
51: Wolfgang Bühne gibt EHRLICHE Einblicke in seine Lebensgeschichte
Begegnungen und Anfänge im Glauben
Wolfgang, als ich dich hier mit all den Kollegen gesehen habe, die du ja auch kennst, habe ich gedacht: Weißt du eigentlich, dass du schuld bist, dass ich hier bin? Kannst du dich daran erinnern? Ja, ich wollte dich auch daran erinnern, als ich hier die ganzen Kerle sah. Der Manfred Paul, damals Missionsleiter, hat dich angerufen, oder? Ob ich einen vernünftigen Menschen kenne, der hier anfangen will. Einen vernünftigen Menschen, und dann klingelt dir der Christian ein. So ist es, ja. Ja, witzig.
Damals in Schoppen habe ich, glaube ich, Korarbeit für dich gemacht, und die Technik war ja nichts. Dann hast du mich für Radioarbeit bei Wolkebach empfohlen. Das ist ja verrückt. Naja, wir müssen noch ein bisschen über die Vergangenheit reden. Nicht nur das, sondern auch anderes. Ja, das machen wir nachher, wenn die Kameras aus sind.
Herzlich willkommen zu einer neuen Folge von Machbar, dem Podcast für Alltagsmissionar.de. Ich bin Christian, und heute ist Wolfgang Bühne mit dabei. Wolfgang, herzlich willkommen! Schön, dass es trotz deines vollen Terminkalenders geklappt hat.
Beim Machbar bekommst du Tipps, wie du deinen Nächsten einen Schritt näher zu Jesus Christus führen kannst. Wolfgang hat viele Geschichten zu erzählen. In seinem Leben hat er vielen Menschen ein Dach über dem Kopf geboten, ihnen eine zweite Chance gegeben und geholfen, wieder auf die Beine zu kommen. Mein Kollege Wolfgang hat schon mal scherzhaft gesagt: „Das ist die wahre Mutter Theresa.“ Ich weiß nicht, ob du dich daran erinnerst.
Nicht jeder unserer Zuhörer hat die gleichen Möglichkeiten wie Wolfgang. Aber ich wünsche mir, dass wir heute, und darüber wollen wir sprechen, Wolfgang, in unserer Folge eine Antwort darauf finden, wie wir ein Herz für Menschen entwickeln können. Ich glaube, da können wir einiges von dir lernen.
Wolfgang, wir reden gleich noch mehr über deine Geschichte. Das Buch habe ich noch aus unserem Regal geholt: „Ich pfeife auf deine Frömmigkeit.“ Ich muss sagen, das klingt nicht besonders seriös. Das ist deine Autobiografie. Wie kommst du auf so einen Titel?
Ja, ich fand den Titel ganz interessant, gerade für eine Biografie. Klar, der Titel regt zum Nachdenken an. Was will der? Will er meine Frömmigkeit durch den Kakao ziehen oder so? Nein, das sind Aussagen über mein Leben, wo Menschen von mir enttäuscht waren. Sie haben mir deutlich gemacht, dass meine Frömmigkeit nicht glaubwürdig ist und keinen Pfennig wert. Mit anderen Worten: So fängt das Buch auch an – mit einer Begegnung, bei der man mir das gesagt hat.
Vielleicht kommen wir auch noch darauf zu sprechen: In meiner Ehe und in der Öffentlichkeit wurde ich auf meine Glaubwürdigkeit getestet. Und das Ergebnis war nicht viel. Okay, gut, wir reden darüber.
Kindheit und frühe Glaubenserfahrungen
Du bist 1946 in der Nachkriegszeit geboren und in einem ziemlich strengen christlichen Elternhaus aufgewachsen. Interessant ist, dass du schon als Kind irgendwie an Gott geglaubt und gebetet hast. Gleichzeitig hast du aber auch geklaut, und scheinbar hattest du damit kein Problem. Wie muss man sich das vorstellen?
Das muss man relativieren. Was heißt schon streng? Es war damals auch eine Zeit, in der man versuchte, sich konsequent von der Welt und dem Zeitgeist abzugrenzen. Meine Eltern waren überzeugte Christen, und in einigen Bereichen waren sie durchaus streng, in vielen anderen aber auch nicht.
Wir lebten in sehr bescheidenen Verhältnissen nach dem Krieg. Meine Eltern hatten nicht viel Zeit, sich um meine Erziehung zu kümmern. Ihre Hauptsorge galt der Dogerie, die wieder aufgebaut werden musste, den Schulden, die bezahlt werden mussten, und einem Hausbrand, der passierte. Sie konnten sich nicht viel um mich kümmern, ich wurde mir selbst überlassen. Dennoch ging ich mit. Meine Eltern waren in dieser Hinsicht Vorbilder, und sie machten das gerne.
Man wurde nicht gefragt, ob man Lust hatte, mit in die Versammlung zu gehen. Das war selbstverständlich. Sonntags gab es meist dreimal Versammlung: zum Abendmahl, zur Verkündigung und zur Sonntagsschule. Dreimal Sonntagsversammlung war damals ganz normal. Unter der Woche gab es zwei weitere Abende, an denen man mitging, sobald man laufen konnte. Das gehörte zum Leben dazu, und es wurde nicht hinterfragt. Es war selbstverständlich.
Von klein auf war mir die Bibel bekannt, ebenso die Person Jesus Christus und Gott als unser Schöpfer. Ich hatte nie Zweifel daran, dass es sie gibt. Aber das war nie eine Herzenssache für mich. Ganz im Gegenteil: Wenn ich die Leute in der Gemeinde sah, wie sie lebten und was verkündigt wurde, war das für mich fremd und inhaltlich nichts Besonderes, sondern eher langweilig.
Wir durften kaum etwas. Es gab kein Fernsehen, das war unmöglich. Wir durften kein Radio haben. Kino galt als Vorhof der Hölle. Das Einzige, was wir durften, war Fußballspielen mit Blechbüchsen. Lederbälle gab es damals noch nicht, Gummibälle kamen erst langsam auf. Das war mehr oder weniger alles. Lesen durften wir aber.
Komischerweise durften wir in unseren Kreisen nur Bücher von besonderen Verlagen lesen. Trotzdem durften wir Karl May lesen – meine Geschwister und ich, auch meine Brüder. Ich weiß nicht genau warum, wahrscheinlich, weil meine Eltern gehört hatten, dass Winnetou sich mal bekehrt hatte oder so ähnlich. Tatsächlich war Karl May ein Schriftsteller, der nicht nur sehr farbig und spannend erzählen konnte, sondern auch Werte vertrat.
Die Helden in seinen Büchern waren ethisch einwandfreie Menschen. Wahrheit, Liebe, Hingabe und Opferbereitschaft waren zentrale Themen bei Karl May. Das habe ich natürlich aufgesogen, und es hat meine Fantasie beflügelt. So sehr, dass selbst vor wenigen Jahren manche Szenen aus diesen Büchern in meinen Träumen wieder auftauchten.
Das war für mich damals wirklich prägend. Ich weiß auch, dass das deine Kinder beeinflusst hat. Ich erinnere mich an Tabitha, die Karl May-Aufführungen gemacht und Szenen nachgespielt hat. Das hat auch deine Kinder geprägt, oder?
Ja, sie haben auch Karl May gelesen, nicht alle, aber einige. Die Mädchen nicht alle. Aber lesen generell schon. Du warst schon als Kind eine richtige Leseratte.
Ja, gezwungenermaßen, was sollte ich sonst machen? Und durch ein Buch hast du auch erste Schritte zum Glauben an Jesus Christus gemacht, oder?
Genau, das habe ich auch mitgebracht. Dieses Buch hat bei mir einen sehr hohen Stellenwert.
Das ist das Originalbuch?
Ja, das Originalbuch, ganz genau.
Johannes Busch?
Johannes Busch, genau.
Ist das eine Biografie oder was?
Soll ich dir kurz erzählen?
Ja, erzähl mal.
Weg zur Wiedergeburt durch Johannes Busch
Ja, ich war 15 Jahre alt. Mit 13 Jahren bin ich in die Lehre gekommen. Es war klar, dass ich Drogist werden sollte, weil meine Geschwister keine Lust dazu hatten. Ich war der Letzte, und ich wurde nicht gefragt, ob ich Interesse daran hätte. Eigentlich hatte ich kaum Interesse, aber der Vater hat es bestimmt. So wurde ich mit 13 Jahren aus der Volksschule entlassen.
Ich kam in eine Drogerie in Wuppertal, etwa fünf Kilometer entfernt von Schwelm, meinem Heimatort. Dort arbeitete ich bei einem grausamen, fürchterlichen Chef, dem ich heute keine Wünsche mehr sende. Es war eine schlimme Zeit für mich, aber Gott hat diesen Mann benutzt, um mich zu erziehen und zu demütigen. Es ist eine lange Geschichte. Auf jeden Fall habe ich den Mann gehasst, wie wohl kaum jemand sonst.
Du hattest schon angedeutet, dass wir kein Taschengeld bekamen, oder ich zumindest nicht. Das habe ich mir dann dadurch besorgt, dass ich schon recht früh angefangen habe zu stehlen. Vor jedem Diebstahl habe ich gebetet: „Herr, Gott, gib, dass ich nicht erwischt werde.“ Abends im Bett wusste ich ja, dass Stehlen Sünde ist. Theoretisch war mir alles klar. Ich zweifelte nicht daran, dass Gott mich sieht und kennt, aber es hat mich nie beeindruckt.
Dann habe ich wieder gebetet: „Herr, du bist ja am Kreuz dafür gestorben, vergib mir.“ Danach bin ich gut eingeschlafen und habe durchgeschlafen. Am nächsten Tag ging es ähnlich weiter. Ich wusste, dass Gott existiert, daran zweifelte ich nicht. Auch dass die Bibel Gottes Wort ist, war mir klar. Das sah ich auch bei meinen Eltern in ihrem Leben. Sie lebten wirklich mit Gott, trotz aller Strenge.
Was heißt Strenge? Als ich in die Lehre kam, habe ich zum ersten Mal wirklich einen Menschen furchtbar gehasst – meinen Chef. Er hat mich vor allen Kunden fertiggemacht und gedemütigt. Das war wirklich schlimm für mich. Manchmal bin ich aus dem Laden in den Keller gelaufen, habe mich hingesetzt und abgeheult.
