Einführung: Die Versuchung Jesu und ihre Bedeutung für uns heute
Jesus wurde vom Satan versucht. Aber wer ist der Satan? Warum will er Jesus versuchen? Und wieso gerade diese drei seltsamen Prüfungen? Vor allem: Wie antwortet Jesus darauf, und was können du und ich daraus lernen? Das schauen wir uns jetzt im zweitausend Jahre alten Originaltext an.
Um Nachfolge zu verstehen, mach dich Hashtag Bibelfit. Ich bin Markus Voss, und hier machen wir drei Dinge: Wir steigen tiefer in die Bibel ein, wie heute. Wir überlegen, wie du und ich Jesus im modernen Alltag nachfolgen können. Und wir beantworten taffe Fragen, die die Gesellschaft uns Christen stellt.
Zu alldem gibt es Dutzende kostenfreie Tools, Hörbücher, Online-Kurse, Tageschallenges und praktische Alltagsgegenstände, die du dir auf der Website gratis mitnehmen kannst. Finanziert wird das alles hier durch kleine monatliche Spenden von Menschen wie dir und mir aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Das ist sehr hilfreich, weil dieses Projekt gerade erst Fahrt aufnimmt.
Heute geht es um die Versuchung von Jesus durch den Satan in der Wüste und was dazu in den Originaltexten steht.
Drei kurze Dinge, bevor wir starten:
Erstens, du kannst ganz kurz der Community hier helfen, damit solche christlichen Inhalte in sozialen Medien nicht verborgen werden. Bist du gerade auf Instagram, dann doppeltipp doch mal rasch auf dein Handy. Auf YouTube ist es sogar noch besser – das spricht sich ja inzwischen rum. Indem du diese Glocke unter diesem Video drückst, bekommt YouTube nämlich ein Signal und zeigt auch nichtchristlichen Nutzern mehr christliche Inhalte an, die sie ansprechen können. Ziemlich gut, oder? Also drück gern kurz die Glocke, das ist anonym und bewirkt wirklich etwas. Vielen Dank dafür.
Zweitens: Viele von euch fragen immer wieder: Markus, ich kann kein Hebräisch, kein Aramäisch und erst recht kein Griechisch. Kann ich trotzdem tiefer in die Bibel einsteigen? Die Antwort ist: Auf jeden Fall. Das hat auch viel mit der Übersetzung und der Bibelausgabe zu tun, die du liest. Du brauchst eine Bibelausgabe, die zu dir und deinem Bibellesetyp passt. Viele haben einfach die für sie falsche Bibelausgabe. Das kann tatsächlich so einfach sein, das haben wir häufig genug erlebt.
Dafür kannst du dir gratis den Übersetzungsguide mitnehmen. Damit kannst du in zwei Minuten herausfinden, welcher Bibellesetyp du bist und welche Bibelübersetzung für dich am besten ist und dich am meisten voranbringt. Dank der Hilfe der Spendercommunity hier kann ich das Hunderten Menschen, die danach gefragt haben, öffentlich und vor allem kostenfrei zur Verfügung stellen. Nimmst du gern gratis mit? Klick dafür einfach auf den Link hier in der Videobeschreibung.
Drittens, letzte Anmerkung, dann starten wir direkt los: Dieser Input hier ist eine Aufzeichnung von einem Bibelleseabend, den ich vor Corona gegeben habe. Das ist also über zwei Jahre her, und damals waren hauptsächlich junge Menschen dabei. Das heißt, von dem, was du jetzt hörst, ist einiges an Jugendslang dabei, den ich heute natürlich niemals nutzen würde. Ich war damals selbst noch ein bisschen jünger, und das merkt man auch. Also sei ein bisschen großherzig und hab etwas Nachsicht mit dem jüngeren Mir.
Ich will noch dazu sagen, dass es auch nicht meine beste Predigt ist. Ich denke aber trotzdem, dass es sich lohnt. Warum? Weil es schlicht einer der spannendsten Texte der Bibel ist. Und jedes Mal, wenn ich ihn gelesen habe, habe ich über all die Jahre immer wieder etwas Neues entdeckt.
Stell dir das einfach mal vor: Jesus ist in der Wüste. Dann kommt der Satan, und der versucht, den eingeborenen Sohn Gottes aufs Glatteis zu führen. Das musste ich einfach mal vorstellen.
Und damit geht’s los.
Kontext und Vorgeschichte der Versuchung Jesu
Wir wollen uns im Wesentlichen drei Punkte anschauen. Zunächst betrachten wir kurz die Vorgeschichte, also was vorher passiert ist und welchen Kontext das Ganze hat. Dann lesen wir gemeinsam Schritt für Schritt die einzelnen Verse durch. Dabei schauen wir, was genau darin steht, was das für uns bedeutet und was wir daraus lernen können. Zum Schluss ziehen wir ein Fazit: Was nehmen wir für unseren Alltag mit? Wie macht uns das stärker oder fit für die Herausforderungen, die vor uns liegen? Diese drei Punkte wollen wir bearbeiten.
In der Bibel ist es oft klug, bei kniffligen Stellen immer auch zu lesen, was vorher und was nachher passiert. Das gilt ungefähr alle drei Seiten, denn die meisten biblischen Texte sind in einen Kontext eingebettet. Besonders Erzählungen stehen oft in einem sogenannten narrativen Rahmen. Das ist sehr hilfreich, zum Beispiel beim Johannesevangelium. Wenn man dort nicht das Kapitel davor und das Kapitel danach liest, ist das oft verwirrend. Deshalb ist es wichtig, die Vogelperspektive zu bewahren, also Abstand zu gewinnen und das Ganze von oben zu betrachten.
Es gibt auch sehr gute Übersichten, wie die Bibel aufgebaut ist. Wer möchte, kann ich diese gerne mailen. So kann man von Kapitel zu Kapitel gehen und besser verstehen, wie alles zusammenhängt.
Was ist bei der Versuchung Jesu in der Wüste vorher passiert? Für diejenigen, die die vorherige Folge verpasst haben: Jesus ist in Nazaret aufgewachsen, wahrscheinlich ab dem Grundschulalter. Seine Kindheit hat er vermutlich in Ägypten verbracht, wahrscheinlich in Alexandrien, bevor er dann wieder in Nazaret lebte. Das ist eine spannende Geschichte, warum und wie das genau war und was er dort erlebt hat. Das steht zwar im Subtext der biblischen Texte, aber wir überspringen das heute und ich werde das später in meinem eigenen Bibelleseamt noch genauer bearbeiten.
Später zieht Jesus nach Kapernaum, wo er ein Haus hat und sich niederlässt – bemerkenswerterweise ohne Frau. Sein Cousin Johannes der Täufer tritt ungefähr zu dieser Zeit auf. Er macht im Wesentlichen drei Dinge:
Erstens predigt er die Umkehr. Er sagt den Leuten, sie müssen Buße tun und ihren Lebensweg überdenken, weil sie sonst ins Verderben laufen. Zweitens gibt er konkrete Tipps, was das für jeden bedeutet. Er hält sozusagen eine Bußpredigt für verschiedene Stände: Liebe Soldaten, vergewaltigt niemand; liebe Geschäftsleute, zockt niemand ab; und so weiter. Drittens kündigt er den Messias an – das ist das Wichtigste. Er sagt, nach mir wird jemand kommen, und ich bin nicht einmal wert, ihm die Schnürsenkel zu binden.
In der hebräischen Anthropologie, also im Menschenbild des Alten Testaments, haben Füße eine besondere Bedeutung. Sie stehen zwar nicht ganz auf der Ebene der Genitalien, sind aber dennoch sehr wichtig. Zum Beispiel gibt es im Alten Testament die Redewendung „seine Füße bedecken“. Wenn Saul in die Höhle geht, wo Samuel ihn verfolgt und den Zipfel seines Gewandes abschneidet, bedeutet das, dass jemand auf Toilette geht. Wenn jemand sagt, er sei es nicht wert, die Füße eines anderen zu berühren, ist das eine starke Aussage. Es zeigt ein deutliches Gefälle und eine große Demut.
Dann kommt der Punkt, an dem Johannes Jesus tauft. Das ist eine Geschichte für sich, die wir heute aber beiseitelegen. Die Taufe ist der Startschuss, die Vorgeschichte, vergleichbar mit der Musik vor dem Logo eines Films, bevor das Universal- oder Paramount-Logo erscheint. Jesus wird getauft – und dann geht es erst richtig los.
Warum ist das so wichtig? In vielen griechisch-hellenistischen Mythen der damaligen Zeit wurde jemand getauft oder durchlief eine göttliche Initiierung, und danach war alles klar. Derjenige war dann der Sohn Gottes, ein Held, der Monster besiegt und so weiter. Bei Jesus ist das anders. Er wird getauft und dann erst richtig geprüft.
Das zeigt, dass es nicht einfach ist, erwählt zu sein. Es ist nicht so, dass Gott dich tauft und dann ist alles geradlinig. Nein, es verlangt einiges von dir. Die Frage ist, wie das mit deinem eigenen Wirken zusammenhängt. Allein durch die Umstände oder dass du berufen bist, wirst du nicht automatisch ein Segensträger. Es braucht eine innere Entscheidung von dir. Dass Gott zu dir „Ja“ sagt, ist super, aber ähnlich wie bei einer Trauung braucht auch die andere Partei ein „Ja“. Es kostet Überwindung und einen Preis. Ich habe schon einmal gesagt: Du musst einen Preis zahlen, um zu siegen. Nichts, was wirklich wertvoll ist, bekommst du geschenkt. Das klingt vielleicht polemisch, ist aber wahr.
Hier sind wir bei der Versuchung in der Wüste. Das ist Jesu wahrer Initiationsritus, seine Ordination, seine Initiation. Dort kommt es wirklich „Butter bei die Fische“. Warum? Weil er nicht nur seine eigenen Dämonen bekämpfen muss – das schauen wir uns gleich intensiv an – sondern er muss sogar den Satan selbst besiegen.
Das ist ähnlich wie im Buch Levitikus oder Numeri. Die Priester in Israel werden berufen, aber dann müssen sie eine Reihe von Prüfungen und Aufgaben durchlaufen. Die Berufung ist nur der Startschuss. Ähnlich wie bei Theologen, die ihr Examen machen. Das ist erst der Anfang.
Damit du das innerlich gut nachvollziehen kannst, bevor wir direkt einsteigen, ist die Frage: Was hat das mit dir zu tun? Wenn du dir etwas Wichtiges vornimmst – so wie Jesus nach der Versuchung in die Öffentlichkeit geht und dort sehr geteilte Meinungen erfährt – wird klar, dass es auch bei dir Momente geben wird, in denen du von Gott besonders herausgefordert wirst. Im Johannesevangelium, Kapitel 6 oder 7, erfahren wir, dass an einer Stelle die Hälfte seiner Jünger Jesus verlässt. Stell dir das mal in heutigen Instagram-Followern vor: Die Hälfte ist plötzlich weg.
Der spannende Punkt ist: Wenn du dir etwas Wichtiges vornimmst, wenn du wirklich etwas tust, was dir wichtig ist, dann kommt oft der Moment, in dem das Leben dich in die Mangel nimmt und dich bedrängt.
Um da richtig hineinzufühlen, kannst du dir überlegen – du kannst es aufschreiben, musst es aber nicht – welche zwei Versuchungen du gerade in diesen Tagen oder Wochen erlebst. Zwei Versuchungen, die dich fordern, die dich vielleicht sogar überfordern. Zwei Versuchungen, die für dich besonders hart sind.
Jesus wird in die Wüste geführt, und bevor wir anfangen, noch ein letzter Punkt: Das hat eine gewisse Tradition. Die damaligen jüdischen Hörer hätten das so verstanden. Mose war 40 Tage auf dem Berg Sinai, einer lebensfeindlichen Umgebung, um die zehn Gebote von Gott zu empfangen. Das hat er zweimal gemacht, weil er beim ersten Mal die Tafeln zerbrochen hat.
Das wäre der eine Punkt, den die damaligen Leser und Hörer im Hinterkopf hatten. Der zweite Punkt ist die Taufe durch Johannes den Täufer. Die Taufe sollte symbolisieren, dass Israel noch einmal durch den Jordan geht, sich unter Wasser setzen lässt und so neu ins Land einzieht. Das war wie eine Erneuerung des Bundes mit Gott, so wie damals beim Exodus.
Jesus aber dreht die Reihenfolge um. Bei Johannes dem Täufer geht man durch den Jordan, um neu Israelit zu werden und den Bund zu erneuern. Jesus dagegen lässt sich erst taufen, geht dann öffentlich wirken und geht schließlich in die Wüste. Er geht also vom Jordan in die Wüste, nicht umgekehrt.
Das ist eine komplett andere Reihenfolge. Dahinter steckt eine Idee, die im Philipperbrief sehr deutlich ausbuchstabiert wird: die Kenosis, das altgriechische Wort für „Entleerung“. Gott entleert sich seiner Gottheit, wird Mensch und noch niedriger. Am Ende sehen wir, dass Jesus in der Wüste von wilden Tieren umgeben ist und fast wahnsinnig wird – was nachvollziehbar ist.
Die Versuchung Jesu in der Wüste: Lesung und Analyse
Zweiter Teil für heute: Die Lesung.
