Einführung und Kontext
Gott wird Mensch: Leben und Lehre des Mannes, der Retter und Richter ist, der Weg, die Wahrheit und das Leben.
Episode 696: Das Gleichnis von den Weingärtnern, Teil 1. Jesus ist mit seinen Gegnern noch nicht fertig.
Nach dem Gleichnis von den zwei Söhnen geht es direkt weiter. Markus 12,1. Und er fing an, in Gleichnissen zu ihnen zu reden.
Ein Mensch pflanzte einen Weinberg, setzte einen Zaun darum, grub einen Keltertrog und baute einen Turm. Dann verpachtete er ihn an Weingärtner und reiste außer Landes.
Wenn Jesus seinen Gegnern ein Gleichnis vom Weinberg erzählt, ist das wahrscheinlich kein zufällig gewähltes Bild. In der Bibel steht der Weinberg oft für Gottes Volk. Viele Zuhörer hatten das sicher im Hinterkopf.
Ich bin definitiv kein Freund einer fixen prophetischen Fachsprache. Bildhafte Beschreibungen dürfen nicht zu starr verstanden werden, als hätten sie immer genau dieselbe Bedeutung.
Ein Bild kann je nach Zusammenhang Verschiedenes ausdrücken. So kann Sauerteig etwas Gutes, etwa das Reich Gottes, oder etwas Problematisches, etwa die Sünde, bedeuten. Auch der Löwe wird bildlich sowohl für den Herrn Jesus als auch für den Teufel gebraucht.
Die Bedeutung eines Bildes muss sich immer aus dem Zusammenhang ableiten. Trotzdem wählt der Herr Jesus seine Bilder bewusst. Er knüpft an bekannte Vorstellungen an und spielt mit ihnen. Wer ihm zuhört, soll sich erinnern, weiterdenken und bekannte Bezüge entdecken.
Alttestamentliches Vorbild und Gottes Erwartungen
Beim Gleichnis von den Weingärtnern liegt es nahe, an Jesaja 5 zu denken.
Jesaja 5,1-2 Singen will ich von meinem Freund, das Lied meines Liebsten von seinem Weinberg. Einen Weinberg hatte mein Freund auf einem fetten Hügel. Er grub ihn um, säuberte ihn von Steinen und bepflanzte ihn mit Edelreben. Er baute einen Turm in seine Mitte und hieb auch eine Kelterkufe darin aus. Dann hoffte er, dass er Trauben brächte; doch es kamen schlechte Beeren.
Liest man weiter, wird klar, dass der Weinberg hier für Israel steht.
Jesaja 5,7 Denn der Weinberg des Herrn der Heerscharen ist das Haus Israel, und die Männer von Juda sind die Pflanzung seiner Lust. Und er wartete auf Rechtsspruch, und siehe da Rechtsbruch, auf Gerechtigkeit, und siehe da Geschrei über Schlechtigkeit.
Gott erwartet Frucht von seinem Volk, nämlich Recht und Gerechtigkeit. Weil sein Volk stattdessen nur Rechtsbruch und Schlechtigkeit brachte, also schlechte Beeren, wird Gott sein Volk richten.
Jesaja 5,5 Nun, so will ich euch denn mitteilen, was ich mit meinem Weinberg tun werde. Seinen Zaun will ich entfernen, dass er abgeweidet wird; seine Mauer niederreißen, dass er zertreten wird.
Jesaja spricht hier vom Gericht durch die Assyrer. Jesus nimmt dieses Bild und verändert es leicht. Er führt die Hohenpriester und Pharisäer als die Weingärtner ein, die sich weigern, dem Weinbergbesitzer, also Gott, die Pacht zu geben. Stattdessen misshandeln sie die Knechte des Weinbergbesitzers und töten schließlich seinen Sohn.
Und genau wie im Lied vom Weinberg folgt daraufhin ein Gericht, das darin gipfelt, dass Gott dem Volk Israel das Reich wegnimmt und es einem anderen Volk, dem Gottesvolk des neuen Bundes, gibt.
Nun folgt ein anderes Gleichnis.
Eskalation gegen die Boten und historische Parallelen
Es war ein Hausherr, der einen Weinberg pflanzte. Er setzte einen Zaun darum, grub eine Kelter und baute einen Turm. Dann verpachtete er den Weinberg an Weingärtner und reiste außer Landes.
