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Krieg

Krieg, Kriegführung.
1) Das Heereswesen der Israeliten. In der älteren Zeit besteht das israelitische Heer außchliesslich aus Fußvolk. Wenigstens enthalten Stellen wie 4 Mo. 11,21; 1 Sa. 4,10; 15,4, in denen das Heer des israelitischen Volkes der vordavidischen Zeit genannt ist, nichts von einer anderen Art der Krieg, Kriegführung als durch das Fußvolk, das in leichtbewaffnete und schwerbewaffnete Krieger zersiel. Die ersteren sind teilweise mit dem Bogen, teilweise mit der weittreffenden Schleuder ausgerüstet (vgl. 1 Sa. 17,40; 20,20 f.; Klagel. 3,12), wogegen die letzteren Schwert und Spieß und den größeren Schild führen (vgl. 1 Sa. 13,19. 22; 2 Sa. 1,22). Der Stamm Benjamin scheint seit alters vorwiegend gewandte Bogenschützen und Schleuderer gestellt zu haben (Ri. 20,16; 1 Chr. 8,40; 12,2; 2 Chr. 14,7; 17,17), während in den Stämmen Juda, Gad und Naphthali die schwere Bewaffnung üblich war (1 Chr. 12,8. 24. 34; 2 Chr. 14,7). Reiterei und Kriegswagen, wie sie die Nachbarvölker Israels, Kanaaniter, Philister, Ägypter, Syrer teils schon in alter Zeit im Gebrauche haben, teils allmählich in Anwendung bringen (Jos. 17,16; Ri. 1,19; 1 Sa. 13,5; 2 Sa. 1,6; 2 Mo. 14,6 f.; 5 Mo. 20,1; Jos. 11,9; 2 Sa. 10,18; 1 Kö. 22,31; 2 Kö. 6,14), bilden bis auf Salomo keinen Bestandteil des israelitischen Heeres. Noch David hat die von den Vätern ererbte einfache und in alter Zeit erprobte Heereseinrichtung Israels beibehalten. Von 1000 erbeuteten Wagen verwendet er nur 100, die andern werden vernichtet; ebenso werden die erbeuteten Pferde nicht dem eigenen Heere einverleibt, sondern durch Zerschneiden der Fußsehnen unbrauchbar gemacht (2 Sa. 8,4; 1 Chr. 18,4, vgl. Jos. 11,6. 9). Erst Salomo hat auch hierin, wie in vielen anderen Punkten, mit der alten Zeit gebrochen. Er führt Reiterei und Streitwagen in seinem Heere ein, und zwar sofort in beträchtlichen Ziffern. Denn mag auch die in 1 Kö. 4,26 genannte Zahl von 40000 Pferdeständen, die etwa auf dieselbe Zahl von Streitwagen und auf das Doppelte oder Dreifache an Pferden weisen würde, auf einem Schreibfehler beruhen, so bleiben immerhin noch 12000 Reiter und 1400 Wagen mit 4000 Wagenpferden (1 Kö. 4,26 [ebr. 5,6]; 10,26; 2 Chr. 1,14; 9,25). Dieselben werden von Salomo in eigenen Garnisonstädten untergebracht (1 Kö. 9,19; 10,26). In der Zeit nach Salomo bilden dann Kavallerie und Streitwagen sowohl in Juda als in Israel stehende Truppenkörper (1 Kö. 16,9; 2 Kö. 8,21; 13,7; Jes. 2,7; Mi. 5,9), trotz dem sogen. Königsgesetz, 5 Mo. 17,16, wo von einem Könige, der viele Rosse hielte, geradezu die Befürchtung ausgesprochen ist, er könnte das Volk nach Ägypten zurückführen (das heißt in gefährliche Abhängigkeit von Ägypten bringen) — dies der alte Ruf aus der