Römerbrief
Römerbrief. Über die Entstehung der römischen Gemeinde haben wir keine deutlichen Nachrichten. Was man später in Rom erzählte: 12 Jahre nach dem Pfingsttag habe Petrus Jerusalem verlassen und sei nach Rom gegangen, wo er 25 Jahre lang der Bischof der Gemeinde gewesen sei, bis er in der von Nero befohlenen Verfolgung gekreuzigt wurde, gibt den Verlauf der apostolischen Geschichte unrichtig wieder. Wir erfahren durch Gal. 2 und Apg. 15, daß Petrus beträchtlich länger die Kirche von Jerusalem geleitet hat, und der Römerbrief zeigt, daß zur Zeit, als Paulus seine Arbeit in Kleinasien und Griechenland beschloß, zwar die Gemeinde von Rom bestand, dagegen keinen Apostel in ihrer Mitte hatte. Ebenso findet sich im Philipperbrief keine Spur davon, daß damals Petrus zugleich mit Paulus in Rom die Apostelarbeit tat. Die Ankunft des Petrus in Rom ist somit nicht weit von der Neronischen Verfolgung zu entfernen. Die Gemeinde von Rom wird dadurch entstanden sein, daß der starke, Verkehr, in dem die Stadt mit dem Orient, namentlich mit seinen großen Städten, Antiochia, Ephesus, auch Jerusalem stand, auch Christen in die Hauptstadt führte, und es ist ein Beweis für den kräftigen Glaubensstand der ersten Zeit, daß sie auch in der Weltstadt in treuer Gemeinschaft zusammenhielten und durch die mutige Erfüllung ihrer Zeugenpflicht ihre kleine Schar vergrößerten. Wie weit ihnen dabei die Synagoge als der erste Ort zur Verkündigung Jesu gedient hat, wird nicht sichtbar; es ist aber wahrscheinlich, daß auch in Rom wie überall zuerst und vor allem Israel zu Jesus berufen worden ist. Doch zeigt Apg. 28,22, daß die Häupter der röm. Judenschaft erst von Paulus genötigt wurden, sich für oder gegen Jesus zu entscheiden. Den Plan, nach Rom zu gehen, faßte Paulus, als er die Gemeinde von Ephesus zu festem Bestand gebracht hatte, Apg. 19,21; vgl. Röm. 1,13. Sein Wunsch wurde aber zunächst dadurch vereitelt, daß sich seine Arbeit in Ephesus hinzog, und sodann dadurch, daß die korinthische Gemeinde ihn in Anspruch nahm. Gegen das Ende seines zweiten Aufenthalts in Korinth, bevor er mit der Kollekte der griechischen Gemeinden die Reise nach Jerusalem antrat, schrieb er seinen Brief an die röm. Christen. Er hatte sich damals sein Ziel bereits weiter gesteckt über Rom hinaus und wollte, falls er frei Jerusalem verlassen könne, die Botschaft Jesu nach Spanien bringen. Die Verkündigung des Evangeliums in Italien wies er der in Rom schon bestehenden Christenheit zu und begehrte für sich ein Arbeitsfeld, auf dem noch der erste Anfang zu geschehen hatte. Die Ausführung dieses Plans hätte ihn aber zunächst nach Rom gebracht und darum begann er bereits jetzt vor der Abreise nach Jerusalem den Verkehr mit der römischen Christenheit, 1,8-16; 15,14. 33. Nun ist aber merkwürdig, daß Paulus mit diesem Anlaß die größte lehrhafte Darstellung seiner Predigt verband, die er je geschrieben hat. Das rührt nicht daher, daß Paulus damals mit besondrer Sorge auf die Gemeinde sah, etwa deshalb, weil sie von Anfang an in einem Gegensatz zu ihm stand und den Unterschied des Christentums vom Judentum noch nicht begriff, oder deshalb, weil sie eben jetzt durch jüdisch gesinnte Evangelisten aufgeregt und von Paulus weggelockt wurde. Denn er spricht vom Glaubensstand der Gemeinde mit dem höchsten Lob, 1,8; 15,14, und mutet ihr auch in seinem Brief beständig die ganze Reife der christlichen Erkenntnis zu, ohne daß er es für nötig hält, die Einreden gegen seine Botschaft eingehend zu widerlegen. Dagegen hat auf die lehrhafte Ausführlichkeit seines Briefs dies jedenfalls Einfluß gehabt, daß ihn die Gemeinde noch nicht persönlich kannte und das christliche Wort noch nie in der Bestimmtheit und Kraft gehört hatte, wie er es den Gemeinden zu sagen vermochte. Sodann macht die Richtung, die er seinen Ausführungen gibt, sichtbar, daß ihn die schweren Erfahrungen, die er in den griechischen Gemeinden machte, auch bei seinem Brief