Zum Inhalt

Wüste

Wüste wird in der Bibel, namentlich im Alten Testament nicht selten erwähnt, freilich wird das Wort von Luther zur Bezeichnung von Landstrichen gebraucht, denen im eigentl. Sinn dieser Name nicht zukommt, während er an andern Stellen es vermieden hat, wo es eher zu erwarten gewesen wäre. Unter den vielen hebr. Wörtern, um deren Wiedergabe es sich handelt, sind die beiden häufigsten arabah und midbar. Beide bezeichnen nicht notwendig eine eigentliche Wüste, das heißt eine annähernd regenlose und darum fast vegetationslose, unbewohnbare, nackte Sand- u. Steinfläche. Arabah ist die trockene und dürre Steppe, von Luther selten mit Wüste gegeben, Jer. 50,12; 51,43, auch (rev. Üb.) Jes. 33,9, meist mit „Gefilde“ oder „Blachfeld“, es ist die gewöhnl. Bezeichnung des steppenhaften Jordantales und seiner südlichen Verlängerung (vgl. Gefilde und Jordan 6). Midbar, das Luther meist mit Wüste übersetzt, ist eigentlich = Trift, eine waldlose und wasserarme, aber nicht vegetationslose Gegend, die nicht regelmäßig bebaut werden kann, aber der Viehzucht dient. Zwar wird es auch von Gegenden gebraucht, die wirklichen Wüstencharakter haben, Jes. 14,17; 32,15; 35,1; 50,2; 64,9; Joel 2,3; 4,19; andererseits steht es an Stellen, wo die Übersetzung mit Wüste nicht recht paßt, Ps. 65,13; Jer. 9,10; 23,10. Nur im Sinn einer Gegend, die dem Kleinvieh noch Nahrung gemährt, wird midbar innerhalb Palästinas gebraucht; doch nähert sich die Wüste Judas (vgl. Gebirge Juda 2), Jos. 15,61 f., die sich zwischen dem Gebirge Juda und dem Toten Meer, dem Jordantal und der Araba im Süden ausdehnt, sehr der Wüstenart: „kein Streifen Grün erquickt auf der weiten Fläche das Auge, kein Bach rauscht, die Regenzeit ausgenommen, durch die Felsgründe.“ Als absolut pflanzenleer darf man sie sich aber nicht vorstellen; sie ist ausgestattet mit Pflanzen, die nicht auf Wasser angewiesen sind. Es fehlt demnach durchaus an Bäumen, außer an Ouellen und ihren kurzen Abflüssen und gelegentlich in den schattigen Wadis. Der Regen fällt in sehr geringer Menge, da die Wüste als Ostabdachung des Gebirges Juda gegenüber den aus Westen kommenden regenbringenden Winden im Wind- und Regenschatten liegt; alle Niederschläge sind auf ein paar Wintermonate und auch da auf ein paar Tage und Stunden zusammengedrängt. Sobald der Regen fällt, entfaltet sich eine farbenreiche Frühlingsflora, die zusammen mit einjährigen Gräsern den regenreicheren Hängen Schimmer und Glanz verleiht. Aber nach dem ersten Sirokkobleiben nur auf dem Halm versengtes Gras und Trockenheit liebende Pflanzen, Stauden und Sträucher. Weite Flächen auf den Hochebenen sind absolut kahl und bieten den Ziegen und Schasen kein Hälmchen (vgl. Palästinajahrbuch 1908 S. 72 ff.). Am Rand dieses öden, zerklüfteten Gebietes weidete David die Schafe, 1 Sa. 16,11; 17,15. 34; in ihren Höhlen und Schluchten verbarg er sich vor Saul, 1 Sa. 23,14 ff., 24,1 ff.; ebenso später der Makkabäer Jonathan, 1 Makk. 9,33; durch den Norden dieses Gebietes führte die Straße von Jerusalem nach Jericho, Luk. 10,30. Im Neuen Testament wird auch der wüstenhafte südliche Teil des Jordantales, wo Johannes der Täufer wirkte, das Gefilde Jerichos, darunter befaßt, Mt. 3,1; Mk. 1,4. Teile der Wüste Judas sind die Wüste Engedi, Jeruel, Maon, Siph, Thekoa. Nördlich von der Wüste Juda liegen ähnliche Wüstenstrecken bei Gibea (Richt. 20,42 ff.), Michmas (1 Sa. 13,18), Ai (Jos. 8,15), Bethaven (Jos. 18,12).
Von bedeutenderen Wüsten ist Palästina im Osten und Südwesten begrenzt: im Osten liegt „das wüste Arabien“ oder die syrische Wüste, die zur Wüste übrigens nur durch den Mangel an Bewässerung wird und mehr den Steppencharakter an sich trägt; sie ist zum Beispiel Jes. 40,3 gemeint, auch im letzten Stadium der Wanderung Israels, 4 Mo. 21,11 u. ö. Die Wüste von Kedemoth zum Beispiel (5 Mo. 2,26) ist ein Teil von ihr.
Sehr häufig wird die Wüste im Süden Palästinas in der Bibel erwähnt; sie heißt „die Wüste“ schlechthin, 1 Mo. 14,6; 16, 7; 2 Mo. 3,1; 13,18; 5 Mo. 11,24 u. ö. Es ist die Wüste der sinait. Halbinsel, das Land, durch das Israel auf dem Weg aus Ägypten nach Kanaan zog. Den südlichen Gebirgskern haben wir im Art. Sinai betrachtet. Im Norden davon durchzieht zunächst fast die ganze Halbinsel ein Sandsteingürtel, in dem niedrige Berge mit plateauartigen Gipseln, phantastischen Umrissen und prächtigen Farben wechseln mit engen Tälern und breiten Ebenen, wie der Ebene Debbet er-Ramleh. Diese Sandsteinregion wird im Norden abgeschlossen durch den Dschebel et-Tih, ein Kalksteingebirge, das bis 1370 m hoch in einem nach Norden offenen Bogen vom Westrand der Halbinsel bis in die Nähe von Akaba zieht. Und nun folgt im Norden ein ödes und einförmiges Kalksteinplateau, jetzt Wüste et-Tih, das heißt der Irrsal (nämlich der Kinder Israel), genannt, vom Wadi el-Arisch, dem Bach Ägyptens durchzogen. Die Wüste ist fast wasserlos, die Wadis vielfach auf der Ebene fast nicht bemerkbar. Der Boden ist meist hart, unergiebig, mit einer Menge Kiesel überdeckt; dazwischen Flugsandstrecken, öde Kalkhügel. Die Winterregen wecken zwar auch hier ein armes Pflanzenleben, eine ärmliche Vegetation findet sich in den Wadis, etwas mehr in den größeren, die mehr Feuchtigkeit haben; einzelne Stellen sind sogar kulturfähig. Im ganzen ist es öde, leere Wüste, Anderer Art ist der nordöstliche Teil, das Bergland der Azazime, nach dem Beduinenstamm, der es bewohnt, genannt. Es ist im Norden vom Wadi Marra begrenzt und erscheint von Norden gesehen als riesiges Hochgebirg. In Innern ist es eine einförmige Wüste, dagegen finden sich in den breiten Tälern nach Norden mehr und mehr Spuren von früheren Ortschaften und von Fruchtbarkeit. Im A. T. hat die Wüste keinen einheitlichen Namen; von einzelnen Teilen werden die Wüste Sur, Etham, Sin, Sinai, Pharan, Zin, Kades genannt (vgl. d. Artt. u. Wüstenzug).
Zur Übersicht