
40: Was du UNBEDINGT über evangelistische Zellgruppen wissen musst – mit David Kröker @Treff:
Herzlich willkommen zu einer neuen Folge von Machbar, dem Podcast für Alltagsmissionare. Ich bin Christian und heute ist David Kröker mit dabei. Hallo, David, schön, dass du da bist.
Bei Machbar bekommst du Tipps, wie du deinen Nächsten einen Schritt näher zu Jesus führen kannst. Heute sprechen wir über evangelistische Zellgruppen. Was es damit auf sich hat, wird David im Gespräch näher erklären.
David lebt mit seiner Familie durch Zellgruppen auch Gemeindegründungen. Außerdem werden wir uns über seine Erfahrungen als Evangelist unterhalten und darüber, wie wir das Evangelium alltagsnah weitergeben können. Das ist ja genau das, was uns besonders interessiert.
Für euch vielleicht noch zur Info: Wenn ihr beim Hören dieser Folge denkt, „Boah, das wäre so gut, wenn der oder die das auch hört“, dann leitet die Folge einfach weiter oder teilt sie mit anderen.
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Vorstellung und persönliche Einblicke
David, ein bisschen zu dir: Ich habe etwas recherchiert beziehungsweise meine geschätzte Kollegin. Du bist in Kasachstan geboren, lebst aber seit deiner Kindheit in Deutschland. Vor einigen Jahren bist du mit deiner Familie nach Euskirchen gezogen. Dort hast du komplett bei Null angefangen und eine Gemeinde gegründet. Außerdem bist du Pastoralreferent beim Christusforum Deutschland und als Evangelist tätig.
David, wer ist abgesehen von Jesus dein größtes Vorbild im Glauben?
Ja, ich bin da schon auch fasziniert von solchen Helden wie Dietrich Bonhoeffer. Er hat ziemlich scharf gedacht und dann doch so radikal gelebt, bis dahin, dass er die Möglichkeit gehabt hätte zu fliehen, sich aber stattdessen seiner Situation gestellt hat. Das ist eine Persönlichkeit, die ich sehr stark bewundere, zum Beispiel.
Evangelistische Arbeit und Wahrnehmung in der Gesellschaft
David, du bist als klassischer Evangelist tätig. Wie wird das heutzutage von Christen und auch von Nichtchristen wahrgenommen? Weiß dein Nachbar zum Beispiel, was du beruflich machst?
Ja, mittlerweile schon. Wir sind jetzt seit sechs Jahren unterwegs. Am Anfang gab es jedoch viel Kopfschütteln. Wenn gefragt wurde, was wir hier machen, haben wir sehr frei und offen gesagt, dass wir eine Gemeinde neu gründen. Tatsächlich hat sich eine Gemeinde aufgelöst: die EFG Euskirchen. Es blieben nur zwei Männer übrig, und das war die Situation vor Ort. Wir haben praktisch bei null begonnen, weil die beiden nicht für Mitarbeit zur Verfügung standen. Das heißt, wir mussten als Familie alleine anfangen, ohne Mitarbeiter.
Letztlich ist das eine Fortführung dessen, was Gott schon in Euskirchen mit der EFG Euskirchen begonnen hat. Unsere Mitmenschen oder Nachbarn haben sich schon gefragt, was das konkret bedeutet. Ich erinnere mich an einen Nachbarn, der sagte: „Hey, wenn jetzt so ein großer Exodus ist, dass viele Menschen aus den Großkirchen austreten, warum glaubst du, dass irgendjemand in deine Kirche eintreten wird?“ Das war so paradox. Es gab ein frostiges, kühles Auseinandergehen, bei dem er meinte: „Dann werden wir mal sehen.“ Jetzt ist er weggezogen und hat leider die Frucht nicht gesehen von dem, was in den letzten sechs Jahren daraus geworden ist.
Ein anderer Nachbar hat mich ein bisschen auflaufen lassen. Er war sehr kritisch gegenüber der Kirche und wollte nicht verstehen, dass ich auch kritisch mit der Institution umgehe. Wir fanden am Anfang keine gemeinsame Ebene, um darüber zu reden, weil sehr schnell Containerbegriffe wie Gott, Kirche, Glaube und Jesus ins Spiel kamen und man aneinander vorbeiredete. Für mich war klar, dass es lange Zeit braucht, bis man sich annähert und eine Gesprächsebene findet, auf der man über diese Dinge reden kann.
In den Gemeinden stellen wir auch immer mehr fest, dass es gar nicht so einfach ist, Menschen durch evangelistische Veranstaltungen zu erreichen. Warum? Weil sich Menschen weniger einladen lassen, vor allem dann nicht, wenn es in einer Gemeinde stattfindet. Kirche geht man vielleicht noch, aber dann denken viele: „Hu, ist das eine Sekte oder so?“ Wie nimmst du das wahr? Und wie praktizieren das auch die Gemeinden, mit denen du zusammenarbeitest?
Evangelist sein heute – Drei Kategorien der Evangelisation
Als Evangelist stelle ich mir oft jemanden vor, der zu einer Veranstaltung eingeladen wird, eine Woche lang in einer Gemeinde, in einem Zelt oder an einem anderen Ort predigt und dabei Menschen zum Glauben bringt. Dieses Bild des Evangelisten ist in unserem Erbe stark verankert.
Seit 2019 bin ich Vorsitzender der Deutschen Evangelistenkonferenz. Dort versuche ich, eine dritte Kategorie von Evangelisten zu beschreiben. Die erste Kategorie ist die klassische Veranstaltungsevangelisation, bei der man von der Kanzel predigt. Die zweite sind die Straßenevangelisten, die in Fußgängerzonen mit Flyern oder direktem Ansprechen das Evangelium verbreiten. Die dritte Kategorie sind die Alltagsevangelisten. Sie tun ihren Dienst ohne Kamera, oft im Verborgenen, aber bewegen viel in ihrer direkten Nachbarschaft oder am Arbeitsplatz.
Diese dritte Kategorie möchte ich gerne verkörpern, weil ich glaube, dass sich viel mehr Menschen damit identifizieren können. Bei mir begann das so: Als ich 17 Jahre alt war, hatte der damalige Pastor die Idee, einen Straßeneinsatz zu machen. Er forderte mich auf, mitzukommen. Der Chor sollte sich an einer strategisch günstigen Stelle in der Fußgängerzone von Euskirchen positionieren. Wer nicht singen konnte oder nicht im Chor war, sollte die Leute ansprechen und ins Gespräch verwickeln.
Der Pastor fragte mich: „David, kommst du mit?“ Ich antwortete offen: „Nein, das mache ich nicht, ich traue mich nicht.“ Daraufhin sagte er: „Dann bist du kein Evangelist.“ Das hat mich damals sehr geprägt. Als 17-Jähriger war ich in einer Orientierungsphase, wollte meine Gaben entdecken und hatte ein brennendes Herz für Menschen, die noch nicht gläubig waren. Ich habe mir das damals so gespeichert: „Dann bin ich eben kein Evangelist.“ Doch ich konnte diesen Gedanken nicht abschütteln.
Bis heute würde ich mich nicht als klassischen Kanzel- oder Straßenevangelisten bezeichnen. Ich gehe bis heute nicht gern auf die Straße. Ich war ein Jahr in Österreich und habe dort eine Ausbildung für Mitarbeiter im Gemeindebau gemacht. In dieser Zeit gab es eine Woche mit Straßeneinsatz in München, während des Oktoberfests. Jeden Tag waren wir in der Innenstadt an einer zentralen Stelle. Die Disziplin war „Mülltonnenpredigt“ – man stellte sich auf eine Mülltonne und predigte laut. Ich habe gesagt: „Das ist nichts für mich, ich mache das nicht.“
Ich fühle mich sehr angesprochen, wenn du das so beschreibst. Es ist überhaupt nicht mein Ding, mich so konfrontativ auf die Straße zu stellen. Aber ist das nur Feigheit oder wirklich keine Berufung? Es muss ja nicht jeder laut auf der Mülltonne oder in der Fußgängerzone evangelisieren.
Sehr spannend war für mich das Erlebnis vor eineinhalb Jahren, als mein Nachbar und heute Freund zum Glauben kam. Ich habe ihm die verschiedenen Konzepte aus der christlichen Szene beschrieben. Er sagte: „Die, die auf die Fußgängerzone gehen, machen es sich leicht. Sie gehen nicht den schweren Weg wie ihr, die ihr erst fünf, sechs Jahre zuhört, betet und die Nöte ernst nehmt.“ Dieses Feedback hat mich sehr berührt.
Ich habe immer gehofft, dass meine Zurückhaltung nicht aus Menschenfurcht entsteht, denn das wäre letztlich Götzendienst. Oft habe ich mich gefragt: „Herr Jesus, welches Feedback wirst du mir geben, weil ich da nicht mitgegangen bin?“ Heute bin ich fest davon überzeugt, dass es der richtige Weg ist, den wir wählen: nicht zuerst in die Fußgängerzone, sondern in die Straße, in der wir leben.
Meine häufige Rückfrage ist: Warum geht ihr nicht in die Straße, in der ihr wohnt? Warum stellt ihr nicht eine Bananenkiste auf und predigt mit Mikrofon in die Nachbarschaft? Ich denke, da hat mein Freund Recht. Es ist wichtig, daraus nur einen Satz zu machen und nicht mehrere Sätze.
Natürlich kann man sagen: „Ich plane es ein, stelle mich samstagnachmittags hin, und dann ist die Aktion vorbei.“ Aber wenn du Salz und Licht bist und 24 Stunden am Tag auf deine Mitmenschen wirkst, dann musst du den langen Weg gehen. Ein Doppelleben ist dann nicht möglich. Sonst bist du ein Heuchler und wirst nicht ernst genommen.
Deshalb glaube ich, dass viele Menschen aufatmen, wenn sie hören, dass es okay ist, wenn sie bei solchen Einsätzen nicht mitgehen, aber trotzdem ein evangelistisches Herz haben. Irgendwann habe ich aufgehört, mich zu fragen, ob ich ein Evangelist bin oder nicht.
Weil ich eingeladen wurde und Anfragen da waren, habe ich sowohl die Veranstaltungsdifferenzierung 20 Jahre lang gemacht. Jetzt höre ich langsam damit auf, auch aus Überzeugung. Später kann ich dazu noch mehr sagen.
