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Die Heilung zweier Blinder – Teil 1

Jesu Leben und Lehre, Teil 659/696
06.01.2026
SERIE - Teil 659 / 696Jesu Leben und Lehre

Einführung in das Thema und biblischer Hintergrund

Gott wird Mensch – Leben und Lehre des Mannes, der Retter und Richter, Weg, Wahrheit und Leben ist.

Episode 659: Die Heilung zweier Blinder, Teil 1

Erinnern wir uns kurz daran, was Jesus seinen Jüngern beigebracht hat. In Markus 10, Verse 43-45 heißt es:

„So aber ist es nicht unter euch, sondern wer unter euch groß werden will, soll euer Diener sein. Und wer von euch der Erste sein will, soll aller Sklave sein. Denn auch der Sohn des Menschen ist nicht gekommen, um bedient zu werden, sondern um zu dienen und sein Leben zu geben als Lösegeld für viele.“

Sehen wir uns nun an, was das praktisch bedeutet: Der Erste sein und aller Diener werden.

Die Begegnung mit Bartimäus am Weg nach Jericho

 Markus 10,46-47

Und sie kamen nach Jericho. Als Jesus, seine Jünger und eine große Volksmenge aus Jericho hinausgingen, saß am Weg der Sohn des Timaeus, Barthimaeus, ein blinder Bettler.

Als er hörte, dass es Jesus, der Nazarener, war, begann er zu schreien und zu rufen: „Sohn Davids, Jesus, erbarme dich meiner!“

Klärung wichtiger Fragen zur Erzählung der Heilung

Bevor wir uns der Geschichte selbst zuwenden, sollten wir zwei Fragen klären, die häufig im Zusammenhang mit den Ereignissen rund um die Heilung des Bartimäus gestellt werden.

Frage nach der Anzahl der Bettler am Wegesrand

Erste Frage: Wie viele Bettler saßen am Straßenrand? Die Antwort lautet: zwei. Warum zwei?

In Matthäus 20,29-30 heißt es: „Und als sie von Jericho auszogen, folgte ihm eine große Volksmenge. Und siehe, zwei Blinde, die am Weg saßen und hörten, dass Jesus vorübergingen, schrien und sprachen: Erbarme dich unser, Herr, Sohn Davids!“

Matthäus spricht also von zwei Bettlern, während Markus und Lukas nur von einem berichten. Wer irrt sich hier?

Die Antwort lautet: Keiner. Auch wenn ich mich wiederhole, das Neue Testament ist besonders geschrieben und entspricht keiner gewöhnlichen Literaturgattung. Es handelt sich vielmehr um eine an christliche Belange angepasste antike Biografie. Im Zentrum einer solchen Biografie stehen das Leben, die Taten und der Charakter einer einzelnen Hauptperson – im Fall der Evangelien unseres Herrn Jesus Christus.

Charakter und Ziel antiker Biografien im Kontext der Evangelien

Doch wie bei antiken Biografien üblich, geht es nicht in erster Linie um chronologische Vollständigkeit. Vielmehr zielt die Darstellung darauf ab, das Wesen der Person erkennbar zu machen. Deshalb werden bestimmte Lebensphasen bewusst betont, während andere zurückgenommen werden.

Das öffentliche Wirken und vor allem das Ende des Lebens rückt dabei in den Vordergrund. Ziel ist es, den Protagonisten als Vorbild und als Autorität zu präsentieren. Die antike Biographie verfolgt ein didaktisches Anliegen: Sie will zur Nachahmung anleiten.

Ein zentrales Mittel dafür ist die ausführliche Wiedergabe charakteristischer Reden. Denn durch diese offenbart sich die innere Gestalt der Person am deutlichsten.

Wir müssen also die Evangelien in den Kontext antiker Literatur einordnen. Für uns klingen sie vielleicht ungewohnt. Für antike Leser, die mit Autoren wie Plutarch, Xenophon oder Sueton vertraut waren, stellen sie jedoch lediglich die theologisch geprägte Variante einer ihnen bekannten Literaturform dar.

Und natürlich signalisieren die Schreiber der Evangelien durch den Rückgriff auf diese Literaturform ihren Lesern, dass es sich bei Jesus um eine reale Person mit außergewöhnlicher historischer Relevanz handelt.

