Warum zweifelst du?

Petrus - ein Mann geht baden
Konrad Eißler

Der Zweifel ist der Anfang vom Ende. Aber wenn jemand wie Petrus schreit: “Herr hilf mir!”, dann wird Jesus handgreiflich und streckt seine rettende Hand aus. Darum schreibt Petrus später: “Alle eure Sorgen werfet auf ihn, denn er sorgt für euch!” - Predigt aus der Stiftskirche Stuttgart


Sturm auf dem Meer, liebe Gemeinde. Wassermassen sind in Bewegung. Ein Schiff gerät in Seenot. “SOS”, so signalisiert die Bootsbesatzung. “Mann über Bord”, so informiert die Rudermannschaft. “Ich saufe ab”, so kapituliert der Wanderer zwischen zwei Wellen. Und Martin Luther kommentiert: “Petrus wäre unter das Wasser fischen gegangen und hätte keine Fische mehr auf den Markt von Bethsaida gebracht.” Ein Mann geht baden, das ist das Faktum. Und Jesus fragt ihn nicht: “Warum bist du so dumm? Von Jugend auf schipperst du über das Wasser und kennst dich hier aus wie in deiner Hosentasche. Wieso verwechselst du dann noch eine gefährliche Überfahrt mit einer fröhlichen Kahnpartie? Als alter Seebär macht man bei Windstärke 10 keine Zicken. Weshalb auf einmal der Intelligenzquotient einer Landratte? Wenn der Pott rollt und schlingert, dann hängt man sich in die Riemen und nicht über die Reling.” Aber Jesus spricht ihn nicht auf seine Dummheit an. Er fragt ihn auch nicht: “Warum gibst du so an? Deine Kameraden haben dich schon längst durchschaut. Wieso willst du den Supermann spielen? Stars sind in dieser Runde fehl am Platz. Weshalb ziehst du eine Show ab? Solches Theater kommt hier nicht an.” Aber Jesus spricht ihn nicht auf seinen Hochmut an. Er fragt ihn auch nicht: “Warum sticht dich der Hafer? Konzentration ist jetzt dran. Wieso juckt dich der Ausstieg? Draußen ist die Überlebenschance gleich Null. Weshalb spielst du mit dem Tod? Das Meer hat keine Balken.” Aber Jesus spricht ihn nicht auf seinen Übermut an. Er fragt: Warum zweifelst du? Wieso schwankst du? Weshalb bist du unsicher? Zweifel ist der Grund der Katastrophe. Nicht die Dummheit, nicht der Hochmut, nicht der Übermut drücken den Mann unters Wasser. Der Zweifel hat solch böse Konsequenzen. Der Zweifel ist der Anfang vom Ende.

Und wenn Sie kein kalter Skeptiker sind, der die Frage nach Gott nur mit einem müden Lächeln auf den Lippen beantwortet, und wenn Sie kein sturer Praktiker sind, der seine ungelösten Fragen als willkommenen Vorwand fürs Nichtglauben benutzt, wenn Sie dagegen ein innerlich Verwundeter sind, dem die Zweifel immer wieder die Seele zerreißen, dann sind Sie hier angesprochen. Und wenn Sie kein unverbesserlicher Optimist sind, der hinter jedem Dezember wieder einen Mai wittert, und wenn Sie kein hoffnungsloser Pessimist sind, der nur mit seinen Depressionen kämpft, wenn Sie dagegen ein nüchterner Realist sind, dem über dem grausigen Weltgeschehen in Sachen Gotteswirklichkeit die Zweifel befallen, dann sind Sie gemeint. Und wenn Sie kein weltferner Träumer sind, der über den Wolken schwebt, und wenn Sie kein religiöser Schwärmer sind, der sich seine Illusionen ausspinnt, wenn Sie dagegen ein normal Denkender sind, den die Lebensereignisse in tiefe Zweifel stürzen, dann sind Sie gefragt: Warum zweifelst du? Dieser Frage müssen wir nachgehen und zurückfragen: Wen fragt er, warum fragt er, wozu fragt er?

