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Borgen und nicht zurückfordern

Jesu Leben und Lehre | Episode 210
Lukas 6,27-3119.01.2023
Nicht alles, was dir genommen wird, sollst du zurückholen. Jesus stellt die Frage: Wann ist Festhalten gerecht – und wann wird Großzügigkeit stärker als Recht?

Einordnung des Themas und Rückblick auf die bisherigen Gedanken

Gott wird Mensch: Leben und Lehre des Mannes, der Retter und Richter, Weg, Wahrheit und Leben ist. Episode zweihundertzehn: Borgen und nicht zurückfordern.
Fassen wir noch einmal zusammen, was wir über das Thema Vergeltung in den letzten Episoden gelernt haben. Wir dürfen das Böse ertragen, es auch gern bloßstellen, es überraschen oder mit Gutem vergelten. Aber wir haben kein Recht darauf, die Rolle Gottes zu übernehmen. Wir sind nicht die Rächer alles Bösen.
Und so lasst uns zum Abschluss dieses Themas noch einen Text im Lukasevangelium anschauen: Lukas 6,27-31.
Aber euch, die ihr hört, sage ich: Liebt eure Feinde; tut wohl denen, die euch hassen; segnet die, die euch fluchen; betet für die, die euch beleidigen. Dem, der dich auf die Backe schlägt, biete auch die andere dar; und dem, der dir den Mantel nimmt, verweigere auch das Untergewand nicht. Gib jedem, der dich bittet; und von dem, der dir das Deine nimmt, fordere es nicht zurück. Und wie ihr wollt, dass euch die Menschen tun sollen, tut ihnen ebenso.
So, das Thema Feindesliebe wird uns noch beschäftigen. Mir geht es heute um die Verse 29 und 30. Lukas 6,29-30: Dem, der dir auf die Backe schlägt, biete auch die andere dar; und dem, der dir den Mantel nimmt, verweigere auch das Untergewand nicht.
Die Gedanken hinter diesem Vers sind uns schon bekannt, aber ich möchte euch ein letztes Mal auf die Radikalität hinweisen, mit der hier dem Bösen begegnet wird. Jünger Jesu betrachten das Böse als den unmittelbaren Feind, nicht den, der mir das Böse antut. Wir begreifen, dass Menschen, die uns hassen, selbst Gefangene sind, Gefangene ihrer eigenen Sünde. Was sie tun, das tun sie unter dem Einfluss des Teufels. Das macht sie natürlich nicht weniger verantwortlich für ihr Tun.
Aber dieses Wissen schenkt uns eine Perspektive aufs Leben, die es uns ermöglicht, nicht einfach unser eigenes Recht als das höchste Gut zu betrachten, sondern vielmehr hinter der bösen Tat den Menschen zu sehen, den es zu lieben gilt. Das ist zugegebenermaßen nicht immer leicht, nicht immer einfach und auch nicht immer erfolgreich.
Und doch gilt es, das Prinzip aus Römer 12,21 umzusetzen: Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit dem Guten.

Geben, helfen und die Frage nach dem rechten Maß

Kommen wir zu Lukas 6,30: Gib jedem, der dich bittet, und von dem, der dir das Deine nimmt, fordere es nicht zurück.
Den ersten Teil haben wir gestern schon in Matthäus 5,42 betrachtet, wo es heißt: Gib dem, der dich bittet, und weise den nicht ab, der von dir borgen will. Vom Kontext her geht es um einen Feind, der in Not gerät und meine Hilfe braucht. Ich soll ihm helfen, oder wie es weiter bei Lukas heißt: Und wie ihr wollt, dass euch die Menschen tun sollen, tut ihnen ebenso.
Und wenn ich helfen soll, worum geht es dann nicht? Es geht nicht darum, dass jemand einfach nur etwas haben will, weil er gerade Lust darauf hat, es aber nicht wirklich braucht. Es geht um echte Not, nicht darum, die Faulheit, die Gier oder die Dummheit von Menschen zu befriedigen.
Außerdem gilt natürlich Sprüche 3,27: Enthalte Gutes dem nicht vor, dem es gebührt, wenn es in der Macht deiner Hand steht, es zu tun.
Ich kann nur geben, was ich habe, und beim Geben gibt es tatsächlich eine Reihenfolge. Ich bin zuerst für die Bedürfnisse meiner Familie verantwortlich, dann für die Bedürfnisse meiner Geschwister, und dann kommt der Rest der Menschheit.
Ich bin als Christ nicht naiv. Und deshalb weiß ich auch, dass der, der sich etwas borgt, es manchmal nicht zurückzahlen kann oder vielleicht auch nicht zurückzahlen will. In Psalm 37,21 heißt es: Der Gottlose borgt und zahlt nicht zurück, der Gerechte aber ist gütig und gibt.
So ist der Gerechte gütig und gibt. Das ist es, was Jesus sich wünscht: dass wir gütig sind und geben. Der Gottlose borgt und zahlt nicht zurück. Das ist leider eine Realität im Leben, mit der wir klarkommen müssen.

