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Dekonstruktion - Wenn der Glaube zu zerbrechen droht...

Dekonstruktion - Wenn der Glaube zu zerbrechen droht..., Teil 5/5
03.02.2026
SERIE - Teil 5 / 5Dekonstruktion - Wenn der Glaube zu zerbrechen droht...

Einführung in die Dekonstruktion und Entschleunigung

Dekonstruktion – Wenn der Glaube zu zerbrechen droht
Ein Gastbeitrag von Jennifer Keller, Theologin, Sozialarbeiterin und Expertin in Sachen Dekonstruktion.

Heute beenden wir unsere Reihe über Dekonstruktion mit dem Thema Entschleunigung. In den letzten Episoden haben wir uns intensiv mit Dekonstruktion beschäftigt und die Frage gestellt, wie eine geistliche Prophylaxe dagegen aussehen kann.

Wir haben begonnen mit der Unterscheidung zwischen gesunden und ungesunden Zweifeln. Anschließend folgte ein ehrlicher Selbstcheck, bei dem wir die typischen Auslöser von Dekonstruktion betrachtet haben. Von dort aus sind wir zum Kern unseres Glaubens vorgedrungen – zur Beziehung zu Jesus – und schließlich zur Frage, wie ein gesundes Bibelverständnis aussehen kann, das auch Spannungen aushält.

Heute schließen wir diese Woche mit einem Thema ab, das für Dekonstruktion entscheidend ist: dem Thema Entschleunigung. Wir wollen betrachten, warum ein verlangsamter und bewusster Glaube uns dabei hilft, nicht in eine destruktive Dekonstruktion zu geraten, sondern in der Beziehung zu Gott stabil zu bleiben – auch dann, wenn Fragen und Zweifel aufkommen.

Die Herausforderung der Schnelllebigkeit im Glaubensleben

Wir leben in einer sehr schnelllebigen Zeit. Informationen prasseln auf uns ein, Termine reihen sich aneinander, und unsere Gedanken hören kaum noch auf, uns zu beschäftigen. Leider funktioniert unsere Beziehung zu Jesus oft genauso.

Wir lesen schnell, haken Dinge ab, hören Predigten im Auto, beten irgendwie nebenbei und denken meistens schon an den nächsten Programmpunkt oder an die Wäsche. Manchmal fehlt es an Tiefe. Dabei merken wir oft gar nicht, dass wir Gott mehr im Funktionsmodus wahrnehmen – in unserem Tun, im Abarbeiten und im Denken – aber kaum noch in der Stille.

Wenn wir Stille haben könnten, füllen wir sie oft mit Podcasts, Serien, Hörbüchern oder anderen medialen Einflüssen. Die Bibel macht uns sehr deutlich, dass geistliche Tiefe nicht im Tempo entsteht, sondern in der Ruhe. Wer Gott immer nur zwischen seinen Meetings, Schulstunden oder To-dos wahrnimmt, verpasst die Tiefe, die Gott eigentlich schenken möchte.

Die Bedeutung der Stille und des Loslassens

In Psalm 46, Vers 11a lesen wir: „Lasst ab davon und erkennt, dass ich Gott bin.“ In anderen Übersetzungen heißt es schöner: „Seid still und erkennt, dass ich Gott bin.“

 Psalm 46 ist ein Lied der Kinderchöre, das Vertrauen und Zuversicht in Gott ausdrückt. Gott ist da, selbst wenn die Welt bebt und die Berge ins Meer stürzen. Seine Gegenwart ist immer gegenwärtig.

In diese Situation hinein sagt Gott: „Seid still und erkennt, dass ich Gott bin.“ Das „Seid still“ oder „Lasst ab“ ist kein passives Aufhören, sondern ein aktives Loslassen, Ruhen oder die Hände sinken lassen. Es ist eine Aufforderung, die Kontrolle abzugeben, die eigenen Anstrengungen einzustellen und sich nicht mehr von äußeren Umständen überwältigen zu lassen.

Hier steht nicht: Sei produktiv und erkenne, sei beschäftigt und erkenne, sondern: Sei still. „Erkennt, dass ich Gott bin“ beschreibt ein erfahrungsbasiertes, intimes Kennen. Es geht nicht darum, Gott nur als Konzept zu kennen, sondern ihn als Gegenüber zu erfahren.

In der Stille schaffen wir genau diesen Raum dafür.

Jesus als Vorbild für Rückzug und Ruhe

An Jesus selbst können wir sehen, dass er einen Rückzugsort brauchte, um wieder beim Vater anzukommen. Nachdem Jesus einen Mann vom Aussatz heilte, zog er sich zurück.