Ich glaube ganz fest an diesen Weg: Man folgt einem Menschen, der die 99 anderen zurücklässt und den einen sucht, bis man ihn gefunden hat. Das ist genau unser Thema, auch im Podcast „Alltagsmission“ – dort, wo du lebst, bist du als Evangelist und Missionar unterwegs, in deinen Beziehungen.
Vor- und Nachbereitung von Evangelisationsveranstaltungen
David, wie sieht das aus? Du sagst, Veranstaltungsevangelisation machst du eher tendenziell jetzt weniger. Aber wie findet die Vor- und Nacharbeit zu solchen Veranstaltungen statt?
Meine Wahrnehmung ist, dass diese Veranstaltungen eigentlich nur dann fruchtbar sind, wenn auch wirklich eine Vorarbeit passiert und Beziehungen von anderen Alltagsevangelisten vorhanden sind. So kann man dann jemanden zu einer Veranstaltung einladen. Wie ist da deine Wahrnehmung?
Auch in der Weiterführung: Es geht ja nicht darum, nur einen Haken zu machen, also „da hat sich jemand bekehrt, alles gut“, sondern dann auch jemanden weiterzuführen, zu Jüngern zu machen. Das beginnt eigentlich erst mit dem Prozess der Umkehr und wird dann weitergeführt. Wie ist da die Stimmung in der Gemeindelandschaft in Deutschland?
Natürlich ist es sehr schwierig, das genau zu fassen, weil wir hier über Beweggründe und Motivation sprechen. Man will niemandem etwas unterstellen. Aber es hat schon einen gewissen Beigeschmack, diesen Eindruck, wenn man nach einer viertägigen, fünftägigen, manchmal sechstägigen Sensation ins Auto steigt und nach Hause fährt. Dann hat man manchmal das Gefühl, das war vielleicht eine Woche, die man fest im Kalender hatte, um die Evangelisationsaufgabe zu erfüllen. Und nächstes Jahr lädt man dann den nächsten Evangelisten ein.
So wird praktisch der Auftrag, Jünger zu machen, delegiert. Jemand kommt, der Experte ist und das vielleicht vollmächtiger oder effektiver umsetzt. Dann ist das Thema auch abgehakt. Manche Gemeinden verzichten komplett auf Veranstaltungs-Evangelisation und setzen stattdessen auf sozialdiakonische Projekte, um Menschen über einen langen Weg zu erreichen.
Ich war mir viele Jahre nicht sicher, ob das meine Berufung ist, ob ich das weitermachen soll, oder ob ich vielleicht ein System fördere, das letztlich kontraproduktiv ist. Die Frage, die mir mein Nachbar beantwortet hat, als ich ihm das Konzept vorgestellt habe, war: Warum machen die es nicht selbst? Warum musst du deine Familie zuhause lassen und dahin fahren? Die Menschen dort kennen doch die Bibel, sie haben sie doch in der Hand. Sie können das Evangelium aufschlagen und erklären.
Da habe ich mich gefragt, woher kommt das, dass man meint, einen Experten holen zu müssen. Natürlich hatten wir große Persönlichkeiten wie Billy Graham, der durch diese Evangelisationsart einen Prototyp eines Evangelisten verkörpert hat. Wenn man sich die Bilder anschaut, ist man beeindruckt von den Massen an Menschen. Das macht immer etwas mit uns.
Aber die Frage ist natürlich: Was ist aus denen geworden? Das ist ja auch deine Frage. Ich glaube, häufig führte das dazu, dass Gemeinden dachten: „Diese Woche macht der Profi, und wenn die Bekehrungszahlen niedrig sind, holen wir uns einen anderen, der noch vollmächtiger ist.“ Manche Evangelisten haben sehr stark auf die Tränendrüse gedrückt, den Aufruf dramatisch gestaltet, mehrfach eingeladen und emotional herausfordernde Geschichten erzählt. Es gab dann mehrere, die sich drei-, vier- oder fünfmal bekehrt haben.
Trotzdem habe ich dort echte, wunderbare Bekehrungen erlebt, und deswegen kann man das nicht kategorisch ablehnen. Aber ich meine, dass wir auf lange Sicht dadurch nicht unbedingt Christen fit machen, selbst zu evangelisieren. Deshalb gehe ich langsam in eine Art Mentoring, Coaching und Schulung über. Dabei bereitet man Christen auf eine ganzheitliche, alltagsmissionale Lebensweise vor. Man sagt: „Es ist gut, dass du diesen langen Weg gehst, auch wenn du nicht viel Frucht siehst. Du bist dem Auftrag treu, also mach weiter.“
David, bei mir rennst du offene Türen ein. Genau so denke ich auch. Aber wie ist deine Wahrnehmung, wie wird das aufgefasst? Die Gemeinden denken vielleicht: „Wir haben jetzt den David für eine Woche gebucht, er erzählt uns etwas, und vielleicht kommt er nächstes Jahr nicht mehr.“ Wie wird das aufgenommen?
Mir ist bewusst, dass das herausfordernd oder provokativ sein kann. Aber es geht ja nicht um uns, sondern um die Menschen. Wir haben jetzt die Möglichkeit, weiter additiv vorzugehen: eine Evangelisation, dann nächstes Jahr wieder, und dann freuen wir uns über ein paar, die zum Glauben gekommen sind. Vielleicht werden manche von denen integriert und zu Jüngern.
Das ist Addition. Aber ich bin fasziniert von multiplikativer, evangelistischer Jüngerschaftsarbeit. Dadurch machst du Leute fit, die es dann selbst praktizieren. Dann wird an zwei Stellen ganzheitlich evangelisiert, an vier, acht, sechzehn und so weiter.
Wir haben das in den letzten Jahren als Gemeindegründungsarbeit selbst erfahren. Es ist kraftvoll, wenn aus anderen Gruppen plötzlich Bekehrungen hervorkommen und wir Menschen taufen, die erst mal nichts mit mir persönlich zu tun hatten. Das macht etwas mit dir, diese Power und Dynamik.
Deshalb würde ich das erste nicht einfach abtun und kategorisch ablehnen. Aber ich würde sagen, es gibt etwas Kraftvolleres, Schöneres, das eher dem Auftrag entspricht – sofern ich das richtig verstanden habe.
Daher glaube ich, dass wir noch einmal darüber reden müssen, was es ganz konkret heißt, Jünger zu machen – und auch dafür werben sollten.
Die Sicht der Evangelistenkonferenz und die Rolle des Evangelisten
Ja, ich habe bei der letzten Konferenz, die wir vor zwei Wochen hatten, bereits einige Rückmeldungen erhalten. Es wurde angemerkt, dass die Veranstaltungsreferentation nicht mehr so viel Aufmerksamkeit bekommt wie früher. Man wusste ja, wen man zum Vorsitzenden beruft.
Ich bin nicht der klassische Reisegefangene. Ich bin Gemeindegründer und vertrete eine andere Lebensweise, das sage ich offen und mache daraus kein Hehl. Ich verberge es nicht, sondern erzähle offen darüber und stehe auch dazu.
Viele kommen aus der Szene der Straßenevangelisten. Es gibt dort ein großes Netzwerk, und diese Menschen nehmen ebenfalls an der Deutschen Evangelistenkonferenz teil. Das bedeutet, wir haben drei verschiedene Möglichkeiten der Evangelisation zusammen, und es werden immer mehr.
Zurzeit liegen uns 18 neue Anträge auf Mitgliedschaft vor. Das finde ich schön, denn wir feiern diese Unterschiedlichkeit. Ich hoffe, dass wir dadurch keine andere Schlagseite bekommen und nicht von der einen Seite ins andere Extrem fallen, indem wir sagen, jetzt müssen alle nur noch so sein.
In Epheser 4, wo die verschiedenen Gaben beziehungsweise Funktionen in der Gemeinde genannt werden, steht auch der Evangelist in der Liste. Wenn ich den Text richtig verstehe, ist der Evangelist jemand, der besonders begabt wurde. Allerdings ist er nicht in erster Linie der klassische Evangelist, der selbst predigt und den Reisedienst macht.
Vielmehr rüstet er die Geschwister in der Gemeinde aus, unterstützt und befähigt sie. Natürlich befähigt der Heilige Geist, aber der Evangelist hilft ihnen dabei, diese Richtung einzuschlagen. Er lehrt und leitet sie an, evangelistisch zu arbeiten und Alltagsmissionare zu sein.
Der Profi macht vor, und ich als normaler Christ kann von ihm lernen und es nachahmen. Wie machst du das? Was ist dir besonders wichtig? Was möchtest du den Geschwistern vermitteln? Lebst du das?
Jesus als Vorbild für Evangelisation und Jüngerschaft
Wenn wir uns den gesamtbiblischen Kontext anschauen, reicht es oft aus, die Evangelien zu betrachten, um zu verstehen, was Jesus eigentlich getan hat. Wir schauen auf den Meister, und zunächst fällt auf, dass er in den ersten dreißig Jahren scheinbar nichts gemacht hat. Er arbeitete in der Zimmermannswerkstatt seines Vaters. Man fragt sich: Was hat er in diesen dreißig Jahren getan?
Ich selbst habe mit sechzehn Jahren angefangen, Andachten zu halten und als junger Erwachsener zu arbeiten. Dabei scheint Jesus sehr zurückhaltend gewesen zu sein. Obwohl er das Wort ist, hätte er einfach reden können, und die Leute hätten zugehört. Mit zwölf Jahren hat er das einmal getan, vielleicht auch öfter, das wissen wir nicht genau. Doch ich glaube nicht, dass er in dieser Zeit nichts gemacht hat. Vielmehr hat er kontextualisiert.
Er hat sich ganz genau mit den Menschen auseinandergesetzt. Was heißt das, kontextualisieren? Luther würde sagen, er hat „aufs Maul geschaut“. Jesus hat sich nicht nur mit den Menschen identifiziert, sondern auch ihren Kontext betrachtet. Er hat die Menschen, ihre Sehnsüchte, Sorgen und Lebenswelt kennengelernt. In der Bergpredigt griff er genau das auf, was die Menschen betraf.
Wenn er zum Beispiel sagt: „Macht euch keine Sorgen um den morgigen Tag“, dann spricht er nicht über sich selbst. Er lebte im Vertrauen zu Gott, aber er sah, dass die Menschen sich sorgten. Woher wusste er das? Weil er sich intensiv mit den Menschen beschäftigt hat. Deshalb glaube ich, dass Jesus in diesen dreißig Jahren eine Art Kontextualisation betrieben hat – eine effektive Mission.
