Menschensohn
Menschensohn. Die Bezeichnung Jesu als der Menschensohn kommt nur in den Evangelien vor, ferner Apg. 7,55; Offb. 1,13 u. 14,14. Jesus selbst hat sich nirgends darüber ausgesprochen, aus welchem Grund er gerade diesen Namen gewählt habe. Nach aramäischem Sprachgebrauch bedeutete Menschensohn soviel als Mensch, jemand, man, und es wäre kaum auffallend gewesen, wenn Jesus in dieser Weise in der dritten, statt in der ersten Person von sich gesprochen hätte, ohne dem Wort eine tiefere Bedeutung beizulegen. Allein daß Jesus sich nicht Sohn eines Menschen, sondern immer „der Sohn des Menschen“ genannt hat, legt es doch nahe, daß er einen besonderen Sinn mit dieser Bezeichnung verbunden hat. Den Sinn zwar wird es schwerlich gehabt haben, er sei ein wahrer, wirklicher Mensch; denn das hat sich für alle, welche mit Jesus zu tun hatten, von selbst verstanden. Auch den Idealmenschen oder das Urbild der Menschheit kann es nicht bezeichnet haben, denn dieser Begriff ist dem Alten Testament fremd. Näher liegt die Annahme, daß Jesus damit auf seinen Beruf als Messias hingedeutet habe. Nur muß man nicht behaupten, der Ausdruck „der Sohn des Menschen“ sei zur Zeit Jesu schon eine allgemein gebräuchliche Bezeichnung des Messias gewesen. Wäre der Ausdruck schon damals in diesem messianischen Sinn jedermann verständlich und geläufig gewesen, so hätte Jesus wohl nicht nötig gehabt, seinen Jüngern bei Cäsarea Philippi die bekannte Frage vorzulegen, Mk. 8,27 ff.; Mt. 16,13 ff.; Luk. 9,18 ff. Am meisten hat die Annahme für sich, daß Jesus den Ausdruck einer Bibelstelle entnommen hat, welche ihm für seinen einzigartigen Beruf bedeutsam erschienen ist. Man wird hiebei weniger an die Anrede Menschensohn, welche sich bei dem Propheten Hesekiel (2,1. 8; 3,1; usw.) so oft findet, zu denken haben; auch nicht an Ps. 8,5-7, eine Stelle, die zwar Hbr. 2,6 ff. auf Christus gedeutet ist, nach dem ursprünglichen Sinn aber nur von der Herrlichkeit des Menschen handelt. Vielmehr scheint Jesus das Gesicht Daniel 7,13 ff. im Auge gehabt zu haben: „Da kam einer wie eines Menschen Sohn mit den Wolken des Himmels heran bis zu dem Hochbetagten und wurde vor ihn gebracht. Dem wurde nun Macht, Ehre und Herrschaft verliehen, alle Völker, Nationen und Zeugen müssen ihm dienen“ usw. Also, was einst 1 Mo. 3,15 dem Samen des Weibes verheißen war, das sieht nun der Prophet durch den Menschensohn, der vom Himmel kommt, in Erfüllung gehen. In ihm verkörpert sich die richtende wie die erlösende Offenbarung Gottes. Aus diesem Gedankengang heraus erklärt sich das Wort Jesu von den Tagen des Menschensohnes Luk. 17,22 ff., besonders die Wiederkunftsreden Mk. 13,26; Mt. 24,30; Luk. 21,27, sodann das Wort Mk. 8,38; Mt. 25,31, und die Rede vor dem hohen Rat, Mk. 26,62; Mt. 26,64; Luk. 22,69, wo auch Ps. 110 hereinspielt. Als der zu diesem hohen Berufe von Gott Bestimmte hat der Sohn des Menschen Vollmacht, Sünden zu vergeben Mk. 2,10, ist er Herr auch des Sabbats Mk. 2,28, steht er im innigsten Verkehr mit Gott Joh. 1,51, ist im Himmel Joh. 3,13, wird verherrlicht Joh. 12,23; 13,31; Apg. 7,55; Offb. 1,13. In den Leidensverkündigungen freilich klingt der scheinbare Widerspruch des äußeren Erleidens mit seiner inneren Hoheit hindurch Mk. 9,31; 14,41; Joh. 3,14. vgl. Mt. 8,20, der Sohn des Menschen hat nicht, da er sein Haupt hinlege, und Mk. 10,45 sein Dienen mit der Hingabe des Lebens. Aber das ist gerade das Geheimnis des Menschensohnes gewesen, vgl. den Art. Jesus Christus.