Serie•Teil 24 / 64Apostelgeschichte
Generierte Mitschrift
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Ein schwieriger Abschnitt aus der Apostelgeschichte
Apostelgeschichte 12,18-19. Und das ist eine nicht so erquickliche Geschichte. Ja, es gibt ja manchmal Geschichten, die liest man gerne. Der verlorene Sohn gefällt mir auch, oder die zwei verlorenen Söhne, wie man das wahrscheinlich wirklich richtig sehen muss. Das, was wir heute miteinander lesen, ist eher heikel.
Wo kommen wir her? Wir kommen aus einer Geschichte, die schön war. Petrus wird im Gefängnis befreit. Nur: Der gute Petrus ist jetzt weg, und die Geschichte ist noch nicht ganz vorbei.
Da heißt es in Apostelgeschichte 12,18: Als es aber Tag geworden war, gab es eine nicht geringe Bestürzung unter den Soldaten, was wohl aus Petrus geworden sei. Wer sich noch erinnert: Sechzehn Soldaten waren abgestellt, um Petrus zu bewachen. Es ist klar: Wenn du Soldat bist und morgens die Tür aufmachst und sagst: Na, jetzt schauen wir mal, wo der da so steckt, der ist ja bewacht worden, um ihn quasi über die Passerfeierlichkeiten hinweg wegzuschließen und ihn danach umzubringen, wie man vorher Jakobus umgebracht hat, dann schaust du am nächsten Morgen nach, und das Bett ist leer. Das ist nicht nett, ja.
Was macht so ein Herodes? Herodes ist dein Chef, der Typ, der gerade den anderen hat umbringen lassen. Was macht der, wenn er mitbekommt: Mein Gefangener ist weg? Ich kann diesem Petrus nicht den Kopf kürzer machen. Antwort: Na ja, wenn das bei Petrus nicht klappt, dann mache ich das wenigstens mit den Wachen. Denn einer muss schuld sein, und ich bin es definitiv nicht.
Vers 19: Als aber Herodes nach ihm verlangte und ihn nicht fand, zog er die Wächter zur Untersuchung und befahl, sie abzuführen. Ja, das ist freundlich umschrieben mit: weg und umbringen. Und er selbst ging von Judäa nach Cäsarea hinab und verweilte dort.
Macht, Schuld und fehlende Selbstprüfung
Also, ich weiß nicht, ob ihr euch noch an die Predigt erinnert über Apostelgeschichte 11, wie man richtig in der Gemeinde streitet. Ja, die ersten drei Punkte. Da hieß es:
Erster Punkt: Wenn du mal so in einen Streitfall reingerätst, bleib cool.
Zweiter Punkt: Unterstell dem anderen erst mal das Gute.
Dritter Punkt: Hör dir die Fakten an.
Zweiter Punkt: Unterstell dem anderen erst mal das Gute.
Dritter Punkt: Hör dir die Fakten an.
Du merkst: Herodes ist so einer, der bleibt nicht cool. Der unterstellt dem anderen null Gutes. Und Fakten, also mal ganz ehrlich, Fakten interessieren ihn überhaupt nicht. Er ist der Chef, und wer sich mit ihm anlegt, der muss das halt büßen. Egal, ob das die Soldaten sind, die einen Gefangenen verlieren, oder ob das, wie im nächsten Vers, die Bewohner von Tyros und Sidon sind.
Da heißt es in Vers 20: „Er war aber sehr erbittert gegen die Tyrier und Sidonier.“ Das sind einfach so zwei Städte am Mittelmeer, jetzt nichts Besonderes. Aber er war sauer auf sie, und du ahnst schon: Wenn Herodes sauer auf dich ist, dann musst du was tun. Sie kamen aber einmütig zu ihm, und nachdem sie Blastus, den Kämmerer des Königs, überredet hatten, baten sie um Frieden, weil ihr Land von dem königlichen Land ernährt wurde.
Die gehen da hin und sagen: Hey, können wir das irgendwie wieder in Ordnung bringen? Und wir haben so einen Vermittler, den Blastus. Und sie wissen einfach: Wenn wir jetzt nicht Frieden suchen, dann macht uns der Herodes einfach irgendwann platt.
Wer ist Herodes? Herodes ist ein ganz selbstverliebter Machtmensch. Er hält sich für den Größten. Und wenn man sich so überlegt, was interessiert so einen Herodes, dann würde er sagen: Mich interessiert genau eine Sache. Mich interessiert, dass alle Menschen mich toll finden, dass alle Menschen mir Anerkennung zollen, dass alle Menschen klatschen, wenn ich was sage. Ja, das ist einfach so: Ich möchte im Zentrum stehen. Das ist das, was ihn interessiert.