Was das Nicht-Zurückfordern im Zusammenhang mit Schuld und Not bedeuten kann

Und jetzt die Frage: Wie? Und hier kommt, wie mir scheint, Lukas 6,30 ins Spiel. Dort heißt es: „Und von dem, der dir das Deine nimmt, fordere es nicht zurück.“
Ich fange einmal damit an, was der Vers für mich nicht bedeutet. Er bedeutet nicht, dass mir einfach jemand das Handy aus der Hand reißt, diesen Vers zitiert und ich nichts mehr tun darf. Ich könnte den Vers so auslegen, aber ich tue es nicht. Und meine Gründe sind der Kontext, die Parallele in Matthäus und der Bezug zum Erlassjahr.
Und falls dir meine Auslegung nicht gefällt, findest du eine schöne alternative Auslegung in Skript Fußnote 2. Aber ich möchte mir zuerst einmal den Kontext und den Zusammenhang anschauen.
 Lukas 6,30-31: „Gib jedem, der dich bittet, und von dem, der dir das Deine nimmt, fordere es nicht zurück. Und wie ihr wollt, dass euch die Menschen tun sollen, tut ihnen ebenso.“
Im Kontext geht es um Freigiebigkeit, Barmherzigkeit und Nächstenliebe. Es muss also um etwas gehen, was ich mir für mich selbst auch wünschen würde. Es heißt ja: „Wie ihr wollt, dass euch die Menschen tun sollen, tut ihnen ebenso.“
Deshalb schaue ich mir noch einmal die Parallele in Matthäus an. Dort heißt es: „Gib dem, der dich bittet, und weise den nicht ab, der von dir borgen will.“
Meine Frage ist also: Könnte es sein, dass sich der Vers in Lukas 6 auch aufs Borgen bezieht? Wörtlich steht nämlich da: „Und von dem, der dir das Deine nimmt, fordere es nicht zurück.“
Ich kann bei dem Begriff „nehmen“ in zwei Richtungen denken. Es kann sich um ein Wegnehmen handeln: Ich werde beraubt. Oder es kann sich um ein Annehmen handeln: Ich borge jemandem etwas, was der gerade zum Überleben braucht.
Und dann ist interessant, dass in dem Text „und von dem, der dir das Deine nimmt, fordere es nicht zurück“ ein Verb steckt, nämlich „zurückfordern“, das ganz selten im Neuen Testament auftaucht. Aber im Alten Testament, natürlich in der griechischen Übersetzung der Septuaginta, taucht es öfter auf. Und zwar gerade an einer Stelle, die sehr gut zu unserem Thema Borgen passt. Es geht um das Erlassjahr.
Alle fünfzig Jahre sollten in Israel alle Schulden erlassen werden. Wieder eines dieser unglaublich genialen Gebote aus dem Alten Testament. Und dazu heißt es in 5. Mose 15,2: „Das aber ist die Sache mit dem Schulderlass: Jeder Gläubiger soll das Darlehen seiner Hand, das er seinem Nächsten geliehen hat, erlassen; er soll seinen Nächsten und seinen Bruder nicht drängen, denn man hat für den Herrn einen Schulderlass ausgerufen.“
Hier heißt es im Blick auf das Erlassjahr: „Er soll seinen Nächsten nicht drängen.“ Das ist dasselbe Verb wie auch in Lukas 6,29.

Die Verbindung zum Erlassjahr und der abschließende Gedanke

Und ich würde jetzt gern diese drei Gedanken, den Kontext, die Parallele, wo es ums Borgen geht, und dieses Verb, das sich auch im Zusammenhang mit dem Erlassjahr wiederfindet, so zusammenfassen:
Wenn es heißt: Und von dem, der dir das Deine nimmt, fordere es nicht zurück, dann geht es meines Erachtens darum, dass immer noch jemand im Blick ist, der sich in der Not etwas von mir geborgt hat. Er hat meine Unterstützung angenommen. Und in dem Moment, wo er das tut, soll ich mit ihm umgehen, wie man im Alten Testament im Erlassjahr mit seinen Schuldnern umgegangen ist.
Mag sein, dass er es mir zurückgibt, das wäre schön. Aber falls er dazu nicht in der Lage ist, ist mir das auch recht. Genauso würde ich mir wünschen, dass man mit mir umgeht.
Und was ist, wenn er zurückgeben könnte, es aber einfach nicht tut? Na ja, dann sind wir wieder bei dem Thema: Widersteht nicht dem Bösen. Und da kennen wir uns ja jetzt aus.
Was könntest du jetzt tun? Du könntest noch einmal in Ruhe meine Argumentation im Skript nachlesen und überlegen, ob du sie verstanden hast.
Das war's für heute? Du willst Bibelferse auswendig lernen, aber du tust dir damit schwer? Seit Anfang des Jahres gibt es für dich einen genialen Podcast, die 365-Bibelferse-Challenge, die Tricks der Gedächtnisweltmeister runtergebrochen aufs Bibelferse-Lernen. Link ist im Skript.
Der Herr segne dich, erfahre seine Gnade und lebe in seinem Frieden. Amen.

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