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Es gibt ein zukünftiges Gericht

17. Vortrag zu Jesaja (Jes 63,7 - 66,24)
Jesaja 63,7-66,2404.07.2023
SerieTeil 18 / 18Überblick über Jesaja
Willst du nur den tröstlichen Teil von Gott? Jesaja stellt die unbequeme Frage: Es gibt nicht nur Hoffnung, sondern auch Gericht. Am Ende zählt nicht Herkunft, sondern deine Antwort auf Gottes Ruf.

Die Spannung zwischen Trost und Gericht

Die Frage, die Jesaja uns heute stellt, ist: Glauben wir wirklich die ganze Botschaft Gottes? Oder haben wir uns als moderne Christen den angenehmen Teil der Botschaft herausgesucht und auf Ansichtskarten geschrieben?
Und man hat den Eindruck, wenn man diesen Rest von Jesaja betrachtet, den wir heute betrachten werden, und wenn man den Schluss von Jesaja betrachtet, dass Gott genau diese Befürchtung hatte: dass Menschen sich den angenehmen Teil dieses Buches heraussuchen, ihn auf Ansichtskarten und auf Poster in ihr Zimmer hängen und den unangenehmen Teil der Botschaft verdrängen und in Schubladen für Waren maximal.
Deswegen endet dieses Buch Jesaja herrlich. Es gab viele Ausblicke in die Zukunft, in die herrliche Zukunft, zumindest in die herrliche Zukunft auf dieser Erde. Und ich werde es auch in diesen letzten Kapiteln vermehrt geben. Jesaja wiederholt hier viele Dinge und steigert das eine oder andere noch einmal, wenn er auf dieses zukünftige Reich Gottes auf dieser Erde schaut.
Aber es endet auch dramatisch.

Der offene Konflikt um den kommenden Messias

Nur zwei Wochen haben wir Jesaja an einer spannenden Stelle verlassen, in Kapitel 63. Dort endet die erste Hälfte des letzten Teils von Jesaja. Wir haben ja gesehen, dass diese letzten neun Kapitel ziemlich genau in zwei Hälften zerfallen. Es gab letztes Mal ein Schema. Ihr könnt es auch im Online-Speicher noch einmal anschauen. Ich habe es heute nicht mitgebracht und wollte es heute auch nicht noch einmal zeigen.
Aber diese letzten neun Kapitel sind irgendwie in zwei Teile eingeteilt, und der erste Teil endete in Kapitel 63 mit den ersten Versen. Und wie gesagt, es war eine spannende Stelle. Es war ein bisschen wie ein Cliffhanger, an dem wir ausgestiegen sind, weil wir gesehen haben, wie der Messias Gottes kommt, wie er letzten Endes nach Israel kommt.
Ich lese noch einmal Jesaja 63,1: Wer ist dieser, der von Edom kommt, in hochroten Kleidern von Bozra? Dieser, der geehrt in seinem Gewand einherzieht, der in der Größe seiner Kraft einhergeht? Ich bin es, der in Gerechtigkeit redet, der mächtig ist zu retten.
Also hier kommt der Messias Gottes, geehrt in Macht, als jemand, der die Gerechtigkeit aufrichten will. Aber er kommt in einem tiefroten Kleid. Und die Frage wird in Jesaja gestellt: Warum ist Rot an deinem Gewand, und sind deine Kleider wie die eines Keltertreters?
Und dann antwortet er: Ich habe die Kelter allein getreten, von den Völkern war niemand bei mir. Ich zertrat sie in meinem Zorn und zerstampfte sie in meinem Grimm. Ihr Saft spritzte auf meine Kleider, und ich besudelte mein ganzes Gewand.
Ich habe das letztes Mal schon betont: eine martialische Szene. Ein Blutbad. Denn der Tag der Rache war in meinem Herzen, und das Jahr meiner Erlösung war gekommen.
Und Jesaja baut hier irgendwie diese Spannung auf. Der Messias kommt vom Gericht über die Erde, vom Gericht über die Menschen, von einem Blutbad. Und das letzte Land, in das er geht, bevor er nach Israel kommt, ist Edom, direkt östlich von Israel gelegen. Aber ja, letzten Endes ist es geschichtlich Esau, Edom, der Zwillingsbruder von Jakob, also von Israel.
Gott richtet Edom, und die große Frage ist: Wenn er jetzt nach Israel kommt, ist sein Gericht schon zu Ende? Er kommt als Richter. Er hat die ganze Erde gerichtet, er hat den Zwillingsbruder Israels gerichtet. Und jetzt kommt er nach Israel. Kommt er nur als Retter, kommt er nur als Friedensfürst, oder kommt er nach Israel als Richter?
Und das ist die große Frage, mit der sich diese letzten Kapitel Jesajas am Ende beschäftigen. Diese Frage steht immer noch im Raum.

Der Ruf nach Gottes Eingreifen in der Vergangenheit

Schauen wir noch einmal ganz kurz zurück, an den Anfang dieser letzten neun Kapitel, Jesaja 58,1.
Der Anfang dieser letzten neun Kapitel war ein Anfang mit Fanfaren, mit Trompetenstößen, unheilverkündend, keine Jubelfanfaren. Gott sagt zu Jesaja: „Rufe aus voller Kehle, halte nicht zurück, erhebe deine Stimme wie eine Posaune und tu meinem Volk seine Übertretung kund und dem Haus Jakobs seine Sünden.“
Die Frage, wie der Messias nach Israel kommt, wird noch spannender, wenn wir diesen Vers betrachten: Verkündige Israel seine Sünden. Kommt er wirklich als Retter und Friedefürst? Oder kommt er auch nach Israel als Richter? Das war die Überschrift.
Was haben wir von diesen letzten vier Kapiteln zu erwarten? Zunächst auch in Kapitel 58, und ich lese noch einmal Vers 2 und 3.
Jesaja hat ja aus seiner Sicht vorausgeschaut auf die Jahre der Deportation, auf die Jahre, wie man es so oft sagt, der babylonischen Gefangenschaft. Von seiner Perspektive aus lag das noch 150, 160 Jahre in der Zukunft, zumindest die Rückkehr aus der Gefangenschaft. Es lagen noch Generationen in der Zukunft. Aber wer schaut in diese Zeit hinein?
Wir haben gelesen, dass es eine Anfrage der Israeliten gab, die in Babylon waren oder in irgendeiner der Städte zerstreut waren. Es gab eine Anfrage an Gott, und Gott drückt durch Jesaja aus, wie sehr er sich über diese Anfrage wundert.
 Jesaja 58,2: „Und doch fragen sie nach mir Tag für Tag und begehren meine Wege zu kennen, als wären sie eine Nation, die Gerechtigkeit übt und das Recht ihres Gottes nicht verlassen hat. Sie fordern von mir gerechte Urteile und begehren die Nähe Gottes.“
Gott ist erstaunt. Er sagt, die tun so, als müsste ich etwas für sie tun, als wäre sie ein Volk, das die ganze Zeit mit mir gelebt hat, das gerecht lebt, das irgendwie das Eingreifen Gottes verdient hat. Seltsam.
Ja, wir haben das gesehen: dieses Kapitel von 58 bis inklusive 62, wie Gott darauf reagiert, und er hat vieles dazu zu sagen gehabt.

