues Jerusalem im Hier und Jetzt. Solche Strömungen gab es immer wieder in der Kirchengeschichte.

In Münster sind an der Sankt-Lamberti-Kirche Käfige zu sehen. Sie erinnern an extreme Auswüchse der Täuferbewegung im 16. Jahrhundert. Die Schwärmer von Münster – Jan Matthys und seine Anhänger – übernahmen 1534 die Macht und erklärten Münster zum neuen Jerusalem. Jan Matthys glaubte, besonders von Gott beauftragt zu sein, sozusagen der letzte Prophet, und meinte, niemals sterben zu müssen. Er behauptete, das ewige Leben bereits jetzt in vollem Sinne zu besitzen. Er wurde jedoch von den Belagerern getötet.

Münster ist ein krasses Beispiel für eine theologische Überbetonung des „schon jetzt“, die in Überheblichkeit umschlägt. Heute gibt es ähnliche Strömungen, zumindest hinsichtlich der einseitigen Betonung wie in Korinth. Dabei ist kein Vergleich mit Münster im Sinn, wohl aber mit Korinth.

Beispielhaft ist die Bewegung um den sogenannten „neuen Bund“ – nicht der biblische Neue Bund, sondern eine theologische Richtung, die als Hyper-Grace-Theologie bezeichnet wird. Namen wie Reinhard Hirtler tauchen in diesem Zusammenhang auf; seine Bücher werden hier nicht empfohlen. Auch Cornelia Schmid, die in vielen Gemeinden gelesen wird, schreibt in ihrem Buch Dein Land der Ruhe:

„Wie beten wir im neuen Bund?“ Dann berichtet sie: „Als ich begann, mich mit dem Land der Ruhe zu beschäftigen, mit Gnade und dem neuen Bund und erkannte, dass mir hier bereits — also bereits schon jetzt — Überfluss, Segen und alle Reichtümer des Himmels gehören, verstummten meine bisherigen Gebete.“

Sie schlägt damit im Prinzip vor, nicht mehr so zu beten wie früher, sondern hauptsächlich zu danken und das bereits Verfügbare zu proklamieren. Das Tückische daran ist, dass vieles davon zutrifft. Es ist wahr, dass wir bereits jetzt geistlichen Segen genießen und im Sieg leben. Das darf jedoch nicht ausgeblendet werden: Wir bleiben Bedürftige.

Die Bibel fordert zum Gebet auf. Beispiele sind Bitten wie „Herr, schenk mir Geduld“, „schenk mir Kraft“ oder „bitte vergib mir meine Sünden“. Gleichzeitig sollen wir uns bewusst machen, was wir in Christus schon haben. Es ist kein Entweder-oder, sondern ein Sowohl-als-auch.

Ja, wir sind gesegnet mit allem geistlichen Segen; dafür dürfen wir Gott danken. Pastor Daniel Kloster hat vor einigen Wochen eindrücklich aufgezeigt, was wir alles in Christus haben. Wir haben in Christus den Sieg über die Sünde, und zugleich sind wir aufgefordert, die im Leib verbleibende Sünde und das Fleisch zu überwinden. Wir haben das ewige Leben, sind aber noch nicht am Ziel. Wir haben weiterhin Nöte und Schwachheiten und brauchen deshalb den Herrn sehr. Wir dürfen mit unseren Bitten zu ihm kommen.

Die Korinther sind theologisch abgehoben; sie haben den Boden der Tatsachen verlassen. Die Frage, die sich nun stellt, lautet: Wie geht es den Aposteln währenddessen?

Apostolische Erfahrung: Erniedrigung als alltägliche Wirklichkeit

Das führt uns zum zweiten Punkt: Er erniedrigt die Alltagsrealität und bringt sie auf den Boden der Tatsachen.

