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Lukas 19,28-48: "Anbetung: Gott ist König"

Lukas 19,28-19,4811.03.2012
SerieTeil 42 / 53Lukas-Evangelium
Jesus will nicht nur dein Sonntagsgefühl. Er fragt nach deinem Leben, deinem Besitz, deinem Lob – und sogar nach deinen Tränen für Menschen, die ihn noch nicht kennen.

Der letzte große Abschnitt der Reise

Ansonsten freue ich mich darauf, mit euch Lukas Evangelium weiterzumachen. Wir stecken da im allerletzten Abschnitt. Wenn ihr mit mir zusammen bitte Lukas Kapitel 19 aufschlagt: Dieser letzte Abschnitt geht von Lukas 19,28 an. Man merkt das daran, dass Jesus an der Stelle nach Bethanien kommt. Das ist so eine Zäsur, ein Marker, den Lukas setzt: Bethanien, Ölberg. Und das nächste Mal, wenn wir in der Nähe von Bethanien am Ölberg sind, dann ist das ganz am Ende vom Lukas Evangelium.
Das heisst, wir stehen vor dem letzten grossen inhaltlichen Block des Lukas Evangeliums. Wir schliessen eigentlich eine Reise ab, die in Lukas 9,53 begonnen hat. Wir haben dort gemeinsam schon vor einiger Zeit gelesen, dass Jesus sein Gesicht nach Jerusalem wendet. Ab diesem Vers wird diese Reise nach Jerusalem beschrieben. Nicht dieses Ding hier so im Kreis herum und dann fehlt immer ein Stuhl, sondern eine Reise nach Jerusalem, wo Jesus Schritt für Schritt der Stadt näherkommt.
Und heute schauen wir uns den Moment an, wo er in die Stadt eintritt. Wo er in der Nähe von Jerusalem, in der Nähe Bethanien, das ist ein kleines Dorf dort, so beim Ölberg, sich aufmacht, in die Stadt einzureiten.
Was ist der Schwerpunkt des Textes, den wir heute miteinander betrachten? Wir schauen uns heute die Verse Lukas 19,28-48 an. Das wird unser Predigttext. Und ich finde es ganz schön, was wir zum Schluss gesungen haben oder was zum Schluss gebetet wurde: Jesus ist unser König. Und hier beschreibt Lukas, wie der König in seine Stadt einreitet.
Wenn wir das jetzt einfach mal den Text schnell durchgehen, werden wir merken: Der Schwerpunkt in diesem Text liegt darauf, welche Rechte Jesus als der König hat. Ich kann euch das kurz zeigen. Da heisst es: Wir starten einfach mal bei Vers 28 und lesen bis Vers 34, so der erste Block.
Und als er dies gesagt hatte, zog er voran und ging hinauf nach Jerusalem. Und es geschah, als er Bethfage und Bethanien nahte, gegen den Berg hin, der Ölberg genannt wird, sandte er zwei seiner Jünger und sprach: Geht hin in das Dorf gegenüber, und wenn ihr hineinkommt, werdet ihr ein Füllen darin angebunden finden, auf dem kein Mensch je gesessen hat. Bindet es los und führt es her. Und wenn jemand euch fragt: Warum bindet ihr es los?, so sprecht zu ihm: Der Herr braucht es. Und die Abgesandten gingen hin, fanden es, wie er ihnen gesagt hatte. Als sie aber das Füllen losbanden, sprachen dessen Herren zu ihnen: Warum bindet ihr das Füllen los? Sie aber sprachen: Der Herr braucht es.
Ich weiss nicht, ob ihr so etwas lest und dann erstaunt seid. Aber erst einmal ist das total merkwürdig. Du gehst nach Fehlfanz, nimmst ein Auto und fährst damit einfach weg. Und dann kommt der, der sagt: Hey, das ist mein Auto, was machst du mit meinem Auto? Und du sagst: Der Herr braucht es. Tschüss.
Was hier betont wird, in der Art und Weise, wie Lukas es beschreibt: Der König hat, weil er König ist, und hier im Text wird er sowohl König als auch Herr genannt. Der Begriff Herr in der Bibel ist mehr als Herr Meier. Kyrios ist ein Titel für Gott. Im Alten Testament, wo der Gottesname steht, da haben die Juden mit „Herr“ übersetzt, weil sie den Namen nicht vorlesen wollten.
Also: Der Herr braucht es heisst, der König braucht es, fast: Gott braucht es. Gott, der König, hat Verfügungsgewalt über den Besitz seiner Untertanen. Für einen König in der damaligen Zeit war das völlig klar. Wenn er irgendwo hinkam und sagte: Das hätte ich gern, dann hat er es sich genommen. Und genau so beschreibt Lukas hier das Auftreten eines anderen Königs, des Königs Jesus. Der kommt und nimmt, was ihm als Herrn zusteht. Der König hat Verfügungsgewalt über den Besitz.