Die Klage der Verschleppten und Gottes frühere Nähe

Und jetzt, in Kapitel 63, Vers 7, fängt Jesaja eigentlich noch einmal an, genau an derselben Stelle. Es gibt wieder eine Anfrage. Und die Antwort ist noch ausführlicher, denn auch die Anfrage ist noch ausführlicher.
In Kapitel 58 war die Frage: Warum erkennst du unsere religiösen Verdienste nicht an? Warum erkennst du nicht an, dass wir Gesetze halten, dass wir religiöse Zeremonien für dich durchführen? Warum handelst du nicht für uns, obwohl wir so religiös sind? Es geht um diese Zeit. Das war der Hintergrund der Anfrage in Kapitel 58. Haben wir es nicht verdient, mit unseren religiösen Bemühungen, mit unserem Fasten, dass du eingreifst für uns?
Und die Antwort war: Mich interessieren religiöse Zeremonien nicht. Mich interessiert, was ihr eigentlich tut in eurem Privatleben, was ihr denkt, wie ihr mit Menschen umgeht, wie ihr letzten Endes mit mir umgeht.
Und hier in Kapitel 63 ist die Frage ein bisschen anders. Nicht: Warum reagierst du nicht auf das, was wir gerade tun?, sondern: Gott, warum hat sich dein Verhalten uns gegenüber so verändert? Es gab doch mal Zeiten in der Geschichte, wo du für uns warst, wo du dich voll hinter uns gestellt hast, und es ist so total anders geworden.
Also in Kapitel 58 ist der Fokus auf jetzt: Warum erkennst du jetzt unsere Religiosität nicht an? In Kapitel 63 ist der Fokus auf früher: Du hast doch mal diesem Volk etwas versprochen, du bist doch mal einen Weg mit diesem Volk gegangen. Warum hat sich das so drastisch verändert?
Diese ausführliche Anfrage und die Antwort Gottes werden wir uns heute Abend als Erstes anschauen. Zunächst spricht offensichtlich der Prophet. Er macht eine Einleitung, er schaut in die Vergangenheit, er erinnert an das, was Gott in der Vergangenheit getan hat, wie er mit diesem Volk gehandelt hat.
Vers 7: Ich will die Gütigkeiten des Herrn verkünden, die rühmenswerten Taten des Herrn, nach allem, was der Herr uns erwiesen hat, und die grosse Güte gegen das Haus Israel, die er ihnen erwiesen hat, nach seinen Erbarmungen und nach seiner grossen Treue.
Ja, Gott ist treu, wir haben es gerade gesungen. Das waren die einleitenden Sätze, und irgendwie ist gedanklich hier ein Doppelpunkt. Ich möchte zurückblicken auf die Gütigkeiten Gottes, und jetzt tun wir das, sagt Jesaja.
Und als er beginnt, spricht er zunächst über Gott, über seine Einstellung, über die Einstellung, mit der Gott sein Verhältnis zu Israel begonnen hat, und wie schön das war. Wie er sie ausgesucht hat als sein Volk, wie er sie zu seinen Kindern gemacht hat. Und Gott fand es irgendwie logisch und folgerichtig damals, dass sie dankbar sein würden für seine Auserwählung, für seine Rettung, für seine Fürsorge. Dass sie treu sein würden.
Und Jesaja drückt es hier im Namen Gottes aus. Er sagt: Und er sprach: Sie sind ja mein Volk, Kinder, die nicht treulos sein werden.
Okay, ist Gott naiv? Hat Gott wirklich gedacht, dass Israel nicht untreu sein wird? Ich meine, die Geschichte hat ihn sehr schnell widerlegt, wenn er das gedacht hat, oder?
Nein, ich glaube, Jesaja möchte etwas anderes sagen. Gott möchte etwas anderes sagen. Er hat gesagt: Ich habe diese Beziehung mit euch so angefangen, als könnte ich mir gar nicht vorstellen, dass ihr jemals untreu seid. Ich wollte nicht, dass ihr irgendwie konfrontiert seid, irgendwie Vorbehalte bei mir spürt. Ich habe mich vorbehaltslos in euch investiert, nicht mit Reserven, weil ich schon dachte, dass es nicht funktioniert. Sondern ich habe mich so in euch investiert wie in Kinder, wo man hundertprozentig überzeugt ist, sie werden dankbar, sie werden treu sein.
So war meine Haltung, so bin ich in diese Beziehung hineingegangen, sagt Gott. Er engagierte sich für sie von ganzem Herzen.

