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Johannes 6,51-57 Die Speise zum Ewigen Leben 4

Herausforderung und Grundfrage des Glaubens

Wir sind mitten in Johannes Kapitel 6. Ich empfinde den Text als ziemlich herausfordernd. Ich behaupte also nicht, dass Johannes 6 leichte Kost ist.

Wir werden heute dort weitermachen, wo wir letztes Mal aufgehört haben. Auch beim nächsten Mal werden wir uns weiterhin mit Johannes 6 beschäftigen.

Der Herr Jesus fordert seine Zuhörer wirklich massiv heraus. Er konfrontiert sie mit der Frage, was sie eigentlich wollen: Wollen sie Gott, also den Geber, oder wollen sie nur die Gaben? Das ist die große Frage, die im Raum steht.

Damit wird auch der große Unterschied deutlich zwischen Religion auf der einen Seite und biblischem Christentum auf der anderen Seite. Religion will die Gaben, biblisches Christentum will den Geber.

Manchmal, das weiß ich schon, wird leider aus dem Christentum dann auch Religion. Das heißt, das Christentum wird zu einem Mittel, um Gott zu beeindrucken, zu bestechen oder zu manipulieren – Glaube als Magie.

Wenn das passiert, dann tue ich das, was ich will. Ich tue nicht mehr das, was Gott will, sondern ich mache Gott für mich zu einem Mittel zum Zweck. Das hat natürlich dann mit Christsein nichts mehr zu tun.

Deswegen ist Johannes 6 für mich so ein spannendes Kapitel, weil es genau auf diesen Punkt eingeht.

Diese Haltung, Gott zum Mittel zum Zweck zu machen, findet sich genauso bei jemandem, der in Kabul mit einer Sprengstoffweste in eine Moschee geht und sich dort in die Luft sprengt, wie bei jemandem, der in Indien in einem Ashram sitzt und still vor sich hin meditiert.

Es geht immer darum, dass ich Gott versuche, mit dem, was ich tue, zu beeindrucken oder zu manipulieren. Ich weiß, was ich will, und Gott muss jetzt quasi zu meinen Konditionen mitspielen.

Vielleicht bin ich auch bereit, ein wenig auf ihn einzugehen, aber letztlich geht es darum, dass ich bekomme, was ich will.

Christentum versus Religion: Glaube als Beziehung

Und jetzt könnte jemand sagen: Jürgen, ist das bei den Christen nicht auch so? Ja, die werden Christen, weil sie Erlösung suchen. Und ich finde diese Frage total spannend.

Weil, ja, ich kann das Christentum zu einer Religion machen. Ich kann mich bekehren, weil ich gerettet werden will. Das Problem ist, das funktioniert nicht. Das funktioniert nicht, wenn wir wirklich über das Christentum sprechen.

Ja, es gibt Varianten des Christentums, bei denen man den Eindruck hat, sie ticken genau so. Da gibt es ein Ziel, das ich habe. Viele von uns sind gerade in einer lustigen Abnehmgruppe. Wir haben ein Ziel, und jetzt gibt es zu diesem Ziel einen Fünf-Punkte-Plan: Zähle deine Kalorien, mach ein bisschen mehr Sport, vielleicht kannst du auch ein bisschen weniger essen und solche Sachen.

Manchmal hat man den Eindruck, dass das Christentum zu einer Art spirituellen Selbsthilfegruppe wird, einem Fünf-Punkte-Programm, um ewiges Leben zu bekommen. Und ich muss mit Johannes 6 einfach davor warnen, genau das zu glauben.

Wenn du denkst, ich habe ewiges Leben, weil ich etwas tue – das kann die Zugehörigkeit zu einer Kirche sein, der Empfang von Sakramenten, das Einhalten bestimmter Regeln, das Anerkennen irgendwelcher Propheten, des Papstes oder irgendwelcher Populisten – das spielt dann auch irgendwo keine Rolle mehr.

Wenn das in deinem Kopf so ist: Ich bin richtig vor Gott, weil ich etwas tue, dann muss ich dich warnen: Das ist nicht biblisches Christentum.

