Generierte Mitschrift
Die nachfolgende Mitschrift wurde automatisch mit KI-Technologie erstellt und kann Fehler enthalten. Im Zweifel gilt das gesprochene Wort.
Wir freuen uns, dass wir heute Morgen etwas über die Pilgerreise von John Bunyan hören, also nicht von John Bunyan, er ist nicht hier, aber von dem, der sie geschrieben hat. Vielleicht fragt sich der eine oder andere: Wo ist denn hier der Link zu dem Konferenzthema, was ist der Auftrag der Gemeinde? Da gibt es bestimmt viele Verbindungen.
Eine Verbindung ist mir gestern deutlich geworden, als Martin Riggs Williams aus Titus 2 sprach und davon sprach, dass es diese zwei Erscheinungen Christi gibt: die eine, als Jesus kam, und die andere, wenn er wiederkommt, und wir auf diesem Weg dazwischen sind. Genau darüber handelt auch Die Pilgerreise, und ich will auch nicht zu viel vorwegnehmen.
Ich freue mich, dass wir heute Morgen Jan Carsten Schnur unter uns haben. Er ist Dozent für historische Theologie an der Freien Theologischen Hochschule Gießen und ist dort seit 2008. In dem Programmheft steht, er genieße das kirchengeschichtliche Arbeiten mit seinen Studierenden. Das kann ich mir gut vorstellen. Wir freuen uns, Jan, und heißen dich ganz herzlich willkommen. Gottes Segen.
Ganz herzlichen Dank für die freundliche Begrüßung. Ich würde heute Morgen gerne über ein ungewöhnliches Werk der Weltliteratur reden. Ein Buch, das in mehr als zweihundert Sprachen und Dialekte übersetzt worden ist, in so viele Sprachen wie in der Geschichte nur ganz wenige Bücher überhaupt. Als 1998 eine Liste der hundert einflussreichsten Bücher aller Zeiten veröffentlicht wurde, da tauchte auch dieses Werk auf, neben so stolzen Titeln wie der Ilias, Platons Republik, Dantes Göttlicher Komödie und dem Kommunistischen Manifest. Es gehört also sozusagen zu den klassischen Texten der Menschheitsgeschichte, immerhin.
Das Werk erschien vor 337 Jahren, im Jahr 1678, und es ist eine seiner großen Eigentümlichkeiten, dass es von einem einfachen englischen Kesselflicker verfasst wurde, einem Handwerker, der fast keine Schulbildung genossen hatte, vielleicht sogar nur zwei oder drei Schuljahre, und der vermutlich nicht allzu viele Bücher kannte, mit Ausnahme von ein paar Erzählungen, einigen erbaulichen und theologischen Schriften und vor allem der Bibel. Dieser Autor war John Bunyan, und das Buch, über das ich reden möchte, heißt The Pilgrim’s Progress from this World to that which is to come, delivered under the Similitude of a Dream. Die Pilgerreise: Von dieser Welt zu der, die kommen soll, erzählt im Gleichnis eines Traumes.
Auf dem Bild sieht man das Titelblatt einer Ausgabe des Werkes aus Bunyans Lebenszeit. Der schlafende Mann ist Bunyan selbst während seines fiktiven Traumes. Ich werde in meinem Vortrag meist das englische Original zitieren, aber das Wichtigste immer auch übersetzen.
John Bunyan war 1628 geboren worden, mitten in einer von Katastrophen erschütterten Epoche, etwa dem Dreißigjährigen Krieg auf dem europäischen Festland. Bei seinem Vater hatte er schon früh das Handwerk eines Kesselflickers oder Messingschmieds gelernt. Seine Arbeit bestand darin, herumzuziehen und kaputte Pfannen, Kochtöpfe und andere Metallgegenstände zu reparieren. Auf dem Foto sieht man Bunyans Amboss, mit dem er in den Dörfern unterwegs war und den man heute im John-Bunyan-Museum in Bedford besichtigen kann. Immerhin mehr als fünfundzwanzig Kilogramm. Bunyan nahm ihn mit auf seine Reisen, und wenn er die untere spitze Seite in die Erde rammte, wie hier auf dem Foto, dann konnte er oben die Töpfe und Pfannen bearbeiten. Es war ein körperlich anstrengender und gesellschaftlich auch nicht sehr angesehener Beruf. Bunyan lernte ihn schon als Kind.
Dann aber war auch in England Krieg ausgebrochen, Krieg zwischen dem englischen Parlament und seinen Anhängern und dem englischen König und dessen Anhängern um die Macht. Es war ein langer und blutiger Bürgerkrieg in den 1640er-Jahren. Der englische König Karl I., den man hier zu Pferde sieht, hatte viele Jahre lang absolutistisch gegen das Parlament regiert. Das Parlament ließ sich das aber irgendwann nicht mehr gefallen, und so kam es zu dem Bürgerkrieg, an dessen Ende das Parlament schließlich den König öffentlich hinrichten, sogar enthaupten ließ. 1649 war das ein für die Zeitgenossen schockierendes Ereignis.
Mit nur sechzehn Jahren war auch John Bunyan eingezogen worden. Er gehörte knapp drei Jahre lang zur Parlamentsarmee. Auch wenn er nicht viele Schlachten miterlebt hat, war das sicher eine sehr herausfordernde Erfahrung für ihn als ganz junger Mensch. Zu allem Unglück starben zu dieser Zeit auch noch direkt hintereinander seine Mutter und seine Schwester, und Bunyans Vater heiratete, er konnte das nicht begreifen, nach nur einem Monat eine neue Frau. Es war eine schwere Zeit für Bunyan, auch eine gefährliche Zeit.