1. Wen fragt er?

Das ist die Frage nach der Voraussetzung des Zweifels. Jesus fragt nicht den Herodes, der den Täufer Johannes im Zorn inhaftierte und im Geburtstagstaumel exekutierte. Für den lag alle Macht beim römischen Staat. Dieser Machthaber bezweifelte alle Machtansprüche eines andern. Jesus fragt nicht den Pilatus, der zwischen der Meinung des Pöbels, den Ratschlägen seiner Frau und der Stimme seines Gewissens hin- und hergeworfen wurde. Für den lag die Wahrheit im Nebel, jeder Wahrheitssucher ist von Zweifeln gequält. Jesus fragt nicht den Kaiphas, der als Hohepriester seine Messiaserwartung mit diesem Wanderprediger nicht in Einklang bringen konnte. Für den lag die Religion fest. Jeder Kirchenmann hat bei neuen Lehren seine Zweifel. Jesus fragt den Petrus, der um dieses Herrn willen seinen Beruf an den Nagel hängte und allen Verwandten Adieu sagte. Petrus, der sich zum Sprecher der Getreusten machte und das Christusbekenntnis formulierte. Petrus, der zum Kämpfer wurde und einen ganzen Einsatz wagte. Ja Petrus, der nicht nur den Mut des Glaubens aufbrachte, sondern auch das Wagnis des Glaubens einging, indem er auf einen Befehl Jesu hin die sicheren Planken des Schiffes verließ, um über den Abgrund des Meeres hinweg seinem Herrn entgegenzugehen, und ganz nahe bei ihm zu sein. Diesen wagenden Petrus und nicht den gottlosen Machthaber meint Jesus. Diesen mutigen Petrus und nicht den großen Wahrheitssucher sieht Jesus. Diesen glaubenden Petrus und nicht diesen religiösen Kirchenoberen fragt Jesus: Warum zweifelst du? Der Zweifel hat es also ursächlich mit dem Glauben zu tun. Nicht irgendeinem Glauben wie Goethe in seinem Lebensbericht “Dichtung und Wahrheit” einmal meinte: beim Glauben komme alles darauf an, dass man glaube, was man glaube, sei völlig gleichgültig. Glaube ist dann noch ein Potpourri netter Gedanken und irrer Vorstellungen. Dieser Satz “Hauptsache Glaube, gleichgültig an wen?” ist trotz Goethe genauso töricht und einfältig wie der andere Satz: “Hauptsache verheiratet, gleichgültig mit wem!” Glaube ist Vertrauen zu einem Gott, der sich in der Person Jesus Christus uns bekanntgemacht und uns gesagt hat: Niemand wird sie aus meiner Hand reißen. Dieser Glaube ist der Nährboden des Zweifels, der immer wieder heimlich und gefährlich in uns aufsteigt. Vielleicht geschieht es bei Ihnen dann, wenn Sie in die Welt schauen: Krieg, Terror, Geiselnahme, Hungersnöte, Erdbeben. Stimmt’s denn, dass es eine letzte Gerechtigkeit gibt, die sich einmal durchsetzen wird, oder ist doch nicht der ganze Welthintergrund zu einem undurchforschlichen Schicksal geworden? Vielleicht geschieht es bei Ihnen dann, wenn Sie in Ihr Leben schauen: Abschied, Schmerz, Sehnsucht, Krankheit, Angst: stimmt’s denn, dass eine große Liebe waltet, die es nur gut mit mir meint, oder bin ich doch nicht vom Hass des Bösen gebeutelt? Vielleicht geschieht es bei Ihnen dann, wenn Sie in die Bibel schauen: Ungereimtheiten, Rätselworte, Wundergeschichten, Rachepsalmen. Stimmt’s denn, dass hier Gottes Wort vorliegt, das mich heute anspricht und doch nicht Menschenwort aus uralten Zeiten? Verstehen Sie, Glaube und Zweifel gehören eng zusammen. Der Zweifel ist aus dem Glauben geboren. Der Glaube ist die Voraussetzung des Zweifels. Deshalb ist Petrus von Jesus gefragt. Und das Zweite:

2. Warum fragt er?

Das ist die Frage nach dem Grund des Zweifels. Jesus fragt nicht das Meer, das den Jünger sinken ließ: “Du ungestümes Meer, warum bist du so wild und lässt meinen Mann von der Bildfläche verschwinden?” Meere sind aus der Schöpfermacht Gottes nicht ausgeklammert. Jesus fragt nicht den Sturm, der den Jünger von den Beinen holt. “Du böser Wind, warum bläst du so stark und haust meinen Mann um?” Stürme können doch Gott nicht ins Gesicht blasen. Jesus fragt nicht die Nacht, die die Szene verfinstert: “Du grässliche Dunkelheit, warum machst du alles rabenschwarz und gibst meinem Mann keinen Lichtblick? Auch Nächte haben Gott zu dienen. Jesus fragt den Petrus: Warum zweifelst du? Meere und Stürme und Nächte haben keine Schuld. Luther sagt: “Sie tun nur das, was ihre Art und Weise ist.” Wir können nie alle möglichen Umstände für unsere Misere verantwortlich machen. Der Grund des Zweifels liegt nicht außerhalb, sondern innerhalb des Jüngers, bei Petrus liegt der Schaden. In ihm hat sich etwas geändert. Aber was?

Wir müssen uns die ganze Episode noch einmal vergegenwärtigen: Eben ist das Wüstenpicknick zu Ende gegangen, bei dem 5000 Leute mit 5 Fischbrötchen satt geworden sind. Die Masse ist außer sich. Nicht nur ein freundlicher Brötchengeber, sondern ein strahlender Brotmacher, das ist unser Mann! Das ist unser Held! Das ist unser König! Einer, der mit Gratisbrot alle satt macht, ist der Allergrößte. Die von Tausenden getragene Begeisterungswelle flutet auf Jesus zu und trägt ihn nicht hoch, sondern zerschellt an ihm: Alsbald trieb Jesus seine Jünger, dass sie in das Schiff traten und hinüberfuhren.” Und Petrus sieht nicht die Claqueure, die einen Riesengag beklatschen, er sieht nicht die Fans, die einen Brotkönig hochjubeln, er sieht nur Jesus, der kein Wirtschaftswundermann sein will, er sieht nur Jesus, der mehr als Kalorien geben will, er sieht nur Jesus allein und folgt ihm. Dann fährt das Boot übers Wasser. Bis zur Mitte des Sees geht alles glatt, aber auf einmal bricht die Hölle los. Sturmwolken verfinstern den Sternenhimmel. Böen wühlen die See auf. Brecher schlagen über Bord. Jeden Augenblick kann das Boot kentern. Mitten in diesem Tohuwabohu taucht am Horizont noch eine lichtvolle Gestalt auf, die den Ruderern einen weiteren Schreck versetzt. Ein Gespenst! schreien sie und brüllen vor Furcht. Und Petrus sieht nicht die Kumpels, die die Nerven verlieren, er sieht nicht ein Gespenst, das auf dem Wasser tanzt, er sieht nur Jesus, der auch in Sturmnächten seinen Leuten ganz nahe ist, er sieht nur Jesus, der überall seine Stege bauen kann, er sieht nur Jesus allein und folgt ihm. Dann geht er über die Wellen. Einen Fuß setzt er hinter den andern. Das Wasser trägt ihn. Ist das die Möglichkeit? Sein Blick geht hinab, weil die Wellen höher werden. Sein Blick geht hinauf, weil die Wolken dunkler werden. Sein Blick geht hinüber, weil die Böen stärker werden, und im selben Augenblick geht Petrus ab. Er sieht Jesus und das Wasser, Jesus und das Wetter, Jesus und den Wind, er sieht nicht mehr Jesus allein. Das ist der Grund des Zweifels. Zweifler sind gespaltene Menschen. Zweifler sehen in zwei Richtungen. Zweifler haben den doppelten Blick. Wer Jesus sieht, dem alle Macht gegeben ist und die Mächte, die uns Angst machen, der ist ein Zweifler, wer Jesus sieht, der die Krankheit heilt und die Krankheit, die unheilbar ist, der zweifelt. Wer Jesus sieht, der den Tod überwunden hat und den Tod, der alles zerstört, der ist verzweifelt. Verstehen Sie, Gespaltenheit und Zweifel gehören zusammen. Der Zweifel kommt aus der doppelten Sicht. Die Doppelsichtigkeit ist der Grund des Zweifels. Deshalb ist Petrus von Jesus gefragt. Und das Letzte:

3. Wozu fragt er?

Das ist die Frage nach der Überwindung des Zweifels. Petrus hätte sich beim Absacken an seine Schwimmkunst erinnern können. An anderer Stelle wird von ihm berichtet, dass er sich auf hoher See beim Fischfang kurzerhand ins Wasser warf und zurück ans Ufer geschwommen ist. Er hatte Mumm in den Knochen und Energie in den Muskeln. Aber hier ist nicht seine Kraft gefragt. Petrus hätte sich beim Untergehen an seine Furchtlosigkeit erinnern können. Im Passionsbericht lesen wir, dass er allein gegen römische Legionäre antrat und sein Schwert zog. Ein alter Haudegen gibt sich nicht so schnell geschlagen. Aber hier ist nicht sein Mut gefragt. Petrus hätte sich beim Wasserschlucken an seine Kameraden erinnern können. In den Evangelien hören wir von diesem verschworenen Zwölferteam. So schnell lassen sie ihren Wortführer nicht ertrinken. Aber hier ist nicht seine Kameradschaft gefragt. Petrus ruft: Herr hilf mir! Petrus kennt den richtigen Namen. Petrus betet. Im Gebet hängt er sich wieder allein an Jesus. Durch das Gebet verändert sich die Situation. Mit dem Gebet wird der Zweifel überwunden.

Liebe Freunde, manche haben auch einmal den Ruf dieses Herrn gehört und sind in Treue ihm gefolgt. Manche haben auch einmal die Planken der Vernunft verlassen und sind im Glauben diesem Herrn entgegengegangen. Manche haben auch die ersten Schritte über das Wasser gewagt und sind im Vertrauen über Abgründe geschritten. Und plötzlich sehen sie nur noch ein Meer von Blut und Tränen. Ein Sturm von Kälte und Tod bläst ihnen entgegen. Eine Wolkenbank hüllt alles ins Dunkel. Der Boden schwankt unter den Füßen. Das Wasser geht bis zum Hals. Die Angst ist ins Gesicht geschrieben. Trauen Sie jetzt nicht Ihren Kräften. Bauen Sie jetzt nicht auf Ihren Mut. Verlassen Sie sich jetzt nicht auf Menschen. Beten Sie, rufen Sie, schreien Sie: Herr hilf mir! Und Jesus will wie damals seine rettende Hand ausstrecken und uns vor dem Untergang bewahren. In seinem Wort wird er handgreiflich. Wer es hört, ist in den Rettergriff Gottes geraten. Petrus klettert zurück ins Boot. Auf der Ruderbank nimmt er wieder Platz. Kräftig legt sich ins Zeug. Erst viel später hat er die Erfahrung dieser Stunde schriftlich niedergelegt: “Alle eure Sorgen werfet auf ihn, denn er sorgt für euch!” Das ist wahr, wirklich wahr, warum zweifelst du?

Amen