Dann habe ich wahrscheinlich mein erstes aufrichtiges Gebet gesprochen: „Herr Jesus, ich habe eine große Bitte, die mir sehr, sehr wichtig ist. Bitte erfülle mir den Wunsch, dass dem Chef mal eine Lampe auf den Kopf fällt oder dass er stolpert. Ich kann ihn nicht mehr sehen. Dass er vier Wochen im Krankenhaus liegt, bitte erfülle mir diesen Wunsch.“ Das war kein schönes Gebet, aber es war aufrichtig und ehrlich.
Gott hat dieses Gebet nicht erhört. Der Chef blieb putzmunter bis zum Ende meiner Lehrzeit. Aber das war gut für mich. Damit hängt auch dieses Buch zusammen.
Ich fuhr mit der Straßenbahn zur Lehrstelle. Es war Frühjahr, und in Schwelm regnete es oft. Wenn es regnete, stellte ich mich an der Haltestelle in der Buchhandlung unter. Das war keine christliche Buchhandlung, sondern eine ganz normale. Nach meinem Eindruck gab es dort nur ein einziges christliches Buch. Und das war das Buch „Johannes Busch, ein Botschafter Jesu Christi“, geschrieben von Johannes Busch.
Wilhelm Busch kenne ich natürlich als Humorist, Johannes Busch überhaupt nicht. „Ein Botschafter Jesu Christi“ hätte mich normalerweise auch nicht gereizt, ihn kennenzulernen. Aber sein markantes Gesicht, der Glatzkopf und die Augen standen wochenlang im Schaufenster. Jedes Mal, wenn es regnete, sah ich diesen Mann. So entwickelte sich eine Art Verhältnis. Man grüßte sich fast schon.
Als meine Mutter mich dann fragte: „Hast du zum Geburtstag einen Wunsch?“, sagte ich: „Mama, diesen Kerl, den habe ich so lange da gesehen. Ich möchte gerne wissen, was hinter der Glatze steckt. Johannes Busch schenkt mir das mal, ich will es einfach lesen.“ Das hat meine Mutter sehr gerne getan, und so lag an meinem Geburtstag dieses Buch auf meinem Tisch.
Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich ein Buch gelesen, das eine Familie und eine Persönlichkeit zeigte, die für mich als Christen so attraktiv waren. Ganz anders als das, was ich bisher erlebt hatte. Als Kind nimmt man Eltern mit einer gewissen Skepsis wahr, besonders im Teenageralter. Man glaubt nicht alles, was sie sagen. Das beeindruckt einen nicht so sehr.
Aber das war für mich neu: Man kann Jesus Christus lieben, ihm folgen und begeistert von ihm sein. Man kann sein Leben für den Herrn einsetzen. Das hat mich wirklich aus den Socken gehauen. Es war unglaublich.
Dann habe ich mir mit gestohlenem Geld sämtliche Bücher von Wilhelm Busch als Autor und auch von Johannes Busch besorgt. So lernte ich die Familie Busch durch ihre Bücher kennen – die ganzen Generationen von wirklich Gott hingegebenen Menschen.
Ich kann nicht beschreiben, was das in meinem Leben verändert hat. Ich habe keine plötzliche Bekehrung erlebt, sondern es kam nach und nach. Gott hat Johannes Busch und besonders Wilhelm Busch benutzt, um mir die Augen und das Herz zu öffnen für das, was ich von klein auf wusste, das aber in mir nie etwas auslöste. Das war meine Wiedergeburt.
Ich habe das selbst gar nicht so bemerkt. Es war nicht ein Tag oder eine Stunde. Das ganze theoretische Wissen rutschte wirklich in mein Herz und meine Emotionen. Dann kann ich sagen: Die Bibel ist mir lieb geworden. Ich verstand sie nicht nur, ich liebte den Herrn und sein Wort.
Die Bibel, die ich sonst nie gelesen hatte, wurde mein liebstes Buch. Ich hatte sie immer bei mir – in der Straßenbahn, wo auch immer. Es war mir eine Freude, darin zu lesen.
So, das war lang genug. Ja, danke.
Begegnungen mit prägenden Persönlichkeiten und der Beginn der Freizeitarbeit
Es gab auch andere Menschen, die dich geprägt haben. Später bist du Wolfgang Dück begegnet. Er ist eine Persönlichkeit mit einer beeindruckenden Geschichte: ehemaliger Verbrecher, der zum Glauben gefunden hat. Vor seiner Bekehrung war er regelmäßig im Gefängnis. Nach seiner Bekehrung wurde er wirklich Evangelist – eine bemerkenswerte Transformation.
Dieser Mann hat dich gelehrt oder war dir ein Vorbild, besonders in Bezug auf Evangelisation und ein Herz für Verlorene. Er hat dir gezeigt, wie wichtig es ist, dem Auftrag von Jesus zu folgen und Menschen für ihn zu gewinnen.
Bis dahin war Wilhelm Busch so etwas wie dein geistlicher Vater, könnte man sagen. Warst du nicht auch im Theo-Weigel-Haus bei Busch und hast dort eine Art Zivildienst gemacht oder so etwas Ähnliches? Nein, das nicht, nein, nein, nein. Aber ich bin öfter dort gewesen, zu den ganzen Konferenzen, die Wilhelm Busch damals initiiert und geleitet hat – beispielsweise Testings, die Ruh-Konferenz in Essen und so weiter. Dort habe ich Wilhelm Busch dann gut kennengelernt.
Das, was er alles geschrieben hatte, auch seine Zeitschrift „Licht und Leben“, habe ich jeden Monat erwartet und verschlungen. Manche Szenen aus seinen Büchern kann ich noch ungefähr auswendig aufsagen.
Dann kam ich nach Bethel bei Bielefeld, zu den bodelschwingschen Anstalten. Das war für mich ein ganz wichtiger Meilenstein in meinem Leben. Man könnte viel darüber erzählen: Bethel ist ja nicht nur ein Dorf, sondern fast eine kleine Stadt mit vielen Häusern, deren Namen auch an die Patienten erinnern, die dort behandelt wurden.
Ich war in Kapernaum für epileptische Jungen im Alter von 15 bis 25 Jahren zuständig. Dort gab es viele gläubige Mitarbeiter. Gleichzeitig war das auch die Zeit, in der die kritische Theologie bekannt wurde. Auch in Berlin gab es eine kirchliche Hochschule, und am Wochenende kamen Studenten, um sich etwas Geld zu verdienen und halfen auf den Stationen mit. So kam ich auch mit den ganzen Theorien in Berührung, die damals aufkamen.
Dann kam die 68er-Moral und die Fragen, die auch Bethel bewegten – beispielsweise Homosexualität und Ähnliches. Das war für mich eine gute Schule. Wir hatten einen Bibelkreis für gläubige Mitarbeiter, was auch eine schöne Sache war.
Gegen Ende meiner Zivildienstzeit kamen dann ein paar Studenten in unseren Bibelkreis, die sonst nie da waren. Sie erzählten, dass sie die Fakultät wechseln müssten – nach Erlangen oder Münster, wohin auch immer – und hatten eine Arbeit unter asozialen Kindern begonnen. Man sagte damals noch so. Sie wünschten sich, dass jemand von den Anwesenden die Arbeit weitermacht.
Da wusste ich ganz genau: Jetzt musst du dich melden. Bis dahin hatte ich eingesetzt, wo ich konnte, um irgendwie zu helfen, Traktate weiterzugeben, Bücher zu empfehlen und so weiter. Ich hatte immer gebetet: „Herr, zeige mir doch auch meine Aufgabe.“ Das andere war selbstverständlich, aber ich wollte gerne wissen, was der Herr mit mir vorhat.
Als diese Studenten dann fragten, wer bereit sei, hinzugehen, wurde mir klar: Jetzt musst du dich melden. Wenn du das nicht tust, dann … Das passte zu einer wichtigen Weiche in meinem Leben. Ich wusste nicht, was asozial bedeutet, und Kinderarbeit kannte ich auch nicht. Aber ich wusste, dass ich herausgefordert werde.
Also meldete ich mich. Eine Krankenschwester meldete sich auch. Dann erkundigten wir uns, wo die damals sogenannten Baracken waren. Das war für mich natürlich auch ganz abenteuerlich, so etwas kannte ich gar nicht. Dann sind wir dorthin gegangen.
Das war so, wie man sich in seinen Vorstellungen ein asoziales Gebiet vorstellt: Pfützen, Dreck, Unrat auf der Straße, vergammelte Häuser und so weiter. Aber die Kinder waren sehr kontaktfreudig. Es war gar nicht schwierig, sie zu begeistern. Ich hatte neben der Bibel auch noch ein bisschen Süßigkeit in der Tasche.
Dann öffnete sich ein Fenster unter der Treppe, auf der ich saß und mit den Kindern Bibelarbeit machte oder Geschichten erzählte. Eine richtige alte Furie schimpfte heraus: „Ihr Christen seid alles Lügner!“ Ich fragte: „Wie bitte?“
Sie sagte, ihre Kollegen oder Vorgänger wollten eine Freizeit machen, 50 D-Mark fürs Wochenende. Sie hatten ihre Kinder angemeldet, aber das fiel ins Wasser. „Ihr haltet kein Wort, ihr seid Lügner!“
Ich sagte spontan: „Dann wollen wir mal sehen. Wir machen eine Freizeit mit Ihren Jungs, sieben Tage lang, eine Woche, für fünf D-Mark.“ Sie antwortete: „Dann können Sie ja gleich meine Kinder haben. Da wollen wir mal sehen.“
Während ich das sagte und die Frau schimpfte, dachte ich daran, dass die Abfindung für die Zivildienstzeit fällig wurde – damals etwa 300 Mark. Ich dachte: So eine Woche Zelten, 300 Mark, da kommst du hin. Dann hast du guten Kontakt zu den Kindern, und die Eltern werden wahrscheinlich auch ein anderes Bild von Christen bekommen.
Das schien gut zu laufen. Ich hatte sofort die ersten Anmeldungen. Dann kam eine Krankenschwester und eine Kindergärtnerin auf mich zu und sagten: „Wenn du das schon in der Freizeit machst, frag doch mal Bruder Stiller.“ Das war ein alter Diakon, der ein Haus in Bethel leitete. Er hatte mit seinen Patienten oder in der Vergangenheit dort Freizeiten in einem urigen Haus in der Senne bei Stukenbrock gemacht.