Einmal, als er als Soldat zu einer Belagerung aufbrechen sollte, bat ihn einer seiner Kameraden, ob er mit ihm tauschen könnte. Bunyan war einverstanden, und dieser Kamerad wurde dann bei der Belagerung durch einen Kopfschuss getötet. Offener für Gott wurde Bunyan durch diese Grenzerfahrungen aber nicht. Eher im Gegenteil, es war ein raues Milieu, in dem er lebte, und das eigentlich ganz gut zu ihm passte. Er war, so schreibt er später, gewohnt zu fluchen, zu lügen und den Namen Gottes zu lästern.
1647 verließ Bunyan die Armee und kehrte in seinen Geburtsort Elstow zurück, einen kleinen Ort in der Nähe der Stadt Bedford, nördlich von London. Er arbeitete jetzt wieder als Kesselflicker, und er heiratete. In diesem Cottage, das heute nicht mehr existiert, soll Bunyan, so wird vermutet, eine kürzere Zeit mit seiner Frau zusammen gewohnt haben. Eigenartigerweise wissen wir den Namen der Frau nicht. Vermutlich hieß sie Mary, so wie ihre älteste gemeinsame Tochter, ein Mädchen, das blind geboren wurde, eine große Herausforderung für das junge Ehepaar. Danach bekamen sie noch drei weitere Kinder.
Die beiden besaßen fast nichts, aber Bunyans Frau hatte von ihrem verstorbenen Vater zwei Bücher, zwei christliche Erbauungsbücher, mit in die Ehe gebracht. Sie lasen gemeinsam darin, und das begann John Bunyan für den christlichen Glauben zu interessieren. Er ging jetzt oft in die Kirche und versuchte, ein christliches Leben zu führen, auch wenn das zu diesem Zeitpunkt, so meinte er selbst, eher äußerlich war. Bis er zu einem festen und fröhlichen Glauben kam, war es ein langer und schwerer Weg.
Das eine, was Bunyan dabei half, war, dass er auf einer Straße in Bedford auf drei, vier Frauen traf, die sich über den Glauben unterhielten. Von ihren Aussagen her zu schließen, waren sie tief überzeugt von ihrer eigenen Sündhaftigkeit und Sünde. Trotzdem sprachen sie offenbar fröhlich von Jesus Christus. Das beeindruckte ihn, weil er so etwas nicht kannte. Und als sie ihn zu ihrer Gemeinde einluden, einer kleinen baptistischen Freikirche, da ging er mit. So lernte Bunyan John Gifford kennen, den Pastor dieser kleinen Gemeinde. Er wurde sein Mentor und hat ihn sehr geprägt. Manche meinen, Gifford sei das Vorbild für die Figur des Evangelisten in Pilgrim’s Progress. Bunyan jedenfalls ließ sich taufen und schloss sich der Gemeinde an.
Das andere, was Bunyan half, war, dass er für sich selbst intensiv in der Bibel las. Nach und nach bekam er ein klareres Verständnis darüber, was der christliche Glaube eigentlich bedeutete. Das hat ihn allerdings extreme innere Kämpfe gekostet. Bunyan hat sie später in seiner berühmten geistlichen Autobiographie Grace Abounding to the Chief of Sinners detailliert beschrieben. Jahrelang haben ihn existenzielle Fragen fast wahnsinnig gemacht. Manchmal hatte er Zweifel, ob der christliche Glaube wahr sei. Warum sollten zum Beispiel die Christen Recht haben und die Muslime Unrecht? Noch häufiger hatte er Zweifel, ob er wirklich von Gott angenommen sei. But how can you tell you have faith? hat er sich immer gefragt. Woher weißt du, dass du im Glauben hast?
Bunyan schrie zu Gott, aber es schien, als würde Gott nicht hören oder als würde er sich sogar lustig machen über ihn. Es kam noch schlimmer: Er hatte das Gefühl, der Teufel würde ihm permanent einflüstern, sich von Jesus Christus loszusagen, und eines Morgens hatte er den Eindruck, er hätte dieser teuflischen Eingebung innerlich nachgegeben. Viele Monate, vielleicht zwei Jahre, hat er deshalb mit der Vorstellung gekämpft, er habe die Sünde gegen den Heiligen Geist begangen, und es gebe deshalb für ihn keine Vergebung. Als er in seiner Not einen Seelsorger aufsuchte, um Hilfe zu finden, bestätigte er ihm das sogar noch und meinte, dass er tatsächlich so sei. Es war eine furchtbare Zeit für Bunyan.
Manchmal fand er Bibelworte, die ihn trösteten, dann kamen ihm wieder andere in den Sinn, die ihm Angst machten. Aber eines Tages, als er draußen auf dem Feld war, kam Bunyan ganz plötzlich ein Gedanke in den Sinn: Thy righteousness is in heaven. Deine Gerechtigkeit ist im Himmel. Als Christ war er doch jemand, der Jesus seine Gerechtigkeit nannte, wie Paulus das getan hatte, und Jesus saß doch direkt zur Rechten Gottes. Selbst wenn er, Bunyan, Gott nicht gerecht werden konnte, dann wurde doch Jesus Gott gerecht. Dieser Gedanke, neben einigen anderen, brachte für Bunyan den Durchbruch.