Wenn man das in Relation setzt: Du brauchst Jahre, um dich mit den Menschen auseinanderzusetzen, damit du dann ein Jahr so predigen kannst, dass du nicht an ihnen vorbeiredest. So kannst du evangelisieren, dass du ihre Sehnsüchte in deiner Verkündigung aufgreifst.
Verstehe ich das richtig, wenn du sagst, Christian, man sollte erst einige Jahre seine Nachbarn studieren, bevor man ihnen das Evangelium predigt? Genau. Ich würde wärmstens empfehlen, über Jahre hinweg für ein oder zwei Menschen aus der Nachbarschaft täglich zu beten.
Jesus war die Liebe selbst und musste nicht für diese Liebe beten. Aber wir haben die Liebe, die ausgegossen ist in unsere Herzen (Römer 5). Doch die erste Liebe kann auch verloren gehen. Jesus gibt ja in der Offenbarung einem der Gemeinden das Feedback: „Ich habe gegen euch, dass ihr die erste Liebe verlassen habt.“ Das bedeutet, die Liebe kann irgendwann verloren gehen.
Deshalb ist meine Empfehlung an Alltagsmissionare: Betet täglich für ein, zwei oder drei Menschen. Dann passiert Zweierlei: In deinem Herzen erwärmt sich etwas in Bezug auf den Mitmenschen. Und im Herzen des anderen können ebenfalls Dinge geschehen. So entstehen besondere Momente der Beziehung, Gespräche und gemeinsame Unternehmungen, bei denen man merkt: „Es passt, es stimmt.“
Das ist ein langer Weg. Wenn man dann aber über manche Themen spricht, kennt das viele Christen: Man verkündet das Evangelium, und es fühlt sich an, als ob man völlig an den Menschen vorbeigesprochen hat. Aber wie schön ist es, wenn man spricht und die Menschen sagen: „Er spricht wie jemand, der Vollmacht hat, nicht wie unsere Pharisäer und Schriftgelehrten.“ Das haben sie Jesus nach der Bergpredigt attestiert.
Jesus sprach und traf die Herzen. Das gelang ihm, weil er die Menschen liebte und sich mit ihnen auseinandersetzte. Deshalb glaube ich, dass es erst eine lange Zeit des Hingebens und der Nächstenliebe braucht. Diese Zeit führt dazu, dass man dann Worte und vor allem den Ton wählt, der das Herz erreicht.
Die Vollmacht Jesu und die Bedeutung des Zuhörens
Ich finde das jetzt spannend, weil ich sagen würde, dass es sicher Einwände geben könnte, wenn unsere Hörer das hören. Sie würden vielleicht sagen: „Ja, aber du willst doch nicht behaupten, dass die Vollmacht Jesu darin bestand, sich mit seinem Gegenüber auseinanderzusetzen. Er ist doch Christus, Gottes Sohn. Natürlich ist seine Predigt vollmächtig, oder?“
Ja, genau. Hier verstehe ich das so: Ich glaube nicht, dass er magische Worte gebraucht hat – also kein Hokuspokus, nach dem Motto: „Und dann wird es schon.“ Die Vollmacht bestand vielmehr darin, dass sein Wort den ganzen Menschen erreicht hat. Nicht nur den Verstand, sondern auch das Herz und die Seele.
Deshalb glaube ich, dass sein Wort Gottes Wort ist, das Himmel und Erde erschafft. Er sprach, und es geschah. Diese Vollmacht hätte ich auch gerne mal – dass ich zum Beispiel sage: „Kinder, räumt das Zimmer auf!“ und es wäre sofort so. Das ist natürlich nicht der Fall.
Oder wenn Jesus sagt: „Herr Lazarus, komm heraus!“ – da steckt übernatürliche Kraft dahinter. Aber je länger ich diesen Weg der Nächstenliebe gehe, im Sinne von täglichem Gebet und Gastfreundschaft, desto mehr merke ich, dass es in Nöten Menschen gibt, die ich vorher nicht gesehen habe. Wenn man sich wirklich mit Menschen auseinandersetzt, erkennt man, dass das echte Nöte sind.
Warum weint Jesus, wenn er auf Jerusalem schaut? Diese Emotionen kommen von irgendwo her. Ich frage oft: Wann hast du das letzte Mal mit deinem Mitmenschen geweint? Weint mit den Weinenden und freut euch mit denen, die sich freuen.
Ich glaube, ein Großteil der Christen hat wahrscheinlich noch nie mit einem Nichtchristen geweint. Man weint erst, wenn man ganz nah an der Lebenswirklichkeit eines anderen ist. Für mich ist das der Inbegriff des höchsten Gebotes: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben und deinen Nächsten wie dich selbst.
Praktische Umsetzung von Jüngerschaft in der Gemeinde
Ja, sehr cool. Wir sind ein bisschen abgeschweift, wie du lehrst. Wir kamen ja von Epheser 4, und wie praktizierst du das auch in deinem Kontext, in deiner Gemeinde mit Geschwistern, mit denen du zu tun hast? Wie rüstest du wirklich aus? Machst du das?
Ja, also wir sind ja bei Jesus gewesen, der das vorgelebt hat. Da habe ich angeknüpft. Wenn man Jesus vor der Taufe das Mikrofon hinhalten würde, so ein Talk wie hier: Jesus, bitte machbar, dass man da mal miteinander darüber redet, Jesus, was verstehst du unter Evangelisation? Was willst du machen?
In Lukas 5 war die Volksmenge vor ihm, die das Wort Gottes hören wollte. Das ist ein Traumzustand für jeden Prediger. Am Ende verlässt er diese Szene aber mit vier Fischern, die nicht Teil der interessierten Volksmenge waren.
Das heißt, auf die Frage, was für dich Evangelisation ist, würde er sagen: Ich werde mich jetzt in zwölf Männer investieren. Wie lange? Drei Jahre.
Warte mal, willst du nicht gucken, dass möglichst viele in deine Capernaum City Church kommen, die du dann gründest, damit jeden Sonntag Gottesdienste sind? Er würde sagen: Nein, ich investiere mich in eine überschaubare Größe von Menschen, und zwar in zwölf, nicht dreizehn.
Ich glaube, dass der Dreizehnte auch Bock gehabt hätte, dabei zu sein, und er hat dann wahrscheinlich auch Nein sagen müssen: „Du nicht.“ Und dann hat er diese zwölf.
Was hat er gemacht? Das war formlose Jüngerschaft. Man kann nicht erkennen, dass er jeden Dienstag um 19:30 Uhr im Klassenzimmer an der Tafel stand und sie dann irgendwie mitgeschrieben haben, jüngerschaftskursmäßig.
Sondern er ist irgendwie mit ihnen unterwegs gewesen. Er hatte nicht nur die Zwölf im Blick. Er hat vielen Menschen auch geholfen, hat hier gepredigt, geheilt, aber die waren Teil dieser Reise.
Training on the Job.
Ja, richtig, genau. Und deswegen glaube ich, dass ich das Lukasevangelium zweimal komplett Vers für Vers durchgeprägt habe. Einmal in der EFG Heike, als ich dort Pastoralreferent war. Ich wollte verstehen: Jesus, wenn du sagst, mache zu Jüngern, was heißt das konkret?
Und dann in Euskirchen nochmal Vers für Vers, um zu verstehen: Okay, es ist mehr dieses, dass ich mein Leben authentisch, maximal authentisch lebe und anderen Einblick gewähre. Wie leben wir unsere Ehe? Wie erziehen wir unsere Kinder? Wie gehen wir mit unseren Nachbarn und Mitmenschen um? Wie leben wir unseren Auftrag, unsere Berufe? Wie erkennen wir unsere Gaben usw.?
Dann sind Menschen in unserem engeren Umkreis – das ist die Zellgruppe, von der wir später sprechen werden – die dann Einblick haben in diese Lebenswirklichkeit des David.
Und dann meine ich, dass das unterschiedlich aussehen kann. Der eine ist viel auf Reisen und nimmt Leute mit, jemand ist mehr zu Hause oder auf dem Arbeitsplatz. Das ist dann formlos, aber es hat immer diesen freundschaftlichen Aspekt, dass man miteinander Gemeinschaft hat, Beziehung lebt und dann nicht ewig bleibt.
Jesus sagt, das Beste, was euch jetzt passieren kann, ist, dass ich in den Himmel fahre. Es braucht noch so einen Moment, wo man dann sagt: „Und jetzt seht zu!“ Genau von daher die Sensation eher im Sinne der Jüngerschaft.
Deswegen trenne ich diese zwei Begriffe nicht. Das ist für mich ein und dasselbe. Und dann auch diese Denkweise Jesu zu sagen: Ich investiere mich in die Zwölf, damit die Zwölf später, nachdem ich in den Himmel gefahren bin, viel mehr Menschen zu Jesus zum Glauben führen als ich es gemacht habe.
Und diese Denkweise in Prozessen finde ich faszinierend: zu sagen, was ist, wenn die Leute, in die ich mich investiere, später viel mehr Menschen zum Glauben bringen? Das ist wahrscheinlich auch in dem Sinne, wie der Herr sagt zu seinen Jüngern, dass sie größere Werke sehen werden als das, was er getan hat.
Bedürfnisse und Herausforderungen in Gemeinden
Wie erlebst du das im Kontakt mit der einen oder anderen Gemeinde? Was ist der größte Bedarf bei diesem Thema? Welche Themen brennen besonders unter den Nägeln in Bezug auf Evangelisation?
Ich glaube, dass das Bild, das wir vom Evangelistsein haben, häufig negativ besetzt ist. Das entnehme ich der Rückmeldung vieler Pastoren, mit denen ich in Kontakt bin. Sie sagen oft sehr früh im Gespräch: „Also, ich bin kein Evangelist.“ Das heißt, im Gegensatz zu Hirten- oder Lehrerbegabung, wo weniger gesagt wird „Ich bin kein Lehrer“ oder „Ich bin kein Hirte“, hört man viel öfter „Ich bin kein Evangelist.“
Warum sagen manche das? Weil da eine Drucksituation besteht. Manche glauben, wenn sie sich als Evangelist vorstellen, müssen sie auch Zahlen vorweisen können – eine Art Vollmacht, die sich in Bekehrungen ausdrückt. Dieses Bild entsteht durch die Vorstellung vom Reiseevangelisten, der verkündet und Menschen zum Glauben führt.