Erinnerung an den Exodus und den Bruch der Beziehung

Lesen wir weiter, Vers 8, jetzt am Ende. Und der Gott wurde ihm zum Erretter. In all ihrer Bedrängnis war er bedrängt. Das war der Anfang, oder? Er hat jetzt Mose gegenüber ausgedrückt: Ich leide mit, wenn ich meine Leute in Ägypten leiden sehe, als in der Sklaverei. Ich bin der Gott, der im Dornbusch wohnt, der diese ganzen Leiden wirklich mitfühlt. In all ihrer Bedrängnis war er bedrängt.
Und der Engel seines Angesichts hat sie gerettet. In seiner Liebe und in seiner Erbarmung hat er sie erlöst, und er hob sie empor und trug sie alle Tage der Urzeit. Also ist mit Urzeit nicht irgendwie 1. Mose 3 oder so gemeint, sondern die Zeit Moses, die Zeit, die Urzeit, der Anfang dieses Volkes Israel. Jesaja sagt: Du hast sie getragen, all diese Tage am Anfang. Wir sind mit ihnen die ersten Schritte als Volk gegangen. In all ihrer Bedrängnis warst du bedrängt, und dann hast du sie rausgeholt und hast sie getragen.
So war das damals. So war das, als Gott sein Volk aus Ägypten rausgeholt hat, als er die ersten Schritte mit ihnen in der Wüste gegangen ist. Daran erinnert Jesaja, und es sind schöne Verse, oder? Ich meine, man kann sie rausnehmen und auf Postkarten schreiben. Vielleicht hast du schon mal eine Postkarte gehabt, wo draufsteht: In all ihrer Bedrängnis war er bedrängt. Aber der Zusammenhang ist ein bisschen bitter, weil hier ist es nur eine Reminiszenz an eine schöne Vergangenheit. Die Situation war schon damals, nicht erst im Laufe von Jahrzehnten und Jahrhunderten, sie war schon damals schnell gekippt. Und direkt im nächsten Satz sagt Jesaja das.
Das war die Haltung Gottes, aber was ist passiert? Vers 10: Sie aber sind widerspenstig gewesen und haben seinen Heiligen Geist betrübt. Da wandte er sich ihnen zum Feind, er selbst kämpfte gegen sie. Krass! Gott hat gesagt: Ich war in all ihrer Bedrängnis bedrängt. Ich bin mit der Haltung reingegangen, als wären sie Kinder, die niemals untreu werden würden. Ich habe sie getragen. Und direkt der nächste Satz: Aber sie waren widerspenstig, sie haben sich abgewendet von Gott, und er ist ihnen zum Feind geworden und hat nicht mehr für sie, sondern gegen sie gekämpft. So schnell ist es gegangen in der Geschichte.
Vielleicht erinnert sich irgendjemand von euch noch an Jesaja 5, an dieses Lied von dem Weinberg, das auch irgendwie anfängt wie eine Liebesbeziehung zwischen einem verliebten Bräutigam und seiner Braut und dann plötzlich bricht und sagt, dass alle Erwartungen enttäuscht wurden. Und genau so ist es hier wieder. Diesmal ist es nicht ein Bräutigam und seine Braut und der Anfang einer Liebesgeschichte, sondern es ist der Anfang einer Liebesgeschichte von seinem Vater und seinen Kindern, die so unglaublich gut und emotional positiv anfängt, und es bricht. Jesaja lässt es so direkt brechen und zeigt, wie schnell diese Beziehung zerbrochen ist.

Der Psalm der Deportierten und ihre Sehnsucht nach Gottes Nähe

Nach dieser Vorrede – das war die Vorrede Jesajas. Er hat gesagt: Ich zeige euch das, wie es am Anfang war – schreibt er jetzt eigentlich einen Psalm. Stilistisch gesehen, auch wenn er nicht in den Psalmen steht, sondern in Jesaja.
Und es fängt hier in Kapitel 63, Vers 11 an, und der Psalm geht eigentlich bis zum Ende von Kapitel 64. Und für die, die sich ein bisschen näher damit beschäftigen wollen – ich werde es ein paar Mal erwähnen: Auch dieser Psalm hat zwei Hälften, und fast alles, was in der ersten Hälfte gesagt wird, wiederholt Jesaja in der zweiten Hälfte, oft noch ein bisschen ausführlicher. Oft erklärt er es noch ein bisschen. Er geht den Gedankengang durch, und dann geht er den Gedankengang noch einmal durch. Ich werde euch das jetzt nicht eins zu eins zeigen, aber ihr werdet an meinen Bemerkungen, wie ich Dinge zitiere, immer wieder sehen. Es gibt viele, die diesen Stil haben, in dem Jesaja jetzt diese Kapitel schreiben wird.
Und bevor wir uns mit dem Inhalt beschäftigen, müssen wir ganz kurz anschauen, in welcher Zeit dieser Psalm spielt. Und ich nehme es vorweg: Es ist nicht die Zeit, in der Jesaja ihn geschrieben hat. Er zitiert jemand anderen, in einer anderen Zeit, der in einer anderen Zeit diesen Psalm singt, betet, aufsagt, was auch immer, zu Gott ruft.
Was ist das für eine Zeit? Im ersten Teil endet der erste Teil ungefähr in Kapitel 63, Vers 18, wo steht: Für eine kurze Zeit hat dein heiliges Volk es besessen, das Land, das Heiligtum, was auch immer hier gemeint ist. Unsere Widersacher haben dein Heiligtum zertreten.
Ja, das war nicht Realität zur Zeit Jesajas. Seit Jesajas hat niemand den Tempel zerstört. Sondern das war die Zeit, als Israel erobert wurde von den Babyloniern, als der Tempel zerstört wurde, als sie in die Deportation gingen. Das heißt, Jesaja schreibt einen Psalm und legt ihn jemandem in den Mund, der in Babylon in der Deportation ist, dort leidet und jetzt diesen Psalm betet. Wir haben nur für eine kurze Zeit dieses Land besessen, und das Heiligtum ist zertreten worden. Das ist die Situation der Deportierten.
Und er wiederholt es gegen Ende des zweiten Teils, Jesaja 64,9: Deine heiligen Städte sind eine Wüste geworden, Zion ist eine Wüste geworden, Jerusalem eine Einöde. Unser heiliges Haus, Gegenstand unseres Stolzes, worin unsere Väter dich lobten, ist mit Feuer verbrannt, und alle unsere Kostbarkeiten sind verheert.
Das ist genau das, was sie erlebt haben, ist die Situation, aus der sie kamen oder die sie von ihren Eltern oder Großeltern gehört haben: Alles, was wir hatten, ist zerstört. Alles, worauf wir stolz waren, ist zerstört. Wir sind hier in der Fremde, das Land, wo wir gelebt haben, ist eine Wüste. So da sind wir zeitlich gesehen.
Das ist wieder wie in Kapitel 58 eine Anfrage in diesem Psalm an Gott, der eigentlich von den Deportierten in Babylon an Gott gerichtet wird. Aber natürlich wissen wir, dass die Babylonier nicht die Letzten waren, die den Tempel in Jerusalem zerstört haben. Und dass die Deportation nach Babylon nicht die letzte Deportation war, die die Juden erlebt haben. 70 nach Christus ist der Tempel zerstört worden, und für 2000 Jahre waren die Juden in der ganzen Welt zerstreut. Und von daher ist es natürlich ein Psalm, der über die letzten 2000 Jahre für Juden relevant war, an den sie beten konnten. Aber die erste Erfüllung, und wahrscheinlich die Erfüllung, die Jesaja hauptsächlich vor Augen hatte, ist in dieser Zeit in Babylon.