In Lukas 5,16 heißt es: Jesus aber zog sich in die Einsamkeit zurück, um zu beten.

Jesus fordert sogar seine Jünger auf, Ruhe zu machen, nachdem sie für ihn unterwegs waren. In Markus 6,31 sagt er zu ihnen: „Los, kommt mit an einen ruhigen Ort, nur ihr allein, und ruht ein wenig aus!“ Denn es war ein ständiges Kommen und Gehen, sodass sie nicht einmal Zeit zum Essen fanden.

Viele Formen von Dekonstruktion entstehen nicht nur aus Zweifel, Erfahrungen und Fragen, sondern auch aus Erschöpfung. Wer müde ist, hört anders. Wer überfordert ist, denkt anders. Wer innerlich unter Dauerstrom steht, verliert den Zugang zu Gott – nicht, weil er nicht mehr glaubt, sondern weil er nicht mehr hört.

Die Gefahr von Stress und Funktionalität im Glauben

Im Stress des Alltags ist unsere Wahrnehmung oft verkürzt. Gebet wird funktional, und Glaube wirkt manchmal technisch. Dann kann es passieren, dass Gott schnell nur noch zu einer Idee wird oder zu einem Thema, das ich für meine Gruppenstunde ausarbeite. Er wird zu einem netten Gedanken, aber nicht mehr zu meinem Gegenüber.

Wenn Leid und Zweifel dann kommen, sind wir überfordert, weil wir gar nicht wissen, wie es geht, an Gott festzuhalten. Entschleunigung und Stille sind deshalb kein Luxus, sondern eine geistliche Notwendigkeit.

Das bedeutet nicht, dass ich noch mehr Input brauche oder noch mehr Predigten hören muss. Auch „noch mehr Bücher“ helfen nicht weiter. Vielmehr brauche ich mehr Zeit mit Jesus allein.

Entschleunigung bedeutet, bewusst langsamer zu werden, nicht alles sofort einzuordnen und den Alltag bewusst zu entschlacken. Es heißt auch, nicht jede Spannung sofort lösen zu wollen.

Ruhe schützt den Glauben. Wer zur Ruhe kommt, muss nicht alles neu definieren. Wer still wird, muss nicht sofort loslassen. Wer bei Gott bleibt, muss nicht fliehen. Es geht erst einmal nur ums Bleiben: bleiben im Gebet, bleiben im Wort, bleiben in der Gemeinschaft, bleiben vor Gott.

Wir brauchen in unseren Zweifeln und Fragen einen Ort, an den wir zurückkommen können. Diesen Ort nehmen wir uns, wenn wir die Beziehung zu Jesus kappen.

Praktische Schritte zur Entschleunigung im Alltag

Wie könnte das im Alltag praktisch aussehen? Es geht nicht darum, alles sofort umzuwerfen. Vielmehr geht es darum, bewusst mit der Zeit umzugehen und kleine Schritte zu machen.

Entschleunigung bedeutet, dass wir nicht jede Stille sofort füllen oder ersticken.

Ein erster Punkt ist, sich Zeitfenster ohne Input zu schaffen.

Zeitfenster ohne Input

Für uns ist es leicht, jede Zeit einfach mit etwas zu füllen: Nachrichten, Musik, Hörbücher, Sprachnachrichten – es muss in unserem Leben nie ruhig sein.

Probier es doch einfach mal aus, nichts zu hören. Geh einen kurzen Weg ohne Musik im Ohr. Nimm das Handy einfach mal nicht mit auf die Toilette. Leg dein Handy oder deine Medien eine Stunde vor dem Schlafengehen beiseite und lies stattdessen etwas.

Stille ist kein Leerlauf. Sie ist der Raum, in dem sich unsere Gedanken neu sortieren können.

Der zweite Punkt: Rhythmen statt Dauerleistung.

Rhythmen statt Dauerleistung

Jesus selbst hat nicht durchgehend gearbeitet. Dennoch denken wir oft, dass wir im Gegensatz zu ihm ständig durchhalten könnten. Jesus hat sich zurückgezogen, obwohl Menschen ihn brauchten.

Pausen sind keine Schwäche, sondern Ausdruck von Gehorsam. Deshalb nimm dir diesen Tipp zu Herzen und plane einen Ruhetag ein. Wenn dein erster Gedanke jetzt ist, dass das in deinem Leben auf keinen Fall möglich ist, dann überlege bitte Folgendes: Was passiert, wenn ich auf Dauer keine Pause mache? Welches Vorbild gebe ich meinen Kindern, wenn es weder am Tag noch in der Woche eine Pause gibt? Vertraue ich darauf, dass ich meine notwendigen Aufgaben auch erledigen kann, wenn ich einen Tag Pause einlege?