Freude, Lob und das Recht des Königs

Gehen wir weiter. Die Verse fünfunddreißig bis vierzig. Da heißt es dann: Während er aber hinzog, führten sie das Fohlen zu Jesus, und sie warfen ihre Kleider auf das Füllen und setzten Jesus darauf. Während er aber hinzog, breiteten sie ihre Kleider aus auf dem Weg. Und als er sich schon dem Abhang des Ölbergs näherte, fing die ganze Menge der Jünger an, mit lauter Stimme freudig Gott zu loben über alle die Wunderwerke, die sie gesehen hatten. Und sie sagten: Gepriesen sei der König, der da kommt im Namen des Herrn! Friede im Himmel und Herrlichkeit in der Höhe!
Und einige der Pharisäer aus der Volksmenge sprachen zu ihm: Lehrer, weise deine Jünger zurecht! Und er antwortete und sprach zu ihnen: Ich sage euch, wenn diese schweigen, so werden die Steine schreien.
Worum geht es? Was ist der Punkt? Welches Recht hat der König? Und es ist relativ einfach: Der König hat ein Recht auf Freude, auf Verherrlichung, auf Lobpreis. Menschen dürfen sich nicht nur an ihm freuen, sondern sie sollen sich an ihm freuen. Und das geht so weit, dass, wenn sie sich nicht freuen, jemand anders sich freut. Also die Pharisäer haben nur die Wahl: Was wollt ihr hören, die Steine oder die Jünger? Aber ihr werdet etwas hören. Da, wo der König kommt, kommt er mit seinem Recht auf Lobpreis, auf Freude, auf Verherrlichung. Und Jesus ist so ein König.
Drittes Beispiel noch ein Recht, ich springe jetzt ein bisschen, ich springe zu Vers 45, keine Angst, das, was ich auslasse, kommt aber erst ganz am Ende der Predigt. Jetzt möchte ich gerne springen. Jesus zieht in Jerusalem ein als der König, und was ist das Erste, was er tut?
Ab Vers 45: Und als er in den Tempel eingetreten war, fing er an, die Verkäufer auszutreiben. Ihr müsst euch das vorstellen: ein großes Tempelgelände, und da war wie so ein Flohmarkt, also alles Mögliche. Da war einfach viel los, viele Marktstände, da konnte man kaufen und einkaufen. Und Jesus geht da rein und schmeißt sie alle raus. Jesus ist an der Stelle nicht wirklich nett. Ja, also das ist sehr rabiat. Er geht in den Tempel, und er sagt nicht zu dem einen: Könntest du vielleicht mal deinen Stand da draußen aufstellen? Sondern er schmeißt sie förmlich raus, er treibt sie raus. Hier ist Gewalt im Spiel.
Fing er an, die Verkäufer auszutreiben, und sprach zu ihnen: Es steht geschrieben: Mein Haus ist ein Bethaus, ihr aber habt es zu einer Räuberhöhle gemacht. Und er lehrte täglich im Tempel.
Wenn Jesus, der König, kommt, dann hat er das Recht, seinen Tempel von Kommerz und falscher Religion zu reinigen. Warum? Weil Gott, weil der König ein Recht auf ungeheuchelte Anbetung hat. Weil der Tempel ein Bethaus sein soll, ein Ort, an dem man mit Gott reden kann, aber auch auf Gott hören kann. Und nicht ein Ort ist, wo man von geschäftstüchtigen Verkäufern und Priestern über den Tisch gezogen wird.
Wenn ich jetzt diese drei Dinge nehme, dann ist es relativ einfach zu sagen: Ich finde daraus für uns für die nächste Woche eine Anwendung, oder? Wenn ich sage, ich bin Christ, dann ist Jesus mein König. Er ist der, der in meinem Leben etwas zu sagen hat, nicht nur etwas, sondern der wirklich Herr ist. Und wenn er König in meinem Leben ist, dann kann ich das, was hier an Rechten von Lukas beschrieben wird, eins zu eins auf mich übertragen.
Ich könnte sagen: Jesus hat als der König meines Lebens Verfügungsgewalt über meinen Besitz, oder ein bisschen breiter gesagt, über mein Leben, weil er ja mein König ist. Er hat das Recht darauf, dass ich ihm mit Freude, mit Lobpreis begegne, und wahrscheinlich nicht nur am Sonntagmorgen mit den Liedern, die wir eben gesungen haben. Wahrscheinlich hat das einen größeren Rahmen. Und er hat ein Recht darauf, dass ich ihm in ungeheuchelter Anbetung begegne, dass mein Tempel, mein Leib, mein Körper, denn unser Körper ist der Tempel des Heiligen Geistes, dass sich da nichts herumtreibt, was da nichts verloren hat.