Die Bitte um Gottes machtvolles Eingreifen

Fangen wir an, diesen Psalm ein bisschen zu lesen: Vers 11, Kapitel 63.
Da erinnerte sich sein Volk an die Tage der Vorzeit, an die Tage Moses. Und jetzt geht es los: Wo ist der, der sie aus dem Meer heraufführte, samt den Hirten seiner Herde? Wo ist der, der seinen Heiligen Geist in ihre Mitte gab? Der seinen herrlichen Arm zur rechten Moses einherziehen ließ, der die Wasser vor ihnen her spaltete, um sich einen ewigen Namen zu machen?
Wo ist der, der damals unsere Vorfahren aus Ägypten geführt hat, der das Meer gespalten hat? Wo ist er? Damit fängt dieser Psalm an, mit dieser Frage: Wo ist Gott? Und noch sagt der Schreiber: Er, wo ist Gott? Aber schon am Ende von Vers 14 kippt es, und er sagt plötzlich: du. Plötzlich spricht er Gott direkt an: So hast du dein Volk geleitet, um dir einen herrlichen Namen zu machen.
Sie fragen sich, und dann fragen sie Gott: Warum greifst du nicht ein? Warum wiederholt sich die Geschichte der ägyptischen Gefangenschaft nicht hier in der babylonischen Gefangenschaft? Warum holst du uns nicht raus? Wo bist du?
Und in den nächsten Versen sieht es fast so aus, als würde Jesaja oder der Psalmbeter ein paar Jahrzehnte später zurückdenken an einen zentralen Psalm im Alten Testament, den Psalm, der über dem Leben Davids steht: Psalm 18. Warum sage ich, er steht über dem Leben Davids? Ja, er wird am Ende des Lebens Davids in 2. Samuel zitiert. Er steht zweimal in der Bibel. Er ist die Zusammenfassung dessen, was David mit Gott erlebt hat.
Und ich lese euch einfach ein paar Sätze aus diesem Psalm vor, aus Psalm 18, damit ihr merkt, wie viel von dem, was in Jesaja 63 und 64 steht, an diesen Psalm erinnert. Ich fange an in Psalm 18, Vers 6.
David sagt: In meiner Bedrängnis rief ich zu Jahwe, und ich schrie zu meinem Gott. Er hörte aus seinem Tempel meine Stimme, und mein Schrei vor ihm kam in seine Ohren. Da wankte und bebte die Erde, und die Grundfesten der Berge erzitterten und wankten, weil er entbrannt war. Rauch stieg auf von seiner Nase, und Feuer fraß aus seinem Mund. Glühende Kohlen brannten aus ihm. Und er neigte die Himmel und fuhr hernieder, und dunkel war unter seinen Füßen. Und er fuhr auf einem Cherub und flog daher, und er schwebte auf den Fittichen des Windes. Finsternis machte er zu seinem Bergungsort, zu seinem Zelt rings um sich her. Finsternis der Wasser, dichtes Himmelsgewölk. Aus dem Glanz vor ihm fuhr sein dichtes Gewölk vorüber, Hagel und feurige Kohlen. Und es donnerte, ja, wie in den Himmeln, und der Höchste ließ seine Stimme schallen: Hagel und feurige Kohlen. Und er schoss seine Pfeile und zerstreute sie. Und er schleuderte Blitze und verwirrte sie. Und es wurde gesehen, die Betten der Wasser und die Grundfesten des Erdkreises wurden aufgedeckt vor deinem Schelten, Jahwe, vor dem Schnauben des Hauchs deiner Nase.
Und dann sagt David: Und dann ergriff mich Gott und zog mich aus dieser Situation heraus, in der ich war.
Und wie gesagt, irgendwie hat man den Eindruck, Jesaja hat diesen zentralen Psalm vor Augen. Ich lese mal Jesaja 63,15: Blicke vom Himmel herab und sieh von der Wohnstätte deiner Heiligkeit und deiner Majestät! Wo ist dein Eifer und deine Machttaten?
Und dann ausführlicher im zweiten Teil Jesaja 64,1: O, dass du die Himmel zerrissest, herniederführest, dass vor deinem Angesicht die Berge erbebten, wie Feuer Reisig entzündet, Feuer, das Wasser wallend macht, um deinen Widersacher in deinem Namen kundzutun, damit die Nationen vor deinem Angesicht erzittern!
Das war die Sehnsucht der Deportierten. Warum greifst du nicht ein wie damals in Ägypten? Warum greifst du nicht ein wie David aus seinem Leben erzählt hat, mit so drastischen Worten? Wo bist du, Gott? Warum handelst du nicht so?

Gottes Vaterherz und die zerbrochene Treue

Aber der eigentliche Kern dieses Psalms ist das Verhältnis Gottes zu Israel, zu seinem Volk, zu denen, die er seine Kinder genannt hatte.
Wir hatten es schon gerade gelesen, Jesaja 63,9. Ich wiederhole es noch einmal: In all ihrer Bedrängnis war er bedrängt, und der Engel seines Angesichts hat sie gerettet. In seiner Liebe und in seinem Erbarmen hat er sie erlöst, und er hob sie empor und trug sie alle Tage der Urzeit. Daran knüpft der Psalmschreiber an, der Psalmbeter.
Ich lese einmal das Ende von Jesaja 63,15. Wir haben es gerade schon gelesen: Wo sind dein Eifer und deine Machttaten? Und der Text geht weiter: Die Regungen deines Innern und deine Erbarmung halten sich gegen mich zurück. Das ist so anders als früher, oder? Damals sagt Gott: Ich habe sie getragen, in all ihrer Bedrängnis war ich bedrängt. Und jetzt sagt der Psalmbeter: Und jetzt halten sich all deine Erbarmungen irgendwie zurück. Es ist nicht mehr wie damals.
Denn du bist unser Vater. Denn Abraham weiß nichts von uns, und Israel kennt uns nicht. Es geht nicht um unsere Erzväter. Gott, du bist doch unser Vater. Du, Herr, bist unser Vater, unser Erlöser, von alters her ist dein Name.
Und Jesaja 63,19: Wir waren von alters her, du hast nicht über sie geherrscht, sie waren nicht nach deinem Namen genannt. Das ist wahrscheinlich eine gute Übersetzung an dieser Stelle, weil es nicht nur die Betonung ist: Du bist doch unser Vater, sondern es ist doch die Betonung: Du bist doch unser Vater. Warum hat es den Eindruck, dass du andere Völker segnest und gerade uns nicht? Bist du nicht unser Vater? Du hast nie mit ihnen gehandelt, mit den anderen Völkern, du hast immer mit uns gehandelt. Was passiert?
Und in der zweiten Hälfte dieses Psalms, letzten Endes als Abschluss dieses Psalms, kommt der Psalmbeter genau darauf zurück, Jesaja 64,7: Und doch, Herr, du bist unser Vater, wir sind der Ton, du bist unser Bildner, und wir alle sind das Werk deiner Hände. Herr, zürne nicht allzu sehr, gedenke nicht ewig der Ungerechtigkeit. Sieh, schau doch her, dein Volk sind wir alle.
Das ist also das, worauf der Psalmbeter in diesen anderthalb Kapiteln hinauswill. Er möchte drei Dinge sagen. Er sagt hier drei Dinge.
Erstens: Du bist unser Vater, unser Vater, unser Vater. Warum handelst du nicht?
Das Zweite, was er sagen möchte: Ja, wir wissen, dass wir so viel Ungerechtigkeit aufgehäuft haben, aber kannst du das nicht abschließen? Gedenke nicht ewig unserer Ungerechtigkeit. Kannst du da nicht einfach einen Schlussstrich drunter ziehen?
Und das Dritte ist: Wir alle sind das Werk deiner Hände, wir alle sind doch dein Volk. Ja, vielleicht haben manche hier in Babylon den Eindruck, dass du in ihrem Leben handelst, aber wir sind doch alle dein Volk.
Das sind die drei Punkte: Du bist unser Vater, nicht der Vater von jemand anderem. Gedenke nicht ewig unserer Ungerechtigkeit, mach einen Schlussstrich. Und es geht um uns alle, es geht nicht um einzelne, es geht um uns alle, um unsere Volksgemeinschaft, um unsere Familien.
Und Gott beantwortet im Anschluss in Jesaja 65 genau diese drei Punkte.