nomadischen Zeit. Doch spottet Rabsake, daß Hiskia nicht die Reiter aufbringe, wenn ihm der Assyrer 2000 Pferde stelle (2 Kö. 18,23). Stehende Heere kennt die alte Zeit in Israel noch nicht. Vielmehr nach der Eroberung des Landes u. sonst nach Beendigung eines Krieges kehren die aufgebotenen Krieger zu ihren „Zelten“, das heißt zu ihrer friedlichen Arbeit zurück. Aber nach Errichtung des Königtums hat der König zum Schutz seiner persönlichen Sicherheit eine stehende Leibwache um sich; schon Saul und darnach David (1 Sa. 18,5. 13; 22,17; 2 Sa. 15,18; 20,7. 23; 1 Kö. 1,38. 44), womit der erste Anfang der Bildung stehender Truppen gemacht ist. Hiezu kommt, daß schon Saul eine auserwählte Schar von 3000 Kriegern besitzt, die den Kern seines Heeres bilden (1 Sa. 13,2; 14,52; 24,3), und ebenso David aus den in den Kämpfen gegen Saul erprobten Helden sich eine stehende Kerntruppe von 600 Mann bildet (vgl. 1 Sa. 22,2; 23,13; 25,13; 2 Sa. 2,3; 5,6; 15,18; 16,6; 20,7; 1 Kö. 1,8). Außerdem vgl. über die eigentliche Leibwache Davids, die sogen. Krethi und Plethi, d. betr. Art. Nach 1 Chr. 27,1 ff. hätte sogar David schon ein förmliches stehendes Heer formiert. Dies ist jedenfalls von Salomo an der Fall, so besonders unter Rehabeam, Asa, Josaphat, Athalja, Amazia, Usia. Von der fortgeschrittenen Königszeit an finden wir auch ausländische Mietstruppen im israelitischen Heere verwendet. So stellt nach 2 Chr. 25,6 ff. Amazja von Juda ein Heer von 100 000 Mann bezahlter Truppen aus dem Nordreiche ein, ohne es freilich im entscheidenden Augenblicke zu verwenden.
Über die Aushebung und Anordnung des israelitischen Heeres wissen wir folgendes. Die Heerespflicht beginnt nach dem Gesetze mit dem 20. Jahre (vgl. 4 Mo. 1,3; 26,2. 62; 2 Chr. 25,5) und endet, falls die der Analogie der Leviten entnommene (vgl. 4 Mo. 4,3) Angabe des Josephus glaubhaft ist, mit dem 50. Jahre. Die waffenfähigen Männer sind in Listen aufgeführt; je nach der Größe des Feldzugs u. der Gefahr werden daraus größere oder kleinere Kontingente der einzelnen Stämme ausgehoben (vgl. 4 Mo. 1,26; 2 Sa. 24; 4 Mo. 31,4; Jos. 4,13). Dabei gibt das Gesetz noch eine Reihe eigentümlicher Bestimmnungen über Fälle, welche vom Heerdienst befreien (5 Mo. 20,5 ff.; 24,5). Den Oberbefehl führte in der Regel der König selbst; zog er nicht mit ins Feld, so bestellte er einen Oberbefehlshaber, den „Feldhauptmann“, aus der Reihe der höchsten Offiziere (1 Sa. 14,50; 2 Sa. 2,8; 24,2; 1 Kö. 1,19; 11,15). Das Heer selbst teilt sich in Abteilungen („Haufen“) zu 1000, 100, 50 und 10 Mann, je mit eigenen Anführern (vgl. 4 Mo. 31,14. 48; 1 Sa. 8,12; 18,13; 2 Kö. 1,9). Größere Abteilungen (Divisionen, Korps, Armeen) kommen daneben selbstverständlich gegebenen Falles ebenfalls vor (vgl. 1 Chr. 28,1 ff.; 2 Sa. 18,2; 2 Chr. 17,14 ff.).