Eigentlich ist die Übertragung ganz einfach. Ich stand so vor meinem Whiteboard. Ihr müsst euch vorstellen: Wenn ich Predigten vorbereite, dann laufe ich in meinem Zimmer auf und ab, habe einen Stift in der Hand und ein fettes, großes Whiteboard, so zwei Meter mal ein Meter. Und dann fange ich an zu zeichnen und dachte mir: Das sagst du ihnen. Und was sagst du ihnen dann?
Und als ich so darüber nachdachte, fiel mir auf: Es ist eine Sache, diese Dinge einfach zu postulieren und zu sagen: Jesus hat ein Recht auf deinen Besitz, auf deinen Lobpreis und hat ein Recht darauf, dass du ihn ungeheuchelt anbetest. Aber sind wir doch mal ehrlich: Es ist eine Sache, das so zu formulieren, und jeder sagt: Amen, Bruder. Es ist eine ganz andere Sache, im Leben selber mal zu schauen, wie das eigentlich schmeckt, wenn man es dann persönlich durchbuchstabiert. Wenn diese Ansprüche nicht nur am Sonntag nett formuliert so irgendwie im Raum stehen, ja, ja, steht in der Bibel, hätte ich auch so gesehen, hast du schön gesagt, sondern wenn das wirklich unser Leben trifft.
Ich finde, es sagt sich ziemlich leicht: Jesus, dir gehört mein Leben, oder Jesus, dir gehört mein Besitz. Das sagt sich ziemlich leicht. Aber was passiert, wenn er mich wirklich gebrauchen will? Bin ich dann auch bereit, auf ihn zu hören?
Ich war im Urlaub, ja, und ich habe im Urlaub Bücher gelesen, merkwürdige Bücher und weniger merkwürdige Bücher. Ein weniger merkwürdiges Buch war eine Biografie von Bill Bright, Gründer von Campus für Christus, und ich möchte euch aus dem Anhang dieses Buchs eine Geschichte vorlesen. Die fand ich, als ich sie gelesen habe, einfach herzergreifend, obwohl sie ganz nüchtern erzählt wird.
Da heißt es: Der politische Zusammenbruch des Kommunismus in Osteuropa brachte uns aber, und es geht um die Entwicklung von Campus für Christus Deutschland, brachte uns aber nicht nur die Vereinigung unserer beiden getrennten deutschen Zweige, Campus West, Campus Ost, sondern auch völlig ungeahnte neue Aufgaben. Der Hungerwinter 1989, vielleicht erinnert ihr euch noch daran, in Russland hatte einige Gießener Studenten motiviert, einen Hilfstransport für die notleidende Bevölkerung zu organisieren. Klaus Dewald, um den geht es mir jetzt, ein zu Rate gezogener Speditionsfachmann, konnte zunächst nur schmunzeln über die Naivität dieser Studenten, die ein solches Projekt mit völlig ungenügenden Voraussetzungen angepackt haben.
Kann ich mir vorstellen. Studenten denken sich: Wir mieten einen Lkw, packen da Sachen rein und fahren nach Russland. Und dann kommt ein Speditionskaufmann dazu und sagt: Habt ihr an das gedacht und das gedacht und das gedacht? Und ja, so. Aber jetzt, worum geht’s?
Doch dann traf ihn, diesen Klaus Dewald, ganz unverhofft der Ruf Gottes: Warum kommst du nicht selbst und hilfst uns, wenn du alles so gut kannst und wir keine Ahnung haben?, forderten die Studenten ihn heraus. Klaus Dewald hörte darin die Stimme Gottes und gehorchte, und aus dem ersten Projekt erwuchs für ihn und seine Frau Claudia eine Lebensaufgabe.
Es sagt sich so leicht: Jesus ist der König in meinem Leben, ja, und Jesus, du kannst haben, was du willst, ja, jedes Fohlen, was ich habe, nimm mit. Aber was ist, wenn der König in unser Leben hineintritt und wenn er sagt: Ja, ich hätte gerne dein Fohlen. Ich hätte gerne deine Kenntnisse als Speditionskaufmann, weil ich für dich etwas habe, was weit über das hinausgeht, was du jemals für dich und dein Leben geplant hast, weil ich ein weltweites Hilfswerk aufbauen möchte mit dir. Was dann?