Die Antwort Gottes auf die drei Bitten

Punkt
Du bist unser Vater, warum sieht es so aus, als würdest du andere segnen?
Die erste Antwort Gottes, Kapitel 65, Vers 1: Ich bin gesucht worden von denen, die ursprünglich nicht nach mir fragten. Ich bin gefunden worden von denen, die mich nicht suchten. Ich sprach: Hier bin ich, hier bin ich, zu einer Nation, die nicht mit meinem Namen genannt war.
Euer Eindruck ist nicht falsch. Es ist wirklich so, dass ich so frustriert bin über die Beziehung zu euch, dass ich angefangen habe, zu anderen Menschen zu reden, die nicht zu Israel gehören. Menschen, die mich ursprünglich nicht suchten, haben angefangen, mich zu suchen. Sie haben mich gefunden, und ich habe zu ihnen gesagt: Hier bin ich. Ich bin nicht nur der Gott Israels, ich bin Gott. Ihr habt nicht Unrecht.
Und zu Israel sagt er: Ich habe den ganzen Tag meine Hände ausgestreckt zu einem widerspenstigen Volk. Und das drückt die ganze Frustration Gottes aus.
Kenner des Neuen Testaments werden wissen, dass wir jetzt in Römer 10 sind. Auch Paulus war damit konfrontiert, dass die Juden gesagt haben: Warum bringst du das Evangelium zu Leuten, die nicht Juden sind? Wir sind doch das Volk Gottes. Wir haben uns den Segen Gottes verdient. Wir halten die Sabbate, wir halten die Feste, wir halten uns an die Speisevorschriften. Wir haben die Geschichte mit Gott. Wir sind das Volk Gottes. Was hast du zu suchen irgendwo bei irgendwelchen Heiden mit deiner Botschaft von unserem Gott?
Paulus war genau mit diesem Anspruch konfrontiert, wie hier in Jesaja die Menschen in Babylon, die Juden in Babylon, an Gott richten: Wir, du bist doch unser Vater! Warum kümmerst du dich um andere Leute?
Lesen wir Römer 10,19. Zuerst zitiert Paulus Mose. Ich lese jetzt wörtlich: Zuerst spricht Mose, sagt Paulus, ich will euch zur Eifersucht reizen über ein Nichtvolk, über eine unverständige Nation will ich euch erbitten. Und jetzt kommt es: Jesaja aber wagt es, sagt Paulus, und spricht. Jesaja wagt da etwas und spricht, sagt Paulus: Ich bin gefunden worden von denen, die mich ursprünglich nicht suchten. Ich bin offenbart worden denen, die nicht nach mir fragten. Von Israel aber sagt er, sagt Paulus: Den ganzen Tag habe ich meine Hände ausgestreckt zu einem ungehorsamen und widersprechenden Volk.
Hat Israel ein Recht auf Gottes exklusive Zuwendung? Jesaja sagt: Nein, es ist kein Automatismus. Nur weil jemand zu diesem Volk gehört, genetisch irgendwie, hat er kein Recht darauf, dass Gott ihn segnet. Es kommt auf ganz andere Dinge an.
Wundert euch nicht, wenn er sich jetzt auch anderen Menschen zuwendet, wenn ihr ihn über Jahrzehnte und Jahrhunderte und in eurem eigenen Leben wahrscheinlich nur über Jahrzehnte frustriert habt.
So ist die erste Antwort Gottes auf den ersten von diesen drei Punkten.

Gericht statt pauschaler Vergebung

Zweite Bitte des Gebets: Herr, zürne nicht allzu sehr und gedenke nicht ewig der Ungerechtigkeit. Was ist Gottes Antwort? Kapitel 65, Vers 6: Ich werde nicht schweigen, sondern ich werde ihnen vergelten. In ihren Schoß werde ich ihre Ungerechtigkeiten vergelten, und die Ungerechtigkeiten eurer Väter miteinander, spricht der Herr.
Er sagt: Nein, ich werde nicht einfach einen Schlussstrich ziehen. Diesmal werde ich richten, und diesmal werde ich das Gericht über eure Ungerechtigkeiten durchziehen.
Erste Frage: Du bist doch unser Vater. Er sagt: Leute, ich kümmere mich jetzt auch um andere Leute.
Zweite Frage: Lass uns einfach einen Schlussstrich ziehen, es reicht. Gott sagt: Nein, ich werde diese Ungerechtigkeiten richten, eure und die eurer Väter. Das Maß ist voll.
Warum? Ich meine, wir werden den Abschnitt jetzt nicht lesen, aber wenn ihr die Verse vorher und hinterher irgendwann einmal lest, werdet ihr sehen, dass die Begründung um diese Aussage herum ist: Ihr habt mich so frustriert. Ihr seid so eine Qual für mich durch euren Götzendienst. Es ist einfach genug. Ich werde eure Ungerechtigkeit richten, ich habe es beschlossen.
Und die finale Aussage in ihrem Gebet war, die dritte Anfrage in ihrem Gebet war: Sieh, schau doch her, dein Volk sind wir alle! Und Gott sagt in seiner Antwort mit anderen Worten: Das sehe ich nicht so. Es sind nur wenige unter euch, von denen ich noch sagen würde, das sind meine Leute. Immerhin, es gibt sie. Und ja, mit diesen wenigen werde ich handeln, und diese wenigen werde ich erretten. Aber dieser Anspruch, wir sind alle dein Volk, bloß weil ihr die richtige Genetik habt, Gott sagt: Das sehe ich nicht so. Das kann ich nicht unterschreiben.
Nur aufgrund eurer Geschichte und eurer Abstammung seid ihr noch lange nicht mein Volk, auch in eurem Volk, nicht nur in der Welt. Es wird nicht nur einen Unterschied geben zwischen Edom und Israel. Sondern er sagt: Auch in eurem Volk, in Israel, wird es einen Unterschied geben zwischen gerettet und verloren.
Und das ist eine zentrale Botschaft der Bibel. Es gibt einen Unterschied zwischen gerettet und verloren. Und es gibt nichts dazwischen. Und das ist heute keine populäre Botschaft, oder das ist die Botschaft der ganzen Bibel, und das ist auch die Botschaft Jesajas, die Botschaft Gottes durch Jesaja.