Manche haben in ihrem treuen Dienst das aber nie erlebt. Sie leiden ein wenig darunter, würden gerne, können aber nicht. Deshalb kommt früh diese Aussage: „Ich bin aber kein Evangelist.“ Dieses alte Bild eines Evangelisten, der unbedingt Zahlen liefern muss, würde ich gerne brechen. Wir sollten wegkommen von dieser Fixierung auf Zahlen und uns nicht darüber definieren. Stattdessen sollten wir uns am Auftrag orientieren.
Ich glaube, in jeder Ortsgemeinde gibt es mindestens einen Evangelisten. Die sind da – nur wer spricht es ihnen zu? Ich habe erlebt, dass man sagt: „Du bist kein Evangelist.“ Aber in meinem Reisedienst, wenn ich von Gemeinde zu Gemeinde fahre, merke ich, dass es welche gibt. Sie suchen oft die Nähe zu mir. Dann stehst du im Foyer, und jemand steht bei dir. Du weißt, der will eigentlich nichts, sondern einfach nur in deiner Nähe sein. Manchmal habe ich die Ahnung, ja, das könnte jemand sein.
Dann sage ich den Ältesten: „Schaut doch mal, ihr habt da jemanden, dessen Herz warm geworden ist.“ Woher weiß ich das? Als ich klein war, habe ich bei solchen Evangelisationen immer diesen Verkündiger bewundert. Mein Papa ist so einer. Ich war begeistert von diesem Typ, der beim Verkündigen des Evangeliums einen Glanz in den Augen hat. Ich wollte das immer. Wahrscheinlich ist das das, was einen Evangelisten kennzeichnet: der Glanz in den Augen.
Drei Dinge zeichnen einen Evangelisten aus: Erstens die Frucht, dass Menschen zum Glauben kommen und eine Veränderung erleben. Zweitens diese emotionale Reaktion auf das Evangelium. Sobald irgendwo in Liedtexten oder in der Predigt das Evangelium erklärt wird, reagiert man stark darauf. Drittens denkt man ständig darüber nach, wie man Menschen zum Glauben führen kann. Das kann man nicht abschütteln, es ist ständig da.
Das zeigt sich auch darin, dass man sich danach ausstreckt, sich um Menschen kümmert und Menschen zugewandt ist, die Christus noch nicht kennen. Man macht sich Gedanken darüber, bringt das Anliegen ein und macht es zum Teil der Gemeinde, betet dafür. So ein evangelistisches Herz zeichnet sich durch eine Sehnsucht und ein Brennen aus, dass Menschen zum Glauben kommen.
Wir haben mehr Evangelisten, als wir glauben. Deshalb bin ich hier. Ich hoffe natürlich, dass mancher dann mal reinklickt und merkt: „Ja, das bin ja ich.“ Dann möchte ich sagen: „Ja, das bist du.“
Wenn ich keine Gabe als Evangelist habe, sind mir die Menschen egal? Nein, das ist nicht so. Wenn ich eine Predigt halte und nur eine Person im Raum ist, ist die Predigt absolut auf diese Person zugeschnitten. Ich kann nicht denken: „Jetzt im Gottesdienst ist eine Person, die noch nicht gläubig ist.“ Dann würde ich die Predigt komplett anders formulieren, manche komplexe Dinge weglassen, damit er maximal das Evangelium hört.
Das ist die Plausibilität dessen, dass man meint: Die Verdammnis, die Verlorenheit, die Hölle – das ist einfach zu schlimm. Können es dann die anderen Christen ertragen, dass das mal eine Sprache ist? Es ist eine Vorgehensweise, die nicht für denjenigen maßgeschneidert ist, der schon siebzig Jahre gläubig ist, sondern für den, der heute Gott sei Dank da ist und das hören muss.
Ich beobachte manche Lehrer oder Hirten, die verkündigen und in Kauf nehmen, dass dieser eine massiv überfordert ist mit dem, was sie von der Kanzel geben. Dann würden sie wahrscheinlich sagen: „Wie, ich liebe auch die Menschen.“ Ja, ja, aber ich bin halt Lehrer. Ich bin halt Lehrer. Dann sage ich: „Vielleicht braucht es die Unterschiedlichkeit.“ Aber ich kann es halt nicht verstehen. Ja, ja, klar.
Affination und Evangelisation im 21. Jahrhundert
Wir haben uns als Werk schon ein wenig damit beschäftigt, wie Evangelisation im 21. Jahrhundert noch funktionieren kann. Außerdem haben wir dazu einen Report verfasst. Ich glaube, du hast ihn auch schon mal bekommen. Hast du ihn dir schon angesehen?
Na ja, nur überflogen.
Ja, mich würde interessieren, was du darüber denkst. Übrigens: Falls ihr Interesse an diesem Report habt – es ist ein kleines Dokument, nicht sehr umfangreich – schreibt gerne an machbar@holkebach.org. Ich schicke euch das dann digital zu oder, wenn gewünscht, auch als Printversion.
Wir haben uns Gedanken gemacht und aufgeschrieben, wie Evangelisation heute im 21. Jahrhundert funktionieren kann. Wie sind deine persönlichen Erfahrungen? Was hältst du für eine effektive und effiziente Evangelisation heutzutage für unerlässlich?
Du hast eben diese drei Formen vorgestellt: die klassische Veranstaltungsevangelisation, die Straßenevangelisation und die Alltagsevangelisation. Was meinst du, auf welche davon können wir auf keinen Fall verzichten?
Meines Erachtens ist die Alltagsevangelisation das Gebot der Stunde. Ich glaube, dass man aufgrund des großen Misstrauens gegenüber den Großkirchen und der Institution Kirche nicht mehr erwarten kann, dass unsere Mitmenschen Veranstaltungen vertrauen.
Sobald Symbole der christlichen Religion sichtbar sind – zum Beispiel ein Kreuz oder eine Kirche –, besteht grundsätzlich schon ein Misstrauen gegenüber allem, was damit zu tun hat.
Bei Straßeneinsätzen höre ich viele tolle Geschichten, die gibt es ja auch. Aber ich habe zum Beispiel bei Ideaspektrum eine Untersuchung gelesen, in der gesagt wird, dass nur jeder Zwanzigste der Kirche beziehungsweise der Institution vertraut. Wenn du dann in der Fußgängerzone über Glauben sprechen willst, denken viele direkt an die Religion oder an die Institution Kirche. Dann musst du den Zwanzigsten finden, der dir zuhört. Das kann man machen, aber es ist nicht einfach.
Von daher sehe ich das nicht so schwarz-weiß. Aber ich würde sagen, da die Gesellschaft sehr vielschichtig und nicht mehr so homogen ist, braucht es ganz viele kleine Missionare, kleine Evangelisten. Sie müssen den Weg zu den unterschiedlichen Milieus, Personengruppen und Kulturen finden, zu denen ich vielleicht selbst keinen Zugang habe.
Das heißt, wir brauchen den ganzen Leib Christi, um die ganze Welt zu erreichen. Weil es nicht mehr selbstverständlich ist, dass die Kirche die Mitte im Dorf oder das wichtigste Gebäude im Dorf ist, müssen wir schauen, dass wir wieder den Privatraum, unser Haus, als Ort der Begegnung entdecken.
Alltagsnahe Vermittlung des Evangeliums
Reden wir ein bisschen darüber, wie wir das Evangelium alltagsnah vermitteln können – in privaten, persönlichen Rahmen, als Alltagsmissionare. Warum ist es wichtig, das Evangelium überhaupt an Nichtchristen weiterzugeben?
Du hast mal in einem YouTube-Video zum Thema Zellgruppen einen Vergleich zu einem Handwerker gezogen. Vielleicht kannst du uns diesen Gedanken noch einmal näherbringen. Erinnerst du dich an das Beispiel mit dem roten Stuhl?
Ja, ich glaube schon. Also, ich habe mal gesagt: Wenn der Kleinunternehmer einer Schreinerei oder Zimmermannswerkstatt seinem Angestellten am Montagmorgen sagt: „Baue mal einen Stuhl. Ich komme am Freitag wieder und schaue mir das an“, und dann am Freitag wiederkommt und fragt: „Na ja, wo ist der Stuhl?“, dann wird der Angestellte vielleicht sagen: „Ich habe dem Kollegen beim Tischzimmern geholfen“ oder „Ich habe die Werkzeuge poliert.“
Daraufhin wird der Chef sagen: „Hör mal, ich habe dir einen Auftrag gegeben. Wo ist der Stuhl?“
Ich glaube, dass der Auftrag Jesu kein „nice to have“ ist, sondern erst einmal ein Auftrag – kein optionales Ding. Wenn man Matthäus 28 liest, als etwas, das uns alle betrifft, dann kommt man nicht daran vorbei. Jesus hat am Ende seines öffentlichen Wirkens hier auf der Erde nicht mehrere Aufträge gegeben, wie: „Manche können das machen, die anderen jenes“, sondern: „Macht zu Jüngern.“
Daher glaube ich, dass das etwas ist, was unabdingbar ist. Alles andere ist „nice to have“. Von da aus müssen wir ausgehen.
Ich würde sagen, dieser Missionsauftrag wird sträflich vernachlässigt, weil viele meinen, mit Programmen das schon irgendwie umzusetzen. Wenn man Jesus fragen würde: „Wer sind deine Jünger?“, könnte er sofort zwölf Namen nennen. Würde man aber den Standardchristen fragen: „Wo sind deine Jünger oder die, die du zu Jüngern Jesu machst?“, dann sind viele überfordert mit dieser Frage.
Was meinst du dazu?
Deshalb ist das erst einmal nicht zur Diskussion gestellt. Ich glaube, der Meister wollte es so, er hat den Auftrag gegeben. Also packen wir das an!
Die Bedeutung des Nächsten in der Evangelisation
Du hast auch mal in einem YouTube-Video gesagt: Wer behauptet, Gott zu lieben, muss nicht lange fragen, wer sein Nächster ist – er weiß es. Wie kommst du darauf, und was hat das damit zu tun, wie wir das Evangelium weitergeben?
Ja, es ist dieser Gesetzeslehrer aus Lukas 10, der verunsichert war im Blick auf das ewige Leben. Er fragte sich: Was muss ich getan haben, um ewiges Leben zu haben? Dann zitiert er das höchste Gebot: Liebe Gott und deinen Nächsten wie dich selbst. Jesus sagt daraufhin: Tu dies, und du wirst leben.