Gilt das dann noch, dieses „Jesus, dir gehört mein Leben“, oder sage ich dann: So habe ich das nicht gemeint. Also, du kriegst fünf Stunden in der Woche, das ist schon okay, so dieses ehrenamtliche Ding in der Gemeinde, ja, das magst du haben. Aber leben, ich meine, die anderen 163 Stunden, da würde ich schon gern selber darüber nachdenken, was richtig und gut ist. Fünf, Herr, und nach so einer Predigt wie heute sieben. Aber so, ja, den größeren Teil hätte ich gern für mich.
Und das ist genau das Problem. Wenn Jesus König ist, dann wird so etwas, wie ich es eben vorgelesen habe, möglich, weil sich das Leben dann nicht mehr um Selbstverwirklichung dreht, um Selbstdarstellung, nicht mehr darum dreht, dass ich gut dastehe, dass ich es leicht habe, sondern weil es dann um die Wünsche des Königs geht.
Und als das Fohlen weg war, ist am nächsten Tag derjenige rausgegangen und hat den leeren Platz gesehen und dachte: Hm, mein Fohlen ist weg. Das war ja wirklich weg. Und hoffen wir mal, er hat es wieder zurückbekommen, ja, da gehe ich einfach mal von aus. Aber in dem Moment war es nicht da.
Und wie gesagt, es sagt sich so einfach: Jesus ist der König in meinem Leben, Jesus hat ein Recht auf mein Besitzen, auf mein Leben. Aber was, wenn Jesus dann sagt: Okay, danke, das hätte ich gern von dir?
Und wir haben uns hier schon in dem Kreis über Nachfolge unterhalten. Lukas 9, wenn ihr das noch mal zu Hause nachlesen wollt, spricht davon, dass Nachfolge damit zu tun hat, sein Leben zu verlieren, sich selbst zu verleugnen, Christus Erfahrungen zu machen wie Ablehnung und Mangel und Unverständnis in der Familie. Es ist nicht der leichte Weg, zu dem Gott uns einlädt, sondern der Weg in die Nachfolge, wo er kommen kann und sagen kann: Das und das, was du da hast, kann ich richtig gut gebrauchen, das hätte ich jetzt gerne für mich.
Und deswegen glaube ich auch, dass es leichter gesagt ist: Jesus hat ein Recht auf Lob, Preis und Freude, als man das immer leben kann. Ich weiß auch, dass in der Bibel steht, dass Freude ein Gebot ist. Ich lese euch mal ein paar Stellen vor, die ich schwer mag.
Da heißt es in Psalm 33,1 und 33,3: Jubelt, ihr Gerechten, über den Herrn, den Aufrichtigen ziemt Lobgesang. Schöner Vers. Schon weil er so unverständlich ist im zweiten Teil. Also der erste Teil ist völlig klar: Jubelt, ihr Gerechten, über den Herrn! Das ist ein Gebot, steht in der Bibel. Jubelt, ihr Gerechten, über den Herrn, das ist schön. Jubelt mal! Kann ich mal einen Jubeler hören? Also jetzt jubeln wir mal auf drei, okay? Eins, zwei, jetzt! Sehr gut! Das ist, jetzt wart ihr gerade gehorsam. Ja, das muss man einfach mal sagen.
Den Aufrichtigen, das heißt denen, die gerecht sind, die zu Gott gehören, die ein aufrichtiges, ein rechtes Leben führen wollen, geziemt Lobgesang. Also das ist etwas, was zwingend zu ihrem Leben dazugehört. Das ist ein ganz komischer Vers. Und dann heißt es in Vers drei dann noch: Singt dem Herrn ein neues Lied. Das mag ich sehr gerne, weil ich vielleicht mit älteren Liedern nicht so viel anfangen kann. Also singt dem Herrn. Dieses bewusst in die Freude eintreten, in den Lobpreis.
Im Philippabrief, Philippa 4,4, damit ihr mir glaubt, das findet sich auch im Neuen Testament: Philippa 4,4, eines von vielen Geboten, wo es heißt: Freut euch im Herrn allezeit.
Also auf der einen Seite: Gott hat ein Recht auf unseren Lobpreis, Gott möchte, dass wir ihm Lieder singen, dass wir ihm zujubeln. Das möchte er einfach. Na ja, aber was mache ich denn, wenn ich mich nicht freue? Was mache ich denn, wenn mir Gott und sein Weg mit mir, wenn mir das zur Last wird? Und jetzt erzählt mir nicht, dass ihr das noch nicht erlebt habt.
Was mache ich denn, wenn sein Umgang mit mir oder, schlimmer noch, sein Umgang mit Freunden von mir so ist, dass ich sage: Ich verstehe dich nicht. Ich weiß nicht, warum du das denen jetzt zumutest. Was machst du denn, wenn du vielleicht frustriert auf dein Leben zurückschaust und ein Großteil deines geistlichen Lebens aus einem großen Warum besteht?