Ich fragte ihn, ob ich da für wenig Geld rein könnte. Als ich ihm unser Anliegen vorstellte, grinste er mich nur an und sagte: „Geld braucht er nicht zu zahlen. Wenn er da ein bisschen aufräumt, darf er eine Woche dort sein.“
Ich wusste gar nicht, was das bedeutete. Ich fuhr mit ein paar Freunden dahin. Es war wirklich wie ein Märchenhaus, wie man es sich vorstellt: nur Holz, am Rande des Teutoburger Waldes, weit weg von anderen Häusern, mit ganz kleinen Räumen, alles bunt bemalt. Es gab kein fließendes Wasser, nur eine Pumpe, keine Elektrizität, nur einen Ofen und eine einzige Toilette, die abenteuerlich zu benutzen war.
Alle Fensterscheiben waren kaputt, und man merkte, dass dort ein Landstreicher gewohnt hatte. Die brauchten gar nicht zur Toilette zu gehen, sie hatten teilweise in die Decken gemacht. Es stank furchtbar.
Wir räumten auf und setzten Scheiben ein. So wusste ich auch, warum der Diakon uns so merkwürdig eingeladen hatte. Ich sagte: „Aber da ist ein Haus, da passen 30, 40 Leute rein. Herr, mit sieben Jungs ist das zu wenig.“
Dann bekam ich einen Rat: Frag doch mal, ob du in den Übergangswohnungen, wo kinderreiche Familien wohnen, Jungs und Eltern findest, die Spaß daran haben, ihre Kinder dorthin zu schicken.
Ich besorgte mir die Adressen und ging in ein Wohngebiet namens Teichsheide. Ich hatte vorher Einladungen gedruckt: eine Woche Freizeit für fünf D-Mark, und verteilte sie am Sandkasten.
Dort saßen strohblonde Jungs. Einige Minuten später kamen sie zurück und sagten: „Meine Eltern wollen dich sprechen, kommst du bitte mit?“ Ich ging mit, mit ziemlichem Bangen.
Es war ein älteres Ehepaar mit einem komischen Dialekt. Sie fragten: „Fünf D-Mark für eine Woche ist ja nicht gewöhnlich. Was haben Sie vor mit den Jungs? Warum machen Sie das?“
Ich begann zu stottern und sagte: „Die Jungs müssen mal raus hier, aus der Enge, in den Wald und die Wiese, damit sie frische Luft kennenlernen.“ Wir redeten weiter. Sie fragten viel nach, und meine Antworten und Entschuldigungen gingen langsam aus.
Schließlich sagte ich: „Im Grunde möchten wir Ihre Jungs für die Bibel und für Jesus Christus interessieren.“
Sie riefen aus: „Das ist ja gewaltig, Gott sei Dank! Wir haben so lange dafür gebetet, dass unsere Jungs jemanden kennenlernen, der sich um sie kümmert.“ Sie meldeten sofort drei oder vier Jungs an. „Wir haben auch viele Freunde, wir sind Mennoniten.“ Damals wusste ich überhaupt nicht, was Mennoniten sind, ich hatte noch nie davon gehört. Vielleicht kommen da noch mehr.
Um es kurz zu machen: Wir hatten etwa 30 bis 40 Anmeldungen und starteten die erste Freizeit. Gott sorgte dafür, dass wir das Geld dafür bekamen. Das führte dazu, dass wir die Arbeit erweiterten.
Später konnte man das Haus das ganze Jahr mieten. So vervielfältigte sich die Arbeit im Schneeballsystem: Einer lud den anderen ein. Die Freizeiten wurden mit der Zeit etwas teurer – 10 oder auch 20 D-Mark.
Viele Kinder im Alter von 12 bis 15 oder 16 Jahren kamen so zum Glauben, ohne dass wir das vor Ort bemerkt hätten. Wir riefen nie zur Bekehrung auf, wiesen aber klar darauf hin. Wir übten keinen Druck aus, sondern versuchten, den Herrn Jesus vorzustellen, ihn zu bezeugen und liebenswert zu machen.
Nach der ersten Woche besuchte ich die Familien und bekam Einblick in die Verhältnisse. Ich stellte fest, dass diese 14-jährigen Jungs bereits Bibelkreise gebildet hatten, andere eingeladen hatten, und diese kamen dann zu den nächsten Freizeiten.
Sie gingen sofort praktisch an die Arbeit und gaben weiter, was sie verstanden hatten. Mit der Zeit wurden sie unsere besten Mitarbeiter.
Mit ihnen habe ich dann auch – oder wir gemeinsam – den Verlag CLV gegründet. Das war eine lebenslange Freundschaft bis heute.
Jetzt weiß ich, ob ich deine Frage beantwortet habe. Du hast meine Frage eigentlich nicht beantwortet, aber das macht nichts. Du bist schon zum nächsten Thema gesprungen, der Freizeitarbeit. Das war so der Start der Freizeitarbeit. Darüber reden wir gleich noch.
Einfluss von Wolfgang Dück und Evangelisation
Aber noch einmal zurück zu der Frage: Wolfgang Dück, genau. Er war auch eine prägende Persönlichkeit. Wie hängt das zusammen?
Es war so, dass aus irgendeinem Grund Pastor Richter, der Leitende Pastor für die Diakonschule Nazareth war, zu einem Seminar für Evangelisation einlud. In dieser Diakonschule wurden Diakone ausgebildet. Das hatte aber zunächst nichts mit Bethel oder Ähnlichem zu tun. Doch doch, die Diakone für Bethel wurden auch in Nazareth ausgebildet. Das war eine dreijährige Ausbildung und so weiter.
Pastor Richter war ein tiefgläubiger Mann und lud zu einem Seminar für Evangelisation ein. Wolfrand Dück, ein Name, den ich vorher nie gehört hatte, sollte das Seminar halten. Für Bethel war das eigentlich ungewöhnlich, denn dort waren eher seriöse Lutheraner zuhause – erweckliche Lutheraner könnte man sagen, Pietisten, wenn es gut ging, ein bisschen steif und förmlich, liturgisch und so weiter.
Und jetzt sollte ein Evangelist kommen und ein Seminar zur Evangelisation halten – das war also ganz unnormal. Einige Freunde von mir und ich, die wir dort Zivildienst machten oder eine Ausbildung absolvierten, sagten: „Da müssen wir natürlich hin.“ Wir bekamen eine Woche lang eine Frage aufgegeben und lernten so Wolfgang Dück in jungen Jahren kennen.
Er predigte so provozierend und herausfordernd. Auch durch sein praktisches Leben und seine Effessionen waren die seriösen Diakone, die dort saßen, entsetzt. So eine Art von Effession und Frömmigkeit kannten sie gar nicht. Wir jungen Leute hingegen waren natürlich sehr herausgefordert und begeistert davon. Da ging mal richtig was ab. Das kann ich dir sagen.
Der hatte doch irgendeinen Spitznamen, oder? „Schrei als Gottes“ nannte man ihn.
Was war denn da so anders im Vergleich zu dem liturgischen, so wie man Kirche im evangelischen Respekt kannte?
Da könnte ich jetzt stundenlang erzählen. Wir haben immer ein Highlight: Was hat euch als junge Männer so fasziniert? Er ging in die Kneipen, in die Bordelle, in die Diskotheken. Morgens stand er auf der Straße, mittags vor Schulen, abends ebenfalls auf der Straße und nachts in den Diskotheken. Er war rundum unterwegs mit einer unglaublichen Redegabe als geborener Berliner. Er hatte eine große Schnauze, wirklich, aber auch viele Erlebnisse.
Er hatte immer einen Koffer mit Gegenstandsllektionen dabei, die er zelebrierte. Die waren oft sehr lustig. Zum Beispiel, wenn er das Geschwätz von Pastoren illustrieren wollte, zog er ein aufdrehbares Kukidentgebiss hervor und machte ein klack-klack-klack-Geräusch: „Das sind die Pastoren heute.“ Das war natürlich keine Freude für die anwesenden Diakone, aber wir waren begeistert.
Dann wagte er zu sagen: „Ja, Wilhelm Busch war ja ein guter Evangelist und so weiter, aber er hätte was gegen die Bild-Zeitung.“ Er würde jeden Tag die Bild-Zeitung lesen, damit er Anknüpfungspunkte für die Predigt hat. Das war für mich fast schon eine Lästerung, so etwas zu hören, aber er hatte natürlich Recht.
Er hatte deswegen auch immer Stoff, denn er wusste genau, was im Fußball, in der Politik oder sonst an Sensationen oder Unfällen geschehen war. Darauf konnte er anknüpfen, wenn er auf der Straße stand oder in die Kneipen ging.
In der damaligen Zeit hatte er einfach einen anderen Blick auf die Lebenswelt der Menschen, die er erreichen wollte.
Ganz genau. Und wenn er in die Kneipen ging, hatte er auch immer ein mobiles Gerät dabei, einen Schallplattenspieler. Damals gab es ja die kleinen Schallplatten. Oft legte er dann Louis Armstrong oder andere Künstler auf, aber auch Schlager wie „Die Welt ist kaputt“. Das werde ich nie vergessen. Das hat er sehr gerne von Bill Ramsey aufgelegt: „Die Welt ist kaputt, kaputt, kaputt.“
Ich habe eine Frage: Wo ist denn hier die Müllabfuhr? Wohin mit diesem Schutt?
Da kannten alle den Schlager. Dann fing er an zu erzählen: „Ja, Golgatha, Jesus Christus, Müllkippe, die Welt ist kaputt. Ich brauche euch nicht zu sagen, wohin mit dem Schutt eures Lebens. Ja, da ist einer für gestorben.“ Und dann knüpfte er ganz selbstverständlich an das an, was alle kannten. So führte er die Zuhörer zu Jesus Christus.
Das war seine besondere Begabung.
Nachdem ich mit dem Zivildienst fertig war, habe ich ihn oft begleitet und war mit ihm unterwegs. Es gibt tausend Geschichten, aber das würde zu lange dauern.
Was hat Wolfgang Bühne vom Wolfgang Dück gelernt, was er zu Hause nicht von seinen frommen Eltern gelernt hat?
