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Thessalonicherbriefe

Thessalonich, Thessalonicherbriefe. Auf seiner zweiten Missionsreise war Paulus etwa im J. 49 zum erstenmal nach Thessalonich, Thessalonicherbriefe gekommen. Diese Stadt, 315 v. Chr. von Kassander unweit des alten Therme gebaut und nach seiner Gattin Thessalonike genannt, jetzt das bedeutende Saloniki an der nordöstl. Spitze des Thermäischen Meerbusens gelegen, war damals eine blühende Handelstadt mit reicher, freilich auch sittenloser Bevölkerung, die aus Griechen, Römern und zahlreichen Juden bestand. Der Apostel fand mit seiner Predigt Eingang bei manchen seiner Volksgenossen, mehr noch bei Proselyten und Heiden, Apg. 17,1-4. Kaum hatte sich eine hoffnungsvolle Gemeinde um ihn gesammelt, so vertrieb ihn ein von den Juden angestifteter Pöbelaufstand aus der Stadt. Besorgt um das Schicksal der Gemeinde, die so früh unter schwierigen Verhältnissen — die Briefe deuten mehrfach auf Verfolgungen hin: 1 Th. 1,6; 2,14; 3,3; 2 Th. 1,4 — ihres Leiters beraubt war, wünschte Paulus wiederholt nach Thessalonich, Thessalonicherbriefe zurückzukehren, 1 Th. 2,18, aber da ihm selbst die Reise verwehrt war, sandte er von Athen aus den Timotheus dorthin, um durch ihn die Gemeinde zu stärken und selbst Kunde von ihrem Stand zu erhalten, 1 Th. 3,2. 5. Die Nachricht, welche Timotheus dem mittlerweile nach Korinth gelangten Apostel zurückbrachte, war eine tröstliche: die junge Gemeinde stand fest im Glauben und in der Liebe und bewahrte ihrem Gründer treue Anhänglichkeit 3,6. Um so mehr fühlte sich jedoch Paulus gedrungen, den so früh abgebrochenen persönlichen Verkehr durch brieflichen zu ersetzen, die durch viele Prüfungen gehende Gemeinde noch weiter zu trösten, gegenüber von Verdächtigungen seiner Person an die Art seines Wirkens in ihrer Mitte zu erinnern und auf ihm bekannt gewordene Schäden hinzuweisen. Die letzteren bestanden hauptsächlich in zu großer Laxheit gegenüber den heidnischen Lastern der Unzucht und Habsucht, 4,3 ff. 6, und im Mangel an Unterordnung unter die Gemeindevorsteher, 5,12 f. Zugleich sehen wir aus unsern Briefen, daß namentlich Gedanken über die nahe Wiederkunft Christi die Gemeinde beschäftigten. Manche versäumten in schwärmerischem Blick auf diese Zukunft ihre Berufsarbeit, 4,11 f., und Zweifel über den Anteil der Verstorbenen an der Wiederkunft Christi beunruhigten die Gemüter, 4,13 ff. Auch hierüber will Paulus die nötige Mahnung und Belehrung geben. So haben wir an den beiden Thessalonicherbriesen, den frühesten Zeugnissen der brieflichen Wirksamkeit des Apostels, vorzugsweise Proben seiner seelsorgerl. Arbeit an den Gemeinden; ein warmer, väterlicher Ton zeichnet sie aus, wogegen eigentliche Lehrentwicklungen noch zurücktreten.