Was machst du denn dann? Soll ich dir was sagen? Dann wird es dir nicht helfen, wenn ich dir sage, dass Gott ein Recht auf Lobpreis hat. Dann wird es dir auch nicht helfen, zumindest nicht am Anfang, wenn ich dir sage, Freude ist ein Gebot. Und ich weiß ziemlich genau, wovon ich hier an dieser Stelle spreche.
Ich habe letztes Jahr ein bisschen viel gearbeitet, war ein bisschen überarbeitet, war ein bisschen frustriert über Dinge, die nicht geklappt haben. Mitten im Urlaub war das schön, Urlaub ist immer so toll, man hat Zeit, man kann nachdenken. Nachdenken ist für manche Typen wie mich zum Beispiel eine schwierige Zeit, weil man dann wirklich nachdenkt und nicht nur arbeitet, nicht nur in der Maschine ist, sondern dann tritt man einen Schritt raus und schaut sich das Gesamtbild an.
Und es war ein Missverständnis mit meiner Frau, was in meinem Leben vor zweieinhalb Wochen wirklich das Fass zum Überlaufen gebracht hat, und ich habe einen Tag mit Gott gehadert. Und glaubt mir, wenn ich sage gehadert, meine ich gehadert. Gehadert heißt, ich bin zwei Stunden am Strand entlang gelaufen und habe Gott Vorwürfe gemacht, habe Gott mein Unverständnis ins Gesicht geschrien. Zum Glück waren da nur französisch sprechende Kanadier und spanisch sprechende Dominikaner, die haben mich nicht verstanden. Aber du musst dir ja vorstellen, da geht einer wie ich den Strand entlang, gestikulierend, murrend, schreiend sein Unverständnis, heulend, weil er einfach mal zulässt, dass das Nicht-Freudigsein, das Verletztsein, das Unverständnis, das, wo er sagt: Ich verstehe das nicht, einfach rauszubrüllen.
Ihr kennt vielleicht die alttestamentlichen Psalmen, da gibt es auch so ein paar Typen, die sowas Ähnliches machen. Deswegen ist es nicht Sünde, wenn man das tut, wenn man das rauslässt. Wenn ihr mir nicht glaubt, lest euch Psalm 88. Ich hatte einfach zwei Stunden Gespräch mit Gott, und der Tenor dieses Gesprächs war: Was soll der Mist?
Und nach zwei Stunden hatte ich nichts mehr zu sagen und hatte nichts mehr zu heulen. Und dann habe ich mich hingesetzt und habe neun Punkte aufgeschrieben, was mir an Gott nicht passt. Einfach mal, um für mich die Sache klarzukriegen, um weiterzudenken. Und irgendwann war alles raus, und dieser Sturm, der in mir drin war, der war vorbei.
Und ich weiß nicht, ob das für euch komisch vorkommt, wenn ich euch das so ehrlich zugebe, dieses vielleicht auch Leidenschaftliche im Umgang mit Gott. Man muss sicherlich, wenn man sowas macht, aufpassen. Es gibt eine Grenze zwischen einem ehrlichen, frustrierten Unverständnis, was man vor Gott bringt, und auf der anderen Seite einem bitteren Murren, was uns von Gott entfernt. Aber an so einem Punkt, wenn ich merke, in mir ist etwas, wo so viel Unverständnis ist, da war es einfach für mich unglaublich nötig.
Und es war nötig, weil Gott Recht auf Lobpreis hat. Und deswegen, wenn wir das irgendwie ernst nehmen wollen, müssen wir uns den negativen Gefühlen stellen, die uns von Gott trennen. Es ist ganz wichtig. Und wir stellen uns ihnen, indem wir sie dorthin bringen, wo Gott ist, indem wir sie vor Gott aussprechen, indem wir sie benennen und sagen: So geht es mir, Vater!
Und wir müssen an den Punkt kommen, wo wir uns nicht länger von unseren Gefühlen erklären lassen, was wahr ist, sondern der Wahrheit erlauben, zu unseren Gefühlen zu sprechen. Darf ich das wiederholen, weil ich finde den Satz so wichtig? Nicht weil er von mir kommt, kommt auch nicht von mir, habe ich irgendwo gelesen. Wir müssen an den Punkt kommen, wo wir uns nicht länger von unseren Gefühlen erklären lassen, was wahr ist, sondern der Wahrheit erlauben, zu unseren Gefühlen zu sprechen.
