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Philemonbrief - Teil 1

Thumer Tage 2026
05.10.2026
Serie•Teil 1 / 4Philemonbrief
Glaube ist kein Ich-Projekt. Wer zu Christus gehört, gehört auch in eine Gemeinde – mit Verantwortung, Rücksicht und echten Beziehungen statt Ego-Show.

Einführung in den Brief und seine Ausgangslage

Der Brief von Paulus an Philemon
Tumartage zweitausendzwanzig. Theologie, die dich im Glauben wachsen lässt. Nachfolge praktisch: dein geistlicher Impuls für den Tag.
Mein Name ist Jürgen Fischer, und heute gibt es ein paar Gedanken zum Philemonbrief.
Philemon – worum geht es? Ich mache mal ein paar einführende Gedanken.
Es ist ganz klar ein Brief von Paulus. Das wissen wir, weil es im Text steht. Also wird das eigentlich auch nicht groß verhandelt. Sowohl die Sprache als auch der Stil und die Argumentationsweise sowie die persönlichen Beziehungen, die beschrieben werden, machen eigentlich klar: Hier haben wir es mit Paulus zu tun. Und es macht auch klar: Hier geht es um einen sehr, sehr persönlichen Brief.
An wen schreibt Paulus? Zuerst einmal, deswegen heißt der Brief ja auch so, an Philemon. Aber, und das ist jetzt der Clou: Obwohl das Ding Philemonbrief heißt, kommen da noch andere Leute drin vor, zum Beispiel die Appia oder der Archippus und die ganze Gemeinde, die sich im Haus des Philemon trifft.
Das heißt, wir wissen: Philemon, das scheint jemand zu sein, der etwas wohlhabender ist, und in seinem Zuhause gibt es dann eine Gemeinde. Und zu dieser Gemeinde beziehungsweise zu seinem Haushalt gehörte und gehört immer noch eine Person: der Onesimus. Und der Onesimus ist seines Zeichens vermutlich ein Sklave. Nein, wir wissen: Er ist Sklave. Und das macht uns die Sache so ein bisschen komisch.
Sklave, na ja, wir sind in der Antike. Und dieser Onesimus war weggelaufen und hat, wo auch immer der Philemon zu Hause ist, wahrscheinlich so da, wo Kolossä und Laodizea sind, in der Ecke, da wohnt er. Der Onesimus hat Paulus getroffen, wahrscheinlich in Rom. Also wahrscheinlich ist er abgehauen und nach Rom gegangen. Da dachte er sich: Da kann ich untertauchen, Großstadt, da findet mich keiner. Aber was er in Rom oder in dieser Großstadt findet, da findet ihn Paulus. Und er findet nicht nur Paulus, er findet durch Paulus auch zum Glauben.
Und jetzt hat Onesimus ein Problem. Er ist rein rechtlich ein Sklave, er ist zum Glauben gekommen. Und er unterhält sich wahrscheinlich mit Paulus: Was machen wir jetzt? Und Paulus sagt: Du musst zurück, du kannst hier nicht bleiben. Du bist abgehauen, das geht so nicht.
Hm, aber wenn ich zurückgehe, weißt du, was der Philemon mit mir macht? Also, ich bin ein entlaufener Sklave. In der damaligen Zeit war das, wenn ich nach Hause komme, mit Sanktionen verbunden.
Paulus setzt sich hin und schreibt einen Brief und sagt: Kriegen wir gebacken, musst du dir keinen Kopf machen. Ich schicke dich zurück, du musst zurück, aber du nimmst einen Brief mit. Diesen Brief schreibe ich nicht nur an Philemon, sondern auch an die Leute, die da sind, und an die ganze Gemeinde. Die sollen wissen, dass hier so ein Thema im Raum steht: der Fall Onesimus. Was der Brief mit dem Herzen von Philemon macht, und wir schauen mal, wie der darauf reagiert. Das ist der Philemonbrief.
Also geht es darum, dass ein vermutlich entlaufener Sklave, Onesimus, zu Philemon zurückkommt und Paulus durch einen Brief diesen Philemon, den er kennt von früher, der wahrscheinlich ein geistliches Kind von Paulus ist, bittet, vernünftig mit diesem Onesimus umzugehen. Das ist der Hintergrund.
Wie gesagt, wann genau der Brief geschrieben wurde, wissen wir nicht. Vielleicht so in den Sechzigern, wissen wir nicht, es ist egal. Wir schauen uns den Brief an. Und ich möchte ihn dreiteilen. Ich habe euch drei Teile mitgebracht.
Der erste Teil, das ist Philemon, die ersten sieben Verse. Und die ersten sieben Verse, die sind bei mir überschrieben mit: Gemeinschaft im Glauben. Und der Schlüsselbegriff, um den es hier geht, und das ist einer der zentralen Begriffe des Neuen Testaments, von dem ich Angst habe, dass wir ihn heutzutage nicht mehr wirklich verstehen, das ist der Begriff koinonia, Gemeinschaft.