In Vers 9 schreibt Paulus: „Denn mir scheint, dass Gott uns die Apostel als die Letzten hingestellt hat, wie zum Tod bestimmt; denn wir sind der Welt ein Schauspiel geworden, sowohl Engeln als auch Menschen.“ Paulus verwendet hier das Bild einer römischen Arena. Diese haben wir wahrscheinlich vor Augen, vielleicht aus Filmen oder aus dem Geschichtsunterricht. Zum Tod Verurteilte wurden im alten Rom in die Arena geführt und den wilden Tieren zum Fraß vorgeworfen. Es war ein öffentliches Schauspiel der damaligen Zeit. Paulus greift genau dieses Bild auf und sagt: So geht es uns.

Die Arena, in der wir stehen, ist diese Welt — die sichtbare und die unsichtbare. Alle schauen zu, und wir stehen mitten in der Arena, zum Tod bestimmt. Gott ist der Regisseur; er hat uns in diese Lage gebracht und uns als die Letzten hingestellt. Wird euch der Kontrast deutlich? Die Korinther leben in einem Luftschloss auf Wolke sieben; Paulus sagt: Wir sind die Letzten.

In Vers 10 wird der Kontrast weiter ausgeführt: „Wir sind Narren um Christi willen, ihr aber seid klug in Christus; wir sind schwach, ihr aber stark; ihr geehrt, wir aber verachtet.“ Diese wiederholte Gegenüberstellung „ihr und wir“ macht deutlich, dass ein großer Kontrast zwischen Korinth und den Aposteln besteht. Die Korinther erscheinen klug, stark und geehrt, den Aposteln dagegen begegnen Narrenhaftigkeit, Schwäche und Verachtung. In Korinth herrschen Glanz und Glamour; für die Apostel gibt es nur Dreck und Staub.

Paulus führt das in den nächsten Versen weiter aus. Dort heißt es: „Bis zur jetzigen Stunde leiden wir sowohl Hunger als auch Durst, sind nackt, werden mit Fäusten geschlagen, haben keine bestimmte Wohnung und mühen uns ab, arbeiten mit unseren eigenen Händen.“ Paulus redet hier nicht von der Vergangenheit. „Bis zur jetzigen Stunde“ beschreibt ihre Alltagsrealität.

Worin bestehen diese Leiden? Hunger und Durst hat Paulus auf seinen Reisen erlebt, aber auch im Gefängnis. „Wir sind nackt“ bedeutet nicht notwendigerweise buchstäblich nackt, sondern dass sie sehr wenig zu tragen hatten; sie gingen in Lumpen umher. „Wir werden mit Fäusten geschlagen“ bedeutet, Paulus und seine Mitarbeiter haben körperliche Misshandlungen erdulden müssen. „Wir haben keine bestimmte Wohnung“ heißt, Paulus besaß kein festes Zuhause, keine Adresse, an die er nach Feierabend zurückkehrte. Und er fügt hinzu: „Und wir mühen uns ab und arbeiten mit unseren eigenen Händen.“

Gerade in Korinth verzichtete Paulus auf jegliche finanzielle Unterstützung. Er arbeitete als Zeltmacher, um für die Gemeinde ein Segen zu sein. Handwerker galten im römischen Reich nicht hoch. Cicero, ein berühmter Redner zur Zeit von Paulus, schreibt: „Alle Handwerker befassen sich mit einer schmutzigen Arbeit; denn eine Werkstätte kann nichts Edles an sich haben.“ Paulus sagt dazu: „Genau, das sind wir. Wir haben nichts Edles an sich; wir arbeiten mit unseren Händen, auf dem Boden der Tatsachen.“

In den Versen 12 und 13 schildert er dann die Reaktion — seine Reaktion und die der Apostel — auf diese Erniedrigung. Vers 12 lautet: „Geschmäht segnen wir; verfolgt dulden wir; gelästert reden wir gut zu.“ Paulus macht deutlich: Man greift sie verbal an; ihre Antwort ist Segnen. Sie beten, dass Gott gnädig ist und die Menschen zum Glauben kommen. Sie werden jedoch nicht nur geschmäht, sondern auch verfolgt.