Im Zentrum meines Glaubens – und jetzt spreche ich für mich – steht keine Religion. Es stehen auch nicht Regeln im Mittelpunkt. Im Zentrum meines Glaubens steht eine Person. Und das mag für viele Leute ein total schräges Konzept sein.

Im Zentrum meines Glaubens steht eine Person. Ja, das funktioniert, weil Jesus auferstanden ist. Sonst nicht. Sonst hätten wir da auch nur Regeln stehen. Aber Jesus ist auferstanden, und deswegen ist es superwichtig, dass wir den Unterschied zwischen Religion und Christentum verstehen.

Im Zentrum meines Glaubens – und ich hoffe, im Zentrum deines Glaubens – steht eine Person. Es geht nicht um Regeln, es geht nicht um eine fromme Show. Es geht immer um Nachfolge.

Und es geht darum, Gott als Person immer besser kennenzulernen, indem ich den Herrn Jesus immer besser kennenlerne. Deswegen ist Christuserkenntnis ein Begriff, der ganz zentral im Neuen Testament verankert ist.

Ich lerne Jesus kennen, indem ich ihn zum Zentrum meines Lebens mache. Es geht um Liebe, nicht um Performance. Wir dürfen das niemals verwechseln.

Die Dynamik der Liebe und das Wesen der Nachfolge

Und immer, wenn es um Liebe geht, stehen wir als die Deppen da. Wisst ihr warum? Weil bei Liebe immer noch etwas möglich ist. Das ist das Problem. Ich kann jede Woche meinen besten Freund oder alternativ meinen größten Feind noch ein bisschen mehr lieben. Das geht.

Das heißt, ich habe jede Woche diesen Moment im Leben, in dem ich sage: Fast. Und das ist nicht schlimm, weil wir aus Gnade leben. Wir leben in eine Beziehung hinein, in der wir immer besser verstehen, wer dieser Jesus eigentlich ist.

Versteht ihr, Liebe ist dynamisch. Liebe – da geht es um Motive, da geht es um ein Herz, da geht es um Hingabe und nicht um ein Fünf-Punkte-Programm, bei dem man einen Check dran macht. Es ist ganz wichtig, dass wir das verstehen: eine radikale Unterscheidung zwischen Religion auf der einen Seite – ich erfülle irgendwelche Regeln und jetzt muss doch Gott mit mir zufrieden sein – und Christentum auf der anderen Seite, das eine Beziehung ist.

Gott sagt ein Stück weit: „Hey, das war eine gute Woche, du hast etwas gelernt. Und ich habe dafür nächste Woche noch etwas für dich. Wir machen an der Stelle weiter, wo wir letzte Woche aufgehört haben.“

Deshalb die Frage: Will ich die Gaben? Will ich einfach nur das Ticket in den Himmel oder will ich den Geber? Das ist die Frage.

Heute werden wir sehen, dass es Jesus seinen Zuhörern tatsächlich leicht macht, ihn abzulehnen. Ihr werdet gleich sehen: Warum macht er es ihnen so leicht? Warum formuliert er so provokativ?

Die Antwort ist: Jesus möchte mit dem, was er sagt, tatsächlich die Spreu vom Weizen trennen. Er möchte so ein Stück weit die Interessierten von den Mitläufern trennen, die echten Nachfolger von den reinen Ja-Sagern.

Das lebendige Brot und das Bild des Essens

Wir beginnen mit Johannes 6, Verse 51 und 52. Dort sagt Herr Jesus: „Ich bin das lebendige Brot, das aus dem Himmel herabgekommen ist. Wenn jemand von diesem Brot isst, wird er leben in Ewigkeit. Das Brot aber, das ich geben werde, ist mein Fleisch für das Leben der Welt.“

Die Juden stritten nun untereinander und fragten: „Wie kann dieser uns sein Fleisch zu essen geben?“

Wir erinnern uns: Der Herr Jesus hat sich in der letzten Predigt mit dem Manna verglichen. Das Manna, das die Israeliten in der Wüste bekommen und gegessen haben. Jetzt geht er einen Schritt weiter. Manna war totes Brot, und jetzt spricht er vom lebendigen Brot.