Und das merkt man jetzt auch in Vers 21: „An einem festgesetzten Tag aber hielt Herodes, nachdem er königliche Kleider angelegt und sich auf den Thron gesetzt hatte, eine öffentliche Rede an sie.“ Also er lässt da mal die Sidonier und die Tyrier kommen und sagt: Okay, jetzt ist doch alles wieder gut, jetzt lasst mich mal noch mal zu euch reden.
„Das Volk aber rief ihm zu: Eines Gottes Stimme und nicht eines Menschen.“ Ja, das verstehen wir, oder? Ja, der ist da vorne. Du denkst dir: Boah, das ist so ein brutaler Schlechter, und wir sind gerade mal davon gekommen. Komm, wir schmeicheln dem mal so ein bisschen. Oder wir schleimen uns mal so ein bisschen ein. Ja, und während er da vorne redet, ist die Masse in Verzückung. Da redet gar kein Mensch mehr, da redet ein Gott.
Die richtige Reaktion auf falsche Verehrung
So, aber jetzt wird es heikel. Also wir verstehen, warum die Sidonier und die Tyrer das machen. Die wollen ihm einfach Honig um den Bart schmieren. Aber was hätte Herodes an dieser Stelle tun müssen? Was tust du, wenn dir jemand sagt, du bist Gott?
Wenn dir das mal so passiert: Den Aposteln ist das irgendwann mal passiert. Paulus und Barnabas waren in einer Stadt namens Lystra. Wir lesen das in ein paar Monaten, wenn wir darüber predigen. Sie heilen dort einen Gelähmten. Und die Leute, die das sehen, glauben in diesem Moment, als sie den Gelähmten wieder laufen sehen, dass jetzt die Götter in Menschengestalt auf die Erde gekommen sind.
Und was machen dann Paulus und Barnabas? Ich lese das mal vor aus Apostelgeschichte 14,14-15: Als aber die Apostel Barnabas und Paulus es hörten, zerrissen sie ihre Kleider, sprangen hinaus unter die Volksmenge und riefen und sprachen: Männer, warum tut ihr dies? Wir sind auch Menschen von gleichen Empfindungen wie ihr und verkündigen euch, dass ihr euch von diesen nichtigen Götzen bekehren sollt zu dem lebendigen Gott, der den Himmel und die Erde und das Meer gemacht hat und alles, was in ihnen ist.
Das wäre die richtige Reaktion gewesen. Also, wenn du jemals in die Verlegenheit kommst – wahrscheinlich wird das nicht passieren –, aber sollte das mal so sein, dass jemand zu dir sagt: „Boah, du bist ja wie Gott“, was sagst du dann? Nein, bin ich nicht.
Herodes kommt überhaupt nicht auf den Gedanken. Also der Gedanke, Gott Ehre zu geben? Hey, er sitzt gerade in königlichen Kleidern auf dem Thron, er hat gerade angefangen, diese Rede zu halten, das Volk ist begeistert – Gott die Ehre geben? Hallo!
Und weil er das nicht tut, passiert jetzt etwas ganz, ganz Unappetitliches, was man sich nicht so genau vorstellen darf.
Gericht, Zorn und das verstörende Bild Gottes
Da heißt es in Vers 23: Sogleich aber schlug ihn ein Engel des Herrn dafür, dass er nicht Gott die Ehre gab. Und von Würmern zerfressen verschied er. Es ist ein widerlicher Tod, also von Würmern zerfressen.
Wenn die Würmer einen fressen, nachdem man tot ist, ist das schon irgendwie eklig. Aber jetzt stell dir mal vor, die Würmer fressen dich, während du noch lebst. Das ist richtig widerlich. Das sind so Stellen, wo man, wenn man das dann abends den Kindern vorliest, vor dem Zu-Bett-Gehen, so in Gute-Nacht-Geschichten-Manier, manchmal sagt: Das lasse ich mal lieber weg. Oder man erzählt es ein bisschen anders, als es in der Bibel steht. Denn überlegt euch das mal: Der schaut sich irgendwie an und sieht da aus dem Bein so einen Wurm rauskommen. Das ist ganz, ganz, ganz unappetitlich.
Herodes, König von Israel, was wäre sein Auftrag gewesen? Herodes hätte für Gott kämpfen müssen. Er hätte für den Glauben an Gott kämpfen müssen. Aber was macht er? Er inhaftiert die Apostel, und er lässt sie umbringen. Und er lässt sich selber als Gott feiern. Und was macht Gott? Würmer. Engel. Strafe. Schön, oder?