Welche Überzeugung steckt hinter dem Gedanken, dass ich keine Pause machen darf? Ein Ruhetag sieht in verschiedenen Lebensphasen unterschiedlich aus. Ein Single kann einen Ruhetag anders gestalten als eine Familie. Aber auch für Familien geht es beim Ruhetag darum, dass diese Zeit gemeinsam genutzt wird, um in die Familie zu investieren, als Familie zur Ruhe zu kommen und sich nicht um das komplette Haushaltsprogramm zu kümmern. Stattdessen soll bewusst Zeit dafür da sein, wieder bei sich selbst anzukommen.

Drittens: zweckfreie Zeit.

Zweckfreie Zeit

Wann hast du das letzte Mal etwas getan, das niemandem außer dir selbst genutzt hat und dir einfach nur Freude bereitet hat? Eine Zeit, in der es nicht darum ging, dich selbst zu optimieren, etwas abzuhaken oder zu investieren.

Ein Spaziergang zum Beispiel. Oder etwas Kreatives zu basteln – oder Ähnliches. Kreativität entsteht nicht unter Dauerstress, sondern in Phasen ohne festes Ziel.

Auch Beziehungen brauchen solche Zeiten. Freundschaften, Ehen und Familien benötigen diese Zeit des Zusammenseins. Einfach gemeinsam verweilen, Spiele spielen, zur Ruhe kommen, spazieren gehen.

Gerade in Zeiten des Zweifelns brauchen die Gedanken immer wieder eine Pause. Das ständige Analysieren, Sortieren und krampfhafte Suchen nach Lösungen bringt meist keinen Fortschritt.

Mein letzter Punkt ist: Grenzen setzen.

Grenzen setzen

Ein letzter Aspekt, über den wir nachdenken wollen, ist das Thema Grenzen setzen. Als Menschen sind wir begrenzt – begrenzt an Zeit, an Kapazität, an Aufnahmefähigkeit und an Leistungsfähigkeit. An dieser Stelle sind wir alle unterschiedlich. Jeder von uns hat eine andere Spannkraft, aber jeder muss lernen, seine Grenzen zu setzen.

Jesus lebt es uns vor: Er heilt nicht immer alle Menschen. Er erfüllt zwar Erwartungen, aber nicht jede. Und er zieht sich zurück, obwohl der Bedarf noch größer wäre.

Grenzen setzen heißt, dass ich nicht alles können muss, nicht alles lösen muss und nicht allem gerecht werden muss. Grenzen erinnern mich daran, dass ich einfach nur ein Mensch bin, während Gott Gott ist. Er hält die Welt in seiner Hand – nicht ich.

Auch aus menschlicher Sicht sind Grenzen lebensnotwendig. Wer immer erreichbar ist, kommt innerlich nie zur Ruhe. Wer nie Nein sagt, verliert irgendwann sein Ja für etwas. Und wer ständig über seine Kraft geht, verliert die Freude an dem, was er tut.

Grenzen schützen vor Überforderung, vor innerer Verhärtung und vor einem Glauben, der nur noch aus Pflicht besteht. Grenzen setzen bedeutet deshalb auch: Ich entscheide bewusst, wann ich aufhöre. Ich entscheide, was ich heute nicht tue, und ich entscheide, wofür ich meine Kraft nicht einsetze.

Abschluss und Reflexion

Was könntest du jetzt tun? Mach einen Realitätscheck. Nimm dir ein Blatt Papier und schreibe von Montag bis Sonntag auf, was du alles tust: Arbeit, Haushalt, Einkauf, Freunde treffen, dich um die Kinder kümmern, Gemeindearbeit und vieles mehr.

Plane dir gezielt Zeiten ein, in denen du eine Pause machst. Mal eine Stunde, mal zwanzig Minuten, mal einen Nachmittag, vielleicht auch einen ganzen Tag.

Im Skript findest du weitere Tipps, wie du diese Pausenzeit nutzen kannst.

Zum Abschluss noch eine Reflexionsfrage: Wie gehst du damit um, wenn in deiner Gemeinde mehr auf Leistung geschaut wird als darauf, Grenzen zu setzen? Was könntest du auf die Aussage „Wir machen alles für den Herrn“ erwidern?

Ich wünsche dir, dass du zur Ruhe kommst und die Freude am Herrn mehr werden darf. Amen.

Vielen Dank an Jürgen Fischer, dass wir seine Ressourcen hier zur Verfügung stellen dürfen!

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