Serie•Teil 26 / 44Johannes-Evangelium
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Einleitung und Blick auf die Gesamtstruktur
Liebe Geschwister, ich grüsse euch ganz herzlich heute Morgen. Es ist Sonntagmorgen, hier ist alles noch ganz ruhig, alles schläft noch. Ich grüsse euch ganz herzlich zu dieser Predigt über das Johannesevangelium.
Ich möchte etwas tun, was mir persönlich total viel Spass macht, was aber vielleicht dem einen oder anderen ein bisschen zu weit geht. Ich möchte nämlich heute mit euch den Text der ersten vier Kapitel des Johannesevangeliums aus der Vogelperspektive betrachten.
Und vielleicht verstehst du, warum ich das tun möchte, wenn du dich letzten Sonntag gewundert hast, warum wir wieder in Kana in Galiläa sind. Ich meine, Kana ist nicht unbedingt der Hotspot der Weltgeschichte. Und wenn Jesus dort nicht zwei Wunder gewirkt hätte und wenn sein Jünger Nathanael nicht aus Kana herkommen würde, dann würden wir wahrscheinlich diesen kleinen Ort nördlich von Nazareth überhaupt nicht kennen.
Und vielleicht erinnert ihr euch daran: Wenn eine Sache in der Bibel zweimal vorkommt, gerade bei Erzähltexten, dann gibt es da ein Prinzip, und dieses Prinzip heisst Kiasmus. Und tatsächlich sind die ersten vier Kapitel des Johannesevangeliums chiastisch aufgebaut. Wenn ihr euch noch an diesen Begriff erinnert, Ede hatte euch da einiges schon zugesagt.
Ein Chiasmus ist eine literarische Figur, die wie ein Berg aussieht. In der Mitte ist die Spitze, und die Spitze bildet den Höhepunkt.
Noch etwas wurde auch schon öfter gepredigt, nämlich grundsätzlich, dass Erzähltexte, und wir ordnen die Evangelien hier einfach mal ein, aus Erzähleinheiten bestehen. Das sind einzelne Geschichten, die der Autor aneinanderfügt. Jede Geschichte hat ihren eigenen theologischen Schwerpunkt. Wir müssen uns das so vorstellen wie Perlen einer Perlenkette, die dann zusammen das Ganze, nämlich das Evangelium, ergeben.
Und man kann jetzt, und das machen wir ja auch üblicherweise so, eine Erzähleinheit, also eine Begebenheit, eine Geschichte nach der anderen predigen. Das kann man machen, Vers für Vers durch die Evangelien. Das ist nicht verkehrt. Aber man könnte auch am Ende eines Abschnitts einfach mal zurückblicken und sich die gesamte Struktur anschauen, quasi den Berg aus Erzähleinheiten hinmalen und dann überlegen, was jede einzelne Geschichte für eine Hauptaussage hat und wie sich gegenüberliegende Geschichten gedanklich ergänzen, beziehungsweise wo der gesamte Höhepunkt des Textes, also der Texteinheiten, der ganzen Erzählkette, in dem Fall der erste Höhepunkt des Johannesevangeliums, zu finden ist.
Der Aufbau der ersten Kapitel im Überblick
Und wenn man das tun würde, also wenn man die Geschichten nimmt und sie dann in Form eines Berges aufzeichnet, dann stellt man fest: Das Johannesevangelium hat ein Intro, das sich um Johannes dreht, nämlich um Johannes den Täufer. Danach geht es in Kapitel zwei mit dem ersten Chiasmus los. Die erste Erzähleinheit auf der Folie unten links: Jesus kommt nach Galiläa, und es geschieht ein Wunder in Kana. Wasser wird zu Wein, das erste Zeichen. Danach folgt ein Aufenthalt in Kapernaum, und Jesus ist auf dem Fest in Jerusalem.
Und jetzt lasst uns das Ende dieser Perlenkette, dieser Erzählkette, anschauen. Der Chiasmus: Jetzt schauen wir unten rechts hin. In der fünften Erzähleinheit, Kapitel vier, also am Ende auf dem Schaubild ganz rechts unten, passiert dasselbe wie links. Jesus geht wieder nach Galiläa, kommt wieder nach Kana, macht ein Zeichen, diesmal Nummer zwei. Es ist die Heilung des Sohnes eines königlichen Beamten, der übrigens aus Kapernaum kommt. Und auch auf Jerusalem wird kurz Bezug genommen, denn in Johannes vier steht: Als er nun nach Galiläa kam, nahmen ihn die Galiläer auf, da sie alles gesehen hatten, was er in Jerusalem auf dem Fest getan hatte; denn auch sie waren zu dem Fest gekommen. Johannes 4,45.
