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Galaterbriefs

Galatien. Wandernde gallische Scharen zogen, von einem König Bithyniens gerusen, um 278 v. Chr. nach Kleinasien hinüber und setzten sich schließlich nach langen Kriegszügen zu beiden Seiten des Flusses Halys auf der Hochebene Kleinasiens fest. Die neue Heimat, die sie sich hier erwarben, ist im ganzen rauh und waldarm, im Norden gebirgig, nach Süden Steppe und Salzwüste, so daß sie sich mehr für die Viehzucht als für den Ackerbau eignete. Von den Städten, die die Galater besaßen, waren die größten Ankyra (jetzt Angora), Pessinus und Tavium. Sie wurden bis zur Errichtung des römischen Kaisertums durch Augustus von einheimischen Rönigen regiert. Dann wurde aber auch bei ihnen die römische Verwaltung eingerichtet und eine Provinz Galatia geschaffen, zu der außer dem von den Galatern bewohnten Gebiet die südlich anstoßenden Gegenden: Lykaonien, Isaurien, Pisidien und der östliche Teil von Phrygien gehörten. Das macht für die Aufschrist des Galaterbriefs zwei Deutungen möglich. Im südlichen Teil der Provinz Galatien arbeitete Paulus schon während der ersten Missionsreise, als er in Antiochia, Jkonium, Lystra und Derbe die Gemeinden sammelte, Apg. 13,14-14,23. Dieselben Gemeinden besuchte er zum Beginn der zweiten Reise zum zweitenmal, Apg. 16,1-5. Gleich darauf kam er zum erstenmal in das von den keltischen Stämmen bewohnte Gebiet, als ihm sein Wunsch, in Ephesus zu predigen, vereitelt wurde und er deshalb nach Norden hin durch das ganze Kleinasien bis nach Troas wanderte, Apg. 16,6. Daß damals Gemeinden bei den Galatern entstanden, ist deshalb gewiß, weil Paulus zum Beginn der dritten Reise, obwohl er sich nach der Arbeit in Ephesus schon längst sehnte, dennoch zuerst die weite Wanderung von Antiochia über den Taurus durch das Hochland Kleinasiens unternahm, um die Gemeinden in Galatien zu stärken, Apg. 18,23. Da sich aus Gal. 4,13 und 1,6 ergibt, daß Paulus bald nach seinem zweiten Besuch in Galatien an die dortigen Christen schrieb, so wird die Zeit und der Ort des Briefs verschieden, je nachdem wir bei der Adresse an die im Süden oder an die im Norden der Provinz wohnenden Gemeinden denken. Auf der zweiten Missionsreise, wahrscheinlich in Korinth, etwa gleichzeitig mit den Thessalonicherbriesen wäre er geschrieben, wenn er nach Lystra und den benachbarten Städten ging. Ist der Brief dagegen an diejenigen Gemeinden gerichtet, die nach ihrer Nationalität Galater waren, so gehört er erst in die dritte Reise, in den Aufenthalt des Paulus in Ephesus. Dies ist deshalb die wahrscheinlichere Annahme, weil Paulus Phryger und Lykaonier schwerlich als Galater angeredet hat und weil Lukas den Namen „galatisches Land“ nie von der ganzen Provinz, sondern nur von der den Kelten gehörenden Gegend braucht. Dafür spricht auch 1 Kor. 16,1 wo Paulus daran erinnert, wie er in den Gemeinden Galatias die Sammlung für die Christen in Jerusalem eingerichtet hatte. Dies schrieb er in Ephesus, wohin er nicht aus Lystra, sondern aus den keltischen Städten gekommen war. Bei der Sendung des Kreszens nach Galatien, 2 Tim. 4,10, ist wahrscheinlich an das südliche Frankreich, nicht an das kleinasiatische Galatien zu denken.

