Tyrus
Allgemein
Tyrus [babyl. (Tell el-Am.) Zurru, ägypt. Dzor, assyr. Zurru, während das auf dem Festland gelegene Alt-Tyrus babyl. Usu, assyr. Usehû (wahrscheinlich das bibl. Hosah, Jos. 19,29) hieß], hebr. Zor, neben Sidon die mächtigste Handelsstadt Phönikiens.
Der Name Zor („Fels“) rührt wohl von den zwei flachen, aber felsigen Inseln her, welche den Kern der Stadt trugen. Nach der früheren Annahme lag das alte Tyrus (Palätyrus) auf dem Festland, 1½ Stunden südlich von jenen Inseln, in reichbewässerter, gartenerfüllter Küstenebene. Auf jenen Inseln sollen anfangs nur der uralte Melkarthtempel und einige Bauten zum Zweck des Handelsbetriebs gelegen haben. Erst später wurden die Inseln mehr besiedelt, wozu der Boden durch Aufschütten der Erde erst hergerichtet werden mußte.
Doch ist diese Darstellung unrichtig. Tyrus, das nach Herodots (allerdings nicht kontrollierbarer) Angabe um 2730 v.Chr. gegründet worden sein soll, war eine Inselstadt, die nicht einmal eine eigene Quelle besaß, sondern ihr Wasser von der gegenüberliegenden Küste, die durch einen etwa einen Kilometer breiten Meerarm getrennt war, sich verschaffen mußte. Dort lag ein Küstenort Usu, dem die Griechen ohne Grund den Namen Tyrus (Palätyrus) gegeben haben, über dessen genaue Lage sie aber selbst nicht klar waren. Die Inseln boten im Norden und Osten natürliche, später künstlich erweiterte Häfen; von Hiram wurden sie durch Aufschüttungen vereinigt, hatten aber so auch nur 22 Stadien (5300 Schritt) Umfang. Immerhin mochte dieses Inseltyrus, das durch angeblich 150 hohe Mauern zur überaus starken Seefestung gemacht war, etwa 25000 Einwohner zählen.
Geschichte
Was die Geschichte betrifft, so sind die Anfänge ganz in Dunkel gehüllt. Seit 1500 etwa war Tyrus und ganz Phönikien den Ägyptern unterworfen. Um 1400 beginnt die ägyptische Herrschaft zu wanken. Die Hethiter dringen von Norden herein. Nachdem noch Ramses II. um 1320 wenigstens den Süden Syriens vertragsweise sich gesichert hatte, brach unter Ramses II. die ägyptische Herrschaft in Syrien ganz zusammen. Im 12. Jahrhundert löste sich auch das Hethiterreich in kleine Staaten auf. Bald darauf begann die Blüte der phönikischen Städte. Zunächst scheint Sidon einen Vorrang gehabt zu haben; bald (um 1050) trat Tyrus in den Vordergrund. Es verdunkelte durch großartige Kolonisationstätigkeit in Sizilien, Sardinien, Spanien, Afrika u. durch Handelsunternehmungen bis nach Indien u. Britannien (Zinninseln=Wight?) die alte Nebenbuhlerin.
Unter Hiram (969-936) begannen die Berührungen mit dem benachbarten Israel. Es war die glänzendste Zeit von Tyrus. Hiram verband durch Aufschüttungen die beiden Inseln, aus denen die Stadt bestand, und vergrößerte die Stadt. Ethbaal heißt 1 Kö. 16,31 König der Sidonier; es scheint also um diese Zeit die Unterordnung Sidons unter Tyrus entschieden gewesen zu sein. Seine Tochter Isebel war Ahabs Gemahlin. Unter Pygmalion soll 814 Karthago gegründet worden sein. Später richtete sich gegen den Vorort Phönikiens der Angriff des assyrischen und babylonischen Weltreichs. Schon um 840 rühmt sich Salmanassar II., vielleicht prahlerisch, von Tyrus, Sidon, Byblus Tribut erhalten zu haben. Dem Ramman-nirari (etwa 800) scheinen Tyrus und Sidon in der Tat Tribut gezahlt zu haben. Die Propheten, zum Teil entrüstet darüber, daß der tyrische Sklavenhandel auch Israeliten nicht verschonte (Am. 1,9; Joel 4,4ff.), verkündigten der üppigen, hochmütigen Handelsstadt wiederholt das Gericht, Jes. 23; Hes. 26-29; Sach. 9,3ff. 5 Jahre belagerte Sanherib (701-696) vergeblich die Stadt; ebenso (um 670) Asarhaddon. Nach der Zerstörung Jerusalems belagerte Nebukadnezar 585-572 13 Jahre lang die stolze Meeresfeste; daß er sie erobert habe, hat man nur aus den Weissagungen des Hesekiel geschlossen; es ist aber, da jede Kunde darüber fehlt, nicht anzunehmen. Doch erhielt die Macht von Tyrus einen ersten bedeutenden Stoß. Williger fügte sich Tyrus der persischen Herrschaft, die in keiner Weise drückend war.
Als es nach der Schlacht bei Issus Alexander dem Großen den Einzug in die Stadt verweigerte, zog es sich die furchtbare Züchtigung zu, die nach 7 monatlicher Belagerung der ergrimmte Sieger über sie verhängte: 8000 waren im Kampf gefallen, 30000 wurden in die Sklaverei verkauft. Zwar wurde die Stadt nicht zerstört, aber die alte Bedeutung konnte es in dem griechischen Weltreich mit dem aufblühenden Alexandria nicht mehr erlangen. In bescheidener Blüte bestand es unter syrischer und römischer Herrschaft fort. Durch Handel und Fabriken, namentlich Metallindustrie, Feinweberei und Purpurfärberei, blühte es immer noch. Der Damm, welchen Alexander vom Festland zur Insel hinüber gebaut hatte, blieb, verbreiterte sich durch Meeresanspülung und wurde der Kern einer Landenge, durch welche die Insel zur Halbinsel wurde. Noch in der Zeit der Kreuzzüge war es eine ansehnliche Feste, die erst 1291 nach der Erstürmung von Akko von den Christen geräumt und dann zerstört wurde.
Jetzt ist Sur ein verfallener Flecken mit ca. 6500 Einwohnern, darunter 3500 Muslimen, 2800 Lateinern (Tafel 22). Die aus dem einstigen Damm erwachsene Landenge ist an der Küste 2 km, an der Insel 600 m breit. Die Stadt liegt an der Nordecke der einstigen Insel (). In der Kreuzfahrerkirche, von der Trümmer vorhanden sind, sollen Friedrich Barbarossas Gebeine beigesetzt worden sein. Der heutige Hafen im Norden an der Stelle des einstigen sidonischen Hafens ist nur wenig versandet; der alte sogenannte ägyptische Hafen im Süden der Insel ist im Sand begraben.