Nächster
Nächster. Jeder Mensch ist unser Nächster, den wir wie uns selbst lieben sollen, weil wir beide von Gott gleich geliebt werden. Dem Heidentum war diese Erkenntnis verschlossen. Es hatte keinen Menschheitsbegriff, weil nicht den rechten Gottesbegriff. Die Menschen zerfielen ihm in Volksgenossen und Barbaren, in Sklaven und Freie, und es wäre den Griechen als lächerliche Forderung erschienen, den Barbaren und Sklaven, Bettler, vollends Feinde zu lieben wie sich selbst, so lächerlich, als Jupiter zu lieben. So sehr fehlte dem Heidentum die Humanität, das Erbarmen. Hingegen hat auch die Nächstenliebe im Alten Testament ihre Wurzeln. Schon 1 Mo. 9,5 f. wird das Verbot, nicht zu töten, darauf zurückgeführt, daß jeder Mensch unser Bruder ist, zu Gottes Bild geschaffen. Es ist Unrecht, Heiden außer im Kriege zu töten, vielmehr werden solche gespeist und getränkt (2 Kö. 6,22); Heiden nicht den Eid zu halten (2 Chr.36,13), Heiden zu bestehlen und zu belügen (2 Kö. 5,27), der Bekehrung der Heiden sich nicht zu freuen (Jon. 4,11); hingegen dient der Knecht Jahvehs auch einem heidnischen Monarchen treulich (Dan. 4,16). In demselben Kapitel, dem das Gebot der Nächstenliebe entnommen ist (3 Mo. 19,18), wird sie ausdrücklich nicht auf die Volksgenossen beschränkt: auch den Fremdling, der bei dir wohnt, sollst du lieben wie dich selbst (Vers 33. 34), und zwar, weil du aus Erfahrung weißt, wie es Fremdlingen zumute ist, und weil „ich der Herr dein Gott bin, der die Fremdlinge (s. d.) liebt“, 5 Mo. 10,18. 19. Ebenso ist auch der Feind schon im A.T. ins Gebot der Nächstenliebe eingeschlossen, sowohl nach Gesetz u. Weisheitsschriften (s. Feind), als nach der Praxis eines David, Elisa oder 2 Chr. 28,15. Selbst der Verbrecher soll human behandelt werden, weil er Bruder ist, 5 Mo. 25,3. Die Unvollkommenheit des alttestamentl. Standpunkts besteht auch nicht darin, daß in der Betätigung der Nächstenpflichten ein Unterschied zwischen dem Volk Gottes und dem Nichtvolk gemacht wird, sondern darin, daß das Volk Gottes durch fleischl. Geburt abgegrenzt ist. Auch im Neuen Testament ist ein Unterschied zwischen Bruderliebe (s.d.) und Nächstenliebe, denn ein anderes ist die Liebe des wiedergeborenen Bruders, 1 Joh. 5,1; ein anderes die Liebe, die alles hofft, 1 Kor. 13,7. Desgleichen bleiben auch für den Christen engere und weitere Kreise der Nächstenliebe, 1 Tim. 5,8. Aber doch stehen ihm alle, weil von Gott geliebt und von Christo teuer erkauft, so nah als er selbst. Weil nun im Alten Testament der erlösende allgemeine Liebeswille erst als Verheißung sich ankündigt und einstweilen Israel ausschließlich Ort der Offenbarung ist, so kann es ja nicht anders sein, als daß die Nächstenliebe des Israeliten zunächst eine nationale Färbung hat, daß zum Beispiel im Zinsnehmen oder in Behandlung der Sklaven der Volksgenosse anders behandelt wird als der Fremde. Doch lehrt das Gesetz auch im Sklaven die Menschenwürde achten, und $$Hiob (31,13 ff.)::Hiob 31,13ff$$ beteuert, in Behandlung des Sklaven nie vergessen zu haben, daß derselbe als Mitgeschöpf sein Bruder sei. Ebenso kann die Feindesliebe des Israeliten nicht die alles überwindende Kraft haben wie die des Christen, weil die Tatoffenbarung der auch den größten Frevel überwindenden göttl. Liebe noch nicht erschienen war (Luk. 23,34; 19,41). Der alttest. Fromme haßt die Feinde Gottes mit ganzem Ernst, Ps. 139,21. 