Wir springen ein wenig zwischen den Evangelien hin und her, weil, wie meistens, in einem Evangelium nicht der gesamte Text enthalten ist. Deshalb blättern wir ein bisschen hin und her. Das meiste, was wir lesen, stammt aus Matthäus 4, zwischendurch blättern wir zwei- bis dreimal zu Lukas 4 um. Solltest du dir ein Lesezeichen machen wollen, dann mach es bei diesen Stellen.
Ich fange mal an mit Lukas 4,1, weil er die vollständigste Einleitung hat. Ich gehe von dem Text aus, der die vollständigste Fassung enthält, logisch. Dort heißt es, auf Griechisch: Jesus, der Plärest Neumatos Hageo Hypestrepsen. Das bedeutet: Jesus, voll vom Heiligen Geist, wandte sich ab. Wovon wandte er sich ab? Apothujordanu – vom Jordan. Kahägeto ento pneumatito ermo – und er wurde im Geist, nicht vom Geist, sondern im Geist, in der Wüste umhergeführt.
Noch einmal wörtlich übersetzt aus dem Griechischen: Jesus, voll vom Heiligen Geist, wandte sich vom Jordan ab. Klar, logisch. Und wurde im Geist, nicht vom Geist, sondern im Geist seiend, also Geist erfüllt, in der Wüste umhergeführt. Hier haben wir schon einen ganz wichtigen Hinweis, den damals fast jeder Hörer verstanden hatte: Er wird nicht in die Wüste hineingeführt – das wäre eine komplett andere griechische Grammatik –, sondern er wird in der Wüste umhergeführt.
Wen kennen wir denn aus der biblischen Geschichte, der in der Wüste umherwanderte? Natürlich das Volk Israel, das da vierzig Jahre lang beim Sinai usw. unterwegs war. Das heißt, damit haben wir sofort klar: Gott geht noch einmal ganz, ganz zurück in der Zeit. Wir haben hier eine Art Zeitreise, das sehen wir gleich noch deutlicher. Er geht ganz zurück in die Zeit, zu der Zeit, wo er das Volk Israel zu seinem Volk gemacht hat, wo er den Bund geschlossen hat – kleiner Spoiler – den die Israeliten und wir selbst nicht eingehalten haben. Das heißt, er setzt sozusagen alles noch einmal auf Anfang. Was könnte das wohl mit uns und Jesus zu tun haben? Keine Ahnung.
Also: Er geht nicht in die Wüste hinein, sondern er wird in der Wüste umhergeführt.
Wir gehen weiter zu Matthäus 4,2. Dort müssen wir den genauen Text lesen: „Kein Nestäusas, herr de Maast, Tessaraconta, kein Nyktas, Tessaraconta“ – auf Deutsch: Nachdem er vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet hatte. Ich erkläre das gleich.
Nachdem er vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet hatte, wechseln wir ganz kurz zu Markus 1,13: „Caen Metaton Thäleon“ – und er lebte unter den Tieren. Gemeint sind die wilden Tiere, dazu kommen wir gleich zurück.
Dann, wer hätte es gedacht, Matthäus 4,2 wieder: „Hüsteron ein Peinesinn“ – danach erschütterte ihn ein Hungergefühl. Noch einmal komplett Matthäus 4,2: Nachdem er vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet hatte und unter den wilden Tieren lebte, danach erschütterte ihn der Hunger.
Wir reden also nicht davon, dass jemand Appetit hat, so: „Mhm, leckeres Aufwindbistro, auch schön, ja, zwanzig Uhr dreißig, schmeckt bestimmt gut“, sondern wir reden von einem tiefen, markerschütternden Gefühl, von „Ich halte es nicht mehr aus“. Und da kommen wir gleich auf die Zuhörer zu sprechen, was das eigentlich heißt.
Gehen wir es mal Schritt für Schritt durch: Nachdem Jesus vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet hatte – ich hatte den Text in der Kinderbibel nachgelesen, und da hieß es sinngemäß, Jesus habe vierzig Tage und vierzig Nächte nichts gegessen und nichts getrunken. Was steht dort wirklich?
Im griechischen Text steht „nestoisas“, das kommt von „nestoio“ und heißt fasten. Aber nicht fasten, wie wir es verstehen, oder wie die Kinderbibel es oberflächlich verstanden hat, nämlich nichts essen und nichts trinken. Das ist Quatsch.
Dass vierzig Tage nichts passiert, sagt schon der gesunde Menschenverstand. Was es im griechischen Text wirklich heißt, bezieht sich erst einmal nicht auf Trinken. Das hat nichts damit zu tun, dass jemand nichts trinkt. Normalerweise, wenn im Alten Testament von Fasten die Rede ist, heißt das logischerweise, dass er trinkt, außer es ist ganz spezifisch anders erwähnt. Das ist in zwei, drei Stellen so, die überspringen wir mal.
Normalerweise nimmt jemand, der fastet, ausreichend Flüssigkeit zu sich – das ist der Regelfall.
Jetzt können wir überlegen: Heißt Fasten, dass er vierzig Tage lang nichts gegessen hat? Du kannst ja mal googeln, ob das möglich ist, vierzig Tage nichts zu essen – ja oder nein.
Was es im griechischen Text heißt, komme ich wieder zu meiner Expertise zurück, heißt, dass du weniger isst. Es kann einfach weniger Essen bedeuten. Deswegen heißt ja unsere christliche Fastenzeit auch Fastenzeit. Die wenigsten sind so bekloppt, vierzig Tage lang nichts zu essen und nichts zu trinken. Stattdessen verzichten wir auf etwas Bestimmtes wie Schokolade, Netflix, WhatsApp, Sex oder was auch immer.
Das ist etwas ganz anderes. In Bezug auf Essen heißt es in der Regel: weniger essen, aber nicht nichts essen. Das wäre etwas komplett anderes und würde auch anders im griechischen Text stehen. Da gibt es andere prominente Stellen, die überspringen wir mal.
Das heißt, wenn du weniger isst – sagen wir mal eine Mahlzeit am Tag oder alle zwei Tage eine Mahlzeit – und das mal ausprobierst für eine Weile, ich habe das mal gemacht, oder du isst drei Tage lang nichts oder trinkst mal zwei Tage lang nichts – das habe ich auch mal gemacht.
Wer hat das schon mal gemacht, mal einen Tag lang, 24 Stunden, bewusst absichtlich nichts essen? Okay, erzähl mir, wie war es? War es freiwillig? Das kann ich mir vorstellen.
Mein längstes war mal zweieinhalb Tage ohne Trinken. Da habe ich schon Ärger bekommen, dass das nicht so klug war, aber ich wollte es mal ausprobieren. Drei Tage ohne Essen – da habe ich das Gefühl, da geht noch wesentlich mehr. Ich will das auch definitiv machen, eine Woche ohne Essen. Ich glaube nicht, dass das ein Problem wird. Wenn du die ersten anderthalb Tage überstanden hast, ist es ziemlich simpel. Es ist auch eine Frage der Tagesstrukturierung.
Aber was passiert gerade bei dem Verzicht auf Essen? Das hängt davon ab, wie du es gewohnt bist oder nicht. Das hat sicherlich neurologisch etwas zu tun. Aber ohne Trinken ist es echt krass, weil das dich verrückt macht. Du kannst jetzt darüber streiten, ob du klar im Kopf bist oder nicht, aber wenn du es nicht gewöhnt bist, nichts zu essen und ein, zwei, drei Mahlzeiten überspringst, ist es verdammt schwierig, in deinem Kopf nicht die ganze Zeit an Pizza, M&M's oder Wassermelonen oder irgendwas zu denken.
In dem Moment, in dem du auch nichts trinkst, okkupiert das quasi dein ganzes Denken. Du gehst unterbewusst oder bewusst, jedenfalls mit Teilen deines Gehirns und Nervensystems, immer automatisch auf das zu, was du nicht hast. Das ist, als würdest du 24 Stunden lang nur an Bett, Schlaf und Ruhe denken, weil dein Körper automatisch auf das umschaltet, was nicht da ist. Logischerweise.
Das heißt, du bist in Gedanken überhaupt nicht klar. Ich glaube, das ist medizinisch naheliegend. Gut, okay, ich nehme dein Schweigen als stille Zustimmung, Denise. Also, ich glaube, es ist naheliegend: Du bist wirklich nicht klar, du bist ernsthaft und tief geschwächt.
Wenn mir eine Umstellung so geht – bei 24 Stunden, bei zwei Tagen, bei drei Tagen, bei vielleicht einer Woche –, ja, vierzig Tage kannst du selbst aushalten, aber nicht als Vergnügungssteuerfrist.
Dann ist die Rede davon, dass Jesus umgeben ist von Tieren. Man denkt sich so: Hä? Wer schon mal in der Wüste von Beerscheba unterwegs war, in der Negev-Wüste oder in diesen Regionen, findet verdammt wenig Tiere. Und damals wissen wir sogar aus Quellen von Flavius Josephus, dass die Landschaft damals nicht unbedingt grüner war als heute. Im Gegenteil, damals gab es gravierende Holzprobleme und Ähnliches.
Warum steht denn da ausgerechnet, dass Jesus umgeben war von wilden Tieren? Waren das jetzt Hyänen, die ihn anknabbern wollten? Hochgradig unwahrscheinlich. Warum steht das dann da?
Dazu musst du jetzt ein bisschen wissen, wie die Bibel Tiere sieht. Das wäre auch noch mal ein Thema für sich, das können wir gerne machen, aber das überspringen wir heute mal.
Wenn von wilden Tieren die Rede ist, die in der Wüste herumlaufen, dem lebensfeindlichen Ort, ist es relativ naheliegend, was damit gemeint ist.
Zur Erinnerung: Gott, der sich immer selbst beschreibt als „Ich bin, der ich sein werde“, „Ich bin das Sein“, „Ich bin das Leben“, Jesus, der immer wieder sagt, Gott ist der Gott des Lebens, nicht der Gott des Todes – meintest du, Gott hätte Freude am Tod eines einzigen Gerechten oder Ungerechten? Natürlich nicht. Gott ist der Gott des Lebens.
Die Wüste ist per Definition der lebensfeindlichste Ort, den du dir vorstellen kannst. Die Antarktis kannten die Leute damals ja nicht. Das heißt, es ist per Definition die Gegend des Todes.
Zumal Jesus ja wirklich in den Himmelsrichtungen auch dort weiter weggeht. Er ist dort umgeben von wilden Tieren, die keinen Verstand haben.
Man kann im Psalm, ich glaube, Psalm 32, nachlesen, wo beschrieben wird, wie das funktioniert mit Tieren, die keinen Verstand haben und die gegen den Menschen wirken mit den Naturgewalten. Das heißt, in diesem Kontext sind animalische Mächte gemeint, über die ein Mensch versuchen will, sich hinwegzusetzen.
Das ist hart, das ist kein Spaß.
Insoweit ist er umgeben von der rohen Natur, das heißt, hohe Natur im Gegensatz zur Kultur, hohe Natur im Gegensatz zu Rationalität, im Gegensatz zu Geist, im Gegensatz zu Intentionalität.
In der Bibel gibt es ein Wort für Lebendigkeit: Chaya. Die Bibel unterscheidet nicht tot oder lebendig so binär wie wir es tun, mit Herzschlag ja, Hirntod nein, Organentnahme usw., sondern spricht tatsächlich von Abstufungen der Lebendigkeit.
Genauso wie es im Buch Levitikus und Numeri Sphären der Heiligkeit gibt. Das haben die Katholiken ein bisschen besser verstanden als wir. Es gibt Dinge, die heiliger sind als andere, und Dinge, die lebendiger sind als andere, unabhängig davon, ob beide einen Puls haben.
Das wird in der Bibel mit dem Grad an nicht nur physischer Energie, sondern an Intentionalität gemessen. Je intentionaler jemand lebt, desto lebendiger gilt er.
Wer nur seinen Tag hineinlebt und sich treiben lässt, wird als weniger lebendig angesehen.
Denk mal drüber nach.
Jesus ist nun umgeben von dieser absoluten Nichtvorhandenheit von Rationalität und Intentionalität.
Erst nachdem er gefastet und gebetet hat – in der Bibel werden Fasten und Beten immer zusammen genannt –, hat Jesus vierzig Tage lang gefastet und sich mit Gott unterhalten, ganz klar, logisch.
Nachdem Jesus vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet hatte, spürte er Hunger.
Bei Luther steht: „Ihn hungerte“ – etwas Oberflächliches, ein Understatement.
Im griechischen Text steht, er ist markerschüttert, quasi zitternd vor Hunger. Ich glaube, das ist noch ein Euphemismus, ein Understatement. „Durchbohrt“, „durchzittert“ von Hunger, „erschüttert“ von Hunger – das trifft es gut.
Aber erst nachdem er gefastet und gebetet hat.
Im griechischen Text steht nicht, dass während des Fastens und Betens der Hunger ihn quält, sondern dass er, nachdem er fertig war, den Hunger spürt – den Zug, dass die materielle Welt ihn wieder anzieht.
Wir gehen mal wieder auf die abstrakte Ebene: Er spürt wieder die Bedürfnisse, die Ablenkung, alles, was ihn irdisch wieder nach unten zieht.
Im ersten Korintherbrief gibt es eine sehr markante Stelle, die ich gern mal mit euch besprechen würde, aber ich weiß nicht, ob ich der richtige Mensch dafür bin.