Bevor Paulus nach Korinth kam, hatte er schon viel Verfolgung erlebt; das zeigt sich in Apostelgeschichte 18 und den vorausgehenden Kapiteln. Er wurde gesteinigt, war in Philippi im Gefängnis und musste in Thessalonich heimlich fliehen. Sie wurden verfolgt. Paulus sagt: „Wir erdulden das; wir halten aus; wir halten an Christus fest.“

Auch die Lästerung wird erwähnt; sie geht in dieselbe Richtung wie das Schmähen. Die Reaktion der Apostel ist pure Feindesliebe. Sie ähneln Jesus nicht nur in dem, was sie erleben — auch Jesus hatte Hunger und Durst und wurde mit Fäusten geschlagen —, sondern auch in ihrer Reaktion auf die Feinde. Sie handeln wie Jesus.

Eckart Schnabel schreibt dazu: „Wie aggressiv die Zuhörer auf die Verkündigung des Evangeliums auch immer reagieren mögen, die Apostel bleiben freundlich und lassen nicht ab, sich im Namen Jesu Christi um sie zu bemühen.“ Das ist gelebte Feindesliebe. Und lass mich dir eines sagen: Der Heilige Geist kann befähigen, wenn es nötig ist, Feinde so zu lieben. Das ist eine übernatürliche Reaktion.

Echtes Christsein zeigt sich nie in Abgehobenheit. Dieser Text macht deutlich — im Kontrast zur Alltagsrealität der Apostel — dass echtes Christsein nicht darin besteht, negative Lebensumstände zu verabsolutieren mit dem Hinweis: Wenn du so viele Probleme hast, läuft dein Glaube falsch. Nein, da läuft nichts falsch. Das Leben eines Christen bringt oft Probleme mit sich. Echtes Christsein zeigt sich nicht in einer Verungeistlichung der negativen Umstände, sondern in einer christusähnlichen Reaktion auf sie. Und genau dazu kann der Heilige Geist befähigen.

Paulus fasst zusammen: „Wie Unrat der Welt sind wir geworden, ein Abschaum aller bis jetzt.“ Diese Begriffe „Unrat“ und „Abschaum“ sind Schimpfwörter, auch damals. Sie sind bedeutungsgleich. Würde man es modern ausdrücken, würde Paulus sagen: Wir sind für die Welt wie der letzte Dreck. Das ist unsere Berufung. Was für ein Kontrast zum Selbstverständnis der Korinther! Sie schweben abgehoben auf Wolke sieben; Paulus sagt: Wir sind der letzte Dreck.

Lass mich dir heute etwas sagen: Der Platz der wahren Christen in dieser Welt ist nie ein Podest, sondern eher eine Arena — die Letzten, die zum Tode bestimmt sind. Der Weg der wahren Christen verläuft nicht über einen roten Teppich; der Weg ist der Kreuzesweg, ein Weg der Demütigung und der Verfolgung.

An dieser Stelle möchte ich das Buch von Nick Ripken wärmstens empfehlen. Der Titel lautet: Gottes unfassbare Wege. Nick Ripken hat selbst schwere Zeiten in Somalia erlebt. Danach besuchte er verfolgte Christen auf der ganzen Welt und sprach mit ihnen über ihren Glauben. Das hat seinen Glauben tief gestärkt. Dieses Buch gehört zu den fünf besten, die ich je gelesen habe.

Er berichtet von einer Begebenheit: Er besuchte verfolgte Christen, war fasziniert von dem, was sie erlebt hatten, und fragte, warum sie ihre Geschichten nicht in ein Buch geschrieben hätten. Er meinte, die Christen weltweit sollten diese Zeugnisse hören. Ein älterer Pastor legte daraufhin die Hand auf seine Schulter, nahm seinen Arm, sah ihm fest in die Augen und sagte: „Junger Mann, wann hast du aufgehört, deine Bibel zu lesen? Dort stehen all unsere Geschichten; Gott hat sie schon aufgeschrieben. Was sollen wir Bücher über unsere Geschichten schreiben, wenn Gott schon seine Geschichte erzählt hat? Lies die Bibel, und du wirst feststellen, dass unsere Geschichten schon dort drinstehen.“

Das, was die Apostel damals erlebt haben, erleben Christen weltweit. Das ist die Alltagsrealität — das ist der Kreuzesweg, zu dem wir berufen sind.