So wie man das Manna essen musste, um nicht zu sterben – logisch, Kohlenhydrate –, so muss man jetzt ihn essen, um ewiges Leben zu bekommen. „Wenn jemand von diesem Brot isst, wird er leben in Ewigkeit.“ Es geht um ewiges Leben.

Was meint er damit, dass man ihn essen muss? Das klingt zunächst nach Kannibalismus, oder? Ich kann verstehen, dass die Juden sagten: „Hä, was meint der da Komisches?“ Das hat vorher noch keiner so gesagt.

Hier kann ich euch den Tipp aller Tipps geben, wenn ihr Fragen zur Bibel habt: Es gibt einen Tipp, der immer total wichtig ist. Und dieser Tipp lautet: Lies den Zusammenhang, schau dir den Kontext an.

Ganz oft, wenn du eine Frage zur Bibel hast und etwas gesagt wird, denkst du dir: „Hm, was meint der?“ Schau mal links und rechts, etwa ein halbes Kapitel davor und ein halbes Kapitel danach. Sieh einfach, was dort steht. Und eventuell schau dir auch noch Parallelstellen an. Gerade bei den Evangelien kann man das gut machen, da wird manches mehrfach gesagt. Das findet sich bei Matthäus, Markus, Lukas und Johannes vielleicht überall ein bisschen.

Wie gesagt, wenn du Fragen zur Bibel hast, ist der Tipp: Zusammenhang und Kontext beachten. Und hier ist das genauso. Die Leute fragen sich, was er meint, wenn er sagt, man müsse ihn essen.

Wir schauen einfach, was wir schon wissen. Der Herr Jesus spricht davon, wie man ewiges Leben bekommt. Und der Clou ist: Das hat er schon davor gesagt. Also, das ist nicht das erste Mal, dass er in diesem Kapitel davon spricht.

Ich habe euch die Verse mitgebracht, ihr habt sie in euren Notizen: Johannes 6, Vers 40: „Denn dies ist der Wille meines Vaters, dass jeder, der den Sohn sieht und an ihn glaubt, ewiges Leben hat.“

Ah, da merkt man schon: Darum geht es. Und weiter: „Ich werde ihn auferwecken am letzten Tag.“ Oder Johannes 6, Vers 47: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, wer glaubt, hat ewiges Leben.“

Wenn ihr weiterlest, werdet ihr feststellen, in Johannes 6, Vers 68 – das machen wir nächstes Mal –, sagt Simon Petrus: „Herr, zu wem sollten wir gehen? Du hast Worte ewigen Lebens.“

Aha, spannend, oder? Jesus hat also Worte ewigen Lebens. Wenn ich auf das höre, was Jesus sagt, wenn ich an das glaube, was Jesus sagt, dann bekomme ich ewiges Leben. Darum geht es ihm.

Es geht ihm nicht um Kannibalismus, sondern er sagt: Ihr müsst mich essen und trinken, dann habt ihr ewiges Leben.

Ich schaue im Text, wo es sonst noch um ewiges Leben geht. Ah, es geht um Glauben. Darf ich die beiden Konzepte miteinander verbinden? Essen und Trinken hat anscheinend etwas damit zu tun, dass ich glaube.

Herr Jesus spricht hier davon, dass er das lebendige Brot ist. Manna war tot, er ist lebendig. Und er sagt dann: „Das Brot aber, das ich geben werde, ist mein Fleisch für das Leben der Welt.“

Wie gesagt, nicht einfach, aber auch nicht völlig unverständlich. Wir wissen jetzt: Wer von diesem Brot isst, hat ewiges Leben. Wir wissen, ewiges Leben bekommt man durch Glauben, genau genommen durch den Glauben an den Sohn.

Das heißt, das Essen hat irgendetwas damit zu tun, dass ich glaube.