Dort sagt Paulus, es sei gut, auch bei verheirateten Paaren mal eine Zeit lang enthaltsam zu leben, nicht miteinander zu schlafen, auch mal in getrennten Schlafzimmern, damit man spirituell tiefer werde.
Für Paulus ist das keine Frage des Zeitmanagements, sondern eine Frage spiritueller Tiefe.
Das überspringen wir jetzt mal.
In dem Moment können wir deutlich machen, dass physische Bedürfnisse und spirituelle Tiefe in der Bibel ein leicht antagonistisches Verhältnis haben.
Das ist nicht eins gesetzt. Das sehen wir im Pentateuch noch relativ gut.
Das überspringen wir an dieser Stelle als Hintergrundwissen.
In dem Moment, wo Jesus aus dieser intensiven Gebetszeit von vierzig Tagen und vierzig Nächten herausgeht, spürt er wieder den Zug des Materiellen.
Da kommt der Körper, der ihn greift, die Bedürfnisse, die Ablenkung.
Erst dann, Achtung, ich überspitze: Sein mentaler Fokus ist schon weg von Gott.
Heißt das jetzt, wenn du betest, wirst du nie Hunger haben? Das ist keine neue Atkins-Diät.
Natürlich nicht.
Es geht um die Frage des Fokus.
Ich glaube, das verstehst du.
Wir gehen weiter zu Matthäus 4,3.
Jetzt wird es übel, wir sind mitten im Text.
Dort heißt es im Griechischen – ich übersetze wörtlich: Da trat der Versucher hinzu.
Der Versucher – derjenige, der dich auf Abwege führen möchte, der dir eine Falle stellt.
Bei Markus heißt er „Tu Satana“, „der Satan“.
Satan ist kein griechisches, sondern ein hebräisches Wort und bedeutet wörtlich „der Staatsanwalt“.
Gemeint ist die Figur im Gerichtsverfahren, der Ankläger, der sagt: „Hey, du hast gegen das höhere Gesetz verstoßen, du bist schuld.“
Wer wissen will, wie das zusammenhängt, kann in den Hiob-Prolog (Hiob 1) oder bei den Propheten Zacharja und Zephanja nachlesen.
Das überspringen wir jetzt.
Bei Lukas steht ein drittes Wort: „Diabolos“.
„Diabolos“ bedeutet wörtlich „der Durcheinanderbringer“, derjenige, der wirft, der Chaos stiftet.
Das ist wichtig.
Denk mal zurück an den ersten und zweiten Schöpfungsbericht.
Im zweiten Schöpfungsbericht in Genesis 2 wird von einer bedrohlichen Urflut gesprochen.
Gott kommt und schafft Ordnung.
Er schafft die Feste zwischen den Wassern und sortiert alles.
Gott ist derjenige, der den Kosmos ordnet und Strukturen schafft.
In der Bibel gibt es 613 Gebote und Verbote, 365 Verbote – eins für jeden Tag des Jahres.
Das zeigt, dass Gott ein ausgeprägtes Regelbewusstsein hat und deutlich macht, wo der Hase langläuft.
Der Gegenzug dazu ist der „Diabolos“, der Durcheinanderbringer, der Inbegriff des Chaos.
Die Bibel versteht Chaos nicht als kreatives Chaos, sondern als ein tosendes, gefährliches Meer aus Salzwasser.
Man kann sich das vorstellen wie auf hoher See, umgeben von chaoshohen Wellen.
Wenn da etwas schiefgeht, kommt man nie wieder lebend heraus.
Das ist die biblische Vorstellung von Chaos: durch und durch negativ.
Eine Sache wollen wir noch wissen zu dieser Figur – ich nenne sie im Folgenden einfach mal „der Teufel“, damit wir uns etwas Gemeinsames darunter vorstellen können, ohne zu tief auf die Background-Story einzugehen.
Das können wir vielleicht später machen.
Ganz wichtig: In Genesis 3, wo die Schlange Eva verführt, steht, dass die Schlange ein von Gott geschaffenes Geschöpf ist.
Das ist wichtig zu begreifen, weil diese Figur des Bösen, personifiziert oder nicht personifiziert, in der Bibel ständig auftaucht.
Alle 50 Kapitel stößt man sozusagen auf diese Figur des Bösen, statistisch gesehen.
Der entscheidende Punkt ist, dass Gott nicht auf dem gleichen Level steht wie der Teufel.
Das ist in vielen Vorstellungen aus dem Mittelalter, dem Volksglauben oder unserem kollektiven Unterbewusstsein anders.
Da denkt man oft an ein klassisches Spiegelbild: Gott versus Teufel, beim Armdrücken oder so.
Das ist aus biblischer Sicht völliger Unsinn.
Gott ist Gott. Danach kommt Lichtjahre nichts mehr.
Dann kommen die Geschöpfe Gottes, vielleicht Engel, von denen der Teufel einer war.
Aber auch sie sind Geschöpfe, also auf demselben ontologischen Level wie wir.
Es ist wichtig zu begreifen, dass der Teufel nicht die gleiche Macht hat wie Gott und niemals haben wird.
Er kann nicht in die Zukunft sehen und hat nur einige wenige, ziemlich coole Fähigkeiten.
Man kann es nicht mit Gott vergleichen, keine Chance.
Elefant und Mücke, darf ich vorstellen.
Ganz deutlich: Gott ist der höchste.
Was sagt der Teufel jetzt zu Jesus?
Er sagt: „Wenn du Gottes Sohn bist“ – nicht „der Sohn Gottes“ oder „ein Sohn Gottes“, sondern „Gottes Sohn“, was biblisch für den personifizierten Gott auf Erden steht.
Dann soll Jesus eine Ansage machen, befehlen, dass diese Steine hier Brot werden.
Das steht im griechischen Text im Aorist, der eine einmalige Handlung beschreibt.
Woher kennen wir das?
Das kennen wir aus dem Schöpfungsbericht in Genesis 1.
„Gott sprach: Es werde Licht“, „Gott sprach: Es soll eine Feste erscheinen“, „Gott sprach: Ich mache den Menschen“ usw.
Das ist die gleiche Vokabel.
Die Anspielung dahinter ist: Jesus, du bist Gott, der personifizierte Gott auf Erden.
Sprich zu diesem Stein, dass er sich in Brot verwandeln soll.
Der Stein steht für unbelebte Materie.
Und Brot nicht nur als Kohlenhydrate, sondern als schmackhaftes, energiereiches Nahrungsmittel mit Eiweiß.
Darauf spielt der Teufel an.
Ähnlich wie Gott damals, der das Chaos ordnet und Leben schafft, soll Jesus jetzt kommen und aus unbelebter Materie Leben machen.
Die Versuchung ist, das Leben aus Dingen zu ziehen, die geschaffen sind.
Der Satan bezieht sich darauf, dass wir Dinge, die nicht lebendig sind, in den Status erheben, dass sie uns Leben geben.
Oder anders gesagt: Wir nutzen Dinge, die nur sehr bedingt Leben tragen, um unseren Hunger nach Lebendigem zu stillen.
Wenn du hierbei an Nihilismus, Materialismus, Defätismus, Hoffnungslosigkeit oder Eskapismus denkst, liegst du richtig.
Das funktioniert nicht, weil geschaffene Dinge, die nicht lebendig sind, uns nie in der Tiefe satt machen.
Diese Erfahrung haben wir alle schon gemacht.
Der Satan bezieht sich hier auf unsere Gier, unseren Materialismus, unsere Kurzsichtigkeit.
Jesus ist ganz Mensch.
Jede Versuchung, die Jesus trifft, trifft dich genauso.
Jesus hat keine besonderen Superkräfte oder übermenschliche Willenskraft, um dem entgegenzustehen.
Man kann nicht sagen, Jesus könne gar nicht versucht werden.
Deshalb ist die Geschichte nicht witzlos.
Jesus ist tatsächlich ganz Mensch und tief, tief geschwächt.
Nicht ganz so geschwächt wie am Kreuz, wenn die Leute sagen: „Wenn du Gottes Sohn bist, steig herab“, aber wir kommen noch dahin.
Die Versuchung bezieht sich auf unsere Neigung zu Gier, Materialismus, Stolz.
Jesus könnte ja einfach diesen Stein in Brot verwandeln.
Er könnte zeigen: Ich kann mich selbst versorgen, ich bin mein eigener Herr, ich bin mein eigener Gott, ich bin die Quelle meines Lebens.
Das macht er nicht.
Im Gegenteil, Jesus sagt immer wieder, er sei gekommen, damit der Vater verherrlicht werde.
„Was nennst du mich Meister? Nur einer ist Gott, groß Gott allein, nur einer ist gut, Gott allein.“
Das heißt, auch unser Bedürfnis nach Stolz, anders oder besser zu sein als andere, wird hier auf die Probe gestellt.
Auch die niedrigste, primitivste Form der Selbsterhaltung wird geprüft.
Manche lassen sich schon damit ködern.
Ein einfaches Beispiel: Angenommen, die politische Lage in Deutschland ändert sich und Christen werden verfolgt.
Christen sind in absoluten Zahlen die am meisten verfolgte Religionsgemeinschaft der Welt.
Wir in Westeuropa denken: „Hatten wir nicht die Kreuzzüge?“ Ja, die sind lange her.
Stell dir vor, du müsstest wählen zwischen deinem Glauben und deinem Job.
Primitive Form der Selbsterhaltung.
Klar, da drohen Strafen.
Hier geht es um Essen, dort um Leben.
Ähnlich wie im Gleichnis vom Sämann, wo das Wort Gottes von Dornen überwuchert wird – Alltagssorgen, Materialismus, Ablenkungen.
Das sind nur oberflächliche Dinge.
Wir wissen, dass das wahre Leben von Gott kommt.
Dementsprechend kommt jetzt Jesu Antwort in Matthäus 4,4:
Und er antwortete: „Es steht festgeschrieben: Nicht vom Brot allein lebt der Mensch, sondern von jedem Wort, das aus dem Mund Gottes hervorgeht.“
Noch einmal wörtlich: Es steht festgeschrieben – nicht nur irgendjemand hat das hingeschrieben, sondern es steht unverrückbar fest – nicht nur von Brot lebt der Mensch, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt.
Das ist eine Anspielung auf Deuteronomium 8.
Jetzt wissen alle Beteiligten, dass Gottes Wort lesen nicht physisch satt macht.
Es ist keine Sonnentherapie, bei der man sich einfach reinlegt und gesättigt wird.
Es geht um Lebendigkeit.
Das ist die Versuchung dahinter.
Der Teufel sagt: Bezieh dein Leben aus Dingen, die nicht lebendig sind.
Versuch es doch mal mit einem Ersatz.
Jesus sagt: Wahre Lebendigkeit kommt nur von Gott.
Besonders ist, dass Jesus eine spezielle griechische Verbform benutzt, den „Gegabteil“ – eine Form, die im Deutschen nicht existiert.
Sie beschreibt eine Handlung, die einmal geschehen ist, abgeschlossen ist und deren Folgen weiterhin wirken.
Das heißt, es wurde geschrieben, und es gilt bis heute.
Es steht festgeschrieben für alle Ewigkeit.
Jesus sagt an anderer Stelle: „Himmel und Erde werden vergehen, aber mein Wort wird bleiben.“
Das ist das, was hier gemeint ist.
Wie antwortet Jesus dem Teufel?
Mit zwei Dingen:
Erstens mit der richtigen Priorisierung.
Jesus macht deutlich: Ja, ich leide Hunger, ja, ich könnte diesen Wunsch nach vielen Dingen anders ersetzen, aber ich mache das nicht.
Ich bin Christ, Gottes Kind, berufen zu seiner Herrlichkeit, erlöst.
Die richtige Priorität ist, von Gott zu erwarten, was wir zum Leben brauchen.
Zweitens antwortet Jesus mit Bibelfestigkeit – Hashtag Bibelfit.
Das ist ganz wichtig.
Nach 40 Tagen und Nächten Fasten, wahrscheinlich um Mai herum, in der Negev-Wüste, antwortet Jesus mit Bibelfestigkeit.
Was heißt das für dich?
Ein ganz wichtiges Fazit hast du dir wahrscheinlich schon gedacht:
In dem Moment, in dem du deinen eigenen Gedanken nicht mehr trauen kannst, in dem Moment, in dem du angeschlagen und schwach bist, Orientierung im Leben fehlt und du nicht weißt, was richtig oder falsch ist – was meistens der Fall ist –, dann versuch nicht, alles neu zu erfinden.
Und da sind wir, glaube ich, und das sage ich mit Respekt, als Protestanten besonders anfällig.
Wir versuchen oft, alles von vornherein neu zu denken.
Im Gegensatz zu vielen Katholiken, die die Tradition haben – das hat seine eigenen Probleme.
Wenn du deinen eigenen Gedanken nicht mehr traust, fang mit Gottes Wort an.
Wenn du nicht weißt, was richtig oder falsch ist, schau in die Bibel.
Völlig absurd? Völlig absurd.
Ein Vorschlag.
Wenn du deinen eigenen Gedanken nicht trauen kannst, frag, was Gott darüber denkt.
Ganz häufig, gerade bei ethischen Debatten und Seelsorge, erlebe ich jede Woche schwierige Fragen, bei denen man sich in Details verliert und den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht.
Das ist das Problem bei vielen ethischen Fragen.
Wir müssen jetzt gar nicht von Sterbehilfe oder Abtreibung sprechen, schon bei leichteren Fällen.