an die Römer bewegten. Er sprach daher mit ihnen über diejenigen Punkte, die den Gemeinden schwer wurden und Schwankungen bei ihnen hervorriefen. Die römischen Christen waren von derselben Art wie die von Ephesus und Korinth und hatten in denselben Fragen eine klare Gewißheit nötig, die die andern bedrängten. Vielleicht wußte er auch durch Nachrichten aus Rom, was die dortigen Brüder umtrieb und ihnen inwendig Mühe machte, vgl. Kap. 14. Die drei großen Hauptstücke des Christenstands, die er den Römern erklärt, sind: zuerst wie uns das Evangelium zur Gerechtigkeit verhelfe, 1,16-8,39, sodann wie Gottes Verfahren mit Israel zu verstehen sei, 9,1 bis 11,36, endlich welches die Merkmale des christlichen Wandels seien, 12,1-15,13. Zum ersten Thema, wie wir von Jesus die Gerechtigkeit empfangen, bereitet er sich den Übergang von seinem unermüdlichen Eifer in der apostolischen Arbeit her. Er ist bereit, das Wort Jesu auch nach Rom zu bringen, weil Gott durch dasselbe jedem Glaubenden die Rettung gewährt, und dies verschafft uns das Evangelium deshalb, weil sich durch dasselbe Gottes Gerechtigkeit an uns offenbart, 1,16. 17. Nun zeigt er zuerst, daß die Not der Griechen und der Juden darin bestehe, daß sie sündigen und darum Gottes Zorn auf sich haben, 1,18-3,20. An dem Elend, das durch Jesus sein Ende findet, erkennen wir, worin seine Gabe besteht und wozu er uns verkündigt ist. Dabei bringt es der Vorzug des Juden vor den Griechen mit sich, daß er mit besonderem Nachdruck am Juden zeigt, daß auch er sich trotz seiner Kenntnis des göttlichen Willens als schuldig bekennen und nach der göttlichen Gnade verlangen muß, 2,1-3,20. Dem stellt er nun das gegenüber, was uns Jesus gewährt, indem er uns durch den Glauben mit sich vereint. Weil sich in ihm Gottes vergebende und erlösende Gnade offenbart, darum ist unser auf Jesus gerichteter Glaube unsre Gerechtigkeit, 3,21-31. Nun verweilt Paulus dabei, daß wir im Glauben, nicht in unsrem Werk die Gerechtigkeit haben, und zeigt uns deshalb Abraham als den, der durch Glauben die Gerechtigkeit empfing und darum zum Vater der Glaubenden gemacht ist, K. 4. So erkennen wir, daß durch das Werk Jesu Gottes Wille, wie er sich in der Berufung Abrahams und der Gründung Israels offenbarte, zur Erfüllung kam. Sodann zeigt er, wie vollständig die in Jesus uns geschenkte göttliche Gnade sei, da mit der Rechtfertigung auch Gottes Herrlichkeit und Liebe an uns offenbar werden, weshalb wir mit Freudigkeit auf die Offenbarung und das Gericht des Christus warten, 5,1-11. Dasselbe Resultat ergibt sich aus der Vergleichung zwischen Adam und Jesus, weil die von Adam stammende Macht der Sünde und des Todes in Jesus für alle durch die Herrschaft der Gerechtigkeit und des Lebens ersetzt ist, 5,12-21. Nun aber wendet Paulus unsren Blick darauf, daß wir wirklich im Glauben die Befreiung von allem Bösen, also wirklich die Gerechtigkeit vor Gott besitzen. Das zeigt er uns zuerst dadurch, daß wir am Tod und Leben des Christus Anteil haben und dadurch der Sünde gestorben und der Gerechtigkeit untertan geworden sind, K. 6. Daraus ergibt sich wieder der Unterschied zwischen dem Judentum und dem Christentum, weil unsre Befreiung nicht durch das Gesetz bewirkt wird, vielmehr unsre Erlösung vom Gesetz, das uns verurteilt, zur Voraussetzung hat. Weshalb wir unsre Hoffnung nicht auf das Gesetz stellen können, wird daran sichtbar, daß es uns, weil wir fleischlich sind, nicht unschuldig, sondern schuldig macht, und unsren Streit gegen Gott vertieft, K. 7. Deshalb hat aber Jesus für uns die uns unentbehrliche Hilfe, weil durch ihn Gottes Geist zu uns kommt, der uns zu seinen Kindern macht, 8,1-17. Daher empfangen wir auch für das, was uns noch fehlt, für unsre Schwachheit und Not, die gewisse und vollständige Hoffnung, so daß Paulus diesen Abschnitt mit der herrlichen Danksagung schließen kann, die Gottes Liebe im Christus als das preist, wodurch wir alles überwinden, 8,18-39.