Jetzt ist Fleisch essen und Blut trinken ein durchaus gewöhnungsbedürftiges Bild für Glauben, das ist mir schon klar. Die Leute sind nicht zu Unrecht irgendwie aufgebracht.

Woran glaube ich? Ja, ich glaube daran, dass Jesus als Sohn Gottes sein Fleisch für das Leben der Welt gegeben hat. Sein Fleisch essen ist ein Bild dafür, dass ich daran glaube, dass Jesus gestorben ist, um der Welt – und das sind die Menschen in der Welt – ewiges Leben zu geben. Darum geht es.

Und jetzt merkt ihr schon wieder den Unterschied zwischen Religion und Christentum.

Religion sagt: Ich muss etwas tun, ich muss mich reinhängen, so dieses Sündenmanagement-Ding.

Biblisches Christentum sagt: Nicht ich muss etwas tun, sondern Gott hat etwas getan, und das gilt es anzunehmen.

Versteht ihr? Ein Leben für ein Leben. Jesus gibt sein Leben, damit ich ewiges Leben bekommen kann.

Das Opfer Jesu und die universelle Rettung

Und wenn der Herr Jesus hier sagt, dass er sein Fleisch gibt für das Leben der Welt, dann ist das ein ganz spannender Gedanke. Es ist tatsächlich so, dass der Herr Jesus für alle Menschen gestorben ist. Das ist einfach unfassbar.

Es heißt in 1. Johannes 2,2: „Und er, Jesus, ist die Sühnung für unsere Sünden.“ Und dann geht es weiter: nicht allein für die unseren, sondern auch für die ganze Welt. Total spannend, oder? Jesus stirbt am Kreuz, und da ist plötzlich ein Angebot im Raum, bei dem jeder sagen kann: Ich bin mitgemeint.

Oder in 1. Timotheus 4,10: „Denn dafür arbeiten und kämpfen wir, weil wir auf einen lebendigen Gott hoffen, der ein Retter aller Menschen ist, besonders der Gläubigen.“

Warum macht Gott das, dass er am Kreuz stirbt und sein Opfer mal eben für alle Menschen ist? Die Antwort lautet: Weil Gott möchte, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit kommen. Gott hat immer den großen Blick. Er sieht immer unsere Verlorenheit als Welt in ihrer Gesamtheit. Wenn er agiert, wenn er etwas tut, dann wirft er sich einfach mal auf eine Weise in dieses Problem hinein, dass also das Ganze gelöst wird.

Gott geht um jeden zu retten, der gerettet werden will. Es gab mal von The Rock einen Aufkleber, ich weiß nicht, ob ihr euch daran erinnert, mit der Aufschrift: „Jesus rettet, wenn du willst.“ Ich habe überlegt, ob wir den wieder machen: „Jesus rettet, wenn du willst.“ Verloren gehen liegt nicht an Gott.

Frage: Wenn Jesus sein Fleisch für das Leben der Welt gibt, wenn er die Sühnung für die Sünden der Welt ist, wenn Gott ein Retter aller Menschen ist – warum kommen dann nicht alle automatisch in den Himmel?

Ganz genau, im Bild gesprochen: Du kannst auch im Zelt sitzen bleiben. Also da draußen ist das Manna, du musst nicht glauben, dass da draußen das Manna ist, du kannst auch sitzen bleiben und verhungern. Das ist zwar eine blöde Option, aber es ist eine, die du hast. Und das ist hier ganz genauso.

Jesus ist da, Jesus ist für dich gestorben, wie es in 1. Timotheus 4,10 heißt: „Denn wir hoffen auf einen lebendigen Gott, der ein Retter aller Menschen ist, besonders der Gläubigen.“ Auf eine besondere Weise ist er ein Retter der Gläubigen.

Das eine ist, dass Rettung als Angebot im Raum steht. Auf der anderen Seite ist Rettung als Erfahrung das, was diejenigen machen, die sich im Glauben auf den einlassen, der am Kreuz für sie gestorben ist.