Gemeinschaft als Gegenentwurf zum Individualismus

Warum haben wir mit dem Begriff Gemeinschaft in unserer Zeit ein Problem? Die Antwort lautet: weil unsere Gesellschaft alles dazu tut, dass Menschen über sich selbst ganz individualistisch denken.
Wenn ich einen der modernen Götzen beschreiben müsste, von denen wir uns wegbekehren, dann wäre das der Hyperindividualismus. Dieses: Ich lebe mein Leben, und ich bestimme allein darüber, wie dieses Leben auszusehen hat. Und mir darf erst einmal fast keiner sagen, wie ich zu leben habe. Das ist ein ganz moderner Götze.
Das zeigt sich dann in allem Möglichen. Vor allem zeigt es sich darin, wie ich mich präsentiere, wie ich die beste Version und die einzigartigste Version meiner Selbst entwickeln will. Und jetzt wirst du Christ, hast aber diesen Mindset noch im Schädel: Ich bin mein eigener Herr, ich will mich niemandem unterordnen, ich möchte mein Ding machen.
Und jetzt wirst du Christ, und jetzt kommt der Heilige Geist und sagt: Schön, dass du dich bekehrt hast. Ja, ich darf jetzt in dir Wohnung machen, wunderbar. Weißt du was? Ich mache dich zum Teil einer Gemeinschaft. Ich taufe dich hinein, wir sind hier in 1. Korinther 12, ich taufe dich hinein in eine Gemeinde. Und da darfst du dich unterordnen, da darfst du dich mit deinen Gaben einbringen, da darfst du lernen, was es heißt zu lieben, und zwar die schrägsten Vögel, die du dir vorstellen kannst.
Das ist Christentum, das ist Koinonia, das ist Gemeinschaft. Und ihr merkt: Das ist ein Riesensprung von „Ich mache mein Ding, mir darf keiner was sagen“ hin zu: Mit einem Mal will ich Teil einer Gemeinschaft sein, und ich habe in dieser Gemeinschaft eine Verantwortung übertragen bekommen. Ich bin Teil von etwas Größerem geworden. Aus einem Ego wird ein Wir, das ist Koinonia.
Und das wollen wir uns kurz anschauen. Wie gesagt, die ersten sieben Verse bringen das schön auf den Punkt.

Der Briefkopf und die sichtbare Gemeinde

 Philemon 1 heißt es: Paulus, ein Gefangener Christi Jesu. Er sitzt also irgendwo im Gefängnis. Dann gibt es noch Timotheus, den Bruder. Er scheint mit dabei zu sein und wird am Anfang mit erwähnt, ist aber nicht eigentlich der Autor.
Und jetzt: Wer bekommt den Brief? Philemon, dem Geliebten und unserem Mitarbeiter. Philemon ist also der Briefempfänger. Und jetzt wird es spannend, weil es dabei nicht stehen bleibt. Auch Appia, der Schwester, wird genannt. Wir wissen nicht genau, wer Appia ist. Es könnte sein, dass sie die Frau von Philemon ist. Das haben viele Leute vermutet. Dann wäre es quasi an den Hausvorstand und die dazugehörige Frau gerichtet. Dann gibt es noch Archippus, unseren Mitkämpfer. Auch da wissen wir nicht genau, wer das ist. Vielleicht ist er einer der leitenden Mitarbeiter. Es wird spekuliert, ob er vielleicht der Sohn des Hauses ist. Und dann ist da noch die Gemeinde, die in deinem Haus ist.
Dieser letzte Punkt ist schon Rhetorik, weil hier bereits deutlich wird: Ich schicke einen entlaufenen Sklaven zurück. Eigentlich ist das eine völlig private Angelegenheit. Aber sie ist nicht mehr privat, weil der, der da zurückkommt, sich bekehrt hat. Der, der da zurückkommt, kommt nicht nur als Sklave zurück, sondern als Bruder. Er ist Teil eines größeren Ganzen geworden. Und deswegen ist die Frage, wie Philemon jetzt mit Onesimus umgeht, nicht mehr nur privat. Das betrifft einen größeren Kreis. Es betrifft die Gemeinde. Und deswegen wird die Gemeinde hier angesprochen.
Ihr werdet sehen: Im Verlauf des Briefes bleibt Philemon schon der Hauptadressat. Er muss etwas tun. Er muss die Entscheidung treffen: Was mache ich konkret mit Onesimus? Aber trotzdem tut er das vor dem Hintergrund, dass hier eine Gemeinde mithört. Und wie gesagt, das ist natürlich ein bisschen Rhetorik. Wenn du weißt, meine Entscheidung kriegen alle mit, und ich muss womöglich am Sonntag nach dem Gottesdienst beim Kaffee trinken damit rechnen, dass einer kommt und sagt: Was hast du denn da gemacht? Das ist schon heikel.