Schon bald begann Bunyan zu predigen, obwohl er gar kein Theologe war, und das war damals ungewöhnlich. Und schon sehr bald wurde klar, was für eine außerordentliche Gabe er dafür besaß. Er hat sowohl in Kirchen als auch unter freiem Himmel geredet und hatte großen Zulauf. Später kamen sogar Tausende zu seinen Predigten. Aber auch jetzt hat Bunyan keine leichten Jahre gehabt, wie er überhaupt in seinem Leben viel Leid erfahren musste.
1658, als Bunyan dreißig Jahre alt war, starb seine Frau. Er blieb mit vier Kindern zurück, darunter die blinde Tochter. Ein Jahr später hatte er wieder geheiratet, Elizabeth hieß seine zweite Frau. Aber dann änderte sich die politische Situation. Nach dem Bürgerkrieg war England unter Oliver Cromwell eine Republik gewesen und hatte unabhängigen, sogenannten independenten christlichen Gemeinden wie der von Bunyan Religionsfreiheit gewährt. Dann war Cromwell gestorben, und als sich sein Sohn als unfähig erwiesen hatte, wurde 1660 wieder das Königtum eingeführt und mit dem Königtum auch wieder die anglikanische Staatskirche als für alle verpflichtende Konfession.
Bunyan führte seine Gemeindearbeit trotzdem weiter. Am 12. November 1660 wurde er deshalb während einer Predigt verhaftet und dann auch verurteilt. Ganze zwölf Jahre hat er mit einer kürzeren Unterbrechung im Bett vor der Gefängnis verbracht, plus später noch einmal sechs Monate. Auf der Abbildung sieht man eine Szene aus der Gefangenschaft, den Besuch seiner ältesten Tochter, so wie man sich das im 19. Jahrhundert vorgestellt hat. Ein Fünftel seines Lebens ist Bunyan eingesperrt gewesen, und der Ausgang seines Verfahrens war jahrelang offen. Es hätte im schlechteren Falle durchaus sein können, dass man ihn irgendwann hinrichten lässt.
Elizabeth musste die zwei Kinder, die sie gemeinsam hatten, plus die vier Kinder aus Bunyans erster Ehe allein aufziehen. Bunyan konnte im Gefängnis ein bisschen Geld durch das Flechten von Schnürsenkeln verdienen, aber ohne finanzielle Unterstützung von Christen aus seiner Bedforder Gemeinde wäre die Familie nicht durchgekommen. Und auch emotional war das für die Familie natürlich schlimm. Das Dramatische war, dass Bunyan hätte freikommen können; er hätte nur versprechen müssen, nicht mehr zu predigen. Aber das konnte er nicht, er fühlte sich von Gott zum Predigen berufen. Elizabeth, die eine tapfere Frau war, hat ihn dabei unterstützt, hat immer wieder bei den Behörden vorgesprochen und hat ihn verteidigt.
1672, als Bunyan 43 war, hat man ihn dann freigelassen, und die letzten sechzehn Jahre seines Lebens konnte er, abgesehen von diesem einen weiteren halben Jahr im Gefängnis, tun, was er wollte. Er hat diese Jahre genutzt, um Pastor seiner Bedforder Gemeinde zu sein, was er leidenschaftlich gewesen ist, und daneben an verschiedenen Orten zu predigen. Das Gefängnis hat ihn also tief geprägt, und im Gefängnis sind auch seine wichtigsten Schriften und ist wahrscheinlich auch Pilgrim’s Progress zu weiten Teilen entstanden.
Das Faszinierende an diesem Werk ist, dass Bunyan es schafft, das christliche Leben in eine ganz einfache Erzählung zu fassen, nämlich die Erzählung einer Reise von einer Stadt in die andere. Bunyan greift eine Fülle biblischer textlicher Metaphern auf und macht sie mithilfe seiner ungewöhnlichen Fantasie zu einer Reiseerzählung, die so plastisch wie wenige andere Werke das Glaubensverständnis des Puritanismus vorstellt, der großen Reformbewegung unter den englischsprachigen reformierten Christen des 16. und 17. Jahrhunderts, jedenfalls das Glaubensverständnis von vielen seiner Vertreter.
Die Erzählung ist eine Allegorie, das heißt, die Schauplätze und Figuren verkörpern bestimmte Dinge oder Eigenschaften. Die Allegorie ist so eingängig und allgemeinverständlich, dass sie viele Millionen von Christen vieler Generationen geprägt hat. Vielleicht hat so mancher hier sie ja auch schon gelesen. Und auch Literaturwissenschaftler haben sich immer wieder damit beschäftigt.
Die Hauptperson heißt Christian. Man sieht ihn hier in einer späteren Auflage porträtiert. Eines Tages merkt Christian zu seiner Bestürzung, dass er eine ungeheure Last auf seinem Rücken mit sich herumschleppt. Mit Entsetzen liest er zudem in einem Buch, dass die Stadt, in der er wohnt, die City of Destruction, mit Feuer und Schwefel zerstört werden wird. Seine Familie, Frau und Kinder und seine Nachbarn halten Christian für verrückt, aber er findet keine Ruhe. In seiner Not trifft er Evangelist, und der weist ihm einen Weg aus der Stadt hinaus. Er zeigt ihm yonder Wicked Gate, die schmale Pforte dort drüben. Bei der soll er anklopfen, eintreten und sich dann auf den schmalen Weg machen. Er soll aus der City of Destruction fliehen, zur Celestial City, der himmlischen Stadt.