22, und erwartet von der Gerechtigkeit Gottes ihren Untergang. Auch der Christ haßt das Böse (Röm. 12,9) sogar an den nächsten Freunden und vor allem an sich selbst (Luk. 14,26). Auch der Christ hofft auf die gerechten Gerichte Gottes, Offb. 6,10; 2 Tim. 4,14; Gal. 5,12; Mt. 23, und kann nach Luther „kein Vaterunser beten, ohne den Gottlosen zu fluchen“. Aber doch kann er die alttest. Fluchpsalmen und das Verfahren der alttestamentl. Frommen nicht nachahmen, Luk. 9,55. Weil ihm das Geheimnis der eigenen Sünde und der göttl. Versöhnung tiefer geoffenbart ist, kann er die Bekehrung der größten Sünder hoffen, versteht Gottes Langmut und stellt es dem heim, der da recht richtet. Deswegen, weil der Gegensatz von Gottesreich und Weltreich im Alten Testament national war, dürfen wir uns auch nicht an den Banngerichten stoßen, die über Feinde des Gottesvolkes ergingen. Der Krieg ist allezeit eine Suspension der gewöhnl. Bezeugung der Nächstenliebe, vollends der heil. Krieg des Volks Gottes und die heil. Strenge gegen alles Ungöttliche innerhalb des Volks, welche, nur in neutest. Form, auch dem Volk des Evangeliums nicht fehlen darf, 2 Joh. 10. 11; 1 Kor. 5; 2 Th. 3,14. Wenn also die neutest. Nächstenliebe die Erfüllung der alttest. ist, so war es nicht im Sinn der Offenbarungsreligion, wenn die Pharisäer den Zusatz machten: den Nächster lieben und den Feind hassen (Mt. 5,43), wenn der Schriftgelehrte fragte: Wer ist mein Nächster? (Luk. 10,29). Jesus appellierte an das natürliche Gefühl, wenn er die Frage umdrehte: Wer hat sich als Nächster bewiesen? V. 36. Ist es nicht schön von einem Samariter, sich als Nächster zu beweisen, wenn irgend ein Mensch es bedarf, u. nicht zu fragen: Wer ist er? Die talmudische Beschränkung des Nächster auf den Volksgenossen ist Entartung. Hingegen hat Jesus wie seine Apostel in der allumfassenden Nächstenliebe die Erfüllung des Gesetzes gesehen (Mt. 22,39; Jak. 2,8; Röm. 13,8-10; Gal. 5,14). Und was noch mehr ist, das Evangelium ist die Verwirklichung dieser Liebe, die die erlösten Brüder, ja alle zu erlösenden Mitmenschen umfaßt, 1 Joh. 3,16. Wie Gott seine Sonne allgemein scheinen läßt, so lieben seine Kinder allgemein, Mt. 5,45. Vgl. Jak. 3,9; 1 Tim. 2; Tit. 3,2. 3. Wenn auch das neue Gebot, das Kennzeichen der Jünger, Bruderliebe ist (Joh. 13,34; 15,12; 1 Joh. 3,23), so muß doch die Bruderliebe in allgemeine Liebe überfließen, 2 Petr. 1,7; Gal. 6,10; 1 Th. 3,12; 5,15. Und im Blick auf die Feindesliebe eines Stephanus, Apg. 7,59, und Paulus, Röm. 9,3, können wir auch sagen: Siehe, hier ist mehr denn Jona.
Sach. 13,7 ist der Messias der Mann, der Jahveh der Nächster ist, über den er das Schwert ergehen läßt, eine Weissagung, die der Herr auf sich bezieht, Mk. 14,27.