Die Trennung zwischen den Treuen und den Verlorenen

Lesen wir ein paar Verse weiter in Jesaja 65. So spricht der Herr, Vers 8: Wie wenn sich Most in der Traube findet und man spricht: Verderbe sie nicht, denn Segen ist in ihr. Er sagt: Ihr seid für mich wie eine vertrocknete Traube, in der noch ein bisschen Saft drin ist. Und darum werde ich nicht ganz Israel verwerfen. Ich werde mich um den Saft kümmern. Es ist noch ein Segen in der Traube. Irgendwo ist noch Leben da. Das sind noch Menschen, die nach mir fragen. Sonst hätte ich unter der Geschichte mit Israel schon längst einen Schlussstrich gezogen, sagt Gott.
So werde ich tun um meiner Knechte willen, dass ich nicht das Ganze verderbe. Und ich werde aus Jakob Nachkommen hervorgehen lassen und aus Juda Erben meiner Berge. Und meine Auserwählten sollen es besitzen, und meine Knechte sollen dort wohnen. Und Saron wird zu einem Weideplatz der Schafe und das Tal Achor zu einem Lagerplatz der Rinder werden, für mein Volk, das mich gesucht hat.
Er sagt: Nicht mehr ganz Israel ist mein Volk, sondern die sind mein Volk, die mich gesucht haben, die wirklich meine Knechte sind. Das sind meine Auserwählten, denen werde ich mein Land geben. Es wird einen Unterschied geben zwischen gerettet und verloren, zwischen gesegnet und gerichtet.
Ihr aber, die den Herrn verlasst, die ihr meinen heiligen Berg vergesst, die dem Gad einen Tisch zurichtet und dem Meni Mischtrank einschenkt, also die irgendwelche Götzen verehrt, ich habe euch für das Schwert bestimmt. Ihr alle werdet zur Schlachtung niederknien. Denn ich habe gerufen, und ihr habt nicht geantwortet. Ich habe geredet, und ihr habt nicht gehört, sondern getan, was böse ist in meinen Augen, und das erwählt, woran ich keinen Gefallen habe.
Ich habe so oft gerufen, und ihr habt nicht gehört. Ich habe euch gesagt, was mir gefällt, und ihr habt das Gegenteil getan. Leute, ihr könnt nicht erwarten, dass ich euch segne wegen der richtigen Geschichte und der richtigen Genetik. Ja, ich werde nicht das ganze verderben, aber euch werde ich verderben.
Darum, so spricht der Herr Yahweh: Siehe, meine Knechte werden essen, ihr aber werdet hungern. Siehe, meine Knechte werden trinken, ihr aber werdet dürsten. Siehe, meine Knechte werden sich freuen, ihr aber werdet beschämt werden. Siehe, meine Knechte werden jubeln vor Freude des Herzens, ihr aber werdet schreien vor Herzeleid und heulen vor Zerbruch des Geistes.
Es gibt einen Unterschied zwischen gerettet und verloren, auch innerhalb Israels, auch im christlichen Abendland, auch in christlichen Kirchen. Es gibt nichts dazwischen. So ist es Israel damals ergangen, so wird es Israel am Ende ergehen, aber so wird es auch der ganzen Welt ergehen, letztlich allen Menschen. Es gibt gerettet und es gibt verloren, und der Unterschied ist dramatisch.
Und was entscheidet? Ja, nicht, ob ich zum richtigen Volk gehöre, nicht, ob ich aus dem christlichen Elternhaus komme, nicht, ob ich zur richtigen christlichen Kirche gehöre. Was entscheidet, ist das ganz persönliche Verhältnis zu Gott. Schon damals, Jesaja 65,12: noch einmal, weil ich gerufen habe und ihr nicht geantwortet habt, geredet und ihr nicht gehört habt, sondern getan habt, was böse ist in meinen Augen.
Interessanterweise habe ich Jesaja 65,12 gelesen; ich hätte auch Jesaja 66,4 lesen können. Jesaja wiederholt diesen Satz wörtlich. Das ist das, worauf es Gott ankommt: dass Menschen auf seinen Ruf reagieren. Und ihr könnt keinen Anspruch auf meinen Segen erheben, ganz egal, was in eurem Pass steht, ganz egal, was euer kultureller Hintergrund ist. Ich habe gerufen, und ihr habt nicht geantwortet. Ich habe geredet, und ihr habt nicht gehört, sondern getan, was böse ist in meinen Augen. Jesaja sagt das zweimal, in zwei Kapiteln. Das ist der Knackpunkt.