Weniger von den frommen Eltern. Evangelisation war damals in unseren Brüderversammlungen eine Sache, die man einmal im Jahr oder alle zwei Jahre praktizierte. Man lud einen Evangelisten ein, machte eine Veranstaltung, verteilte Einladungen und im eigenen Gemeindehaus kamen dann viele Fromme zusammen. Wenn man Glück hatte, verirrte sich der eine oder andere auch mal dorthin.
Dann wurde kraftvoll aus der Vergehung gepredigt, aber es passierte nichts. Die Leute, die man eigentlich erreichen wollte, kamen nicht.
Bei Dück war das immer seine Predigt und auch seine Herausforderung an die Christen: Es ist nicht der Zulauf der Massen verheißungsvoll, aber der Massen nachzulaufen ist uns befohlen. Also immer dahin zu gehen, wo Menschen sind.
Das war es, wofür mir Wolfgang Dück die Augen geöffnet hat. Und das hatte auch mit meiner Vorgeschichte zu tun. Ich hatte den Weg zu den Asozialen gefunden und den Kontakt zu ihnen. Ich merkte, dass man mit den Leuten reden kann.
Deswegen war Wolfgang Dück für mich eine ganz wichtige Person. Leider ist er ja früh heimgegangen. Er war elf Jahre im Zuchthaus, so nannte man das damals, als Gewohnheitsdieb. Gott hat ihm genau elf Jahre Zeit gegeben, um zu evangelisieren.
Daraus ist dann auch das Buch „Vom Knast zur Kanzel“ entstanden.
Ich hatte seine ganzen Unterlagen geerbt und fragte damals Ulrich Barzani, den Nachfolger von Wilhelm Busch: „Du hast ihn doch auch gekannt, willst du nicht eine Biografie darüber schreiben?“ Er sagte: „Nein, ich habe keine Zeit dafür. Du solltest einfach mal anfangen.“
Ich sagte: „Ich habe nie mehr etwas geschrieben, und Deutsch war mir nicht so gut.“ Er meinte: „Na, fang mal an.“
Nach ein paar Jahren begann ich dann tatsächlich, sortierte alles und baute auch meine eigenen Erfahrungen mit ein.
So entstand das erste Buch, das ich schreiben durfte: „Vom Knast zur Kanzel – Das Leben des Wolfgang Dück.“ Es ist bis heute in vielen Auflagen erschienen.
Lehren für die heutige Alltagsmission
Was kann man heute von Wolfgang Dück lernen? Damals, nach der Kriegszeit, herrschte bereits eine Offenheit für das Evangelium. Dann kamen die Achtundsechziger – eine Art Revolution, eine Kulturveränderung. Die jungen Leute prägten diese Zeit, und genau in dieser Phase wirkte Wolfgang Dück elf Jahre lang.
Heute leben wir in anderen Zeiten. Was können wir heute noch von Wolfgang Dück lernen, um Alltagsmission zu leben?
Zunächst einmal: Phantasie entwickeln. Wie kann ich durch Gegenstandsflexion oder besondere Geschichten, vielleicht sogar durch Schlager, das Lebensgefühl der Menschen und ihre Einsamkeit sowie Verlorenheit deutlich machen? Die Schlagerwelt kann man ja auch nutzen, um solche Themen anzusprechen.
Außerdem sollte man sich Mühe geben, die Interessen der Menschen, ihren Zustand, ihre Hobbys und auch ihre Langeweile zu erkennen. Darauf aufbauend kann man sie dann zum Evangelium hinführen. Es geht darum, einfach Kontakt zu suchen.
Bei Dück blieb es nie beim Predigen. Er sprach mit den Leuten und ließ sie an seinem Leben teilhaben. Durch den Beginn der Freizeitarbeit hatten wir Zugang zu Menschen und lernten ihr Lebensgefühl und ihre Umstände kennen.
Dück nahm uns sogar einmal mit in ein Bordell, ohne dass ich damals wusste, dass es ein Bordell war. Heute gehe ich natürlich nicht dorthin, und das ist auch nicht mein Auftrag. Da sollte man sehr vorsichtig sein. Aber grundsätzlich haben wir gelernt, uns mit den Inhalten und dem Zustand der Menschen zu beschäftigen, diesen zu erkennen und zeitgemäße Antworten zu geben. Dabei ist es wichtig, die Gemeinschaft mit ihnen, die Gesellschaft, zu suchen.
Ich denke, wir sind uns einig, dass heute die beste Methode nicht Massenveranstaltungen oder große Organisationen sind. Auch Zelte können Gott natürlich benutzen, das tut er auch. Aber die persönlichen Kontakte durch Freundschaft und Einladungen zum Essen sind oft viel wirkungsvoller.
Ein Beispiel: Einige Freunde von mir, Gordon Winter und seine Gruppe in Paderborn, laden einmal im Monat zu einer kostenlosen Pizza ein. Dort wird ein Riesenbuffet aufgebaut, zu dem jeder kommen kann, ohne einen Pfennig zu zahlen. Sie laden ihre Kollegen, Schulkameraden oder wen auch immer mit ein. Die Gäste sind oft erstaunt, dass es so etwas überhaupt gibt. Es gibt ein wunderbares Essen, eine Andacht von zehn bis fünfzehn Minuten und eine Einladung zum Bibellesen.
Das hat dazu geführt, dass in der Umgebung einige Gemeinden entstanden sind, die von Leuten besucht werden, die vorher nichts mit dem Glauben zu tun hatten. Das ist nur ein Beispiel; es gibt noch viele andere.
Wichtig ist also, einerseits die Tür aufzuhalten und andere ins eigene Leben hineinzulassen. Andererseits sollte man echtes Interesse am Gegenüber zeigen, an seiner Lebenswelt, die oft ganz anders tickt als die eigene christliche „Bubble“. Daraus herauszukommen und sich wirklich zu interessieren, ist entscheidend.
Wenn Wolfgang Dück sagte: „Logisch lese ich die Bild-Zeitung, dann weiß ich, wie die Menschen ticken“, stellt sich heute die Frage: Wie findet man heraus, was die Menschen bewegt? Heute gibt es das Internet, und man kann dort auch die Bild-Zeitung lesen – obwohl ich das selbst nicht tue und auch nicht empfehle. Denn neben vielen interessanten Geschichten werden dort oft auch viel sexueller Schmutz sowie fragwürdige Bilder und Berichte verbreitet. Damit möchte ich mich nicht belasten.
Aber es gibt andere Möglichkeiten. Immer wenn man Kontakte sucht, findet man heraus, was die Menschen interessiert. Fußball zum Beispiel ist ein gutes Thema, besonders bei Männern. Da kommt man schnell ins Gespräch.
Glücklicherweise gibt es inzwischen auch Initiativen, die das Evangelium freimütig bezeugen. Einige sehen Fußball als Möglichkeit, Menschen zu erreichen. Ein Beispiel ist „Fußball mit Vision“. Ich habe mit Manuel, einem der Verantwortlichen, hier im Podcast gesprochen. Wir können den Kontakt gerne noch einmal verlinken.
Diese Initiative hat Zugang zu Profifußballern. Sie missionieren nicht nur Amateurfußballer, sondern ermutigen auch christliche Profis, ihre Zugänge zu nutzen.
Ein kurzes Beispiel: Ein guter Freund von mir ist sehr schüchtern und introvertiert. Trotzdem hat Gott ihn benutzt. Er geht jeden Samstag oder Sonntag zu Spielen der ersten und zweiten Bundesliga. Es ist ihm gelungen, in der Halbzeitpause und nach dem Duschen, also am Ende, Zugang zu den Profis zu bekommen und ihnen die Sportlerbibel zu geben. Das macht er schon seit zehn oder zwanzig Jahren.
Ich kenne ihn gut und habe ihn einmal in einem Video porträtiert. Viele Spieler sind dadurch zum Glauben gekommen oder haben zumindest die Bibel gelesen und weitergegeben. Das ist kaum zu glauben.
Zusammenfassend kann man sagen: Von Wolfgang Dück lernen wir, Phantasie zu entwickeln, den Menschen wirklich zuzuhören, ihre Lebenswelt zu verstehen und persönliche Beziehungen zu pflegen. So können wir heute Alltagsmission leben.
Entwicklung der Freizeitarbeit und Herausforderungen
Zurück zur Freizeitarbeit
Es gab später auch Freizeiten für Mädchen, nicht nur für Jungs aus schwierigen Verhältnissen. Wie hat sich die Freizeitarbeit konkret weiterentwickelt? Vielleicht noch einmal zurück: Du hast von der ersten Freizeit erzählt, die du gemacht hast. Die war sehr ursprünglich. Wie liefen dann später die Freizeiten ab? Hatten sie ein bestimmtes Format, das sich wiederholte? Kannst du dazu ein bisschen erzählen?
Ich habe also nie vorgehabt, Freizeiten durchzuführen. Das ergab sich immer so in meinem Leben, dass Gott plötzlich eine Tür geöffnet hat. Ich weiß nicht, ob ich in jede Gelegenheit hineingegangen bin, aber in einige schon. Sonst würde ich hier nicht sitzen. Diese erste Freizeit hat so viel Frucht gebracht und so viel Interesse bei den Jungs geweckt, dass sie ihre Freunde eingeladen haben.
So haben wir dann nach einem Jahr alle Schulferien genutzt, mit Ausnahme der Winterferien. In dem ganzen Haus gab es nur einen Ofen, und es wurden immer mehr Teilnehmer. Nach drei, vier Jahren kam die Frage auf, ob das so weitergehen könne. Das hat einfach nicht mehr funktioniert. Auch die Schwestern hatten nur diesen sogenannten „Donnerbalken“ und kein fließendes Wasser, sondern nur eine Pumpe. Das Dach war kaputt, und Ziegel fehlten.
Die Bauern sagten immer, wenn wir kommen, gibt es schönes Wetter, aber ab und zu hat es doch auch geregnet. Das ging einfach nicht mehr. Also haben wir gebetet: Herr, zeige uns eine Möglichkeit.
Das ist jetzt auch wieder eine lange Geschichte. Uns wurde hier in meiner Gegend in Schoppen ein alter Bauernhof empfohlen, der zu kaufen war. Ein Bruder, der ein bisschen Geld hatte, hat ihn gekauft und uns dann vermietet. So hat sich eins aus dem anderen ergeben.