So, jetzt haben wir gesehen: Der Chiasmus. Die erste und die letzte Erzähleinheit sind sehr ähnlich. Schauen wir uns die nächsten beiden an, die zweite und die vorletzte. In Johannes drei kommt es zu einem Gespräch mit Nikodemus, und im Anschluss an dieses Gespräch zu einer Diskussion um die Frage, was man tun muss, um gerettet zu werden. In Johannes vier dasselbe Muster: Wieder ein Gespräch, diesmal mit der Samariterin.
Und was ihr nicht wissen könnt: Erzähleinheiten können auf zwei Weisen aneinander gekoppelt werden. Entweder sind sie sehr ähnlich, wie zum Beispiel die zwei Einheiten, die beide in Kana stattfinden und beide die Zeichen usw. enthalten. Oder sie sind bewusst verschieden. Das haben wir hier. Die Gesprächspartner könnten unterschiedlicher nicht sein. Auf der einen Seite ein Mann, auf der anderen Seite eine Frau. Er ein Jude, sie eine Samariterin. Er gebildet, einflussreiches Mitglied des Hohen Rats, jemand, der in der Gesellschaft etwas darstellt; sie, hm, das Einzige, wovon sie wirklich viel hat, sind gescheiterte Beziehungen. Er kommt zu Jesus bei Nacht, sie trifft Jesus irgendwann tagsüber. Und doch sind die Gespräche, die sie mit Jesus haben, inhaltlich miteinander verwandt. Sie drehen sich beide um ewiges Leben.
Der Höhepunkt zwischen den Gesprächsszenen
Und so geht es nach dem Gespräch mit Nikodemus um die Frage, was man tun muss, um gerettet zu werden: nämlich glauben und zum Licht kommen, sich der Wahrheit aussetzen.
So finden wir im Anschluss an das Gespräch mit der Samariterin genau das: Menschen, die genau das tun. Sie glauben, und sie kommen wortwörtlich zum Licht, zu Jesus. Sie stellen sich unter seine Lehre und wollen von ihm lernen, wie Leben funktioniert.
Und zwischen diesen beiden Gesprächen, also der Erzähleinheit zwei und fünf, findet sich der Höhepunkt. Der Höhepunkt dieser Erzählkette, die in Kapitel zwei beginnt und in Kapitel vier endet.
Johannes der Täufer redet über Jesus, darüber, wie einzigartig Jesus ist und wie wichtig es ist, dass wir auf ihn hören und in ihm unseren Messias finden. Wie wichtig es ist, dass wir uns nicht auf zweitrangige Figuren wie Johannes selbst fixieren, der immerhin der größte Prophet des alten Bundes ist. Aber wir dürfen uns nicht auf ihn fixieren, sondern wir brauchen Jesus, mit dem der neue Bund anbricht.
Johannes 3,28-30
Ihr selbst gebt mir Zeugnis, dass ich sagte: Ich bin nicht der Christus, sondern ich bin vor ihm hergesandt. Der die Braut hat, ist der Bräutigam; der Freund des Bräutigams aber, der dasteht und ihn hört, ist hocherfreut über die Stimme des Bräutigams. Diese meine Freude nun ist erfüllt. Er muss wachsen, ich aber abnehmen.
Seht ihr, das ist der Höhepunkt. So viel erst einmal zum Höhepunkt, zu den Erzähleinheiten.
Johannes schreibt sein Evangelium in Ephesus. Da gab es Leute, die hatten eine ganz große Nähe zu Johannes dem Täufer. Da gab es wahrscheinlich auch noch viele, die Jünger von Johannes dem Täufer waren. Und er stellt am Anfang noch einmal dieses Thema klar: Wie verhält sich Johannes der Täufer zu Jesus?
Und er macht das, indem er das Thema auf den Punkt bringt. Er berichtet, wie Jesus etwas tut, wofür Johannes bekannt ist, nämlich taufen. Und in diesem Moment, in dem Jesus tauft, haben die Jünger von Johannes dem Täufer damit ein Problem. In dem Moment lässt er Johannes den Täufer sich darüber freuen, dass sein Dienst zu Ende geht. Denn das bedeutet, dass endlich der Messias, der König der Juden, sein Reich aufbaut.
