Krankheiten
Krankheiten stellt die Schrift unter die gerichtlichen Heimsuchungen Gottes; denn wir erfahren in ihnen nicht seine gehende Güte, sondern seinen heiligen Strafernst, und zwar in einer Weise, die den selbstischen Menschen schwerer trifft als irgend ein anderes Unglück, Hi. 2,4 f. Darum wird Israel, wenn es Gott dient, verheißen, er werde die Krankheiten von ihm wenden, 2 Mo. 23,25, das abtrünnige Volk dagegen wird auch mit Krankheiten bedroht, 5 Mo. 28,21 ff. Auch Jak. 5,14. 15 ist daran erinnert, daß Erkrankung in Versündigung die innere Ursache haben kann, und im Blick auf den Leichtsinn, mit dem man in Korinth Christus in seinem Mahle behandelte, erinnert Paulus an das Erkranken und Sterben vieler unter ihnen als an die richterliche Antwort Christi auf ihre Versündigung, 1 Kor. 11,30. Doch verwehrt die Schrift alle eigenmächtige Ausdeutung der Erkrankungen, welche an Gottes Statt über den Menschen richten will. An der Krankheiten Hiobs zeigt sie, daß Gottes Handeln sich nicht nur nach der äußerlichen Norm der vergeltenden Gerechtigkeit vollzieht: wie viel Gutes, so viel Glück; wie viel Sünde, so viel Unglück; sondern daß die Erkrankung dem Menschen auch dazu auferlegt wird, daß er in ihr Gott umsonst dienen lerne, Hi. 1,9, in einer Liebe, die nicht nur Gottes Gaben, sondern ihn selbst sucht, Ps. 73,26. Und Jesus hat darauf hingewiesen, daß die Krankheiten Gott auch dazu diene, die Herrlichkeit seiner Werke zu offenbaren, Joh. 9,3; 11,4.
Die Benennung der einzelnen Krankheiten deutet gewöhnlich das Übel nur im allgemeinen an und erlaubt selten eine genauere Bestimmung. Als die furchtbarste aller Krankheiten steht 5 Mo. 28,21 die Pest voran; dann folgt Abmagerung, Schwindsucht, vgl. 3 Mo. 26,16, Luther „Schwulst“, wobei wohl nicht nur an die Lungenschwindsucht gedacht ist, sondern an alle Krankheiten, welche als langsame Abzehrung auftreten, vgl. die Dürren, Joh. 5,3. Von der Abzehrung des Kranken spricht auch die „Darre“ Jes. 10,16, vgl. Sach. 11,17. Die dürre Hand, Mt. 12,10 wird wohl von einer örtlichen Schwindsucht zu verstehen sein, infolge von Gicht oder Nervenlähmung. In 5 Mo. 28,22 folgen nun drei Worte, welche hitzige Krankheiten, Entzündungen u. Fieber benennen; auch die „Dürre“ wird an jener Stelle wohl von der austrocknenden Hitze des Fiebers zu verstehen sein, vgl. Mt. 8,14; Joh. 4,52. Die tiefer liegenden Gegenden Palästinas, wie die Küstenlandschaft und die Ufer des Sees von Genezareth, sind mit Fiebern heimgesucht. In Apg. 28,8 erscheint dasselbe als Begleitung der Ruhr, vgl. die Krankheit des Darms, an der Joram starb, 2 Chr. 21,18. In 5 Mo. 28,27 sind weiter Hautkrankheiten genannt, Geschwüre, Krätze, sodann Krankheiten der geschlechtlichen Organe, die „Feigwarzen“, vgl. 1 Sa. 5,9; ähnlicher Art werden auch die Krankheiten 1 Mo. 12,17; 20,17 sein. Auch der Eiterfluß, 3 Mo. 15,2 ff., und die krankhaften chronischen Blutungen, Mt. 9,20, gehören hieher. Endlich wird neben der Blindheit, 5 Mo. 28,28, noch Wahnsinn und Jrrsinn, „Rasen des Herzens“ (Luther), genannt, vgl. Saul und Nebukadnezar, auch bei den Besessenen nahm das Leiden nach seiner äußern Erscheinung oft die Gestalt des Wahnsinns an, Mk. 5,3 ff. Bei den Gichtbrüchigen, Mt. 4,24; 9,2; Apg. 8,7; 9,33, wird man an Lähmung der Beine zu denken haben, ohne daß sich bestimmen läßt, ob sie Folge von Gicht oder eines Schlagflusses oder anderer Leiden war; ebenso läßt sich nicht weiter bestimmen, an was für einem Übel Asa an seinen Füßen litt, 2 Chr. 16,12. Eine Verkrümmung des Rückgrats erscheint Luk. 13,11, Wassersucht Luk. 14,2; der Krebs wird erwähnt 2 Tim. 2,17. Gefährlich war der Sonnenstich, dessen leichtere Formen in einer Entzündung der unbedeckten Hautfläche bestehen, der aber in seinen stärkern Graden sofort tödlich sein kann oder zu einer akuten Gehirnentzündung führt, 2 Kö. 4,18 f.: Ps. 121,6.
In umfassendem Sinn denkt das Wort Jes. 53,3. 4 an alle Schwächung, Schädigung und Kürzung des Lebens, die Gott richtend auf den Menschen legt. Matthäus befaßt 8,17 auch das Erbarmen, mit dem Jesus sich der Krankheit um ihn her hilfreich annimmt, unter die Erfüllung dieses Wortes. Jesus hat die Krankheiten als ein schwer auf der Menschheit lastendes Übel empfunden und war vom Vater ermächtigt, ihm in schöpferischer Allmacht ein Ende zu machen, wo immer sich eine glaubende Bitte an ihn wandte. Diese Taten der Hilfe an den Kranken dienen ihm zugleich als Zeichen des Reichs, weil in ihnen erlösende Kräfte in königlicher Macht wirksam werden. Auch seine Jünger hat Jesus zu solcher Hilfe beauftragt und ausgerüstet, Mt. 10,1, und dies auch dann, wenn die Krankheit einen gerichtlichen Charakter hat, da der glaubenden Bitte die göttliche Gnade vergebend antwortet, Jak. 5,15, vgl. Mt. 16,19. Solche heilende Macht tritt teils als besondere Gabe auf im Zusammenhang mit besonders gekräftigtigter Glaubensstellung, 1 Kor. 12,9, teils als Beruf der Gemeindeleiter, die für den durch die Krankheit innerlich und äußerlich Gedrückten und Gehemmten fürbittend einzustehen haben, Jak. 5,14. Experimentierende Versuche, ob wohl die Heilung gelinge oder nicht, kennt dagegen die Schrift nicht. Sie gewährt sie dem Glauben, der darüber göttlich gewiß geworden ist, daß und um was er Gott bitten darf, Röm. 14,23; sonst wird Versuchung Gottes daraus. Vgl. Mt. 17,19. 20.
Den Dienst des Arztes hat Jesus dadurch geadelt, daß er ihn zum Bilde seines Heilandsamtes macht, Mt. 9,12, wie er der Sünde mit ihrer das geistige Wesen des Menschen zerrüttenden Macht in der Krankheit ihr Bild gibt. Er erklärt und rechtfertigt mit jenem Wort, warum er sich zu den Sündern hält; bei ihnen hat er seine von Gott ihm gewiesene Stelle aus demselben Grund, weshalb der Arzt bei den Kranken zu finden ist, während die Gesunden, das heißt die in ihrem eigenen Gottes- und Gesetzesdienst Befriedigten, seine Gabe nicht verlangen und darum auch nicht empfänglich sind für sie.