Der Gesetzeslehrer wollte sich daraufhin selbst rechtfertigen und fragte: Wer ist denn mein Nächster? Das heißt, er ist davon ausgegangen, dass er die Liebe zu Gott schon hat. Es fehlte nur noch der zweite Teil, aber wer ist mein Nächster? Das war eine Rechtfertigung. Wenn ich wüsste, wer mein Nächster ist, würde ich ihn lieben.
Das höre ich manchmal auch in Gebeten von Christen: „Herr, zeig mir, wer mein Nächster ist.“ Da schüttelt Gott den Kopf und denkt: Warte mal, ist das dein Ernst? Auf diesem Globus sind so viele Menschen, und du fragst mich, wer dein Nächster ist? Das offenbart nur, dass man keinen Blick für seinen Mitmenschen hat.
Da ist diese Erfahrung, die ich anfangs beschrieben habe, mit dem täglichen Gebet. Wir hatten am Ende unserer Straße eine Person, für die meine Frau und ich begannen, den Tag mit einem Gebet zu starten. Wir beteten dann für zehn Nachbarn. Immer wieder nahmen wir auch die Frau am Ende der Straße ins Gebet mit hinein: „Herr, bitte brich mein Herz für die Frau am Ende der Straße!“
Dann sind wir mal spazieren gegangen, und ich merkte, wie ich mich zum Klingelschild wandte. Ich wollte wissen, wie diese Person heißt. Dann begann ich, konkreter zu beten: „Herr, segne doch die Frau ...“ Irgendwann merkte ich, dass sie vorbeikam. Ich grüßte sie, und vielleicht kam man ins Gespräch. So hatte ich den Vornamen schon.
Dann kam man häufiger ins Gespräch, und jetzt hatte man auch konkretere Gebetsanliegen, weil man sich unterhalten und erfahren hatte, wie es einem Menschen geht. Das heißt, wenn die Nächstenliebe dazu führt, dass ich den Menschen sehe, seinen Namen in die Gebetsliste aufnehme, ins Gespräch komme und diesen Menschen zu mir nach Hause einlade, dann musst du mich nicht lange fragen, wer dein Nächster ist.
Ich sage dir sofort: Hier, das sind die Leute! Ich kann dir direkt ein paar Gebetsanliegen nennen. Warum? Weil man täglich damit beschäftigt ist, sich in sie zu investieren. Das ist dann auch schon die Definition von Jüngerschaft. Häufig denkt man bei Jüngerschaft, ein Christ macht einen anderen Christ zum besseren Christ.
Aber Christus hat Nichtchristen zu Christen gemacht. Er hat bei Menschen angefangen, die noch nicht so hingegeben und gläubig waren. Und da entdecke ich es: Wenn ich mich in Menschen investiere, die von ihrem Glück noch nichts wissen, und sie auf dem Weg zum Glauben kommen.
Gott sei Dank ist es so, dass manche in unserer Nachbarschaft zum Glauben gekommen sind. Das transformiert die ganze Nachbarschaftskultur. Da muss man fast sein Haus nicht mehr abschließen. Dann teilst du Essen, die Kinder können überall ins Haus gehen und werden versorgt.
Das entspricht eher dem „Dein Reich komme“, als wenn man immer sein Haus verlässt, seine Straße verlässt und irgendwie im Gießkannenprinzip versucht, alle zu erreichen, aber sein Herz nicht an ein paar wenige verloren hat.
Deswegen ist das in unserer Gemeinde ein ganz hoher Wert. „Liebe deinen Nächsten“ ist ja auch im Singular formuliert. Es steht ja nicht „Liebe die Nächsten“, sondern „Liebe deinen Nächsten“. Wenn dann jeder in der Gemeinde mindestens einen hat, für den sein Herz schlägt, dann hast du Gesprächsstoff, wenn man zusammenkommt: Wie geht es dir und deinem Nächsten?
Dann hast du direkt auch Grund zum Beten. Wenn da diese Liebe ist und das Gebet, dann passieren großartige Dinge, und die Gemeinde wächst.
Metaphern und Bilder für das Evangelium
Wenn wir uns Jesu Reden anschauen, sehen wir, dass er oft mit Metaphern und Gleichnissen gesprochen hat. Er war darin ein Meister.
Welche Metaphern hast du gefunden, um das Evangelium verständlich zu erklären – zum Beispiel deinen Nachbarn in der Straße oder anderen Menschen? Ich glaube, Jesus hat Bilder aus der Lebenswelt der Menschen verwendet. Ich selbst kann nicht vom vierfachen Acker sprechen, weil ich noch nie für Brasen ausgesät habe. Wenn du jedoch einen ausgewiesenen Experten als Nachbarn hast, der Gärtner ist, kannst du das vielleicht noch nachvollziehen.
Mein Nachbar ist zum Beispiel ein leidenschaftlicher Angler. Dadurch komme ich schon ein bisschen an die Metapher des Fischens heran. Was ich damit sagen will: Wenn ich mich in die Lebenswirklichkeit unserer Mitmenschen hineinversetze, dann werde ich Bilder aus deren Alltag verwenden.
Ein Musterbeispiel: In einem weiteren Bekanntenkreis gibt es jemanden, der eine Sehnsucht nach Gerechtigkeit hat. Diese Person ist deshalb zur Polizei gegangen, um dort Gerechtigkeit zu finden. Sie merkte jedoch, dass dort unter den Kollegen nicht immer gerecht zugeht.
Im Gespräch habe ich dann an einer Stelle auch über das Jüngste Gericht gesprochen. Ich erklärte, dass es irgendwann so weit sein wird, dass jeder Rechenschaft ablegen muss. Mein Gesprächspartner reagierte darauf emotional – und zwar positiv – weil er dachte, dass dann Gerechtigkeit herrschen wird.
Ich würde aber nicht mit jedem direkt über die Hölle sprechen. Ich wollte nur sagen: Manchmal, je nach Kontext, werde ich solche Themen aufgreifen. Dabei braucht man als Evangelist eine innere Flexibilität. Man muss wissen, wann man welches Thema anspricht.
Am Ende muss es immer mit Christus zu tun haben – mit seinem Sühnetod für uns.
Die Bedeutung des Kennenlernens und Verstehens des Nächsten
Du legst großen Wert darauf, deinen Nächsten kennen- und verstehen zu lernen. Zum Beispiel bist du mal mit einem Nachbarn angeln gegangen, vielleicht sogar öfter, obwohl du selbst kein Angler bist. Du hast es ja schon angesprochen.
Inwiefern hilft dir das, deinem Nächsten oder hier deinem Nachbarn das Evangelium zu erklären? Genau aus dem Grund, weil du versuchst herauszufinden, was die Sehnsüchte deines Mitmenschen sind. Was treibt jemanden an, früh morgens aufzustehen und im Dunkeln zu warten, bis ein Fisch anbeißt? Welche tiefere Motivation steckt dahinter?
Ich glaube, dass wir die Sehnsüchte ernst nehmen sollten, denn sie offenbaren, was die Menschen letztlich wirklich wollen. Wenn zum Beispiel jemand gerne einen Jackpot knacken und sehr viel Geld gewinnen möchte und deshalb ständig Lose kauft, dann stellt sich die Frage: Was ist die Sehnsucht dahinter? Und inwieweit kann das Evangelium diese Sehnsucht stillen?
Genau das meine ich: Man muss sich auf die Menschen einlassen. Dann wirst du merken, dass Paulus das Evangelium auf dem Areopag ganz anders verkündigt als im jüdischen Kontext.
Mir hat mal jemand gesagt: „Christian, du kannst schwerlich jemandem das Evangelium erklären, wenn du nicht zuvor seine Träume kennst, also das, wonach er sich sehnt.“ Unbedingt, unbedingt!
Ich gönne es vielen Christen, dass sie einmal diesen Moment erleben, in dem sie das Evangelium verkünden und ihr Gegenüber vor Freude weint, so tief berührt ist. Und das nicht im Kontext von Seelsorge, wo viel Vorbereitung nötig ist, damit Menschen der Gemeinde vertrauen und überhaupt zur Seelsorge gehen. Sondern einfach auf der Terrasse oder bei einer längeren Autofahrt. Du platzierst das Evangelium, und dann ist dein Mitmensch berührt.
Das ist etwas, wovon ich nicht genug bekommen kann – wie eine Droge vielleicht. Ja, ich fühle es. Und dann denke ich: „Okay, das war jetzt Hammer. Gott sei Dank haben wir nicht aufgehört zu beten, Gott sei Dank haben wir nicht aufgehört, die Leute auch nach Hause einzuladen.“ Denn dieser Moment kam.
Als unsere erste Nachbarin zum Glauben gekommen ist, bin ich nach dem Bekehrungsgebet rausgegangen und habe geweint. Ich war so voller Freude. Dabei hatte ich vorher schon mehrere Bekehrungen erlebt. Warum hat mich das diesmal so berührt? Weil ich viel näher dran war.
Wie schön, dass du dem aktiven Zuhören einen sehr hohen Stellenwert gibst und es mit dem Zwiebellook vergleichst, den man aus der Mode kennt. Dabei hältst du den Bezug zur Lebenswelt des Gegenübers – also zu materiellem und sozialem Sicherheitsbedürfnis, Weltanschauung, Glauben und so weiter.
Das Zwiebellook-Prinzip als Modell für Alltagsmission
Was hat es mit dem Zwiebellook-Prinzip auf sich? Wie hilft es uns in unserer Alltagsmission? Kannst du das etwas erläutern und erklären? Es ist eigentlich ein schönes Anschauungsbild.
Man schützt sich mit dem Zwiebellook vor Kälte. Je mehr Kleidungsstücke man übereinander anzieht, desto wärmer ist es. Dabei müssen wir feststellen, dass die Gesellschaft heute wahrscheinlich mehr „Klamotten“ anhat als noch vor 50 Jahren. Damals war die Vertrauensebene in Bezug auf Kirche und Miteinander wahrscheinlich eine andere – trotz der heutigen Klimaerwärmung.
Danke für diesen Kommentar. Genau, wir hatten in letzter Zeit unterschiedliche Bewegungen: Es gab ein Virus, dann kamen viele Menschen aus anderen Ländern, und die Missbrauchsskandale wurden offenbar. Viele Menschen ziehen sich deshalb zurück. Das ist ein Schutzmechanismus.
