Mittagsland
Mittagsland ist in der revid. Bibel die Übersetzung des hebräischen Negeb (eigentl. das trockene, dürre Land) und bezeichnet das Land im Süden des Westjordanlandes, den Abfall des Gebirges Juda nach Süden mit den westlich und östlich sich anschließenden Gegenden; so 1 Mo. 12,9; 4 Mo. 13,17. 22; 5 Mo. 34,3; 1 Sa. 30,1 f. Mitunter heißt es auch „Land gegen Mittag“ 1 Mo. 20,1; 24,62; Jos. 15,2 oder wird es einfach als „gegen Mittag“ gelegen bezeichnet 4 Mo. 21,1; Jos. 10,40. Diese verschiedene Arten der Bezeichnung lassen es nicht zum deutlichen Bewußtsein kommen, daß es sich beim Negeb, wenn das auch kein eigentlicher Eigenname ist, um einen festen geographischen Begriff handelt. Der Negeb oder das Mittagsland wird neben andern südlichen Gebieten, wie dem Gebirg und der Niederung, dem „Unterland“ (Sephela), genannt.
Das Mittagsland reicht im Norden bis zur bedeutenderen Erhebung des Gebirgs in der Gegend von Umm er-Ramanin (Rimmon), im Süden reicht es, soweit Kanaan reichte, also bis Kades und bis zur Wüste Pharan; im Süden, Osten und Westen konnte es sich um scharf bestimmte Grenzen wohl nicht handeln.
Das Mittagsland, das das Mittelstück zwischen der Wüste im Süden und dem Kulturland im Norden bildet, ist auch seiner Beschaffenheit nach eine Vermittlung beider. Im Süden trägt es zum Teil den Charakter der Wüste, deren Wadis durch ihre grünliche Färbung eine schwache Vegetation verraten. Im Osten gibt ein zerrissenes Hochland, von tiefen Tälern durchzogen, der Landschaft mehr Abwechslung: an den Ausgängen der Täler finden sich Spuren früherer Besiedlung in großen Steingehegen, wohl zur Befestigung des Lagers. Hier im Westen des Hochlandes befinden sich zum Teil auch reiche Quellen, wie Ain Kadis (s. d. Art. Kades). Mehr nach Norden zu mehren sich die Zeichen früherer reicherer Kultur, Spuren früherer Städte und sorgfältigeren Anbaus; in den Wadis waren Dämme aufgeworfen, um das Wasser nutzbar zu machen, an den Bergabhängen Terrassen angelegt. Durch die Gegend ging einst ein reger Handels verkehr von Arabien her. Jetzt ist die Gegend im ganzen öde. In dem südlichen Hochland zeiten die verrufenen Azazime, Beduinen; weiter nördlich finden sich Araber mit ihren Herden. Städte und Dörfer finden sich außer dem von der türkischen Regierung neu geschaffenen Bir es Seba (800 Einwohner) nicht; es-Semua und ed-Daharijeh sind die ersten Ortschaften, die man von Süden her erreicht.
1 Sa. 27,10; 30,14 werden in dem Negeb verschiedene Teile oder Abschnitte genannt: der Negeb der Jerahmeeliter, dessen Lage Guthe nach Palmers Vorschlag (Palmer vergleicht Dschebel und Wadi Rachame etwa 30 km südlich von Tell el-Milh) in seiner Karte einzeichnet, der der Keniter, wofür die griechische Übersetzung Kenisiter hat — beide Stämme sind für diese Gegenden bezeugt, die Keniter nach Ri. 1,6 in der Gegend von Arad, die Kenisiter nach Ri. 1,13-15 in der Nähe der Kalebiter, — der der Kalebiter, wohl im Süden des diesem Stamm auf dem Gebirge Juda zugewiesenen Gebietes, der der Krethiter, ohne Zweifel ein Teil des den Philistern gehörigen Gebietes im Westen von Beerseba. Wenn auch ein Negeb Judas angeführt wird, so erklärt sich dieser Sprachgebrauch aus einer Zeit, da die früher noch getrennten Gebiete der Jerahmeeliter, Keniter, Kalebiter, Krethiter im Stammgebiet von Juda vereinigt waren. Als Bewohner des Negeb finden sich auch die Amalekiter erwähnt (1 Sa. 27,8).
Eine geschichtliche Bedeutung haben diese Außengebiete nie gehabt. In der Blütezeit des Königtums von Juda waren sie von Bedeutnng, da die Handelswege nach Ägypten und zum Roten Meer hindurchführten. Mehr und mehr drangen nach Josaphats Zeit die Edomiter in diesen Gegenden ein. Sie und arabische Stämme haben im 7. und 6. Jahrhundert den Negeb in Besitz genommen. In der Zeit der römischen Herrschaft kam für diese Gegenden eine Nachblüte durch Anlegung von Straßen und Städten. Seit der arabischen Zeit ist’s wieder ein nur wenig von Beduinen bewohntes, verödetes Land geworden.
Die Städte des Mittagslandes werden teils als Städte Judas (Jos. 15,21-32), teils als solche Simeons (Jos. 19,2-8) aufgeführt. Unter den letzteren sind Beer Seba, Horma, Ziklag genannt; unter den Städten Judas kehren zum Teil dieselben Namen wieder neben vielen unbekannten. Außerdem gehören Namen, wie Gerar, Kades, Thamar, Arad in dieses Gebiet. Über die einzelnen Namen s. d. Artt.