Schau mal in die Bibel, wenn sie wirklich der Liebesbrief unseres himmlischen Vaters an dich ist.
Vielleicht denkt er sich etwas.
Wirklich.
Okay, also erster Test, erste Prüfung von dreien: Check, Jesus bestanden.
Gut, dann drehen wir jetzt einen Gang höher, dann wird es gefährlicher.
Wie du denkst, ist da eine gewisse Steigerung drin.
Die zweite Versuchung: Herausforderung auf dem Tempelvorsprung
Wer hätte es gedacht? Matthäus 4,4; Matthäus 4,5; Matthäus 4,5; 4,5a – jetzt wird es wieder ungewöhnlich.
Tote pararambane oton ho Diabolos, esten hagian Pollin – also wörtlich: Darauf nahm der Durcheinanderbringer, Diabolos, ihn. Paranambane heißt wirklich, er kommt und fasst ihn an. Daraufhin nahm der Durcheinanderbringer Jesus in die heilige Stadt.
Lukas 4,9 buchstabiert für uns noch einmal aus, dass es hier Jerusalem ist, also nach Jerusalem. Er hätte es gedacht. Und dann geht es weiter: Matthäus 4,5b kai estesen auton epitopthyrgion tu hieru – und er stellte ihn auf das Flügelchen des Tempels. Also nochmal im Kontext: Darauf nahm der Durcheinanderbringer Jesus in die heilige Stadt, nach Jerusalem, und stellte ihn auf das Flügelchen des Tempels, das Flügelchen des Tempels.
Gehen wir das mal durch. Also: Tote, dann darauf – was jetzt danach passiert, zeitliche Abfolge, klar. Der Durcheinanderbringer, die Figur, die wir gerade schon hatten, also die personifizierte Macht des tödlichen Chaos, nimmt ihn in die heilige Stadt. Er nimmt ihn in die heilige Stadt.
Das ist ganz, ganz wichtig, weil dort steht nicht, er führte ihn in die heilige Stadt. Da steht nicht, er ging hinter ihm her und schubste ihn ein bisschen oder zeigte ihm den Weg – das steht da nicht. Da steht auch nicht drin, er nahm ihn mit in die heilige Stadt im Sinne von „Komm, lass mal zusammengehen“ oder „Ich ziehe dich am Arm hinter mir her“ und so weiter. Das steht nicht da, steht nicht da.
Man könnte ja denken, das wäre vielleicht so: Wie weit ist das entfernt? Je nachdem, wo du hinterm Jordan bist, vielleicht ein halber Tagesmarsch, lässt sich an einem Tag gut bewältigen. Steht aber nicht so da. Stattdessen steht: Er nahm ihn, er nahm ihn. Der Teufel kommt und nimmt Jesus.
Die aufmerksamen Bibelleser kennen das aus der Apostelgeschichte, ich glaube Kapitel 9, in vielen Fällen aus den Chronikbüchern, den Samuelbüchern, auch manchmal im Buch Numeri. In der Bibel gibt es dieses Phänomen von Teleportation. Das kommt ganz, ganz häufig vor. Ich gehe jetzt nicht darauf ein, dass sozusagen himmlische, jenseitige Mächte kommen und einen Menschen von hier nach dort teleportieren. Das ist das, was damit gemeint ist.
Das heißt, der Gedankengang dahinter ist, dass der Teufel sozusagen im wörtlichen Sinne Jesus nimmt. Das steht dort im Text, ich denke mir das nicht aus. Jesus wird geschnappt und dann stehen sie oben an der Zinne des Tempels – zack. Das ist das, was damit gemeint ist, mit dem Sohn Gottes.
Was heißt das? Das heißt, er führt die Versuchung nicht für ihn aus, er stellt die Versuchung nicht vor ihn hin im Sinne von: „Ja, Jesus könnte jetzt drei Wege gehen, Weg eins, zwei, drei. Wir tun mal in Weg eins eine Versuchung rein, vielleicht haben wir Glück und er läuft den Weg eins rein.“ Da steht er nicht. Stattdessen baut die Versuchung sich um ihn herum auf. Das heißt, der Teufel führt ihn in die versuchende Situation hinein, und das ist gruseliger, als ich es mir wünschen würde.
Ich würde mir wünschen, da stünde irgendwie etwas Entspannteres in der Bibel, wirklich. Aber es steht da nicht. Stattdessen steht, dass der Teufel den Sohn Gottes nimmt. Jetzt kannst du mal überlegen, was das für dich bedeutet: den Sohn Gottes nehmen und ihn in die Versuchung hineinschmeißen – krass, gruselig, gruselig.
Dann steht da, Jesus steht auf dem Flügelchen des Tempels. Was heißt Flügelchen? Gemeint ist ein Vorsprung, also ein Flügelchen, ein Vorsprung, so etwas wie eine Dachrinne, eine Regenrinne. Er steht auf der Regenrinne des Tempels.
Dazu müsst ihr wissen: Für die damalige Welt an der Levante-Küste, also an der östlichen Mittelmeerküste, war der Jerusalemer Tempel zu der Zeit, wenn man Babylon mal außen vorlässt, das höchste Gebäude, das es weit und breit damals gab.
Wie hoch war denn der damalige Tempel? Rund 62 Meter. Und dass sie damals so ein 62 Meter hohes Ding bauen konnten, mitten auf dem Berg – Jerusalem liegt ungefähr 900 Meter hoch –, das heißt, man musste die Steine erst einmal transportieren und so weiter. Das ist schon beeindruckend.
Ich habe gelesen, ab 14 Metern auf Steinboden ist ein Fall sehr wahrscheinlich tödlich. Das heißt, in dem Moment, wo Jesus da oben steht, 62 Meter hoch, ist das schon sehr, sehr gefährlich.
Wir lesen auch später in anderen Texten, wie im Hirt des Hermas oder in apokryphen neutestamentlichen Texten, dass Jesus’ leiblicher Bruder, Halbbruder Jakobus, später auch von den Obersten auf den Tempel gestellt wurde, aber an einer anderen Stelle, die nicht so hoch war, und tatsächlich heruntergeschubst wurde. Aber das ist eine andere Geschichte.
Jesus steht jetzt also 62 Meter hoch auf der Regenrinne des Jerusalemer Tempels und schaut dem Treiben darunter zu. 62 Meter hoch – das war, wenn man nicht gerade eine Klippe hatte, der höchste Punkt, den man damals erreichen konnte. Höher ging es nicht. Wir lassen Babylon und die Pyramiden in Ägypten kurz außen vor.
Er steht also oben da: Darauf nahm der Durcheinanderbringer ihn in die heilige Stadt, nach Jerusalem, stellte ihn auf das Flügelchen des Tempels.
Jetzt wird es ein bisschen ironisch: Lukas 4,9b sagt: „Kai eipen auto“ – „Und er sagte zu ihm“ – das muss man zweimal lesen: „Ei hyos eituth eu, wenn du Gottes Sohn bist, balles sie auton, entzäuthen kato“ – „Wirf dich hier herunter.“
Geht klar, läuft. Sag mal, hackt’s? Du nimmst ihn mitten aus der Wüste, für dich aus, guck mal, er stellt ihn oben drauf, 62 Meter hoch, ja, und dann kommt wirklich der Punkt, er sagt ihm: „Schmeiß dich runter!“ Und Jesus soll das nicht für bescheuert halten? Ja, da gehen wir gleich darauf ein.
Ich lese mal den Vers jetzt zusammen: Lukas 4,9-10. Dann kommt die Begründung des Teufels. Der Teufel sagt: „Es steht nämlich festgeschrieben, hoti teus angelois autu entleitai, seinen Engeln wird er deinetwegen Anweisung geben, dich zu beschützen, herperitu diaphylaxise.“ Man denkt sich das nochmal langsam durch, also nochmal im Kontext.
Der Teufel nimmt ihn, stellt ihn auf die Regenrinne, auf das Flügelchen des Tempels, sagt zu ihm: „Wenn du Gottes Sohn bist, wirf dich jetzt von hier herunter.“ Wörtlich: „Wirf dich jetzt von hier herunter.“
Es steht nämlich geschrieben: „Seinen Engeln wird er deinetwegen Anweisung geben, dich zu beschützen.“ Da denkt man sich: Na dann ist ja gut. Wenn das so ist, dann werfe ich mich gern runter.
Das ist so das schlechteste Bungee-Argument aller Zeiten: „Wirf dich mal runter, ist nicht so schlimm, hängt da ein Kabel dran.“ Dann sieht die Schlucht nicht mehr so gruselig aus.
Wäre von euch schon mal jemand Bungee gesprungen? Oder Fallschirmspringen? Okay, wenn ihr es macht, denkt daran, ihr wisst, was gemeint ist. Mein erster Bungee-Jump war tatsächlich von 65 Metern Höhe. Das beruhigt null, dass da so ein Kabel dranhängt, wirklich gar nicht. Aber das ist okay.
„Wirf dich mal runter!“ Und du müsstest so spontan denken: Sag mal, hackt’s bei dir?
Also, die Frage ist nun wirklich: Was ist denn da bitteschön die Versuchung? Du stehst oben. Stell dir vor, du stehst hier bei der Horizontale oben bei der Studentenrutsche, gehst so 30 Meter runter, kommt jemand vorbei und wirft dich runter …
Okay, da müssen wir jetzt ein bisschen tiefer graben. Und jetzt werden wir ernster.
Die Frage ist wirklich: Warum sollte jemand das tun? Was ist es denn in der Menschlichkeit von Jesus, was der Satan dort anspricht? Denn da muss ja irgendwie eine Versuchung, eine Neigung da sein, da muss ja irgendwas dahinterstecken, was einen Reiz hat, was einen juckt, damit das eine Versuchung darstellt.
Es wäre einfach nur zu sagen: „Also, es wäre, als ob zu mir jemand käme und sagen würde: ‚Hey, wenn du schaffst, diesen ganzen Beutel Lakritz nicht aufzuessen, gebe ich dir 5000 Euro.‘“ Das wäre für mich überhaupt keine Versuchung, weil ich Lakritz so widerlich finde. Das wäre so: „Hä? Ganz, what? Ernsthaft? Ich dachte, jetzt kommt irgendwas Widerliches oder so, aber einfach Lakritz nicht essen?“
Also, was spricht er denn dann an? Worum geht es? Es sind mehrere Dinge. Und das ist gar nicht so lustig, wie das klingt, Heile hin oder her. Denn worum es jetzt wirklich geht, ist: Was setze ich mal an Jesus hinein?
Stell dir mal vor, du bist Jesus. Du hast jetzt schon auf dieser Erde gelebt. Jesus war damals so ungefähr 32 bis 37 Jahre alt, wahrscheinlich so 31 damals, vor seiner öffentlichen Wirksamkeit. Aber das ist okay, so ungefähr.
Das heißt, er hat damals schon sehr, sehr viel erlebt. Als Kind, wenn man die Kindheitsgeschichte von Jesus kennt – wer will, dem schicke ich dazu gern was zu – hat er damals erlebt, als er nach Nazaret kam, kilometerweit verfaulte Leichen ohne Zehenspitzen, ohne Füße, von den Römern zu Tode gefoltert, in Baumspitzen gehängt und Ähnliches, alles mit Blut gebadet. Er hatte tödliche Auspeitschungen erlebt, hatte gesehen, wozu Menschen fähig sind. Er wurde mittendrin geboren, in Gerüchten zwischen den Sikariern. Judas Iskariot, einer von denen, wurde dort direkt hineingeboren. Später erlebte er in seiner eigenen Stadt viel Ablehnung. Das Ende der Geschichte kennen wir auch alle.
Das heißt, was vor Jesus steht, ist nicht unbedingt beneidenswert. Stell dir mal vor, du bist Sohn Gottes. Du könntest im Himmel sein. Du könntest auch einfach, wie in den Zeiten von Noah, die Menschheit auslöschen und eine neue machen. Du könntest auch eine machen ohne freien Willen. Ich meine, das ist keine absurde Idee.
Oder zumindest die himmlischen Wesen, von denen immer noch zwei Drittel dich immerhin anbeten – weil ein Drittel Dämonen geworden sind –, aber immerhin zwei Drittel sind noch da und feiern dich, lassen dich verherrlichen, so richtig gut gehen lassen. Aber macht er ja nicht.
Und ich glaube, die Versuchung besteht darin, bei all dem Leid, das Jesus in diesem Kontrasterlebnis vom Himmel auf die Erde erlebt hat, alles schon erlebt hat und noch erleben wird – denn Jesus kennt ja die Zukunft – und jetzt noch mit all diesem Hunger versucht wird, und alles auf ihn einstürmt, natürlich in dem Moment, wo der Blutzuckerspiegel runtergeht, du depressiv wirst, du dir Sorgen machst: „Wer bin ich überhaupt? Wo soll ich hin? Was ist der Sinn? Muss das wirklich alles sein?“ – ich glaube, das kennen wir auch alle von uns.
Ich glaube, da ist die Versuchung, schlicht dem Leid und dem Schmerz, auch wenn es nur der physische Hunger ist, der sozusagen der Katalysator von all dem ist, ein Ende zu setzen – mit zwei Schritten nach vorne.
Ich glaube, das ist nicht so abwegig, nicht in der Tiefe.