Die Reaktion der Zuhörer und die Bedeutung des Essensbildes

Kommen wir zurück zu Johannes 6, Vers 52. Da stritten die Juden untereinander und sagten: „Wie kann dieser uns sein Fleisch zu essen geben?“

Und das ist eine wirklich gute Frage: Wie kann er das machen?

Was muss man tun, wenn man eine Frage hat? Wie gesagt, außer sie aufzuschreiben und in den Gottesdienst mitzubringen – ab 17:15 bei „Pasta und Bibel“ dürft ihr eure Fragen loswerden.

Ich habe immer gesagt, man muss den Zusammenhang lesen. Das haben wir gemacht, und wir wissen jetzt, dass es um Glauben geht.

Aber das Bild vom Essen geht natürlich weit über den normalen, ich sage mal, religiösen Glauben hinaus. Wenn jemand so ein krasses Bild bringt, möchte er doch etwas Besonderes damit zum Ausdruck bringen.

Wenn man normalerweise von Glauben redet, was meint man da? Na ja, man meint vielleicht: Wenn ich jetzt frage, woran glaubst du, dann kommt im Allgemeinen von der anderen Seite ein Glaubensbekenntnis zurück, so ein Katechismus.

Ich könnte sagen: Ich glaube, dass es nur einen Gott gibt. Ich glaube, dass dieser Gott sich aus einer menschlichen Perspektive als Vater, Sohn oder Vater, Wort und Geist offenbart. Ich glaube, dass Gott das Universum erschaffen hat, dass er gerecht, heilig, barmherzig, liebevoll, Retter, Richter und so weiter ist.

Woran glaubst du? Hier ist mein Glaubensbekenntnis.

Wir merken aber: Wenn Gott kommt und den Glauben damit vergleicht, dass man ihn essen soll – stellt euch vor, ich würde jetzt hier reinbeißen, ihn essen, sein Blut trinken –, dann merken wir, das ist schon ein schräges Bild.

Was bedeutet das? Eine mögliche Antwort ist, dass es das Abendmahl bedeutet. Das glaube ich nicht, aber es ist eine mögliche Deutung, die im Raum steht, weil da etwas mit Essen und Trinken ist.

Warum das Bild nicht auf das Abendmahl verweist

Frage: Warum glaube ich persönlich nicht, dass es sich hier ums Abendmahl handelt? Dafür gibt es drei Gründe.

Erstens: Wenn Jesus das Abendmahl meinen würde, dann würde er dem Abendmahl zu viel Bedeutung beimessen. Schauen wir uns dazu Johannes 6,53-54 an. Da spricht Jesus zu ihnen: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr nicht das Fleisch des Sohnes des Menschen esst und sein Blut trinkt, habt ihr kein Leben in euch selbst. Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, hat ewiges Leben, und ich werde ihn am letzten Tag auferwecken.“

Wenn hier vom Essen und Trinken die Rede ist und damit das Abendmahl gemeint wäre, müsste man sagen: Weil ich am Abendmahl teilnehme, habe ich ewiges Leben. Das wäre ein zutiefst sakramentales Verständnis des Abendmahls. Ich weiß nicht, ob ihr das Wort Sakrament kennt, deshalb erkläre ich es kurz: Ein Sakrament ist ein Ritus, also eine Handlung, etwas, das ich tue. Während ich es tue, nehme ich auf unsichtbare Weise an etwas teil, was Gott an mir tut. Äußerlich mache ich etwas, innerlich wirkt Gott an mir. Ich vollziehe ein Sakrament, und deshalb tut Gott etwas an mir.

Zurück zur Frage: Steht das Fleischessen und Bluttrinken für das Abendmahl? Ich sage nein, denn sonst würde ich dem, was wir später feiern, zu viel Bedeutung geben. Wir feiern das Abendmahl, um uns an das Sterben Jesu zu erinnern und daran, dass wir als Gemeinde der Leib Christi sind. Das ist die geistliche Bedeutung des Abendmahls. „Dies tut zu meinem Gedächtnis“ heißt es da. Wenn wir etwas zu seinem Gedächtnis tun, dann tun wir es nicht, um ewiges Leben zu bekommen und um auferweckt zu werden. Natürlich kann man sich gerne danach nach vorne bewegen und sich an das erinnern, was hier steht. Aber der Herr Jesus selbst hat daran nicht gedacht.