Wir haben dann angefangen, auch eben dort in meiner Zeit erst in Schwelm, wo ich zu Hause war, und dann auch in meiner Zeit, uns um Jungs und junge Menschen zu kümmern. Irgendwann waren die Mädchen auch dran. Die wollten gerne auch an den Freizeiten teilnehmen. Die Schwestern, die damals in der Küche für Essen und Trinken sorgten, haben dann angefangen, Mädchenfreizeiten zu organisieren. Ich glaube, deine Frau kann man da auch noch dazuzählen. So hat sich das entwickelt.
Dann kamen auch Erwachsene zu Wochenenden, die kostenlos waren, mit einem ganz tollen Essen, das Margrethe und Ilse Schmale zubereiteten. Manche dachten schon, die kämen nur wegen des guten Essens. Die Freizeiten standen immer unter einem Sachthema, aber mit einer evangelischen Zuspitzung.
Viele Jahre, ich glaube heute sind es schon 20 bis 30 Jahre, sind viele junge und ältere Leute gekommen. Einige kamen zum Glauben, andere nicht. Natürlich sind nicht alle zum Glauben gekommen. Aber es hat sich so entwickelt.
Anfänglich waren es eher Kinder, Jungs aus asozialen Verhältnissen, und nicht so sehr Kinder aus christlichen Gemeinden. Wie haben die Gemeinden darauf reagiert?
Wir kommen aus einer Gemeinderichtung, die sehr traditionell ist. Allein die Tatsache, dass ihre Kinder in einer Freizeit waren mit nichtchristlichen oder nicht christlich erzogenen Kindern, war für viele schon ein Grund, gegen diese Freizeitarbeit zu sein. Das sei eine Vermischung mit der Welt, sagte man damals.
Das hatte enorme Folgen, auch für mich und meine Familie. Es wurde vorgewarnt, und das hat lange gedauert. Bis heute ist es in diesem konservativen Kreis und in Brüderversammlungen nicht selbstverständlich, dass man Freizeiten macht und dazu Ungläubige einlädt. Aber in den Anfängen, in den Siebzigerjahren, war das undenkbar.
Man hat vor meiner Person gewarnt, besonders vor denen, die mitgearbeitet haben. Das hat enorme Probleme und viel Kritik ausgelöst. Aber ihr habt die Arbeit weitergemacht. Wie muss ich mir das vorstellen? Wie sah die Nacharbeit aus?
Also, Kinder kommen aus einem Elternhaus, wo sie noch nie etwas über Jesus gehört haben. Sie kommen für ein paar Tage zur Freizeit, die eine Woche oder zehn Tage dauerte. Dann gehen sie wieder nach Hause. Hattet ihr danach weiter Kontakt? Was ist mit denen passiert? Kamen sie wieder im nächsten Jahr? Wie lief das?
Das ist auch wieder eine lange Geschichte, hoffentlich nicht zu lang. Als ich vom Zivildienst nach Schwelm zurückkam, hatte ich mich inzwischen mit Ulla verlobt. Wir wollten heiraten und haben es auch getan. Ich habe dann die Arbeit in Schwelm mit Sport und Bibelstunden weitergeführt.
Auch in Gebeten, wo Obdachlose oder Familien, die keine Miete zahlen konnten, genannt wurden. Die Baracken wurden einfach so genannt. Die Jungs kamen dann nicht nur samstagnachmittags für eine Stunde zur Bibelstunde, sondern besuchten uns fast jeden Tag, als wir unsere Wohnung bezogen hatten.
Ihr als junges Ehepaar? Ja, genau. Unser Michele war schon geboren, wir wohnten im dritten oder vierten Stock in einer Drei-Zimmer-Wohnung. Aber fast jeden Tag hatten wir Besuch. Die kannten es gar nicht, dass man Kontakt zu Eltern hat oder dass sich überhaupt jemand um sie kümmert.
Das führte dazu, dass wir nicht nur samstagnachmittags Sport und Spiele machten. Wir organisierten Turniere, bei Regen mit Malefiz oder Mensch ärgere dich nicht. Man konnte sich auf einer großen Liste eintragen. Für die ersten drei Plätze gab es einen kleinen Geldbetrag, glaube fünf, drei und ein Euro. Das war das Geld für ein Buch, das man sich aussuchen konnte.
So lernten fast alle, die Sonderschüler waren – keine Hauptschüler, geschweige denn Realschüler – lesen und liebten spannende Bücher und die Bibel. Sie hatten alle eine Elberfelder Bibel, eine alte Übersetzung, und hatten keine Probleme damit. Das ganze Gerät, dass man heute neuere Übersetzungen braucht, kann ich gar nicht nachvollziehen.
Ist deine Lieblingsübersetzung die Volksbibel? Kannst du dir denken, naja. So wuchsen wir zusammen.
Weil ich die Kinder dann auch mit einem kleinen alten Bus abends nach Hause brachte, meist nach sieben, acht Uhr, lernte ich auch die Eltern kennen. Dann geschah ein schlimmer Unfall, ohne dass ich das geplant oder bemerkt hatte.
Als ich die Kinder abgeladen hatte und wegfuhr, stellte sich ein Junge hinten auf die Schultern, um mitzufahren. In einer Kurve wurde er herausgeschleudert. Ich habe das nicht gemerkt. Morgens um sechs oder sieben Uhr stand die Polizei bei mir vor der Tür und sagte, ich hätte einen schweren Unfall gehabt. Ein Junge sei im Krankenhaus mit Schädelbasisbruch schwer verletzt.
Das führte dazu, dass die Mutter, eine Prostituierte, mich fragte, ob ich den Jungen nicht in unsere Familie aufnehmen wolle. Was macht man da? Wir hatten gerade eine Fehlgeburt, ein zweites Kind. Ich sprach mit Ulla darüber, ob das nicht ein Wink von Gott sei. Gott hatte uns ein Kind genommen und vielleicht jetzt so einen Jungen gegeben. Ob wir das nicht annehmen wollten.
Das war für mich etwas vorschnell. Heute würde ich das nicht mehr so machen. Aber Gott hat das auch benutzt. Mit der Zeit kamen nicht nur ein oder zwei, sondern eine ganze Reihe von Kindern.
Als wir dann nach meiner Zeit nach Schoppen umzogen, nahmen wir sie alle mit. Moment, gleich alle mitgenommen? Das heißt, ihr habt mehrere aufgenommen, nicht nur eins? Genau. Harald war einer von ihnen, und andere kamen noch dazu.
So fing das an. Weil wir dann auch viel mit der Gefährtenhilfe investierten, wurden wir bekannt mit Kriminellen und Drogensüchtigen. Das ist auch eine lange Geschichte. Man kann diesen Leuten ja nicht nur ein Traktat geben oder mal eine Tasse Kaffee. Man muss auch praktisch helfen.
Wenn sie keine Unterkunft hatten und wir ein Zimmer frei, nahmen wir sie auf – für Wochen, Monate oder Jahre. Das heißt, ihr habt nicht nur Pflegekinder aufgenommen, sondern auch kriminelle Leute, die aus dem Gefängnis kamen und wieder Fuß fassen wollten? Ja, auch Alkoholiker, Drogensüchtige und psychisch Gestörte.
Das wurden so viele, dass wir irgendwann eine Gefährtenhilfe eröffneten. Ich kann mir vorstellen, ihr seid als Ehepaar auch an Grenzen gekommen. Wie muss ich mir das vorstellen? Wann hast du das gemerkt?
Wenn man das Haus jeden Tag öffnet und es immer voll ist, ist das eine brutale Mischung: eigene Kinder erziehen, Pflegekinder, dazu Ex-Knackis. Ja, aber dazu muss man sagen, das klingt jetzt alles abenteuerlich. Wir konnten Zivildienstleistende anstellen, darunter waren immer wertvolle Leute. Einer wurde sogar unser Nachfolger, Herr Andreas Fett.
Dann waren immer Schwestern da, die bereit waren, für ein Jahr in der Küche zu arbeiten, damit meine Frau nicht kochen musste. Dazu gehörte auch deine Frau. Da habe ich sie kennengelernt.
Ja, das wusste ich noch nicht. Das kann ich nie wieder gutmachen! Dann die Schwestern Schmale, die für uns und die Freizeiten kochten, die ganze schmutzige Wäsche der Jungen, der „Halunken“, wuschen, putzten und vieles mehr. Die haben wirklich ihr Leben eingesetzt. Für mich ist bis heute unfassbar, wie solch eine Selbstlosigkeit und Liebe zum Menschen, gerade von Schwestern, praktiziert werden kann.
Es war also nicht so schwer, wie es sich anhört. Alle halfen mit, so gut sie konnten. Aber es war zu viel, hinterher.
Würdest du sagen, dass du es heute wahrscheinlich nicht noch einmal machen würdest?
Weiß ich nicht. Aber eben, als ich sagte, ich habe das erste Kind aufgenommen, das würde ich heute wahrscheinlich nicht mehr so machen. Oder was meinst du damit? Oder jetzt besonders diese Person?
Meine Frau kam gerade aus dem Krankenhaus nach der Fehlgeburt. Dann hatten wir so einen Jungen, der mit zehn Jahren nachts einkotete und den Dreck in Unterhosen unterm Bett versteckte, damit niemand es merkt. Das war für sie nicht die richtige Zeit, um so etwas zu machen.
Ich habe leider viel zu wenig Rücksicht auf meine Frau genommen. Das habe ich viel zu spät gemerkt. Von daher bitte ich, vorsichtig zu sein. Das war aufrichtig von mir, und für meine Frau war es auch klar: Wir haben uns auf dem Friedhof verlobt.
Warte, wie bitte? Ihr habt euch am Friedhof verlobt?
Ja, natürlich, am Grab von Wilhelm Busch, zumindest in der Nähe. Der Friedhof war abgeschlossen, wir mussten über den Zaun steigen. Das wollte ich dann auch nicht. Ich glaube, ich habe das ja auch gelesen. Das kann man hier auch nachlesen.
Das kann man nachlesen. Also, das Buch ist wirklich cool. Ich habe es auch gelesen. Ich wollte damit nur deutlich machen: Auch für meine Frau war klar, unser Leben gehörte dem Herrn, unsere Zeit gehörte dem Herrn, unser Geld gehörte dem Herrn.