Ich glaube, der zweite Punkt, den Jesus da anspricht, ist, dass es wieder das Ego ist, sich selbst etwas zu beweisen. Gott hat gesagt, die Engel werden schon kommen und dich retten, damit du dir nicht den Fuß an einem Stein stößt.
Also, wenn du dafür sorgen sollst, dass du keine Blasen kriegst beim Durchlaufen Jerusalems, kannst du dir überlegen: 62 Meter, komm schon, Alter, das wird jetzt nicht das Ding sein.
Ich glaube, da ist schon das Ego drin, die Versuchung, sich selbst etwas zu beweisen, vielleicht sogar der damaligen Tempel-Elite, wir wissen ja, wie die Geschichte ausgehen wird, zu sagen: „Hä, ich schwebe jetzt hier mal runter, so Elton-John-Style. Ich schwebe jetzt hier mal runter, könnt ihr mal sehen, was der an mir hat. Messias ist im Haus!“
Das ist, glaube ich, sehr nachvollziehbar.
Der Wunsch: „Die Engel werden mich schon retten.“ Der Wunsch nach Unterscheidung, der Wunsch, herausgehoben zu sein, der Wunsch, angebetet zu werden, etwas Besonderes zu sein. Ja klar, wer behauptet, kein Ego zu haben, ich glaube, der hat ein ganz viel größeres Problem.
Klar, logisch, total verständlich.
Und ich glaube, da ist noch etwas Tieferes drin. Nämlich der Wunsch – eben war der Wunsch, den der Teufel in Jesus wachrufen wollte, der Wunsch nach Konstruktivität, der Wunsch, etwas zu erschaffen, etwas hervorzubringen, etwas Gutes zu tun, Leben zu stiften.
Mann, was gibt es denn Besseres als Leben zu stiften und Leben zu retten? Was gibt es Besseres?
Und jetzt kommt der Wunsch, den wir Menschen, glaube ich, auch sehr in uns drin haben, das Gegenteil: Der Wunsch nach Destruktivität, der Wunsch, etwas zu zerstören, etwas fallen zu lassen, buchstäblich, und es verderben und kaputtmachen.
Und ich glaube, wenn du mal ganz ehrlich mit dir selbst bist, fallen dir an jedem Finger fünf Beispiele ein, wo du in deinem Leben und Alltag, also mir fallen zu viele Beispiele ein, hattest, wo du dir gedacht hast: „Ich würde jetzt wirklich gern mal sehen, wie das kaputtgeht, wie das den Bach runtergeht.“
Solche Gedanken sind mir nicht fremd. Ich hoffe, bei euch ist das anders, aber wahrscheinlich nicht.
Ich weiß, wir sollten das nicht denken, das ist nicht gut, und das macht was mit uns.
Ich habe mich bemüht, dass ich auch manchmal nicht nur Menschen etwas Schlechtes wünsche, weil ich da besser geworden bin. Aber der Wunsch, wirklich zu haben, dass etwas auch mal destruktiv sein darf, nicht immer nur konstruktive Kritik, nicht immer nur positives Feedback, nicht immer nur „Ich wünsche mir von dir“ und so weiter, sondern einfach mal ein „Das ist so“ – das ist der Punkt.
Und ich glaube, das ist etwas sehr Menschliches.
Das heißt, ich glaube, wir Menschen haben in uns nicht nur den tiefen Wunsch, Dinge zu zerstören. Das war das, was Carl Gustav Jung oder Sigmund Freud den Todestrieb nannten, damals 1919, 1922.
Es gibt ein sehr gutes Buch von Freud, sehr tiefsinnig. Ich glaube, das trifft sehr gut.
Ich glaube, das haben wir auch in der Noah-Geschichte, Genesis 6, wo Gott herabstieg vom Himmel, sah die Menschenkinder und sah, dass das Streben ihres Herzens stets böse war.
Was es eigentlich meint, ist ihre Prioritätensetzung im Alltag. Aus dem hebräischen Text muss man besser übersetzen.
Wenn du dir nur das Handeln der Menschen anschaust und daraus versuchst, ihre Prioritäten abzuleiten, würdest du denken: „Habt ihr nichts anderes im Kopf, als euch gegenseitig zu zerfleischen?“
Und ich glaube, was dahintersteht in dieser Versuchung von Jesus, ist ein Wunsch, ein echter und manchmal auch tiefer Wunsch nach Selbstzerstörung.
Ich glaube, zu leugnen, dass wir Menschen diesen Wunsch haben, im Individuellen wie auch im Kollektiven, als Nationen, als Völker in unserer Geschichte, ist naiv.
Ich bin wirklich ziemlich sicher, dass das das ist, was dort angesprochen wird: dass Jesus als Mensch, ganz Mensch seiend, natürlich auch diesen Wunsch hat, zu sagen: „Zerbrechen wir, wir lassen es einfach mal den Bach runtergehen.“
Und dieses, ich glaube, wir als Menschen tun gut daran, unser eigenes selbstzerstörerisches Element nicht zu unterschätzen.
Ich bin fest davon überzeugt, nicht nur aus der ganzen Seelsorgepraxis mit so vielen Leuten, die depressiv waren, Essstörungen hatten, suizidgefährdet waren, bedroht und Ähnliches, nicht nur davon, sondern ich glaube, das ist in der Bibel sowieso, aber ich glaube, das ist eine tiefe anthropologische Wahrheit.
Ich glaube nicht, dass wir sie leugnen können.
Ich glaube, wir tun gut daran, das in uns selbst auch wahrzunehmen, weil wir sonst etwas vortäuschen und immer wieder kindliche Erklärungsmuster für Dinge suchen, die sich aber nicht mit diesem Happy-Sunshine-Bild so einfach erklären lassen.
Ich glaube, wir sollten diesen Wunsch, etwas Kostbares und Schönes fertigzumachen, zu zerstören, nicht leugnen.
Damit meine ich nicht nur Drogenprobleme, nicht nur Beziehungsprobleme, die wir ja häufig selbst herbeiführen, Partnerschaftsstreitigkeiten und Ähnliches.
Es ist ja nicht so, dass das nur vom Himmel fällt, sondern manchmal sind wir es auch selbst.
Nicht nur finanzielle Unmündigkeit, dass sich Leute damit zugrunde richten – was ich nun wiederum jeden Tag sehe – und auch nicht nur Zeitmanagement und Überforderung.
Ich glaube, da steckt etwas Tieferes dahinter.
Es ist nicht nur ein Fehlen von irgendetwas, dass wir es nicht auf die Reihe kriegen.
Ich glaube, da ist auch noch etwas Tieferes, Mächtigeres, Destruktiveres in uns selbst, von uns selbst am Werk.
Denn es steht geschrieben, festgeschrieben: „Seinen Engeln wird er deinetwegen Anweisung geben, dich zu beschützen, auf Händen werden sie dich tragen, damit du nicht einmal an einem Stein deinen Fuß stößt.“
Der Teufel zitiert aus Psalm 91.
Ist das nicht gruselig? Ist das nicht total gruselig?
Ihr müsst wissen: Psalm 91 steht in der Mitte der Psalmrolle, also irgendwo ganz tief vergraben in der Bibel. Der Teufel kennt das.
Ist das nicht gruselig? Eine messianische Prophezeiung über Jesus, der in seiner Herrlichkeit kommt, verherrlicht werden soll?
Der Teufel zieht das mal so aus dem Ärmel. Boah, uah, kriege ich Angstschweiß.
Das heißt, Satan nutzt die Bibel, er kennt die Bibel und nutzt natürlich diese Fragmentierung, diese verstandesmäßige Rechtfertigung, um uns auch auf Abwege zu führen.
Martin Luther sagte in einem anderen bösartigen Kontext mal dazu, etwas polemisch: „Die Vernunft ist eine Hure.“
Man kann sie benutzen, um alles damit zu machen und alles zu rechtfertigen.
Das ist nicht völlig abwegig, wenn man nur im juristischen Kontext überlegt, Johannes, du kannst uns besser erzählen, welche absurden moralischen und ethischen Positionen Leute nutzen, um sie mit irgendwelchen Argumenten zu rechtfertigen.
Das geht auch nicht mit gesundem Menschenverstand, und doch wird es immer wieder gemacht.
Und wir auch, wir auch definitiv.
Der Satan nutzt die Bibel, kennt die messianischen Prophezeiungen und verkehrt sie ins Gegenteil – der Durcheinanderbringer, der Diabolos.
Gruselig, gruselig.
Wenn du überlegst, deine Bibelkenntnis – Bibelkenntnis Satans ist nicht gut.
Also bei euch vielleicht anders, bei mir ist das so.
Dann Lukas 4,12: „Kei Apokristeis eben auch Tocher“ – Jesus antwortete ihm.
Jesus hatte Eretai: „Es wurde gesagt: ‚Uk ekperaseis kyrion ton theon ossu‘“ – „Du wirst den Herrn, deinen Gott, nicht herausfordern.“
Also Lukas 4,12: Jesus antwortete ihm: Es wurde gesagt, du wirst den Herrn, deinen Gott, nicht herausfordern – wörtliche Übersetzung.
Viele von euch kennen schon, dass in den ursprünglichen zehn Geboten immer drinsteht: „Du wirst …“, das heißt, die Einhaltung der zehn Gebote und aller anderen Regeln ist eine Folge davon, dass du deine Prioritäten klar hast, eine Folge der Nachfolge.
Das heißt, in dem Moment, wo du Gott an die erste Stelle setzt, folgt automatisch: „Du wirst nicht Ehe brechen“, folgt automatisch: „Du wirst nicht morden“, und so weiter.
Diese ganzen Dinge folgen automatisch als Folge dessen.
Deswegen steht nicht „Du sollst nicht“, sondern „Du wirst nicht“.
In dem Moment, wo du in Gott, in der Nachfolge lebst, wo du wirklich die Prioritäten hast, wirst du gar nicht erst ernsthaft, nicht in letzter Konsequenz, nicht in der Tiefe wollen, all diese Dinge zu tun.
Und da steht, du wirst den Herrn, deinen Gott, nicht herausfordern.
Da muss man drüber nachdenken.
Ganz häufig benehmen wir uns im Alltag so.
Seitdem ich im finanziellen Bereich immer wieder erlebe, dass Leute sagen: „Ach, ich werde schon Glück haben, mich wird es schon nicht treffen, ich bin schon die Ausnahme, ich bin was Besonderes.“
Dass wir das Schicksal herausfordern, irgendwie pokern, dass wir nicht so werden wie andere, sondern dass irgendein göttlicher Eingriff kommen wird, irgendwas Besonderes, um zu sagen: „Du bist herausgehoben, für dich gelten nicht die Regeln, für dich wird nicht das Gleiche passieren wie für alle anderen.“
Die Bibel nennt das „Gott herausfordern“ an sehr vielen Stellen.
Und da ist die Ansage von Jesus eindeutig: Halte dich nicht für die Ausnahme, keine Chance.
Geh immer davon aus, dass dein Leben so verlaufen wird wie das von allen anderen.
Wenn es gut läuft, schön für dich.
Geh davon aus, dass du genauso schwach, fehlbar, erbärmlich und nichtsnutzig bist wie alle anderen auch.
Du kannst dagegen ankämpfen und solltest definitiv versuchen, besser zu sein, du solltest ein Segen sein, benimm dich mal so.
Aber geh erst mal nicht davon aus, dass dir alles zufliegt.
Wie antwortet Jesus wieder? Durch die richtige Prioritätensetzung, durch ein Gebot.
Gott sagt: In dem Moment, wo du zu mir gehörst, wirst du gar nicht in letzter Konsequenz, nicht wirklich, nicht in der Tiefe wollen, dich für etwas Besonderes zu halten, für den andere Regeln gelten.
Du wirst nicht versuchen, Gott herauszufordern.
Du wirst nicht versuchen, dein Leben auf Zufällen und glücklichen Zufällen aufzubauen.
Wirst du nicht machen.
Und in dem Moment, wo das so ist, wirst du Gott nicht versuchen, herauszufordern.
Und Jesus antwortet mit Bibelfestigkeit. Er zitiert hier wieder aus Deuteronomium, aus der damaligen jüdischen Tora, aus dem Pentateuch.
Jesus antwortet wieder bibelfest – gleiches Schema.
Die dritte Versuchung: Die Macht der Welt und die Entscheidung Jesu
Kommen wir jetzt zur dritten und letzten Herausforderung. Danach ziehen wir ein Fazit und schauen, was wir bisher aus all dem lernen können. Ich möchte gern den Text mit euch gemeinsam betrachten.
Jetzt wird es wieder ein bisschen freaky. Matthäus 4,5: „Pardambane auton hodiabolos eis oros hypsilon lian“ – da nahm der Durcheinanderbringer ihn, also fasste ihn an, schnappte ihn, hielt ihn fest. Das ist gemeint, ja, wie ein Getränk, das du aufnimmst – dasselbe Verb. Da nahm der Durcheinanderbringer ihn zu einem „horos ylian“, also wörtlich übersetzt: zu einem unbeschreiblich hohen Berg.
Manche Sekten interpretieren diesen Vers so, dass Jesus auf den Tempelberg genommen wurde. Oder sie sagen, er wurde auf den Berg Ararat genommen – da waren wir schon. Oder sie behaupten, er wurde auf den Mount Everest gebracht. Denk doch mal drüber nach: Du warst die ganze Zeit in der Wüste, bist dann mit abgetragener Kleidung unterwegs, und jetzt stellst du dir vor, du stehst auf dem Mount Everest. Wie lange reicht da der Sauerstoff? Logisch, das funktioniert nicht.