Bunyans Buch erzählt von diesem Weg, wie Christian seine Nachbarn zuerst vergeblich überzeugen will, mitzukommen. Einer, Pliable, gefügig, lässt sich überreden, kehrt aber nach der ersten größeren Schwierigkeit, dem Sumpf der Hoffnungslosigkeit, Slough of the Despond, gleich wieder um. Christian geht weiter. Er wird vom Türsteher an der engen Pforte namens Goodwill freundlich eingelassen und erlebt, wie sich die Last auf seinem Rücken am Fuß eines Hügels, auf dem ein Kreuz steht, plötzlich wie von selbst von seinem Rücken löst und in ein Grab fällt, und der Erzähler fügt hinzu: And I saw it no more. Die Last ist mit dem Anblick des Kreuzes verschwunden.
Bunyan steht hier in der evangelischen Tradition von Martin Luthers reformatorischer Erkenntnis, der Rechtfertigung des Sünders allein durch Glauben an Christus. Tatsächlich hatte Martin Luthers Kommentar zum Galaterbrief Bunyan, als er irgendwann darauf gestoßen war, unglaublich geholfen. In Grace Abounding schreibt er, Luthers Galaterkommentar sei ihm, abgesehen von der Bibel, das wertvollste Buch, das er je gesehen habe. Es sei genau das Richtige für ein verwundetes Gewissen.
Luther hatte ja aus dem Neuen Testament die Erkenntnis gewonnen, dass Gott Sündern, die an ihn glauben, seine Gerechtigkeit zurechnet, nicht weil sie es verdienen würden, sondern weil Jesus für sie bezahlt hat. Bunyan hatte persönlich unglaublich damit gerungen, und deshalb beschreibt er solche Augenblicke in Pilgrim’s Progress nicht emotionslos. Über Christian heißt es am Fuß des Kreuzes: When he stood still a while, to look and wonder, for it was very surprising to him that the sight of the Cross should thus ease him of his Burden. He looked therefore and looked again, even till the Springs that were in his Head sent the Waters down his Cheeks. Er schaute, bis die Quellen in seinem Kopf das Wasser an seine Wangen hinuntersandten, schreibt Bunyan in seiner bildlichen Art.
Und Christian drückt in einem der vielen Gedichte, die sich durch das Buch ziehen, seine Verwunderung hierüber aus: Must hear the burden fall from off my back? fragt er, Must hear the strings that bounded to me crack? Blessed cross, blessed sepulcher, blessed rather be the man that there was put to shame for me. Solange lebte ich beschwert von meinen Sünden und konnte nirgends Trost noch Ruhe finden, bis ich zu diesem Ort kam. Kann ich das verstehen, ist hier das Heil für mich geschehen? Wie kommt es, dass die Lasten, die ich trug, gerade hier verschwanden, zerreißen hier die Stricke, die mich daran banden? Gepriesen Kreuz, gepriesen seist du Grab, allein unendlich mehr gepriesen sei der Mann, der durch den Tod am Kreuz das Leben mir gewann.
Christian wird neu eingekleidet und macht sich dann mit der Instruktion, den schmalen Weg nicht zu verlassen, auf den Weg. Bunyan erzählt, welchen Typen er dabei begegnet. Einige seiner Figuren tragen recht originelle Namen, zum Beispiel Mr. Worldly Wise Man oder Mr. Facing Both Ways. Viele von ihnen sind nicht gerade Vorbilder. Timorous und Mistrust, zum Beispiel, Furchtsam und Misstrauen, laufen aus Angst vor Löwen auf dem Weg wieder zur City of Destruction zurück. In der Tat, der Weg ist beschwerlich. Formalist, Namenschrist und Hypocrisy, Heuchelei, ist das zum Beispiel alles zu anstrengend. Sie nehmen eine Abkürzung und klettern irgendwo über die Mauer, statt wie vorgeschrieben durch die Tür auf den Weg zu gelangen. Hauptsache auf dem Weg, ist ihre Devise: If we’re in, we’re in. Mit bösen Folgen, wie Christian schon geahnt hatte. Bei dem Hügel Difficulty, Schwierigkeit, probieren sie nämlich wieder eine Abkürzung und gehen dabei kläglich unter.
Das Buch erzählt, wie Christian durch The Valley of Humiliation, das Tal der Demütigung, und The Valley of the Shadow of Death, das Tal des Todesschattens, hindurchgehen muss, wie er von Riesen und von Drachen angegriffen wird. An manchen Stellen versagt er und nimmt Umwege. Immer wieder aber, besonders in den dunklen und schweren Momenten, erfährt er auch Hilfe, Trost und Stärkung. Am Schluss der Erzählung muss Christian einen letzten großen Fluss durchqueren, ein Symbol für den Tod. Dann steht er vor der goldenen Stadt, der Celestial City, und ist am Ziel.
Die literarische Form und ihre Wirkung
Hier würde ich gerne eine kleine literaturwissenschaftliche Randnotiz einfügen, die mich in meinem Anglistikstudium interessiert hat.
Pilgrims Progress war eine neue, innovative Form der Allegorie in der englischen Literatur. Im spätmittelalterlichen Drama Everyman ist ebenfalls alles allegorisch angelegt: Die Figuren stellen nichts anderes dar als das, was ihr Name bezeichnet, zum Beispiel Tod, Besitz, Verwandtschaft oder Wissen. Im Gegensatz zu Everyman ist Bunyans Allegorie dagegen komplex. Bunyan verwendet nämlich nicht nur abstrakte Personifikationen, sondern er zeichnet seine Figuren in dramatischen Dialogen und Schilderungen so lebensnah, dass sie zu Individuen werden. Hopeful repräsentiert eben nicht nur die Hoffnung, das tut er auch, sondern er ist zugleich eine eigenständige literarische Figur.