Einladung zur Umkehr: Rückkehr zum Kreuzesweg

Liebe Gemeinde, jetzt mal ganz ehrlich. Ich stelle mir manchmal die Frage: Bin ich auf Verfolgung vorbereitet? Und ich stelle mir auch manchmal als Pastor dieser Gemeinde die Frage: Seid ihr auf Verfolgung vorbereitet? Sind wir auf Verfolgung vorbereitet?

Das Thema scheint für uns so weit weg zu sein. Aber ich denke, wir müssen uns darauf vorbereiten, weil Jesus sie verheissen hat. Verfolgung ist eigentlich der Normalfall im Leben eines Christen. „Habt ihr mich verfolgt, so werden sie euch verfolgen.“ Jesus sagt: „Ich sende euch wie Schafe unter die Wölfe.“ Was machen Wölfe mit Schafen?

Natürlich gibt es Christen, die das nicht erleben. Aber ich frage mich: Wenn es uns trifft, sind wir darauf vorbereitet? Hast du eine gute Leidenstheologie? Wisst ihr, als Christ können wir nie erwarten, dass wir ohne Anfechtung durchs Leben gehen — nie! Wir sind in dieser Welt Fremdlinge, und deswegen werden wir immer Fremdkörper in dieser Welt bleiben. Lass uns auf dem Boden der Tatsachen bleiben!

Wir als Christen sind für die Welt wie der letzte Dreck, und das wird sich nicht ändern. Das musst du auch nicht anstreben. Meine Frage ist: Wusstest du das, als du dich für Jesus entschieden hast? Dass der Weg der Nachfolge ein Weg des Kreuzes ist. Jesus sagt: „Wer mir nachfolgen will, der nehme sein Kreuz auf sich.“ Das bedeutet ganz einfach: Wenn du mir folgen willst, sei bereit, für mich zu leiden — überschlag die Kosten.

Jesus geht es nicht um eine schnelle emotionale Entscheidung für ihn. Jesus geht es um eine gut überlegte Nachfolge. Bin ich bereit, für Jesus das alles in Kauf zu nehmen? Weißt du was: Jesus ist es wert. Jesus ist es wert, und das ist das, was in all den Zeugnissen immer wieder rüberkommt. Jesus ist die Perle, für die es sich lohnt, alles aufzugeben, wenn ich nur ihn habe.

Jim Elliot, der den Märtyrertod gestorben ist, bringt es so wunderbar auf den Punkt, wenn er sagt: „Der ist kein Narr, der hingibt, was er nicht behalten kann, um zu gewinnen, was er nicht verlieren kann.“ Genau dazu möchte ich dich einladen: diese Entscheidung schon jetzt zu treffen, auch wenn Verfolgung noch nicht da ist.

Nachdem Paulus hier den großen Kontrast zwischen der Überheblichkeit der Korinther und der Alltagsrealität der Apostel aufgezeigt hat, ruft er sie nun auf den Boden der Tatsachen zurück. Und das führt uns zum letzten Punkt: Aufgefordert — der Rückruf auf den Boden der Tatsachen.

Vers 14: Nicht um euch zu beschämen schreibe ich dies, sondern ich ermahne euch als meine geliebten Kinder. Denn wenn ihr zehntausend Erzieher in Christus hättet, so doch nicht viele Väter, denn in Christus habe ich euch gezeugt durch das Evangelium. Ich bitte euch nun: Seid meine Nachahmer!

Paulus kommt jetzt zum Schluss eines längeren Gedankengangs, und er möchte die Korinther auffordern, wirklich Buße zu tun über diese Überheblichkeit, über dieses falsche Denken. Aber er stellt klar: Ich sage das nicht, um euch zu beschämen. Beschämung hat zum Ziel, einfach nur jemanden fertigzumachen.