Der neuen Gerechtigkeit, die nicht die des Menschen, die des Gesetzes, die der Werke, sondern die Gottes, die des Christus und des Geistes, die des Glaubens ist, entspricht, daß nun auch eine neue Gemeinde entsteht. Daraus ergab sich aber eine schwere Frage, die viele in der Christenheit bedrängte, weil die neue Gemeinde nur durch die Verwerfung der alten, die Sammlung der Christenheit nur durch das Gericht über Israel zustande kam. Das bereitete denen, deren Herz am alten Volk Gottes hing, viele Betrübnis und konnte die, die nicht aus Israel, sondern aus den Heiden in die Gemeinde traten, zur stolzen Überhebung über das gefallene Israel verleiten. Darum wendet sich Paulus nun zum Geheimnis der göttlichen Regierung, wie sie sich im Schicksal Israels offenbart, K. 9-11. Nachdem er sich zu denen gestellt hat, die über den Fall Israels trauern, 9,1-5, bezeugt er zuerst die Hoheit Gottes, an den niemand eine Forderung zu stellen hat, von dem vielmehr jeder alles empfängt, was er ist, Erbarmung oder Gericht nach Gottes eigenem Willen. So endet jedes Murren gegen Gottes Walten, 9,6-29. Dann zeigt er, woher Israels Unglück komme, daher, daß es die ihm angebotene Gnade ungläubig von sich stößt, 9,30-10,21, und nun macht er auch in der Verwerfung Israels das Werk der göttlichen Gnade sichtbar, da durch den Widerstand Israels gegen Jesus die Berufung zu den Heiden kam und auch für Israel noch die Stunde seiner Rettung kommt, K. 11. So macht auch dieser Abschnitt offenbar, wie vollständig sich die Herrlichkeit Gottes im Werk des Paulus, der die Heiden zu Jesus führt, wirksam erweist, weshalb er auch diese Belehrung mit einer feierlichen Danksagung beschließt.
Dann beschreibt er der Gemeinde die Liebe in ihren mannigfachen Erweisungen, K. 12, lehrt sie in der Obrigkeit eine göttliche Wohltat erkennen, 13,1-10, leitet sie an, ihre Hoffnung auf Jesu Offenbarung zur Reinigung ihres Wandels zu benützen, 13,11-14, und zeigt ihr den Weg, wie sie trotz großer Verschiedenheiten dennoch die Eintracht bewahren und Schwache und Starke zu fester Verbundenheit vereinigen kann, 14,1-15,13. Zu dieser Ermahnung haben ihn wohl Berichte aus Rom veranlaßt; es gab dort solche, die sich des Fleisches enthielten und auf die Beobachtung heiliger Tage, vor allem des Sabbats, nicht verzichteten. Aber solche Unterschiede heben die Einheit der Gemeinde nicht auf, so lange das Grundgesetz der Christenheit in Geltung steht, daß keiner für sich selber lebt, sondern alles, was er tut, für den Herrn aus Glauben tut. Nachdem er die Gemeinde über seine Pläne unterrichtet hat, 15,14-33, schließt er den Brief mit einer langen Reihe von Grüßen, K. 16. Für die Vermutung, das letzte Kapitel stamme aus einem nach Ephesus gerichteten Brief und sei nur durch ein Versehen mit dem Römerbrief zusammengewachsen, lassen sich einige der Erwägung werte Gründe nennen. Aquila, der unter den Gegrüßten zuerst genannt ist, hat Korinth zugleich mit Paulus verlassen und seine Gemeinschaft mit Paulus in Ephesus fortgesetzt, Apg. 18,18. 26; dort wohnte er auch wieder zur Zeit, als Paulus zum letztenmal gefangen war, 2 Tim. 4,19. Neben Aquila steht Epänetus, 16,5, derjenige Christ, der zuerst in Ephesus die Taufe erhielt. Die große Zahl von Männern und Frauen, mit denen Paulus bereits in der Gemeinschaft der Arbeit und des Leidens stand, überrascht, wenn wir dabei an die römische Gemeinde denken, während sie sich für Ephesus ohne weiteres erklärt. Doch reichen diese Erwägungen nicht zu einer Sicherheit schaffenden Beweisführung aus. Die große Zahl der Grüße wird sich beim Römerbrief eben dadurch erklären, daß Paulus hier noch nicht die ganze Gemeinde kannte. Schrieb er an ihm bekannte Gemeinden, dann hat er nie einzelne durch einen besonderen Gruß vor den andern ausgezeichnet. Aquila kann aus demselben Grund nach Rom gezogen sein, der ihn bewog, gleichzeitig mit Paulus nach Ephesus zu gehen. Paulus hoffte beim Abschied von Ephesus, er könne seine Arbeit nach Rom verlegen, und dort war ihm die Gemeinschaft mit Aquila ebenso wertvoll wie in Ephesus und Korinth. Die Pläne des Paulus wurden zunächst dadurch verändert, daß ihn die Reise nach Jerusalem in die Gefangenschaft brachte. Er konnte erst drei Jahre nach dem Brief seinen persönlichen Verkehr mit den römischen Christen beginnen, Apg. 28,15, hat ihnen dann aber länger, als er zur Zeit des Römerbriefs dachte, wenn auch als Gefangener, gedient. Dafür, daß er seinen Wunsch, nach Spanien zu kommen, auszuführen vermochte, liegt nirgends ein sicheres Zeichen vor. Der Brief dagegen, mit dem er seine Gemeinschaft mit den Römern begann, kam als ein kostbares Erbe in den Besitz der ganzen Kirche und zeigt ihr mit unvergänglicher Kraft den Weg in die Gerechtigkeit, die vor Gott besteht.