Pilgrims Progress steht deshalb einerseits in der Tradition der mittelalterlichen Erzählkunst, ist aber andererseits ein Vorläufer des realistischen, des bürgerlichen englischen Romans. Auch literarisch gab es so etwas noch nicht. Dabei ist Bunyans Sprachstil ganz stark vom Englisch der King-James-Bibel geprägt, aber auch von einer gehobenen Umgangssprache seiner Zeit. Die Symbole, die Bilder und die Metaphern, die Bunyan verwendet, stammten zum Teil aus seiner eigenen Lebenswelt. Kampfszenen wohl aus seiner Kriegserfahrung, das Bild von der Last auf dem Rücken vielleicht sogar von seiner Erfahrung als herumziehender Kesselflicker mit seinem Arbeitsgepäck auf dem Rücken, so vermutet zumindest Jim Packer in einem Aufsatz über Pilgrims Progress.
Ich habe vor ein paar Jahren auch einen englischen Schulleiter getroffen, der aus der Region Bedford, von Bunyans Heimat, stammt. Er erzählte mir, Bunyan würde an vielen Stellen Hügel, Täler, Sümpfe und Bauten beschreiben, die es dort tatsächlich gibt. Er hatte also für manches Anschauungsmaterial, das auch vielen Lesern vertraut war. Die meisten Bilder und Themen stammen aber aus der Bibel. Es gibt etwa zweihundert Bibelzitate und Hunderte von indirekten Anspielungen auf Bibelstellen in dem Werk. Die Belegstellen waren schon in Bunyans Original am Seitenrand mit angegeben.
Man könnte Unterschiedliches zu Pilgrims Progress sagen. Ich würde gerne zwei Dinge hervorheben, die mir persönlich Bunyans Werk wichtig machen.
Erstens: Christsein ist für Bunyan Unterwegssein zur himmlischen Stadt. Wenn Christian in Pilgrims Progress anderen Figuren begegnet, dann stellt er sich oft so vor: “I am come from the city of destruction and am going to Mount Zion”, ich komme aus der Stadt der Zerstörung und ich gehe zum Berg Zion. Dass er unterwegs ist, gehört zu seinem Selbstverständnis. Er kommt aus der einen Stadt und ist auf dem Weg zu einer anderen. So beschreibt Bunyan die Existenz eines Christen. Damit greift er nur ein biblisches Motiv auf. Schon Abraham hatte ja seine Heimat verlassen und musste als Nomade ohne festen Wohnsitz leben, immer unterwegs, wie Gott gesagt hatte: in das Land, das ich dir zeigen werde. Jesus selbst verwendete später die Reisemetapher, als er von dem schmalen Weg sprach, der zum Leben führt. In der Apostelgeschichte wird das christliche Leben sogar mehrmals schlichtweg der Weg genannt. Gestern hat Martin Riggs Williams den Gedanken eindrücklich aus Titus 2 herausgearbeitet.
Aber auch in der Kirchengeschichte wurde immer wieder über dieses Motiv der christlichen Wanderschaft auf Erden nachgedacht. Das christliche Geschichtsbild ist in der Hauptsache nicht zyklisch, kreisförmig, sondern linear. Das gilt für die Heilsgeschichte insgesamt und genauso für unsere Lebensgeschichte. Christen erleben natürlich auch Umwege, Rückschläge, manche Erfahrungen wiederholen sich auch. Trotzdem gilt: Man geht seinen Glaubensweg nur einmal. Es gibt einen Anfangspunkt, Christus die Tür, es gibt ein Ziel, das neue Jerusalem, und die Zeit dazwischen, die Zeit, in der wir leben, ist Wegstrecke. Bunyan hämmert seinen Lesern diesen Gedanken durch die Form seines Buches geradezu ein, es ist eben eine Reiseerzählung. Die Protagonisten in Bunyans Geschichte sind alle unterwegs. Dabei nimmt er sie aber auch mit hinein in seine Freude auf die himmlische Heimat. Als Christian die goldene Stadt erreicht, da beschreibt der Ich-Erzähler detailliert die Schönheit der Stadt und endet mit dem Satz: “I wished myself among them”, „Ich wünschte, ich wäre dabei gewesen.“ Bunyan möchte seine Leser an den Zweck ihrer Reise erinnern, er möchte bei ihnen Vorfreude auf den Himmel wecken. Deshalb ist Bunyans Pilgrims Progress ein Plädoyer dafür, das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren und auf dem Weg dorthin zu bleiben.
Immer wieder wird Christian von Leuten aufgefordert oder von Hindernissen animiert, den Weg zu verlassen und wieder umzukehren, die himmlische für die irdische Stadt einzutauschen. Oder er sitzt einfach in Doubting Castle fest, der Festung des Zweifels, und kommt nicht weiter. Ich kenne das persönlich. Bei einer solchen Begebenheit, als Christian fürchtet, direkt in eine Gruppe Löwen hineinzulaufen, überlegt er bei sich selbst, ob er nicht wirklich besser umkehren soll. Dabei fällt ihm aber auf, dass der Weg vor ihm zwar Risiken birgt, dass er aber auch größte Verheißungen hat und dass es noch viel gefährlicher wäre, in die City of Destruction zurückzukehren. Er fasst diese Erkenntnis in einem bemerkenswerten Satz zusammen: “I must venture”, sagt er, „ich muss es wagen; to go back is nothing but death, to go forward is fear of death and life everlasting beyond it, I will yet go forward.“ Zurückzugehen bedeutet nichts als den Tod, vorwärtszugehen bedeutet Furcht vor dem Tod und dahinter das ewige Leben. Ich werde weiter vorwärtsgehen. Glaube nach Bunyan ignoriert nicht die Schwierigkeiten auf dem Weg mit Gott, aber er lässt sich von dem Ziel der himmlischen Stadt letztlich nicht abbringen.