So viel auf die Schnelle zur Struktur.
Wer denkt, dass ich komisch bin? Ja, denn bei dem, was jetzt kommt, geht mein Herz auf.
Wie sich die Gegenstücke gegenseitig auslegen
Wenn ich die Struktur habe, stelle ich mir nämlich eine Frage: Wenn sich Erzähleinheiten gegenüberstehen oder ähneln, dann tun sie das doch nicht nur, um mir zu zeigen, wo der Höhepunkt ist, oder?
Stimmt, ich will nicht sagen, dass es immer so ist. Aber manchmal ergänzen sich die Themen der Erzähleinheiten. Und darüber nachzudenken, macht mir persönlich ganz, ganz viel Spaß.
Lasst mich das euch zuerst an den beiden Gesprächen zeigen: Nikodemus, Frau am Jakobsbrunnen.
Worum geht es bei Nikodemus? Es geht um ewiges Leben. Genau genommen geht es um die Frage, wie man ins Reich Gottes kommt, also Teil des Volkes wird, über das der Messias als König herrscht. Antwort: Wiedergeburt und Glauben. Ich muss das Licht mehr lieben als die Finsternis, mich der Wahrheit aussetzen und in die Begegnung mit Jesus eintreten. Ich muss zum Glauben finden. Und wenn ich das tue, dann wird der Heilige Geist in mir die Wiedergeburt bewirken.
Also geht es bei Nikodemus darum, wie man in eine Beziehung mit Gott kommt.
Bei der Frau am Jakobsbrunnen geht es um dieselbe Beziehung mit Gott, nur ist der Schwerpunkt ein anderer. Die Frage, wie man diese Beziehung bekommt, wie man in sie eintritt, also Glaube und Wiedergeburt, diese Frage spielt keine Rolle. Fast möchte man sagen, Johannes setzt voraus, dass wir das jetzt wissen.
Der Schwerpunkt des zweiten Gesprächs dreht sich um die Frage: Wozu diese Beziehung? Was verändert sich in meinem Leben, wenn ich die Gabe Gottes, nämlich Bekehrung, Wiedergeburt, Heiliger Geist, ewiges Leben, annehme? Was verändert sich, wenn ich das Geschenk Gottes eines Neuanfangs mit ihm annehme?
Antwort: Mein Durst nach Leben wird gestillt, und ich werde zu einem wahren Anbeter Gottes.
Seht ihr: Die erste Geschichte, Nikodemus, bereitet den Boden. Und die zweite Erzähleinheit, die Samariterin, nimmt das Vorbereitete auf und entwickelt das theologische Konzept weiter.
Theorie und Praxis im Licht des Evangeliums
Und dann enden die beiden Erzähleinheiten mit Theorie und Praxis. In Johannes 3,20-21 heißt es in der Theorie: Denn jeder, der Arges tut, hasst das Licht und kommt nicht zu dem Licht, damit seine Werke nicht bloßgestellt werden. Wer aber die Wahrheit tut, kommt zu dem Licht, damit seine Werke offenbar werden. Dass sie in Gott gewirkt sind. Das ist die Theorie. Wenn da irgendjemand ist, der die Wahrheit tut, der kommt zum Licht. Okay, gibt es solche Leute? Ja, und jetzt schauen wir uns die Praxis an.
Da heißt es dann in Johannes 4,29-30: Kommt, seht einen Menschen, der mir alles gesagt hat, was ich getan habe. Dieser ist doch nicht etwa der Christus? Sie gingen zu der Stadt hinaus und kamen zu ihm. Interessant: Die Samariter sind genau solche, die kommen, und zwar zum Licht. Und am Ende wissen die Samariter, was uns Johannes schon in Johannes 3 erklärt hat. Da heißt es in Johannes 3,17: Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, dass er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn gerettet werde.
Und Johannes 4,42, das sind die Samariter: Und sie sagten zu der Frau: Wir glauben nicht mehr um deines Redens willen; denn wir selbst haben gehört und wissen, dass dieser wahrhaftig der Retter der Welt ist. Da sind Leute zum Licht gegangen und haben im Licht die Wahrheit, genau genommen den, der die Wahrheit ist, den Retter der Welt, Jesus, gefunden.
