Prediger Salomo
Prediger Salomo. Das alttestamentl. Buch, das diesen Titel (in der griechischen und lateinischen Bibel ecclesiastes) trägt, ist nach seiner Form und seinem Inhalt mit den Sprüchen und mit Hiob verwandt; doch ist hier der Spruch mit seiner geschlossenen Kürze und rätselhaften Spitze in längere, zusammenhängende Erörterungen hineingesetzt und alles ist demselben Hauptgedanken unterstellt, so daß eine einzige, große Wahrheit durch das Buch zur Darstellung kommt, nämlich die, daß das Streben u. Wirken des Menschen nichtig ist. Das wird zuerst durch eine Übersicht über die uns erreichbaren Güter erwiesen, Kap. 1 und 2. Wie die Natur bei aller Bewegung doch nicht voranschreitet, sondern einen Kreislauf vollzieht, so bringt sich auch der Mensch nicht vorwärts und schafft nichts Neues. Auch in der Weisheit kann man den Zweck des Lebens nicht finden, weil sie ebenso sehr ein Übel als ein Gut ist und sich mit dem Wachstum unsrer Erkenntnis auch die Schmerzen und der Kummer mehren. Sinnengenuß und Reichtum ist auch Eitelkeit, weil daran das Herz nicht satt wird. Der Unterschied, der freilich zwischen der Weisheit und der Torheit besteht, wird dadurch aufgehoben, daß dasselbe Geschick die Weisen und die Toren trifft. So bleibt uns nur das Einfachste als wirkliches Gut übrig: essen und trinken und die Seele Gutes sehen lassen. Allein nicht einmal das steht in der Macht des Menschen; vielmehr gibt Gott dies dem, dem er es geben will. Darauf folgt eine reiche Aufzählung von Rätseln, wie sie uns unsre Erfahrung beständig zeigt, 3,1-12,8. Jedem menschlichen Unternehmen steht sein Gegensatz zur Seite und beides hat seine Zeit, 3,1-9. Unerreichbar hoch steht Gottes Werk über dem unsrigen; wir können es weder verstehen, noch verändern, 3,10-15. Auch das Recht, das das uns auszeichnende Merkmal unsres Lebens ist, verkehrt sich auf Erden in Unrecht, 3,16-18. Unser Ausgang bringt für diese Rätsel keine Lösung; denn er unterscheidet sich nicht von dem des Tiers, 3,19-22. Viel Unrecht geschieht unter den Menschen, viel mühselige und doch vergebliche Arbeit, viel Überhebung. Für uns ist die schweigende Beugung vor Gott das Richtige, 4,1-5,18. Reichtum und langes Leben sind auch nicht an sich schon ein Gewinn, 5,19-6,12. Darauf folgen Lebensregeln, die uns zur Demut und Entsagung anleiten, 7,1-24. Ein weiteres großes Rätsel ist das Weib, das vielen zum Fallstrick ward, und eine andere Gefahr ist der König; am Verkehr mit ihm kommt auch mancher zu Fall, 7,25-8,7. Nochmals folgen Gründe, die uns beugen sollen: unsre Ohnmacht gegenüber dem Tod, Gottes Zurückhaltung, die das Unrecht nicht ahndet, dasselbe Los aller, der Gerechten wie der Ungerechten, all das widerlegt den Anspruch des Menschen, daß er weise sei, und zeigt ihm, daß er sich an der Gabe freuen soll, die ihm zum Genuß gegeben ist, 8,8-9,16. Am Toren wird gezeigt, wie schwer er sich selber schadet; aber auch vor zu viel Überlegung muß man warnen. Die Jugendlust ist köstlich; sie darf aber das Gericht Gottes nicht vergessen, und auch sie ist eitel, da das Alter und der Tod auf sie folgen, 9,17-12,8. So ergibt sich als das abschließende Ergebnis, das das Schlußwort, 12,9-14, feststellt, die Gewißheit, daß der Mensch Gott zu fürchten hat, den Gott, vor dem nichts verborgen ist und der alles richtet.