Ich glaube, dieser von Bunyan so eindringlich beschriebene Gedanke, der schon im siebzehnten Jahrhundert vielen Menschen fremd war, entspricht vielleicht noch weniger unserer heutigen Erlebnisgesellschaft, in der wir so sehr auf das Diesseits ausgerichtet sind. Die meisten Menschen unserer Gesellschaft würden von sich nicht sagen, dass sie auf dem Weg zur celestial city sind. Und das wirft ein anderes Licht auf ihre Lebensziele und Lebensentscheidungen. An dieser Stelle sind wir Christen anders, würde Bunyan sagen, und er könnte sich auf unsere Jahreslosung von vor zwei Jahren beziehen: Hebräer 13,14. Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir. Unser erstes Lebensziel ist nicht, unsere Träume für diese Welt zu verwirklichen, auch wenn uns das Gott sei Dank manchmal geschenkt wird, sondern unterwegs zu sein und unterwegs zu bleiben.
Ich glaube, es wäre falsch, diesen Gedanken von Bunyan als eine Aufforderung zu verstehen, uns aus der Gesellschaft zurückzuziehen. Das würde bedeuten, Bunyans Bild von der Flucht aus der Stadt der Zerstörung einseitig zu interpretieren. Jesus hat ja gerade betont, dass Christen das Salz der Erde sind. Es gehört gerade zu unserem Unterwegssein als Christen, dass wir uns nicht zurückziehen, sondern uns einsetzen, kreativ sind, Verantwortung übernehmen, Menschen dienen und Gutes tun, überall, wo wir können. Auch in der Gesellschaft, wenn wir die Möglichkeit haben, der eine mehr, der andere weniger, je nach unserer Lebenssituation. Aber all unser Tun ist immer etwas Vorletztes, nicht etwas Letztes.
So ist es auch in unserem persönlichen Leben. Jeder von uns ist gerade in einer bestimmten Lebensphase verheiratet oder alleinstehend, mit kleinen oder mit großen Kindern oder ohne, in der Ausbildung oder mitten im Beruf, in einer bestimmten Position oder arbeitslos oder bei der Familie zu Hause oder in Rente. Es sind außerordentlich wichtige Dinge. Aber alle diese Stationen unseres Lebens sind nicht unsere wahre Heimat, das ist alles vorübergehend. Wie mein Großvater mir vor vielen Jahren am Telefon sagte, nicht so lange Zeit, bevor er starb: „Unsere Heimat ist hier nicht“, hat er gesagt. Wir sind auf dem Weg zur himmlischen Stadt, wo Jesus uns erwartet.
Und zwar, meint Bunyan, sind wir gemeinsam auf dem Weg. Das ist mein zweiter Punkt: Christsein ist für Bunyan Unterwegssein mit anderen Christen. Auf den ersten Blick könnte man meinen, das christliche Leben nach Pilgrims Progress sei eine individualistische Sache. Es geht um Christian. Aber wenn man genauer hinschaut, dann ist das nicht der Fall. Spätestens im zweiten Teil, der von Christians spätbekehrter Frau Christiana und ihren Söhnen Matthew, Samuel, James und Joseph handelt, wird deutlich, dass Christsein für Bunyan ein Unterwegssein als Gemeinschaft darstellt. In diesem zweiten Teil wird auch deutlich, etwa in der Beschreibung verschiedener Hochzeiten, dass Bunyan die schönen Seiten des diesseitigen Lebens nicht verachtet, auch wenn hier zugegebenermaßen nicht sein Schwerpunkt liegt. Es geht Bunyan, wie ich ihn verstehe, nicht darum, das irdische Leben mit seinen faszinierenden Seiten gering zu schätzen. Der Weg ist für ihn deshalb auch nicht ein einziger Marathonlauf. Im Gegenteil, manchmal muss die Gemeinschaft langsamer gehen, um auf schwächere Mitreisende wie Mr. Feeble-Mind und vor allem auf die Kinder Rücksicht zu nehmen.
Christians Wanderschaft im ersten Teil des Buchs hat einen stärker individuellen Zug. Es geht um seine Pilgerreise, eine Reise, für die er ja erst einmal das Beziehungsnetz seiner Heimat verlassen musste. Aber auch sie lebt von anderen Christen, einerseits von Ratgebern wie Evangelist, denen er sich anvertraut, die ihn leiten, so wie das auf diesem Bild vor der Reliefdarstellung auf der großen Bunyan-Statue dargestellt ist, recht eindrücklich, wie ich finde. Andererseits von Freunden, die ihn begleiten, namentlich Faithful, einem Mitbürger aus Christianstadt, der sich nach dessen Weggang ebenfalls zur Flucht aus der City of Destruction entschließt und auf den Christian unterwegs trifft. Sie sind seitdem zu zweit unterwegs, bis sie auf der Vanity Fair, dem Jahrmarkt der Eitelkeiten, ein Ausdruck, der übrigens ein geflügeltes Wort geworden ist, voneinander getrennt werden. Auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten weigern sich die beiden nämlich, das, was dort angeboten wird, Titel, Ehre, Königreiche, Prostituierte, Herren, Diener, Leben, Blut, Silber, Gold oder Edelsteine, zu kaufen, und beteuern stattdessen: “We buy the truth”, „Wir kaufen die Wahrheit.“ Daraufhin wird Faithful wegen Unruhestiftung von den Heschern der Stadt Vanity zum Tode verurteilt und hingerichtet. Aber ein Bewohner der Stadt, Hopeful, lässt sich überzeugen und wird an seiner Stelle Christians Weggefährte und bleibt das auch bis ganz zum Schluss.