Und noch am gleichen Tag hat die Wahrheit zu mir gesprochen. Also bei mir ist das dann so: Ich habe dann einfach, ich kriege ein Bibelwort im Sinn, ja, Gott erinnert mich durch irgendwas an ein Bibelwort, und ich denke mir: Ah! Und dieses Wort an dem Tag kommt aus Psalm 8. Was tue ich, wenn ich Gott gar nicht mehr verstehe? Und da heißt es in Psalm 8,4 und 8,5: Wenn ich anschaue deine Himmel, deiner Finger Werk, den Mond und die Sterne, die du bereitet hast, also wenn ich mir die Schöpfung anschaue, einfach mal so dieses: Ich hatte nun mal Strand, okay, das war toll, ja, du schaust einfach aufs Meer und denkst dir: Boah, ja. Und dann kommt mal so ein kleiner Brecher rein und denkst dir: Hm, schön, dass der da draußen bleibt und nicht hier, ja, näher so. Und du schaust hoch und du siehst die Sterne, und ich bin gerne auch nachts alleine am Strand gewesen, einfach um das zu sehen.
Wenn ich anschaue deine Himmel, deiner Finger Werk, den Mond und die Sterne, die du bereitet hast, und jetzt kommt’s: Was ist der Mensch, dass du sein gedenkst?
Versteht ihr, wer bin ich, dass ich mich hinstelle und glaube, dass meine negativen Gefühle Gott richtig erklären? Wer bin ich? Da oben ist Gott! Schöpfer von Himmel und Erde, und hier unten bin ich Mensch. Und ich habe das gebraucht, dass die Wahrheit, die Wahrheit, dass er oben ist und ich unten, dass die wieder in mein Leben Einzug hält.
Ich bin fest davon überzeugt, dass die Freude, von der wir in der Bibel lesen, eine Funktion unseres Gottesbildes ist. Dass die Frage entscheidend ist: Bin ich der, der Gott richtet, oder ist Gott mein Richter? Wenn ich mir erlaube, Gott zu richten, werde ich mich nicht an ihm freuen, weil er mir nicht alles erklären wird. Aber wenn ich es zulasse, zu sagen: Er ist der Richter, dann stimmen die Proportionen wieder.
Folge ich dem guten Hirten, oder kenne ich einen besseren Weg für mein Leben? Das ist die Frage. Glaube ich, dass ich es besser weiß? Bin ich Geschöpf, oder stelle ich mich mit dem Schöpfer auf eine Stufe? Darf Gott in meinem Leben Gott sein? Und ich meine damit einen heiligen Gott? Und jetzt nehme ich mal ein paar Begriffe, über die man selten predigt: ein wundersamer Gott oder ein wunderlicher Gott, der manchmal Dinge tut, wo du sagst: Hm, okay. Verstehe ich jetzt auch nicht, warum er das so macht. Ein furchtbarer Gott, der Menschen auch schon mal erschrickt? Ein Gott, der meinen Verstand übersteigt?
Darf Gott in meinem Leben Gott sein, oder mache ich ihn zu einem Götzen? Ich weiß nicht, die Smartphones nehmen mir jetzt langsam zu, ja, die Smartphones, das sind diese zu groß geratenen Telefone, die mehr können als telefonieren. Und zu den Smartphones gibt es sogenannte Apps. Apps sind kleine Programme, die man sich herunterladen kann, damit mein Smartphone noch funktionaler wird. Da gibt es eine BVG-App, da kann ich dann direkt auf meinem Smartphone eingeben A nach B, und dann sucht sich das selber den Weg und sagt mir, wie ich fahren muss.
Meine Sorge ist, dass wir Gott nicht mehr Gott sein lassen in unserem Leben, sondern ihn zu einem Götzen machen, so eine Glücks-App. Ich lade irgendwie ein bisschen Gott in mein Leben runter, damit mein Leben glücklich wird, und dann soll er sich bitte um all die negativen Sachen in meinem Leben kümmern. Aber das, bitteschön, ist nicht Gott. Das ist ein Götze, das ist etwas, wo wir eine falsche Vorstellung von Gott haben.
Und wenn wir sagen, Gott hat ein Recht auf meinen Lobpreis und meine Freude, dann wird das nur gelingen, wenn er in meinem Leben auch Gott sein darf, wenn er mit meinem Leben tatsächlich Dinge tun darf, wo ich ganz nüchtern, wenn ich auf meine Gefühle höre, sagen würde: Nee, das schmeckt mir nicht, das mag ich nicht. Aber wenn Gott Gott ist, wenn ich glaube, dass er als Gott ein liebender Vater im Himmel ist, der einen größeren Plan hat mit dieser Welt, wo ich ein Teil davon bin, dann kann es sein, dass er mir mein Fohlen wegnimmt und ich dann ohne Fohlen dastehe, weil er es für seine Zwecke braucht. Und ich kann ihn trotzdem voller Freude, obwohl ich gerade etwas verloren habe und vielleicht nicht verstehe, was das soll, ich kann ihn trotzdem voller Freude anbeten.