Gehorsam, Glaube und die Zeichen in Kana
Schauen wir uns zum Schluss und vor den Fragen an, wie die zwei Ereignisse aus Kana, also Wasser zu Wein und die Heilung des Sohnes eines königlichen Beamten, zusammengehören. Das verbindende Thema ist Gehorsam.
Jesus sagt, was getan werden soll, es wird getan, und das Wunder geschieht. Den Dienern sagt er: Füllt die Wasserkrüge mit Wasser. Und dem Vater sagt er: Geh hin, dein Sohn lebt.
Im ersten Fall steht der Gehorsam allein da. Wir wissen nicht, was die Diener gedacht haben. Im zweiten Fall wird der Gehorsam ausdrücklich um den Aspekt des Glaubens ergänzt. Der Vater geht weg, weil er glaubt.
Ich könnte also die Frage stellen, warum uns Johannes das Thema Glauben unter dem Thema Gehorsam präsentiert. Die Antwort will ich mit den Worten von Dietrich Bonhoeffer geben:
Um der Rechtfertigung willen müssen ja Glaube und Gehorsam getrennt werden. Aber diese Trennung darf niemals die Einheit beider aufheben, die darin liegt, dass Glaube nur im Gehorsam existiert, niemals ohne Gehorsam ist, dass Glaube nur in der Tat des Gehorsams Glaube ist, nur der Gehorsame glaubt. Es muss Gehorsam geleistet werden gegen einen konkreten Befehl, damit geglaubt werden kann. Es muss ein erster Schritt des Gehorsams gegangen werden, damit Glaube nicht frommer Selbstbetrug werde. Der Ungehorsame kann nicht glauben.
Ich versuche es noch einmal mit meinen Worten. So sehr wir aufpassen müssen, dass wir nicht anfangen, uns die Errettung durch gute Werke erarbeiten zu wollen, das geht nicht. So sehr wir in puncto Rechtfertigung darauf beharren müssen, dass Errettung allein aus Glauben ist und wir nicht mehr als Buße tun können. So sehr müssen wir gleichzeitig darauf Wert legen, den Glauben nicht zur Floskel werden zu lassen, die ohne Inhalt, ohne Substanz, ohne Leben ist.
Glaube wird nur dort sichtbar, wo er sich im Gehorsam zeigt. Nicht in einem Gehorsam, der sich seine Rettung selbst erarbeiten will, aber in einem Gehorsam, der den Ruf Jesu aufnimmt und auf sein Wort hin handelt. Glaube ist gehorsam, weil er mich konkret auf Jesus und auf sein Wort vertrauen lässt. Und in diesem Sinn ist Ungehorsam nicht ein Tun neben dem Glauben, sondern ein sehr offensichtlicher Ausdruck von Unglaube, weil ich mich nicht im Vertrauen auf das Wort Jesu in die Nachfolge rufen lasse.
Abschluss und Fragen für die Gruppen
Und in diesem Sinn möchte ich euch mit diesen Fragen in die Gruppen verabschieden. Es wäre schön, wenn ihr euch kurz austauschen könntet, reihum: Welche Erzähleinheit hat euch am meisten fasziniert, und warum? Was denkt ihr, möchte der Heilige Geist euch dabei als Impuls mitgeben? Wenn du sagst: Hey, das hat mich gerade angesprochen, warum?
Zweiter Punkt: An welchen Stellen in deinem Leben fällt es dir besonders schwer, dem Ruf Jesu Folge zu leisten? Sind das eher die Bereiche, in denen man etwas tun soll? Erzähleinheit eins: die Diener, die die Krüge füllen. Oder sind es eher die Bereiche, in denen man etwas loslassen muss? Erzähleinheit fünf: der Vater, der seine Angst loslässt, um zu glauben.
Dritte Frage: Wie passt Habakuk 2,4, siehe die verdiente Strafe für den, der nicht aufrichtig ist, der Gerechte aber wird durch seinen Glauben leben, zusammen mit den Gedanken rund um die Themen Glaube und Gehorsam? Wie passt dieser Vers, der oft im Neuen Testament zitiert wird, dazu?
Das war’s. Ich wünsche euch viel Freude in den Gruppen. Daher segne euch. Amen.
Vielen Dank an Jürgen Fischer, dass wir seine Ressourcen hier zur Verfügung stellen dürfen!
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