„Prediger“ ist in dem Buch der Name, der Salomo gegeben wird. Er wird mit diesem Namen wahrscheinlich als der bezeichnet, der in der Versammlung der Weisen das Wort führt und die Lernbegierigen bei sich versammelt, um sie zu unterweisen. Zum Zeugen für die Nichtigkeit des menschlichen Wissens und Wirkens wird Salomo nicht nur deshalb gemacht, weil die Späteren ihn als den vollkommenen Weisen verehrten, sondern auch deshalb, weil er ein besonders deutliches Beispiel für die Nichtigkeit des menschlichen Strebens geworden ist. Alle Machtmittel und alles Glück waren sein und doch endete er in Torheit und sein Werk scheiterte mit seinem Tod. Der Mann, der ihn deshalb zum Zeugen für unsre Nichtigkeit macht, hat aber erst der nachexilischen Gemeinde angehört. Dies beweist schon die Sprache des Buchs, die den Einfluß des Aramäischen deutlich zeigt und durch ihre Dunkelheit und Schwerfälligkeit sichtbar macht, daß der Verfasser nicht mehr hebräisch sprach, sondern nur noch hebräisch las und schrieb. Ob er noch in das Ende der persischen Zeit (4. Jahrh. v. Chr.) oder in den Anfang der griechischen Zeit (3. Jahrh.) gehört, ist nicht sicher zu entscheiden. Die Vermutung liegt nahe, daß die tiefe Erschütterung, durch die sich hier der Glaube an Gottes Regierung hindurchringt, durch den Einfluß der griechischen Weltbetrachtung veranlaßt sei. Sie habe alle überlieferten Maßstäbe schwankend gemacht, den Einzelnen genötigt, sich über den Zweck des menschlichen Lebens zu besinnen, und ihm auch die Erwägung zugetragen, daß er gegenüber der Unsicherheit seiner praktischen Erfolge in der Erkenntnis als dem höchsten menschlichen Vermögen den Zweck unsres Lebens zu erkennen habe. Aber diese Lösung des an unsrem Leben haftenden Rätsels habe schon bei den Griechen nicht alle befriedigt, vielmehr mit großer Kraft den Zweifel am Wert unsres Denkens erweckt, und noch weniger habe sich ein Israelit mit dieser Theorie begnügen können. So sei ihm nichts als der vollständige Verzicht auf alles, was sonst als Glück und Gut gepriesen werde, übrig geblieben. Es ist aber nicht gesichert, daß diese religiöse Stellung nicht auch in Israel selbst ohne den griechischen Einfluß entstehen konnte. Ein Zweifel an der alles bestimmenden Regierung Gottes wird im Buch nirgends sichtbar; es ringen in demselben auch nicht zwei einander bekämpfende Überzeugungen miteinander; sondern es steht ihm die Leerheit unsres Lebens, aber nicht minder Gottes Erhabenheit und Regierung fest, und gerade dies, daß unser Gutes alles aus Gottes Werk und Gabe, unser Böses alles aus unsren Vergehen und Gottes Gericht herkommt, gibt seiner Klage die Tiefe und seinen Fragen ihr Gewicht. Jedenfalls ist das Buch älter als die pharisäische Bewegung, die sich unmittelbar an die syrische Verfolgung anschloß. Von dieser zeigt sich in ihm noch keine Spur. Darum haben sich auch pharisäische Lehrer wegen ihrer formalistischen Vorstellung von der Inspiration und Autorität der Schrift und wegen ihrer dogmatischen Definition des in Israel gültigen Glaubensstandes noch lange dagegen gesträubt, das Buch zu den kanonischen Büchern zu rechnen, und auch in die griechische Synagoge gelangte es erst spät. Vor allem die Scheu vor dem Namen Salomo hat bewirkt, daß es schließlich dennoch unter die biblischen Bücher gestellt wurde. Es hat aber unter denselben seinen wohl begründeten Platz, freilich nicht bei den Boten der göttlichen Gnade, die uns die Versöhnung mit Gott anbieten, sondern bei den Gebeugten und Leidenden, die auf Gottes erlösendes Werk warten, und indem es zeigt, wie schwer und schmerzvoll dieses Warten für viele war, macht es zugleich sichtbar, wie die Gemeinde für Gottes neues Wort innerlich zubereitet worden ist.