Sold erhalten die einheimischen Soldaten nicht, nur die Mietstruppen; dagegen winkt ihnen im Falle des Sieges die Beute als Entgelt ihrer Mühen und Entbehrungen. —
2) Die Kriegführung. Ein vorher geplanter und vorbereiteter Feldzug (anders natürlich bei plötzlichen Überfällen u. dgl.) pflegte im Frühjahr begonnen zu werden (2 Sa. 11,1). Ehe man auszog, pflegte man Gott zu befragen, ob der Krieg unternommen werden könne (Ri. 1,1; 20,18. 27; 1 Sa. 14,37; 23,2 ff.; 28,6; 30,8; 1 Kö. 22,5 ff.). Dasselbe taten nach Hes. 21,26 ff. auch die Chaldäer (). In früherer Zeit wurde auch die Bundeslade mit ins Feld genommen. Seitdem dieselbe im Tempel untergebracht war, findet sich jedoch hievon kein Beispiel mehr. Dagegen scheinen das Heer immer einige Priester begleitet zu haben, um vor der Schlacht noch ein Opfer darzubringen (1 Sa. 7,9; 13,9 ff.; 4 Mo. 10,9; 31,6; 2 Chr. 13,12. 14), die heiligen silbernen Kriegstrompeten zur Ermunterung der Kämpfenden zu blasen u. allenfalls auch durch eine Ansprache vor der Schlacht noch das Heer zum Kampfe anzufeuern (5 Mo. 20,2 ff.). Ist dann das Heer zum Kampf gerüstet, so wird mit lautem Kriegsgeschrei (Jos. 6,20; 1 Sa. 17,52; Jes. 5,29; 42,13; Jer. 49,2) oder mit einem bestimmten, als Losung des Kampfes geltenden Schlachtruf (vgl. Ri. 7,18. 20, die Losung: „hier Schwert des Herrn und Gideons“) der Angriff eröffnet. Der Kampf selbst ist, wie fast allgemein bei den Alten, Einzelkampf, das heißt Handgemenge von Mann gegen Mann; nicht selten mögen auch die Zweikämpfe hervorragender Vertreter beider feindlicher Heere wie David und Goliath von entscheidender Bedeutung für das Schicksal des Kampfes gewesen sein (vgl. 2 Sa. 2,14 ff.; 21,18 ff.; 23,21).
Des Besiegten wartete im ganzen Morgenland ein hartes Los; so auch bei den Israeliten, obwohl Israel gegenüber den übrigen semitischen Völkern im Rufe verhältnismäßiger Milde stand (1 Kö. 20,31 ff.; 2 Kö. 6,20 ff.). Haben die Assyrer die Kriegsgefangenen mit den qualvollsten Martern wie Psählung (), Ausreißen der Zunge, Abziehen der Haut () mißhandelt, so ist dieser vielfach geübten grausamen Sitte gegenüber die für unsere Begriffe immerhin harte Behandlung der Kriegsgefangenen in Israel eine milde. Eroberte Städte werden schonungslos verbrannt und geplündert (Ri. 9,45; 1 Makk. 5,28. 51; 2 Kö. 14,14; 24,13). Die Gefangenen werden selbstverständlich ausgeplündert (1 Sa. 31,8); gefangene Heerführer u. Fürsten wohl auch um der Sicherheit und des abschreckenden Eindruckes willen getötet (Jos. 10,24 ff.; Ri. 7,25). Dabei wird als symbolische, die Demütigung des Besiegten zum Ausdruck bringende Handlung dem Feinde vom Sieger auf den Nacken getreten (Jos. 10,24, vergl. Redensarten wie Ps. 110,1 und die ägyptische Königsstatue, deren Fußschemel die Köpfe gefangener Feinde darstellen, auf S. 196 ). Die übrigen Feinde jedoch werden der Regel nach nicht getötet, sondern zu Sklaven gemacht (4 Mo. 31,26 ff.; 5 Mo. 20,14). Tötung der Feinde („Verbannung“) fand hauptsächlich in den Kanaaniterkriegen statt, wo es sich allerdings um förml. Ausrottung dieser Stämme handelte (Ri. 9,45; 2 Mo. 17,13; 4 Mo. 24,24; 5 Mo. 13,16). Außerdem kommen nur vereinzelte schwere Grausamkeiten auch in Israel vor. Zu 2 Sa. 12,31 s. Art. David S. 116b. Immerhin zeigt die schonungslose Härte, mit welcher Amazja (2 Chr. 25,12) 10 000 gefangene Edomiter über eine Felsspitze herabstürzen läßt und der Wunsch Ps. 137,9, daß auch in dieser Beziehung Israel sich nicht immer gleichmäßig von heidnischen Sitten und Greueln freigehalten hat (vgl. Ri. 1,6 f.). —