Nun stellt sich die Frage: Wie geht man damit um? Wenn man am Anfang schaut, wie Gott dem Menschen Adam und Eva nachgegangen ist, dann sieht man, dass er ihnen nicht einfach die Klamotten vom Leib gerissen hat. Sie hatten sich ja Feigenblätter umgelegt. Stattdessen ist Gott erst einmal durch den Garten gewandelt.
Das hat mich wirklich zum Nachdenken gebracht. Warum macht er das? Er wusste, dass Adam und Eva sich hinter einem Baum verstecken. Er hätte zum Baum hingehen und sagen können: „Ich hab euch!“ – sozusagen Gottes Version von Verstecken spielen. Aber warum macht er das nicht?
Weil die Menschen durch die Sünde nicht mehr die Erkenntnis von Gott haben. Gott fragt: „Wo bist du?“ Dieses Fragen und Zuhören ist das Prinzip hinter dem Zwiebellook und den Mänteln, die man übereinander anzieht.
Wenn du zu schnell über intime Dinge sprichst, haut der Mensch ab, flüchtet, weil er überfordert ist. Daher stellst du Fragen und bist ein aktiver Zuhörer. Wahrscheinlich wird sich dein Gegenüber zunächst in materielle Dinge flüchten – Dinge, die er gekauft hat oder besitzt. Warum? Diese sind unverfänglich. So kommt es nicht schnell zu Streit, Scham oder Konflikten.
Wenn dir dann jemand wegen deines liebevollen Zuhörens Dinge anvertraut, die sein soziales Umfeld betreffen, wirst du nicht weiter nach materiellen Dingen fragen. Stattdessen kannst du nach dem sozialen Umfeld fragen: „Erzähl doch mehr darüber.“
Dann passiert es oft, dass man im Gespräch über das soziale Umfeld auch Einblick in den nächsten Mantel bekommt: die Weltanschauung. Wie sieht der Mensch die Welt? Besonders wenn im Verwandten- oder Bekanntenkreis Menschen sterben, kann man fragen: „Wo befindet sich der Mensch gerade? Wie war der Moment des Abschiednehmens?“
Unsere Mitmenschen beschreiben dann, wie sie das sehen. Dabei kommen die drei Grundfragen des Lebens zur Sprache: Woher komme ich? Wer bin ich? Wohin gehe ich? An dieser Stelle offenbaren sie häufig ihren Glauben – was sie eigentlich glauben.
Hier können wir ansetzen und das Evangelium platzieren. Aber das ist ein langer Prozess des Zuhörens. Bei manchen dauert er kürzer, bei anderen länger. Wir gehen immer im Tempo des Mitmenschen vor und geben das Tempo nicht selbst vor. Man drängt nicht, drückt nicht, schiebt nicht und zieht nicht. Man reißt niemandem die „Klamotten“ einfach vom Leib – das macht man nicht.
Zellgruppenarbeit als Gemeindegründung und Alltagsmission
David, reden wir ein bisschen über Zellgruppen und ihre Rolle in der Alltagsmission. Deine Familie praktiziert Gemeindegründung durch evangelische Zellgruppen. Was genau steckt hinter diesem Begriff? Was müssen wir uns darunter vorstellen?
Im Sommer 2018 gab es bei uns die Situation, dass wir als Familie alleine da saßen. Du hast deine theologische Ausbildung an der FDH abgeschlossen und elf Jahre Gemeinderfahrung in Haiger gesammelt. Außerdem hattest du einen sehr prägenden Vater, der dich durch seinen evangelistischen Dienst stark beeinflusst hat. Plötzlich warst du jedoch maßlos überfordert und hast dich gefragt: Was machen wir jetzt?
In der Jugendarbeit damals in Haiger habe ich schon gemerkt, dass die Jugendlichen jeden Freitag von der Kanzel einen Input bekamen. Sie haben das mitgemacht, aber wir haben sie unterfordert. Sie warteten nur darauf, dass es Snacks und Essen gab, und gingen dann wieder auseinander. Sie wurden nicht wirklich herausgefordert, im Glauben Schritte zu gehen. Deshalb haben wir schon damals auf Kleingruppen umgestellt.
Das heißt, man hat einen Kleingruppenleiter als Co-Piloten. Wenn du zum Beispiel sieben Gruppen hast, hast du sieben Kleingruppenleiter plus sieben Co-Piloten, also vierzehn Personen, die du weiterbringen kannst. So können sie Verantwortung für ein paar Leute, also für eine Gruppe, übernehmen. Diese Erfahrungen haben mich nicht in Ruhe gelassen. Ich habe viel darüber nachgedacht, was passiert, wenn wir den Rat von Jethro an Mose ernst nehmen: „Wenn du eine große Gruppe hast, teile sie in Zehnergruppen auf“, hat er ihm mitgegeben.
Dann haben wir gesagt: Okay, wir beginnen als Familie mit einem Hauskreis. Aber wir haben das „Zellgruppe“ genannt, weil „Hauskreis“ im Wording oft als geschlossen wahrgenommen wird. Viele assoziieren damit eine Gruppe von Christen, die ewig zusammenbleiben.
„Zellgruppe“ ist ein Begriff aus der Biologie: Eine Zelle braucht Vitamine, damit sie wächst. Sie wird aber nicht endlos groß, sondern es kommt zur Zellteilung. Die drei „Vitamine“ finden wir in Apostelgeschichte 2,42: Lehre, Gebet und liebevolle Gemeinschaft. Wenn diese drei Vitamine da sind, dann wird eine Gruppe wachsen.
Das heißt, wir müssen sicherstellen, dass in diesen Zellgruppen die Bibel aufgeschlagen wird, gebetet wird und liebevolle Gemeinschaft herrscht. Das war am Anfang in unserer ersten Zellgruppe das, was unsere Nachbarin so beeindruckt hat. Sie kam dazu und merkte: „Na ja, ihr lebt anders als wir. Ihr habt eine andere Kraft. Ich habe hier den ultimativen Sinn im Leben gefunden“, sagte sie.
Als sie uns das spiegelte und wie kraftvoll diese Zelle ist, haben wir angefangen, darüber nachzudenken: Dann braucht es doch viele solcher Zellen. Denn dann ist der Weg für die Mitmenschen kürzer, wenn sie direkt in ihrer Nachbarschaft eine weitere Zelle haben – und so weiter. Über Zellteilung kommen wir dann zur Multiplikation.
Genau, das war dann die Überlegung: Wenn wir jetzt hier am Tisch fünf Leute wären, ich wäre Zellgruppenleiter und wir hätten vier Teilnehmer, würde ich darauf achten, dass alle vier bald eine eigene Zellgruppe führen. Bei Jesus gab es auch keine hundertprozentige Erfolgsquote – Judas ist kein Gemeindegründer geworden. Das heißt, du nimmst alle so, wie sie sind. Manche werden dann Verantwortung übernehmen, auch für andere.
Jeder ist unterschiedlich auf diesem Reifungsprozess. Manche sind früher und mutiger dran, eine Gruppe zu führen, andere brauchen länger, manche gar nicht. Das weiß man nie. Aber das ist der Anspruch an die Teilnehmer: Wir sind hier die nächsten Monate, vielleicht Jahre zusammen, aber das Ziel ist, dass du bald deine eigene Zellgruppe startest.
So kamen wir dann von einer auf zwei, dann auf drei und vier Gruppen. Wir begannen mit einem monatlichen Gottesdienst. Mittlerweile haben wir alle 14 Tage einen Gottesdienst und etwa 18, 19, auf dem Papier 20 Zellgruppen. Das hat sich schon sehr stark vervielfältigt.
Zu sehen, dass Menschen über diese Zellgruppen zum Glauben kommen, ohne dass man persönlich mit ihnen Kontakt hat, war für mich faszinierend.
Struktur und Dynamik der Zellgruppen
Cool, also wenn ich es richtig verstehe, versuche ich es mal so zusammenzufassen: Es fängt an mit einer kleinen Gruppe, die nicht mehr als zehn Personen umfassen sollte. Sobald mehr als zehn Teilnehmer dazukommen, sollte man eine neue Zelle gründen. Diese kann dann auch durchaus kleiner sein. Wenn zum Beispiel zwölf oder dreizehn Personen zusammenkommen, teilt man die Gruppe und hat dann zwei Gruppen mit jeweils etwa sieben Leuten.
Oder sind das immer natürliche Verbindungen, sodass man sozusagen seine Peer Group hat? Es gibt also keinen Bruch. Es ist nicht so, dass man bei zwölf Leuten einfach in der Mitte eine Linie zieht und zwei Sechsergruppen bildet. Stattdessen wächst aus der Muttergruppe eine Tochtergruppe. Einer oder zwei Personen gehen weg und starten etwas Neues.
Aha, und dann gibt es da jetzt achtzehn, neunzehn Gruppen, die zusammen aber eine Gemeinde an einem Ort bilden. Diese Gemeinde trifft sich alle zwei Wochen als ganze Gruppe. Das ist dann nur eine Veranstaltung, sozusagen.
Genau, wir versuchen, so wenig wie möglich Extratermine zu haben, damit unsere Geschwister in der Gemeinde Zeit für persönliche Beziehungen haben. Denn diese sind sehr zeitintensiv. Wir haben sichergestellt, dass jede Zellgruppe wöchentlich stattfindet, dazu kommt der Gottesdienst alle 14 Tage. Die Zellgruppenleiter treffen sich außerdem einmal im Monat zum Zellgruppenleitertreffen, und die Ältesten einmal im Monat. Das soll genügen, damit niemand sagen kann: „Ich habe keine Zeit für Jüngerschaft, weil ich so eingebunden in Gemeindeprogramme bin.“
Diese Zellgruppen, die kleinste Einheit der Gemeinde, bestehen aus Christen, oder sind da auch Menschen dabei, die Christus noch nicht kennen?
Genau, sowohl als auch. Idealerweise sind immer auch Nichtchristen dabei. Es ist nicht so, dass man Christen und Nichtchristen strikt trennt, sondern man hat eine Gruppe, in der jeder an einer unterschiedlichen Stelle der Nachfolge steht. Manche sind noch gar nicht im Glauben, manche nähern sich gerade an. Einige sind zum Glauben gekommen, manche wollen sich taufen lassen, andere wollen taufen lassen und bald ihre eigene Haustür öffnen.
Wir sprechen also von vier Integrationsschritten, das ist wichtig zu verstehen: Integration ins Herz, Integration ins Haus, Integration in die Zellgruppe und Integration in die Gemeinde.