Und wo solche Freude da ist, ist vielleicht der dritte Punkt relativ einfach: Wenn wir Gott Gott sein lassen, wenn wir ihn nicht in eine Schablone pressen, die wir uns von Gott gemacht haben, wenn er nicht unseren Erwartungen entsprechen muss, sondern wir seinen entsprechen wollen, an der Stelle wird dann der dritte Punkt, der erste war: Gott hat ein Recht auf unseren Besitz, auf unser Leben. Gott hat ein Recht, zweitens, auf Lobpreis und unsere Freude, also unsere Emotionen. Drittens: Er hat ein Recht auf ungeheuchelte Anbetung.
Das wird dann, wenn Gott in unserem Leben wirklich Gott ist, glaube ich, relativ einfach, weil dann werde ich meinen Tempel, dann werde ich meinen Körper mit seinen Emotionen und mit seinen Gedanken und mit seiner Fähigkeit, auf Gott zu hören und mit Gott zu reden, dann werde ich das reinigen von allem Falschen, von allem Unbiblischen, von allem, was mich von Gott trennt, was Gottes Wirken in meinem Leben hemmt.

Der verborgene Schmerz des Königs

So stand ich wieder vor meinem Whiteboard und dachte mir: Okay, wenn du ihnen das sagst, hast du ihnen ein bisschen mehr gesagt. Aber eigentlich gehe ich davon aus, dass ihr das alles schon wisst. Das sind jetzt drei Themen, die eigentlich klar sind. Vielleicht ist die Ansage von vorne noch ein bisschen deutlicher.
Jeder sagt: Ja, ja, schön, dass du mir das nochmal gesagt hast. Ich will nochmal darüber nachdenken. Man ist so ein bisschen getroffen, ja, denkt vielleicht auch noch ein bisschen nach. Gibt es da noch was? Und ich hoffe, dass der eine oder andere sagt: Da hat Gott mich jetzt gepackt, an der Stelle muss ich wirklich nachdenken. Aber die Themen waren nicht neu.
Mitten drin steht ein kleiner Text, den ich ausgelassen habe. Den lese ich euch jetzt vor: Lukas 19,41-44.
Und als er sich näherte und die Stadt sah, weinte er über sie und sprach: Wenn auch du an diesem Tag erkannt hättest, was zu deinem Frieden dient! Jetzt aber ist es vor deinen Augen verborgen. Denn Tage werden über dich kommen, da werden deine Feinde einen Wall um dich aufschütten und dich umzingeln und dich von allen Seiten einengen. Und sie werden dich und deine Kinder in dir zu Boden werfen und werden in dir nicht einen Stein auf dem anderen lassen, dafür, dass du die Zeit deiner Heimsuchung nicht erkannt hast.
Ich habe das gelesen und dachte mir: Was für eine absurde Situation. Versucht mal, euch in die Situation dieses Textes hineinzuversetzen. Jesus sitzt auf dem Fohlen. Die Jünger haben gemerkt, das mit dem Fohlen abzuholen hat geklappt, sie sind begeistert. Sie breiten vor dem Tier, auf dem Jesus sitzt, ihre Kleider aus. Links und rechts steht wahrscheinlich ein Spalier von Leuten, die auch noch da sind. Alle sind begeistert. Sie rufen, sie rufen so laut, dass die Pharisäer das schon peinlich finden. Alle jubeln, leicht ekstatisch. Jetzt geht es langsam los, der König kommt, ah!
Und während alle lachen, vor Begeisterung schreien, so wie ihr vorhin, ja, jubeln, wirfst du einen Blick auf das Gesicht des Königs, und du siehst eine Träne herunterkullern. Und dann noch eine. Und du siehst, wie der König weint.
Versteht ihr dieses Absurde? Die Menschen stehen da und sagen: Haha! Und der König selber weint. Der König ist betroffen. Er kommt über den Ölberg herunter, er sieht vor sich die Stadt da liegen, er ist betroffen, traurig. Und das ist er nicht, weil er seinen eigenen Tod sieht. Das könnte man denken. Er kommt nach Jerusalem, um dort zu sterben. Das ist überhaupt nicht der Punkt.
Er sieht die Zukunft Jerusalems. Er sieht die Zukunft der Einwohner von Jerusalem. Er sieht Menschen, die ihre Chance, die eine Chance, die sie hatten, verpassen. Im Text selber heißt es Heimsuchung. Für uns ist eine Heimsuchung sprachlich etwas Negatives. Hier ist mit Heimsuchung gemeint, dass Jesus kommt und ihnen anbietet, ihr König zu werden, und sie ihn in den nächsten Tagen verwerfen werden, weil sie am Ende schreien: Kreuzige ihn!