3) Die sittliche Auffassung vom Krieg. So viele Kriege die Geschichte Israels aufweist, so sind es doch fast nur Verteidigungskriege. Die einzige eigentliche Ausnahme hievon bildet die Eroberung des Landes Kanaan selbst. Abgesehen hievon hat Israel sich darauf beschränkt, das von Gott ihm anvertraute und die Stätte seiner Gottesverehrung und seines Gottesstaates bildende Land zu behaupten und gegen Angriffe zu schützen. Ein Eroberervolk ist Israel bei aller Kriegstüchtigkeit nie gewesen und eine Politik der willkürlichen Ländergier und grundlosen Annexion hat es auch in den Zeiten seiner mächtigsten Herrscher nicht geübt. Den besten Beweis dafür, daß Israel es nicht auf willkürliche Eroberung abgesehen hatte, bildet die Art und Weise, wie 5 Mo. 2,4 f. 9. 19 von den benachbarten Völkern als von Bruderstämmen, die nicht angegriffen werden dürfen, die Rede ist. Daß dem Bewußtsein des israelitischen Volkes der Krieg dabei als ein Übel vorschwebt, das nur Mittel zum Zwecke, nicht aber Selbstzweck sein dürfe, beweisen die prophetischen Ausblicke auf eine dauernde Zukunft des Friedens, in der Krieg und Feindschaft ein Ende haben werden (Jes. 2,4; Mi. 4,3, vgl. Offb. 20,4). Sie zeigen, daß das Volk Israel und die heilige Schrift A. und N. Testaments von einem tiefen Zug zum Frieden durchdrungen sind. Kein Volk des Altertums hat solche Beweise innerster Friedensliebe aufzuweisen.
— Trotzdem wäre es aber ein Mißverstand des Sinnes u. Geistes der heiligen Schrift, wenn aus diesen und verwandten Äusserungen des A. und N. T. der Schluß gezogen werden sollte (wie von einzelnen, den Buchstaben der heiligen Schrift mißbrauchenden christlichen Parteien, wie Mennoniten, Quäkern u. a. getan wird), als erklärte die heilige Schrift den Krieg überhaupt und die Beteiligung am Kriegsdienste für verwerflich. Das Alte Testament redet zuweilen geradezu mit Begeisterung vom Krieg, Kriegführung; die Krieg, Kriegführung des Volkes sind, weil für das Land und den Dienst des Herrn unternommen, geradezu „Kriege Jahvehs“ (1 Sa. 18,17; 25,28; 4 Mo. 21,14), Jahveh heißt der wahre Kriegsmann (2 Mo. 15,3; Ps. 24,8), der Gott der Heerscharen Israels (1 Sa. 17,45), der an der Spitze seines Volkes selbst mit in den Kampf zieht (vgl. 4 Mo. 10,35; 5 Mo. 20,4; Ri. 5,14-17. 23; 2 Sa. 5,24; Ps. 44,10). Ebenso verwirft auch das Neue Testament nie den Krieg an sich, sondern nur seine Außchreitungen (Luk. 3,14); es kennt fromme Angehörige aus dem Stand des Kriegers (Mt. 8; Apg. 10) und verwendet im Gleichnis den Krieg (Mt. 22,7). Der Apostel spricht der Obrigkeit das Schwert zu zur Bestrafung des Übeltäters, worunter natürlich auch ein ganzes Volk verstanden sein kann, Röm. 13; 1 Pe. 2.
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