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fürchten

Furcht, fürchten.

1) Furcht war die unmittelbare Folge der Sünde (1 Mo. 3,10), und ist seitdem die unzertrennliche Begleiterin der gottentfremdeten Menschheit: da ist immer Sorge, Furcht, fürchten, Hoffnung und zuletzt der Tod (Sir. 40,2). Gerade die Todesfurcht wirft ihre Schatten lange voraus auf das Leben der Menschen und macht sie zu Knechten (Hbr. 2,15; Ps. 55,5). Naturereignisse und eigene Gedanken (Mt. 8,26; 14,26) ängstigen das leicht verzagte Menschenherz (Jer. 17,9). Vor den Zeichen des Himmels f. sich die Heiden (Jer. 10,2), und wie viel Ursache geben sich die Menschen, daß sie sich selbst untereinander f. müssen. Doch macht mehr als der Gedanke an die Bosheit anderer Leute das eigene Gewissen uns Furcht, fürchten (1 Mo.4,14), und seine Unruhe ist der schärfste Stachel in jeder Angst (Jes. 48,22; 57,21). Darum kommt die allein wirksame Bekämpfung der Furcht, fürchten vom Himmel her, von wo so oft in der Schrift das Wort erschallt: Fürchte dich nicht! Fürchtet euch nicht! So ruft Gott selbst, wenn er den Menschen erscheint (1 Mo. 15,1); so namentlich die Engel, wo sie sich zeigen (1 Mo. 21,17; Ri. 6,23; Luk. 1,13; 2,10; Mt. 28,5 usw.), denn die himmlische Erscheinung flößt unwillkürlich dem Menschen Schrecken ein. Und aus Gottes Mund gewinnt dieses Wort eine Kraft, das Gefühl seiner Nähe kann jede Furcht, fürchten überwinden. Das bezeugen viele mutige Worte der Schrift, namentlich die Psalmen 23,4; 46,3; 118,6. Eine Art der Furcht, fürchten ist unbedingt zu bekämpfen und zu unterdrücken: die Menschenfurcht, namentl. wo sie uns vom Guten und von der Entschiedenheit für Christus abwendig machen will (Mt. 10,26. 28; Joh. 7,13; 19,38). Die größte Steigerung der Furcht, fürchten soll die Endzeit den Menschen bringen (Luk. 21,26). —

2) Sehr viel redet die Bibel, namentlich das Alte Testament., von der Furcht Gottes oder des Herrn. Sie meint damit aber nicht ein ängstliches Fliehen vor Gott, oder ein trotziges Sichabschließen von ihm. Denn so sehr der erste Eindruck Gottes auf das natürliche Menschenherz der der Angst ist, wenn dasselbe sich der Übermacht Gottes wehrlos preisgegeben fühlt, so wenig kann er dies auf dem Gebiet der Gnadenoffenbarung Gottes bleibend sein. Hier ist die Furcht, fürchten Gottes vielmehr eine freiwillige Anerkennung seiner Größe und Macht (Ps. 33,18), seiner Herrscherstellung (Mal. 1,6) und seines heiligen Willens (5 Mo. 6,2; Pr. 12,13); sie ist mit einem Wort der Gott gebührende Respekt. In diese Stellung sucht Gott selbst den Menschen ihm gegenüber zu bringen, aber keineswegs bloß durch Gericht und Strafen, sondern durch alle Erweisungen seiner königlichen Güte und seiner allmächtigen Gnade (Ps. 67,7; Jer. 5,24; Ps. 130,4). Und es kommt alles darauf an, daß der Mensch nicht erst gezwungen, sondern freiwillig diese Stellung einnehme; denn Gott kann freilich auch dazu zwingen, daß man ihn f. muß (vgl. Mi. 7,17; 2 Mo. 6,1). Wer freiwillig Gott f., der darf, eben weil er die Gott wohlgefällige Stellung einnimmt, sich auch des Wohlgefallens Gottes getrösten (Ps. 147,11) und von ihm allen Segen erwarten (Ps. 115,13; 128,4). Gott schenkt den Gottesfürchtigen sein Vertrauen (Ps. 25,14), seinen Schutz (Ps. 34,8), sein Erbarmen (Ps. 103,13). Darum sind die Gottesfürchtigen keineswegs gedrückte u. seufzende Kreaturen, sondern sie freuen sich (Ps. 119,74), sie loben den Herrn (Ps. 135,20) und hoffen auf ihn (Ps. 115,11). Vor allem aber scheuen sie sich natürlich, dem Willen Gottes entgegenzuhandeln u. seine Gebote zu übertreten (3 Mo. 19,14; Spr. 8,13). Sie bilden überhaupt unter der Menge des Volks die wahrhaft Frommen (Jes. 66,2.5; Ps. 118,4). Eine andere Seite der Gottesfurcht heben hauptsächlich die Sprichwörter hervor: sie ist auch der rechte Weg zur Weisheit und Erkenntnis (Spr. 1,7; Hi. 28,28); dies deswegen, weil die Gottesfürchtigen unter göttlicher Zucht und Leitung stehen (Ps. 25,14), und weil sie überall den Spuren der göttlichen Weisheit nachgehen (Spr. 2,1-5). Es ist selbstverständlich, daß die Gottesfurcht in diesem Sinn im Neuen Testament nicht bestritten oder aufgehoben werden kann. Sie wird ausdrücklich mehrfach erwähnt als ein Grundton auch im christl. Geistesleben, 2 Kor. 7,1; Eph. 5,21, vgl. Apg. 10,35; 1 Pe. 2,17; Offb. 14,7. Diese Gottesfurcht ist keine knechtische, sondern eine kindliche, und wird dies im Neuen Testament nur noch reiner und vollkommener. Wenn daher doch in einigen neutestamentl. Stellen der Geist der Liebe dem Geist der Furcht, fürchten entgegengestellt wird 1 Joh. 4,18; Röm. 8,15; 2 Tim. 1,7, so ist an diesen Stellen nicht die ehrerbietige Gottesfurcht des Alten Testaments gemeint, sondern die Angst des natürlichen unversöhnten Herzens vor Gott. Die Furcht, fürchten Isaaks, 1 Mo. 31,42. 54, ist = die von Isaak gefürchtete und verehrte Gottheit.

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