Ja, genau darüber würde ich gerne mit euch nachdenken. Gott straft Herodes. Und ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich glaube, so insgeheim ist man froh, dass Herodes so ein richtiger Widerling ist, oder? Stell dir mal vor, Herodes wäre so eine Mutter Teresa gewesen oder so ein Mahatma Gandhi. Das wäre fies gewesen. Aber er ist es nicht. Er ist so ein richtiger Widerling, so ein Typ, wo du sagst: Ja, dir geschieht das recht. Das ist so das Denken, was bei uns hochkommt. Und das Interessante ist: Dieses Denken ist falsch.
Warum Gottes Gericht nicht nur die „Schlimmen“ betrifft
Was meine ich damit? Uns ist die Idee lieb, dass Gott den Sünder lieb hat. Aber die Vorstellung, dass Gott den Sünder hasst, ja, dass es Momente gibt, in denen Gott strafend und vernichtend ins Leben eines Menschen eingreift und es womöglich beendet, vielleicht auf eine so widerliche Weise, dass auch der Letzte mitbekommt: Das war jetzt eine Strafe Gottes, ist uns als Gedanke oft nicht so lieb.
Wir genießen das Nachdenken über einen liebenden Gott. Aber dieser Gedanke an einen zornigen Gott, ich weiß nicht, wie es euch geht: Diesem Gedanken nähert man sich nur sehr zögerlich. Es gibt auch sehr wenige Lieder über den Zorn Gottes im Lobpreis. Also nicht, dass ihr mehr singen sollt, das ist gar nicht der Punkt. Aber wenn man das mal so versucht: In den Psalmen gibt es eine ganze Reihe von Liedern, die auch den Zorn Gottes besingen und den Zorn Gottes erflehen für bestimmte Situationen. Das hat sich so ein bisschen gegeben.
Wir denken viel nach über die Liebe Gottes. Und wenn dann so eine Geschichte kommt, in der einer wirklich mal bestraft wird, dann eben dieser Gedanke: Zum Glück war das ein Widerling, ja, recht so, weg mit dem! Aber es schleicht sich leider an der Stelle schnell auch ein falsches Gottesbild in unsere Vorstellung ein. Denn, und das müssen wir immer wieder festhalten: Gott ist nicht nur gegen die Widerlinge, Gott ist gegen Sünder. Gott ist tatsächlich unparteiisch. Er findet nicht die einen Sünder gut und die anderen irgendwie schlecht. Versteht ihr, was ich meine?
Also es ist nicht so, dass er sagt: Ich bin für Max Mustermann, aber ich bin gegen Adolf Hitler. Das ist nicht Bibel. Es mag sein, dass, wenn es in ein abschließendes Gericht geht, Max Mustermann oder, um meinen Namen noch zu nennen, Mahatma Gandhi besser dastehen als Adolf Hitler und Josef Stalin. Das mag sein, und das wird so sein. Aber beide sind Sünder, und beide werden nach ihren Werken gerichtet. Und es gibt im Gericht kein Ansehen der Person. Es gibt nur ein Ansehen dessen, was ich getan habe.
Und wenn jemand in dieses Gericht kommt, dann muss er sich erinnern an das, was Jakobus schreibt. Jakobus beschreibt in 2,10 die Hoffnungslosigkeit dessen, der nach seinen eigenen Werken gerichtet wird. Er drückt das so aus: Denn wer das ganze Gesetz hält, aber in einem strauchelt, ist aller Gebote schuldig geworden.
Glaube statt Leistung
Und das ist so ein Satz, den wir nicht gelten lassen wollen, oder der zumindest schwer ist, der uns nicht so beim ersten Mal erschließt. Aber wir müssen irgendwann verstehen: Menschen gehen nicht deshalb verloren, weil sie Widerlinge sind. Menschen gehen oder landen nicht deshalb in der Hölle, weil sie mehr gesündigt haben als andere. Menschen werden eine ewige Finsternis erleben, weil sie nicht geglaubt haben.
Und für mich war das irgendwann ein riesiges Aha-Erlebnis. Ich komme auch aus der evangelischen Kirche, ja, bin getauft, so als kleines Baby, und dann konfirmiert. Und ich hatte ganz lange diese Idee: Christsein, das bedeutet, möglichst viele gute Taten tun und möglichst wenig sündigen. Das war meine Vorstellung von Christsein.
Das Verrückte ist: Diese Vorstellung hat mehr mit dem Islam zu tun als mit dem Christentum. Diese Vorstellung geht davon aus, in meinem Leben gibt es irgendwie so eine Waage. So, da gibt es die eine Seite, das sind die guten Taten, und die andere Seite die bösen Taten. Und irgendwann gibt es so einen Schlusspunkt, das ist dann, wenn ich tot bin. Und dann lande ich in einem Gericht, und da kommen dann die Guten in den Himmel und die Schlechten in die Hölle. Und ob ich gut oder schlecht bin, das hängt ein bisschen von dieser Waage ab, ob die guten Taten überwiegen oder die schlechten Taten überwiegen.