Als aber die Zeit der Früchte nahte, sandte er seine Knechte zu den Weingärtnern, um seine Früchte zu empfangen. Wir erinnern uns: Die Früchte in Jesaja 5 waren Recht und Gerechtigkeit. Der Hausherr, der einen Weinberg pflanzte, ist Gott; der Weinberg ist das Volk Israel.
Frage: Wer sind die Knechte, die der Weingärtner schickt? Antwort: Das sind die Propheten. Hören wir noch einmal, wie frustrierend die Situation für Gott gewesen sein muss.
Markus 12,2-5. Und er sandte zur bestimmten Zeit zu den Weingärtnern einen Knecht, um von den Weingärtnern etwas von den Früchten des Weinbergs zu empfangen. Sie aber nahmen ihn, schlugen ihn und sandten ihn leer fort. Und wieder sandte er einen anderen Knecht zu ihnen, und den verwundeten sie am Kopf und beschimpften ihn. Und er sandte einen anderen, und den töteten sie, und viele andere. Die einen schlugen sie, die anderen töteten sie.
Zwischen den Weingärtnern und dem Weinbergbesitzer gab es einen Vertrag. Zur bestimmten Zeit schickt er einen Knecht, um seinen Anteil zu bekommen. Dabei kann die Formulierung "Früchte des Weinbergs" sowohl die Ernte selbst als auch den Verkaufserlös der Ernte meinen. Auf alle Fälle schickt der Weinbergbesitzer einen Knecht.
Dann eskaliert die Situation: Statt dem Knecht die Pacht auszuzahlen, wird er geschlagen und unverrichteter Dinge zurückgeschickt. So geht es einem Knecht nach dem anderen. Dabei schrecken die Weingärtner weder vor Diffamierung noch vor Körperverletzung oder Mord zurück.
Die Knechte stehen für die Propheten des Alten Bundes. Und was hier beschrieben wird, ist der Umgang der geistlichen und politischen Elite Israels mit den Propheten Gottes. Warum schickt der Weinbergbesitzer viele andere Knechte, wenn diese immer nur getötet, geschlagen und mit leeren Händen zurückgeschickt werden? Rein menschlich macht das keinen Sinn. Stimmt, aber wir haben es hier mit einem Gleichnis zu tun. Das normale Leben spielt dabei nur eine untergeordnete Rolle, vor allem wenn das Gleichnis beschreiben soll, wie ein barmherziger, treuer Gott, der langsam zum Zorn kommt, mit seinem Volk umgeht.
Stephanus beschreibt das Verhalten Israels in seiner Verteidigungsrede vor dem Hohen Rat so: "Ihr halsstarrigen und unbeschnittenen an Herz und Ohren, ihr widerstrebt allezeit dem Heiligen Geist, wie eure Väter, so auch ihr. Welchen der Propheten haben eure Väter nicht verfolgt, und sie haben die getötet, welche die Ankunft des Gerechten vorher verkündigten, dessen Verräter und Mörder ihr jetzt geworden seid." Apostelgeschichte 7,51-52.
Hier wird, wenn man so will, das Verhalten der Weingärtner aus dem Gleichnis auf den Hohen Rat übertragen. Es sind die Entscheidungsträger im Volk, die sich nicht vor Gott beugen wollen. Sie sind es, die allezeit dem Heiligen Geist widerstreben, indem sie zuerst die Propheten verfolgen und töten und dann den Messias selbst verraten und ermorden.
Gottes Geduld, das Kommen des Sohnes und Anwendung
Was tut Gott? Er ist wahrhaftig geduldig und langsam zum Zorn. Er ist bereit, alles auf eine Karte zu setzen.
Niemand soll ihm nachsagen können, er hätte nicht alles gewagt. Deshalb sandte er zuerst die Knechte, die Propheten, und zuletzt seinen Sohn (Matthäus 21,35-37).
Die Weingärtner nahmen seine Knechte. Einen schlugen sie, einen töteten sie, einen steinigten sie. Wiederum sandte er andere Knechte, mehr als die ersten, und sie taten ihnen ebenso. Zuletzt aber sandte er seinen Sohn.
Was könntest du jetzt tun? Denke darüber nach, wie du in deinem Leben die Geduld und den Langmut Gottes noch mehr imitieren kannst.
Das war's für heute. Lerne Bibelverse auswendig und wiederhole die gelernten Verse, damit das Wort Gottes in deinem Herzen Wurzeln schlägt.
Der Herr segne dich, erfahre seine Gnade und lebe in seinem Frieden. Amen.