Zweitens: Ich lese noch einmal Johannes 6,53-54: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr nicht das Fleisch des Sohnes des Menschen esst und sein Blut trinkt, habt ihr kein Leben in euch selbst. Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, hat ewiges Leben, und ich werde ihn am letzten Tag auferwecken.“

Mein zweiter Grund ist: Wenn Jesus hier auf das Abendmahl angespielt hätte, dann hätten seine Zuhörer ihn nicht verstanden und auch nicht verstehen können. Wir verstehen ihn, deshalb können wir heute einen kleinen Bezug zum Abendmahl herstellen. Aber die Leute damals waren noch weit davon entfernt. Das erste Abendmahl fand an dem Abend vor der Kreuzigung statt. Dort feiert Jesus mit seinen Jüngern das erste Abendmahl als Gedächtnismal.

Hier, in Johannes 6, sind wir Monate davor. Die Zuhörerschaft kennt noch kein Kreuz. Sie verstehen die Verbindung „Hier ist der Kelch, hier ist mein Leib, der zerbrochen wird“ noch nicht. Wenn Jesus hier vom Abendmahl gesprochen hätte, wäre das für die Zuhörer einfach nicht verständlich gewesen. Sie wussten nicht, wovon er redete. Wir haben es heute viel leichter. Wir lesen das und denken sofort an das Kreuz, an Golgatha, an die Auferstehung und denken, ja, das kann gemeint sein. Aber damals konnten sie das nicht.

Drittens, und das ist jetzt ein bisschen technischer: Der Begriff „Fleisch“ wird im Neuen Testament nie im Blick auf das Abendmahl verwendet. Die Bezeichnung „Fleisch und Blut“ ist ein sogenannter Hebraismus. Ein Hebraismus ist eine typische hebräische Formulierung, die den ganzen Menschen meint. Ich habe euch die Stellen dazu im Skript notiert.

Wenn Jesus sagt, dass man sein Fleisch essen und sein Blut trinken soll, meint er, dass man ihn ganz aufnimmt, ohne Abstriche. Wenn man vom Abendmahl liest, wird man feststellen, dass es immer um den Leib geht, nie um das Fleisch.

Also drei Gründe, warum ich glaube, dass dieses Essen und Trinken erst einmal nichts mit dem Abendmahl zu tun hat: Erstens, zu viel Sakramentalismus; zweitens, die Leute hätten es damals nicht verstanden, weil es noch keinen Golgatha, keine Auferstehung und keinen neuen Bund gab; und drittens, die Formulierung passt nicht.

Die tiefere Bedeutung des Bildes vom Essen und Trinken

Bleibt die Frage: Warum verwendet Jesus dann das Bild vom Essen seines Fleisches und Trinken seines Blutes? Die Antwort lautet: Weil er auf eine zutiefst dramatische Weise etwas klar machen möchte.

Wenn man so spricht, ist das natürlich sehr provokativ. Die Leute tuscheln und fragen sich, ob er das ernst meint. Sie stellen sich vor, wie ein gerösteter Jesus auf einem Spieß langsam über dem Feuer gart. Das kann er doch nicht wirklich meinen. Und tatsächlich meint er das auch nicht wörtlich.

Was hier zum Ausdruck gebracht werden soll, ist Folgendes: Jesus sagt, ich möchte nicht nur dein geistlicher Lehrer sein, ich möchte nicht nur dein Guru sein, dessen Worte du hörst. Was Jesus sagt, ist: Ich möchte mit dir eins werden.

Ich weiß nicht, ob du dir bewusst bist, dass dein Frühstück gerade dabei ist, mit dir eins zu werden. Genau das ist die Idee dahinter. Jesus möchte sich in mir wiederfinden – und zwar als ganze Person. Das heißt, ich nehme mir nicht nur die Teile heraus, die mir passen, wie zum Beispiel Jesu Leid oder die Stellen, die ich gerne in meinem Leben umsetzen würde, und werfe den Rest weg.