Aber wir haben als Ehemänner auch die Pflicht, für unsere Frau zu sorgen, sie zu ehren, zu pflegen und zu lieben. Bei ihr zu wohnen, als im schwächeren Gefäß. So ist es. Und das habe ich erst viel zu spät gemerkt. Das steht auch in der Bibel, und das sollte man nicht nachmachen.
Ihr habt ja auch nicht nur schöne Zeiten, sondern auch Tiefen mit euren Mitbewohnern erlebt. Ihr wurdet schon öfter beklaut, übers Ohr gehauen und so weiter. Wird man da nicht irgendwann bitter und sagt: Herr, ich gebe hier alles und dann passiert mir auch noch sowas? Hast du das nie gehabt?
Klar, hat man das im ersten Moment. Aber wenn sich so etwas häuft und man viel die Bibel liest und Biografien studiert, merkt man, was für ein kleines Licht man ist. Man muss sich immer an Idealen messen. Im Vergleich dazu war das, was wir gemacht haben, nichts Besonderes.
Auch die Enttäuschungen hielten sich in Grenzen. Wir haben so viel Schönes und viel Ermutigung erlebt. Das hat sich die Waage gehalten. Viel schlimmer waren die Anfeindungen von entschiedenen Christen. Das war schwerer, aber auch das hat Gott benutzt, um mich zu erziehen.
Man hat Spuren hinterlassen. Aber was ist mit dem Vertrauen zu den Menschen? Wenn man von solchen Leuten beklaut und hintergangen wird, die man aufgenommen hat und denen man ein Dach und Liebe bietet – wie hat das euer Vertrauen in solche Menschen verändert oder getrübt?
Das hängt vom Menschenbild ab. Wenn ich mir selbst alles Böse zutraue, kann ich anderen nicht böse sein, wenn sie böse sind. Ich bin ja auch zu allem fähig, wenn Gott mich nicht bewahrt.
Wir haben viel für diese Leute gebetet. Eine Erfahrung von mir ist: Für die, für die man betet, empfindet man keine Bitterkeit. Man betet vielleicht zwanzig, dreißig Jahre und erlebt dann, dass Gott die Gebete erhört.
Das sollte man immer bedenken. Das kann man auch vom Bodelschwingh selbst lernen: Man gibt Menschen nie auf, sondern hat Geduld, liebt sie weiter und betet für sie.
Dienst in Gefängnissen und persönliche Erfahrungen
Zusätzlich zu dem, was ihr gemacht habt – die Freizeitarbeit, Pflegekinder aufnehmen, Menschen ins Haus aufnehmen und ihnen eine zweite Chance geben – warst du auch noch mit der Gefährdetenhilfe unterwegs. Du warst beim Scheideweg in Gefängnissen, hast dort gepredigt.
Wie hat das deinen Glauben geprägt? Wenn man in den Knast kommt, den Menschen in die Gesichter schaut – Menschen, die sich ihre Zukunft verbaut haben –, und dort Hoffnung durch Jesus Christus bringt, das Evangelium predigt, dann erlebt man sicher viel. Was hat das mit dir gemacht?
Ja, das bewirkt auf jeden Fall ein großes Mitgefühl. Es sind teilweise ganz tragische Geschichten, die man dort mitbekommt. Aber auch von diesen Menschen wird man natürlich manchmal übers Ohr gehauen. Das haben wir auch erlebt. Sie beten auch sehr schnell mit einem, und wir nutzen dann die Frömmigkeit, um ihre Vorteile zu erreichen. Das ist auch wahr.
Man lernt Menschen aller Schattierungen kennen und erlebt viele Enttäuschungen. Viele von ihnen haben sich dann auch an uns gewandt, weil sie kein Zuhause hatten. Einige waren dann für eine Zeit bei uns. Dabei haben wir auch manche üble Erfahrungen gemacht.
Das hat schließlich dazu geführt, dass wir angefangen haben, kleine Bücher zusammenzustellen. Darin sind Zeugnisse von Menschen aus diesem Milieu, die aber wirklich glaubwürdige Christen sind. Das war für uns auch ganz wichtig.
Leben heute und neue Herausforderungen
Ihr hattet früher oft ein offenes Haus. Du hast Alltagsmission, so darf ich das nach Heuke Barth sagen, gelebt. Wie sieht das heute aus? Kannst du das noch praktizieren? Habt ihr ein offenes Haus? Bist du irgendwie – ich meine, im Freizeithaus bist du auch noch unterwegs, obwohl du die Arbeit schon lange nicht mehr machst – dort auch oft Teil von Freizeiten und so weiter? Wie lebst du heute diese Prinzipien, die ihr in jungen Jahren für euch entdeckt habt oder die euch wichtig waren? Wie lebst du das heute?
Ja, heute erlebe ich das gar nicht mehr. Denn meine liebe Frau Uller ist Pflegefall und reagiert auf Lärm, auf andere Menschen, auf fremde Menschen ganz allergisch – mit riesigen Atemproblemen. Deshalb muss ich heute genau das Gegenteil machen oder darf es nicht anders. Wenn mich jemand besuchen möchte, dann treffen wir uns irgendwo anders. Oder ich schicke sie zu jemand anderem oder nach Schoppen, 500 Meter entfernt von unserer Wohnung, wo wir uns dann sprechen können. Also das ist mir leider heute nicht möglich.
Aber jahrelang haben wir das dann auch praktiziert, als wir die Verantwortung für die Freizeitarbeit abgegeben hatten. Dann sind auch sehr viele gekommen, die schon älter geworden waren und Rat brauchten. Auch Ulla hat sich viel um Mädchen und Frauen gekümmert, die missbraucht wurden und große Probleme hatten. Diese waren dann bei uns zu Gast. Einfach das gemeinsame Essen und das Miteinandersprechen – das ist so effektiv. Ja, da haben wir wirklich schöne Erfahrungen gemacht.
Leider bin ich jetzt natürlich sehr eingeschränkt durch unsere Situation, die aber auch aus Gottes Hand kommt. Da muss ich mitfertig werden und mitleben. Das ist auch ein neues Learning für mich in den letzten Jahren geworden.
Ganz genau. Und da kann ich alles nachholen, was ich versäumt habe: nämlich jeden Abend mit meiner Frau, wenn ich zu Hause bin und nicht unterwegs, ein paar Lieder zu singen, die Bibel zu lesen und mit ihr zu beten. Was ich leider in den besten Jahren – in Anführungsstrichen – oft versäumt habe. Wir haben beide immer gebetet, aber nicht so oft zusammen. Man hat aus Zeitgründen jeder für sich die stille Zeit gemacht, aber dann hat man sich auf dem Gebiet nicht mehr gemeinsam zum Gebet getroffen. Das war, glaube ich, ein großer Fehler in meinem Leben.
Würdest du heute auch jedem jungen Paar, das irgendwie in der Nachfolge steht, empfehlen, gemeinsam zu beten und auch über Gottes Wort miteinander zu sprechen?
Ja, das ist erst ein paar Jahre her – das darf ich gar nicht laut sagen. Da habe ich zum ersten Mal bewusst einen Vers in der Bibel gelesen und unterstrichen. Es war in 5. Mose. Dort steht, dass der Mann, wenn er heiratet, ein Jahr lang zu Hause bleiben soll, um seine Frau zu erfreuen – nicht um sich an seiner Frau zu erfreuen, sondern er soll seine Frau erfreuen. Und das in Verbindung mit 1. Petrus 3, wo es um das Ehren der Frau geht.
Das ist mir viel zu spät bewusst geworden, wie wichtig das ist. Wir haben gedacht: Unser Leben gehört dem Herrn, wir wollen für ihn leben, Rücksicht auf unsere Gefühle nehmen wir nicht. Das haben wir auch nicht getan, aber meine Frau hat da, glaube ich, sehr darunter gelitten, ohne dass ich das gemerkt habe.
Und das würde ich also nicht empfehlen. Es ist gut, wenn man sich Zeit nimmt, aber danach soll man den Herrn an erster Stelle stehen lassen und alles andere ihm unterordnen.
Ja, mich hat das wirklich auch geprägt. Wie Dirk Emrich, dem war das sehr wichtig, und er hat da auch in mein Leben hineingesprochen, als ich jung verheiratet war. Er hat gesagt: „Junge, du hast eine Frau, das ist jetzt, wo du frisch verheiratet bist, ganz wichtig. Grundlage.“ Ja, da bin ich auch dankbar für.
Bedeutung von Büchern im Glaubensleben und Dienst
Reden wir noch ein bisschen. Bücher haben bei dir eine große Rolle gespielt. Inwieweit haben Bücher auch in der Freizeitarbeit konkret eine Rolle gespielt? Welche Bedeutung sollten wir heute Büchern beimessen, in einer Zeit, in der zwar immer noch viele Bücher erscheinen, aber insgesamt weniger gelesen wird? Social Media und das Smartphone machen große Konkurrenz. Das beeinflusst uns als Individuum, als Familie und als Ehepaar enorm. Was sind deine Gedanken dazu?
Das hast du auch in Bezug auf unseren Dienst oder auf Christen, die in der Nachfolge stehen und Alltagsmission leben wollen und sollen, angesprochen. Welche Rolle spielen da Bücher?
Ja, also Bücher haben in meinem Dienst und in unserem Dienst eine ganz große Rolle gespielt, sowohl für meine Frau als auch für mich. Zum einen haben wir durch Biografien selbst viel gelernt – wie man alternativ zum üblichen Lebensstil als Christ leben kann. Wilhelm Busch war dabei ein großer Verdienst für mich. In seinen Predigten und Büchern hat er immer wieder auf Personen der Kirchengeschichte hingewiesen. Weil ich damals als junger Christ so begeistert von ihm war, habe ich alles kopiert und alles angeschafft, was er empfohlen hat.
Er hatte in seiner Zeitschrift „Licht und Leben“ immerhin eine oder zwei Seiten mit Rezensionen. Das war für mich teilweise wie eine Bibelschule. Dort habe ich plötzlich Namen gelesen, die ich gar nicht kannte, wie Kierkegaard, der Däne, oder Spurgeon. Ich wusste ja nicht, was sich dahinter verbirgt, und so weiter. Das hat mir die Augen und den Verstand geöffnet. Dadurch wird man ganz anders geprägt, mit ganz anderen Lebenszielen. Deshalb spielen Biografien bis heute eine ganz große Rolle in meinem Leben. Das empfehle ich natürlich bei jeder Gelegenheit auch anderen.