Das tägliche Gebet, wovon ich schon vorher gesprochen habe, ist die Integration ins Herz. Das heißt, die Leute, die zum Glauben kommen, fangen an, einen Mitmenschen ins Herz zu schließen, indem sie täglich für ihn beten.
Dann passiert es so: Wenn das Herz sich öffnet, öffnet sich auch die Haustür und man lebt Gastfreundschaft. Sämtliche Häuser in Euskirchen stehen aktuell offen für Menschen. Das ist eine Qualität, die in unserer individualistischen Gesellschaft sehr wertvoll ist. Es ist die Sehnsucht eines jeden Menschen nach Psalm 23, dem letzten Vers: „Ich aber werde bleiben im Hause des Herrn immerdar.“ Jeder möchte Heimat haben.
Deshalb ist die zweite Schrittintegration ins Haus etwas, das viele anfangen umzusetzen. Sie sagen: „Okay, ich habe hier Gastfreundschaft erlebt. Die Krökers haben uns die Haustür geöffnet, ich will das auch.“ Dann kommt es zum dritten Schritt, der Integration in die Zellgruppe. Das heißt, solche Menschen fangen langsam an, andere einzuladen, damit man sich im Sabbatrhythmus alle sieben Tage zur Zellgruppe treffen kann.
Der letzte Schritt ist die Integration in die Gemeinde. Man wird dann in die große Gemeinschaft der Christen in Euskirchen integriert. Dazwischen ist man irgendwo zum Glauben gekommen.
Genau, tatsächlich machen wir kaum Aufrufe, weil es einfach wunderschön zu sehen ist, dass jemand unterwegs plötzlich den Moment hat, wo er sagt: „So, jetzt gebe ich alles dem Herrn.“ Und dann äußert er das: „Hey Leute, ich muss euch mal was sagen, ich habe in den letzten Tagen mein Leben Jesus ganz einfach gegeben.“
Cool, was macht ihr denn in der Erzählgruppe?
Bibel lesen, beten, Gemeinschaft. Wir haben diese vier Bs: Begrüßen, Bibel lesen, Beten, Begleiten. Zunächst einmal sagen alle, die zum Glauben kommen, dass der erste Eindruck entscheidend ist – wie sie aufgenommen wurden. An der Liebe untereinander wird man erkennen, dass ihr meine Jünger seid. Die Liebe untereinander ist also entscheidend, wenn jemand das erste Mal dazukommt.
Dann beginnen wir sehr früh mit dem Bibelgespräch, weil der Glaube aus dem Wort kommt. Also müssen wir das Wort aufmachen. Wir haben eine Liste von etwa siebzig Texten aus den vier Evangelien. Dort schauen wir uns Perikopen an, Geschichten von Jesus, wie er mit Menschen umgeht. Dabei benutzen wir die fünf W-Fragen: Wer, Wo, Wann, Was, Warum. Das ist auch der Potzeck-Schlüssel. Es ist egal, Hauptsache man geht journalistisch an den Text heran.
Ich lese vor. Wir müssen nochmal eine Folge machen, um dann noch tiefer einzusteigen, aber gut. Dann hast du den Text mit den Teilnehmern besprochen. Nach dem Bibelgespräch geht man ins Gebet über.
Der Glaube kommt aus dem Wort, das heißt, jetzt gehen wir im Glauben ins Gebet. Das ernst gemeinte Gebet bewirkt viel. Aber dann fragt der Zellgruppenleiter nicht nach den eigenen Belangen und Gebetsanliegen, sondern nach den Anliegen der Nächsten. Wir richten den Blick also direkt nach außen.
Dann hört der Zellgruppenleiter, in welchen Beziehungen die Teilnehmer stehen und was in der vergangenen Woche bereits passiert ist. So kann die Gruppe jemanden unterstützen und sagen: „Oh, du sprichst am Gartenzaun schon mit deinen Mitmenschen und Nachbarn, ja, lass uns doch dafür beten.“
Wenn jemand sagt: „Boah, ich habe da ständig solche Gespräche“, dann motivieren wir und sagen: „Vielleicht ist jetzt die Zeit gekommen, dass du deine eigene Gruppe startest.“ Dann beginnt man wieder mit dem ersten Text von den siebzig, aber jetzt in einer anderen Rolle.
Vorher war man Teilnehmer und hat erlebt, wie die Gruppe diese Texte besprochen hat. Jetzt kann man seine eigene Gruppe beginnen – mit derselben Art und Weise.
Und das hat sich dann wirklich so multipliziert.
Kulturbruch und Gastfreundschaft in der Gemeinde
Cool, das ist jetzt in Euskirchen, das sind Deutsche. Wie kommt es, dass sie ihre Haustür öffnen? Wie wirkt das auf andere, wenn man seine Haustür aufmacht? Das ist so kulturfremd. Es ist unglaublich, dass diese Sehnsucht jetzt anfängt, gestillt zu werden.
Was will ich damit sagen? Es ist ein Kulturbruch, das macht man normalerweise nicht. Aber wenn wir jetzt die Haustür öffnen, dann ist zu beobachten, dass viele unserer Mitmenschen gerne dieses Angebot annehmen. Sie kommen und trinken mit uns Kaffee. Die Mahlzeiten verbringen wir sehr häufig mit Nachbarn.
Wir merken, dass das genau das ist, was sie gerne haben wollen. Es ist nichts Neues, aber etwas, das wir meiner Meinung nach in unserer Kultur verpasst haben. Deshalb glaube ich, dass wir ein sehr starkes Gegenkonzept leben, das aber Aufsehen erregt.
Dadurch, dass solche Leute bei uns zu Hause dieses Licht wahrgenommen haben, diese Atmosphäre – man spürt doch, ob in einem Haus Wärme und Liebe ist – kommen manche zu dem Entschluss: „Ich möchte auch meine Haustür öffnen.“ Was ich bei Krökers erlebt habe, möchte ich auch bei mir zu Hause leben.
Viele kommen aus einem sehr dunklen Zuhause, mit viel Einsamkeit und Streit. Dann zu sagen: „Nein, ich möchte, dass Gott auch mein Haus segnet.“ Das ist nur das, was sie geschmeckt haben. Durch diese indirekte Jüngerschaft, das heißt, man lebt etwas vor, und andere ahmen es nach. So öffnen sich mehr und mehr diese Häuser.
Einladung zur Zellgruppe und Umgang mit Vorbehalten
Wie kommuniziert man einem Nachbarn oder einer Nachbarin, dass man sie einlädt? Wozu sagt man „Zellgruppe“? Nein, das ist nur ein Arbeitstitel, denn das klingt irgendwie ein bisschen sektenmäßig.
Genau, ich habe auch im Gottesdienst, wenn wir dann unter uns sind, mal gefragt: Sind wir eine Gefängniszelle oder eine biologische Zelle? Manche verwenden den Begriff, aber letztlich geht es uns darum, dass diejenigen, die in der Phase der Integration ins Haus und bei der Gastfreundschaft gemerkt haben, hier gelten andere Werte und es werden Fragen gestellt wie: „Sag mal, warum seid ihr so?“
Dann sagen wir: Diese Werte kommen aus der Bibel. Es gibt einmal in der Woche bei uns zu Hause ein Treffen unter Freunden, die gemeinsam die Bibel aufschlagen und beten. Wenn du magst, kannst du mal dazukommen.
Das heißt, wir sind transparent in dem. In diesem Treffen fällt das Wort „Zellgruppe“ nicht. Wir sind Freunde, die miteinander die Bibel lesen.
Außerdem hast du keinen anderen Flyer dabei, denn unsere Mitmenschen, meist aus der katholischen oder evangelischen Kirche, haben großes Misstrauen gegenüber allem, was nicht bekannt ist. Die Bibel aber ist noch vertrauenswürdig.
Wir sagen auch nicht, dass wir zu einer Gemeinde gehören oder so. Wir laden auch nicht zum Gottesdienst ein.
So glaube ich, dass viele in unseren Zellgruppen gerade gar nicht wissen, dass sie schon in der Gemeinde sind.
Herausforderungen beim Start einer Zellgruppe
Mit welchen Schwierigkeiten und Herausforderungen sollte man rechnen, wenn man selbst eine Zellgruppenarbeit starten möchte?
Zunächst hört man oft Leute sagen: „Boah, mega, das ist genau das, was ich mache. Ich fange morgen damit an.“ Viele, die dann eine Zellgruppe gründen, haben den Wunsch, es selbst zu erleben. Manchmal sind sie auch überzeugt davon, „wir machen das jetzt noch besser als Krökers“ oder „wir machen das einfach attraktiver“. Sie denken, „wir werden mehr warme Speisen auf den Tischen anbieten“ – was wir zum Beispiel bewusst nicht tun. Oder sie planen Aktivitäten und denken, „dann wird das schon laufen“.
Dann starten sie mit ihrem Angebot, und tatsächlich wird es in den ersten Wochen gerne angenommen. Doch irgendwann bleiben die Leute weg. Es ist nichts Neues mehr, und das Interesse lässt nach. Plötzlich fallen die Zellgruppenleiter in ein Loch, hinterfragen das ganze Konzept und finden es blöd. Sie sagen: „Nein, das machen wir nicht mehr.“
Diese Phase ist sehr wichtig. Warum? Weil die Leiter jetzt anfangen, auf Gott zu vertrauen – nicht auf das Konzept. Das ist ein entscheidender Moment, gerade in dieser Aufzeichnung. Denn das Konzept hat noch nie jemanden zum Glauben geführt. Das war immer Gott.
Dieses Vertrauen in ihn bedeutet, dass wir verstehen, was in der Apostelgeschichte 2,47 steht: „Er fügte hinzu, die gerettet werden sollten.“ Dies müssen wir auch in dieser Art der Gemeindearbeit verstehen. Wir müssen Gott vertrauen, wenn wir die Stühle hinstellen und sagen: „Herr, Du fügst hinzu, die hier sitzen sollen.“
Es kann eine Phase geben, in der niemand kommt. Du hast eingeladen, warst nett und gastfreundlich, aber keiner erscheint. Doch dann fügt Gott plötzlich hinzu. Dann weißt du, dass es von ihm kommt. Du merkst, dass dieses „Boot“ die Fische hineinbringt. Das ist schön.
Ermutigung für den Start von Zellgruppen
Wie würdest du Geschwister ermutigen, die von der ganzen Idee eher eingeschüchtert sind?