Der neue Anfang als Schöpfung von Grund auf

Okay, das war die kompakte Antwort Gottes auf die Anfrage der Deputierten. Auf die drei Fragen, die sie gestellt haben, gibt er drei konkrete Antworten.
Und jetzt beendet Jesaja irgendwie sein Buch. Er macht noch einmal den Vorhang weit auf und schaut in die Zukunft. Dabei entfaltet er noch einmal die Herrlichkeit dieser Zukunft, letzten Endes sogar dreimal. Aber schauen wir es uns das erste Mal an.
Sie hatten gebetet: Gott, fang doch mit diesem Volk noch einmal neu an. Wie du uns damals aus Ägypten gebracht hast, bring uns jetzt aus Babylon zurück. Lass uns die Geschichte in Israel noch einmal neu beginnen. Gib uns eine zweite Chance. Das war ihr Gebet.
Gott sagt: Ja, ich werde neu anfangen, aber nicht in 2. Mose 14, beim Auszug aus Ägypten, sondern in 1. Mose 1. Ich fange ganz von vorne an.
Kapitel 65, Vers 17: Denn siehe, ich schaffe einen neuen Himmel und eine neue Erde. Und der früheren Dinge wird man sich nicht mehr erinnern, und sie werden nicht mehr in den Sinn kommen. Sondern freut euch und frohlockt ewig über das, was ich schaffe.
Gott sagt: Ich mache einen so radikalen Neuanfang, dass es eine neue Schöpfung ist. Nicht nur ein neuer Auszug aus Ägypten oder ein Auszug aus Babylon, sondern so drastisch neu, dass es eigentlich eine neue Schöpfung ist. Wir fangen noch einmal in 1. Mose 1 an. Ein neuer Himmel und eine neue Erde.
Aber noch immer ist natürlich Israel und Jerusalem im Fokus. Am Ende von Vers 18 heißt es: Denn siehe, ich erschaffe Jerusalem zum Frohlocken und sein Volk zur Freude. Und ich werde über Jerusalem frohlocken und will mein Volk mich freuen lassen.
Und die Stimme des Weinens und die Stimme des Wehgeschreis wird nicht mehr darin gehört werden. Und dort wird kein Säugling von einigen Tagen sterben und kein Greis mehr sein, der seine Tage nicht erfüllt. Gott sagt: Es wird eine neue Schöpfung sein, ohne Leid, ohne frühzeitigen Tod. Keiner wird den Eindruck haben: Ich bin zu früh gestorben. Oder: Meine Familie ist irgendwie zu früh gestorben. Dieses Problem wird es nicht mehr geben.
Ein paar Sätze weiter, Vers 24: Und es wird geschehen: Ehe sie rufen, werde ich antworten; während sie noch reden, werde ich hören.
Das ist das, wonach sie sich gesehnt haben, oder? Was sie am Anfang gesagt haben: In all ihrer Bedrängnis war er bedrängt. Ich werde so nah dran sein. Ich werde eure Bitten erhören, bevor ihr sie aussprecht, weil ich mittendrin bin in der Situation. Er sagt: Das wird der neue Zustand sein. Das wird das Wesen der neuen Schöpfung sein: Gott mitten in eurem Leben. Eine ideale Beziehung zwischen Gott und den Menschen.
Und dann, wenn es das letzte Mal schon fast in Jesaja 11 zusammengefasst wurde, ist es hier die ideale Gesellschaft. Vers 25: Wolf und Lamm werden zusammen weiden, und der Löwe wird Stroh fressen wie das Rind. Die Schlange aber: Staub wird ihre Speise sein. Man wird nichts Böses tun und kein Verderben anrichten auf meinem ganzen heiligen Berg, spricht der Herr.

Herrlichkeit und Gericht als letzte Alternative

Das ist die Zukunft, sagt Jesaja. Das ist die Zukunft, sagt Gott: eine Welt neu gemacht, eine Welt ohne Leid und frühzeitigem Tod, eine Welt, in der Gott den Menschen nah ist und sich hautnah um ihre Anliegen kümmert, eine Welt, in der niemand mehr Böses tut. Das ist die Zukunft.
Als Petrus in seinem zweiten Brief zusammenfasst, wie Gott alles zerstört, alle Werke der Menschen, wie Gott die Erde verbrennt und die Himmel, zitiert er im Anschluss 2. Petrus 3,13: „Wir erwarten aber nach seiner Verheißung neue Himmel und eine neue Erde, in denen Gerechtigkeit wohnt.“ Das ist eine Zusammenfassung von Jesaja 65,17 bis zum Ende. Wir erwarten noch seine Verheißung. Er könnte auch sagen: Nach dem, was Jesaja geschrieben hat, einen neuen Himmel und eine neue Erde, in denen Gerechtigkeit wohnt. Das ist die Zukunft, auf die Jesaja sich bezieht. Das ist die Zukunft, auf die Petrus sich bezieht.
Und Leute, das wäre doch ein cooler Abschluss für dieses Buch. Ich bin persönlich überzeugt – ich meine, vielleicht werde ich in der Ewigkeit enttäuscht, aber ich bin persönlich überzeugt –, dass Jesaja an dieser Stelle sein Buch gerne beendet hätte. Mit diesem Ausblick, oder? Neuer Himmel und neue Erde, was willst du noch sagen? Und Gott hat darauf bestanden, dass er noch ein langes Kapitel schreibt: Kapitel 66.
Wir haben eine paradiesische Zukunft gesehen, am Ende von Kapitel 65. Aber der Weg zu diesen paradiesischen Zuständen ist weit und unangenehm. Ich habe schon mal erwähnt: Es gibt kein Paradies ohne Gericht. Denn nicht alle werden sich unterwerfen wollen, und nicht alle werden sich in ihrem Herzen verändern lassen wollen. Es gibt keine paradiesische Gemeinschaft ohne Gericht. Und das sagt Jesaja 66.
Wir haben gerade diese paradiesischen Zustände gesehen. Wie endet der nächste Abschnitt? Jesaja 66,6: „Stimme eines Getöses von der Stadt her, Stimme aus dem Tempel, Stimme des Herrn, der Vergeltung erstattet seinen Feinden.“ Das ist der Bezug auf das, was wir in Kapitel 65 gelesen haben. Um das möglich zu machen, braucht es ein Gericht.
Und jetzt macht Jesaja noch einmal den Vorhang auf, und jetzt wiederholt er eigentlich nur noch. Er nimmt Bilder, die er irgendwann schon hatte in diesem zweiten Teil von Jesaja. Er schildert noch einmal, wie Jerusalem so plötzlich wieder bevölkert wird, wie Israeliten aus der ganzen Welt zurückkehren und Geborgenheit und Freude finden in ihrem Land und in ihrer Stadt.
Aber wie endet dieser Abschnitt? Nachdem Jesaja das Bild noch einmal, diese Herrlichkeit noch einmal ausführlich entfaltet hat, Jesaja 66,15: „Denn siehe, der Herr wird kommen im Feuer, und seine Wagen sind wie der Sturmwind, um zu vergelten mit seinem glühenden Zorn und seinem Schlachtruf in Feuerflammen. Denn durch Feuer und durch sein Schwert wird der Herr Gericht üben an allem Fleisch, und die Erschlagenen des Herrn werden zahlreich sein.“
Zum zweiten Mal: Jesaja hat das zukünftige Reich entfaltet, hat geschrieben, wie viel Freude in Jerusalem ist, wie viel Segen in dieser Welt und in der Zukunft. Und er endet damit, aber dem geht ein Gericht voraus. Es geht nicht ohne Gericht zu einem solchen Zustand.
Und dann macht er es ein drittes Mal, falls wir es noch nicht verstanden haben. Und noch einmal wiederholt er Dinge, die er mehrmals gesagt hat: wie die Gläubigen gesammelt werden, wie die Botschaft von Gott in die ganze Welt hinausgeht, wie alle Nationen sich an Israel orientieren werden, wie sie die Israeliten aus allen Ländern dieser Welt in ihr Land zurückbringen werden und dass dieser Zustand für immer andauern wird.
Aber nachdem er ein drittes Mal dieses herrliche Bild der Zukunft entfaltet hat, spricht er ein drittes Mal von Gericht. Und so endet das Buch Jesaja nicht mit Kapitel 65, sondern mit Kapitel 66, Vers 24: „Und sie werden hinausgehen und sich die Leichname der Menschen ansehen, die von mir abgefallen sind. Denn ihr Wurm wird nicht sterben, und ihr Feuer nicht erlöschen, und sie werden ein Abscheu sein für alles Fleisch.“
Hier spricht Jesaja nicht vom ewigen Leben von Würmern, okay? Es geht darum, dass es so viele Leichen sind, dass die Würmer ewig Futter finden, und dass dieser Haufen so groß ist, dass das Feuer nie ausgehen wird, weil es nichts mehr zu verbrennen hat. Es geht hier um die Massen von Leichen. Das ist der letzte Satz von Jesaja. Es ist, als würdest du ein Schockfoto auf eine Zigarettenpackung kleben.
Da ist die Botschaft Jesajas: Es gibt Hoffnung, es gibt Rettung, es gibt ewige Herrlichkeit, ein Reich, in dem paradiesische Zustände herrschen werden, ein Reich, in dem Gerechtigkeit wohnt. Aber es gibt auch Gericht, und es gibt auch ewige Verdammnis.
Jesaja hatte in Jesaja 6 Gott gesehen, als er berufen wurde als Prophet. Wie hatte er ihn gesehen? Er hatte die Engel des Gerichts gesehen, entflammt in Feuer. Die rufen: „Heilig, heilig, heilig ist der Herr der Herrscharen!“ Und von daher ist es vielleicht nicht unpassend, dass sein Buch mit diesen beiden Botschaften endet: der Botschaft dieser ewigen Herrlichkeit, die Gott auch auf dieser Erde aufrichten wird, eines vollkommenen Reiches, einer vollkommenen Gesellschaft, in der niemand mehr Angst haben muss, und gleichzeitig der Botschaft von einem ewigen Gericht. Eine Botschaft, die sehr wenig populär ist in der Zeit, in der wir leben.
Mein Jesaja hat das erlebt. Ich meine, er hatte diesen assyrischen Angriff auf Jerusalem erlebt. Er hatte erlebt, wie 185.000 Leute in einer Nacht umgekommen sind. Er hatte Berge von Leichen gesehen. Er hatte dieses Bild aus Jesaja 66,24 vor Augen, was es bedeutet, wenn Berge von Leichen da sind. Und er sagt: So wird nicht nur diese Belagerung Jerusalems enden, so wird die Geschichte enden. Mit einer Herrlichkeit und mit einem abstoßenden Gericht.