Gemeint ist also ein unbeschreiblich hoher Berg. Das Wort „Lian“ bedeutet „sehr“ oder „unbeschreiblich“. Damit ist schon klar, dass es sich nicht um einen realen Berg handelt. Ihr kennt das ja: Berge sind in der Bibel der Ort der Begegnung, der Ort, wo du dem Himmel am nächsten bist – einerseits geografisch, andererseits auch metaphysisch.
Der Garten Eden war ein hoher Berggarten, von dem die Flüsse ausgehen und der in den Wolken liegt. Die Menschen versuchen mit dem Turm von Babel, sich ihren eigenen Berg, ihren eigenen Himmel auf Erden zu bauen – Hashtag Kommunismus. Sie versuchen, sich ihren eigenen Himmel auf Erden zu schaffen, um das Ganze wieder Schritt für Schritt für sich zurückzunehmen.
In diesem Sinne ist nicht von einem echten Berg die Rede. Im griechischen Text steht sehr deutlich „horos hypsolon lian“, also von einem unbeschreiblich hohen Berg. Die biblischen Schreiber kannten den Mount Everest nicht, aber es wäre nicht schwer gewesen, ihn zu beschreiben. Davon ist hier nicht die Rede, wie du auch gleich mit dem Folgenden sehen wirst.
Gemeint ist, dass Jesus an einen Ort „hingeht“, an einen Ort in Anführungszeichen, wo sich Diesseits und Jenseits überschneiden. Wir haben ja manchmal die Vorstellung von Dante Alighieri aus dem 15. Jahrhundert, dass Himmel und Erde zwei getrennte Dinge sind, die untrennbar voneinander gebunden sind. Das ist jedoch nicht das biblische Verständnis.
Das biblische Verständnis ist, dass Himmel und Erde Überschneidungsfelder haben – geografische, energetische und spirituelle Überschneidungsfelder. Jesus ist nun mal die ultimative Überschneidung zwischen Himmel und Erde. Wer hätte das gedacht?
Zum Beispiel ist im biblischen Verständnis der Tempel in Jerusalem mit dem Allerheiligsten, das hinter der Lade ist, sozusagen die Überschneidung von Himmel und Erde. Das ist ähnlich. Im Gegensatz zu Kant und der Aufklärung, wo Jenseits und Diesseits strikt getrennt sind, gibt es in der Bibel Überschneidungen.
Jesus wird nun an einen solchen Ort geführt. Logischerweise erhalten wir keine Ortsangabe, die wir mit GPS orten könnten, weil das nicht Sinn und Zweck der Sache ist. Da nahm der Durcheinanderbringer ihn also zu einem unbeschreiblich hohen Berg, was nicht die Höhe des Berges meint, sondern seine Bedeutung.
Wie geht es weiter? „Kei Denknissin auto und zeigte ihm Pasas, Tars, Basilejas, Tus Cosmo, kei Doxan, Auton, Enstigme, Schrono“ – das steht dann bei Lukas noch. Da nahm der Durcheinanderbringer ihn zu einem unbeschreiblich hohen Berg und zeigte ihm alle Reiche der Welt und ihre Macht und Pracht.
Dort steht „Doxa“ im Griechischen, was Macht und Pracht gleichzeitig bedeutet. Ich glaube, wir übersetzen es am besten mit beiden Worten: Macht und Pracht. Also nahm der Durcheinanderbringer ihn an die Grenze von Diesseits und Jenseits und zeigte ihm alle Reiche der Welt mit ihrer Macht und Pracht – in einem Augenblick, wie es bei Lukas 4,5 heißt.
In einem Augenblick! Ich gehe mal von hinten nach vorne: Dass es ein mythologischer Berg ist, die Grenze von Diesseits und Jenseits, ist klar. Jesus blickt also von Diesseits ins Jenseits hinein, und der Teufel bringt ihn dorthin. Das heißt, der Teufel hat die Möglichkeit – ich bin immer wieder erstaunt, wie mächtig er dort beschrieben wird, es ist gruselig –, sogar das Diesseits komplett zu durchschreiten.
Im ersten Petrusbrief steht, der Teufel sei wie ein wilder Löwe, der auf der Erde umhergeht und versucht, denjenigen zu verschlingen, den er erwischen kann. In Offenbarung 12 heißt es auch, dass der Drache die Erde durchstreift. Das heißt, er bringt Jesus an die Grenze des Jenseits und hinein, aber er ist nicht im Jenseits. Das ist eine ganz wichtige Geschichte.
Darauf können wir vielleicht nachher noch in der Fragerunde eingehen, was das bedeutet. Jesus schaut durch das Jenseits hindurch, in „Stigma Schironu“, und in einem Augenblick sieht er alle Reiche der Welt mit ihrer Macht und Pracht. Man merkt schon daran, dass eine Sektenauslegung à la Mount Everest nicht funktioniert. Damals im ersten Jahrhundert war Tibet leer, da war niemand. Das würde nicht funktionieren.
Gemeint ist vielmehr die gesamte Macht und Pracht der Welt, die dort gesehen wird. Damit ist nicht nur die geographische, sondern auch die zeitliche Dimension gemeint. Das ist ein wichtiger Hinweis: Im Jenseits gibt es keine Zeit, wie wir sie chronologisch verstehen – heute, morgen, übermorgen. So ist es nicht gemeint.
Im Jenseits gibt es eine komplexere Schau von Zeit. Jesus blickt also durch Raum und Zeit hindurch. Das ist das, was du im Jenseits machen kannst: durch Raum und Zeit gehen.
Wir gehen weiter zu Lukas 4,6: „Kai eipen oto ho Diabolos, soi dosso ten exousian tauten hapa san“ – „Dir werde ich diese ganze Macht und Pracht geben.“ Wow! „Kai ten doxan oton, hoti weil, emoi para det dotai“ – „weil sie mir übergeben worden ist.“
Was heißt das jetzt? Es gibt mehrere Möglichkeiten. Es könnte bedeuten, wie in Johannes 8,44, dass es einfach eine Lüge ist. Johannes 8,44 sagt, dass der Satan der Vater der Lüge ist. Jesus sagt, der Satan spricht Lügen als sein Eigen. Woran erkennt man, dass der Teufel lügt? Wenn er die Lippen bewegt.
Das heißt, es könnte einfach eine Lüge sein, es könnte nicht wahr sein. Das ist eine Möglichkeit. Die biblische Tradition scheint mir jedoch etwas anderes nahezulegen.
Wenn du mal richtig Lust auf einen abgefahrenen Text hast, lies mal Deuteronomium 32. Dort wird sehr krass beschrieben, dass nachdem der Teufel mit einem Drittel der Engel aus dem Himmel gestürzt wurde – die dann Dämonen wurden – einzelnen Dämonenstämmen einzelne Völker der Erde zugeteilt wurden. Der Teufel steht dabei als oberste Macht über ihnen.
Das heißt, es ist nicht unbiblisch zu sagen, dass der Teufel eine gewisse Macht über himmlische Regionen, irdische Regionen, Territorien, Machtstrukturen, Staaten, Unternehmen, Großkonzerne, Familien usw. ausübt. Aber die Debatte wollen wir jetzt nicht vertiefen.
Es ist absurd, denn diese Macht wird Jesus sowieso haben. Im Kolosserbrief steht, dass alle Knie im Himmel und auf Erden sich eines Tages vor ihm beugen werden, der überwunden hat. Auch in der Offenbarung steht: „Ich bin der, der überwunden hat, ich bin das Alpha und das Omega. Alle Menschen werden sich vor mir beugen.“
Die Vorstellung, dass die Welt, die nach biblischer Vorstellung irgendwann vernichtet wird, und dass Jesus sowieso über sie herrscht, sich nun vor Jesus verbeugt, ist also logisch. Die Vorstellung, dass der Teufel Jesus Macht anbietet, ist daher total bescheuert.
Es ist, als ob ich sage: „Sophia, gib mir mal kurz dein Handy. Wenn du mich anbetest, bekommst du es zurück.“ Das ist doch mein Handy! Es kommt darauf an, was du bei der Europawahl gewählt hast, aber grundsätzlich: Besitzeskonzepte hast du doch sowieso.
Die Frage ist: Was ist die Versuchung dahinter? Die Versuchung ist folgendermaßen zu verstehen: Ein Shortcut, eine Abkürzung kannst du jetzt sofort haben. Nach dieser Darstellung, wie gesagt, wir diskutieren das jetzt nicht weiter, sagt der Teufel: „Mir gehört das alles, nicht ganz, aber wir tun mal so.“
Du kannst jetzt haben, Kreuzigung überholt, das sind bürgerliche Kategorien, brauchen wir nicht. Ostern, Himmelfahrt, Pfingsten dauern zu lange, 2019 bist du immer noch nicht zurückgekehrt. Also können wir schneller machen. Ich mache das für dich, ich habe da was vorbereitet.
Das heißt, es wäre ein Shortcut. Du kannst es jetzt sofort haben, statt in tausenden Jahren, und einfacher, ohne all das unbeschreibliche Leid. Das ist ähnlich wie bei uns: Egal welche vermeintlichen Instantfreuden, welches Fastfood-Vergnügen to go wir uns gerade vormachen, das steht in keinem Verhältnis zu dem, was Gott mit dir vorhat.
Egal was die Erde dir bereithält an sinnlichen, irdischen, emotionalen Freuden, an Stolz, Begierde, Lust, leckerem Essen, Überheblichkeit, an Erfolgen, Geld – alles wunderbar, alles toll, alles super. Paulus sagt an einer Stelle, dass alles, was er in seinem Leben errungen hatte – und Paulus war schon ein ziemlich hohes Tier –, für ihn Dreck ist im Vergleich zu dem, was Jesus verspricht.
Das steht auch in Jesaja 64,3: „Was kein Auge gesehen hat, was kein Ohr gehört hat und in keines Menschen Herz gekommen ist, auf wessen niemand Idee je gekommen ist, das hat Gott denen bereitet, die ihn lieben.“
Da fragt man sich, warum Jesus eigentlich so lange braucht, um zurückzukehren. Eine mögliche Erklärung ist, dass Jesus sagt: „Meines Vaters Haus hat viele Wohnungen, ich gehe, um euch eine Wohnung zu bereiten.“ Dieser ellenlange Kubus, von dem in der Offenbarung die Rede ist.
Was macht Jesus gerade? Macht er die Räumlichkeiten schön? Denkst du, das wäre eine ganz schöne Räumlichkeit? Ich denke so: Okay, das wird ein Ikea-Upgrade sein. Was steckt da wohl dahinter?
Das ist die einzige reale Verhandlungsposition: die jetzige Situation. Das heißt, das Einzige, was der Teufel Jesus anbieten kann, ist nur das, was er jetzt in diesem Augenblick fühlt. Nicht, was er mal fühlen wird, nicht, dass ihm die Welt sowieso in ein paar tausend Jahren gehört.
Jetzt, gerade jetzt, ist das Einzige, was der Teufel hat, um mit dir zu verhandeln, dich zu verlocken, nur die Gegenwart. Und by the way, kleiner Spoiler: Der Teufel kennt die Zukunft nicht, aber das ist eine andere Geschichte.
Das heißt, das Einzige, was der Teufel hat, ist die Gegenwart. Nur diese Minute, diese Stunde, diesen Tag – mehr hat er nicht. Er hat nicht dein Leben vor sich, er kann dein Schicksal nicht beeinflussen. Er kann nur die Gegenwart ein bisschen biegen, beugen, verändern. Das ist alles. Das ist ziemlich inkonsequent und unbedeutend gegen das, was Gott will.
Man kann sich mal überlegen, wer da der Platzhirsch ist. Egal, ob die Gegenwart sich vermeintlich schnell oder komfortabel anfühlt: Im Hebräerbrief 12,11 steht eine der coolsten Stellen in der Bibel, auch für Kindererziehung: „Keine Disziplin scheint im jeweiligen Augenblick freudig zu sein, sondern schmerzhaft.“
Da müssen wir Rückgrat zeigen, erwachsen sein, durchhalten. Aber später gewährt sie denen, die durch sie geschult worden sind, Gerechtigkeit als Frucht des Friedens. Keine Disziplin scheint freudig im Augenblick zu sein, aber später gewährt sie den, die durch sie geschult wurden, Gerechtigkeit als Frucht des Friedens.
Das Einzige, was der Teufel dagegen hat, ist eine vermeintlich bessere Gegenwart. Also etwas wie McDonald's. Hebräerbrief 12,11 wörtlich übersetzt: „Keine Disziplin scheint im jeweiligen Augenblick freudig zu sein, sondern schmerzhaft; aber später gewährt sie denen, die durch sie geschult worden sind, Gerechtigkeit als Frucht des Friedens.“
Und dann fällt der Vorhang. Lukas 4,7: „Ean plos kyneses in nobio nemu, estai su pasa“ – wörtlich: „Du also, wenn du vor mir niederfällst, ist die Pracht und Macht deine.“ Sagt der Durcheinanderbringer zu Jesus: „Du also, wenn du vor mir niederfällst, ist die Macht und Pracht deine.“
Da fällt die Maske, da fällt der Groschen. Aus Sicht des Satans ist das, was er wirklich will: Gott sein. Das sehen wir in der Bibel immer wieder. An fast allen Stellen, wo der Satan erwähnt wird, will er Gott sein, derjenige, der angebetet wird, derjenige, der Macht und Pracht hat, der verehrt wird, der an Gottes Stelle sein will.