Menschen stehen da und sind begeistert, und Jesus sieht sie und weiß: Sie werden den König ablehnen, sie werden den König verwerfen, und Gott wird dieser Stadt seinen Schutz entziehen. Und 70 nach Christus wird die ganze Stadt von den Römern plattgemacht, und das gesamte Volk wird in die Sklaverei geführt.
Die Leute jubeln, und Jesus weint.
Darf ich uns diese Frage stellen: Wann haben wir das letzte Mal über eine verlorene und verfluchte Welt geweint? Ich meine wirklich geweint.
Wir sagen ja so leicht: Jesus ist unser König. Und ich glaube, es ist eine Frage, ob ich sage: Gehört dein Leben Jesus? Gehört dein Lobpreis Jesus? Gehört deine Anbetung Jesus? Und vielleicht sagen wir sehr schnell: Ja, ja, ja.
Aber darf ich dir eine andere Frage stellen: Gehören deine Tränen Jesus? Bist du jemand, der, wenn er durch seine Straße geht und in die Fenster schaut, wenn es vielleicht dunkel ist und du die erleuchteten Fenster siehst, dieses Gefühl kennt, dass es dir das Herz zusammenschnürt, weil du weißt: Hinter diesen Fenstern, hinter diesen Lichtern sitzen Menschen, die Gott nicht kennen, deren Leben wirklich verloren geht?
Wo Leben kein Spiel ist, wo sie wirklich auf das falsche Pferd setzen, wo Jesus nicht König ist, kein bisschen. Wo wir uns nicht die Frage stellen: Kannst du irgendwo noch ein bisschen mehr Jesus in deinem Leben, Lobpreis geben, Anteil geben an deinem Leben, Anbetung geben? Sondern wo Menschen sind, die schnurstracks in die Hölle gehen.
Ist das etwas, wo wir eine kalte Hand um unser Herz spüren, etwas, das, wenn wir Menschen sehen, dieses Herz zusammendrückt und wo wir sagen: Jesus, dir gehören meine Tränen. Ich möchte das lernen, über das Schicksal meiner Nachbarn zu weinen.
Ich will euch da nichts vormachen von hier vorne. Bei mir ist so ein Verhalten eine Weile her, und ich schäme mich dafür. Als ich den Text studiert habe, passte das auch in mein Leben sehr gut hinein, weil genau dieser Punkt an einer anderen Stelle in meinem Leben auch noch einmal berührt worden ist, vor zwei Wochen. Und ich hatte mir das schon überlegt: Wie komme ich da wieder hin? Wie komme ich da wieder hin, dass ich nicht immer nur darüber nachdenke, wie kann ich Jesus noch mehr gefallen? Und einfach ausblende.
Wem gehören deine Tränen? Das ist die Frage. Ich war für mich so betroffen über die Entwicklung in meinem Leben, weil ich das früher hatte: dass ich durch die Hochhaussiedlung gegangen bin, betend und flehend, dass Gott hier Menschen rettet, wo ich wirklich betroffen war. Und als ich den Text las, und wie gesagt vorher schon, musste ich sagen: Da ist etwas weniger geworden.
Und was ich mir selber vorgenommen habe, ist dies, und das habe ich für mich entschieden: Ich möchte jetzt beten und fasten für mich selber, dass diese Leidenschaft für Menschen, die mal da war, die so zutiefst Christus ist, eine Leidenschaft, die verlorene Menschen sieht und nicht achselzuckend vorbeigeht, sondern den Schmerz zulässt, wisst ihr, hinschaut, die Verlorenheit sieht und emotional darauf reagiert. Ich will das gerne zulassen. Ich für mich habe das angefangen. Ich kann aber nur für mich beten und fasten.
Und die Frage ist: Wo stehen wir?
Ich möchte zum Schluss kommen. Als Christen folgen wir einem König mit Tränen in den Augen. Jesus ist der, der ein Recht hat auf unser Leben. Er hat Recht auf unseren Lobpreis, er hat ein Recht auf unsere ungeheuchelte Anbetung. Aber wenn wir sagen, er ist der König, dann hat er auch ein Recht auf unsere Tränen.
Und ich würde mit euch jetzt gerne Folgendes machen: Ich würde mit euch gerne ein Lied singen. Das Lied heißt „Für den König“. Und mein Wunsch wäre: Du musst nicht mitsingen, du kannst. Aber dass wir aufstehen und diese Frage in unseren Herzen bewegen und eine Entscheidung treffen: Ist es so, dass Jesus dieser König ist, für den ich lebe, der dieses Recht hat und der mich so berühren darf mit seinen Ansprüchen, dass ich zu jemandem werde, der mit ihm über Menschen weint?

Vielen Dank an Jürgen Fischer, dass wir seine Ressourcen hier zur Verfügung stellen dürfen!

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