Jesu Aufnahme des letzten Bildes

Und es ist kein Zufall, dass Jesus genau diesen letzten Satz aus Jesaja tatsächlich zitiert, und zwar nicht an der Stelle, wo er von der Zukunft dieser Erde spricht, sondern dort, wo er von Ewigkeit spricht.
Ich lese euch ein paar Sätze vor aus Markus 9,43-48. Jesus sagt: Wenn deine Hand dich ärgert, so hau sie ab. Es ist besser für dich, als Krüppel in das Leben einzugehen, als mit zwei Händen in die Hölle hinabzufahren. Hölle! Irgendwie, wenn ich das richtig in Erinnerung habe, auch ein Wort, das verwendet wurde für riesige Abfallhaufen, auf denen immer ein Feuer unterwegs ist. Nicht, dass es das meint, ich meine nur, es ist dasselbe Wort.
Und wenn dein Fuß dich ärgert, so hau ihn ab. Es ist besser für dich, lahm in das Leben einzugehen, als im Besitz von zwei Füßen in die Hölle geworfen zu werden. Und wenn ein Auge dich ärgert, so wirf es weg. Es ist besser für dich, einäugig in das Reich Gottes einzugehen, als im Besitz von zwei Augen in die Hölle des Feuers geworfen zu werden. Und jetzt kommt es: wo der Wurm nicht stirbt und das Feuer nicht erlischt.
Es ist nicht nur eine alttestamentliche Botschaft, dass es ein ewiges Gericht gibt. Es ist die Botschaft Jesu. Und ich glaube auch, Jesus hatte nicht nur die Länge der Strafe vor Augen, wenn er Jesaja zitiert, sondern ich glaube auch, er hatte vor Augen, dass die Mehrheit der Menschen verloren geht. Dass dieser Berg von Verlorenen riesig ist. Dass kein Feuer ihn jemals aufzehren kann und kein Wurm ihn jemals auffressen kann, weil es so viele sind, die verloren gehen.
Er hat gesagt: Wenige sind es, die den Weg zum Leben finden. Jesaja will mit diesem letzten Kapitel zu einer radikalen Umkehr aufrufen, wirklich zu einer persönlichen Umkehr zu Gott. Jesus möchte mit diesen Worten zu einer radikalen Bekehrung aufrufen. Er will ja nicht, dass wir uns wirklich irgendwelche Hände abhacken und Füße. Er betont die Radikalität, die nötig ist und die angebracht ist, wenn es um ewige Rettung oder ewiges Verlorensein geht.
Es gibt ewiges Leben, aber auf die meisten Menschen wartet, und das ist die Botschaft Jesu und letzten Endes die Botschaft Jesu, ein ewiges Gericht. Eine sehr unpopuläre Botschaft in unserer Zeit. Und vielleicht sollten wir ja manchmal darüber nachdenken, ob diese Botschaft noch unser Denken und unser Verhalten prägt, ob das eine Botschaft ist, die wir gestrichen haben oder die noch Teil unseres biblischen Glaubens ist.
Gott endet in Jesaja genau mit dieser doppelten Botschaft: ewige Herrlichkeit oder ewige Verlorenheit. Das ist die Alternative. Und das eine ist unglaublich herrlich, und das andere ist unglaublich abstoßend.

Vielen Dank an Gerald Dippell, dass wir seine Ressourcen hier zur Verfügung stellen dürfen! Ein empfehlenswertes Buch des Autors über das Leben von Paulus ist bei CLV erschienen: Paulus persönlich