Lies mal Hesekiel 14 dazu, aber das müssen wir hier überspringen. Aus Sicht Satans ist es egal, was der Preis ist. Selbst wenn er alles geben muss, was er hat, selbst wenn er Jesus zum Herrscher der Welt machen muss – was eigentlich die einzige Verhandlungsposition Satans ist –, egal was es kostet, er will verherrlicht werden.
Das heißt, überlege mal: Das Einzige, was der Satan hat, ist ein bisschen Bestimmungsrecht über die Erde. Selbst das gibt er auf, nur um diesen Ego-Push zu bekommen, um angebetet zu werden. Er bettelt förmlich darum.
Du siehst, dem Satan gehen wirklich die Asse aus, ihm gehen die Karten aus. Es hat nichts mehr, er gibt sein letztes Hemd, letzter Versuch, all in. Wenn es ihn alles kostet, schon richtig verzweifelt: „Ich geb dir sonst was, ich geb dir alles, nur bitte bete mich an.“
Aus Jesus’ Sicht ist das verlogen. Überleg mal, was Jesus vorher gedacht hat. Er stand auf der Tempelzinne – steht in der Guten Nachricht – überlegt die Selbstzerstörung der Menschheit, sieht sie in sich, überlegt auch das ganze Leid, das vor ihm liegt.
Jesus könnte eine Krone tragen statt einer Dornenkrone, einen Umhang statt seines blutgetränkten Mantels, der von seinen frisch getrockneten Wunden wieder abgerissen wird. Er könnte als König erhöht und in einer Sänfte getragen werden, statt an einem Kreuz zu sterben. Er könnte nicht in seiner eigenen Hauptstadt zu Tode gefoltert werden.
Das ist schon was. Und dann steht ganz spannend noch: „Alles, wenn du mir vor mir niederfällst, ist deine, diese Pracht und Macht der ganzen Königreiche.“ Das Niederfallen steht im Aorist, das heißt, von der griechischen Verbform her ist ein ganz kurzes, einmaliges Einknicken gemeint.
Also eine halbe Sekunde, blinkend, you miss it. Einfach so: ganz kurz Knie beugen, nur einmal ganz kurz niederfallen. Nicht so ein „Ich falle vor dir nieder in meiner Ergebenheit und meiner inneren Haltung, du bist jetzt mein Gott“, sondern wirklich nur so ein „ruf nichts“ gemeint.
Das ist gruselig, denn es heißt, eine halbe Sekunde Niederwerfen würde dem Teufel schon reichen. Eine halbe Sekunde, einmal kurz schwach werden, würde schon reichen, damit Jesus bei der Versuchung durchgefallen wäre. Dann hätte sich unsere Erlösung irgendwie auch erledigt.
Das würde schon reichen. Manchmal entscheidet sich dein gesamtes Schicksal in einer halben Sekunde. Machst du das jetzt oder nicht? Sprichst du das aus oder nicht? Unterschreibst du diesen Arbeitsvertrag oder nicht? Sagst du das Ja-Wort oder nicht?
Es gibt Momente im Leben, da hängt wirklich eine Menge von einer Sekunde ab. Blinkend gemessen. Das sind Momente, in denen sich unser Leben entscheidet.
Dann kommt Jesus, Lukas 4,8, und sagt: „Kei apokrithäus, heu Jesus, el penauto“ – antwortet Jesus ihm. Matthäus 4,10: „Hübage Satana“ – „Geh weg, Ankläger!“
Wichtig ist, dass dieses „Geh weg“ nicht im aoristischen Sinn gemeint ist, also „hau mal ab“ als einmalige Aufforderung. „Hübage“ steht im Präsensaspekt, als eine grundsätzliche Feststellung, ein Bundesverfassungsgerichtsurteil: „Hau ab, ein für allemal, grundsätzlich, ich will nichts mit dir zu tun haben!“
„Geh, geh, geh weg, schere dich zum Teufel, komm nie wieder!“ Wie in „König der Löwen“: „Geh weg, Simba, komm nie wieder!“ Genau so.
Jesus sagt dann weiter: „Gekrabat haigar, weil es steht festgeschrieben: ‘Kyrion tantheonsu pros Kynaeseis’ – vor dem Herrn, deinem Gott, wirst du dich niederwerfen.“ Also wieder ein Gebot: „Vor dem Herrn, deinem Gott, wirst du dich niederwerfen.“
„Kai auto mono latreuseis“ – „und nur ihm dienen.“ Jesus zitiert hier die Bibel, Deuteronomium 6. Ich übersetze mal sinngemäß: „Teufel, hau ab, ein für allemal!“
Spannend ist, dass Jesus erst „hau ab“ sagt und dann begründet. Er sagt nicht: „Moment mal, lass uns eine Güterabwägung machen, eine Pro- und Kontra-Liste: Herrschaft über die Erde, aber Deuteronomium 6, ich rufe dich morgen wieder an.“
Nein, er sagt erst die autoritative Antwort: „Hau ab!“ und dann die Begründung. Das ist wichtig. Erst die Priorität, dann die Argumentation. Jesus hat die Prioritäten klar und kann sie mit der Bibel begründen.
Diese Ansage macht Jesus am Anfang ohne Begründung: erst „Hau ab!“ und dann die Begründung. Das heißt, die Frage dahinter ist: Traust du dir selbst die Vollmacht zu, eine Ansage zu machen, ohne sie bis zum Exzess zu begründen?
Für das Zwischenmenschliche gilt: Das „Geh weg!“ steht im Präsensaspekt. Für Jesus ist das keine Frage des Preises. Das ist eine ganz grundsätzliche Feststellung.
Hier geht es nicht um Euro mehr oder weniger, nicht um dieses Königreich mehr oder weniger, nicht um 2019, 1519 oder 119. Es geht nicht darum, ob du noch ein Königreich mehr, eine Krone mehr oder 10 Euro mehr hast.
Darum geht es nicht, darüber unterhalten wir uns nicht. Für Jesus ist es keine Frage des Preises, egal wie viel ihm geboten wird – und by the way, mehr als die Erde geht irgendwie nicht.
Ich glaube, das ist eine ganz wichtige Lektion für uns als Christen. Es muss bestimmte Punkte geben, die nicht zur Debatte stehen. Es muss bestimmte Grenzen geben, die keine Option sind. Darüber diskutieren wir nicht.
Das ist keine Frage von Preis, Wollen oder Nichtwollen, oder ob es gerade bequem ist oder nicht. Es muss bestimmte Grenzen geben, an denen wir sagen: „Nächstes Thema, reden wir nicht mehr darüber, Punkt!“
Dann geht es zu Ende, Lukas 4,13: „Kaisynetella sast Pantha perasmont ho Diabolos ab este abortu aschi kairu“ – „Nachdem die ganze Versuchung beendet war, ließ er ihn, der Teufel, bis zu einem bestimmten Zeitpunkt.“
Die gewieften Bibelleser unter euch wissen natürlich, welcher Zeitpunkt gemeint sein könnte. Wer hat eine Idee? Gethsemane! Dort betet Jesus: „Herr, wenn du willst, lass diesen Kelch an mir vorübergehen.“
Wer hätte abhauen können? In einem Evangelium steht, Jesus sagt, wenn er wollte, könnte er seinen Vater bitten, zehntausend Engel zu schicken, die hier alles plattmachen. Niemand käme lebend raus.
Der zweite Teil spielt also im Garten Gethsemane. Es gab eine vorher definierte Versuchung. Nachdem die ganze Versuchung beendet war, ließ der Teufel ihn bis zu einem bestimmten Zeitpunkt.
Das heißt, diese Versuchung war von vornherein nur bis zu einem gewissen Zeitpunkt vorgesehen. Es gab einen vorher festgelegten Prozess, eine Reihenfolge, einen Algorithmus. Jesus hat ihn gerade bestanden.
Das heißt, es kann auch Abschnitte in deinem Leben geben, die vorherbestimmt sind – ein großes, schwieriges Wort –, die sich nicht angenehm anfühlen werden. Es kann eine Probezeit sein, ein Probearbeiten.
Es ist klar: Diese Phase wird wirklich hart, aber sie ist so. Du musst jetzt Rückgrat zeigen.
Matthäus 4,11, letzter Vers: „Und danach traten Engel hinzu und dienten ihm.“ Sie kümmerten sich um ihn, pflegten ihn, stärkten ihn.
Das ist ganz wichtig, und damit komme ich zum dritten Teil des Fazits: Ich glaube, der wichtigste Vers, den du heute mitnehmen kannst, steht ironischerweise nicht in den Evangelien, sondern im Jakobusbrief 4,7.
Wisst ihr den auswendig? Wir hatten den vor kurzem: „Widersteht dem Durcheinanderbringer, und er wird von euch fliehen!“
Widersteht dem Bösen, und das Böse wird vorübergehen! Widersteht dem Durcheinanderbringer, und er wird von euch fliehen!
Das heißt: Versuchung, Anfechtung, Probe, Schmerz, Neid, Versuchung, das Böse, das dir entgegentritt und versucht, dir eine Falle zu stellen, ist immer nur vorübergehend.
Es geht immer nur um die Gegenwart. Mehr als die Gegenwart kann es aus Sicht des Teufels nicht geben. Er kennt ja auch nicht mehr. Mehr hat er nicht.
Das heißt, in dem Moment, in dem du die Versuchung überstehst, in dem Moment, in dem du noch eine Minute länger aushältst, noch eine Stunde länger, dann geht es vorüber.
Das ist eine ganz wichtige Sache. Lies mal das Buch Hiob unter diesem Gesichtspunkt: Versuchung geht vorüber.
Auch wenn du denkst, die zwei heftigsten Versuchungen, die du ganz am Anfang hattest, die du vielleicht aufgeschrieben hast, die zwei schlimmsten Sachen, die dich in dem Moment wirklich quälen, anfechten, bei denen du denkst: „Schaffe ich das nur?“ – es geht vorüber.
Halte noch eine Stunde länger durch, noch zwei, es geht vorbei, es geht vorbei.
Danach kommen die Engel und dienen dir. Danach erfährst du Stärkung, du bist danach stärker als je zuvor.
Danach kommt das, was Jesus richtig fordert: Er beruft die Jünger, stellt ein Team zusammen, baut eine Gemeinschaft auf, predigt in seiner Heimatstadt, wird rausgeworfen aus seiner eigenen Heimatstadt.
Das muss ja hart sein: Von all den Freunden, Verwandten, Arbeitskollegen, der erweiterten Familie, die kommen und sagen: „Kusch dich!“ Es steht sogar an einer Stelle, dass sie ihn von der Klippe in Nazaret werfen wollten.
Man kann sich vorstellen, was da los war. Und dann kommt das, was Jesus als Nächstes macht: die Bergpredigt.
Dort offenbart er, positioniert sich und macht ganz deutlich klar, wer er ist, worum es geht und was er von uns möchte.
Ich glaube, die Analogien sind klar: Jesus ist gestärkt für all die Dinge, die kommen – für die Berufung der Jünger. Er weiß jetzt, worum es geht, weiß, was zu tun ist.
Er verkündet die Botschaft, es gibt Widerstand, es gibt Kritik, klar, definitiv.
In der Bergpredigt macht er deutlich, wofür er steht, wofür er sein Fundament in den Boden rammt und wovon er nichts mehr weichen wird.
Wir kommen zum Fazit.
Fazit: Theologische und praktische Lehren aus der Versuchung Jesu
Das Fazit ist zweierlei: einmal theologisches und einmal ganz, ganz praktisches.
Zum theologischen Fazit: Was können wir daraus über die Wirklichkeit lernen, wie die Wirklichkeit aufgebaut ist? Du siehst hier, dass Jesus wirklich in der Tiefe Mensch geworden ist, in der Tiefe Mensch geworden. Und das heißt Erlösung. Wir haben ja auch über Destruktivität und den Wunsch nach selbstzerstörerischen Trieben bei Menschen gesprochen. Das heißt auch weitgehend Erlösung von dir selbst, wie es im Römerbrief 7,24 heißt. Erlösung heißt weitgehend auch Erlösung von dir selbst. An anderen Stellen sagt Paulus ja auch, dass wir irgendwann einen neuen Körper haben werden. Wir werden nicht nur mit einem neuen Sinn, sondern mit einem neuen Körper eingekleidet werden. Ich glaube, das ist kein Zufall.
Das heißt, Jesus ist uns in allem gleich geworden, in allem. Er war auch müde, er war mal hungrig, er war mal genervt, besonders von Petrus. In allem ist er versucht worden, nur dass er eben nicht schwach geworden ist, nur dass er es eben durchgezogen hat – als Mensch, nur dass er nicht gesündigt hat (Hebräer 4,15). Er ist uns in allem gleich geworden, nur hat er eben nicht gesündigt. Das heißt, er ist Mensch gewesen, aber er hat nicht gesündigt. Er hat vorgemacht, dass es möglich ist, wie bei der vollen Menschlichkeit. Wie damals, als Roger Bannister der Erste war, der eine Meile unter vier Minuten gerannt ist. Er hat das vorher nie für möglich gehalten und war der Erste, der es geschafft hat. Auf einmal konnten neunzehn andere Menschen innerhalb von zwei Monaten den gleichen Rekord brechen, weil sie merkten, ach krass, das geht ja doch.