So, und jetzt das Verrückte: Mit Christentum hat das überhaupt nichts zu tun. Jakobus sagt: Wenn du eine Sünde getan hast, ist das alles, was du brauchst.
Also in meinem Kopf war so die Idee: Es gibt die Bösen, das sind die Menschenhändler, die Einbrecher, die Zuhälter, die dürfen weg. Und dann gibt es die Guten, das war ich. Also das waren so die Normalos, die Netten, die Hilfsbereiten, die Ehrlichen, das war ich. Das war so mein Denken. Gerne dürfen die Menschenhändler und die Zuhälter und die Einbrecher, die dürfen gerne in die Hölle, aber Gott kann doch nicht die Netten, die Hilfsbereiten, mich da reinstecken.
Ich war relativ lange zufrieden mit diesem Denken, gebe ich offen zu. Und das, obwohl ich sogar hätte wissen können, dass es falsch ist. In der Bergpredigt sagt Jesus einmal in Matthäus 5,48, dass wir vollkommen sein sollen, wie unser himmlischer Vater vollkommen ist. Also Gott sagt nicht: Sei ein bisschen besser, sondern wenn du gerne über dieses Gutsein, wenn du den Weg gehen möchtest, okay, ich zeige dir mal mein Limit: Sei so gut wie ich.
Und jeder, ich auch, hätte an der Stelle sagen müssen: Das kann ja keiner schaffen. Ja, genau. Das ist das, was Gott uns zeigen möchte. Dass wir, wenn wir das Spiel mit den guten Werken spielen, immer als Verlierer aus dem Rennen gehen. Oder wie Paulus das im Römerbrief durch ein paar Zitate aus dem Alten Testament auf den Punkt bringt: Römer 3,10-12. Dort beschreibt er den Menschen, wie er vor Gott steht. Römer 3,10: Wie geschrieben steht: Da ist kein Gerechter, auch nicht einer. Da ist keiner, der verständig ist, da ist keiner, der Gott sucht. Alle sind abgewichen, sie sind allesamt untauglich geworden, da ist keiner, der Gutes tut, auch nicht einer.
Also wenn ich den Menschen als den Guten hinstellen will, wird Gott immer sagen: Nee, vergiss es doch mal, das wirst du nicht schaffen. Aus Gottes Perspektive gibt es keinen, der Gutes tut. Damit ist gemeint: Es gibt keinen, der nur Gutes tut, der sich einfach über seine guten Werke den Weg in den Himmel verdienen kann. Das geht nicht. Jeder Mensch kann gerechtfertigterweise in aller Ewigkeit von Gott verdammt werden.
Gottes Offenbarung statt menschlicher Wunschbilder
Und wenn man das so sagt, das tut mir so unendlich leid, weil wir haben nächstes Jahr 500 Jahre nach dem Thesenanschlag in Wittenberg. Es ist so gruselig. Aber wenn man so etwas mal sagt, dass Gott den Sünder wirklich verdammt, dass gute Werke nicht genug sind, dass Jesus einmal wiederkommen wird als Richter, dass er, wenn wir von dem Lamm singen, bitte immer auch im Blick haben: Er ist gleichzeitig der Löwe, dann kommt so schnell der Vorwurf: Ja, aber Gott ist doch Liebe, und ein Gott der Liebe kann doch niemanden verdammen.
Und deswegen sind solche Geschichten, wie wir sie heute gelesen haben, die mit den Würmern, ab und zu mal ganz gut. Denn unsere Antwort muss lauten: Doch, Gott kann das. Wir müssen darauf bestehen, dass ein Mensch sich Gott nicht ausdenken darf.
Wisst ihr, ich habe immer Sorge, dass wir uns ein Stück weit den Gott im Kopf basteln, der uns passt, statt dass wir Gott Gott sein lassen. Dass wir sagen: Herr, ich möchte gerne wissen, wie du bist, und du hast dich offenbart. Ja, ich halte einfach mal die Bibel hoch: Du hast dich offenbart, du hast dich offenbart in der Schöpfung, du hast dich offenbart in meinem Gewissen, du hast dich offenbart in der Geschichte, aber du hast dich ganz stark auch offenbart in der Bibel.
Und es ist eine wichtige Sache, dass wir viel Bibel lesen. Nicht einfach, um einen dicken Kopf zu kriegen und zu sagen: Ah, ich habe jetzt die Antwort auf die vielen kleinen Detailfragen, sondern vielmehr, dass wir ein Gespür dafür bekommen, wie Gott wirklich ist und an welchen Stellen ich vielleicht angefangen habe, in meinem Kopf mir einen Gott zusammenzustricken, der nicht wahr ist. Wie man sich in der Beziehung vielleicht einen Partner strickt, der nicht wahr ist. Wenn man denkt: Mein Partner muss aber so und so sein, wenn er das aber nicht ist, was machst du dann? Und so kann das uns mit Gott auch passieren.