Das heißt nicht, dass Christian auf seinem Weg nicht auch Einsamkeit erfährt. Aber selbst in den einsamen Zeiten, die Christian erlebt, etwa im Tal des Todesschattens, das er ganz allein in der Dunkelheit durchwandern muss, hört er plötzlich von irgendwoher die Stimme eines Mannes. Sie rezitiert den dreiundzwanzigsten Psalm: “Though I walk through the valley of the shadow of death, I will fear no ill, for thou art with me.” Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir. Diese Stimme gibt ihm neuen Mut, denn sie zeigt ihm, dass er nicht der einzige ist, der gerade das Tal durchquert. Es gibt noch andere vor ihm und hinter ihm. Bunyan selbst hat viele Täler durchquert, die langen Gefängnisjahre, aber auch innerlich sein jahrelanges Ringen um Glauben und Heilsgewissheit. Er hat diesen Zuspruch also selbst gebraucht. Wo wären wir in unserem Glauben, mit unseren Kämpfen, ohne andere Christen?
Christian seinerseits versucht in Pilgrims Progress immer wieder, Freunde und Bekannte zu gewinnen, mit ihm mitzukommen, auch wenn es ziemlich vergeblich aussieht. Seine Bekannten machen sich eher über seine unsinnige Reise, “desperate journey”, wie sie sagen, lustig. Er wird regelrecht zum Stadtgespräch. Dann aber, interessanterweise, als Christian schon längst nicht mehr da ist, überdenken manche ihren Spott und fragen sich, ob er nicht vielleicht recht hatte, ob die Stadt vielleicht wirklich untergeht. So machen sich einige seiner früheren Kritiker auf den Weg und gehen Christian hinterher. Langfristig hat sein Beispiel also durchaus etwas bewirkt.
Mit am eindrücklichsten wird der Gemeinschaftsaspekt des Christseins anhand einer Herberge beschrieben, die entlang des schmalen Weges auf dem Hügel Difficulty steht. Sie war speziell, heißt es da, für müde Reisende errichtet worden. Christian verbringt dort mehrere Tage, unterhält sich mit den Bewohnern, etwa den Frauen Discretion, Piety und Charity, Einsicht, Gottesfurcht und Liebe, wie in dieser Illustration dargestellt, und so kommt er wieder zu Kräften. Die Herberge repräsentiert christliche Gemeinschaft oder auch Gemeinde und trägt den schönen Namen House Beautiful, Palast der Schönheit.
Schon ganz am Anfang, als Christian dort anklopft und Discretion um Einlass bittet, erfährt er, was den Geist dieses Hauses ausmacht: eine große Herzlichkeit. “She smiled”, heißt es, “but the water stood in her eyes” – sie lächelte, aber das Wasser schimmerte in ihren Augen. Piety, Prudence und Charity wollen ganz genau wissen, was er unterwegs alles erlebt hat, sie interessieren sich für ihn, und sie interessieren sich für den Herrn des Hügels, der das Haus zur Erfrischung der Reisenden gebaut hatte. Um ihn kreist das Tischgespräch, und ihm befehlen sie sich zum Schutz für die Nacht. Nach einigen Tagen zieht Christian dann weiter. Christliche Gemeinschaft, ein House Beautiful? Vielleicht nicht immer, aber insgesamt hat Bunyan das so empfunden.
Pilgrims Progress wurde innerhalb weniger Jahre zum Bestseller. Nach nur zehn Jahren soll es bereits hunderttausend Exemplare in England gegeben haben, und schon wenige Jahre nach Erscheinen war Pilgrims Progress auch in den britischen Kolonien in Nordamerika unter den Puritanern verbreitet. Bald setzten auch Übersetzungen und damit die Verbreitung in anderen Ländern ein. Auch in Deutschland, was im achtzehnten Jahrhundert durch den hallischen Pietismus und im neunzehnten Jahrhundert durch die Erweckungsbewegung befördert wurde, wobei der Titel der deutschen Ausgabe variierte, etwa Eines Christenreise nach der Seelen Ewigkeit, Des Christen Wallfahrt nach der himmlischen Stadt oder einfach Die Pilgerreise. Es wurde ein Klassiker des geistlichen Lebens, für alle Schichten. Hier ist eine Illustration einer afrikanischen Ausgabe von Pilgrims Progress aus dem Jahr 1902.