In der Freizeitarbeit haben die Jungs gelernt, Persönlichkeiten der Kirchengeschichte kennenzulernen. Nicht nur Wolfgang Dück und Wilhelm Busch, sondern auch viele andere: Georg Müller, George Whitefield, Wesley, Jim Elliot und viele mehr. Übrigens hatte Wolfgang Dück ein, zwei Bücher von William MacDonald dabei – „Wahre Jüngerschaft“ und „Denk an deine Zukunft“. MacDonald gab es damals noch nicht als Kette; die war für mich an sich kein Problem. Aber nachdem ich das Buch gelesen hatte, öffnete es mir die Augen für Jüngerschaft, nämlich Christus ähnlich zu leben. Das hat für mich eine ganz, ganz große Rolle gespielt. Das empfehle ich bis heute auch jungen Leuten.
Deshalb haben wir den Verlag CLV gegründet und auch unseren Buchladen, um günstig an Bücher zu kommen, sie zu verschenken und preisgünstig anzubieten. Wenn man das in seinen Predigten und Gesprächen immer wieder tut, Geschichten erzählt und Biografien empfiehlt, enthalten diese eine Fülle an Illustrationen und Beispielen, die man gebrauchen kann. Ich hoffe, dass ich in jeder Predigt, die ich halte, mindestens ein bis drei Biografien empfehle.
Aus diesem Grund sage ich: Leute, lest! Ihr verpasst etwas, wenn ihr nur Bilder seht oder nur noch kurze Szenen konsumiert. Das verdummt den Verstand und die Fantasie. Ich bin überzeugt, wenn wir das allgemein mehr tun würden, würde auch mehr gelesen werden. Wenn wir selbst begeisterte Leser sind – alle meine Kinder lesen gerne und schreiben inzwischen auch selbst Bücher – dann haben wir eine wunderbare Möglichkeit zu prägen. Aber wer selbst nicht liest, kann kein Buch empfehlen. Das geht gar nicht.
Das hat auch mein Leben ganz entscheidend beeinflusst, etwa durch Schoppen, wo ich mit sechzehn Jahren, nach dem Tod meines Bruders, nach Schoppen gekommen bin. Seitdem ist mein Buchregal gewachsen und ich empfehle so gerne Bücher weiter. Ich merke auch, wie Gott durch Bücher wirkt – nicht nur Biografien, sondern auch andere Werke – wenn man offen dafür ist.
Die Bibel selbst enthält ja viele Biografien. Auch im Neuen Testament wird auf die Zeugnisse der Heiligen hingewiesen, die „Wolke der Zeugen“ und so weiter. Das ist doch nicht ohne Grund.
Möglichkeiten für den normalen Christen in der Alltagsmission
Wolfgang, nicht jeder kann das machen, was du und ihr als Ehepaar gemacht habt: Freizeiten leiten, Pflegekinder aufnehmen, Menschen von den Hecken und Zäunen mit aufnehmen, im Bordell evangelisieren – das sind teilweise schon extreme Dinge.
Aber was kann ein ganz normaler Christ tun? Du würdest natürlich auch sagen, dass du selbst ein ganz normaler Christ bist. Was kann ein normaler Christ als Alltagsmissionar trotzdem tun? Gerade mit Blick darauf, Außenseiter zu erreichen, so wie Jesus die Zöllner und Sünder im Blick hatte, für die er gekommen war. Was würdest du sagen?
Zuerst einmal muss ich korrigieren: Ich habe nur ein einziges Mal in einem Bordell versucht zu predigen – kümmerlich genug – und wusste gar nicht, dass es ein Bordell war. Also soll nicht der Eindruck entstehen, ich wäre so ein Tausendsassa. Ich habe so viel versäumt, das muss ich unbedingt einschränken.
Mein großes Problem ist ehrlich gesagt auch, dass ich so viele Gelegenheiten verpasse. Meine Tochter Deborah, die meine Frau pflegt, ist ein ganz aktuelles Beispiel. Gestern hatten wir ja die Internetleitung und so weiter, und da kam ein Monteur, der in unserem Haus irgendwas verlegen oder einen Kasten anschließen musste. Meine Tochter Deborah, die sehr kontaktfreudig ist, hat sofort gefragt: „Möchten Sie gerne eine Tasse Kaffee haben?“ Er antwortete: „Ja.“ Sie fragte weiter: „Schwarz, weiß oder schwarz-weiß?“ Und sie sagte: „So schwarz wie meine Seele.“ Ich war so blöd und habe nicht zugegriffen. Ich habe ihn nicht darauf aufmerksam gemacht.
Solche Gelegenheiten erlebe ich auch – dass man einfach nicht sofort reagiert. Das möchte ich auch in meinem Alter noch mehr lernen und praktizieren. Es gibt so viele Möglichkeiten, die man leider verpasst.
Bei Gesprächen, wenn die Post kommt – gut, die Leute bekommen von uns natürlich regelmäßig etwas zu lesen. Aber viele freuen sich auch, wenn sie mal zu einer Tasse Kaffee eingeladen werden. Wir leben ja nun in einem paradiesischen Tal, wo man sich dabei auch erholen kann. Da gibt es so viele Möglichkeiten, anzuknüpfen und einfach Interesse am Menschen zu zeigen. Nicht, indem man sie voll labert oder gleich mit Büchern überschüttet, sondern einfach fragt: „Woher kommst du? Wohin gehst du?“ und so weiter.
Man könnte jetzt eine Stunde erzählen, was man alles machen könnte. Aber ich bin da nicht unbedingt ein großes Vorbild.
Menschen mit den Augen Gottes sehen
Vielleicht schauen wir noch einmal kurz darauf: Du hast dich viel in Menschen investiert, auch in Deutsche, die am Rand der Gesellschaft standen. Inwiefern hat dir geholfen, Menschen mit den Augen Gottes zu sehen? Oder was würdest du sagen, wie man lernen kann, Menschen mit den Augen Gottes zu sehen?
Das lernt man sicherlich nicht durch einen Kurs oder ein Buch. Sondern wenn man den Herrn liebt, sein Wort liebt und sieht, wie Jesus Menschen gesehen und geliebt hat, dann kann es nicht anders sein, als dass man Interesse an anderen Menschen entwickelt, wenn sein Leben unser Leben ist.
Und wenn man im Moment vielleicht zu feige war oder nicht clever genug, um zu reagieren, dann kann man für denjenigen beten, den man leider verpasst hat. Aber das Herz wird geprägt durch das Vorbild des Herrn und durch den Heiligen Geist. Dadurch entwickelt man automatisch Interesse an Menschen. Das kann man nicht wirklich lernen, sondern das muss sich in unserem Sein entwickeln.
Ich verstehe das, da bin ich ganz bei dir. Aber du hast auch den Heiligen Geist erwähnt: Wie erlebst du Gottes Führung? Wie hörst du, sozusagen, Gottes Stimme – auch in Bezug auf Menschen und auf den Dienst? Du hattest viele Stationen und hast ja auch nicht einfach jeden Dienst angenommen, wie er kam. Wie ist deine Verbindung zum Herrn, sodass du dich von Gott geführt siehst, auch in den Dingen, die du tust? Und wie kann man Gottes Stimme „hören“?
Zunächst einmal warne ich offiziell und mit Bewusstsein davor, hörendes Gebet zu trainieren.
Okay, das habe ich jetzt gar nicht gefragt.
Aber das muss man auch mal sagen, denn durch deine Frage könnte man das missverstehen. Das habe ich nicht gemeint. Hörendes Gebet muss man erklären: Es gibt Menschen, die das praktizieren, indem sie beten und in sich hineinhören. Sie meinen, Gott würde vielleicht zu ihnen reden. Sie glauben, dass Gott heute auch akustisch zu einem spricht oder in der Phantasie, und dass diese Eindrücke vom Heiligen Geist kommen. Davor muss man einfach warnen.
Da würdest du auch sagen, ich meine, ich habe schon mit Omar zum Beispiel geredet, dass Gott im muslimischen Kontext durchaus durch Träume reden kann.
Natürlich. Würdest du das ausschließen?
Nein, das würde ich nicht. Aber wir Christen haben die Bibel, Gottes Wort, und den Heiligen Geist. Wenn wir die Bibel lesen und ein Gebetsleben führen, dann wird der Herr uns verändern und auch offene Türen zeigen. Aber wie? Das meine ich.
Bei mir war es fast immer durch Begegnungen. Ich möchte das aber nicht auf alle übertragen, das ist meine Erfahrung. Ich hätte nie gedacht, dass ich jahrelang nach China reisen würde, um dort den Geschwistern im Untergrund zu helfen. Aber Gott hat mich in Situationen geführt, in denen sich eine offene Tür zeigte. Das weiß man dann, und dann weiß man auch, dass man zuschlagen und gehen muss.
Oder in Lateinamerika und Südamerika: Man begegnet Missionaren, die einen einladen. So kann das zum Beispiel sein. Dann sagt man ja oder nein. Man hat einen Eindruck.
Paulus sagt zum Beispiel im 1. Korinther 16,8-9, dass er eine offene Tür hat, aber nicht hindurchgeht, weil es etwas Wichtigeres gibt.
Wie erlebst du das, wenn du sagst, du hast einen Eindruck? Was meinst du damit?
Ach ja, wenn ich das immer so gut wüsste und täte! Das hat aber auch etwas mit meiner Geschichte zu tun. Zum Beispiel China: Ich habe immer sehr gerne die Biografien von Hudson Taylor, Watchman Nee, James Fraser und anderen gelesen. Wenn ich gefragt wurde, was mich mehr interessiert, Israel oder China, dann habe ich immer gesagt, Israel interessiert mich überhaupt nicht. Ich würde viel lieber mal nach China oder Russland gehen. Nicht ins Heilige Land. Der ganze Rummel dort geht in die Geldmacherei. Dafür haben wir noch genügend Zeit im tausendjährigen Reich. Da kommen wir sowieso noch hin.
Aber dann sprach mich plötzlich jemand an, ein Mitarbeiter von Abus – vielleicht darf ich dafür auch Reklame machen. Er sagte: „Du liest doch gern Biografien und so weiter. Ich bin zuständig für einen Kran oder so in China und habe die Möglichkeit, eine China-Rundreise zu machen. Ich suche noch sechs, sieben Brüder, die sich für China interessieren und mitfahren wollen.“
Da war mir plötzlich klar: Mensch, du hast so viel über China gelesen und oft dafür gebetet. Das ist doch die Möglichkeit, China kennenzulernen. Alleine wäre ich da nie hingefahren.