Der erste Brief zerfällt in zwei Teile. Der erste, Kap. 1-3, ist der Befestigung und Sicherung der persönlichen Beziehungen zwischen dem Apostel und der Gemeinde gewidmet, Paulus rühmt den guten Anfang, welchen die Thessalonicher gemacht haben, 1,2-10, er erinnert sie sodann an seine lautere, von allen selbstüchtigen Hintergedanken freie Verkündigung des Evangeliums und die liebevolle Gesinnung, die er ihnen bewiesen habe, 2,1-12 — ohne Zweifel war dieser Hinsicht sein Charakter bei ihnen verdächtigt worden —, rühmt dann abermals die Aufnahme seiner Predigt und ihre Ausdauer in den Verfolgungen durch heidnische Volksgenossen, V. 13-16, versichert sie seines herzlichen Verlangens nach ihnen, V.17-20, aus welchem auch die Sendung des Timotheus hervorgegangen sei, 3,1-5, dessen Nachrichten ihn mächtig getröstet haben, V. 6-9. Sein Wunsch für sich sei der, wieder mit ihnen zusammengeführt zu werden, sein Wunsch für sie, daß sie wachsen und unsträflich seien auf die Zukunft Christi, B. 10-13. Der zweite Teil, Kap. 4 und 5, enthält Ermahnung und Belehrung. Er beginnt mit der Warnung vor Unzucht, 4,3-5, Habsucht, V. 6, der Mahnung zum Wachstum in der bisher bewiesenen brüderlichen Liebe, V. 9 f., und zur Arbeitsamkeit, B. 11 f. Das Los der Entschlafenen dürse sie nicht bekümmern; sei Christus selbst durch den Tod hindurchgegangen, so werde er gewiß auch die im Glauben an ihn Entschlafenen zu neuem Leben erweckt um sich sammeln am Tag seiner Wiederkunft, V. 13-18. Da aber die Zeit seines Kommens ungewiß ist, 5,1-3, ziemt dem Christen Bereitschaft, V. 4-8, auf Grund der ihm bekannten Heilsabsicht Gottes, V. 9 f.; zu solcher Bereitschaft soll einer den andern ermuntern, V. 11. Den Schluß machen mancherlei weitere Ermahnungen, die sich auf das Gemeindeleben und den Wandel der Einzelnen beziehen, V. 12-22, Segenswunsch und Gruß, B. 23-28. Geschrieben ist dieser Brief nach 2,17 und nach dem ganzen Inhalt kurze Zeit nach der Anwesenheit des Paulus in Thessalonich, Thessalonicherbriefe, im Anfang seines korinthischen Aufenthalts, also wohl im J. 50. Seine Echtheit anzufechten ist keinerlei hinreichender Anlaß.
Unser zweiter Brief ist dem ersten nach kurzem Zwischenraum gefolgt. Abermals hat Paulus von Thessalonich, Thessalonicherbriefe Gutes vernommen; doch haben die Zukunstserwartungen in steigendem Maß die Gemüter aufgeregt. Viele halten das Kommen des Herrn für unmittelbar vor der Türe stehend, weissagende Stimmen behaupten es und gesälschte Briefe des Apostels sollen es bestätigen, 2,2. Darum haben sich viele einem unordentlichen, müßigen Leben ergeben und beschästigen sich mit vorwitzigem Grübeln über die Geheimnisse der Zukunst, 3,11. Dies veranlaßt den Apostel, wiederholt mit einem Lehr- und Mahnschreiben vor die Gemeinde zu treten. Auf einen längeren Eingang, 1,1-12, welcher abermals das Gute der Gemeinde anerkennt, V. 3 f., in den noch sortdauernden Trübsalen eine Bürgschaft des einstigen gerechten Gerichtes Gottes aufzeigt, V. 5-10, und mit einem Gebetswunsch für das Bestehen der Leser in diesem Gericht schließt, V. 11 f., folgt I. ein belehrender Teil, Kap. 2. Der Tag Christi kommt nicht, ehe der Mensch der Sünde offenbar gemorden ist; für jetzt hält diesen noch eine Macht (Vers 6). oder Person (Vers 7) zurück, welche Paulus nicht näher nennt, welche aber den Lesern bekannt ist. Dieser Mensch der Sünde wird als ein Werkzeug des Satans, ein Widersacher Christi geschildert, der in Bermessenheit sich selbst für Gott ausgibt und durch seine Verführungskünste viele berücken wird, bis ihn Gott durch den Hauch seines Mundes zu nichte macht. Über verschiedene Erklärungen dieser Stelle s. Art. Antichrist. Hieran schließt sich auch dieser Ausführung sosort an der Dank des Apostels für die Berufung der Thessalonicher und die Ermahnung zum Festbleiben unter dem stärkenden Gnadeneinflusse Gottes, V. 13-17. Es folgt nun II. ein ermahnender Teil, Kap. 3. Er beginnt mit der Aufforderung, zur Fürbitte für den Apostel, V. 1-3, darauf folgt, besonders eindringlich gemacht durch die Verse 4 u. 5, die Mahnung zu stiller, geduldiger, geordneter Arbeit, V. 6-15. Den Schluß macht der Segenswunsch, von Paulus eigenhändig geschrieben, damit diese eigenhändigen Worte den Lesern als Erkennungszeichen seiner echten Briefe dienen, B. 15-18. Auch dieser zweite Brief ist nur im Interesse willkürlicher Deutungen des Abschnitts 2,1-12 mit ungenügenden Gründen dem Paulus abgesprochen worden. Ohne Zweifel hat ihn Paulus noch während seines korinthischen Aufenthalts, etwa im Jahr 51, verfaßt.
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