Den Anlaß zu diesem Brief gab Paulus die Nachricht, daß Vertreter des christlichen Pharisäismus wahrscheinlich aus Palästina oder Syrien zu den Gemeinden gekommen waren, die ihnen rieten, ihren Christenstand dadurch vollkommen zu machen, daß sie sich den Ordnungen des mosaischen Gesetzes unterwarfen. Die galatischen Christen waren dazu rasch bereit, ohne wahrzunehmen, daß sie dadurch den Glauben an Jesus wegwarfen; vielmehr hofften sie, sie machten dadurch, daß sie zum Christentum noch den jüdischen Gottesdienst hinzufügten, ihren Anteil am Reich Gottes und an der Verheißung Jesu sicherer und fester als vorher. Daher macht es sich Paulus zur Aufgabe, ihnen den unverföhnlichen Gegensatz zu zeigen, der die Gnade Christi vom Gebot des Gesetzes und den auf Christus gestützten Glauben von der auf unser Werk gerichteten Zuversicht trennt. Zu diesem Zweck sprach er mit den Galatern über drei Punkte, über sein apostolisches Amt Kap. 1 u. 2, über die dem Glauben verliehene Gerechtigkeit Kap. 3 u. 4 und über die Kraft, die uns zur reinen, von der Sünde freien Führung des Lebens verhilft, Kap. 5 und 6. Über sein Amt mußte er reden, weil die christlichen Pharisäer seine Autorität angriffen und die Gemeinden von ihm abzogen. Dazu benützten sie seine Bekehrung, weil er erst spät zur Christenheit hinzugekommen war, und seinen Besuch in Jerusalem, da er dadurch selber das höhere Ansehen des Petrus anerkannt habe; wahrscheinlich wurde auch der Streit, der zwischen Petrus und ihm in Antiochia entstanden war, gegen ihn verwendet. Darum zeigt Paulus an allen drei Punkten, wie darin seine göttliche Sendung sichtbar werde. An seiner Bekehrung wird offenbar, daß Christus selber ihn in wunderbarer Weise ohne Mitwirkung der Menschen zu seinem Boten gemacht hat. Bei der Besprechung mit den Aposteln haben diese seine Sendung zu den Heiden anerkannt u. bestätigt, u. als Petrus in Antiochia schwankte, hat Paulus bewiesen, daß er nichts als die Gerechtigkeit des Glaubens begehrte, die aus seinem Anteil am Kreuz und Leben Jesu entsteht. Im zweiten Teil des Briefs, Kap. 3 u. 4, macht er den Galatern deutlich, daß die Verheißungen, mit denen man sie lockte, nichtig sind, weil sie durch das Gesetz nichts gewinnen, vielmehr alles verlieren, was ihnen von Christus durch den Glauben gegeben ist. Von ihm empfingen sie den Geist; trennen sie sich von ihm, so bleibt ihnen nur, was das Fleisch vermag. Durch ihn sind sie Abrahams Söhne und besitzen den Segen und die Verheißung; durch das Gesetz fällt dagegen auf ihre Übertretungen der göttliche Fluch und es trennt sie als Zuchtmeister von der Gemeinschaft mit dem Vater, so daß sie nicht mehr zu den freien Kindern Abrahams gehören, die aus dem Geist geboren sind, sondern zu denen, die nur nach dem Fleisch seine Kinder sind und darum in der Knechtschaft bleiben. Meinen sie aber, das Gesetz deshalb nötig zu haben, damit sie rein und richtig handeln, so vergessen sie, daß sie dazu nur das eine bringt, nämlich daß sie im Geist wandeln. Dadurch wird aus ihnen eine einträchtige Gemeinde, bei der jeder dem andern zur Erfüllung des Gesetzes Christi hilst. So macht dieser Brief in ähnlicher Weise wie der Römerbrief, nur kürzer und bewegter, sichtbar, wie Paulus den Unterschied zwischen dem Gesetzesdienst und dem Christenstand erkennbar machte u. die Vollkommenheit der Gnade Jesu pries.

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