Wir brauchen eine klare Vorstellung von Gott, die wirklich stimmt. Und es ist, wenn ich die Bibel lese, so, dass Gott sich nicht als Weihnachtsmann offenbart. So ein Typ mit so einer roten Käppi und so einem Hut und so einem Rauschebart, der Geschenkebringer-Gott, sondern obwohl Gott an vielen, vielen Stellen uns seine Liebe zeigt, erlebe ich solche Geschichten wie hier, wo Gott durch einen Engel etwas beendet und wir kurz schlucken und uns die Frage stellen: Ich dachte immer, Gott wäre Liebe.
Und es gibt mehr solche Geschichten. Es gibt mehr Geschichten, wo ich mir ganz sicher bin: Du hast sie deinen Kindern nur in sehr eingeschränkter Form präsentiert, weil sie einfach echt gruselig sind. Weil du einfach sagst: Das gebe ich mal, das ist so wie bei einem Horrorfilm, wenn du einfach mal vorspulen machst, weil du sagst: Das will ich jetzt nicht sehen. Und da gibt es Dinge in der Bibel, wo du sagst: Fast forward, drüberspringen, weil du einfach denkst.
Aber wir müssen uns mit diesem Gott genau so, oder mit diesen Aspekten Gottes genau so beschäftigen, weil sonst machen wir Folgendes: Wir basteln uns sonst den Gott aus den schönen Bibelstellen, der womöglich wenig zu tun hat mit dem lebendigen Gott.
Also die Frage: Wenn jemand die Frage stellt, was ist denn jetzt Gott? Ist Gott ein zorniger Gott oder ist Gott ein barmherziger Gott? Was sagen wir dann den Leuten? Und die Antwort muss von der Bibel her lauten: beides. Das ist nicht so leicht zu denken, das gebe ich offen zu, aber darum geht es ja auch gar nicht. Es geht erst einmal darum, dass wir verstehen, wie Gott sich offenbart. Es geht nicht um: Entweder ist Gott liebevoll oder Gott ist zornig. Es geht darum, dass wir beides sehen.
Liebe und Zorn gehören zusammen
Im Neuen Testament heißt es ganz klar: Gott ist Liebe. Und deswegen lasst uns die Liebe Gottes feiern, besingen und bejubeln. Lasst uns in der Liebe Gottes hineinkuscheln, wann immer es uns richtig dreckig geht, und wenn es uns gut geht auch. Da gehören wir hin.
Aber lasst uns nicht vergessen, dass der Gott, von dem es in 1. Johannes 4,16 heißt, dass er Liebe ist, von demselben Gott in Hebräer 10,31 gesagt wird, er sei ein verzehrendes Feuer. Er bringt Gericht. Er versteht überhaupt keinen Spaß beim Thema Sünde. Und deswegen muss es für uns wichtig in unserem Kopf sein, dass wir es nie zulassen, die Barmherzigkeit Gottes gegen seine Heiligkeit auszuspielen.
Auf der einen Seite wird Gott Mensch. Er stirbt einen unglaublich grausamen Tod für alle Menschen. Er tut das, damit jeder, der gläubig wird, ewiges Leben von ihm geschenkt bekommt. Gott ist einhundert Prozent Liebe.
Aber derselbe Gott, der am Kreuz stirbt, der um unsertwillen auferstanden ist und der wiederkommen wird, kommt wieder, um Gericht zu üben. Er wird jeden bösen Gedanken, jedes böse Wort und jede böse Tat strafen. Derselbe Jesus, der uns ewiges Leben geschenkt hat, der uns Kindschaft geschenkt hat, wird Strafe bringen. Und die Bibel sagt, ewiges Verderben über die Menschen bringen, die, und so steht es im 2. Thessalonicherbrief, dem Evangelium nicht gehorcht haben, die nicht gläubig geworden sind. Und das ist einhundert Prozent Zorn.
Auf der einen Seite Gottes Liebe in Perfektion und auf der anderen Seite Gottes Heiligkeit in Perfektion. Es gibt manchmal diesen Spruch: Gott liebt den Sünder und hasst die Sünde. Das hätten wir gerne so, aber es stimmt nicht. In der Bibel steht, dass Gott den Sünder hasst und dass Gott den Sünder liebt. Es ist beides, beides nebeneinander. In Psalm 11,5 lesen wir davon, dass er ihn hasst, und in Römer 5,8 davon, wie sehr er ihn liebt.