Paulus sagt: Ich ermahne euch. Ermahnung hat das Ziel, jemandem zurechtzuhelfen, und er ermahnt sie voller Liebe. Er nennt sie seine geliebten Kinder. Warum kann Paulus die Korinther seine geliebten Kinder nennen?

Vers 15: Denn wenn ihr zehntausend Erzieher in Christus hättet, so doch nicht viele Väter. Denn in Christus Jesus habe ich euch gezeugt durch das Evangelium. Im Römischen Reich gab es damals viele Erzieher; hier steht im Griechischen der Begriff pädagogos, daher haben wir den Pädagogen. Das waren damals Haussklaven, die sich um Kinder kümmerten und bei der Erziehung mithalfen.

Paulus sagt: Ich bin nicht einfach nur ein Pädagogos für euch, ich bin euer Vater. Ich habe euch gezeugt durch das Evangelium; ihr seid durch mich zum Glauben gekommen. Und bitte hört aus dieser Ermahnung meine Liebe heraus: Liebe Korinther, seid meine Nachahmer. Mit anderen Worten: Kommt zurück auf den Boden der Tatsachen, schaut, wie ich lebe. Ich bin bereit, für Jesus zu leiden. Jesus bedeutet mir alles. Es geht nicht um Anerkennung in dieser Welt. Mir geht es einfach nur um Christus. Folgt meinem Beispiel, liebe Korinther, folgt meinem Beispiel und legt die Überheblichkeit ab.

Und dann schreibt er weiter (ab 1. Korinther 4,17): Deshalb habe ich euch Timotheus gesandt, der mein geliebtes und treues Kind im Herrn ist. Er wird euch erinnern an meine Wege in Christus, wie ich überall in jeder Gemeinde lehre. Einige aber sind aufgeblasen, als ob ich nicht zu euch kommen würde. Ich werde aber bald zu euch kommen, wenn der Herr will, und werde nicht das Wort, sondern die Kraft der Aufgeblasenen kennenlernen; denn das Reich Gottes besteht nicht im Wort, sondern in Kraft.

Was wollt ihr? Soll ich mit der Rute zu euch kommen? Oder in Liebe und im Geist der Sanftmut?

Paulus sendet Timotheus dahin, weil die Korinther nochmal einen Glaubensgrundkurs brauchen. Paulus war zwar achtzehn Monate da; sie haben achtzehn Monate von Paulus gelernt, aber sie sind ja immer noch unreif. Und jetzt schickt er Timotheus. Er soll nochmal den Glaubensgrundkurs mit ihnen machen, er soll sie nochmal daran erinnern, was es bedeutet, für Jesus zu leben.

Und dann kündigt Paulus an, selber zu kommen. Er will ihnen vor Augen führen, dass in ihrer Überheblichkeit keine Kraft liegt. Das Pochen auf Rhetorik — darauf liegt keine Kraft. Auf weltlicher Weisheit liegt keine Kraft. Das sehen wir heute: Gemeinden, die weltlichen Maßstäben entsprechen wollen, wachsen nicht. Es ist ja auch keine Kraft in der Botschaft, wenn das Einzige, was du von der Kanzel predigst, ist: „Wir brauchen alle eine Krankenversicherung“ und „lasst uns uns für Tierschutz und Klimawandel einsetzen.“ Da liegt keine Kraft. Diese Gemeinden schrumpfen, sie wachsen nicht.

Kraft liegt nur im Evangelium, und Paulus sagt: Liebe Korinther, ihr müsst zurück zu dem, worin wirklich die Kraft liegt — im Wort vom Kreuz, das aber eine Torheit denen ist, die verloren gehen. Und dann schreibt er am Ende: „Wollt ihr, was wollt ihr, soll ich mit der Rute zu euch kommen oder in Liebe und im Geist der Sanftmut?“ Das hört sich fast wie eine Drohung an, oder? Aber natürlich möchte Paulus mit Liebe zu den Korinthern kommen. Er zeigt eben die Alternative auf, um deutlich zu machen: Ihr Lieben, das ist ein echtes Problem hier. Überheblichkeit ist ein echtes Problem.