Und der erste Mensch, der jemals Bankdrücken mit 500 Kilogramm gemacht hat, konnte das zwei Monate später auch zwanzig anderen Menschen zeigen, weil sie merkten, ach krass, das geht ja doch. Wer muss das nur eingebildet haben. Das heißt, unter Umständen bist du viel, viel stärker, als du selbst denkst. Unter Umständen ist Versuchung viel, viel nichtiger und viel inkonsequenter und gar nicht so drastisch, wie wir uns da immer reinsteigern. Kann das sein, dass wir in Bezug auf Versuchung emotionale Hypochonder sind? Wäre das möglich? Ich denke ja. Ich denke ja.
Ich glaube, wir sollten uns nicht immer einreden, dass jede Versuchung und jede Anfechtung, die wir haben – so hart sie auch sind, sonst wären sie keine Versuchung – nicht schaffbar ist. Ich glaube, das ist eine Fahrt beim Organ. Und das könnte, by the way, eine Versuchung in sich sein, dass du mal deinen Fokus aufheben musst und überlegen musst: Du kannst das packen, du kannst das packen, du kannst das packen.
Ich glaube, es steht in Römer 12 oder 1. Korinther 12, wo drinsteht, dass Gott dir diese Versuchung nicht zumuten würde, wenn er nicht wüsste, dass du es in dir drin hast, dass du es können könntest, darüber hinwegzusteigen. Denk mal drüber nach. Das heißt, du kannst das auch.
Und wir sind trotzdem schuldig, egal, und das ist auch ein wichtiger Punkt. Das heißt, wenn wir eine Versuchung nicht schaffen, können wir nicht sagen: „Oh, die Versuchung war zu hart, die Versuchung war zu böse und wir sind blöd“ und so weiter und so fort. Das ist es nicht, sondern das ist deine Verantwortung, weil du drüberstehen kannst. Ähnlich wie in Genesis 3: Ja, wir sind schuldig, egal ob wir angestiftet werden oder nicht.
Bei der Ehebrecherin in Johannes 8 sagt Jesus auch nicht: „Ah ja, bei der Ehebrecherin, ja, das waren die Umstände, ja, du warst einsam, dein Mann war immer nur im Büro, hat Überstunden gemacht, die Kinder sind blöd und haben genervt, ich verstehe das schon.“ Das sagt Jesus nicht. Er sagt auch nicht: „Ja, Tinder ist eben so schnell verfügbar.“ Sondern er sagt ganz deutlich: „Du hast gesündigt, ich will, dass du das nicht mehr tust, sündige jetzt nicht mehr“, ganz eindeutig.
Wir tragen die Verantwortung für unser Tun, und das ist hart. Aber es ist gut, weil Jesus für dich gestorben ist. Deswegen ist das keine Lebens- oder Todesfrage mehr. Es ist keine Frage von Leben oder Tod mehr, ob du eine Versuchung bestehst oder nicht.
Als ich im Oktober beim SfC war, kam mir auch einmal die Stelle in den Sinn: Kann man, wenn man einmal ein Kind Gottes geworden ist, wieder rausgeschmissen werden vom Heil? Nein, kann man nicht. Darum geht es nicht mehr. Die Sache ist durch, abgehakt, erledigt, man kann sich darauf verlassen. Punkt.
Aber es ist eine Frage deiner seelischen Gesundheit, weil das was mit dir macht, Versuchungen zu haben und ihnen nicht gerecht zu werden. Das macht etwas mit dir, und das macht dich krank. Es ist eine Frage deiner seelischen Gesundheit, buchstäblich.
Und weil Jesus menschlich war, wie du, und widerstanden hat, kannst du auch widerstehen. Und weil Jesus sagt: „Sündige nicht mehr“, macht das deutlich, dass das eine Option ist. Und weil Jesus mit deiner Bibel geantwortet hat, kannst du auch mit deiner Bibel antworten. Und das solltest du auch.
Ich meine das wirklich im Ernst: Du solltest deine Bibel kennen, du solltest bibelfit sein. Ich habe ungefähr sechstausend bis siebentausend Follower in Social Media. Und ich habe lange überlegt, was das für ein Motto sein könnte, was man da machen könnte auf diesem Social-Media-Platz. Am Ende habe ich überlegt, das Motto sollte sein: „Werd bibelfit!“ Und jetzt sehen sechstausend bis siebentausend Leute pro Woche sozusagen Posts, wo drunter steht: „Werd bibelfit!“
Ich glaube, das ist das Beste, was wir tun können. Und by the way: Die christlichen Sekten, die Mormonen, die Zeugen Jehovas, die lachen sich doch schlapp über uns, wenn wir nicht mal unsere eigene Bibel kennen. Stell dir mal vor, die Bibel wäre wie dein Smartphone, das du ständig am Mann hast, bei dem du panisch wirst, wenn du es nicht dabei hast, auf das du mehrfach am Tag guckst, wo du Erbauungen und Nachrichten bekommst und das du immer aufgeladen hast. Das wäre doch mal eine Fastenzeit. „Werd bibelfit!“ Das ist gut, ja.
Und zweitens, ganz praktisch und letzter Punkt für heute: Was kannst du daraus umsetzen? Eine ganz wichtige Sache, die wir daraus lernen können, hat Alexander Solschenizyn sehr schön geschrieben in seinem Buch „Der Archipel Gulag“. Er schreibt: „Der Strich, der das Gute vom Bösen trennt, durchkreuzt das Herz eines jeden Menschen.“
Das heißt, er hat nicht gesagt, die Welt teile sich in gute und böse Menschen. Sondern jeder Mensch – das ist eine sehr biblische Vorstellung – hat Gutes und Böses in sich. Das heißt, wenn du das Böse bekämpfen willst, dann fang bei dir selbst an. So etwas wie eine Kreuzzugslogik: „Wir sind die Guten und die anderen sind die Bösen“ ist nach biblischer Vorstellung total beknackt. Die Bibel sagt, das Böse ist ein Teil von uns. Das heißt, wenn du das Böse in der Welt bekämpfen willst, guck mal in den Spiegel. Mach den ersten Schritt, so viel du kannst, mehr nicht.
Zweites wichtiges Fazit für heute: Denk an Jesus in der Wüste, hungernd, dürstend, kaputt an den Nerven, und die menschlichen und biologischen Bedürfnisse schreien schon laut – und er macht es nicht. Ich glaube, das ist ein ganz wichtiger Punkt: Wir müssen nicht alles tun, was wir wollen.
Zweites Fazit für heute: Wir müssen nicht alles tun, was wir wollen. Wir müssen nicht immer alles tun, worauf wir Bock haben, und wir müssen nicht immer alles tun, wozu uns unsere Instinkte treiben. Wir müssen nicht alles tun, was unsere Instinkte uns vorgaukeln.
Ich gebe euch mal ein Beispiel: Einmal die Woche gebe ich so einen Workshop „Steuertipps für Studenten“. Das ist jetzt keine Werbung dafür, ich will euch nur ein Beispiel daraus geben. Da geht es dann darum, dass Leute häufig kommen und fragen, was man alles absetzen könnte, wie man das macht, bla bla bla.
Und mindestens einmal im Monat hast du dann jemanden drin sitzen, der mit sehr viel Leidenschaft und Elan sagt: „Ich will aber meine Verhütungsmittel von der Steuer absetzen.“ Oder denkt: „Warum? Sonst werde ich doch schwanger, und der Staat kann ja nicht wollen, dass ich schwanger werde.“ Ich so: „Moment, von der Logik her ist das ja, als ob du sagst: ‚Ich bin Fallschirmspringer und deswegen muss ich meinen Fallschirm absetzen. Willst du etwa, dass ich sterbe?‘ Ich will nicht, dass du stirbst, also gib mir das Geld für den Fallschirm.“
Das ist so, wollen wir nicht mal lieber beim Fallschirmspringer anfangen? Und dann kommst du in ganz, ganz krasse Debatten rein, wo Leute manchmal mit voller Leidenschaft und Emphase sagen: „Ja, aber ich habe das Bedürfnis, soll ich das etwa nicht ausleben oder was?“ Stimmt, du hast zwanzig Jahre deines Lebens enthaltsam gewirkt. Jetzt kann ich dir das nicht für 20 Wochen lang verlangen. Nein.
Also es ist wirklich krass, wenn Leute so militant darauf beharren, dass sie sagen: „Ich habe ein Bedürfnis, das muss befriedigt werden. Ist ja wohl klar, und der Staat hat das zu bezahlen.“ Und da sagt die Bibel: „Okay, ja, ja, Bedürfnis, ja, ja, ja, aber Bedürfnis haben und tun, was immer dein Bedürfnis dir ansagt, ist das andere.“
Überleg mal: Würdest du wirklich immer alles tun, was dir in dem Augenblick in den Sinn kommt? Nicht so gut. Es gibt in der Bibel eine tolle Geschichte – Sodom und Gomorra. Die geht auch nicht so cool aus.
Wie antwortet dann Jesus? Wie antwortet Jesus, dritter Punkt für heute? Jesus antwortet auf zwei Weisen, das haben wir schon gesprochen: mit vorher entschiedenen Prioritäten.
Mit vorher entschiedenen Prioritäten, in der Rhetorik, in der Kommunikationspsychologie nennt man das eine Elevationsstrategie. Das heißt, er antwortet mit dem, was wichtiger ist.
Also als Beispiel: Frage dich immer, was wirklich wichtiger ist in den Momenten der Versuchung, in dieser Woche, in diesem Quartal, in dieser Lebensphase, für dein gesamtes Leben und für dein Vermächtnis. Was ist denn wichtiger als das, was dir gerade vor der Nase baumelt? Was ist denn wichtiger als das, was dir gerade vom Teufel oder auch nicht vor der Nase gebaumelt wird?
Ähnlich tut das Jesus, als er vom Teufel in Versuchung geführt wird. Jesus sagt ja nicht: „Hör mal zu, Junge, du hast in allen Punkten komplett und kategorisch Unrecht. Wie kannst du das sagen?“ Das sagt er nicht, weil der Teufel sehr schlau aus der Bibel zitiert.
Jesus sagt: Der Satan hat doch nicht in allen Punkten komplett Unrecht, schon deshalb nicht, weil er ausgerechnet aus der Bibel zitiert. Nur der Satan hat eben in seinen Bibelzitaten nicht die richtigen Prioritäten. Er hat nicht die richtigen Absichten dabei. Und was er sagt, ist nicht kategorisch falsch, nur es ist eben nicht das Wichtigste.
Und so begegnet Jesus dem Satan: Er wischt nicht alles beiseite, was der Satan ihm sagt, er ignoriert es nicht komplett, sondern er antwortet sinngemäß: „Du Teufel, das mag schon sein, nur darauf kommt es nicht an. Das kann schon sein, das hast du ja nicht unrecht, aber darum geht es gerade gar nicht, sondern was wirklich wichtig ist und was wirklich zählt, das ist Folgendes: ein, zwei, drei.“
Da stellt er dann den Kontext her und ordnet es dem unter, was wirklich wichtig ist. Das heißt, in deinen wichtigen Versuchungen frage dich immer: Was ist jetzt wichtiger als dieser Versuchung nachzugeben? Für dich selbst, für dein Leben, für deinen Auftrag, für dein Schicksal, für dein Vermächtnis und für die Menschen, die von dir abhängen.
Glaub nicht, dass Sünde keine sozialen Folgen hat – ganz klar.
Jesus antwortet zweitens mit Bibelfestigkeit. Und damit möchte ich schließen.
Im Epheserbrief Kapitel 6 gibt es so eine ganz, ganz coole Stelle, wo Paulus oder der Autor des Epheserbriefs auf die Waffenrüstung Gottes eingeht. Sehr, sehr geil, das wäre wieder ein Thema für den Bibelleserabend.
Da sagt Jesus: „Ihr habt das Schwert“ – und zwar ist das Schwert die Bibel. Und ich so: Hä? Die Bibel ist das Schwert? Epheser 6? Die Bibel ist das Schwert? Was? Das ist so kontraintuitiv. Eigentlich müsste man denken, es ist der Helm.
Es ist irgendwie der Helm, der dich von den tödlichen Schlägen schützt, weil er dir hilft, deine Prioritäten gerade zu kriegen. Da sagt die Bibel: Nein, wenn es der Helm wäre, kriegst du ja trotzdem eins drauf. Also das ist es nicht, es ist nicht der Helm.
Dann könntest du dir denken: Okay, es ist das Schild, das ist das Schild, womit du die Angriffe des Bösen abwehren kannst. Sagt die Bibel: Nein, es ist auch nicht das Schild, sondern es ist das Schwert, mit dem du das Böse in die Flucht schlagen kannst. Es ist das Schwert, mit dem du zurückschlagen kannst.
Denk daran: Jakobus 4,7 – widerstehe dem Bösen! Mit Bibelfestigkeit und richtigen Prioritäten wird es von dir fliehen.
Die Versuchung geht vorüber. Versuchungen sind immer nur temporär, vorübergehend, vergänglich, sehr überschaubar. Und das ist der Punkt.
So kommst du dem Bösen bei: durch Prioritäten und durch Bibelfestigkeit.