Psalm 11,5, da heißt es: Der Herr prüft den Gerechten, aber den Gottlosen und den, der Gewalttat liebt, hasst seine Seele. Es ist nicht nett. Und es gibt solche Stellen, gerade in den Psalmen, die uns verdeutlichen, wie ernst Gott im Umgang mit Menschen ist. Und es gibt solche kleinen Geschichten wie mit Herodes, wo man merkt: Das ist wirklich wahr.
Und auf der anderen Seite investiert sich derselbe Gott, der hasst, der ablehnt, der sagt: Ich will damit nichts zu tun haben, einhundert Prozent. Paulus bringt das in Römer 5,8 mit den Worten auf den Punkt, dass er sagt: Gott aber erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus, als wir noch Sünder waren, für uns gestorben ist. Für Sünder wird gestorben. Versteht ihr?
Auf der einen Seite der Hass Gottes auf den Sünder und das Wort: Ich werde dich verurteilen. Und auf der anderen Seite die Liebe für den Sünder und das Wort: Ich werde für dich sterben. Beide Dinge gehören bei Gott zusammen. Beide gehören zusammen.
Gott ist gefährlicher, als wir uns das in unseren kühnsten Albträumen ausmalen würden, und er ist gleichzeitig liebevoller, als wir das jemals zu hoffen wagen würden. Beides gehört zusammen.
Der unbußfertige Sünder trifft auf den Zorn Gottes. Er trifft, und ich verwende das Wort, weil es biblisch ist, auf seine Verachtung, auf seine Strafe. Er trifft auf ein unbarmherziges Verdammungsurteil, das in aller Ewigkeit nicht revidiert wird.
Aber der Sünder, der Buße tut, trifft auf Gottes Liebe, findet Erlösung, findet Vergebung, findet Veränderung, wird Kind Gottes, wird Teil einer ewigen Liebesgeschichte, von der wir heute irgendwie nur so die ersten paar Minuten mitkriegen, die aber so grandios sein wird, dass wir uns in alle Ewigkeit in einem Maß darüber freuen würden, Teil davon zu sein. Einfach nur der Hammer!
Gott nicht klein machen
Lasst uns bitte, und das ist mein Wunsch für diese Predigt, Gott nicht domestizieren. Wisst ihr, was domestizieren ist? Ja, wenn man so ein wildes Tier zu einem Haustier macht.
Lasst uns Gott nicht zu einem Hausgott machen, der irgendwie nach unseren Vorstellungen funktioniert, sondern lasst Gott ein Gott sein, der wild bleiben darf, der unkontrollierbar bleiben darf, der unveränderlich er selbst bleiben darf und eben auch gegen alles Böse sein darf. Das ist mein Wunsch, dass wir diesen Aspekt betrachten.
Ich sage ganz bewusst: Ich möchte nicht, dass wir ihn aus der Perspektive von verlorenen Sündern betrachten. Wenn es hier Menschen gibt, die noch nicht gläubig sind, dann natürlich schon. Aber wenn wir gläubig sind, wenn wir Kinder Gottes sind, dann dürfen wir den Aspekt von Gottes Zorn aus einer kindlichen Perspektive betrachten. Wir dürfen wissen: Unser Papa im Himmel hat das. Aber wir haben damit glücklicherweise gerade da, wo es um den ewigen Zorn geht, nichts zu tun. Der ewige Zorn ist ein für alle Mal am Kreuz getilgt. Wir kommen nicht ins Gericht.
Und trotzdem glaube ich, dass es total wichtig ist, sich mit dem Zorn Gottes, mit diesem Aspekt seines Charakters, zu beschäftigen. Und ich habe euch drei Gründe mitgebracht, und es gäbe wahrscheinlich noch mehr.
Warum diese Wahrheit für das Glaubensleben wichtig ist
Der erste Grund ist ganz einfach: In Johannes 17,3 steht, dass ewiges Leben darin besteht, Gott zu erkennen. Wenn ich also mit Gott lebe, dann lebe ich nicht mit einer Philosophie. Ich lebe auch nicht mit dem Grundgesetz, sondern ich lebe mit einer Person.
Und jeder von uns, der einen guten Freund oder einen lieben Ehepartner hat, weiß: Die Beziehung wird umso tiefer, je besser ich verstehe, wie der andere tickt. Wenn ich auch seine Grenzen kenne, wenn ich weiß, was er mag und was er nicht mag, dann kann ich auf diese Beziehung besser eingehen. Die Bibel sagt dasselbe: Ewiges Leben besteht darin, Gott zu kennen, ihn zu erkennen und in diese Beziehung hineinzuwachsen.
