Nasiräer
Nasiräer, „geweiht“, hießen die Männer oder Frauen, die das Gelübde des Nasiräats 4 Mo. 6,1-21 auf sich nahmen. Gewöhnlich geschah dies freiwillig auf eine bestimmte Zeit, nach der pharisäischen Regel auf dreißig Tage, wenn nicht beim Gelübde eine andere Frist bestimmt worden war. In einzelnen Fällen wurde aber das Gelübde schon bei der Geburt dem Kind aufgelegt. Die besondere Heiligkeit und Verbundenheit mit Gott, in die sich der Nasiräer durch sein Gelübde stellt, kommt darin zur Erscheinung, daß er sich dreier Dinge enthält, die seine Person verletzten: er meidet den Wein, überhaupt alles, was vom Weinstock kommt, läßt sein Haar frei wachsen und verunreinigt sich an keinem Toten, auch nicht wenn seine Eltern oder Geschwister sterben. Kam er während der Zeit seines Gelübdes in Berührung mit einem Leichnam, so war das Gelübde unterbrochen; dann mußte er sein Haar scheren, 2 Turteltauben als Brandopfer, 2 Tauben als Sündopfer und ein Lamm als Schuldopfer bringen zur Sühnung für den Bruch seines Gelübdes, das er von jetzt an nochmals begann. War die Zeit des Gelübdes vorbei, so brachte er ein Brand-, ein Sünd- und ein Heilsopfer nebst dem dazu gehörigen Speis- und Trankopser, wobei der Priester vom Heilsopfer einen besonders großen Anteil erhielt. Zugleich schnitt er sein Haar und beseitigte es dadurch, daß er es in dem zum Kochen des Heilsopfers dienenden Feuer verbrannte. Ähnliche Gelübde, das Haupthaar zu Ehren eines Gottes wachsen zu lassen, kamen bei verschiedenen Völkern vor, auch bei den Ägyptern zu Ehren des Osiris. In Israel bekam aber das Gelübde seine besondere Bedeutung durch die besondere Stärke und Reinheit seiner Gotteserkenntnis. Da sich der Nasiräer zu Gott bekannte und ihm sich weihte, rechnet Amos die Erweckung der Nasiräer zu den Wohltaten Gottes, in denen er seine Regierung an Israel offenbart, ebenso wie die Erweckung der Propheten, wie sich auch der Unwille des Volks, das dem alleinigen Dienst des Herrn widerstrebte, ebenso gegen die Nasiräer wie gegen die Propheten richtete, Am. 2,11. 12. Unter dem Einfluß der pharisäischen Bewegung wurde das Nasiräat eine sehr beliebte Form des Gottesdienstes, auf die auch die Armen nicht verzichten wollten, so daß es ein Zweig der Wohltätigkeit wurde, für arme Nasiräer die Opfer zu bestreiten, damit sie ihr Gelübde zu Ende bringen könnten. Sogar im Jahr 70, als der Tempel belagert war, gab es noch solche, die dennoch das Nasiräat auf sich nahmen, so daß nach dem Tempelbrand eine Entscheidung nötig wurde, wie sie jetzt, wo sie ihr Opfer nicht mehr darbringen konnten, von ihrem Gelübde gelöst werden könnten. Wir finden daher arme Nasiräer, für die andere die Opfer bezahlten, auch in der christlichen Gemeinde von Jerusalem Apg. 21,24. Paulus hat diese Sitte nach dem Rat des Jakobus dazu benützt, um öffentlich zu bezeugen, daß er zu jeder vom Gesetz angeordneten gottesdienstlichen Handlung ohne Beschwerung seines Gewissens fähig und willig sei. Dazu eignete sich das Nasiräatsgelübde ganz besonders, weil es für die damalige Zeit keinen eigenen inneren Wert mehr hatte, sondern lediglich deshalb übernommen wurde, weil das Gesetz die Satzungen für die Nasiräer enthielt. Das Gelübde dagegen, das Paulus in Korinth sich aufgelegt hatte und bei der Abfahrt aus Korinth in Kenchräa dadurch löste, daß er sein Haar abschnitt, Apg. 18,18. ist kein eigentliches Nasiräats-gelübde, da hier das Opfer und das Schneiden des Haars im Tempel fehlt. Jenes Gelübde macht sichtbar, wie sehr Paulus nach der Beendigung seiner Arbeit in Korinth und nach dem neuen Besuch in Jerusalem und Antiochia Verlangen trug. Als lebenslängliche Nasiräer sind Simson und Samuel beschrieben, Ri. 13; 1 Sa. 1,11. Bei beiden hängt ihr Nasiräat mit ihrem besonderen Beruf zusammen, bei Simson damit, daß er seinem Volk als Streiter gegen die Philister geschenkt wird, weshalb sein unverletztes Haar, das Zeichen seines ungebrochenen Gelübdes, zugleich als der Grund seiner Kraft bezeichnet ist, bei Samuel damit, daß er einen freiwilligen Priesterdienst im Heiligtum übt. Eine ähnliche Verpflichtung wird auch Luk. 1,15 auf Johannes den Täufer gelegt, als auch er schon von Geburt an für sein prophetisches Amt ausgesondert wird. Hier ist aber der Name Nasiräer nicht ganz zutreffend, weil das Zeichen seiner besonderen Verbundenheit mit Gott nur in der Enthaltung vom Wein besteht, während vom Wachsenlassen des Haars hier nicht die Rede ist. Bei dem 1 Mo. 49,26; 5 Mo. 33,16; Klgl. 4,7 erwähnten „Geweihten“ (Nasir) ist nicht an das Nasiräatsgelübde zu denken. Hier bedeutet das Wort den „Gekrönten“, den an Größe und Ehre Ersten unter seinen Genossen.