Wisst ihr, was manchmal so gefährlich ist in unserem Herzen? Dass wir Sünden kleinreden, weil alle damit zu kämpfen haben. Kennt ihr das? Kennst du das aus deinem Herzen? Genauso ist es mit der Sünde der Überheblichkeit, mit der Sünde des Stolzes. Ich erlebe es ständig.

Wenn ich mit irgendeinem Bruder rede und wir tauschen Gebetsanliegen aus und ich vertraue ihm an: „Kannst du für mich beten? Ich glaube, ich bin da und da überheblich geworden“, dann höre ich meistens die Worte: „Ja, das kenne ich auch aus meinem Leben.“ Manchmal würde ich mir die Worte wünschen, dass mir ein Bruder ins Gesicht schaut und sagt: „André, das ist ein Riesenproblem in deinem Leben.“ Weil ich mir dann abspeichere: Alles klar, der hat auch damit zu kämpfen, der hat auch damit zu kämpfen — dann ist es ja nicht so schlimm.

Paulus macht deutlich: „Soll ich mit der Rute zu euch kommen?“ Es ist ein Riesenproblem, dass ihr so abgehoben seid. Das müssen wir in unserem Leben als ein Riesenproblem ansehen — den Stolz und die Überheblichkeit.

Ich habe vorhin Jim Elliot zitiert, der sein Leben für Jesus gelassen hat, als er den unerreichten Indigenen in Ecuador das Evangelium bringen wollte. Viele Jahre später gab es einen Flug über diese Gegend. Ein kleines Flugzeug flog über Ecuador, und ein neugieriger Bewunderer von Jim Elliot fragte den Piloten: „Kannst du mir bitte die Stelle zeigen, an der Jim Elliot gestorben ist?“ Die Antwort des Piloten war überraschend. Er sagte: „Jim Elliot ist gar nicht in Ecuador gestorben. In Ecuador hat er sein Leben gelassen. Gestorben ist er viele Jahre zuvor. Am Wheaton College ist Jim Elliot gestorben für sein altes Leben. Da ist er gestorben für seine Überheblichkeit, da ist er gestorben für ein Leben in Glanz und Glamour. Da ist er gestorben für sein eigenes Ego und für seine persönlichen Lebensvorstellungen — und das alles für den einen, der sein Leben für ihn gelassen hat.“

Weißt du, vielleicht hat der Herr dir heute Morgen aufgezeigt, dass in dir so viel Korinth steckt — so viel Überheblichkeit, so viel Pochen auf deiner eigenen Lebensvorstellung. Ich möchte dich heute einladen zu sterben. Weißt du: Auf dem Boden der Tatsachen befindet sich ein Kreuz. An diesem Kreuz starb Jesus für dich. Da hat er sein Leben gelassen für dich. Und ich lade dich ein, dich wieder neu auf diesen Kreuzesweg zu begeben.

Liebe Gemeinde, wir dürfen diese Welt nicht lieben. Es geht nicht darum, dass wir hier in dieser Welt angesehen sind. Jesus sagt: Folge mir nach, nimm dein Kreuz auf dich. Sei bereit, für mich zu leiden. Sei bereit, für mich in den Tod zu gehen. Ich bin es wert, und ich habe alles für dich gegeben.

Das ist so sehr mein Wunsch für dich, dass du das heute neu sagen kannst mit Paulus zusammen in Philipper 1,21: „Denn Christus ist mein Leben, und Sterben ist mein Gewinn.“ Lass uns aufhören, ein lauer Christ zu sein. Lass uns aufhören, Anerkennung der Welt zu suchen. Wir sind berufen, den Weg des Kreuzes zu gehen. Dazu lade ich dich heute ein.

Wenn du das heute noch einmal neu zum Ausdruck bringen möchtest, dann kannst du gleich während dem Lied, das wir singen, ans Kreuz kommen. Einfach um symbolisch zum Ausdruck zu bringen: „Ich, Jesus, ich will den Weg des Kreuzes gehen. Du hast alles für mich gegeben, und ich will mein Leben für dich führen.“ Amen.

Lass uns aufstehen und singen.