Boah, mein Haus öffnen – was kommt da auf mich zu? Hilfe, will ich das überhaupt? Kann ich das, wenn sie sehen, wie ich lebe? Oder: Puh, mit meiner Familie und so weiter? Für manche ist das einfach zu groß, sie wissen nicht, wie sie anfangen sollen oder ob ihnen die Ressourcen überhaupt zur Verfügung stehen.
Genau das höre ich häufiger: Man sagt, also wir sind nicht so gastfreundlich oder das ist nicht unsere Art, unser Haus zu öffnen. Und dann sage ich immer: Ja, das hatten wir auch nicht. Moni und ich hatten in Haiga nicht so viele Gäste. Das lag auch daran, dass Moni sehr herausgefordert war mit der Migräne und sie konnte da nicht unbedingt diese Gastfreundschaft leben. Das war überfordernd mit den drei kleinen Kindern. Später kam Naemi noch dazu, unser viertes Kind.
Als wir dann in Euskirchen gestartet sind, gab es einen Segnungsabend. Die umliegenden Ältesten und Pastoren der Gemeinden im Kreis kamen zu uns nach Hause und haben uns gesegnet. Dann hat ein Pastor uns mal gefragt: Was wünscht ihr euch von Gott? Moni und ich haben wie aus der Pistole geschossen geantwortet, dass wir gerne die Gabe der Gastfreundschaft hätten.
Der Pastor sagte daraufhin: Dann gehen wir jetzt von Zimmer zu Zimmer und beten, dass Gott hier Menschen hinzufügt. Ich glaube, am Ende hat das nicht so sehr mit dem Typ Mensch zu tun, der gastfreundlich ist, sondern mit dem Zerbruch, mit der Hingabe. Bist du bereit, deinen Safe Place, dein Privateigentum, Gott zur Verfügung zu stellen? Das hat viel mit Opfern zu tun.
Weißt du, es gibt viele, die in der Gemeinde sehr schnell sagen: Du bist herzlich willkommen! Selbst im Badezimmer, in den Toiletten, da sind dann Deos und Kaugummis, weil man hofft, dass sich alle wohlfühlen. Aber dann ist der Gottesdienst vorbei – und dann war es das mit der Gastfreundschaft. Ich frage mich: Warum ist man dann im Privatraum nicht so gastfreundlich?
Genau das hat Gott uns aus seiner Gnade so geschenkt, dass wir diese Lebensweise an den Tag legen konnten. Und das hat sich multipliziert. Gastfreundschaft ist eine ganz große Möglichkeit, auch in unserer Gesellschaft.
Ich habe das selbst in einigen Jahren erlebt, als wir unser Haus geöffnet haben und bei uns ein Bibelgesprächskreis mit evangelistischem Schwerpunkt stattfand. Menschen kamen zu uns. Wenn du sie hinterher gefragt hast, wie es eigentlich dazu kam, dass sie zum Glauben gefunden haben, haben die meisten gesagt: Einfach, weil hier so eine schöne Atmosphäre war. Weil ich hier sein durfte, weil man hier gemerkt hat, dass man wertgeschätzt wird.
Nicht so sehr, weil du coole Fragen an den Bibeltext gestellt hast oder Ähnliches, sondern wirklich wegen dieser Offenheit und der Gemeinschaft, die hier gelebt und praktiziert wurde. Ja, das ist eine tolle Möglichkeit.
Übertragbarkeit der Zellgruppenarbeit auf persönliche Alltagsmission
Aus unterschiedlichen Gründen hat sicher nicht jeder Christ die Möglichkeit, eine Zellgruppenarbeit ins Rollen zu bringen. Aber was können wir uns trotzdem davon abschauen und in unserer persönlichen kleinen Alltagsmission nutzen? Was würdest du sagen?
Ich glaube fest daran, dass diese Thematik – Ephesisation, Alltagsmission – nicht nur etwas ist, das sich im Kopf abspielt. Es ist eine Herzensgeschichte. Deshalb gibt es hier nicht die drei Schritte zur effektiven Alltagsmission. Ich glaube tatsächlich, dass es etwas mit dem Ernstnehmen des höchsten Gebotes zu tun hat: Liebe deinen Nächsten. Und dann mit dem Missionsauftrag.
Meine dringende Empfehlung wäre: Schau dich um! Wenn da jemand täglich an deinem Haus vorbeigeht, oder jemand in deinem Büro sitzt, am Arbeitsplatz, oder du eine Fahrgemeinschaft hast – vielleicht ist das ein Mensch, den du mal ins Herz schließen kannst.
Das sage ich auch deswegen, weil ich damals in der Schule sieben Tage die Woche im Gemeindehaus war. Ich habe sämtliche Dienste übernommen in der Gemeinde, in der ich groß geworden bin. Würde man mich im Kontext der Gemeinde fragen: „Ist David ein toller Christ?“, dann würden viele sagen: „Ja, ja, der arbeitet mit im Teamkreis und macht hier und da etwas.“
Aber in der Abizeitung, als es die Umfragen gab – wer hat die schönsten Klamotten, wer die schlimmste Autofahrweise –, da gab es auch die Frage: Wer ist der eitelste des Jahrgangs? An zweiter Stelle stand mein Name.
Und Eitelkeit heißt ja, du hast nicht den Nächsten im Blick, sondern dich selbst. Du drehst dich nur um dich selbst. Das hat mich schockiert. Wie kann es sein, dass ich so mit mir selbst und meiner Kirche und meiner Gemeinde beschäftigt war und den Nächsten gar nicht gesehen habe?
Also 13 Jahre lang sitzt neben dir jemand, der vielleicht Jesus noch nicht kennt. Warum habe ich nicht einfach mal in einer ruhigen Minute in der Pause oder wo auch immer gefragt: „Sag mal, wie geht’s dir?“ Da fehlte eben diese Liebe.
Man wollte irgendwie, dass alle gläubig werden. Ich erinnere mich noch: Wir hatten Evangelisationen, und ich habe Flyer in der Klasse verteilt. Ich wollte wirklich, dass manche zum Glauben kommen. Aber ich dachte immer, die müssen in dieses Gemeindehaus dort. Denn da passiert das.
Genau, statt zu sagen: „Ich bin Licht und Salz, und ich bin jetzt hier. Ich fange jetzt mal bei dem an, und dann beim Übernächsten.“ Also erst den Nächsten, dann den Übernächsten.
Da würde ich dringend empfehlen: Warte nicht, bis irgendeine Veranstaltung der Gemeinde oder eine Evangelisation durchgeführt wird. Heute ist ein Tag des Heils. Man kann heute schon die Knie beugen und für den einen Nachbarn beten: „Herr, brich mein Herz.“ Nicht einfach nur beten: „Herr, mach, dass er Christ wird“ oder „Rette ihn“, sondern: „Brich mein Herz, damit er mir nicht mehr egal ist.“
Dann kommt eins zum anderen. Du fängst an, dich zu treffen, einzuladen. Dann merkst du: „Okay, vielleicht habe ich hier doch ein Wort für ihn.“ Oder: „Das Evangelium kann ich jetzt so formulieren, dass es passt.“
Am Ende ist es kein Hexenwerk, sondern Gotteswerk. Amen, das war ein guter Schlusspunkt.
Empfehlungen und Abschluss
Ich habe noch drei Fragen.
Welches Buch kannst du zum Thema Alltagsmission oder Zellgruppe für unsere Zuhörer empfehlen?
Mich hat natürlich sehr Roberto Bottrell mit seinem Buch "Multiplikation" inspiriert. Das war wirklich beeindruckend, was er damit bewirkt hat. Leider ist er in Deutschland inzwischen verstorben.
Du hattest gefragt, welches Buch ich zum Thema Zellgruppe beziehungsweise Alltagsmission empfehlen kann. Das Buch heißt "Multiplikation" und hat ein petrolblaues Cover. Wir werden es auf jeden Fall in die Podcast-Beschreibung aufnehmen.
Welche ist die größte Herausforderung für dich persönlich in der Zellgruppenarbeit, David Kröker?
Das bin tatsächlich ich selbst. Es ist oft viel einfacher, die Zellgruppe aufzulösen und aufzugeben, als dran zu bleiben. Es kostet sehr viel Energie, Menschen im Haus zu haben und eine Gruppe zu leiten. Wenn das Herz abkühlt, merkt man das schnell. Nach einigen Wochen finden kaum noch tiefgehende Gespräche statt. Dann bete ich: Herr, lass mich nicht kalt werden.
Ich sehe das so: Wenn du selbst Feuer und Flamme für Jesus bist und diese glühende Retterliebe hast, kannst du in anderen etwas entfachen. Das ist für mich die größte Herausforderung — immer dranzubleiben und das Feuer nicht erlöschen zu lassen.
Danke für deine Ehrlichkeit.
Dritte und letzte Frage: Welchen Tipp hast du für unsere Podcast-Hörer, den sie sofort in der nächsten Woche oder sogar morgen schon umsetzen können, um ihre Alltagsmission zu leben?
Wenn ich die Hörer fragen würde: Wer ist dein Nächster? — und sie könnten nicht innerhalb von drei Sekunden antworten, dann wäre das ein Signal, dass sie aktiv werden sollten.
Schon in Johannes 1 sieht man, dass Andreas zuerst seinen Bruder Petrus fand. Das zeigt, dass man sofort jemanden im Herzen haben sollte, für den man sich verantwortlich fühlt. Diese Frage muss beantwortet sein.
Dann beginnt das Beten, das Einladen und das Dranbleiben. Man muss bereit sein, den langen Weg zu gehen. Das würde ich dringend empfehlen.
Vielen Dank, David, für deinen Besuch und deine Offenheit. Es war sehr inspirierend, mehr über deine praktische Arbeit in Zellgruppen zu erfahren. Ich werde mich auch noch intensiver mit dem Thema Zellgruppenarbeit beschäftigen. Das Buch habe ich mir schon zugelegt, aber noch nicht gelesen. Jetzt in den Feiertagen und an Weihnachten werde ich dafür Zeit finden.
Vielen Dank, dass ihr mit dabei wart. Wenn ihr Antworten auf die Frage "Wer ist dein Nächster?" habt, lasst uns gerne darüber reden! Schreibt uns an machbar@holkebach.org.
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Ich sage an dieser Stelle vielen Dank fürs Zuschauen und Zuhören. Bis zum nächsten Mal, tschüss!