Der Herr Jesus sagt hier: Es reicht mir nicht, einfach nur ein weiterer Bestandteil in deinem Leben zu sein. Also nicht: Hier ist mein Job, hier ist mein Mann, hier ist mein Musikgeschmack, hier ist mein Hund und da ist mein Guru. Versteht ihr? Ein weiterer Punkt im Leben, den ich mir halt ausgesucht habe, das ist Religion.

Jetzt kommt Jesus und sagt: Ich möchte eine ganz andere Beziehung zu dir haben, als einfach nur ein weiterer Aspekt in deinem Leben zu sein. Und dieses Mehr, das Jesus möchte, ist nicht so leicht zu fassen, weil es uns tief an die Substanz geht.

 Johannes 6,55: Denn mein Fleisch ist wahre Speise, und mein Blut ist wahrer Trank. Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, bleibt in mir und ich in ihm.

Mir geht es jetzt vor allem um diesen letzten Punkt: „Bleibt in mir und ich in ihm.“ Das ist das Geheimnis des Glaubens, wenn sich Glaube nicht mit Religion mischt. Oder ich will es noch einmal anders sagen: Das Geheimnis des Glaubens ist Gemeinschaft.

Ich glaube, und in der Folge bleibe ich in Jesus, und Jesus bleibt in mir. Es entsteht tatsächlich eine Beziehung. Das ist etwas ganz anderes, als einfach nur zu sagen: Ich habe ein Glaubensbekenntnis, das kann ich runterrattern, check, check, check, ich glaube alles irgendwie, ja, halte ich irgendwie für wahr.

Das hat nichts mit Christentum zu tun. Christentum fängt da an, wo ich mich entschieden habe, einer Person nachzufolgen, die Person kennenzulernen und zu sagen: Ich möchte, dass du ganz eng mit mir wirst.

Paulus kann an einer Stelle sagen, er möchte, dass Christus in den Jüngern Gestalt gewinnt. Wir sollen Christus anziehen – könnt ihr euch das vorstellen? So einen Mantel, den man überzieht. Oder in 2. Korinther 3,18 wird davon gesprochen, dass der Geist Gottes uns verwandeln will in das Bild Christi.

Und jetzt merken wir: Es geht Jesus um viel, viel mehr als um eine Kirchenzugehörigkeit, um ein Glaubensbekenntnis oder um irgendeinen Ritus, den du machst. Du kannst das machen, das ist alles nicht verkehrt. Ich bin dafür, dass man Teil einer Gemeinde wird, ich bin für all diese Dinge.

Nur wenn du sagst: „Jetzt habe ich es, check!“ – Nein, das hast du nicht. Du hast vielleicht den Kern noch gar nicht verstanden.

Und deswegen lasst uns bitte Gott niemals auf so etwas reduzieren. Der Mensch, der Glauben auf ein Glaubensbekenntnis reduziert oder auf eine Kirchenzugehörigkeit oder auf einen Ritus, das ist jemand, der das tut, weil er Angst hat – Angst, sich zu verlieren.

Sich selbst finden durch das Verlieren in Christus

Das Problem ist – und hier müsst ihr jetzt genau zuhören, denn wir sind fast am Ende – hört ganz genau zu: Wir werden uns als Persönlichkeit nicht finden, wenn wir uns nicht vorher an Jesus verlieren. Das ist ein ganz wichtiger Punkt.

Ich sage es noch einmal: Wir werden uns als Persönlichkeit nicht finden, wenn wir uns nicht vorher an Jesus verlieren. Nur dort, wo der Christuscharakter sich im bewussten Nein zur Sünde und im bewussten Ja zur Heiligkeit in einem Menschen entfaltet – also dort, wo Jesus sich in mir entfaltet – finde ich als Mensch zu mir selbst.