So bin ich dann auf etwas eingegangen und habe erlebt, dass der Herr plötzlich alles andere auch fügt und führt. Mit Russland war es ähnlich.
Das ist sehr subjektiv, und ich glaube nicht, dass man das allgemein als Methode erklären kann. Aber auch im Neuen Testament gibt es viele Beispiele, dass durch Begegnungen im Leben von David, Joseph und anderen plötzlich deutlich wird: Da ist eine offene Tür, oder das musst du jetzt machen.
Ich weiß, das ist ja... Ich verstehe das gut. Vielen Dank.
Persönlichkeiten und Buchempfehlungen
Eine Frage noch: Wir haben darüber gesprochen, dass dich viele Persönlichkeiten geprägt haben – Biografien lebender Menschen durch Bücher, wie zum Beispiel Wolfgang Dück. Auch Pastor Willem Busch wurde erwähnt, deine eigenen Eltern und so weiter. Gibt es noch jemanden, bei dem du sagst: „Boah, das ist so eine historische Persönlichkeit oder auch eine lebende Persönlichkeit, von der wir heute lernen können“? Wahrscheinlich gibt es eine ganze Latte, aber fällt dir spontan jemand ein, dessen Biografie man unbedingt lesen sollte?
Ja, ich würde natürlich einem 14-Jährigen, der gerade zum Glauben gekommen ist, keine Biografie von George Whitefield empfehlen. Aber wenn man eine gewisse Reife hat, wirklich dem Herrn folgen will und sich auch für Theologie interessiert, gleichzeitig aber ein außergewöhnlich spannendes, vorbildliches und abenteuerliches Leben kennenlernen möchte, dann würde ich die Biografie über George Whitefield empfehlen.
Wenn ich nur ein Buch auf eine einsame Insel mitnehmen dürfte, dann wäre es wahrscheinlich diese Biografie. Sie demütigt, fordert heraus, erfreut und beschämt zugleich. Ich finde kaum Worte dafür, was dieses Buch für mich bedeutet. Ich lese es immer wieder, und es ist ein Maßstab für mein Leben geworden. Es beschämt mich wirklich, weil ich merke, was für ein elender und einsamer Wicht ich im Vergleich zu diesen Leuten bin.
Aber es gibt auch andere, zum Beispiel Jim Elliot und Elisabeth Elliot, die zeitlich gar nicht so weit von uns entfernt sind. Elisabeth ist erst vor einigen Jahren verstorben. Über sie gibt es jetzt auch eine Biografie, die ich jedem jungen Menschen, jedem jungen Christen mit einer gewissen Reife und Jahren des Wachsens empfehlen würde.
Ein relativ neues Buch, das erst etwa einen Monat alt ist, behandelt Gottes Führung zu erkennen, besonders wenn es darum geht, Gott zu dienen. Es geht um die Zweifel, die aufkommen: Darf ich überhaupt heiraten? Wen sollte ich heiraten? Und so weiter. All das wird in den Büchern von Elisabeth Elliot und auch über Jim Elliot sehr deutlich ausgedrückt, vor allem in ihren Tagebüchern und Briefen. Gleichzeitig sind diese Werke literarisch wertvoll und ähnlich wie „Dir hingegeben“ – das ist ebenfalls eine Biografie.
Ähnlich wie bei „Im Stand des Allmächtigen“: Die Tochter von Jim Elliot, die beim Tod ihres Vaters zwei Jahre alt war, ist inzwischen über siebzig. Sie hat von ihrer Mutter eine Kiste mit unveröffentlichten Briefen und Tagebüchern bekommen. Diese sind in dem Buch verarbeitet. Das macht es so lebensnah, so praktisch, so anspornend und korrigierend. Es geht um Vertrauen auf den Herrn, wie man die Bibel liest, wie man wirklich auch materiell auf Gott vertraut, und es behandelt die Zweifel, die man bekommt, sowie Niederlagen und den Umgang mit Mitarbeitern.
Das ist so wertvoll, dass ich es unbedingt empfehlen möchte. Falls jemand die Geschichte von Jim Elliot gar nicht kennt: Elisabeth Elliot war Missionarin und brach zu den Aukas auf, um ihnen das Evangelium zu bringen. Jim Elliot wurde beim Erstkontakt ermordet. Beim zweiten Kontakt wurde Elisabeth gefangen genommen. Beim offiziellen Kontakt, bei dem man dachte, sie hätten sich geöffnet und würden das Evangelium empfangen, wurden sie in einen Hinterhalt geführt und getötet.
Es ist sehr bewegend, wie es danach weiterging. Denn das Evangelium kam tatsächlich zu den Aukas, und sie kamen zum Glauben. Elisabeth Elliot kehrte nach zwei Jahren mit ihrer kleinen Tochter und nur mit der Bibel, dem Tagebuch und ein paar Medikamenten barfuß zu ihnen zurück. Sie lebte mit ihnen, erforschte ihre Sprache und verkündigte ihnen das Evangelium. Dadurch entstand die Erweckung der Aukas.
Das sind so schöne Erfahrungen, aber auch so ehrlich geschrieben. Das hat Tausende junger Menschen motiviert, sich für Mission zu interessieren.
Wolfgang, wir kommen zum Schluss. Du hast schon ein paar Bücher empfohlen. Gibt es noch ein Buch, das du unbedingt empfehlen würdest?
Nein, da gibt es nicht nur eins. Da müsste ich eine ganze Liste empfehlen. Aber im Zweifelsfall würde ich sagen: Wenn es ein einigermaßen gefestigter Christ ist, empfehle ich „Seiner Spur folgen“ von William MacDonald. Man kann auch „Wahre Jüngerschaft“ empfehlen, aber „Seiner Spur folgen“ enthält etwa siebzig kurze Artikel über alle Lebensbereiche.
Als Nachfolger Jesu bekommen wir darin von Herrn und Missionaren viele Zitate und Geschichten, aber vor allem Gottes Wort und Wegweisung – auf eine ganz erfrischende und erbauliche Art. Es gibt auch ein Arbeitsbuch dazu, oder?
Genau, das gibt es auch. Peter Lüding hat es zusammengestellt.
Wir würden euch auf jeden Fall alle Bücher in den Shownotes verlinken, damit ihr sie auch heute noch kaufen könnt. Ich weiß gar nicht, gibt es eigentlich die Biografie von Johannes Busch noch?
Ja, die gibt es. Sie sieht allerdings ein bisschen anders aus. Wie gesagt, hier ist nicht das Originalcover, sondern es ist ganz schwarz – zu meinem Leidwesen. Ich liebe Rot und andere Farben.
Okay, aber da wird nicht immer der Wunsch erfüllt. Aber der Kopf ist zu sehen.
Ah ja, okay, gut. Der Kopf, der dich damals an der Bushaltestelle angeschaut hat, ja.
Herausforderungen und Tipps für die Zukunft
Wolfgang, was würdest du sagen, ist deine größte Herausforderung dabei, Menschen mit den Augen Gottes zu sehen und mit seiner Liebe zu leben?
Mir Zeit für die Menschen zu nehmen und ganz bewusst auf sie zuzugehen, ist eine große Herausforderung für mich. Leider ist es so, dass so viel Arbeit da ist, so viele Einladungen anstehen, so viel Literaturarbeit erledigt werden muss und zahlreiche Anfragen kommen, auch um irgendwo zu helfen. Dadurch nimmt man sich oft nicht mehr die Zeit für ganz persönliche Begegnungen.
Ich merke aber, wie schön es ist, wenn man nach 20 oder 30 Jahren plötzlich Leute wiedertrifft und mit ihnen ins Gespräch kommt. Das ist sehr ermutigend. Deshalb habe ich mir vorgenommen, in den kommenden Jahren besonders darauf zu achten, mir Zeit für solche wichtigen Begegnungen zu nehmen.
Welchen Tipp hast du für unsere Hörer, den sie gleich diese Woche umsetzen können, gerade mit Blick auf das Thema, das wir besprochen haben?
Ich würde sagen: Das Gebetsleben zu reformieren. Ich glaube, dass daran alles steht und fällt. Wenn man nur zehn Minuten am Tag betet, kann man nicht erwarten, Gottes Führung zu erleben oder sein Wirken im eigenen Leben. Dafür gehört schon ein bisschen mehr dazu.
Wenn man Menschen liebt, muss man auch für sie beten. Das geht gar nicht anders. Ich glaube, der allergrößte Mangel in unserer Zeit ist, dass die meisten Christen sich dessen nicht bewusst sind und Gebet keine große Rolle spielt.
Wir haben gerade zum ersten Mal ein Buch über Beten und Fasten veröffentlicht. Dazu gibt es so gut wie keine neuere Literatur. Ich graue mich jetzt schon ein wenig davor, über das Fasten zu lesen, denn darin bin ich sicherlich kein Meister. Aber das möchte ich lernen: beten und fasten, nicht als Leistung, sondern um einfach Zeit zu gewinnen und sich bewusst zu machen, dass wir von Gott abhängig sind.
Ja, es geht darum, sich zu fokussieren. Ein Buch, das ich auch schätze und gelesen habe und das du, glaube ich, geschrieben hast, heißt „Das Gebetsleben Jesu“. Gibt es das auch als Hörbuch?
Ja, beides. Gerade beim Gebet ist das sehr wichtig, denn Gebet ist das A und O und die Grundlage auch für uns als Alltagsmissionare.
Wolfgang, ich danke dir ganz herzlich für deinen Besuch, deine Zeit, deine Offenheit und die Einblicke, die du uns in dein Leben gegeben hast.
Auch euch vielen Dank fürs Zuschauen. Wenn ihr Themen habt, über die wir sprechen sollten, oder einen Gast, den ich einladen soll, schreibt gerne. Erzählt auch eure Geschichten, in denen ihr erlebt habt, wie Gott euch führt – in eurem Dienst, in der Alltagsmission oder in der Nachfolge.
Lasst uns gerne daran teilhaben. Wir sind als Alltagsmissionare nicht allein unterwegs.
Vielen Dank fürs Zuschauen, der Herr sei mit euch. Tschüss und danke dir, lieber Wolfgang.
Hopelich.