Gnade, Frieden und das Vorbild des Dankens

Dann kommen die Grüsse in Vers drei: Gnade euch und Friede von Gott, unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus.
Ganz klassisch hat man am Anfang eines Privatbriefes in der Antike Grüsse ausgerichtet. Diese Grüsse kommen in christlichen Briefen immer auf eine sehr spezielle Weise. Da wünscht man Gnade und Frieden. Das sind zwei dynamische Grössen. Wir sind begnadigt, um Gnade zu bekommen. Also, wir haben als Gläubige Gnade, aber diese Gnade darf in unserem Leben jeden Tag zunehmen. Du darfst jeden Tag zu dem Thron der Gnade kommen und neue Barmherzigkeit empfangen.
Und deswegen darf ich einem anderen Gnade wünschen, obwohl er schon begnadigt ist. Das klingt ja erst einmal absurd. Das klingt ja nach: Jürgen, ich wünsche dir, dass du eine Frau findest, und ich denke, ich habe schon eine. Ja, ja, das ist nicht gemeint. Gnade ist viel dynamischer. Gnade heisst: Ich weiss, dass du Gnade hast vor Gott. Gott hat dir vergeben, du bist gerechtfertigt, erlöst, Kind Gottes. Aber dieses Konzept Gnade, das darf wachsen. Du darfst begreifen, dass das etwas ist, was jeden Tag dein Leben durchdringen und prägen soll.
Und das Gleiche gilt für Frieden. Wir haben Frieden mit Gott, ja, logisch. Aber dieser Friede darf unser Miteinander prägen, darf tief in unser Herz einsickern. Wir dürfen begreifen, wie breit Friede angelegt ist, dass es etwas anderes ist als nur sich nicht streiten. Es ist etwas, was mein ganzes Denken durchziehen darf, meinen Blick auf den anderen durchziehen darf, mit dem ich in der Gemeinde zusammen bin.
Da gibt es diese kleinen Streithanselchen, die immer so ein bisschen schwierig sind, wo du manchmal gar nicht so genau weisst, wie komme ich mit dem aus. Und jetzt kommt einer und sagt: Dann gibt es Frieden. Und du denkst dir: Jo, ich auch.
Ihr merkt, wie gut dieser Wunsch ist: Gnade und Friede, und das Ganze von Gott, unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus.
Was auch typisch ist für einen antiken Privatbrief: dass man sich freut über den, an den man schreibt. Und das tut Paulus hier auch: Ich danke meinem Gott. Und jetzt wird es spannend: Ich danke meinem Gott, indem ich alle Zeit, das hat hier nichts mit Mathematik zu tun, das geht hier einfach um Regelmässigkeit, indem ich alle Zeit deiner in meinen Gebeten gedenke.
Es hat den Eindruck, als hätte Paulus regelmässige Gebetszeiten. Und das Schöne ist: In diesen regelmässigen Gebetszeiten kann er regelmässig für Philemon danken. Das bedeutet, Paulus betet nicht nur für die problematischen Charaktere in seiner Gemeinde und über die Probleme, die da sind, sondern er dankt regelmässig in seinen Gebetszeiten für Geschwister, die ein Vorbild sind.
Frage an dich: Erstens, hast du regelmässige Gebetszeiten? Zweitens, betest du für Geschwister? Drittens, dankst du regelmässig dafür, dass es Geschwister in deiner Gemeinde gibt, die einfach ein Vorbild sind? Wenn nicht, ändere das.
Das war's für heute. Nimm dir Zeit, in Ruhe über den Philemonbrief nachzudenken. Wo spricht er in dein Leben hinein? Der Herr segne dich, erfahre seine Gnade und lebe in seinem Frieden. Amen.

Vielen Dank an Jürgen Fischer, dass wir seine Ressourcen hier zur Verfügung stellen dürfen!

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