Erklärung der unterschiedlichen Darstellungen in den Evangelien

Kommen wir zu unserer Frage zurück: Wieso spricht Matthäus von zwei Bettlern, während Markus und Lukas nur von einem berichten?

Das liegt daran, dass die antiken Biografien episodisch angelegt sind. Geschichte folgt auf Geschichte. Deshalb finden sich in modernen Bibelausgaben häufig Zwischenüberschriften. Diese stammen zwar nicht aus dem Grundtext, verdeutlichen aber, dass in den Evangelien eine Erzähleinheit organisch auf die nächste folgt.

Und genau hier wird es theologisch hochinteressant. Die einzelnen Episoden sind nicht bloße Anekdoten oder lose Erinnerungen. Sie sind bewusst komponierte Erzählungen, die Theologie transportieren sollen. Wir müssen das wirklich verstehen: Die Evangelisten haben ihr Material nicht willkürlich aneinandergereiht, sondern durchdacht angeordnet, und zwar, um theologische Linien sichtbar zu machen.

Jede Erzähleinheit leistet dazu ihren eigenen Beitrag. Damit sie das auch zuverlässig tut, erzählt jeder Autor die jeweilige Geschichte genau so, dass sie seinem theologischen Ansinnen entspricht. So wie es theologische Schwerpunkte gibt, gibt es auch Nebensächlichkeiten.

Es spielt eben keine Rolle, ob wir die Barmherzigkeit Jesu an seiner Liebe zu zwei Bettlern oder an seiner Liebe zu einem Bettler darstellen. Es ist dieselbe Geschichte, nur etwas anders erzählt. Ebenso spielt es keine Rolle, ob der Bettler einen Namen hat oder nicht.

Vergleich der Darstellungen bei Matthäus, Markus und Lukas

Das Ergebnis sieht dann so aus: Matthäus bleibt etwas nüchterner bei den realen Ereignissen. Er erwähnt zwei Bettler, nennt aber keine Namen. Markus hingegen spitzt die Episode zu und nennt einen Bettler mit Namen. Lukas liegt irgendwo in der Mitte.

In Lukas 18,35 heißt es: „Es geschah aber, als er sich Jericho näherte, saß ein Blinder bettelnd am Weg.“ Ein Bettler, kein Name.

Noch einmal: Wenn wir Unterschiede in der Beschreibung derselben Perikope in unterschiedlichen Evangelien finden, liegt das daran, dass historische Ereignisse von den Evangelisten genutzt werden, um theologische Wahrheiten zu vermitteln. Damit dies gelingt, werden die Geschichten so erzählt, dass sie das jeweilige theologische Anliegen unterstreichen.

Wenn zum Beispiel die genaue Anzahl der beteiligten Personen für die beabsichtigte Aussage nicht entscheidend ist, wird sie auch nicht betont oder sogar reduziert. Wenn Matthäus von zwei Blinden spricht, Markus und Lukas aber nur von einem, ist das kein Fehler. Es handelt sich vielmehr um eine bewusste Auswahl aus den vorhandenen Tatsachen im Dienst der Theologie.

Der Erzähler wählt aus den historischen Begebenheiten das aus, was ihm wichtig erscheint, und lässt weg, was er nicht braucht. Wir müssen dann leider mit der Spannung leben, dass die Evangelien nicht unseren modernen Vorstellungen von Präzision oder Vollständigkeit genügen. Sie sind keine Reportagen, sondern theologisch aufgeladene Erinnerungen, die in der literarischen Form antiker Biografien Theologie vermitteln wollen. Dabei sind sie historisch zuverlässig, aber bewusst komponiert.

Das heißt: Matthäus hat Recht. Es waren zwei Bettler. Gleichzeitig lügen uns Markus und Lukas nicht an, wenn sie sich in ihrer Erzählung nur auf einen davon konzentrieren.

Abschluss und Ausblick

Was könntest du jetzt tun? Überlege, welche Fragen du zum Thema Glaubwürdigkeit der Evangelien noch hast, und suche nach Antworten.

Das war's für heute. Ich freue mich über Gebet. Schau dir in der App die aktuellen Gebetsanliegen an und bete für meine Frau und mich.

Der Herr segne dich, lasse dich seine Gnade erfahren und lebe in seinem Frieden. Amen.

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