Deswegen ist es wichtig, dass wir, wenn wir die Qualität unserer Gottesbeziehung steigern wollen, sagen: Ich möchte mehr in diese Beziehung hinein. Ich möchte Gott mehr genießen, ich sage es mal so. Dann geht es darum, dass ich nicht einem Traumbild von Gott folge, sondern dem Gott, wie er wahrhaftig ist. Und wenn Gott sagt: Ich habe da einen Aspekt, und dieser Aspekt mag sich dir nicht so schnell erschließen wie meine Liebe, dieser Aspekt heißt Zorn, dann lasst uns damit beschäftigen.
Und wir brauchen das, das ist mein zweiter Punkt, auch für uns selbst. Wie soll ich das sagen? Ich habe vor kurzem eine Predigtreihe gehalten, und für alle, die jetzt sagen: Hey, ich möchte mehr zu diesem Thema Zorn, vielleicht auch mehr zu diesem Thema negative Gefühle hören, ich habe eine Reihe gehalten über das Thema negative Gefühle. Da geht es zum Beispiel um gerechten Zorn und ungerechten Zorn. Es geht um heilige und unheilige Verachtung, es geht um Themen wie Eifersucht. Schaut euch auf Frogwords diese Reihe mal an, sie ist ein bisschen länger geworden. Ich habe sie damals aus einem bestimmten Grund angefangen.
Mein Eindruck ist, dass viele Christen Angst davor haben, sich ihren negativen Gefühlen zu stellen. Also du wirst zornig, ja, und die erste Reaktion ist: Aber ein Christ darf ja gar nicht zornig sein. Teppich hoch, Zorn runter und vergraben. Das Problem ist, dass deine Gefühle die Sprache deiner Seele sind. Und scheinbar negative Gefühle, die du einfach immer wieder nur wegschiebst und unterdrückst, können dich irgendwann übermannen und dein Leben auf eine ganz schädliche Weise kaputt machen.
Und das ist nicht nötig, weil die Bibel etwas über negative Gefühle wie Zorn sagt. In Epheser 5,26 werden wir aufgefordert, zornig zu sein, ohne zu sündigen.
Zorn, Heiligkeit und menschliche Reife
Das ist ja komisch: Wir sollen zornig sein? Ja, warum soll ich denn zornig sein? Na ja, weil es in manchen Momenten das einzig Richtige ist. Dann ist Zorn das einzig Richtige. Wie? Du sagst, es gibt Momente, in denen man zornig sein muss. Ja, ist doch logisch. Ja, woher nimmst du das? Na, Gott ist zornig.
Ja, wenn der Herr Jesus in Markus 3,5 im Zorn umherschaut, weil er da jemanden gerne heilen würde und vorher fragt: Darf man am Sabbat heilen?, sagen alle nichts. Also keiner möchte Ja sagen. Und was macht Jesus dann? Er wird zornig. Er wird zornig darüber, dass Menschen anderen Menschen die Heilung verweigern, um ihrer eigenen dusseligen Theologie willen, die sie sich selbst ausgedacht haben und die nicht mehr ist als Selbstgerechtigkeit. Er wird zornig.
Und wenn du jetzt hier sitzt und denkst: Wie, ich darf zornig werden? Ja, du darfst das. Nicht jeder Zorn ist heiliger Zorn. Vorsicht, deswegen habe ich auch zwei Predigten gemacht, und die eine heißt gerechter und die andere heißt ungerechter Zorn. Aber wenn du einfach mal nachdenkst, was das heißt, dass Gott zornig ist, dann heißt das, dass es auch in meinem Leben gerechten Zorn geben muss. Und dass du dir keinen Gefallen tust, weder im Umgang mit deiner Seele noch im Umgang mit Gott.
Ich glaube, dass die negativen Gefühle, die wir haben, die wertvollsten Gefühle sind, wenn es um unsere Beziehung zu Gott geht. Ich glaube, es sind die ehrlichsten Gefühle. Es sind die, die uns am meisten herausfordern. Und ich möchte mit dieser Predigt, das war mein zweiter Punkt, dich bitten: Wenn du manchmal zornig bist, beschäftige dich mit diesem Thema und erlaube dir, zornig zu sein, auf die richtige Weise. Und stelle plötzlich fest, dass das, was in Gott steckt, hundert Prozent Liebe und hundert Prozent Zorn, dass das auch in dir drinsteckt, der du nach seinem Ebenbild geschaffen bist.
Schlussgedanken: Gottesfurcht als Hilfe und Motivation
Dritter Punkt, und das ist dann auch der Abschluss dieser Predigt:
Das eine ist: Gott richtig zu verstehen, um die Beziehung mit ihm zu genießen, setzt voraus, dass wir beide Seiten kennenlernen: Heiligkeit und Liebe.