Es klingt fast verrückt, aber ich brauche es: Ich brauche, dass Jesus in mir Gestalt gewinnt. Und in dem Moment oder in dem Maß, wie er Gestalt gewinnt, verliert die Sünde und das Versklaven durch die Sünde in meinem Leben an Bedeutung. Immer mehr von mir selbst kommt dann zum Vorschein. Denn je mehr ich Jesus ähnlicher werde, je mehr ich so lebe, wie er gelebt hat, desto mehr wird das sichtbar. Umso mehr kommt quasi der eigentliche Jürgen zum Vorschein.

Früher war ich so eingesperrt. Die Sünde kam von überall her, und ich sagte: „Das nicht raus, das nicht raus.“ Jetzt kommt Jesus und sagt: „Doch, lass uns das gemeinsam angehen.“ In dem Maß, wie Jesus mich befreit, wird meine Persönlichkeit sichtbar.

Aber dazu muss ich mich trauen. Ich muss mich trauen, mich selbst zu verlieren. Ich muss mich trauen, mich selbst zu verlieren – so wie es wahrhaft Liebende tun.

Im Hohelied heißt es einmal, dass Salomo und Sulamit miteinander so umgehen: „Mein Geliebter ist mein und ich bin sein.“ Das ist Christentum. „Mein Geliebter ist mein und ich bin sein.“

Der Glaube, den Jesus meint und den Jesus bringt, der Glaube, der allein rettet, ist ein Glaube, der einhergeht mit allertiefster Gemeinschaft. Gemeinschaft mit Jesus, die mich tatsächlich zu einem komplett veränderten Leben führt.

Leben im Willen Gottes als Ausdruck der Gemeinschaft

Letzter Gedanke für heute, Johannes 6, Vers 57:

Wie der lebendige Vater mich gesandt hat und ich lebe um des Vaters Willen, so lebt auch, wer mich isst. Jetzt wissen wir schon, wer an mich glaubt. Aber es geht nicht nur um ein einfaches Glauben im Sinne von „tscheck tscheck tscheck“. Vielmehr bedeutet Glauben, dass Jesus in mir lebt.

Ich kann jedes Jahr ein Stückchen mehr sehen, dass er in mir Gestalt gewinnt. Mehr von dem, was ihn ausmacht, wird sichtbar. Das kann seine Vergebungsbereitschaft sein, seine Geduld, seine Disziplin oder seine Bereitschaft, hier auf Erden auch mit wenig auszukommen. Name it – was auch immer du in deinem Leben als nächsten Schritt von Gott präsentiert bekommst. Je mehr diese Dinge Gestalt gewinnen, desto mehr betreten wir, und ich würde sagen, heiligen Boden – nämlich den Boden seiner Herrlichkeit.

Noch einmal Johannes 6, Vers 57: Wie der lebendige Vater mich gesandt hat und ich lebe um des Vaters Willen, so lebt auch, wer mich isst, um meines Willen. Merkt ihr, wie er gelebt hat? So werden wir leben. Und wie er hundert Prozent für den Vater gelebt hat, werden seine Jünger hundert Prozent für ihn leben.

Oder drücken wir es noch ein bisschen klarer aus: Die Beziehung Vater – Sohn spiegelt sich in der Beziehung Sohn – Ich wider. Ist das verrückt? Und jetzt merken wir: Boah, es kann ja nicht nur darum gehen, ein paar Regeln einzuhalten oder ein bisschen netter zu sein.

Wenn es darum geht, eine Beziehung zu leben – und zwar die Beziehung, die der Vater zum Sohn hat –, wenn es darum geht, diese Beziehung zu imitieren, wow, versteht ihr? Es geht darum, ein Leben zu führen, das nicht nur formal, sondern ganz tief drin nicht mehr für mich selbst gelebt wird, sondern für Jesus.

Ich könnte noch deutlicher formulieren: Es geht darum, für Jesus im eigenen Leben Raum zu schaffen. Raum, damit er mich durchdringen, sich in mir entfalten, mich verändern und mich dann berufen darf, an der Stelle zu leben – und wenn es sein muss, zu leiden –, wo er mich hingestellt hat.

Und das alleine ist echter Glaube, und das ist Christentum. Amen.

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