Der Erweckungsprediger Charles Spurgeon hat Pilgrims Progress nach eigener Auskunft ungefähr hundertmal gelesen. Er meinte, Bunyan habe „Biblines Blut“, wo immer man ihn piekse, käme Bibel aus ihm heraus. Was nicht heißt, dass Spurgeon mit allem in dem Buch einverstanden gewesen wäre. Vor allem meinte er, Bunyan hätte Christian direkt zum Kreuz schicken müssen, nicht zuerst zur engen Pforte. Interessanter Gedanke, über den man diskutieren kann. Pilgrims Progress war für Spurgeon also nicht unfehlbar, aber er hat es sehr geliebt, immer und immer wieder gelesen, daraus zitiert und auch ein Buch darüber geschrieben.
Aber Pilgrims Progress gehört nicht nur zur christlichen Erbauungsliteratur, sondern ist auch darüber hinaus von Denkern und Schriftstellern gelesen und beachtet worden als eine große Erzählung, als ein bedeutender literarischer Text. Der vollständige Titel von Charles Dickens’ Oliver Twist zum Beispiel heißt Oliver Twist: All the Parish Boys Progress, eine Anspielung auf The Pilgrims Progress. William Thackeray schrieb etwa zur selben Zeit den gesellschaftskritischen Roman Vanity Fair, benannt nach Vanity Fair, dem Jahrmarkt der Stadt Vanity aus Pilgrims Progress. Eines von Mark Twains bekanntesten Büchern, ein Reisebericht, heißt im Untertitel The New Pilgrims Progress. Und auch Charlotte Brontë nimmt in ihrem Roman Jane Eyre mehrmals auf Pilgrims Progress Bezug. Diese Schriftsteller haben keineswegs immer mit Bunyan übereingestimmt, aber sie haben ihn gekannt und auf ihn Bezug genommen.
Auch C. S. Lewis hat sich intensiv mit Pilgrims Progress beschäftigt und war von der Erzählweise und den Dialogen Bunyans begeistert. Lewis hat auch die erste seiner zwei Autobiographien an Pilgrims Progress angelehnt und hat sie The Pilgrims Regress genannt. Daneben haben auch die Gedichte aus Pilgrims Progress nachgewirkt. Eines der Gedichte aus dem zweiten Teil jedenfalls, das Gedicht To Be a Pilgrim, ist mit kleinen Änderungen zu einem englischen Kirchenlied geworden. Als die langjährige britische Premierministerin Margaret Thatcher vor zwei Jahren starb und in der Londoner St. Paul’s Cathedral beerdigt wurde, hat man im Trauergottesdienst auf ihren eigenen Wunsch hin To Be a Pilgrim von John Bunyan gesungen.
Eine Sache, die wir darum sicher von Bunyan lernen können, ist, wie wichtig es ist, die christliche Botschaft packend zu illustrieren, sei es in Büchern, sei es in Predigten, Andachten oder Gesprächen über den Glauben. Jesus hat das ja auch getan, als genialer Geschichtenerzähler, der er war. Man muss nur an das unvergleichliche Gleichnis vom verlorenen Sohn denken. Ich habe schon mehrmals erlebt, wie das Leute tief berührt hat, oder an den barmherzigen Samariter oder den guten Hirten. Menschen sind eben nicht nur rationale, sondern auch emotionale Wesen mit Leidenschaft und Sehnsucht. Romane und gute Literatur, Liedtexte und Gedichte und auch Filme können, wenn man sie sinnvoll einsetzt, eine Fundgrube für Illustrationen sein, und natürlich auch Geschichten aus dem Leben, wenn man sie spannend erzählt. Wahrheitsfragen entscheidet man natürlich nicht durch Illustrationen, sondern durch Argumente, aber Illustrationen machen Wahrheiten manchmal leichter verständlich und bewegen unser Herz. Wir können, glaube ich, von Bunyan lernen, biblischen Wahrheiten tief auf den Grund zu gehen, so gut wir können, und sie dann mit Bildern so zu veranschaulichen, dass wir selbst und unsere Mitmenschen sie nicht wieder vergessen.
Denn es ist ja so: Der Gedanke, dass das Leben eine Reise mit einem Ziel darstellt, einem Ziel jenseits unserer diesseitigen Existenz, das so wichtig und wertvoll ist, dass es auch den beschwerlichsten Weg dorthin rechtfertigt. Dieser Gedanke, der Bunyan zeitlebens beschäftigte und den er in Pilgrims Progress erzählerisch umsetzte, der hat auch spätere Generationen immer wieder bewegt, weil der Schreiber des Hebräerbriefs dieses Bild in dem großen Kapitel über den Glauben, dem Kapitel elf, ebenfalls verwendet. Deshalb würde ich gerne meinen Vortrag zu Pilgrims Progress mit einigen Versen aus diesem Kapitel abschließen: Hebräer 11,8-16.
Aufgrund des Glaubens gehorchte Abraham dem Ruf, wegzuziehen in ein Land, das er zum Erbe erhalten sollte, und er zog weg, ohne zu wissen, wohin er kommen würde. Voll Glauben sind Abraham, Isaak und Jakob alle gestorben, ohne das Verheißene erlangt zu haben. Nur von fern haben sie es geschaut und gegrüßt und haben bekannt, dass sie Fremde und Gäste auf Erden sind. Mit diesen Worten geben sie zu erkennen, dass sie eine Heimat suchen. Hätten sie dabei an die Heimat gedacht, aus der sie weggezogen waren, so wäre ihnen Zeit geblieben, zurückzukehren. Nun aber streben sie nach einer besseren Heimat, nämlich der himmlischen. Darum schämt sich Gott ihrer nicht. Es schämt sich nicht, ihr Gott genannt zu werden, denn er hat für sie eine Stadt vorbereitet.