Das zweite ist: Wenn Gott zornig ist, wenn Gott solche Gefühle hat, dann hast du sie auch. Lerne, mit ihnen auf eine heilige, gottgegebene Weise umzugehen. Und du wirst merken, dass deine Beziehung zu dir selbst und zu Gott vielleicht revolutioniert wird.
Dritter Punkt, und ja, nur ganz am Rande: Der Zorn Gottes oder die Gottesfurcht, wenn man das mal so will, hat natürlich auch eine motivierende Funktion. Wir sehen das immer mal wieder, wenn wir Jesus zuhören. Wenn Jesus fragt, wie man Menschenfurcht überwinden kann, dann würde er sagen: Na ja, fürchte einfach Gott. Gut, einfach Gott nur ein bisschen mehr fürchten als die Menschen, und schon ist alles gut.
Und wir denken: Was ist das für eine komische Motivation? Ich kann doch nicht Gott fürchten, um Menschen weniger zu fürchten. Doch, zumindest sagt Jesus das. Ich meine, das habe ich mir ja nicht ausgedacht.
Oder Matthäus 25: Da gibt es die Geschichte von den Ziegenböcken und den Schafen und von diesem Gericht, wo man gerichtet wird für das, was man den Leuten tut, die in Not sind, wie man mit bedürftigen Menschen umgeht. Was ist das Argument, was Jesus bringt, warum wir das tun sollen? Also, was ist sein Motivationsfaktor?
Jesus sagt nicht: Kümmere dich um die Ausgestoßenen und die Gefangenen und die Armen, weil du sie so lieb hast. Das sagt er nicht. Das würden wir gerne hören, und das hätte er vielleicht auch sagen können. Aber was er sagt, ist: Pass auf, wenn du es nicht tust, kommst du in die Hölle.
Und man liest das und schüttelt sich so ein bisschen und denkt sich: Jesus, muss das immer gleich so grob sein? Geht das nicht ein bisschen netter?
Aber was ich rüberbringen will, ist: Ja, lasst euch hundert Prozent von der Liebe Gottes motivieren. Auch das steht in der Bibel: Die Liebe Gottes treibt mich. Aber es gibt Momente im Leben, da reicht diese Motivation vielleicht nicht aus. Dann schau, wie Jesus die Märtyrer in Offenbarung 6 unter dem Thron motiviert. Wenn man liest, was die sagen, dann sind die motiviert davon, dass endlich Gericht kommt.
Du denkst dir: Das hört sich so komisch an. Bis du in eine Situation kommst, wo du merkst: So, jetzt kann ich mich gerade mal nicht mehr durch Liebe motivieren. Jetzt ist es schön zu wissen, dass Gott der Richter über alles Lebendige ist.
Zum Beispiel, wenn Gott sagt, du sollst deine Feinde lieben, Römer 12, was ist das Argument, warum du deine Feinde lieben sollst, warum du sie segnen sollst? Ganz einfach: Gottes Rächer. Du kannst sie lieben, du kannst dich um sie kümmern, du kannst investieren. Du musst dir keinen Kopf machen. Egal, was sie dir antun, Gott wird sich darum kümmern.
Ist das herrlich? Ja, wir denken: Nee, also mir geht es so, ich traue mich das kaum zu predigen. Das macht man dann einmal in hundert Predigten oder so, kurz in diese Ecke hineinleuchtet und sagt: Da ist übrigens auch noch was. Das ist so ein bisschen die hässliche Seite Gottes, über die darf man nicht so nachdenken.
Aber ich merke: Wenn wir nicht darüber nachdenken, dann fehlt uns in unserem Menschsein etwas. Und Gott sagt: Ich möchte dich mit allem motivieren, was ich habe, damit du in diesem Leben zum Ziel kommst. Wenn meine Liebe dich motiviert, go. Wenn mein Zorn dich motiviert, go. Nimm alles mit. In diesem Leben brauchst du es.
Und wenn du mich wirklich anbeten möchtest, dann bete mich an, und das kann man in den Psalmen sehr gut lesen, dann bete mich an als einen Gott, der die ganze Bandbreite an Emotionen mit dir durchleiden will und durchleben will und bei dem du alles abwerfen kannst, weil er dich gemacht hat in dieser Bandbreite, weil er selber diese Bandbreite repräsentiert, auf eine gute Weise, auf eine nicht sündige Weise.
Und in dem Maß, wie wir uns daran trauen, das Thema Zorn aus Gottes Perspektive zu verstehen und zu leben, wird uns das menschlich eine ganze Menge bringen.
In diesem Sinn hoffe ich, dass eine Geschichte über einen König, der von Würmern zerfressen wurde, etwas Gutes für uns hat. Amen.
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